„Wenn ich das hier überlebe …“ - Rennsteig Supermarathon 2008

Normalerweise schlafe ich vor jedem meiner Läufe tief und erholsam und gleite auch rasch hinüber ins Traumland. In dieser Nacht war das nicht so. Könntest du um zehn Uhr abends einschlafen, noch nicht wirklich müde, mit dem Gedanken um 2:45 Uhr wieder aufstehen und eiligst das bereit gestellte Frühstück runterwürgen zu müssen, damit du pünktlich um 3:30 Uhr den Läuferbus nach Eisenach erwischst? Wenn du außerdem die Hosen vor einem 72,7 Km-Lauf mit 1400 Höhenmetern gestrichen voll hast und ständig Bedenken wälzt, ob das deinen weiteren Plänen nicht letztlich den Todesstoß versetzen wird? Wenn dir glasklar vor Augen steht, wie schmal der Grat zwischen hartem, erfolgreichem Training und Überforderung manchmal sein kann und du nie exakt weißt, ob nicht der nächste Lauf geradewegs ins „Verderben“ führt?

An Mitternacht kann nicht mehr viel gefehlt haben, als ich in unruhigen Schlummer fiel. Dreimal musste ich raus, stand dabei jeweils schweißgebadet auf. Und um 2:45 Uhr, als mich die Geister der Nacht endlich davon trugen, haut mir einer mit dem Hammer auf den Kopf. Mechanischer kann kein Roboter handeln, unbeseelter auch nicht: Hab alles am Abend durchdacht und so hingelegt, dass ich nix vergessen kann. Nach höchstens zehn Minuten sehe ich aus wie ein Läufer - frag nicht wie ich mich fühle … Wieso ich mir beim Schneiden der Frühstücksbrötchen nicht die Hand abgeschnitten hab, weiß ich bis heute nicht (Es gibt Wirte, die stellen dir für nachts um 3 Uhr ein Frühstück hin!). Ebenso wenig, wie ich aus dem Straßenlabyrinth von „Stützerbach“, einem Nachbarort von „Schmiedefeld“, raus gefunden hab. Wer denkt, in so einem winzigen Kaff könne man sich nicht verfahren, dem verschaffe ich gerne Aufklärung. Auf den allerletzten Drücker - jedenfalls was die Uhrzeit angeht, sicher fuhr auch etwas später noch ein Bus - erreiche ich „Schmiedefeld“ und hab das Glück auf dem kleinsten und zentralsten aller Parkplätze den allerallerallerletzten Platz zu ergattern. Dazu muss ich die Karre in unmöglichem Winkel rückwärts reinzirkeln. Unglaublich, aber die Schlafmütze hat das ohne anzuecken hingekriegt - Zentimeterarbeit nachts um halb vier.

Dann steige ich in den „Bus des Schweigens“ zu vierzig, fünfzig anderen „Untoten“ und sinke aufatmend in den vorletzten freien Sitz. Mein stummes Stoßgebet „Hoffentlich hab ich Schussel nicht doch irgendwas vergessen!?“ durchbricht eine bekannte Stimme: „Hallo Udo!“ Stefan sitzt - der Zufall ist wirklich verrückt nach solchen Begebenheiten - im selben Bus zwei, drei Reihen weiter hinten. Ein paar Sätze, dann will ich einfach nur noch meine Ruhe. Licht aus, Motor an, Abfahrt. - Schemenhaft huschen Bäume vorbei, tausend, zehntausend, hunderttausend, Thüringer Wald bei Nacht. Von Zeit zu Zeit entringt sich dem Mann neben mir ein Zwischending von Stöhnen und Seufzen. Oh Erbarmungswürdiger, ich hab zwar keinen Bock mich mit dir zu unterhalten, aber wie gut ich dich verstehe! Ab und zu ein Dorf, teilweise sogar mit Namen die ich kenne, dann wieder Wald, Wald, Wald … ah … und selbstredend Kurven, endlos viele Kurven. Schlafen? Vergiss es. Dösen? Ok, das geht. Auf der anderen Busseite, selbe Reihe, sitzt ein Begnadeter. Der Kerl schnarcht! Wie kann man unter diesen Umständen schlafen?

Alles an und in mir ist in Unordnung, ich stehe sprichwörtlich vollkommen neben mir. - Du möchtest noch wissen, wieso ich die Hosen voll hab? Du glaubst, einen der 12 Marathons in diesem Jahr quasi in Folge lief und auch „Biel by Night“ überlebt hat, könne nichts mehr erschüttern? Das ist alles Schnee von gestern und vorgestern! Jeder neue Kilometer will gelaufen sein, vor jeder Veranstaltung herrschen andere Bedingungen und wenn du erst mal unterwegs bist ohnehin. Es lief bisher leider nur mittelprächtig. Verletzungen und Erkrankungen warfen mich immer wieder zurück. Selten stellte sich das Gefühl ein, die jeweils nötige und mögliche Trainingseinheit genau zu treffen. Letztes Jahr vor Biel war das ganz anders. Und deswegen ist meine Unsicherheit riesig: Sind diese 72,7 Km eventuell zu lang? Kommt der „Rennsteig“ für mich zu früh? Vertrage ich so viele Höhenmeter? Halten meine Knochen vor allem die vielen Gefälleabschnitte aus? War es klug vor drei Tagen noch einen langen Kanten von 32 Km mit Profil zu laufen, einen Tag davor heftige 20 Km flach??? - Dann hockst du zur Unstunde in diesem Bus und versuchst dem bohrenden Selbstzweifler mit Zweckoptimismus den Mund zu stopfen. Und doch weißt du eines ganz gewiss: Erst bei Kilometer 72,7 - vielleicht erst am Tag danach - wirst du eine gültige Antwort bekommen!

Unsicherheit zeugt Angst, Angst erzwingt Vorsicht, Vorsicht bewahrt vor Schaden - also: Extrem langsam anlaufen, einfühlen in die Anforderungen, langsam weiter laufen, von keiner Stimmung zu Tempoexperimenten verführen lassen! Alles laufend bewältigen, egal wie steil es wird und ankommen. So sieht meine Marschroute aus. Der Supermarathon am Rennsteig dient mir als Trainingslauf - nicht mehr und nicht weniger, so anspruchsvoll er auch sein mag. Ich gebe mir keine Zielzeit vor! Ergebnislisten kenne ich nicht, hab also auch keine Vorstellung davon, wie lange es dauern wird. Ganz sicher mehr als sieben Stunden, bei solcher Streckenlänge, den Höhenmetern, dem teilweisen Crosscharakter und meiner unvollständigen Erholung. Mehr will ich gar nicht wissen …

4:50 Uhr: Ankunft auf dem Marktplatz in Eisenach. Ich lasse mich von Stefan führen, der war letztes Jahr schon hier. Startnummer erhalten, Klamottenbeutel auch, jetzt im Vorraum noch das Finisher Shirt abholen (‚Was, wenn ich nicht ankomme? Dann kann ich das Ding „verbrennen“! Würd’ ich doch im Leben nicht anziehen!’). - Weibliche Stimme von hinten: „Steht ihr hier an?“ - Was sollten wir wohl sonst früh um fünf in dieser Warteschlange tun? Stefan antwortet und das ist gut so. Der ist sicher wach und auch besser gelaunt. So und nun quer über den Platz zur nächsten, glücklicherweise ebenso kurzen Warteschlange. Hier staut es sich vor einem bei Läufern nicht sonderlich beliebten Ort - du weißt schon - vor dreien dieser mannshohen Plastikkäfige.

Es ist einfach zu früh. Um fünf Uhr morgens funktioniert noch gar nix in mir. Egal. Da oben im Thüringer Wald gibt’s Millionen Bäume und in der Gesäßtasche meiner Kurztight hab ich vorgesorgt. - Stefan redet, ich höre zu. „Wenn du gerne allein wärst, dann sag es nur …“ meint er dann, deutet meine Teilnahmslosigkeit als Ablehnung. Aber Zuhören ist ganz in Ordnung, nur Reden mag ich nicht so gerne. Ab ins Zelt für letzte Vorbereitungen: Startnummer anheften, Armbanduhr gegen Forerunner tauschen (Noch nicht einschalten, Akkusaft sparen, wer weiß wie lang der Lauf wird!). Werde ich im Trägershirt frieren? Stefan musste mich gar nicht erst fragen, ich denke seit der Ankunft in Eisenach auf dem Bekleidungsproblem herum. Es ist fast windstill, ziemlich kalt natürlich noch, aber keine fünf Minuten nach dem Start beginnt ein Daueranstieg. Die Argumente für ein leichtes Oberteil überwiegen, es bleibt beim Singlet. Oder bin ich einfach nur zu verschlafen und stur, um meine Entscheidung zu revidieren?

5:45h: ‚Schau, dass du fertig wirst!’ Sitz der Strümpfe überprüfen, Schuhe mit Doppelknoten binden, ein letzter Ausrüstungscheck, Jacke aus, „Plastikkondom“ überstreifen. Stefan ist schon raus, zum „Akklimatisieren“ meinte er, und ward’ einstweilen nicht mehr gesehen. 5:52h: Also los Gepäckbeutel abgeben! Ich schlendere zu den postgelben Lkw und aktiviere beiläufig den Forerunner. Nichts rührt sich im Display. ‚Knopf tief und lange genug drücken!’ Wieder bleibt die Anzeige leer. ‚Was’n das? Hab ich den falschen Knopf gedrückt?’ - Nein, das ist der Richtige und ich kann drücken wie ich will, der Forerunner bleibt „mausetot“! ‚Vielleicht ein interner Wackelkontakt?’ ich klatsche das Ding ein paar Mal heftig in meine Handfläche. Nichts! Kaputt!? 5:55h: Was jetzt? Fieberhaft nestele ich den Beutel noch mal auf und „fische“ die Armbanduhr heraus. Einigermaßen geladen stopfe ich das Mistding „FR 305“ in den Beutel, knüpfe ihn eilig zu und übergebe ihn dem Mann auf der Ladefläche. ‚Das geht ja gut los heute!’ Man muss nicht abergläubisch sein, um diese Technikschlappe als böses Omen zu verstehen. Wie dilettantisch ich mir unter all den Ultras mit meiner quietschnormalen Armbanduhr vorkomme. Wie der allerletzte Anfänger! ‚Ach vergiss es, mehr als eine ungefähre Zeitvorstellung ist heut’ nicht gefragt. Dafür reicht die Armbanduhr!’ - Dann stehe ich im Läuferpulk, ziemlich weit hinten. ‚Wie viele sind das?’ Keine Ahnung, fast der ganze Eisenacher Marktplatz steht voller Läufer. Hinter den Häusern schimmert Morgenrot, taucht die Welt in geheimnisvolles Licht. 5:58h: Sehnsüchtig schiele ich in Richtung Mobiltoiletten. Tatsächlich erwäge ich über die Matten der Zeitmessung zu laufen und unmittelbar danach eine „Hausbesetzung“ vorzunehmen. Aber ich verwerfe den abstrusen Gedanken, nehme mir vor es bei erstbester Gelegenheit hinter Bäumen zu erledigen …

Startschuss! Läuferapplaus, nicht so viel wie sonst, Läuferjubel, auch nicht so laut wie üblich. Man bedenke Uhrzeit und Wochentag. Die meisten von 80 Millionen Deutschen schlafen noch. Und wir betreiben schon Ausdauersport, jedenfalls sobald wir durchs Nadelöhr - man nennt es auch Starttor - „geflutscht“ sind. Vom unbekannten Eisenach bekomme ich nicht viel zu sehen. Ein Stück Fußgängerzone (?), ein weiterer hübscher Platz begrenzt von Nikolaikirche und Nikolaitor. Immerhin so attraktiv, dass ich mich kurz nacheinander zu zwei Fotostopps hinreißen lasse. Nein, ich bin noch nicht wach, mein Schnappschuss-Instinkt zwingt mich einfach dazu (Vergleichbar mit dem automatischen Hochziehen der Bettdecke, wenn man im Halbschlaf friert …). Hinter dem Nikolaitor droht mir nach weniger als Halbminutenfrist das Ende des Dämmerzustandes, der Anstieg in den Thüringer Wald beginnt. Zunächst gibt er sich eher harmlos, als breiter, schon im Wald verlaufender Weg. Über zwei, drei Serpentinen gewinnen wir an Höhe. Hier könnte ich nicht überziehen, selbst wenn ich wollte, so dicht gestaffelt trabt das Feld. Teilnahmslos, ohne jeden Ehrgeiz, tippele ich sanft aufwärts dahin und warte auf Veränderungen - innere wie äußere. Äußere? Ausreichend Platz, um einen sinnvollen Laufrhythmus zu finden. Innere? Wie drücke ich das richtig aus? Noch bin ich nicht eins mit dem was hier geschieht, habe keine rechte Einstellung zu meinem Tun. Betrachte den Vorgang mit Distanz, ähnlich den Leuten in jenem Hubschrauber, der seit dem Startschuss über uns kreist. Ich sehe, wie sich der dicke „Lindwurm“ durch das Halbdunkel grünen Laubwaldes windet, empfinde mich aber noch nicht als Teil davon.

Manche Reflexe funktionieren scheinbar doch schon: So wundere ich mich über jene, die bereits in den ersten Minuten kaum nennenswerten Anstieges gehen und alle anderen zu Ausweichmanövern zwingen. Was soll das werden? Bis zum „Großen Inselsberg“ geht’s fast nur aufwärts. Wollen die jetzt 25 Kilometer weit gehen?

Bisweilen erlauben Lücken im Blätterdach des Hanges Blicke nach Osten. Nebelschwaden wabern über die tiefer gelegene Landschaft, scheinen sich gen Himmel in Wolken zu verwandeln oder mit ihnen zu verschmelzen. Die verschleierte, aber größtenteils klar abgrenzte Scheibe der Sonne verbreitet ein wenig Wetteroptimismus, entkräftet die Vorhersage von Regen. - Stau im Wald, der bunte Zug kommt zum Stehen. Eine Engstelle kann die Flut nicht bewältigen. Nach einigen Sekunden trabe ich wieder an, erreiche nach und nach das vormalige Tempo. Aus dem Wald- wird ein Wiesenweg und erstmals gilt es Pfützen oder schlüpfrigen Stellen auszuweichen. Nach den starken Regenfällen der letzten Tage habe ich mich für die Crossschuhe entschieden, auch wenn sie sich etwas weniger bequem anfühlen als meine restlichen „Pantoffel“. Ultra-tauglich sind sie in jedem Fall, beim 50 Km-Knochenjob letztes Jahr im Westerwald haben sie mich prächtig unterstützt. - Ein einsamer Spaziergänger wird Zeuge des Laufspektakels. Manchmal möchte ich Gedanken lesen können … - Wieder im Wald und drei Kilometer gelaufen. „Wir sind schon fast 21 Minuten unterwegs!“ informiert eine Läuferin hinter mir ihre Nachbarin. Dabei klingt ihre Stimme ein wenig erstaunt. Dem Erstaunen mag ich mich nicht anschließen, immerhin „zuckeln“ wir seit Ortsrand Eisenach schneckengleich dahin. Freies, schnelleres Laufen ist nach wie vor nicht, Überholen nur selten möglich.

Fakire laufen über glühende Kohlen oder durch Glasscherben und überstehen diese bestaunten Übungen unverletzt. Dergleichen „riss mich nie ernstlich vom Hocker“, weil an solcherlei Übung angepasste Gauklerfüße diesen Zustand nur Sekunden zu ertragen hatten. Aber was ich hier sehe sprengt meine Vorstellungskraft und grenzt an Selbstverstümmelung: Ein Barfußläufer! Im Gelände mag die Dämpfung der Laufschuhe verzichtbar sein und trainierte Hornhaut schützt sicher auch vor groben Böden. Aber was ist mit perlen- bis faustgroßen Steinen die schon diesen Abschnitt als nicht eben idealen Untergrund ausweisen? Und so gleicht sein Vorwärtskommen auch eher einem Veitstanz, mit dem er gröbsten Unebenheiten auszuweichen versucht. Er erinnert mich an einen Schwimmer, den, soeben dem Wasser entstiegen, grobe Kiesel storchengleich zu seinem Badelaken stelzen lassen. Im Nachhinein erscheint es mir fast ausgeschlossen, dass der „Verrückte“ diese Strecke auf blanken Füßen absolvierte (Hat er?).

„Endorphinjunkies“ nennen sie sich, aus Dortmund kommen sie - so liest man es auf ihrem Rücken. Drei, vier, laufen nebeneinander, plaudern frohgemut und verstopfen den Weg. Will vorbei und kann nicht; warte ein paar Meter, sehe eine Chance, beschleunige, ziehe im tieferen Boden des Randstreifens vorbei; geschafft und endlich ein paar Meter Platz zum Laufen. - „Udo? Bist du Udo?“ werde ich von einem der „Junkies“ identifiziert. Er kennt mich aus dem Forum. Klar, woher auch sonst, zur laufenden Berühmtheit werde ich kaum je aufsteigen. Er wundert sich über mein mäßiges Tempo: „Du wirst dich doch damit nicht zufrieden geben?“ Also erkläre ich mit ein paar Sätzen, weshalb ich froh bin, das Ziel heute überhaupt laufend zu erreichen.

Die endorphinschwangeren Läufer bleiben zurück, ebenso die Kilometer fünf und sechs. Laubwald dominiert, Buchen vor allem. Jüngere Bestände mit dichter Belaubung in Bodennähe wechseln mit Hochwald, dessen Blätterdach einen grünen Dom über uns spannt. Nur selten öffnet sich eine Schneise, gestattet Fernblicke über angrenzende Höhen oder in die Niederung. „Udo? Bist du Udo?“ fragt mich die nächste männliche Stimme. Schon wieder erwischt! Er wohnt ganz in meiner Nähe und stöbert häufiger auf unserer Internetseite. Wieder erläutere ich mein diesjähriges Ziel, nenne ihm auch die harten Prüfungen der nächsten beiden Wochenenden, den Marathon-Doppelpack „Mannheim-Heilbronn“ und eine Woche später eventuell einen 12h-Lauf. „Wenn ich das hier überlebe …“ füge ich spontan und für mich selbst überraschend an. Normalerweise klopfe ich keine solchen Sprüche … Auch ihn lasse ich nach ein paar Minuten zurück, falle in einen etwas schnelleren Schritt, mit dem ich hoffentlich diesen Lauf unbeschadet überstehe.

Immer wieder stelle ich mich an den Wegrand für Fotos. Verwacklungsfreies kann in der Bewegung nicht gelingen. Der bedeckte, morgendliche Himmel spendet wenig Helligkeit, von der der Wald obendrein einige Lux verschlingt. Seit Kilometer 7,4 haben wir den Rennsteig tatsächlich unter den Füßen. Einstweilen präsentiert er sich als breiter, relativ ebener Waldweg, ideal zum Laufen. Die mit feinem, rotem Schotter befestigte Oberfläche wirft die Frage auf, ob Crossschuhe wirklich nötig sind. Das weiße „R“ für „Rennsteig“ an Bäumen und auf Schildern weist von nun an den Weg. - Kilometer 9: Erste Regenspritzer treffen Schultern und Arme. Nur fein und selten, erhalten sie mir die Illusion von den Blättern perlender Tautropfen noch für ein paar Minuten. Ein Blick in mutmaßliche Laufrichtung verheißt jedoch nichts Gutes. Blauschwarz drohend steht dort eine Wolkenmauer über den Baumspitzen. ‚Vielleicht bleibt es ja doch trocken!’ mache ich mir Mut.

Leichter Regen hat eingesetzt. ‚Ok dann regnet es eben. Ist doch egal ob ich schweiß- oder regennass laufe!’ ersetzt Trotz die Hoffnung. - „Udo? Bist du Udo?“ erhebt sich eine weibliche Stimme. Sie gehört der Läuferin, die ich gerade überholte. Auch sie kennt mein Konterfei aus dem Forum und zum dritten Mal „lege ich meine Karten auf den Tisch“. Auch bei ihr endet meine Rede mit der Aufzählung kurzfristiger Vorhaben und - nun schon nicht mehr spontan - mit dem Satz „Wenn ich das hier überlebe …“. Bestimmt hält auch sie das für einen Versuch witzig zu sein. Galgenhumor angesichts des noch bevorstehenden Weges zum „Berg Golghata“. Zum Teil ist das auch so gemeint. Das Körnchen Wahrheit darin wird dem Leser dieses Laufberichtes allerdings nicht verborgen geblieben sein … Eine etwas heftigere Steigung macht sie kurzatmiger, die Unterhaltung strengt unnötig an. Genau der richtige Zeitpunkt sich mit guten Wünschen zu verabschieden - 10 Km sind geschafft. Auf zehn Kilometern dreimal erkannt und angesprochen, das ist mir auch noch nicht passiert …

Jetzt regnet es heftiger. Meine vordringliche Sorge gilt der Kamera, die ich zum ersten Mal in ihrer Tasche verstaue. Die Haare sind im Nu durchnässt, die „Scheibenwischerzeit“ beginnt. Beinahe jede Minute wische ich mir die Brühe von Stirn und Augenbrauen, um späteres Augenbrennen durch ausgeschwitztes Salz zu verhindern. Minuten, dann beginnt der begossene Pudel an Armen und Schultern zu frieren. Geradezu dankbar begegne ich jeder Steigung, weil die vermehrte Anstrengung eben auch mehr Wärme von innen bedeutet. Mein Stimmungsbarometer fällt rapide. Schade, gerade fing die Sache an mir Spaß zu machen.

Dreißig Meter voraus huscht mein Trikot von rechts aus dem Wald und reiht sich in die Läuferschlange ein. Ich glaube zu wissen, wer da in meinen Vereinsfarben auf denselben Pfaden wandelt. Wir lernten uns bei der letzten Versammlung kennen und ich entsinne mich, dass er den Rennsteig in seiner Laufplanung hatte. Die Distanz zwischen uns vergrößert sich, also muss ich die Begrüßung vertagen. - Im Kern meines Wesens eigentlich kein Jammerlappen, schwanke ich zwischenzeitlich doch zwischen Selbstmitleid und bohrenden Selbstvorwürfen: ‚Wenn ich doch wenigstens das Kurzarmshirt noch drunter angezogen hätte!’ Sobald der Wald ein wenig zurück weicht, oder eine Schneise Gelegenheit bietet, wehen heftige Windstöße quer zur Laufrichtung und ich friere erbärmlich. ‚Was, wenn das jetzt die verbleibenden 60 Kilometer so weiter geht?’

Bei Kilometer 12,6 kommt eine Getränkestelle in Sicht. Ich greife mir zwei Becher Cola und ein Stück Banane. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nur Wasser zu trinken, habe ich mich heute für ein üppiges Ernährungsprogramm entschlossen. So viele Kohlenhydrate wie möglich müssen rein! Auch diese Absicht dokumentiert meinen Respekt vor der Strecke. Das Risiko auf den letzten Kilometern einzubrechen scheint mir real. Nebenbei kann ich auch die Reaktion meines Magen-Darm-Traktes auf große Mengen flüssiger und fester Nahrung testen. - Thema Darmtrakt: Der Unterleib fühlt sich nicht so toll an, aber so lange er mich nicht in die Büsche zwingt … freiwillig geh’ ich nicht.

Kilometer 20: Es hat aufgehört zu regnen, die Zuversicht kehrt zurück, die Kamera auch. Auf einem Plateau mit Fernblick folge ich dem Beispiel eines Mitläufers und richte das Objektiv auf die düsteren, nebligen Niederungen im Westen. Trotz Kälte und „Begossener-Pudel-Gefühl“ eine schöne Ansicht. - Steinchen im Schuh. Die ersten ignoriere ich noch, unter der Ferse stören sie kaum. Dann klemmt einer zwischen Fersenbein und Schuh, reibt tückisch. Ungemein lästig: Stehen bleiben, Schnürung aufnesteln, ausziehen, Schuh ausschütten, reinschlüpfen, neu schnüren, weiter laufen. Eine Minute, dann hat mich der gute Sitz des frisch geschnürten Schuhs davon überzeugt, dass der andere zu locker sitzt. Im Flachen wär’s egal, aber hier stehen mir noch viele Bergabpassagen bevor, die die Zehen ramponieren könnten. Also noch mal stehen bleiben, Schnürung korrigieren und weiter …

Nach dem Ende des Regens kehrte das Wärmegefühl rasch in Arme und Beine zurück. Jetzt kämpfe ich mich den bisher steilsten Streckenteil nach oben und brauche mir über die Kälte keine Gedanken mehr zu machen. Wieder klebt ein dicker Wasserfilm auf der Haut, tropft es von der Stirn. Nur kommt die Nässe diesmal ausschließlich von innen. Laaangsam, in Schlangenlinien tippelnd, überhole ich Läufer um Läuferin. Fast die gesamte Konkurrenz geht! Blut wirbelt durch den Körper, ein Sammelsurium von Fragen und Empfindungen durch den Kopf: Sind die nur vorsichtig oder wissen sie einfach wie hart es noch wird? Wenn ein paar hier die Gangart gewechselt hätten, ok. Aber alle? Fast komme ich mir wie ein Angeber vor, stehe kurz davor mich zu schämen. Was denken die über mich? Etwa: ‚Du wirst auch noch langsamer! Wart’s ab!’ - Was für eine blöde Situation. Sicher, der Weg fordert nun merklich mit Prozenten und bis ins Ziel verbleiben noch immer fast 50 Km. Aber meine Blutpumpe arbeitet fühlbar im „grünen Bereich“, kein Grund zu gehen.

Die „Rampe“ dauert lange genug, lässt mein „Fell“ mit jedem Schritt „dicker“ werden. Wahrscheinlich interessiert es überhaupt niemanden, ob ich gehe oder laufe. Die meisten Köpfe hängen, Blick starr vor sich auf den Bonden gerichtet. Gespräche, auf einigermaßen leichtem Geläuf ständiges Hintergrundgeräusch, sind samt und sonders verstummt. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Also halte ich das auch so: ‚Wann beginnt der Steilanstieg zum „Großen Inselsberg“, kurz vor Km 25, den ich mir vom Streckenprofil eingeprägt habe? Das hier fordert ganz nett, aber das kann’s doch nicht gewesen sein!?’ - Mal wieder ein Stück eben, kurz abwärts, wieder rauf, ähnlich steil, aber nicht so heftig wie befürchtet. Ich warte auf die finale, brutale Steigung, wappne mich innerlich. Gedanken sind frei. Spontan sind sie da, auch wenn sie einem nicht gefallen: ‚Kommt heute, eventuell gegen Ende, der Moment, wo ich zum ersten Mal nicht mehr die Kraft zum Laufschritt habe? Werde ich heute gehen müssen?’ - Diesen Moment fürchte ich, unternehme zugleich alles, um ihn einmal zu erleben. Wo ist mein Limit? Ich denke an das Experiment Abendmarathon Marburg im letzten Jahr. Volles Risiko von Anfang an, um deutlich unter drei Stunden ins Ziel zu kommen. Nach 12 Kilometern konnte ich das mörderische Tempo nicht mehr halten und starb 30 Kilometer dem Finish entgegen. Völlig am Ende, saß ich hinterher eine Stunde bewegungslos auf einem Stuhl. Also Limit erreicht. Und doch musste ich bis ins Ziel keinen Schritt gehen. Ich möchte eine Antwort auf die Frage, aber ich fürchte mich davor: Welche Bedingungen zwingen mich zu gehen?

Der „Große Inselsberg“ schafft es jedenfalls nicht. Durch die Bäume lugt eine Art Turm mit Antennen obenauf. Dergleichen setzt man auf Gipfel, ergo bin ich gleich oben. Tatsächlich flacht der Weg ab, lichtet sich der Wald, wird das kahle, nur von Beton und Technik verunstaltete Haupt des Berges sichtbar und … die ersehnte 25 Km-Tafel. Die Kamera ist schussbereit, noch fünfzig Meter. Als ich wieder nach vorne schaue, verdecken zwei Zuschauer „brettlbreit“ die große „25“. „Könnt’ ihr mal bitte die Kilometertafel frei machen?“ rufe ich ihnen zu, wonach sie applaudierend und scherzend zur Seite weichen. Er lachend zu ihr: „Geh’ mal zur Seite, du versaust das ganze Bild!“ Kurz stehen, knipsen, artig danken und schon trabe ich über die Glatze des „Großen Inselsberges“.

Hinterm Berggasthof beginnt der Abstieg. Zunächst ist Fußkoordination auf einer mit hölzernen Eisenbahnschwellen befestigten Treppe gefragt, dann geht es über gottlob geteerten Fußweg dermaßen steil hinab, dass ausschließlich Bremsen angesagt ist. Wer hier Tempo macht, bricht sich den Hals! Auf halbwegs abgetrocknetem Untergrund finden die Sohlen festen Halt. Ohne Zwischenfall gelange ich einen Kilometer weiter und zweihundert Meter tiefer zum nächsten Verpflegungsstand auf der so genannten „Grenzwiese“. Hier gibt’s das volle Ultra-Ernährungsprogramm „à la Rennsteig“: Früchte sowieso, Käse-, Wurst-, Schmalz- und Schnittlauchbrote und den berühmten „Schleim“. Schon die Bezeichnung, erst recht Aussehen und fader Geschmack, treiben mich unter normalen Umständen kurz vor den Würgreiz. Aber hier herrschen keine „normalen Umstände“. Also hab’ ich ihn vorhin mit „Todesverachtung“ in mich rein geschüttet, den Schleim. Gleich ein Schnittlauchbrot hinterher und mit Cola nachspülen, dann war’s zu ertragen. Hier auf der „Grenzwiese“ fülle ich mich neuerlich randvoll ab und wende mich wieder der Strecke zu. Neben dem angrenzenden Parkplatz auf asphaltiertem Fußweg steht eine junge Frau, hält ein Schild mit schwarzer Aufschrift „Pupsi“ in Händen. Wie lieb sie „Pupsi“ hat, verdeutlicht der rote herzförmige I-Punkt. Und „klick“ wandern witziges Schild samt Trägerin in meinen Kameraspeicher. Damit hat sie nun am allerwenigsten gerechnet. „Ich bin grad’ fotografiert worden!“ ruft sie halb belustigt, halb erregt ihrer Begleitung zu …

Mehr als 25 Kilometer, und mögen sie noch so langsam „vertrabt“ worden sein, spüre ich deutlich in den Beinen. Wieder denkt mein Kopf Sätze, die besser „ungedacht“ blieben. Zusammengefasst etwa so: ‚Noch mehr als ein Marathon und bereits so zerschlagene Beine!“ Ein Gefühl von Aussichtslosigkeit schleicht sich ein. Dergleichen schon erlebt zu haben nützt da wenig. Jetzt ist dieses Empfinden da, will ausgehalten und überwunden werden. Was hilft dagegen? - ‚Du konntest noch stundenlang laufen, wenn sich deine Beine und Füße so angefühlt haben!’ ist eine der Formeln, die Optimismus dagegen setzen. Und sie wirkt, weil es stimmt. Ablenkung hilft auch und die wird mir glücklicherweise zuteil. Nach einem Fotostopp bin ich plötzlich neben meinem Vereinskameraden, den ich vorhin am Laufshirt identifizierte. Die Minuten gemeinsam Joggens, immer wieder von Sätzen unterbrochen, tragen mich über Kilometer 30 und weiter. Erst an einer Tränke verlieren wir uns aus den Augen …

Einen Marathon besteht man zu zwei Dritteln mit gut trainiertem Körper, den Rest besorgt mentale Stärke. Auf der Ultradistanz gewinnt der Kopf noch mehr Bedeutung. Anfechtungen kommen häufiger und können dich tiefer denn je runter ziehen. Es geht. Ich laufe, habe einen Rhythmus. Auch gelegentliche Abschnitte auf steinigem Untergrund, Wurzeln, Löcher und Pfützen bringen mich nicht aus dem Konzept. Dass nach wie vor fast die gesamte Konkurrenz bereits an minimaler Steigung zum Gehen wechselt, löst keine unangenehmen Regungen mehr aus. Stumm umkurve ich gehende Mitläufer, rechtfertige meinen sturen Laufschritt mit griffig dummem Spruch: ‚Der Weg heißt Rennsteig, nicht Gehsteig.’ Eine Weile sinniere ich über der Frage, ob mir das hier eigentlich Spaß macht. Vor einer Verneinung habe ich keine Angst, weil Traben auch ohne Lauffreude stundenlang möglich ist. Bin ehrlich mit mir selbst, aber eine eindeutige Antwort finde ich nicht.

Bedauern über die verlorene Zeit nützt da gar nix, nun vermag ich drängende Signale meines Unterleibs nicht länger zu ignorieren und suche nach geeigneter Stelle. Eine Schonung bietet ausreichend Deckung und für Minuten „verstecke“ ich mich darin … - Zurück auf den Weg, Laufrhythmus aufnehmen, was mir nicht mal sonderlich schwer fällt. Einmal mehr reißt mich die Frage „Udo? Bist du Udo?“ aus dumpfem Brüten. Zunächst erkenne den drahtigen Mann im weiß-blau bayerischen Rautendress nicht. Dann gibt er sich gleichfalls als Vereinskamerad zu erkennen, mit dem ich zuletzt in Mailkontakt stand. Anfang des Jahres, in Bad Füssing, lief er erstmals einen Marathon unter drei Stunden und sein nächstes Ziel ist Biel. Wieder sind mir einige Kilometer Ablenkung gewiss. Gemeinsam überlaufen wir die 35 Kilometer-Marke und fassen Verpflegung auf der „Ebertswiese“. Halbzeit! Wieder unterwegs, versucht er eine Lektion in „positivem Denken“ an den Mann zu bringen, als ich lapidar feststelle wie weit wir noch zu laufen haben. „Aber der härteste Teil liegt hinter uns, jetzt geht’s überwiegend runter! So musst du denken!“ Netter Versuch, der leider nicht verficht. Erstens wird zunehmende Ermüdung den Vorteil von mehr Gefälle aufheben, zum anderen hab ich diese „Reise“ nur teilerholt angetreten. „Hauptsache unter acht Stunden!“ fixiert er sein Tagesziel, um noch „Und das sieht doch gut aus.“ anzufügen. Dann isser weg, tänzelt leichtfüßig davon. Ich kann und will nicht folgen. Aber die Lunte brennt! Unklug wie ich bin, lasse ich mich auf sein Rechenexempel ein, multipliziere die augenblickliche Laufzeit mit zwei und erhalte 7:40h. Alle Zweifel und Bedenken, einschließlich bisheriger Vorsicht können es nicht verhindern: Jetzt habe ich auch eine Zielzeit! Unter acht Stunden sollen es schon sein … Wenn das mal gut geht!?

Irgendwann mischten sie sich unter die Läufer, zunächst spärlich, dann in wachsender Zahl und Dichte: Wanderer mit und ohne Stecken. Mittlerweile müssen sie rudelweise umkurvt werden. Grundsätzlich stört mich das nicht, immer wieder dann aber doch. Selbstverständlich sucht sich auch der Rennsteigwanderer den jeweils besten Pfad auf jetzt häufig schlechtem Untergrund. Dem Läufer bleiben beim Überholen oft nur steinige oder von Rinnen durchzogene Passagen, von der Unsitte zu mehreren nebeneinander zu marschieren mal ganz abgesehen. Ein genervter Läufer versucht sich mit Rufen eine Gasse zu bahnen: „Bitte den Weg frei machen!“ Nö, dafür werde ich keine Luft verschwenden, irgendwie wird’s schon gehen. Wenn man aber für jeden der Bewerbe, Supermarathon, Marathon, Halbmarathon und Langstreckenwandern, eine eigene Route festlegte, warum dann nicht auch für die Wanderer auf der kürzeren Strecke?

Die ersehnte 40 km-Tafel liegt am Fuß eines Baumstamms im Gras. Meine Stimmung steigt, wenngleich noch immer 30 Kilometer vor mir liegen. Die Sonne trägt dazu bei. Seit Kilometer 35 zeigte sie sich sporadisch zwischen fetter Bewölkung, doch nun scheint sie auf Dauerbetrieb umzuschalten. Ich begrüße die Wärme, auch wenn das mehr Schweiß bedeutet. Ungefähr jetzt vollende ich meinen 48. Marathon, leider ist die Stelle nicht gesondert markiert. Mehrfaches, sogar hörbares Glucksen, verbunden mit schmerzhaftem Ziehen im Unterbauch überfällt mich ohne Vorwarnung! Was ist denn das? Das unzweifelhafte Gefühl einer nahenden, menschlichen Katastrophe lässt mich sofort nach Deckung Ausschau halten. Wie kann das sein? Die Mengen an Flüssigkeit? Der Schleim? Ungewohnt viel feste Nahrung beim Lauf? Wovon kommt das? Egal! Ich werde wieder Zeit verlieren! Erst recht egal! Zwischen übermannshohen Fichten tauche ich gerade noch rechtzeitig ab …

Kilometer 45: Volle Verpflegungspalette und wieder würge ich einen Becher widerlichen Schleim hinunter. Cola hinterher, noch ein Stück Banane kauen, schlucken, und noch mal Cola. Prall wie ein Ballon setze ich mich wieder in Bewegung. ‚Bald kommt die Tafel mit der „50“ drauf, dann hab ich nur noch einen „kurzen“ Halbmarathon vor mir!’ Ich laufe, laufe, laufe, trabe und kämpfe mich durch leichte Anstiege, aber die „50“ zeigt sich nicht. ‚Gib mir die „50“, ich will die „50“!’ Seltsame Sätze formt Läufers Geist. Aber das dauert. Und wieder: ‚Wo bleibt die „50“? Gib mir die „50“!’ - Dann schenkt mir der Rennsteig die „50“ und der ungeduldige Kopf addiert eine fünf: ‚Die „55“, bald hab ich die „55“!’ - Gleichförmige Bewegung und stumpfes Brüten bedingen sich. Traben, stundenlang vor sich hin Traben, kaum Abwechslung. Wald, immer nur Wald, kaum ein Blick in die Ferne ist möglich. Vorhin hat es jemand auf den Punkt gebracht: „Kennst du einen Kilometer Rennsteig, kennst du alle!“. Überspitzung hin, Übertreibung her - ein wahrer Kern steckt in diesem Spruch. Wenig, woran ich mich auf diesen Kilometern konkret erinnere. Vor allem an eine Veränderung, die sich - zunächst unbemerkt - in der Abteilung „Muskeln-Sehnen-Knochen“ vollzieht. Die lästige Hinterbacke nervte heute bereits nach 10 Kilometern. Und nun hält sie „Funkstille“! Nicht nur das. Generell fühle ich jetzt in den Beinen weniger Zwicken und Anspannung als vor einer Stunde! Auch wenn sich das wieder ändern sollte, diese Wahrnehmung nach über fünf Stunden Laufen baut mich gewaltig auf und zum ersten Mal bin ich sicher heute das Ziel zu erreichen …

Die Hochebene erinnert ein wenig an Schwarzweißaufnahmen von Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges: Kahle Flächen, von tausenden Granaten mehrfach durchgepflügt. Das Chaos hier oben hat Wiebke oder eine ihrer wütenden Schwestern angerichtet. Auf einer Fläche von mehreren hundert Metern Seitenlänge hat der Sturm alle Bäume gefällt. Geblieben sind Stümpfe, teilweise auf der Seite liegend, mit heraus gerissenem Wurzelstock. Intakter Wald nimmt mich wieder auf und ich überlasse mich meiner Art meditativen Rezitierens: ‚Gib mir die „55“! Wo bleibt die „55“!’

Da steht die Tafel, kurz vorm Punkt „Grenzadler“. Ein wenig verwirrt hole ich mir ein „Doppelpfüüüt“ auf roten Matten ab. War die Zwischenzeit nicht für Kilometer 54,x angekündigt? Wieso steht die Tafel dann stückweit davor? Egal. Egal auch die Möglichkeit den Lauf hier mit offizieller Zeitnahme zu beenden. Wer will schon 17 Kilometer vor dem Ziel aufgeben? - Essen, Trinken, Ballon aufgeblasen und weiter. Nächster markanter Punkt ist das „Rondell“, fast 57 Kilometer gelaufen. ‚Nur noch 15!!!’ Auch hier wieder zwei Becher Cola - die Bauchdecke wölbt sich neuerlich - anlaufen, mehrmals mehr oder weniger dezent aufstoßen, weiter. Alles in mir ist auf die nächste Tafel fixiert: ‚Ich will die „60“! Gib mir die „60“!’ Ein kurzes, dümmlich klingendes Mantra. Aber das spielt keine Rolle. Es kommt nicht darauf an wie, sondern nur ob sich die Gebetsmühle dreht. So lange sie rotiert, so lange läufst du …

Ein Gutstück vorher sehe ich die Tafel, erst relativ spät den dahinter sitzenden Läufer. Ruht der sich aus? Kann er nicht mehr? Not ist jedenfalls keine am Mann, also weiter … Ab Kilometer 62 soll es nur noch bergab gehen, behauptete vor Stunden ein Läufer. Daran klammere ich mich in diesen Minuten, da eine Serie von (zu diesem Zeitpunkt) anspruchsvollen Anstiegen Tribut fordert. Dann wird das Gelände flacher, der Lauf flotter und ein am Boden stehendes Schild rückt ins Blickfeld: „Großer Beerberg (974 m), höchster Punkt des Laufes“. Was für eine tolle Motivationspritze! Dabei wär’ die nicht mal nötig. So unglaublich das auch scheinen mag, der Zustand meines Bewegungsapparates verbessert sich mit jedem Kilometer, keine Anzeichen von Erschöpfung, kein relevantes Ziehen oder Zwacken. Glückshormone, die den Schmerz neutralisieren? Werde ich morgen waidwund darnieder liegen? Hauptsache ich kann befreit laufen. Und abwärts geht’s auch, also werde ich unter acht Stunden bleiben. ‚Noch 10 Kilometer, lächerliche 10 Kilometer!’

Natürlich warten diese 10 Kilometer auch noch mit ein paar Anstiegen auf. Aber die sind mir so was von „wurscht“ - gleich ist es geschafft. Kilometertafel „65“ huscht vorbei: ‚Noch sieben! Nur noch sieben!“ Neues Mantra, schönes Mantra! Die letzte halbe Stunde bricht an und ich fühle mich prächtig. Meine Gemütsverfassung ist ausgezeichnet, war den ganzen Tag nicht so gelöst. Die Kilometerschilder vom Halbmarathon nehme ich jetzt als Countdown. ‚Noch fünf, nur noch fünf!’ Wald, immer wieder Wald. Dann eine Wiese, der Blick streift über bewaldete Hügel und Höhenrücken. Thüringer Wald. Rennsteig! Und der gehört jetzt bald mir!

Eine letzte Getränkestelle, ungefähr vier Kilometer vor dem Ziel. Ich verschmähe das Angebot, lasse mich von den Helferinnen stattdessen verbal beflügeln: „Nur noch ein kurzer Anstieg, dann habt ihr es geschafft!“ - Bin ich schneller geworden? Es fühlt sich schneller an und wunderbar leichtfüßig. Da isser, der letzte Anstieg und ich verbanne ihn in meine Kamera. Wieder gehen die meisten. Ein hoch aufgeschossener Läufer behält gleich mir den Laufschritt bei. Zweihundert Meter, dann bleibt das letzte Hindernis zurück. Mit jedem Schritt wächst die Freude. Bald geschafft!

Ich stoße auf eine Gruppe von fünf, sechs Läufern. ‚Das ist doch Stefan!’ Ich schieße seitlich ein Bild von ihm, noch hat er mich nicht bemerkt. Mein „Hallo Stefan!“ holt ihn heran und er berichtet, dass es für ihn nicht wie erhofft gelaufen ist. Gemeinsam nehmen wir die letzten Kilometer unter die Füße. Auf gutem Waldweg, leicht abschüssig, legen wir flottes Tempo vor. Mit einem Bekannten die finale Passage zu absolvieren scheint ihn aufzubauen. Über eine Wiese fliegt der Blick voraus und hinunter zum Zielort „Schmiedefeld“. Der Anblick des Dorfes verdeutlicht wie nahe wir dem Finish schon sind und erhöht den Schub noch einmal. Aus Traben wurde Laufen, aus Laufen jetzt Rennen. Nächste Tafel: „71 Km“. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben. Wir halten die Geschwindigkeit. Jetzt spüre ich die Anstrengung grenzwertig und sie steigert mein Wohlgefühl. Eine Form von Masochismus? Vielleicht, vielleicht auch nicht, probier es aus! Nächste Tafel „72 Km“. Die ersten Häuser von Schmiedefeld sind längst erreicht. Stefan wittert das Ziel und beschleunigt abermals. Da will und kann ich nicht folgen, lasse ihn laufen. Erste Zuschauer, Applaus, Bravo-Rufe, Lachen. Das Hochgefühl wächst mit jedem Meter. Eine Gasse aus Absperrgittern öffnet sich, Ziel in Sicht. Freudetrunken reiße ich die Arme hoch und bin angekommen …


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