Ultratraining intensiv, Marathon im Doppelpack, Teil eins:

Vom Licht ins Dunkel - Mannheim Dämmermarathon

Zwei Marathonläufe an einem Wochenende - unter seinesgleichen bekommt sogar das einen Touch läuferische Normalität. Wir treffen uns vor dem Lauf am Fuß des Mannheimer Wasserturms: Stefan, Jirka, Frett und meine Wenigkeit. Morgen früh wollen sie dann gleichfalls in Heilbronns Umgebung das Wachstum der Trollinger-Reben überprüfen … Peter, Gregor, Zeljko und Joe vervollständigten die Runde und beim Spinnen von Läufergarn verfliegt die Zeit. - Warum man mit einer Nacht Abstand zweimal Marathon läuft und ob das noch gesund sein kann? Für Ultraziele im Bereich von 100 Kilometer oder mehr bieten zwei langsam gelaufene Marathons einen hochwirksamen Trainingsreiz. Ich praktizierte das bereits erfolgreich im letzten Jahr und brachte ein weiteres „Doppel“ im März diesen Jahres hinter mich. Einziger Antrieb also abermals ein beinhartes Training innerhalb von 24 Stunden? Zur vollen Wahrheit fehlt ein Nachtrag: Bei der Saisonplanung legte ich mich darauf fest in Heilbronn meinen fünfzigsten Marathon zu laufen, erbat mir die Startnummer „50“, bekam sie auch. Beim Durchzählen fehlte dann ein „Marathönchen“. Da ohnehin schon jedes Wochenende in Sachen 42,195 Km verplant war, konnte nur ein weiterer Doppelschlag die Lösung bringen. In Mannheim und Heilbronn, nur 80 Kilometer auseinander, lässt sich dieses Vorhaben mit nur einer Übernachtung umsetzen.

Ob man bei so einem Unternehmen gesundheitlichen Schaden nimmt, dafür gibt es keine allgemein gültige Antwort. Als Ultraläufer wird man ebenso wenig geboren, wie als Marathoni. Solche Ausdauerleistungen stehen am vorläufigen Ende einer Entwicklung. Schaden entsteht, wenn man diese Entwicklung nicht abwartet. Jeder Ultra-Aspirant sollte bedenken, dass ihm hilfreicher Rat von außen nur sehr spärlich bis gar nicht zuteil werden wird. Trainingspläne gibt es wenige, allgemeingültige Aussagen haben Seltenheitswert. Und das Wichtigste: Niemand kann beurteilen, wann du reif für diese Strecken bist. Was mich angeht: Ich weiß mich gerüstet, Trainingsleistungen in diesem Umfang ungestraft zu erbringen, wusste es auch vor dem ersten Marathon-Duo, habe mich über Jahre an die Belastung von deutlich über 100 Wochenkilometern heran gearbeitet. Und ich bin sicher, dass es meiner Gesundheit grundsätzlich nicht schadet. Diese Sicherheit baut zum Teil auf Trainingsergebnisse, zum anderen auf ein gerüttelt Maß an Intuition. Bisher lag ich damit richtig … Fehler in gegebener Trainingssituation begehen jedoch auch erfahrene Läufer, weshalb ich immer auch mit der Furcht vor Verletzungen lebe und laufe.

17:15 Uhr: Eine knappe Stunde noch bis zum Start. Mannheim-Erfahrene aus der Fori-Runde reden von chaotischen Zuständen beim Abgeben des Kleiderbeutels, von einem Stau. So ganz begreife ich nicht, was sie meinen, montiere aber trotzdem endlich die beiden Startnummern auf Brust und Rücken meines Laufshirts und mache mich auf den Weg zur Kleiderdeponie. Die liegt auf der anderen Seite des Start-/Zielbereiches, mithin nur etwa fünfzig Meter Luftlinie entfernt. Erste Hürde: Ums äußerste Ende der Sperrgitter herum laufen, wofür man in der allgemeinen Enge schon ein paar Minuten braucht. Zweite Hürde: Jetzt kapier ich, was sie mit „Chaos“ meinten. Eine provisorische Brücke überspannt den Start-/Zielbereich und vor diesem Nadelöhr stauen sich beidseits Zuschauer und Läufer. Das dauert. Kopfschüttelnd warte ich auf meine Chance zur anderen Seite vorzudringen. Ein derart grober Unfug ist mir bisher noch nicht begegnet. Nach etlichen Minuten schnuppere ich auf der Brücke Höhenluft, treffe Stefan und Joe, die bereits wieder auf dem Rückweg sind: „Beeil dich mal!“ feixen sie. Fünf Minuten später, um einen Kleiderbeutel leichter, lasse ich mich im Gedrängel der anderen Seite in Richtung Übergang schubsen und verfluche von Herzen die Ignoranz des Veranstalters. Manches ist nicht vorhersehbar, gut und schön, aber diesen gefährlichen Blödsinn gab’s auch schon im letzten Jahr. Muss sich erst jemand infolge seiner „Ich-komme-zu-spät-zum-Start-Panik“ verletzen bevor diese Banausen Abhilfe schaffen? Einen doppelt so breiten Übergang errichten und das Problem wäre aus der Welt …

Die Stimmung lasse ich mir davon nicht verderben, nicht mal eintrüben. Ich fühle mich ausgeruht und kräftig nach zwei Ruhetagen. Die Depots sind dennoch nicht randvoll, darüber mache ich mir keine Illusionen. Samstag Rennsteig mit über 72 Km, Sonntag Ruhetag, dann drei Tage trainiert, insgesamt knapp 60 Km. Was ich mir zumute ist gewaltig, grenzwertig, nicht ohne Risiko. Darum steht für heute der „öffentliche“ Schwur: „3:50h und keinen Deut schneller!“ 18:00 Uhr, noch zehn Minuten bis „Peng!“. Mit Stefan, Joe, Peter und Jirka stelle ich mich in eine der hinteren Startboxen. Stefan und Jirka haben ihr Limit mit 3:45h angegeben, um morgen in Heilbronn noch „Dampf“ zu haben. Mal sehen, vielleicht können wir zusammen laufen. Jirka zieht die Blicke auf sich, hat er doch sein „haarsträubendes“ Marathon-Doppel-Vorhaben auf dem Laufshirt verewigt: „Auf dem Weg nach Biel, Marathon-Doppel MA und HN“. Es tut ganz gut den Status des Laufsonderlings mal einzubüßen. Das bezieht sich weniger auf Äußerungen anderer Läufer. Manchmal stelle ich mich selbst in die Ecke der Verrückten, Unklugen, Süchtigen, unüberlegt Handelnden, also ans extreme Ende der Läufergemeinschaft. In diesem Feld mindestens vier Ultras zu wissen, die morgen früh ein weiteres Mal auf Marathonkurs gehen, verleiht meinem Vorbereitungsprogramm für den 24h-Lauf ein bisschen was Alltägliches …

„Wär’ das nichts für dich?“ fragt Jirka und deutet auf einen Läufer drei Meter vor mir. Das Logo des „Honolulu Marathon“ auf seinem Rücken entfacht unmittelbar ein schmerzhaftes Ziehen von Fernweh. Marathons in Übersee - das wär’s. Vielleicht irgendwann - einen, zwei, drei, ganz bestimmt. - „Und wir zählen wieder gemeinsam runter!“ befiehlt der Sprecher mit sich fast überschlagender Stimme. Dann zählen sie „10, 9, 8 …“ und los geht’s - für mich auf Marathonkurs Nummer 49. Vom Friedrichsplatz mit dem reizvollen, alten Wasserturm biegen wir auf eine lange Allee ab. Die Position im Feld scheint gut gewählt, das allgemeine Tempo dem heute für uns notwendigen zu entsprechen. Gespannt warte ich auf das erste Kilometerschild und passiere es nach exakt 5:30 Minuten. „Just in time!“ wende ich mich an den neben mir laufenden Jirka, weiß aber nicht, ob der das überhaupt mitbekommt.

Meine Blase drückt nervig. Sinnvolle Taktik verlangt normalerweise eine Viertelstunde vor dem Start die letzte Erleichterung, um möglichst ohne diesbezügliche Stopps durchlaufen zu können. Ging aber heute nicht. Bäume, Büsche gab’s nicht, der Weg zu den Toiletten war durch den Brückenstau versperrt und vor ein paar Mobiltoiletten am Wasserturm bildeten sich Schlangen. Nach zwei Richtungswechseln zieht mich eine Buschgruppe magisch an. Mit gewagtem, weitem Satz und haarscharf vor einem nachfolgenden Läufer breche ich zur Seite aus, beseitige den Druck. Wenn schon stehen, dann gleich noch ein Foto. Nun hab ich meine Kumpane natürlich aus den Augen verloren und mache mich mit erhöhter Geschwindigkeit an die Verfolgung. Stadionlärm, der mehrfache, kollektive, in Enttäuschung verpuffende Aufschrei nach verpasster Torchance untermalt für kurze Zeit meine „Fahndung“. Spielt dort drüben „Waldhof Mannheim“? Gregor erwähnte vorhin, dass die Mannschaft heute ein Spiel austrägt. Aber ich sehe nirgendwo Parkplätze und die räumliche Nähe zu unserer Großveranstaltung wäre auch reichlich ungeschickt!? Minuten und zwei Kilometer später beginne ich zu resignieren, finde meine Mitstreiter im dichten Strom der Läufer einfach nicht wieder. Schenke ich der 4 Km-Zwischenzeit Glauben, dann hätte ich die beiden sogar unbemerkt überholen müssen.

Die Häuser Mannheims liegen hinter uns. Rechter Hand, hinter irgendwelchen Zweckbauten, erwische ich einen Blick auf den Tower des kleinen Mannheimer Flugplatzes. Den nächsten Blickfang bilden zahllose Hochspannungsmasten, die Energie von irgendwo nach irgendwo in mehreren Trassen transportieren. Auf unserer Etage gibt’s ein paar Felder, links einen Wall mit Büschen und Gräsern - nicht gerade aufregend. Ein Schwenk und schon laufen wir durch „Seckenheim“. Mit Wassertürmen scheint man in diesen Breiten reich gesegnet. Das Seckenheimer Exemplar gleicht im Aussehen einer überdimensionalen Pistolenpatrone. Nicht hübsch, dafür ziemlich hoch. Nach ein paar einsamen Kilometern kommt der Trubel im Ortskern durchaus gelegen. Händeklatschen, heiseres Kreischen, dröhnende Musik, ein Sprecher in Höchstform animiert die Massen zu „La Ola“. Sekunden, dann wandert das akustische „Inferno“ zügig Achtern aus. Noch ein paar Zuschauernester, punktuelles Klatschen, gelegentliche, bewundernde „Bravos“, dann wird es bis auf Läufergespräche wieder still.

Die Witterungsbedingungen könnten nur minimal besser sein. Die große Hitze blieb aus, nachdem sich der Himmel gegen 16 Uhr bereits verdunkelte. Ungefähr 17, 18°C dürften nun noch herrschen. Ab und an sprühen ein paar, eher angenehme Tropfen herab, von Regen kann man eigentlich nicht reden. Wenn mir der Schweiß dennoch aus allen Poren dringt, so liegt das an der Schwüle. Gegen die kann ich nichts tun, aber den Schweißverlust kann ich durch mehr Wasser ausgleichen: Zwei Becher an jeder Station sind heute Pflicht.

9 Km: Diese Straße haben wir auf dem Herweg bereits benutzt. Auch in Gegenrichtung bietet die Strecke nichts fürs Auge. Meins sucht nach alternativen Attraktionen: Am Getränkestand auf der anderen Straßenseite haben bereits die Aufräumarbeiten begonnen. Eine mächtige Kehrmaschine „frisst“ gerade abertausende leere Plastikbecher. Ob sie sich meine beiden schon hat schmecken lassen? Es bleibt „aufregend“: Vorbei an einer Kaserne mit dem örtlichen Kreiswehrersatzamt, daneben die „Soundso Barracks“ der amerikanischen Armee. Nun war ich Soldat, so dass dergleichen für mich einen gewissen „Unterhaltungswert“ besitzt. Aber was ist mit euch vor und hinter mir? Schaut ihr da überhaupt hin?

Ein blaues Schild will gelesen werden, macht auf die erste Wechselzone der Vierer-Staffeln aufmerksam. Hundert Meter später, unter dicht besetzter Fußgängerbrücke erwartet uns der an solchen Wechseln übliche Trichter: Nach hinten rücken die wartenden Läufer immer näher zur Mitte, um ihren Staffelkameraden kommen zu sehen. Zum Schluss bleiben von breiter Fahrbahn keine zwei Meter Durchlass mehr.

12 Km gelaufen, eine weitere Wasserstelle bietet Gelegenheit zum Trinken. Ich habe gerade meinen letzten Becher geleert und weggeworfen, als Stefan und Jirka von hinten aufschließen. Also ließ ich sie tatsächlich anlässlich meiner Aufholjagd hinter mir. Mein Tempo pendelt längst konstant um 5:30 min/km. Die beiden legen eine deutlich höhere Pace vor. Ich will erst nach drei Stunden und fünfzig Minuten ankommen. Und ich will die Strecke in möglichst gleichmäßigem, Kraft sparendem Schritt bewältigen. Also lasse ich sie ziehen und verwerfe den Gedanken an einen gemeinsamen Lauf endgültig.

Wieder zurück in Mannheimer Straßen, zu sehen gibt’s dennoch nichts. Läufertrikots bieten aber immer Kurzweil. Oft verraten sie die Herkunft des Trägers, manchmal seine Einstellung, selten beurkunden sie seine läuferischen Verdienste, meist lassen sie ihn oder sie einfach nur gut oder schlecht aussehen. Der hier hält’s mit der Bibel: „Ich vermag alles durch Christus, der mir Kraft gibt.“ steht auf seinem Rücken. Ach so! Und ich dachte immer, man müsse ausreichend trainieren, um einen Marathon aus den Beinen zu holen … Was macht der eigentlich, wenn ihm jenseits der 30 Kilometer-Marke die Kräfte schwinden? Gerät er dann in eine Glaubenskrise?

Mannheim Innenstadt: Vorbei am Nationaltheater in der Goethestraße, kurz vor dem Wasserturm und mit heißer Publikumsunterstützung ein scharfer Schwenk nach rechts, dann durch die Einkaufstraße „Fressgasse“ (???). Pausenlos drehe ich den Kopf hin und her, suche intensiv nach Berichtenswertem, finde nix. Ist das schon alles, was Mannheim zu bieten hat?

16 Kilometer gelaufen und ich dachte das wird ein relativ gemütlicher Jogg heute. Es strengt nicht sonderlich an, so weit, so gut. Aber Füße und Beine senden bereits erste Schmerzsignale. Es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Dauernde Gedanken an morgen, lassen Experimentierfreude gar nicht erst aufkommen. Stur, mit geringer Abweichung nach unten oder oben, halte ich den Schnitt: 5:30 min/km. - Jetzt geht’s aufwärts und - wie sich anschließend zeigt - über die Hauptverbindungsachse der beiden Städte, die Kurt-Schuhmacher-Brücke, nach Ludwigshafen. Just während des Aufstiegs zum Brückenscheitel beginnt es zu regnen. Herber Gegenwind lässt die Tropfen pieken wie Stiche mit stumpfen Nadeln. - Na bitte, hier hast du deine architektonische Attraktion: Pfeiler und Halteseile der Brücke schneiden ein graues Dreieck aus wolkenverhangenem Abendhimmel. In weiter Linkskurve nähern wir uns dem Tragwerk. Mit Spaß an Geometrie kann man dem Geschehen mehr abgewinnen: Langsam schrumpft die Basis des Dreiecks, bis es schließlich verschwindet und die Pfeilerfront mich als riesiges „A“ anschaut. ‚Hier oben zieht’s wie Hechtsuppe!’ Zwei Kilometer weit spannt sich die Hochstraßen- und Brückenkonstruktion über den Rhein und einen Teil des Mannheimer Binnenhafens. Einstweilen ist noch kein Ende abzusehen. Dafür rücken zwei Schilder ins Blickfeld. Das eine verkündet das Ortsende von Mannheim, das zweite die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz.

19 Km liegen hinter mir, eine blaue Infotafel kündigt einen „U-Turn“ an. Die „scharfe Biege“ vollzieht sich kurz danach und endlich dürfen wir die luftige Höhe verlassen. Meine Gedanken kauen auf dem Anglizismus herum - „U-Turn“. Anlässlich eines USA-Besuches, auf den Straßen von El Paso in Texas, begegnete mir der Begriff erstmalig und zuletzt. Hat die deutsche Sprache nichts Gleichwertiges zu bieten? Offenbar nicht, zumindest fällt dem stark durchbluteten Läuferhirn nichts Adäquates ein. Also bin ich geneigt, den verbalen Ausrutscher als sinnvolles Fremdwort zu akzeptieren. Wie? Was? Ob ich sonst keine Probleme hab beim Marathonlaufen? Na ja, manchmal schon, aber heute eher nicht und zu sehen gibt’s ja nix. Was übrigens nicht an der gaaanz sachte einsetzenden Dämmerung liegt. Noch sind die Lichtverhältnisse einwandfrei. Nein, da ist einfach nichts wirklich Sehenswertes. Verbindungsstraßen, Wohnstraßen, eine Tankstelle, Läden, hie und da ein Lokal - Ludwigshafen reißt mich auch nicht vom Hocker. Das ändert sich auch im Zentrum nicht. Das einzig Bemerkenswerte an der Fußgängerzone sind die Halbmarathonmarke und eine akustisch mächtig aktive Zuschauerkolonie.

Kann beim Laufen Langeweile aufkommen? Vielen Nichtläufern rutschte jetzt sicher ein spontanes „Ja!“ heraus. Aber manche der laufenden LeserInnen dieses Berichts mögen sich ihnen in Form eines differenzierten „Kommt drauf an!“ zumindest teilweise anschließen. Meine Erfahrungen aus vielen ehrgeizfreien Läuferjahren und inzwischen etlichen Wettkampfteilnahmen sagen ohne Einschränkung „Nein!“. Laufen hält mich beileibe nicht konstant auf „Wolke sieben“. Laufen lässt mich Härte fühlen, zuzeiten bleierne Unlust, Schmerzen sowieso. Aber niemals Langeweile. Fehlt jedweder äußere Reiz, dann ziehe ich mich minutenlang in mich selbst zurück, überdenke dies, hinterfrage jenes. Auch heute Abend, auf dieser kreuzlangweiligen Strecke, findet mein Kopf Rezepte kontra Tristesse.

Mittel 1: Zuschauer beobachten

Da kann man nicht meckern, die Mannheimer, mehr noch ihre Rheinland-Pfälzischen Nachbarn aus Ludwigshafen mit seinen Vororten (insbesondere Rheingönheim) haben diese Veranstaltung als willkommene Samstagabend-Revue angenommen. Sie kommen zu Hauf und unterstützen. Sie klatschen und schreien, verschenken Musik aus Fenstern oder von Balkonen, malen Schilder mit bekannten, witzigen Parolen, manche errichten private Wasserstellen. Oft lesen sie deinen Namen von der Startnummer, um dich mit einem individuellen Satz zu dopen. Sie feiern ein Fest, trinken, grillen, essen, lachen, richten sich unter Alleebäumen häuslich ein, drängen sich vor Kneipen und Cafés. Der Fernseher bleibt heute Abend aus, vorbei schwitzende Läufer bieten reichlich Stoff zum Schauen.

Mittel 2: Das Abklatsch-Foto im rechten Moment

Viele Kinder stehen am Straßenrand, recken den Arm in Richtung Straße. Ab und an, ausschließlich mit der linken Hand, danke ich abklatschend für ihre Aufmerksamkeit. In der Rechten halte ich die Kamera. Plötzlich die Idee, eine Art Aufgabe: Genau jenen Moment festhalten, wenn sich Kinder- und Läuferhand berühren. Über diesen kniffligen Kamera-Dressurakt vergesse ich erstmal alles. Schwierig, schwierig, denn die fortgeschrittene Dämmerung aktiviert den Blitz. Diesen und zeitgleich den Verschluss löst die Elektronik mit geraumer Verzögerung aus, sobald das Motiv vermessen ist. Außerdem muss ich einen sich anbahnenden „Abklatschakt“ rechtzeitig erahnen. Es gelingt kein einziges Mal: Entweder blitzt es zu früh, oder der Verschluss klickt zu spät. Aber es macht Spaß und trägt mich über einige Kilometer.

Mittel 3: Die Freude an Besonderheiten

Die beiden wurden von höheren Mächten in dieses Straßencafé bestellt und just in der ersten Tischreihe, unübersehbar für Udo, platziert. Fehlte mein Name auf der Startliste, das ist sicher, dann wären sie jetzt irgendwo anders beim Abendspaziergang. Um genau zu sein: Beim „Abend-Gassigehen“. Frauchen und Hund beobachten seelenruhig die vorbei strömenden Läufer. Nein, nicht irgendein Hund, ein „Sheltie“, ein „Shetland Sheepdog“! Und weil dies dem Dramaturgen als Köder für Udo noch nicht auszureichen schien, wählte er ein Tier mit gleicher Farbe und Fellzeichnung wie sie auch unsere vor zwei Jahren gestorbene Hündin aufwies. Wer erschrickt nun heftiger, Frau oder Hund, als der Läufer unvermittelt und - für das Tier ganz sicher - drohend vor ihnen auftaucht? Der „Sheltie“ reagiert genau so, wie unsere „Laska“ reagiert hätte, steht auf, bereitet seine Flucht vor. Aber das geht dann doch zu schnell: Blitz und Foto, Hinweis an Frauchen („Einen Sheltie muss ich einfach fotografieren!“) und wieder einreihen, dabei ein Sprüchlein für die amüsierten Nachbartische aufsagen: „So viel Zeit muss sein!“ - Derweil denke ich an meine Frau, der dieses Bild sicher wieder gemischte Gefühle bescheren wird, Freude und feuchte Augenwinkel.

Dann war da diese Schleife zwischen Kilometer 31 und 32, im Grunde eine „böse“ Schikane. Links hin, rechts zurück, dazwischen ein Grünstreifen mit Bäumen. Eine stille, nach akustischem „Spießrutenlauf“ durchaus willkommene Passage. Irgendwer dekorierte den Hinweg mit Windlichtern und Fackeln. Schade, dass mein Ehrgeiz mir Über-Vier-Stunden-Marathons noch verbietet, denn ein wenig mehr Dunkelheit hätte ein noch stimmungsvolleres Szenario bedeutet. Neben Schauen, Genießen und Schnappschuss-Bemühungen hätte ich ihr Rufen von der Gegenfahrbahn fast überhört. „Hallo Udo!“ schallt es von Stefan und Jirka herüber und ich grüße erfreut zurück.

Der „Tempomat“ blieb von alledem unbeeindruckt, hält maschinenhaft die Pace: 5:30 min/km. Innere Organe wollen natürlich auch wahrgenommen werden, wenngleich von ihnen die meiste Eintönigkeit ausgeht: Nach wie vor stehen die Anzeigen für Atemfrequenz und Herzschlag im unteren grünen Bereich der Skala (ca. 73% von Hfmax). Auch die Abteilung „Zwicken und Zwacken“ hat ihre Einstellung zu meiner Abendgestaltung nicht geändert, nervt ein bisschen. Nichts erregt Besorgnis, auch nicht im Hinblick auf morgen …

Wieder in „herausragender Position“, zurück auf der elendlangen Kurt-Schuhmacher-Brücke. Hier, zwischen den Kilometern 35,5 und 37,5, lauert Depression mental nicht ganz sattelfesten Läufern auf. Dämmerung oder Dunkelheit, kühler Wind der dich frösteln macht, keine Zuschauer, nur wenige Läufer im Sichtbereich und diese gemeine Erschöpfung in den Beinen - vorzügliche Zutaten für tief greifende Verzagtheit. Besonders Marathoneinsteiger dürften diese Schlusskilometer als harte Prüfung empfinden … Ein paar „Engel der Nacht“ haben sich von Mannheimer Seite dann doch auf die Brücke gewagt, verjagen mit ihrer Begeisterung die „Schimären der Düsternis“, entlocken mir gar ein herzhaftes Lachen. Schon von weitem lese ich Zitate jüngster deutscher Fernsehgeschichte von Pappplakaten: „Du hast die Haare schön!“ - Genial. Manchmal tun Menschen instinktiv das Richtige, an dieser Stelle für abgekämpfte Marathonas und Marathonis.

Runter von der Brücke, die Straße beschreibt zwei sanfte Kurven. „Achtung Kurve“, verbunden mit einem Richtungspfeil - zwei blaue Tafeln weisen den Weg. Es dauert etliche Schritte bis ich den Sinn dieser Schilder richtig deute: Spätestens in einer halben Stunde lässt die Mannheimer Nacht dieser Abfahrt nur noch Streulicht. Vielleicht kollidierten im Vorjahr einige Läufer mit der Fahrbahnbegrenzung!? - Kilometer 38: Leere, gesichtslose Mannheimer Innenstadt. Kilometer 39: Einkaufsstraßen, erste noch dünne Zuschauerspaliere, aber heftiger Applaus. Kurz vor Kilometer 40: Hier wird es laut, hell und voll. Ich nähere mich dem Zielbereich am Wasserturm. Absperrgitter halten Zuschauer zurück, Musik dröhnt aus Lautsprechern, meterdicke Reklameballons leuchten auf geheimnisvolle Weise. Ein Blick zur Uhr, kurze Kalkulation ergibt 3:51h als mutmaßliche Endzeit. Aber Udo ist heute auf 3:50h programmiert und legt auf den letzten beiden Kilometern einen Zahn zu.

Vorbei am Wasserturm, dahinter kann man schon das Remmidemmi im Ziel ausmachen. Stimmungsvolle, von farbigem Licht inszenierte Wasserspiele auf dem Friedrichsplatz zwingen den Fotografen an den Straßenrand: Stehen, fokussieren, blitzen, speichern und wieder Fahrt aufnehmen. Der Läufer mag dieses Stehenbleiben des Fotografen gar nicht, der will sein Zeitsoll erfüllen, verstärkt einstweilen seine Bemühungen. Wie sich diese Allee jetzt in die Länge zieht. Zudem ist sie stockdunkel, führt schnurgeradeaus und scheint endlos. Aus breiter Schale züngelnde Ölflämmchen, alle paar Meter, sollen Läufers Kraftwerk am Brennen halten. Ich stelle mir vor, das wäre mein erster Marathon, hätte das Ziel bereits gesehen, man schickte mich auf diese düstere Schikane und die Kräfte drohen zu versagen … Für mich zum Glück nur ein Rollenspiel ohne Konsequenz. Vor dem Umkehrpunkt noch ein kleiner Schlenker, quasi über Mannheimer Hinterhöfe, dann auf gleicher Allee zurück. Kilometer 41 zieht vorbei und du kämpfst einsam gegen dich selbst. Seltsame Schlusskilometer für einen City-Marathon, vollkommen ohne Zuschauer. Das ändert sich erst kurz vor dem Ziel: Ohrenbetäubender Radau aus tausend Mündern und überdimensionalen Lautsprechern empfängt mich, Scheinwerfer blenden, Lichtspiele verbreiten ein wenig Disco-Atmosphäre. Dann bin ich im Ziel und mit mir und dem Erreichten zufrieden.

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Leider ließ mir dieser Lauf noch ausreichend Kraft, um mich über das anschließende Geschehen im Versorgungsbereich von Herzen zu ärgern. Hier setzt der Mannheim Marathon Maßstäbe. Nie zuvor gelangte ich derart würde- und stillos in den Besitz der Finisher-Medaille: Da hängen sie, an zwei großen Garderoben. Davor schubst und drängelt eine vor Erschöpfung rücksichtslose Traube von Läufern, schweißnasse Körper reiben aneinander, allgemeines Grabschen nach dem „Ehrenmetall“. Etliche der „Auszeichnungen“ liegen schon am Boden, schließlich entrinnt man aufatmend dem Chaos, hängt sich die erkämpfte Beute um den Hals. Ärmlich!

Schräg gegenüber gibt’s ein wohlverdientes Bierchen. Nicht zu fassen: Da schenken sie aus Minifläschchen in Minibecherchen ein. Läufer drängeln, schubsen, betteln erfolglos um eine Flasche, stolpern über Füße von Sonnenschirmen, fallen fast in einen riesigen Abfallkarton, den menschliche Dummheit direkt vor dem Tisch platzierte. Unglaublich!

Bin dem Chaos entronnen. Weiter hinten in der Abteilung Obst, Riegel, Banane, Wasser geht’s ruhiger zu. Energie muss rein, greife mir so einen zuckersüßen Riegel vom Sponsor „Powerbar“. Zufällig fällt mein Blick auf die Rückseite: „Haltbar bis 06/2007“. Die anderen Riegel auf dem Tisch haben denselben Aufdruck. An Zufälle oder Fehler glaube ich nicht. Schon eher an eine Entsorgung überlagerter Bestände unter dem Deckmantel großzügiger Sponsorentätigkeit. Unmöglich!

Es reicht. Bloß weg hier. Zu einem „Nie wieder Mannheim“ versteige ich mich nicht. Mannheim-Heilbronn bilden bei Bedarf eines Doppel-Marathons eine kostengünstige Alternative. Doch ansonsten mache ich künftig einen großen Bogen um diese Veranstaltung.


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