Nos vemos en la calle   -   Maratón de Madrid 2008

      ( Wir sehen uns auf der Straße  -  Madrid Marathon 2008 )

Manche können ein Marathonfinish als Sammlung von Fakten und Zahlen wiedergeben. Für sie beginnt ein Laufbericht mit dem Startschuss und endet kurz hinter der Ziellinie. Ich bringe das nicht fertig. Umso weniger, wenn eine zweiundvierzig Kilometer lange Entdeckungsreise auf dem Asphalt einer höchst eigenwilligen, europäischen Metropole hinter mir liegt. Womit beginnen? Vielleicht so: Warum Madrid? Weil ich die Stadt nicht kenne, ein bisschen Spanisch spreche und auf Sonne ohnehin ständig scharf bin. Also Madrid! „Madrid ist wild, ungebärdig, aufgeregt und aufregend.“ So steht’s im Reiseführer und es stimmt. Ähnliches gilt für den Marathon als singuläres Erlebnis. Vieles war wie immer und doch auf madrilenische Weise anders …

Du suchst einen Ort für eine persönliche Bestzeit? - Lauf woanders. Wahrscheinlich ist es zu warm in Madrid, außerdem stünde deinem Rekordversuch ein recht „herbes“ Streckenprofil im Weg. Du möchtest in aller Beschaulichkeit und unbedrängt laufen? - Wähl eine andere Stadt. Madrid spinnt dich in einen Kokon aus Lärm und Betriebsamkeit. Zusammengefasst dies: Ungeschmälerter Laufgenuss wird nur gut vorbereiteten Sportlern zuteil, die bereit sind, sich auf diese Stadt und ihre Menschen einzulassen.

Freitag, Anreise: Zwei Tage vor dem Ereignis steigen Ines und ich aus dem Flieger. Gleich der erste Weg nach dem Hotel Check In führt uns an die Peripherie Madrids zur Abholung der Startnummer. Bei 25°C und strahlend blauem Himmel verzichten wir auf die Metro und gehen den weiten Weg zu Fuß: Endlich Wärme, endlich Frühling! Seltsam: Absolut nichts weist auf den bevorstehenden Marathon hin; nirgendwo ein Plakat, keine mit Hochdruck voran getriebenen Absperrungen. Die sonst übliche Prozession von und zur Marathonmesse findet entweder nicht statt, oder geht andere Wege. Wir fragen uns durch: »&xnbsp;¡Hola! ¿Puede decirme donde está el „Pabellón de La Pipa“? « Der Passant kennt den ominösen „Pavillon“ nicht, schickt uns dennoch in die korrekte Richtung, weil dort anscheindend alle „Pabellones“ des weitläufigen Veranstaltungsgeländes stehen. Als auch ein spanischer Teilnehmer nach dem „Maratón“ fragen muss, verfliegt meine wachsende Unsicherheit. Letztlich vollzieht sich der „offizielle Akt“ recht flott und unkompliziert in drei Stationen: Empfang von Startnummer und Chip, Überprüfung des Chips, Abholung von Finisher Shirt und Tragetasche (mit dem üblichen, meist überflüssigen Reklameinhalt). Die etwa zwanzig Messestände „abzuarbeiten“ dauert mangels profunder Sprachkenntnisse nicht allzu lange.

Auf dem Rückweg - erneut „per pedes“ versteht sich - entdecken wir Erstaunliches: Eine stattliche, aufgestaute Wasserfläche - einfach nur „Lago“ genannt - umschlossen von schier endlosem, hügeligem Waldgebiet, der „Casa de Campo“ (Die Bezeichnung rührt von einem königlichen Jagdschlösschen, das dort einmal mittendrin stand.). Die Farbe Grün dominiert, wohin man auch schaut. Nur zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, bewegen wir uns in einem von zwei madrilenischen Läuferparadiesen. Entlang einer der wenigen öffentlich befahrbaren Straßen schlendernd, fällt mir dann die „blaue Linie“ auf. Der zu Rate gezogene Streckenplan verspricht tatsächlich fünf Kilometer im Grünen, durch den Wald der „Casa de Campo“.

Samstag, Akklimatisationstag: Einen Tag Gewöhnung an Temperatur und andere Klimafaktoren wollte ich meinem Organismus dann doch gönnen. Nötig wie es scheint, denn ich fühle mich ein wenig schlapp und bin heilfroh heute keine 42 Km vor mir zu haben. 20°C und mehr lassen mich beim ausgedehnten Vormittagsrundgang reichlich schwitzen. Danach praktiziert Ines spanischen Ritus und gönnt sich eine Siesta. Mein „Akklimatisationsfahrplan“ sieht dagegen ein „kurzes Läufchen“ vor - „locker flockig“ im Wohlfühltempo. So jedenfalls hatte ich mir das vorgestellt, wenngleich „locker flockig“ dann auf zentnerschweren Beinen gründlich misslingt. Ich nutze den Jogg auch zum Auskundschaften und weiß danach: In Madrid gehört stetes, sanftes Auf und Ab zum Straßenbild. Und überall findet man schattige, grüne Oasen. Zum Beispiel den grob gerechnet 1,5 mal einen Kilometer großen „Retiro Park“, gleich hinter dem „Prado“ und nur etwa einen Kilometer östlich des Zentrums gelegen. Die zweite, große, grüne Lunge Madrids und von zahlreichen Joggern frequentiert. Vielleicht hat man deshalb den „Retiro Park“ als Marathonziel auserkoren!? Nach 40 Minuten und sieben Kilometern habe ich genug Wasser in die tiefblaue Atmosphäre der Stadt verdampft. Die Beine sind nicht lockerer geworden, trotzdem fühle ich mich nun besser vorbereitet. Im Kopf sozusagen, denn lange Langstrecken bezwingt man nur zur Hälfte mit Herz und Beinen (Siehe auch das Schlusswort zu diesem Bericht aus der Feder eines spanischen Psychologen.)

Sonntag, Marathon: Über Nacht hat es deutlich abgekühlt und das Himmelblau versteckt sich zeitweise hinter dünnen Wolkenschleiern. Ines, die vor dem Frühstück schon ein Läufchen wagte, berichtet von 17°C (An vielen Apotheken und Bushaltestellen kann man die Temperatur ablesen). Trotzdem wage ich mich in ärmellosem Shirt - laufbereit - nach draußen. Ein Fehler, für den ich auf dem Kilometer Fußmarsch zum Start fröstelnd büße. Dann und wann wärmt allerdings die Morgensonne und nur selten lässt mich ein leichter Windhauch richtig frieren. 9:15 Uhr, noch eine Dreiviertelstunde. Auf den Straßen herrscht um diese Zeit gähnende Leere. Nur ein paar Frühaufsteher - die müssen wahrscheinlich arbeiten - einige Läufer und die allgegenwärtigen, leuchtend gelbgrün gekleideten Mitarbeiter der Stadtreinigung mit ihren Handkarren sind unterwegs (Ohne diese Leute versänke Madrid binnen einer Woche im Unrat!). Noch auf halbem Weg zum Startbereich kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, gleich auf einige Tausend Marathonis samt Anhang zu treffen. Das ändert sich schlagartig, als wir die breite Straße „Paseo de Recoletos“ erreichen. Ein bisschen hab ich das Gefühl als wären alle anderen schon länger hier und ich bin der Letzte. Liegt vielleicht aber auch daran, dass ich noch nicht voll „aktiviert“ bin. Körper und Geist sind an diesem Morgen auf seltsame Weise uneins. Die „Biomasse“ scheint leistungsbereit, während die Wahrnehmung irgendwie verzögert reagiert. Egal. Erst mal loslaufen, der Rest findet sich.

Zum Start fehlen noch ein paar hundert Meter und mit jedem Schritt tauchen wir nun tiefer in gute Läuferlaune ein. Viele kennen sich, grüßen überschwänglich, scherzen, rufen einander Aufmunterndes zu - auch über größere Distanzen und sehr laut, also sehr spanisch. Hier stellt man sich zum Gruppenfoto auf, dort betreut die Großfamilie ihren Marathonhelden. Das Starttor kann ich noch nicht erkennen, auch keine Blöcke, in die man sich möglicherweise einreihen muss. „Wahrscheinlich weiter vorne“ bemerke ich zu Ines. Oder sagt sie es zu mir? Es gibt Wichtigeres: Eine zwischenzeitlich mächtig drängende Biofunktion lässt mich nach Orten der Erleichterung Ausschau halten. Jene mit dem Quadratmeter Grundfläche und allseitig von Plastik umschlossen. Es gibt sie, einige, aber auch entmutigend lange Schlangen davor. Mein Radar kreist, fahndet nach Deckung hinter oder zwischen Botanischem. Die gibt es sonst reichlich überall in der Stadt, ausgerechnet hier eher nicht. Häufige Teilnahmen an Marathon Massenveranstaltungen im In- und Ausland hoben meine Schamgrenze gewaltig. Was ich allerdings hier zu sehen bekomme, verursacht dann doch ein bisschen „mentale Gänsehaut“. Ich wende mich einer Seitenstraße zu. Meine Wahl fällt auf einen Bauzaun, weil einige Herren der Schöpfung davor schon in eindeutiger Pose Aufstellung genommen haben. Er grenzt ein Stück des Bürgersteigs vor einem mehrstöckigen Gebäude ab. An einen der frei werdenden Plätze vor dem engmaschigen Plastikgeflecht trete dann ich ... Als ich mich abwenden will, rumpelt es hinter der Wand gewaltig und erst jetzt fällt mein Blick durch die nicht völlig blickdichten Maschen. Ein Läufer verursacht das Getöse beim Versuch aus einem riesigen Container für Bauschutt zu klettern. Als er auf den Platten des Trottoirs landet, versuche ich jedwede Vorstellung vom Geschehen innerhalb dieses Containers zu unterdrücken …

Die Fahrbahnen des „Paseo de Recoletos“ sind in der Nähe des Starttores von einer unübersehbaren Läufermenge überschwemmt. Blöcke oder Absperrungen gibt es keine. Es macht keinen Sinn, wenn mich Ines tiefer in diesen Ameisenhaufen begleitet. Also empfange ich gleich hier ihre guten Wünsche, dann sucht sie sich einen Platz um den Start zu beobachten.

8:50 Uhr: Wohin soll ich mich wenden? Dicke, blaue Luftballons fallen mir im Gewimmel auf. Unten dran hängen Pacemaker. Ich suche nach „3:30h“, um mich irgendwo dahinter einzureihen. Vergiss es! Dort steht die Menge seitlich bis hinter einen Kiosk und teilweise auf Rasenflächen neben der Straße. Also weiter hinten. Soweit möglich, arbeite ich mich in Richtung der „3:45h-Hasen“ vor. Doch auch hier gelingt es nicht zur eigentlichen Straße vorzudringen. Auch egal. Der Chip am Fuß bürgt für faire Zeitmessung und Gelassenheit. Keine zwei Minuten später umringen mich bereits andere der ohne Unterlass herbei strömenden Marathonis. Nein, im Grunde bin ich nicht „umringt“ - eher schon auf ein winziges Standplätzchen reduziert. Wie es scheint machen zwangsläufige Körperkontakte Spaniern nichts aus. Ich bin da eher ein bisschen „Etepetete“, passe mich aber an und hab’s nach Sekunden auch schon vergessen. Ich stehe höchstens 150 Meter von der Startlinie entfernt. Dennoch bekomme ich akustisch nichts vom Geschehen dort vorne mit. Freude und Aufregung liegen als Lärmglocke über der mehrtausendköpfigen Menge, schotten mich fast vollkommen ab. Ein plötzliches Grollen über den Köpfen unterbricht für Augenblicke jedes andere Geschehen: Sieben Jets einer Kunstflugstaffel donnern im Tieflug über den „Paseo de Recoletas“. Mit ihren Abgasschleppen zeichnen die Flieger das Rot-Gelb-Rot der Nationalflagge in den Himmel. Nach einer Schrecksekunde brandet lauter Beifall auf. Meine Schrecksekunde verhindert ein Foto des spektakulären Überfluges. Die madrilenischen Veranstalter müssen gute Verbindungen zum spanischen Militär besitzen, wenn sie sogar Flugzeuge in den Himmel bringen.

Geschrei aus Richtung Straßenrand durchbricht das allgemeine Brodeln. Ein Trupp einheitlich gekleideter Soldaten tippelt im Gänsemarsch mitten durch das Heer der Läufer. Der Führende trägt eine Art Lanze mit Wimpel, darauf das Abzeichen seiner Einheit. Mit dem Geschrei reklamiert er eine Gasse, um zur Mitte der Straße vorzudringen. Bereitwillig reduzieren die Betroffenen ihren Standplatz auf Bierdeckelgröße. Das reißt nicht ab, zehn, zwanzig, dreißig Soldaten - ich kann’s nur schätzen - in schwarzen Shorts und schwarzem Hemd versickern nach und nach in der Menge. Quer über ihrer Brust prangen die spanischen Nationalfarben, unterbrochen von einem Wappen. Wie es scheint haben die spanischen Streitkräfte ein ziemliches Interesse an diesem Ausdauerexzess, genannt Marathon. Vereinzelt fielen mir schon vorher Soldaten in Shirts ihrer jeweiligen Einheit auf.

Diesmal findet mich das „Grollen“ schussbereit. Als die Jets abermals über unsere Köpfe dröhnen gelingen mir zwei Fotos (Wäre aber nicht nötig gewesen, denn Ines hat sie per Serienfunktion mit der Spiegelreflex auch eingefangen.). Und wieder begleitet Applaus die abdrehenden Maschinen. In mir ruft das Spektakel recht zwiespältige Gefühle hervor. Seit „Ramstein 1988“ gehöre ich zu den strikten Gegnern fliegerischer Showeinlagen. Andererseits war ich Soldat der Bundesluftwaffe. Vielleicht erklärt das, wieso mir das Donnern von Düsentriebwerken zu Ehren (m)eines Marathonstartes durch Mark und Bein geht. Nach diesem Adrenalinschub bin ich wirklich voll da. Es kann losgehen. Oder ist das bereits passiert? Erst zog mich der übliche „Sog“ mehr zur Straßenmitte hin, als der Raum zwischen Masse und Klasse, den Eliteläufern, freigegeben wurde. Und eben glaubte ich einen Schuss gehört zu haben. Kann mich aber auch täuschen. - Nein! Langsam und zäh schieben wir uns in Richtung Startlinie vor. Erst dezimeterweise, dann tippelnd, jetzt gehend und kurz vor den Matten der Zeitnahme fallen alle in sparsames Joggingtempo.

Erst gebe ich meinem Forerunner die „Sporen“, dann mir, das heißt ich will es. Doch es bleibt beim Versuch: Kein Platz zu freiem Laufen und schon gar kein Durchkommen. Auf etwa dreißig Meter Breite wälzt sich der Lindwurm langsam vorwärts. Ich fasse mich in Geduld, die allerdings endet, als die fetten, blauen 3:45h-Ballons mit den „Pacern“ unten dran vor mir auftauchen. Einigermaßen rigoros bahnen sich die Schrittmacher ihren Weg durch die Menge und ich hänge mich da erstmal dran. Auf diese Weise verliere ich nicht noch mehr Zeit. Eine sonderbare Ruhe ohne wirkliche Stille liegt über der Szenerie. Getrappel hunderter Füße als akustische Basis untermalt die eine oder andere nun schon leisere Unterhaltung. Dann und wann auch ein lauteres Scherzen oder Sich-Erkennen-und-Begrüßen. Eine nimmermüde Stadt hält den Atem an. Wo sonst unablässig Blechkarossen in Vier- und Sechserreihen um rasches Vorwärtskommen kämpfen gilt heute Waffenstillstand. Schlachtgesang aus vielen Kehlen bricht ansatzlos und brutal in diese Beschaulichkeit ein, hebt sie für Minuten auf. Ich war so intensiv mit sicherem Laufen und Betrachten der Umgebung beschäftigt, dass mir die Soldaten in Zugstärke, ein paar Meter neben mir laufend, gar nicht auffielen. Dröhnend laut peitschen sie sich mit ihrem angriffslustigen Gesang vorwärts. Jene Männer, die sich vorhin im Gänsemarsch einen Weg in die Menge bahnten. Der Mann an der Spitze trägt die Lanze mit dem Banner. Standarte, einheitlich schwarze Kluft, mitreißender Gesang, stolze Haltung - alles demonstriert Siegesgewissheit. So macht man sich selbst Mut und schüchtert den „Gegner“ ein. Stimmt schon: Jeder Marathon hat auch was von einer Schlacht … ‚Dreißig Kilometer weiter werdet ihr dann nicht mehr singen!’ fasse ich meine Gedanken etwas amüsiert zusammen.

Hinter Kilometer zwei steht eine weitere Fahrspur jenseits einer Baumreihe zur Verfügung und hier könnte ich nun unbedrängt drauf los rennen. Zunächst glaube ich schlicht auf müden Beinen unterwegs zu sein, bis mir die beinahe unmerkliche Steigung bewusst wird. Kein Wunder, dass ich mir in angenehm kühler Luft erste Schweißtropfen von Stirn und Schläfen wischen muss. Die Sonne hat einstweilen keine Chance uns zu erreichen, mehrstöckige Wohn- und Geschäftshäuser werfen lange Schatten. Auf der breiten Ausfallstraße geht es ziemlich exakt in nördliche Richtung. Nach und nach passieren wir madrilenischen Stolz: Erst den kantigen „Torre Picasso“, bis vor kurzem das höchste Gebäude der Stadt und Symbol für das „neue Madrid“, dicht dahinter den dicken, runden „Torre Europa“ und dann eines der weltweit bekanntesten Fußballstadien. Auf der rechten Seite schiebt sich die Fassade des „Estadio Santiago Bernabeu“ ins Kameraobjektiv, legendäre Heimstatt des wohl finanzstärksten Fußballklubs der Welt - Real Madrid.

Kaum sind die Bilder im „Kasten“ als voraus die nächste bauliche Attraktion zwischen Alleebäumen hervor lugt. Die beiden schiefen Türme von Madrid, die „Torres Kio“, flankieren die „Plaza de Castilla“ samt Straße. Die Madrilenen waren vom Ergebnis dieser hochfahrenden Bauplanung angeblich enttäuscht. Mich beeindrucken die schwarz verglasten und mit metallischen Streifenornamenten versehenen Kolosse durchaus. Umso mehr in jenen Sekunden, da wir zwischen den Hochhäusern im Schatten des rechten Turms hindurch laufen. Fast scheint es, als reckten sich die oberen Stockwerke über unsere Köpfe. Mehrmals schaue ich zurück, verpasse fast den Blick auf die neuen Höhenrekordhalter der Stadt. Vier atemberaubend schlanke Bürotürme wuchsen hier vor kurzem in den Himmel. Im Grunde wird an allen noch gebaut, was Ines und ich allerdings erst einen Tag später, bei einer ausgedehnten Stadtwanderung feststellen.

Fast sechs Kilometer liegen hinter mir und seit geraumer Zeit geht es eben dahin. Darauf achtete ich freilich ebenso wenig, wie auf Signale meines Körpers. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Der nördlichste Punkt ist erreicht, die Strecke knickt nach rechts, hundert Meter weiter gleich noch einmal und damit wieder gen Süden. Sicher liegt es am schlagartigen Entzug baulicher Sensationen - die momentanen Ansichten sind eher langweilig und Zuschauer gibt’s hier auch noch keine - dass mein Körper sich nun Gehör verschafft. Zum ersten übermittelt er mir das Gefühl von Müdigkeit und lahmen Beinen. Auf den ersten Marathonkilometern sollten Schritte ohne Anflug von Anstrengung und wie von selbst gelingen. Die Akklimatisation scheint noch nicht vollzogen, was ich ohne Bedenken einfach zur Kenntnis nehme. ‚Dann wird es eben anstrengend! Na und?’ Die zweite Meldung mag ich nicht ignorieren, sie kommt von der Blase. Warum soll ich mich bei einem Trainingslauf länger als unbedingt nötig kasteien? Ich folge dem Beispiel von zwei, drei vor mir ausscherenden Mitläufern, die sich auf einem Stück Brachland erleichtern. Hundert Meter querab, hinter den Fenstern eines Wohnblocks wird man sicher nicht mit Feldstechern bewaffnet auf die Blößen von ein paar Läufern spannen. Ich merkte ja bereits an: Marathonlaufen hebt die Schamgrenze ... Heute mache ich mir wenig Gedanken, weshalb das wieder nötig war. Hab es fast erwartet, nachdem ich erst recht spät das Frühstück einnehmen konnte.

Ich sammele Beweisstücke! Indizien, dass die Streckenkarte lügt, oder zumindest höchst ungenau das wirkliche Profil wiedergibt. Bis hinter Kilometer 10 spricht sie von Laufen auf gleicher Höhe. Tatsächlich finde ich sanftes Gefälle und maßvolle Steigungen in stetem Wechsel vor. Nicht sonderlich fordernd, dennoch sollte man die Wirkung dieses Profils nicht unterschätzen. Denn hinan hält man den Schritt mit vermehrtem Krafteinsatz und hinab ruht man sich auch nicht aus, nutzt die willkommene „Leichtigkeit des läuferischen Seins“ zu höherem Tempo. Das geht in die „Knochen“, mir jedenfalls.

Auch die Temperaturanzeigen schwindeln, dass sich die „Quecksilbersäulen biegen“. Ines sprach vor dem Lauf von 17°C. Kurz nach dem Start las ich an einer Haltestelle den Wert 15°C ab und jetzt will mir ein weiteres „Bushäuschen“ 18°C einreden. Das stimmt auf keinen Fall. Die Luft ist kühl und nur kurze, sonnige Abschnitte erzeugen Schweißperlen. Meine Befürchtungen (Hoffnungen?) einer Hitzeschlacht bewahrheiten sich einstweilen nicht. An der ersten Zeitnahme bei Kilometer 10 zerstreuen sich weitere Bedenken. Knapp über 50 Minuten zeigt die Uhr, folglich bin ich stärker als gefühlt und gut in der Zeit. „In der Zeit“ - in welcher eigentlich? Nun will ich nicht ausgerechnet in Madrid den Nimbus des heldenhaften Germanen mit einer mäßigen Zeit „besudeln“! Deshalb soll der ersten „3“ nach Möglichkeit eine zweite folgen. „3:3xh“ wäre mein Wunschergebnis. Um das zu realisieren, gilt es auf der ersten Hälfte, die mehr Gefälle aufweist, ein paar Minuten gut zu machen und auf den folgenden Kilometern nur wenig langsamer zu werden. Denn tendenziell steht mir ein herber Schlussanstieg über etwa vier, fünf Kilometer bevor, bei dann sicher heftig heizendem Gestirn.

An der 10 km-Zeitmessung standen tatsächlich ein paar Zuschauer. Bisher war die öffentliche Resonanz - vom Startbereich abgesehen - gleich Null. Das liegt an zwei Umständen. Erstens berührte der bisherige Streckenverlauf eher Viertel mit geringer Wohndichte, zum anderen stehen viele Madrilenen jetzt erst auf - erst recht am Sonntag.

Mittlerweile scheint mir die Sonne recht heftig in den Nacken, also orientiert sich die Route nunmehr nach Westen. Und kurz nach dieser Feststellung verschlägt’s mir dann halbwegs den Atem. Was für ein Anblick! Auf schnurgerader, leicht abschüssiger Schnellstraße verliert sich eine endlos wirkende Läuferschlange in der Ferne. Fantastisch! Herrliches Bild, wunderbares Wetter, eine tolle Stadt und ich darf hier laufen. Sch…egal, wenn es sich heute schwer anfühlt. Für solche Bilder würde ich mich auch auf Krücken hier lang schleppen … - Fünfhundert Meter weiter erfährt mein Enthusiasmus einen gaaaanz winzigen Dämpfer. Von hier überblicke ich das Ende der Geraden, sehe sie über einige Laufminuten gegen Himmelblau ansteigen. Zum ersten Mal rinnt der Schweiß. Sonne im Rücken und Steigung unter den Füßen bringen’s zu Wege.

Zeit gut machen! Jetzt gilt’s! Seit Minuten sind wir auf Straßen mit reichlich Gefälle unterwegs und ich hab zwei Gänge rauf geschaltet. Eine Leuchtanzeige informiert den Verkehr außerhalb der Absperrung, über die heutige Laufveranstaltung und begrenzt die Geschwindigkeit auf 50 km/h: „Hoy Maratón popular desde 9:00h“ - ‚Na ja, bin jetzt recht schnell unterwegs, eben bergab. Aber 50 km/h werde ich wohl nicht erreichen!’ - Auf meine Mitläufer hab ich bisher kaum geachtet, versuchte lediglich niemanden zu stören und selbst unbedrängt zu laufen. Der Eindruck, dass sich im Feld kaum Frauen befinden, drängte sich dennoch auf. Die Ergebnisliste bestätigt das: Unter 7739 Finishern platzieren sich lediglich 419 Frauen! Laufsport scheint bei der Damenwelt auf der iberischen Halbinsel eher verpönt.

Die Innenstadt kommt näher und innerhalb weniger hundert Meter wächst die Zuschauerresonanz von Null auf beachtlich. Und es braucht nicht viele Spanier um lautstarke Unterstützung zu produzieren. Die ersten Anfeuerungsrufe sind noch ungewohnt: ¡Animó! ¡Venga! ¡Vamos Campeones! Ebenso die echte, ungebändigte Begeisterung in den Gesichtern vieler. ¡Venga, venga, venga! Kilometer 15, eine weitere Messstelle, hier stehen sie besonders dicht und der Jubel schwillt an. „Pfüüüüt“ tönt es unter meinen und einigen anderen Füßen. Als ich vorgestern den Chip empfing war ich nicht sicher, ob es sich um einen von Champion handelt. Inzwischen schon. Matten, Gerätschaften am Straßenrand und vor allem das unverkennbare Pfeifen sind mir nur allzu vertraut. Der Chip ist weiß und trägt auf der Vorderseite das Logo des Veranstalters. Leisten die Madrilenen sich eine eigene Anlage? Noch größer meine Verwunderung, als ich nach Verlassen des Zielbereiches den Chip noch immer am Fuß trage. Wieder mal was Neues: Ein Einweg-Champion-Chip!

Diese Einkaufsstraße kenne ich: Schmal, gesäumt von hohen Gebäuden und kleinwüchsigen Laubbäumen, daher kühl und dunkel. Gestern schlenderte ich hier mit Ines entlang. ¡Vamos Campeones! ¡Animó! - Schon seit einiger Zeit halte ich Ausschau. Ines wollte sich irgendwo im Zentrum an der Strecke postieren. Allerdings hab ich bei der Dichte von Zuschauern wie Läufern Zweifel sie überhaupt auszumachen. Aber ich habe Glück! Die Straße ist leicht abschüssig und so sehe ich sie schon dreißig Meter vorher. Ich winke, rufe und dann nimmt sie mich wahr, reißt die Kamera hoch und lässt die Pentax eine Serie schießen. Auf den letzten Zentimetern gelingt uns sogar noch ein Abklatschen. Ehrlich: Ich lauf einen Marathon auch alleine und hab dabei jede Menge Spaß. Aber Ines an der Strecke zu treffen, das ist einfach unbeschreiblich … Hormonstoß im Blut: Endorphin lässt mich lachen.

Dreißig Meter weiter: Adrenalin schießt in die Blutbahn - Blitzreaktion Zehntelsekunden danach. Zu spät! Den kleinen Mann im weißen Anzug sehe ich erst, als er dem hoch gewachsenen Läufer schräg vor mir gerade noch ausweichen kann. Dann knallt er vor meine Brust. - Der ist wirklich winzig! - Der ist doch total besoffen! - Eindrücke in Sekundenbruchteilen. - Von meiner Brust prallt er wie ein Tennisball in Richtung Gehsteig, landet in den Armen einiger Zuschauer, wird aufgefangen, bleibt sogar auf den wackeligen Beinen. Und ich fluche lautlos, bin nicht mal völlig zum Stehen gekommen. ‚Wie kann der Idiot hier die Straße überqueren!’ Ok, es ist zum Glück nichts passiert und deshalb beruhige ich mich rasch. 44 Marathonläufe hab ich kollisionsfrei überstanden, dann rennt mir ausgerechnet in Madrid ein Trunkenbold vor die Füße …

Die enge, dunkle Einkaufsstraße ist Vergangenheit, wir sind nach rechts abgebogen, in eine der Prachtstraßen Madrids, in die berühmte „Gran Vía“. Leider sind uns nur wenige hundert Meter auf der Einkaufs- und Flaniermeile vergönnt, dann wenden wir uns einer Fußgängerzone zu. Meine Spannung wächst, weil wir uns nun dem Herz Madrids, genau genommen dem Herz ganz Spaniens nähern, dem Platz „Puerta del Sol“, zu Deutsch „Sonnentor“. Hauptstraßen, strahlenförmig in alle Landesrichtungen, haben dort ihren Ursprung. Und die beste Stimmung des ganzen Laufes soll es hier geben. - Unbeschreiblich! Mehrere Zuschauerreihen verursachen ein aberwitziges Getöse. Applaudierende Hände, schreiende Münder: ¡Venga, venga, venga ...! ¡Vamos, vamos, vamos ..! Vor der Fassade des die „Plaza“ beherrschenden Gebäudes spielt eine traditionelle Musikgruppe rhythmisch Schmissiges. Viele Läufer winken ihnen zu, jubeln ihrerseits. Toll! Nur Sekunden dauert dieses Intermezzo, dann verlassen wir die „Puerta del Sol“ über die „Calle Mayor“ - die „Hauptstraße“.

Für die nächsten Minuten stelle ich meine Läuferidentität hinten an, dafür darf sich die Fotografenseele ausleben. Die „Calle Mayor“ ist vom wunderschönen, zentralen Platz Madrids, der „Plaza Mayor“ nur durch eine Gebäudereihe getrennt. Ich bleibe stehen und fotografiere die Läufer vor einem der torartigen Zugänge. Anlaufen und weiter. Allerdings nur wenige Schritte. Wieder stoppe ich am Straßenrand, um Marathonis mit altem Madrider Rathaus, dem „Casa de la Villa“, im Hintergrund abzulichten. 17 Kilometer gelaufen. An dieser Stelle treffe ich auf die erste Dusche. Der Streckenplan kündigte Duschen ab Kilometer 7,5 in Abständen von je fünf Kilometer an. Allerdings waren sie bisher überflüssig und sind es im Grunde noch immer. Nach dem obligatorischen Foto kann ich nicht mehr ausweichen und lasse den kühlenden Nebel über mich ergehen. Linderung bei großer Hitze kann ich mir bei diesem bisschen Feuchtigkeit nicht recht vorstellen …

Hoch konzentriert renne ich um die nächste Häuserecke. Ich „renne“, weil es immer noch bergab geht. Und „hochkonzentriert“ ist der Fotograf, weil er weiß, was ihn in ein paar Sekunden erwartet, das sicher prächtigste Gebäudeensemble ganz Madrids: Zunächst die prächtige, grauweiße Kathedrale „Nuestra Señora De La Almudena“, danach der in gleichem Stil ausgeführte „Palacio Real“. Wir passieren den Königspalast seitlich über eine Fußgängerzone, die eine Brücke zur „Plaza de Oriente“ und der dahinter sichtbaren Fassade des Opernhauses schlägt. Und immer wieder: ¡Venga! ¡Vamos Campeones! Beim gestrigen Stadtrundgang sprach ich mit Ines über die gewaltige Ehrerbietung der spanischen Bevölkerung gegenüber ihrem Königshaus (In den achtziger Jahren rettete König Juan Carlos die junge Demokratie bei einem Putschversuch). Auf dem Pflaster vor dem Palast manifestiert sich Hochachtung durch eine mehrere hundert Meter lange Lücke in der blauen Linie … Auch hier unterbreche ich meinen Lauf, drehe mich um und fange die heranstürmenden Läufer vor dem „Palacio Real“ ein. Ein tolles Bild!

Abwärts, immer weiter abwärts und besonders diese Schritte gehen mir schon durch und durch. Sei’s drum! Die Stadtbesichtung nimmt kein Ende, wenngleich mir die folgenden Attraktionen noch nichts sagen. Über den „Palacio Real“ kamen Ines und ich gestern nicht hinaus. Also passiere ich zunächst das moderne, ein wenig wie ein Bunker wirkende Gebäude des spanischen Senats und danach die gänzlich hinter Bäumen verborgene „Plaza España“. Hinter ihr baut sich ein weiteres Wahrzeichen Madrids auf, das gestufte, hübsch hässliche Hochhaus „Edificio España“. Angesichts dieser „Bude“ empfinde ich ein wenig wie bei manchen Frauen: Eigentlich keine Schönheit und doch ungemein attraktiv. - Die Straße verlangt ein paar Minuten mehr Kraft in sanfter Steigung. Links führt eine Treppe auf eine Art Plateau oder Platz. Die parkähnliche Anlage ringsum signalisiert etwas Bedeutungsvolles. Mehr als ein künstlicher Horizont vorm Himmelblau erschließt sich mir jedoch nicht. Anlässlich eines Trainingslaufes werde ich übermorgen dort oben auf den „Templo de Debod“ stoßen. Ein waschechter ägyptischer Tempel, der im Tal von Assuan den Fluten des Staudamms weichen musste und dem Land Spanien für dessen archäologische Unterstützung geschenkt wurde.

20 Kilometer vorbei, Tendenz weiterhin abwärts. Immer noch Gelegenheit ein Zeitpolster zu erarbeiten. Das gelang mir auf den letzten Kilometern ganz gut und steigert sich in der folgenden recht abschüssigen Passage. Die umfangreiche Ergebnisstatistik (so detailliert hab ich das noch nirgendwo gesehen!) dokumentiert auf diesem Abschnitt das schnellste Tempo, deutlich unter 5 min/km. Es geht hinunter in das vom „Río Manzanares“ geschaffene Tal, dann über eine sonnendurchflutete, ewig lange vierspurige Straße Richtung „Estación Principe Pío“, einem von mehreren Madrider Bahnhöfen. Es ist wärmer geworden, aber nicht warm genug, darum weiche ich dem Nebel aus zwei weiteren Duschköpfen aus. Links zieht die Fassade des Bahnhofs vorbei, von rechts und immer wieder: ¡Animó! ¡Venga! ¡Venga! Ein Kreisverkehr umschließt das Tor „Puerta de San Vicente“. Lediglich das Tor ist heute erkennbar. Eine gewaltige Menschensammlung lässt den Läufern nur eine vergleichsweise schmale Gasse zum Laufen. Kinderhände recken sich zum Abklatschen und viele Köpfe, um das Nahen ihres „Torero de Maratón“ nicht zu verpassen. Beifall brandet auf und zahllose Rufe begleiten mich auf den Weg hinunter zum Fluss: ¡Vamos, vamos, vamos Campeones!

Die Ufer des „Río Manzanares“ verschandelt derzeit eine hässliche Baustelle. Madrid hat sich entschlossen hier einen kilometerlangen Park anzulegen, von dem allerdings noch nichts zu erkennen ist. Augen zu und durch! Über den aufgestauten Fluss, ein Tor durchschreitend und schon ist Schluss mit hässlich. Ab jetzt dominiert die Farbe Grün. Wir laufen auf bekanntem Sträßchen durch die „Casa de Campo“, die eingangs schon erwähnte grüne Lunge nahe dem Stadtzentrum. Auf dem von jungen, sattgrünen Alleebäumen gesäumten Asphaltband begegnet mir die große, weiße Tafel mit der „24“. Ab jetzt geht’s eine ganze Weile wieder aufwärts. Straßenkreuzung, hier nach rechts. Eine frische Erinnerung: Dort drüben unter den schattigen Bäumen standen gestern Nachmittag zwei farbige Frauen, Prostituierte. Ihre Aufmachung war eindeutig. Prostitution ist auch der Grund, warum dieses Gebiet bei den Einheimischen trotz seines wichtigen Erholungswertes keinen guten Ruf besitzt. Nach Einbruch der Dunkelheit soll man hier nicht mehr Spazieren gehen rät der Reiseführer … - Ein Treffen von vier Sportskameraden mitten im Wettkampf: ¡Hola! ¿Qué tal? - „Hallo, wie geht’s?“. Und für Minuten tauschen vier Läufer die wichtigsten Neuigkeiten aus. Dabei werden sie kurzatmiger, denn das Sträßchen geht für hundert Meter in heftige Steigung über, um das Niveau des künstlichen Sees, des „Lago“, zu erreichen. Ich kämpfe, das Empfinden von Müdigkeit ist nicht gewichen, obschon (oder weil?) ich recht flott unterwegs bin. Schon jetzt spüre ich jede einzelne Faser in den Beinen. Gut möglich, dass mich der Schlussanstieg nachher aus den „Pantinen“ haut.

Auf einer Platanenallee dringen wir immer tiefer in den schattigen Forst der „Casa de Campo“ ein. Hinter den Alleebäumen mit ihrer scheckigen Rinde erstreckt sich dichter Laubwald mit Ulmen, Birken und Eichen (Ein Lehrpfad informiert Ines und mich einige Tage später beim Waldspaziergang). Ein Rausch in Grün zieht vorbei, der Citymarathon mutiert zum Landschaftsmarathon. An zwei Stellen berühren sich hin und zurück flutende Läuferketten fast, sind nur durch eine Baumreihe voneinander getrennt. Aufwärts, leicht aber stetig aufwärts, mich fordern die Kilometer 25 bis 27. Eine lang gezogene Linkskurve bringt uns auf Gegenkurs und über weitere, schattige Alleen zurück zum Lago. - Oh nein! Nicht DA rauf, den Buckel kenne ich von vorgestern! In praller Sonne, ohne kühlendes Lüftchen, für zweihundert steile Meter, wendet sich die Straße einem der äußeren Stadtviertel zu. Die Steigung katapultiert meinen Puls in den Madrider Himmel und die über dem Asphalt aufgestaute Wärme sorgt für beinahe spontan rinnenden Schweiß. Meine Beinmuskeln jammern steinerweichend. Aber es geht und ich hab nicht mal das Gefühl im Grenzbereich zu laufen. Ich bin oben, was in Madrid meist bedeutet, kurze Zeit später wieder runter zu rennen. Runter zur nächsten Kreuzung, vorbei an einer Musikgruppe, postiert auf einer Bühne, vorbei mit ¡Animó! ¡Venga! und ¡Vamos! im Rücken. Links abgebogen und unentwegt hinunter Richtung Fluss. Von den Anhöhen gegenüber „winkt“ das hübsch hässliche „Edificio España“ herüber. Noch immer im „Sinkflug“, dabei über die Matten der Zeiterfassung für 30 Kilometer. ‚Gut in der Zeit, das passt, bleib einfach dran!’

Flussufer erreicht, daran entlang und wieder mitten in der Baustelle. Aber nur kurz, dann besichtigen wir ein neueres, entsprechend langweiliges „Barrio“ (Stadtviertel) Madrids. Aber auch hier wartet stellenweise heftig applaudierendes Publikum. Die Madrilenen (alle Spanier?) beweisen ein ums andere Mal echte Sportbegeisterung. - Zurück über den Fluss und vorbei am zweiten großen Fußballstadion der Stadt, dem „Estadio Vicente Calderón“. Hier trägt der zweite renommierte Klub der Stadt, „Atlético de Madrid“, seine Heimspiele aus. Hinter der Brücke gleich nach links. Ok, jetzt werden Kilometer verbraten. Ein Straßenzug parallel zum Fluss, nichts Aufregendes zu sehen. 33 Kilometer gelaufen. Rechts rum, ein Stück berauf, dann wieder rechts, durch weitere undramatische Wohnstraßen. 35 Kilometer gelaufen. Aber Leute stehen hier! Und sie applaudieren und schreien: ¡Animó! ¡Venga! ¡Vamos Campeones! Inzwischen spüre ich die Wärme. Kurz vor Mittag sind 20°C überschritten. Eine Bushaltestelle meldet „21°C“. Meine Haut glänzt zeitweise schweißnass. Ich genehmige mir zwei Becher Wasser an der nächsten Verpflegungsstelle. Inzwischen steht fest: An Madrider Verpflegungsstellen gibt es nur Trinkbares, nichts Festes. Das scheint hier nicht üblich!?

Es ist soweit: Der ewig lange Schlussanstieg hat begonnen. Moderat und stetig aufwärts, nunmehr unablässig begleitet von frenetisch jubelnden Zuschauern. Ich schufte, bin jedoch sicher, dass meine Kräfte nicht versiegen werden. Ich stabilisiere meine Pace bei etwa 5:15 min/km. Hunderte sind dazu nicht mehr in der Lage. Gleich haufenweise bleiben andere Läufer hinter mir zurück. Die ausführliche Statistik enthüllt, dass ich zwischen Kilometer 10 und dem Ziel insgesamt 1.000 Plätze gut machen konnte. Davon allein 550 auf den letzten sieben Kilometern! Dazu brauchte ich nur einigermaßen mein Tempo zu konservieren. Viele wirken trabend, manche gehend, einige stehend K.O. ‚Vorwärts! Aufwärts! Durchhalten, nur noch 5 Km!’ Und von den Straßenrändern bekomme ich Ansporn: ¡Venga! ¡Vamos! - Es geht, ich halte den Schritt. Im spitzen Winkel nach links, fortan etwas steiler nach oben. Massenhaft Platz zum Laufen hier. Ein Skater im bunten Trikot kurvt heran, um seinen heftig aufwärts stampfenden Vereinskameraden, erkennbar am selben Outfit, abzulichten. ‚Was macht der Depp???’ kurvt mir direkt in den Lauf, rechnet nicht mit einem schnelleren Läufer von hinten. Mir entfährt ein halb erschrecktes, halb entrüstetes „He!“, worauf der „Rollerblader“ alarmiert zur Seite abdreht. Ich laufe wieder an, hab den Vorfall zwei Schritte später bereits vergessen. Aber nur bis der „Missetäter“ neuerlich neben mir auftaucht, sich freundlich lächelnd entschuldigt und mich dann auch noch im Speicher seiner Kamera mit nach Hause nimmt. Ich entsinne mich der üblichen Vokabel nach akzeptierter Entschuldigung und erteile ihm mit ¡No importa! und freundlichem Gesicht die Absolution.

Am Ende dieser langen Steigung vermute ich ein weiteres baugeschichtliches „Highlight“ der Stadt und bin dann nicht überrascht tatsächlich auf die „Estación de Atocha“ zu treffen, einen der schönsten Bahnhöfe überhaupt. Die Welt kennt diesen Knotenpunkt eher im Zusammenhang mit den entsetzlichen Anschlägen auf Madrider Vorortzüge im Jahr 2004, bei denen 191 Menschen starben. Doch wer nach Madrid reist, sollte sich diesen Bahnhof unbedingt ansehen. Zunächst von außen, erst recht von innen. In der Bahnhofshalle wurde ein tropischer Regenwald gepflanzt, dem es an nichts mangelt. Nicht mal am Regen, den etliche Düsen als feinen Nebel fabrizieren. Im Halbrund um die Bahnhofsfassade, anschließend gleich wieder bergwärts. 39 Kilometer gelaufen. Körper und Geist sind jetzt heftig gefordert. Der Körper will nicht mehr, muss aber wollen. Ich treibe mich vorwärts. Zuschauer helfen, feuern an - ¡Animó! ¡Venga! ¡Vamos! - Eine Linkskurve, dahinter eine lange, zum Glück schattige Gerade, etwas mehr Steigung. Ich schaue auf meine Mitläufer, schöpfe Kraft aus zahllosen Überholmanövern, Motivation satt. Es geht! Es tut weh, ja schon, ist anstrengend, sogar sehr, aber es geht. Kilometer 40 zieht vorbei.

Noch eine Linkskurve und noch mehr Steigung und sie liegt in praller Sonne und sie scheint endlos. ‚Das hält mich jetzt auch nicht mehr auf, gleich geschafft, gleich vorbei!’ Ich stampfe monoton vorwärts, aufwärts, schaue meist zu Boden, schwitze heftig. Ich steppe über zwei merkwürdige, quer zur vierspurigen Straße liegende Bänder oder Seile, die an einem Laternenpfahl fest gekettet sind. ‚Irgendeine Verkehrszähleinrichtung?’ frage ich mich und blicke dabei leider in die falsche Richtung. So kann ich Ines nicht sehen, die genau an dieser Stelle auf mich gewartet hat … 41 Kilometer gelaufen. ‚Wie es aussieht bin ich gleich oben!’ - Bin oben! Geschafft! Langsam weicht der Schmerz aus den Beinen, laufen fällt wieder leichter. Der Rand des „Retiro Parks“ ist längst erreicht. Noch eine Linkskurve, wieder Gefälle und dann mit Schwung durch eines der kunstvoll verzierten, schmiedeeisernen Tore des Parks. Noch 600 Meter bis zum Ziel. Schon hier Absperrungen und dahinter dicht gedrängte Zuschauerreihen. Den letzten halben Kilometer lege ich unter unablässigem Jubel zurück. Wir werden pausenlos angefeuert. Jeder einzelne ein Sieger! Nur selten schenkt man dir dieses Gefühl so lange, so weit vor dem Ziel. Das Ziel! Da vorne, muss noch durch mehrere Werbetore und dann genieße ich glücklich die letzten Meter eines wunderbaren Laufes …


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