Wenn die Oma mit dem Glöckchen ... - Leipzig Marathon 2008

Für heute war er fest versprochen, aber er ist nicht da. Auch der Leipzig Marathon 2008 wird ohne ihn stattfinden. Deshalb liefere ich mich einmal mehr belustigten Blicken aus, als ich, in wallendes Plastik gehüllt, das Gebäude der Sporthochschule verlasse. Kein Frühlingstag, ersatzweise bedeckter Himmel, sieben Grad Celsius, Wind. Von letzterem abgesehen, werden die meisten LäuferInnen dieses Wetter begrüßen. Absolut klar. Wenn du aber Tag für Tag draußen bist und an jedem Wochenende einen Marathon anpackst, dann gehen dir Kälte & Co. alsbald auf den Wecker. Trocken soll es bleiben - so der Wetterbericht - und im weiteren Tagesverlauf könnte der Himmel mitunter aufreißen. 9:50 Uhr. Ines und ich müssen uns beeilen. Von der Kleiderdeponie in der Sporthochschule bis zum Start neben dem Zentralstadion ist gut ein halber Kilometer zu gehen. Ines’ 10 km-Lauf beginnt erst um 13:30 Uhr, dreieinhalb Stunden nach mir. Sie wird also gerade ein paar Minuten unterwegs sein, wenn ich das Ziel erreiche.

Ich stehe vorm neunten Marathon in diesem Jahr. Zuletzt absolvierte ich diese Strecke viermal in zwei Wochen und trainierte pro Woche jeweils 120 Kilometer. Das ist vertretbar, aber grenzwertig und nur zu schultern, wenn ich die Wettkämpfe mit reduziertem Tempo laufe. Am letzten Wochenende, in St. Wendel, scheiterte diese Strategie wieder einmal an fehlender Disziplin. Darum steht für heute die „Schallmauer“ bei 3:40h. Auf dem Weg zum Sportgelände hat mich Ines noch einmal auf die Formel „Nicht unter 3:40!“ eingeschworen und das war gut so. Jetzt gilt es als Versprechen und wird mir helfen allen Anwandlungen hinsichtlich höherer Tempi zu widerstehen. Ich musste lernen, dass Erfahrung und Vernunft allein eine zu schwache Schranke errichten. Verführerische Dramaturgie eines glücklichen Wettkampfverlaufs ließ mich ein ums andere Mal körperliche und psychische Barrieren durchbrechen. Heute nicht! Ines und mir selbst versprochen! Im breiten Mittelfeld „mitschwimmen“, Kräfte und Knochen schonen! Dabei die weitgehend unbekannte Stadt entdecken und nach Möglichkeit den Lauf genießen.

Vier Minuten vor zehn. Wir nähern uns dem Zielportal, beobachten den Start der bewunderungswürdigen Handbiker und unversehens erkenne ich meinen Irrtum: Der Marathonstart findet einige hundert Meter hinter der Ziellinie statt! Das wird eng und deshalb komme ich nun doch noch zu ein paar Aufwärmmetern. Hastig verabschiede ich mich von Ines, klettere über die Absperrung und ziehe mir die Plastikhülle über den Kopf. Inmitten eines Pulks von etwa 800 LäuferInnen, und im Halbdunkel einer Unterführung stehend, erwarte ich den Startschuss. Aus dem Dunkel ans Licht und munter lauf los getrabt. Die Masse wird mich vor überzogenem Anfangstempo bewahren. Am Ende der Startgerade, kurz vor der Linkskurve Richtung Zentrum, spielt uns eine in schreiend blau-gelbe Kostüme gekleidete Musikkapelle auf. Auf breiter Allee streben wir der Stadtmitte zu. Ungemein viel Platz zum Laufen schon in den ersten Minuten. Das passt zu dieser Stadt. Wer sich Leipzig nähert, fährt über zig Kilometer brettflaches Land. Offensichtlich litten Leipziger Städteplaner nie unter Platzmangel. Aufgelockerte, weitläufige Bauweise ist Trumpf. Siebzehn Jahre nach der Wende präsentieren sich viele der alten Wohn- und Geschäftshäuser in Bestzustand. Aber auch das ist leider noch immer Realität: Zwischen prächtig renovierten Stuck- oder Steinfassaden führen unbewohnte, völlig dem Verfall preisgegebene Ruinen ein Schattendasein. Und um die Wunden einer anderen, noch größeren Katastrophe endgültig zu schließen, wird die Stadt sicher noch ein halbes Jahrhundert benötigen. Immer wieder läuft man durch Straßenzüge aus deren einst geschlossenen Fronten die Bomben des Weltkrieges riesige Lücken stanzten, blickt auf nackte, mehrstöckige Giebel.

Man lässt uns nicht ins Zentrum, spart den historischen Stadtkern vollkommen aus. Wer viel läuft kann vergleichen: Das ist, als planten Römer ihren Marathon ohne Kolosseum, Spanische Treppe und Fontana di Trevi. Einfach unverzeihlich! Wir biegen nach rechts in die „Elsterstraße“ ab, wodurch sich immerhin ein hübscher Blick auf den Turm des „Neuen Rathauses“ eröffnet. In diesen ersten Minuten achte ich weder auf meinen Körper, noch kümmert mich Wettkampfgeschehen - bin mehr Fotograf als Läufer. Eine lautstarke Zurechtweisung an der nächsten Kreuzung ändert das schlagartig: „Nicht abkürzen!“ schreit der Ordner und fügt maßlos übertreibend hinzu: „Das bringt ja mindestens zwanzig Meter!“ Ein paar meiner Vorderleute schnitten über den Bürgersteig ab, verschafften sich auf diese Weise einen kleinen Vorteil. Auch ich befinde mich schon auf dieser „Fährte“, korrigiere dann aber meinen Laufweg, um Gnade vor den Augen des Gestrengen zu finden. Ein bisschen belustigtes Kopfschütteln, ob solcher Kleinlichkeit, vermag ich allerdings nicht zu unterdrücken.

Nach zwei Kilometern prüfe ich zum ersten Mal die Uhr, bin erwartungsgemäß etwas zu schnell. ‚Das wird sich bald von selbst regulieren’ denk ich mir und genieße derweil das Gefühl ausgeruht durch die City zu joggen. Wie ein Trunkenbold auf dem Heimweg beschreibe ich Schlangenlinien auf der breiten Straße. Die Suche nach der jeweils besten Fotoperspektive treibt mich mal auf diese, bald auf jene Seite. Um den breiten Rücken von Vorderleuten nicht im Bild zu haben, ist ab und an auch ein kleines Überholmanöver nötig. In diesen Sekunden, da die einem Schloss nicht unähnliche Kulisse des „Neuen Rathauses“ mit jedem Schritt wuchtiger den Sucher ausfüllt, befällt mich wahre „Jägermentalität“. Das 1a-Motiv muss in den Kasten, selbstredend mit Läufern davor!

„Udo!?? - Bist du Udo?“ fragt jemand vom Straßenrand. Kaum hab ich seine Frage bejaht, als er auch schon in Straßenkleidung und joggend neben mir auftaucht. Ein Mitglied des Läuferforums hat mich erkannt und seine Sekunden währende Begleitung ermöglicht uns ein paar Sätze. Händedruck, gegenseitig gute Wünsche für die Zukunft, dann bleibt er zurück. Schön, dass er da war! Solche Begegnungen, obschon ultrakurz und bar jeglicher Tiefe, hinterlassen ein gutes Gefühl.

Blitzidee: Ein Bild vom Rathaus mit Läufern, aber die bitteschön von vorne! Also nach rechts ausscheren, stehen bleiben und den rechten Moment abpassen! „Klick“ und noch mal „klick“ und weiter. Beinahe pausenlos entlockt Architektonisches meiner Kamera das elektronisch nachgebildete „Klicken“. Die Zahl der Fotos entspricht meiner erstaunlich guten Gemütslage. Wieso die „erstaunlich“ ist? - Weil ich im Gegenwind friere. Mein „Outfit“ postuliert Frühling: Kurzärmliges Unterhemd, darüber Singlet und Kurztight an den Beinen. ‚Bestimmt wird mir noch wärmer, wenn ich erst einmal richtig eingelaufen bin. Und vielleicht kommt ja auch noch die Sonne durch!?’

Das berühmte Gewandhaus taucht links der Straße auf. Von der Seite vermag der nüchterne Zweckbau nicht so recht zu vermitteln, dass in ihm Orchestermusik auf Weltniveau erklingt. Mich ziehen denn auch andere, rhythmisch geklopfte und getrommelte Klänge in ihren Bann. Auf einer Art Holzkiste sitzend, Jacke orange, Hose weiß, Instrumente irgendwie fremdartig, vermag ich die „Combo“ keinem Stil zuzuordnen.

Wir Läufer wenden uns nach rechts und kurz darauf der „Prager Straße“ zu. Auch hier bestätigt sich der Eindruck riesiger, unbebauter Flächen. Wo andere Städte hoch komplizierte Lösungen austüfteln, um die Wege von Tram, Bus, Auto, Radfahrern und Fußgängern auf engstem Raum einigermaßen konfliktfrei zu verknüpfen, leistet sich Leipzig verschwenderische Großzügigkeit. Den Eingang zur „Prager Straße“ beherrscht der in Altrosa gehaltene Bau des Grassimuseums. Den Namen lese ich von der Front. Aufzuklären, was man darin „museal“ aufbereitet und bewahrt, bleibt einer Suchanfrage im Internet vorbehalten.

Kilometer vier: Da steht wieder eine dieser Kriegsfolgen mit weithin sichtbarem, nacktem Giebel. Die Eigentümer dieses Hauses machten allerdings aus der Not eine Tugend, nutzen die Fläche für ein buntes Kunstwerk. Ist es ein Kunstwerk? Wie immer angesichts „Gemaltem“ vermag ich nur zu sagen, ob es mir gefällt oder nicht. Und diese scheinbar zufällige Anordnung von Farbflächen mag ich. Umso mehr, als sie wie ein Sonnenaufgang auf mich wirkt - und das an einem trist grauen Aprilmorgen.

Die „Prager Straße“ scheint eine der ersten Adressen Leipzigs zu sein. Linker Hand beeindruckt mich gerade ein modern gehaltener, roter Backsteinbau. Handelt es sich hier um Neubauten oder um renovierte, zugleich umgestaltete Hinterlassenschaften des Sozialismus? Der Eindruck, dass ich mich kaum um meinen Lauf kümmere, trügt nicht. Der langsame Trab fordert noch keine Kraft und die inzwischen dünne Läuferkette auf breiter Straße keinerlei Konzentration.

Nach rechts und bald vorbei am Botanischen Garten, Minuten später lautes Krakeelen, das ich zunächst nicht zuordnen kann. Kurz vorm nächsten Abzweig identifiziere ich dann einen Berg von einem Menschen, einen Ordner, mitten auf der Kreuzung stehend, als Quelle des anfeuernden Lärms. ‚Wenn der so weiter brüllt, bringt er morgen keine Silbe mehr raus. Das hört sich jetzt schon leicht heiser an!’ - Weiter auf breiter Allee, links eine mehrere hundert Meter lange Wohnanlage (renovierte Plattenbauten?). Rechts eine freie, begrünte Fläche, dahinter gleichfalls Wohnsilos, etliche Stockwerke hoch. Die Straße ist neu, der Bürgersteig akkurat hergerichtet, der Asphalt noch schwarz, glatt, ohne jede Verwerfung. Das spürt man unter den Füßen und hört es am speziellen „Tapp-tapp“ der eigenen Füße.

Die nächste Riesenkreuzung (In dieser Stadt gibt’s sicher kaum Unfälle, weil sich Autos auf so viel Raum gar nicht begegnen können!?) beschert eine Überraschung: Läuferrücken vor mir und Läufervorderansichten auf der Gegenspur. Das muss jene Schleife sein, die der Streckenplaner uns um den „Deutschen Platz“ gönnt. Eine ovale, von hohen Bäumen umstandene Rasenfläche dürfen wir uns von allen Seiten ansehen. Das monumentale Gebäude an der Nordseite beeindruckt mich allerdings mehr. Die unausgesprochene Frage wird nur zum Teil beantwortet, als ich über dem Haupteingang die Bezeichnung „Deutsche Bücherei“ in goldenen Lettern entziffere. Erst das Internet klärt mich darüber auf, dass es sich hier um einen von drei Standorten der „Deutschen Nationalbibliothek“ handelt.

Entlang eines bunt bemalten Bauzaunes verlassen wir die kurze „Schikane“ und steuern auf die beim Herweg passierte Kreuzung zu. Akustisch wird dieser Weg von anhaltendem, hellem Gebimmel untermalt. Von ihrer sicher nur wenig jüngeren und begeistert applaudierenden Begleiterin hat sich eine Oma im Rollstuhl in Straßenmitte platzieren lassen. Mit Kopftuch, dick eingepackt und zusätzlich in eine Decke gewickelt, trotzt die alte Frau der Kälte. Ihr Gesicht strahlt und mit dem Glöckchen in ihrer Hand feuert sie jeden Läufer an. Was für eine wunderbare Zuschauerin! Ich bin zugleich gerührt und begeistert …

Seit wann gleißen die Dächer unserer Kirchen in blankem Gold? Und welcher Baumeister ließ sich die seltsame Stufung dieses Sakralbaues einfallen? Das sieht mehr nach „Raumfähre“ aus, als es einem Gotteshaus gleicht. Die ungewöhnliche Form des Kreuzes, mit dem die Turmspitze abschließt, gibt mir dann Gewissheit eine Stätte orthodoxen Glaubens vor mir zu haben. Der Stadtplan vermerkt an dieser Stelle „Russische Gedächtniskirche“.

Liest sich das eher wie ein Erlebnisaufsatz nach einer Stadtbesichtigung und weniger als Laufbericht? Mag sein, denn mein Laufen vollzieht sich (noch) vollautomatisch und (noch) völlig beschwerdefrei. Die Zwischenzeiten lese ich ab, registriere sie dennoch kaum. Meiner unkonzentrierten Laufweise wegen, pendeln sie mit teilweise deutlicher Abweichung um einen Schnitt von 5:15 min/km. Ich renne durch eine nahezu menschenleere Stadt. Seltene Zuschauer sind meist zufällige Passanten, die für das Geschehen erstaunte Blicke und nur ausnahmsweise Beifall übrig haben. Der Stadt und ihren Menschen scheint der Marathon (fast) gleichgültig zu sein. - Sieben Kilometer gelaufen.

Zurück auf der „Prager Straße“ gilt meine Aufmerksamkeit zunächst einem Versorgungsstand. Etwa alle drei Kilometer gibt’s Wasser und so gestatte ich mir jeweils nur einen großen Schluck. Kälte und leichtes Drücken auf der Blase schüren allerdings Bedenken: ‚Sollte ich noch weniger trinken?’ - Die Besichtigungstour geht weiter: Ein Stück voraus schiebt sich das Wahrzeichen der alten „Leipziger Messe“, das weltbekannte „Doppel-M“, ins Blickfeld und in der Ferne überragt das „Völkerschlachtdenkmal“ seine Umgebung. Vorbei an alten Messehallen, minimal ansteigend jetzt, über eine Bahnbrücke und binnen weniger Minuten baut sich der teilweise eingerüstete Klotz des „Völkerschlachtdenkmals“ über uns auf. Das „Ding“ strengt sich mächtig an, ähnlich hässlich zu wirken, wie das zu Grunde liegende Ereignis. Protzig monumental sollte es im Kaiserreich das Abschlachten von über 100.000 Menschen heroisieren, vor allem natürlich deutschen Blutzoll ehren. War das Gedenken? Symbolisierte damals ein solcher Koloss nicht vielmehr eigene Größe und Bedeutung, leistete zugleich revanchistischem Denken gegen den einstigen Feind Vorschub?

Vor mir macht ein Läufer seinen Begleiter scherzend auf einen „Starenkasten“ aufmerksam. Ein bisschen verrottet wirkt das mit dickem Stahlband und Schloss gesicherte Instrument der Verkehrsüberwachung. ‚Ob das überhaupt funktioniert?’ Immerhin kann ich im Drüberlaufen erkennen, wo man die Induktionsschleifen im Asphalt versenkte. - „Zum Kaiser Napoleon“ heißt die Gaststätte vor einer Parkanlage. Suchte der Besitzer lediglich eine dem Umsatz förderliche Bezeichnung oder wollte er tatsächlich an den hier entscheidend geschlagenen, größenwahnsinnigen Kaiser der Franzosen erinnern. - Neun Kilometer gelaufen.

In spitzem Winkel und vor einer kleinen Zuschauerkolonie verlassen wir die „Prager Straße“, wenden uns nach Westen. Endlich! Endlich Rückenwind! Die Unterstützung ist mir „wurscht“, ich begrüße das vorläufige Ende fortwährenden Fröstelns. Beim Überlaufen der Matten „quiekt“ die Zeitmessung für mich, attestiert 10 Kilometer in etwa 52 Minuten. Auf leicht abschüssigem Geläuf geht es entlang eines riesigen Friedhofgeländes. Auf der linken Seite weckt die Anlage des „Bruno-Plache-Stadions“ meine Neugierde. ‚Wer war Bruno Plache?’ frage ich mich und fasse den Vorsatz einer entsprechenden Internetrecherche …

Animiert das viele Grün rings umher oder zwingt mich das etwas schnellere Laufen in sanftem Gefälle? Einerlei, ich muss mal. Noch sehe ich keine Möglichkeit. Vor einer Friedhofsmauer mag ich mich nun wirklich nicht erleichtern und hinterm Zaun auf der anderen Seite hindert der Spielbetrieb auf diversen Fußballplätzen. Ein Stück weiter geht’s dann. Heute stört es mich kaum, aber was, wenn ich mal wieder um Zeiten kämpfe und mir diese verlorenen zwanzig, dreißig Sekunden „weh“ tun? Der „Vorgang“ beherrscht eine Weile meine Überlegungen. Bei wärmerer Witterung passiert mir das so gut wie nie. Was stimmte heute nicht? Zuviel unterwegs getrunken? Zu spät gefrühstückt, oder zu viel und dabei zu wenig getrunken? Feste Nahrung wird im Dünndarm mit Wasser aufbereitet, damit der Körper die Nährstoffe durch die Darmwand aufnehmen kann. Trinkt man zu wenig, holt sich der Dünndarm die Flüssigkeit aus dem Körper, wohin er sie später wieder abgibt. „Später wieder abgibt!“ Also kann ein spätes oder zu trockenes Frühstück durchaus einen solchen „Nothalt“ begünstigen.

Irgendein Stadtteil Leipzigs verlangt Laufschritte auf den Kilometern elf und zwölf. Das stete Abwärts der letzten Minuten verkehrt sich zum Aufwärts ohne übermäßig zu fordern. Ständig wiederkehrend derselbe Gedanke: ‚Die haben hier Platz ohne Ende!’ War die Bebauung von jeher so locker und lückenhaft, oder ist das Ausdruck einer besonderen DDR-Stadtplanung. Untergeordnete Straßen so breit, dass man eine Autobahn anlegen könnte. Kreuzungen, die die Fläche eines Platzes verbrauchen. - Vorbei an vier jungen Leuten, offensichtlich Brasilianer, die sich mit Trommeln und Schlagwerk in meinen Laufrhythmus einmischen - immer noch sachte aufwärts.

Da stehen die beiden wieder! Die Oma mit dem Glöckchen und ihre Begleiterin! Wild bimmelnd belohnt sie mein Durchhalten und findet auch noch Worte des Ansporns. Nach obligatorischem Foto danke ich beiden. Wie kam sie von ihrem ersten Standplatz hierher? Sicher ist der nur ein paar Straßenbahnhaltestellen oder „Schiebeminuten“ entfernt. Nicht mal ansatzweise kommt mir zu Bewusstsein, dass hier eine an den Rollstuhl gefesselte, alte Frau Läufern applaudiert. Was mag in ihr vorgehen? Wieso vermag sie sich angesichts aberhundert vorbei rennender, beingesunder Menschen dermaßen zu begeistern? Marathon als Symbol für ausdauernde, menschliche Bewegung. Sollte solche Ausdauerleistung der wunderbaren Alten nicht eher und in aller Schärfe ihre missliche Lage aufzeigen?

Riesenkreuzung, abgesperrt von Polizei, hier nach links. Ein Stau hat sich gebildet und das ist beileibe nicht der erste auf der Strecke. Zig wartende Autos und Busse verpesten die Luft. ‚Also ein Verkehrskonzept für den Tag des Marathons haben die hier nicht!’ Ich kann mir gut ausmalen, wie es im Gemüt wartender Autoinsassen rumort, denen wir Läufer ihre Freizeit stehlen. Zum 32. Mal findet der Leipzig Marathon statt. Mir will nicht in den Kopf, dass man in all diesen Jahren kein funktionierendes Umleitungssystem ersonnen hat. Später erfahre ich, dass sich der Veranstalter damit brüstet in jedem Jahr eine neue Strecke anzubieten. Was für ein Unfug. Sollen sie sich auf eine Version festlegen, die sie dann auch wirklich im Griff haben!

Das Ende des Staus reicht über das „Panometer“ hinaus. Ein vergleichsweise kleines Schild an dickem, ausladendem Backsteinrundbau verweist auf frühere und heutige Funktion: Einst Gasometer, beherbergt der fette Zylinder mit Kuppeldach heute das größte gemalte Panorama der Welt. Bis vor einiger Zeit war das eine Ansicht des Mount Everest, die von einer Darstellung des alten Rom abgelöst wurde („Rom CCCXII“). Weiter in ziemlich genau westliche Richtung, unterstützt von leichtem Rückenwind, am „Panometer“ mit merklichem Gefälle, dann neuerlich durch ein menschenleeres, in sonntäglichem Pianissimo dämmerndes Wohngebiet - vierzehn Kilometer geschafft. Umso krasser das Fortissimo einer weiteren Rhythmusgruppe, die für ein paar hundert Meter meinen Lauf begleitet, bis ich auf ansehnlichem Gefälle wieder in der stillen Beschaulichkeit des Leipziger Sonntags untertauche.

Wir biegen rechts ab und begegnen in einer Wohnstraße der nächsten hellblauen Entfernungstafel. Fünfzehn Kilometer hab ich abgemessen und spüre sie bereits heftig in den Beinen. Gründe? Mit achtzig Wochenkilometern reiste ich an. Ok, aber daran ist mein Körper inzwischen gewöhnt, außerdem gönnte ich ihm gestern einen Ruhetag. Zudem laufe ich heute langsamer als sonst. Letzten Endes verdächtige ich die Allianz aus neuen Schuhen und gleichfalls neuen Einlagen. „Neu“ - das bedeutet wenig Spielraum für den Fuß und einen hyper-direkten Kraftschluss zum Asphalt, was mir offensichtlich nicht gut bekommt. Zusätzlich meint das Zipperlein in der rechten Gesäßhälfte mich wieder ein wenig drangsalieren zu müssen.

Der offensichtlich tiefste Punkt der Strecke ist erreicht, als wir kurz hintereinander zwei Wasserläufe inmitten grüner Lunge überwinden. Motivierendes Geräusch gibt’s auch hier: Zunächst ein Fanfarenzug und wenig später eine zur Höchstleistung gekurbelte Handsirene, unterstützt von anderem Radaumaterial und infernalischem „Kriegsgeschrei“. Drei, vier Schlachtenbummler warten hier auf ihre Helden, für die sie ein altes Bettlaken zum Motivationsbanner umfunktioniert haben. - 17 Kilometer in den Beinen.

Natürlich nehme ich auch meine Mitläufer wahr. Vor einiger Zeit überholte mich ein hoch aufgeschossener Kerl in schwarzem Shirt. Der Rückenaufdruck ließ keinen Zweifel an seiner Einstellung: „Marathon Genussläufer Frank“ stand da zu lesen. Später stieß ich auf zwei in leuchtendes Blau gekleidete Männer, überholte sie, fiel später wieder hinter sie zurück, um sie letztlich einzeln abermals zu sichten. Die beiden scheuten die weite Anreise aus Frankreich nicht, aus Saint-Nazaire an der Atlantikküste, um genau zu sein. Stilstudien kann ich auch wieder anstellen. Akustisch bei einer älteren, kleinen, recht dürren Läuferin, deren kurzschrittiges „Klapp, klapp, klapp …“ mich kilometerweit begleitet. Optisch angesichts eines Läufers, dessen gehemmte Fortbewegung sicher einer gewissen Behinderung zuzuschreiben ist. Umso bewundernswerter welches Tempo der Mann an den Tag legt. Staunen ist Dauergast bei jedem Marathon!

Jeder wirbt für sich so gut er kann und Radiosender haben’s da besonders leicht. Sie packen einfach einen auffälligen Pavillon ins Zentrum eines Kreisverkehrs und rocken aus mächtigen Lautsprechern. Leipziger leben hier keine, oder sie ignorieren den Ohrenschmaus vollkommen. Der DJ im Pavillon und drei Ordner langweilen sich sichtlich. Ich leiste mir im Kreisverkehr den etwas weiteren Weg auf dem Asphalt, um nicht über das Kopfsteinpflaster des inneren Rings holpern zu müssen (Preisfrage: Nehme ich in Runde „Zwei“ den kürzeren Weg über die Steine?). Schalldruck im Rücken schiebt mich auf eine kleine Brücke über einen Bach oder ein Kanälchen - 19 Kilometer gelaufen. Der automatische Blick nach rechts bleibt an einer weiteren Brückenkonstruktion hängen, auf der ein Gebäude mit metallisch wirkender Außenfassade errichtet wurde. Interessanter ist die Aufschrift: „Riverboat“ kann man da lesen. Nachdem ich das Logo des „mdr“ erkenne, bin ich sicher jenen Ort vor mir zu haben, von dem die Talkshow gleichen Names live gesendet wird.

Alte Alleebäume mit zaghaft hellem Grün an noch deutlich sichtbaren Ästen fangen meine nächsten Blicke ein. Frühling! Wenn nur endlich auch das Wetter mitspielen würde. Tut es aber nicht: Rückkehr des Fröstelns seit dem letzten Richtungswechsel infolge neuerlichen Gegenwindes. Die Kälte und ein kurzes, dafür heftiges Gefälle verstärken die bisher unterschwellige Wahrnehmung innerhalb weniger Schritte zum ultimativen Drang. Unglaublich, aber ich muss schon wieder! Mein Stoffwechsel spinnt heute. So kalt ist es doch auch wieder nicht und die paar Schlucke Wasser, dazwischen zweimal warmer Tee, können das auch nicht erklären. Ergo ignoriere ich die Verpflegungsstation bei Kilometer 20 und schlage mich kurz dahinter in die Büsche. Noch mehr als die Tatsache an sich, erstaunt mich die Menge: ‚Hört das noch mal auf?’ Müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich das blaue Häuschen fünfzig Meter hinter mir ignorierte und dieser Pflanzung eine Extradüngung verabreiche? Es will sich partout keins einstellen und körperlich erleichtert reihe ich mich wieder in den Zug der Lemminge ein.

Hier auf der Brücke über das Staubecken des Flüsschens „Elster“ bläst der Wind gewaltig. ‚Hoffentlich hole ich mir keine Erkältung!’ In mir klingt das ein bisschen wie Flehen um himmlische Gnade. Anfällig bin ich nicht, aber die Laufbelastung der letzten Wochen könnte in das Bollwerk Immunsystem leicht auch mal eine Bresche schlagen. - Auf superbreiter Straße gelangen wir geradewegs in Reichweite des Ziels. Die „Artillerie“ der offiziellen Fotografen, in zwei kurz hintereinander gestaffelten „Batterien“ zu je zwei „Geschützen“, kündigt ihn an. Das Piepen der Zeitmessung an der Halbmarathonmarke gilt mir als weiteres Indiz. 1:50:50 - das passt! Ich werde Wort halten und über 3:40h ins Ziel kommen. Kurz dahinter das erste und einzige Zuschauerspalier der Veranstaltung, angeführt von einer Gruppe Cheerleader. Einer Veranstaltung übrigens, die insgesamt fast 8.000 Läufer mobilisiert und in der bevölkerungsreichsten Stadt der neuen Bundesländer ausgetragen wird! Beifall und Bravo auf kurzen hundert Metern, dann herrscht wieder Stille.

Runde zwei sieht mich mit deutlich gedämpfter Stimmung laufen. Vielleicht, weil ich friere, oder bereits alles gesehen hab. Wer weiß? Vielleicht, weil mir wider Erwarten nicht der geringste Sonnenstrahl vergönnt ist. Im Gegenteil: Die Wolkendecke wird dichter und droht bisweilen mit düsteren Wolken. Es wird doch nicht ..? - Dort vorne steht der kleinliche Ordner. Also schön aufpassen und ja nicht aus Versehen über den Bürgersteig abkürzen. Aber der hat das „Problem“ mittlerweile behoben und zwei Gehilfen in Warnweste direkt auf dem fraglichen Terrain stationiert. Die müsste man jetzt umrennen, um abzukürzen.

Zum zweiten Mal vorbei am „Neuen Rathaus“ und auf die nächste Kreuzung zu. Hoppla, eine Straßenbahn von links, durchgewinkt vom Polizeiposten. Der Läufer vor mir muss abbremsen, für mich passt die Distanz gerade so. An dieser Stelle und selbst nicht betroffen seh’ ich’s noch gelassen. Als ein paar Kilometer weiter zwei Autos vor mir über die Kreuzung flitzen und ein drittes vom „wachsamen“ Polizisten gerade noch rechtzeitig mit quietschenden Reifen zum Halten gebracht wird, ärgere ich mich dann schon ausgiebig über die Herren Veranstalter. Jedes Jahr eine neue Strecke. Super! Wen wundert’s, dass dabei die Sicherheit der Läufer teilweise auf der „neuen Strecke“ bleibt.

Nun ziehen alle Sehenswürdigkeiten noch einmal an mir vorüber: Gewandhaus, Grassimuseum, das Haus mit dem bunten Sonnenaufgang am Giebel, Renommierbauten in der „Prager Straße“. Das Grölen aus dem „Berg von einem Menschen“ klingt schon reichlich heiser und auf dem folgenden frischen Asphalt hallen meine Schritte einsam gegen die Front der langen Wohnanlage. Keine Menschen um mich her, der nächste Läufer trabt fünfzig Meter voraus. Auf dem Bürgersteig steht ein verlassener Umzugs-LKW mit herunter gelassener Ladebordwand. ‚Umzug am Sonntag?’ Dann doch besser Marathon laufen …

Ob Oma mit ihrem Glöckchen wieder da sein wird? Natürlich ist sie da, bimmelt eingangs der Extraschleife um den „Deutschen Platz“ und ein zweites Mal bevor ich nach rechts in Richtung „Russische Gedächtniskirche“ abbiege. Danke Oma! Diesen Dank äußere ich auch laut und sie freut sich darüber. Noch mal „Prager Straße“, altes Messegelände mit „Doppel-M“ und vorbei am klotzigen Denkmal. Ungefähr auf dieser Höhe erinnere ich mich an meine Uhr und dass ich ja irgendwie in einem Wettkampf laufe. An der nächsten Kilometermarke merke ich mir die Zeit, um mein Tempo neu zu „eichen“. Fühlt sich an, wie auf der ersten Hälfte. Allein die Uhr erzählt mir dann tausend Meter weiter etwas anderes. Mit 5:30 min/km bin ich nur noch unterwegs und das wohl schon einige Kilometer. Statt einfach unbeeindruckt weiter zu traben, erhöhe ich das Tempo. Und das, obwohl mir mein „Gestell“ schon reichlich Schmerzsignale übermittelt. Kraft und Ausdauer habe ich reichlich.

Am Friedhof beginnt der Streckenabschnitt mit überwiegend leichtem Gefälle. Die Marathonphase „Überholen“ hat wieder begonnen. LäuferInnen, die ihre Tagesform falsch einschätzten, bleiben hinter mir zurück. Kilometertafel um Kilometertafel hake ich ab und wundere mich wieder einmal: Die Beine schmerzen und doch zieht sich der Kurs nicht in die Länge. Ich freue mich auf „Oma“! Und Oma enttäuscht mich nicht, bimmelt, jubelt, spornt mich an. „Das sieht noch gut aus!“ ruft sie mir doch tatsächlich entgegen. Eine Oma, die Läufersprüche drauf hat. Hier sehe ich sie zum letzten Mal und deshalb bekommt sie nun Applaus von mir. Dazu danke ich für die Unterstützung, wodurch sich das Lächeln in ihren von den Jahren gegerbten Zügen deutlich verstärkt. Ich wüsste doch zu gerne, welchen Bezug die wunderbare Alte zum Laufsport hat!

Die Staus sind kürzer geworden, weil die Lücken zwischen den Läufern häufiger Durchlass gewähren. Ich bin auf der Hut, verlasse mich nicht mehr auf Autorität und Aufmerksamkeit der Polizisten. Noch einmal wandert links das „Panometer“ vorbei, inzwischen hab ich 35 Kilometer hinter mir. Das Schmerzbild von unten ist heute ziemlich asymmetrisch. Rechte Hinterbacke, Adduktoren rechts, rechtes Knie, rechter Fuß verlangen intensiver nach einem „baldigem Ende der Veranstaltung“.

Ich registriere kaum Veränderungen entlang der Strecke gegenüber der ersten Runde. Wenn überhaupt, dann noch weniger Publikumsinteresse. In dieser Stadt interessiert sich so gut wie niemand für eines der größten Sportereignisse des Jahres. Kilometer 38: Die Hochrechnung ergibt eine Zielzeit von 3:42h. Das ist super, weil weit genug von der Grenze 3:40h entfernt. Selbst schnell gelaufene Schlusskilometer könnten aus der „4“ keine „3“ mehr zaubern. Und das schützt Udo vor Unvernunft und Wortbruch. Seelenruhig gebe ich mir die letzten Kilometer, klatsche noch ein paar Kinderhände ab (Also doch ein paar „Fans“ anwesend). Noch mal das „Riverboat“, dahinter die Allee mit frischem Grün, noch einmal Frösteln im Gegenwind auf der Brücke über die aufgestaute „Elster“, kämpfe ich mich abermals durchs Artilleriefeuer von vier Fotorohren und dann ist es fast vollbracht. Nach links auf die lange Zielgerade und durch die Gasse von jetzt erstaunlich vielen Zuschauern. Der Beifall strafft noch einmal alles, schließlich willst du eine gute Figur abgeben. Schneller werde ich kaum, lasse drei, vier Läufer im Endspurt ziehen und dann ist mein vierundvierzigstes Finish Realität.

 

Ines’ 10 km-Lauf

Sie fühlt sich gut auf der 10 km-Runde und verausgabt sich nicht. Umso erstaunlicher ihre Laufzeit von 58:58. Leider komme ich zu ihrem Zieleinlauf zu spät, weil Trinken, Essen und Duschen dann doch zu lange dauerten. Ein paar hundert Meter vor dem Ziel gelingt es mir zum Glück meine Frau abzuklatschen. Der Blick in ihr Gesicht macht jede Frage nach Wohl und Wehe des Laufes überflüssig: Sie strahlt mich an! Also geht an diesem Tag doch noch die Sonne über Leipzig auf!

 


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