Wie die Jungfrau zum Kind … -

Immenstadt Iller Marathon 2008

Langsam wird es zur Gewohnheit, wirklich daran gewöhnen werde ich mich dennoch nie: Unausgeschlafen, müde und überhaupt nicht leistungsbereit drehe ich zwei Aufwärmrunden auf der Tartanbahn im Auwald-Stadion zu Immenstadt. Die bringen mir die ersten 800 Meter des Illermarathon ein, denn das Startkommando erfolgte bereits vor etwa vier Minuten gegen 8:15 Uhr. Mitten in der Nacht für Udo, dessen Lebensgeister Körper und Beine erst zum späten Vormittag hin beseelen. Da er zum Ort des Laufgeschehens nur eine gute Stunde zu fahren hat, beißt er in den sauren Apfel und kriecht gegen halb sechs aus den Federn. Unterwegs stopft er sein Frühstück ohne Appetit in den Mund, schüttet Wasser hinterher, statt zu Hause Cappuccino zu genießen und steigt schlussendlich mit allergrößter Lust aus dem Auto unterbrochenen Nachtschlaf fortzusetzen …

Um mich her greifen ungefähr 250 weitere LäuferInnen nach den Medaillen für Halbmarathon und Marathon. Zumindest während dieses doppelten Kreisverkehrs und beim Verlassen des Stadions „muss“ ich eine gute Figur abgeben. Immerhin fixiert mich Ines durch die Spiegelreflex und schießt etliche Fotos. Unzusammenhängende, wenig zielstrebige Impulse wirbeln durch meinen Kopf. Freude, dass meine Frau mal wieder dabei ist, die Erkenntnis, dass ich mich reichlich antreiben muss, um die Füße voreinander zu setzen, gefolgt von der Hoffnung auf „Automatisierung“ nach dem Einlaufen. Dazwischen fährt die Stimme des Sprechers, der die Schlusslichter des Feldes auffordert ganz innen zu laufen, damit die Führenden auf der zweiten Runde unbehindert außen vorbei und zum Stadion hinaus gelangen. Franz läuft zwei, drei Schritte vor mir. Ich habe ihn letztes Wochenende beim 12h-Lauf in Schwäbisch Gmünd kennen gelernt, wo er Dritter wurde. Heute trägt er ein weinrotes Oberteil. - Wie? Das ist völlig unwichtig? Ja, sicher. Aber ich registriere es nun mal und niemand wird im Halbschlaf mehr als oberflächliche oder unnütze „Notizen“ von mir erwarten …

Die Runden bieten auch Gelegenheit das Wettergeschehen zu taxieren - jedenfalls so weit Blickbegrenzung durch die Allgäuer Bergwelt das zulässt. Während sich im Süden noch Schwaden dichter Hochnebelbewölkung an den Hängen verfangen, geben die übrigen Himmelsrichtungen schon blaue Versprechungen ab. Als wir aus dem Auto stiegen schien es als stellte da oben jemand Überlegungen an, ob dieser Sonntag eher weiteren Regen oder endlich mal weiß-blaues Wetter verdient hätte. Einstweilen scheint es entschieden, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln im Nacken. Windstille und eine noch recht kühle Luft, sicher kaum mehr als 15°C, ergänzen sich zu gutem Laufklima.

Ein Lächeln noch von Ines, ein Wink zum Abschied, dann geht’s durch die Immenstädter Innenstadt (hübscher Zungenbrecher …). Fahrrad- und Fußwege fordern erst ein bisschen Zickzack, schließlich laufen wir geradewegs durchs verkehrs- und zur Sonntagmorgenstund’ auch völlig „menschenberuhigte“ Zentrum. Ich klebe an Franz’ Fersen. Das ist besser als gar keine Orientierung. Mit Fotografieren bin ich bestens ausgelastet und Tempofragen sind auf diese Weise erstmal vertagt. Doch, doch, ich hab schon „Absichten“ heute und Ines war davon gar nicht begeistert. Wenn möglich, will ich eine der besseren Zeiten abliefern. ‚Zwischen 3:25h und 3:50h ist alles möglich’ hab ich ihr zur Orientierung hinterlassen. Mit einem 5 min/km-Schnitt wollte ich beginnen und spüren, was geht. Dies auf Grundlage einer regenerativ gestalteten Laufwoche - nur drei Trainingseinheiten, knapp 50 Kilometer - um die Nachwehen der drei schweren Ultrawochen zu „verdauen“. Von wegen „Verdauen“: Könnte sich ein Laufeinsteiger in diesen Minuten in mein Bewusstsein „einklinken“, er bekäme nie und nimmer den Eindruck eines gut ausdauertrainierten Läufers. Ganz ehrlich: Es fühlt sich schlicht „Bäh!“ an. Und so hab ich denn auch überhaupt keine Lust zu kämpfen, um meine Zielvorstellung in die Tat umzusetzen. „Zieh mich Franz!“ lautet die unausgesprochene, nicht einmal konkret gedachte Parole.

Was mich an Strecke und Profil erwartet klingt verheißungsvoll: Der erste Halbmarathon, als Wendeschleife gelaufen, erstreckt sich ziemlich genau nach Westen und verspricht schöne Ausblicke vom Nordufer auf den Großen Alpsee. Ein paar kleinere Buckel sind zu überwinden, aber nie mehr als harmlose 20 Höhenmeter. Durchs Stadion werden wir anschließend Immenstadt in beinahe südlicher Richtung, zum zweiten Halbmarathon verlassen. Der führt an Sonthofen vorbei zum zweiten Wendepunkt und auf der anderen Flussseite zurück. Hier gibt’s gar keine Erhebungen zu überwinden, Höhenmeter fordern höchstens ein paar Brücken, beim Drunter-durch- oder auch Drüber-weg-Laufen.

Die Steigung der ersten beiden Kilometer ist kaum sicht- dafür in matten Beinen deutlich spürbar. Franz nimmt diesen Abschnitt „locker vom Hocker“, während ich drauf und dran bin ihn ziehen und meine für heute überzogen scheinenden Pläne fahren zu lassen. Der innere Widerstand will einfach nicht weichen. Nicht nach zehn, nicht nach fünfzehn Minuten, allmählich sollte die „Kiste“ warm „gefahren“ sein! Die letzten Häuser von Immenstadt bleiben zurück und zwischen Bäumen blinkt die „Pfütze“ des „Kleinen Alpsees“ herüber. Nicht mehr als ein Weiher, zudem von einer Freibadanlage unseren Blicken größtenteils entzogen. Wir queren das Dorf „Bühl“, dessen Bebauung den Blick auf den Großen Alpsee zunächst verstellt. Die erste Getränkestation spendiert mir einen Becher Flüssigkeit, den ich - meinem Vorhaben eingedenk - in nur geringfügig reduzierter Bewegung und weitgehend ohne zu „kleckern“ leere. Auf Höhe des letzten Hauses von „Bühl“ bekomme ich die Schlusssätze eines kleinen Disputs um „Läufermüll und dessen Entsorgung“ mit:

Ist zwar ein blöder Schlussspruch, den der Läufer ablässt, als er mich halb feixend, halb kopfschüttelnd überholt, dennoch kann ich nachfühlen, dass er sich über das Herummosern des Vorgarten-Heinis aufregt. Der kennt das doch, sollte wissen, dass man die Becher nachher samt und sonders einsammeln wird …

So ein bisschen „emotionales Engagement“ beim Zuhören belebt und erklärt vielleicht meine irrational anmutende Aktion kurz darauf. Ich hatte das Tandem mit Franz dann doch nicht aufgegeben und nun gestattet Kilometermarke „4“ einen Zeitvergleich: Ungefähr eine halbe Minute hinke ich dem 5er-Schnitt hinterher. Dies erkennen und meine Schritte beschleunigen ist eins. Als ich an Franz vorziehe, bekommt er zum ersten Mal mit, wie dicht ich hinter ihm war. Wir schweigen beide und ich beginne die Jagd nach Sekunden, obwohl Beingefühl und innere Stimme diesem Vorhaben wenig Aussicht auf Erfolg einräumen - jedenfalls nicht für die Dauer eines kompletten Marathonlaufes.

Das Sträßchen verläuft wie erwartet unschwierig, jedoch weiter vom Seeufer entfernt als erhofft. Mindestens eine doppelgleisige Bahntrasse, oft auch noch Wiesen oder Gehöfte, rücken die Wasserfläche aus dem Blickfeld. Trotzdem lassen sich, mit den nicht allzu hohen, bewaldeten Bergen und dem Himmelblau als Rahmen, stimmungsvolle Eindrücke der Allgäuer Landschaft einfangen. Schilfgürtel des Sees, sattgrüne Wiesen, immer wieder intensiv leuchtende Blumen und schöne Baumgestalten am Laufweg runden die Bilder ab. Der eine oder andere Hügel raubt im Anstieg Sekunden, die ich gleich anschließend, auf abschüssigem Terrain, zurück erobere. Im Verlauf der Kilometer 5, 6, 7 und 8 gelingt es mir den 5er-Schnitt zu restaurieren. Das dafür nötige Tempo kann ich nach wie vor nur durch die Logik des Trainingsaufbaus rechtfertigen: Wenig trainiert = Gut regeneriert = Ausreichend Kraft für einen schnelleren Lauf. Das momentane Laufgefühl drängt eine andere Schlussfolgerung auf: In dieser Pace maximal bis zur Halbzeit!

Das westliche Ende des Alpsees liegt schon einige Zeit hinter uns und erst jetzt stürmt der führende Läufer auf Gegenkurs vorbei. Also sind bis zum Wendepunkt noch einige Minuten zu laufen!? Der Hinweg zieht sich gewaltig, was mir an dieser Stelle, allerdings nur unterschwellig, ein bisschen seltsam vorkommt. Das Sträßchen verengt sich, es bleibt ein schmaler, leicht holprig asphaltierter Radweg. - Das kleine Segment eigener Interessen verstellt manchmal den Blick auf rasante Entwicklungen in anderen Lebensbereichen. In den Minuten entlang der Bahntrasse kann ich ein wenig den Stand des Schienenverkehrs im Jahre 2008 studieren. Gerade verschwindet der Zug einer Schweizer Gesellschaft hinter den Bäumen, davor war’s ein Triebwagen der guten (?), alten Bahn und den Anfang machten Diesellok plus zwei Wagons mit grünem Emblem des Dienstleisters „Arriva“. Also bunte Vielfalt auf Geleisen. Zum Glück rauschen die Züge in großen, zeitlichen Abständen vorbei, denn die Trasse ist nicht elektrifiziert und die Loks hinterlassen stinkende Schleppen aus Dieselabgasen.

Der Gegenstrom verstärkt sich und vor mir grüßt ein Immenstädter Läufer im schwarz-roten Triathlonanzug alle paar Sekunden bekannte Sportkameraden. „Klasse! Bleib dran, da geht noch was!“ spornt er den einen an. „Du hast schon einen Riesenvorsprung!“ hört ein anderer in identischem schwarz-rotem Dress. Der lässt sich nicht lumpen und gewährt ihm ein „Du holst schon noch auf!“. - Auf schmalem Steg über einen Bach, jenseits zurück auf ein Sträßchen. Wo bleibt die Wende? Ein paar hundert Meter weiter stehen sie dann, zwei Frauen, eine mit schwarzen, die andere mit roten Bändern. Für Psychologen sicher aufschlussreich, greife ich automatisch nach den „attraktiveren“ roten Bändern. Nach einem Blick auf meine Startnummer verweist mich die Dame allerdings an ihre Nachbarin: „Nein! Marathon schwarze Bänder!“ Viele der entgegen kommenden Läufer trugen das Band locker am Hals. Mein Verdacht ‚Das flattert dann hin und her und kitzelt!’ fordert eine alternative Lösung. Einer hatte sogar seinen Arm zusätzlich hindurch gezwängt und rannte mit einer Art „Schärpe“ durch die Gegend. Allerdings „schnitt“ das dünne Band in seine Achselhöhle, wonach mir noch weniger der Sinn steht. Auf den ersten Metern nehme ich die Schlaufe vierfach und versuche sie über die Hand zu streifen. Zu eng! In drei Ringe gelegt gelingt der „Dressurakt“. Endlich ruht der Wendepunktbeweis verrutschsicher hinter dem GPS-Klotz am Handgelenk.

Wie in der scheinbaren Windstille des Herweges vermutet, laufe ich nun gegen leichten Gegenwind. Das bedeutet weniger schwitzen, aber auch etwas mehr Kraft aufwenden zu müssen. Jahrelanges, hartes Training leitet viele Veränderungen im Körper eines Läufers ein. Mehr Ausdauer, schnellere Regenerationsfähigkeit, vielleicht mentale Härte und einiges mehr, jedem einsichtig, weil diese Verbesserungen Ziel des Trainings sind. Über die an mir selbst beobachtete, wachsende Sensibilität der Arbeitsmuskulatur las ich allerdings nirgendwo: Ihre Sensorik meldet bereits minimalsten, zusätzlichen Kraftaufwand, zum Beispiel in Anstiegen, die man mit bloßem Auge kaum wahrnimmt, oder - wie jetzt - bei sachtem Gegenwind. Werde ich langsamer? Nach ein paar Kilometern ohne Tempoabgleich halte ich Ausschau nach der nächsten Kilometertafel. Dann laufe ich an ihr vorbei und finde mich in heftiger Verwirrung wieder: Auf der Tafel steht eine „13“, mein GPS-Empfänger meldet allerdings 14,7 Kilometer. Außerdem fehlen plötzlich 7 Minuten! Oder genauer: Die Uhr zeigt sieben Minuten zu viel für diese Wegmarkierung an!!?? Ich rechne noch mal nach. Bei einem Schnitt von 5 min/km, den ich wenn, dann nur um ein paar Sekunden überzog, müsste die Stoppuhr nach 13 Km bei etwa 1:05h stehen. Tatsächlich lese ich 1:12h in der Anzeige. ‚Haben die vielleicht zwei Tafeln vertauscht? Na, das wird sich im Verlauf der nächsten Kilometer aufklären!?’

Läuferin mit Hund im Gegenverkehr. Mit hängender Zunge führt der Husky das Zweiergespann an, ist über Bauchgurt und Joggerleine mit Frauchen verbunden. Ein Bild das Erinnerungen weckt. Unsere Hündin brauchte man zwar nicht anleinen, sie lief im Grunde auch lieber hinterher, um sich an meinen Richtungsänderungen zu orientieren, war aber über viele Jahre stete, nimmermüde Laufbegleiterin … Tierisch geht’s weiter: Der Pferdestall mit kleiner Koppel davor fiel mir auf dem Herweg nicht auf. Ein Brauner „schmust“ gerade mit einem Schimmel, der Hals und Kopf aus einem geöffneten Stallfenster reckt. Ines hätte ihre helle Freude an diesem Teil der Strecke …

Ein Streckenposten schickt uns mit Handzeichen über den schmalen Steg zurück, fügt noch eine Warnung vor entgegen kommenden Läufern hinzu. „Uns“ schließt die beiden Läufer vor mir ein, das schwarz-weiße Paar. Munter plaudernd haben sie mich vor Minutenfrist überholt und sich in meine „Ich-mag-euch-nicht-Liste“ eingetragen. „Munter plaudernd“ ginge ja noch, dabei auch noch „leichtfüßig, nahezu schwebend traben“ ist des Guten zu viel! Jedenfalls zu einer Zeit, da ich mit bereits zwickenden, noch immer widerwillig gehorchenden Hax’n durch die Gegend stelze. Ich mühe mich und doch vergrößern diese beiden impertinenten Gesellen den Abstand zwischen uns, werden kleiner und kleiner …

Das Rätsel bleibt einstweilen ungelöst, die nächste Tafel ziert eine „14“ und noch immer hab ich 7 Minuten zu viel in der Anzeige. ‚Kann man mehrere Tafeln vertauschen? Oder stehen die total falsch? Gab’s da eben eine der gelben Vermessungsmarken auf dem Asphalt?’ Ich erinnere mich nicht und nehme mir vor einen Kilometer weiter darauf zu achten. - Läufer plus Allgäuer Kühe. Er nimmt sich Zeit, verweilt am Straßenrand, fertigt ein Porträt der graubraunen Grasfresser, um sich vor mir wieder in die inzwischen lockere Läuferkette einzureihen. - Das Fragezeichen bläht sich noch ein Stückchen auf: „15“ steht auf der Tafel und „15“ wurde mit gelber Farbe auf den Asphalt gepinselt. Damit scheidet die „Schilderverwechselungstheorie“ aus und dass man sich beim Vermessen des Kurses um einen Kilometer vertan hat, halte ich für mehr als unwahrscheinlich. Außerdem fehlt mir ja nicht nur ein Kilometer!? Im Grunde gibt es nur eine wahrscheinliche Erklärung, die mir mit jedem Schritt mehr einleuchtet: Die Damen standen nicht am korrekten Wendepunkt, sondern zu weit dahinter! Obwohl unbewiesen, versetzt mich diese Theorie in einige Fassungslosigkeit, weil ich dergleichen Malheur bislang mit dem Prädikat „Gibt’s nicht!“ kommentiert hätte.

Jeder Läufer weiß, dass es unmöglich ist, auf vier, fünf Kilometern sieben Minuten zu „verlieren“, ohne die dazu notwendige eklatante Tempoeinbuße zu merken. Da müsste man sogar abschnittsweise gehen. Aber an Tagen, die so begonnen haben wie dieser, mit müdem Kopf und ebensolchen Beinen, verunsichert durch ein paar dämliche Kilometertafeln, traue ich mir selbst dann doch nicht über den Weg und eiche auf dem folgenden Kilometer noch einmal das Tempogefühl. Es täuscht mich nicht! Wie erwartet vergehen ziemlich exakt 5 Minuten bis zur nächsten Markierung. Ich bin nun (fast) sicher auf zu langem Kurs unterwegs zu sein, kann es auch erklären und doch knabbern die verflixten sieben Minuten an meiner Motivation …

Die Sonne hat ihre Arbeit einstweilen eingestellt, stark quellende Bewölkung lässt nicht mehr allzu ferne Regengüsse befürchten. Die silbergrau spiegelnde Oberfläche des Alpsees verstärkt diesen Eindruck noch. Tafel um Tafel zieht vorbei, konstant zeigt der Forerunner etwa 1,7 Kilometer zu viel an. Kann das Ding so ungenaue Ergebnisse liefern? Bislang lag die Abweichung auf Marathonstrecken zwischen ein und zwei Prozent. Diese Marge überschritt das Gerät nur beim Windhagen Marathon, was ich mir mit den vielen Steigungen erklärte. ‚Und was war letztes Wochenende beim 12h-Lauf? Da standen 4,5 Kilometer mehr in der Anzeige, als mir offiziell bestätigt wurden! Also ungenaue GPS-Messung. Aber wie erklärst du dir die sieben Minuten zu viel? Wo sollen die herkommen?’ Verunsicherung bleibt. Eine daraus resultierende Verärgerung kann ich ebenso wenig leugnen, wie den Verlust meines heutigen Ziels. Auf den letzten Kilometern vor Immenstadt gebe ich es innerlich preis, hab keine Lust mehr zu kämpfen, wenn ich nicht weiß wofür.

Der Rückweg zum Stadion folgt nach dem Immenstädter Ortsschild einer alternativen Route, nutzt hauptsächlich Fuß- und Radwege. Eine rustikale, überdachte Holzbrücke gilt es zu überwinden, dahinter finden die Füße erstmals keinen Asphalt mehr. Feines Knirschen von Split begleitet eine Weile die Schritte. Dieser Untergrund lässt mich schlagartig voraus denken, an den Illerdamm und seine mögliche Beschaffenheit. Da hat Udo wieder mal eine „Sache“ nicht richtig recherchiert und zu Ende gedacht. Zum ersten Mal trage ich in diesem Jahr meine Wettkampfschuhe bei einem Marathon. Wollte ein bisschen schneller laufen heute und mit weniger Dämpfung und geringerem Schuhgewicht ein paar Sekunden schinden. Die roten Renommiertreter taugen aber eigentlich nur für ebenen Untergrund und der Damm wird sicher nicht asphaltiert sein. Ich hoffe auf guten Zustand und erteile mir innerlich Note „ungenügend“ für die Laufvorbereitung.

Am Stadioneingang wird sortiert: Halbmarathonis rechter Kanal, Marathonis links. So laufe ich dann über die Tartanbahn am Ziel vorbei, wo der Sprecher diverse Halbmarathonläufer mit Startnummer und Namen begrüßt. Nun sind offiziell 21,0975 Kilometer um und nicht die 22,8 in meiner GPS-Anzeige. ‚Sch… drauf!’ denke ich mir und suche den Weg aus dem Stadion. Über eine Grasfläche, zwischen weitläufig abriegelnden Trassenbändern und durch ein Gittertor erreiche ich den nahen Wald und erledige erstmal Zeit vergeudende Notdurft: ‚Das ist jetzt auch schon egal!’ Zwanzig Meter weiter schwingt sich der Fußweg ein paar Meter in die Höhe und wie vermutet finde ich mich auf dem Damm der Iller wieder. Hinter dichtem Gebüsch kann man den Fluss allerdings kaum ausmachen. Meine Vermutung bestätigt sich: Der Damm ist nicht asphaltiert, besitzt jedoch zum Glück eine glatte, harte Oberfläche.

Freude wallt auf! Gehofft hatte ich es, aber nicht damit gerechnet: Ines hat ihr Frühstück im Stadtzentrum rechtzeitig beendet und steht da vorne an der Strecke. Schon von weitem winkt sie mir zu, schießt dann eine Fotoserie und klatscht mich ab. Ich bleibe kurz stehen, um mir endlich den Unmut von der Seele zu reden: „Die haben die Strecke falsch ausgemessen! Über einen Kilometer mehr! Plötzlich fehlten mir sieben Minuten!“ - „Ich hab mich schon gewundert wo du bleibst!“ antwortet sie, erwartete mich nach Ankündigung eines schnellen Laufes deutlich früher. „Die Zeit ist mir jetzt egal!“ verkünde ich noch und mache mich wieder auf den Weg.

Vielleicht wäre ich tatsächlich langsamer weiter gelaufen, hätte nicht während der mit Ines gewechselten Sätze ein Läufer überholt. Dem schenkte ich etwa dreißig Meter Vorsprung, die er von Minute zu Minute ausbaut, obwohl ich dagegen halte und den 5er-Schnitt wieder erreiche. Ehrgeiz ihn einzuholen treibt mich nicht, dennoch halte ich das Tempo. Der Lauf scheint sich mehr und mehr zum einsamen Kampf gegen Strecke und Uhr zu entwickeln. Außer dem „frechen Überholer“ erkenne ich weit voraus noch einen roten Farbfleck, der auf baumlosem Uferabschnitt langsam größer wird. Den sauberen, blaugrünen Fluten der Iller bleibt nur ein beidseits von hohen Dämmen eingeschlossenes, begradigtes Bett. Hin und wieder lockern ein paar Felsen die Eintönigkeit der Ufergestaltung auf. An verschiedenen Stellen ist noch zu erkennen, dass der Damm vor nicht allzu langer Zeit, nach einigen Hochwasserkatastrophen, verstärkt wurde. An so einer Stelle, vom steilen Ufer nur durch einen Holzzaun getrennt, überhole ich den „roten Farbfleck“. Sicher ein weiterer Grund, weshalb ich das Tempo noch immer nicht reduziere.

Kilometer 23, 24, 25 … Trotz Schmerzen in den Beinen und obwohl mich das eingeschlagene Tempo wirklich fordert kommt mir die Marathonstrecke heute reichlich kurz vor. Reine Kopfsache: Wer zuletzt 12 Stunden und 110 Kilometer am Stück absolvierte, dem scheint ein Marathon kurz … - Dunkelblaues Hemd voraus; wieder ein Zwischenziel, das ich anvisieren kann. Gut und gerne zehn Minuten vergehen, bis ich mich an den Kontrahenten heran gearbeitet hab. Vielleicht bewirkt es der Spaß am Überholen, das „um die Wette laufen“, denn mittlerweile fällt es mir leichter die Geschwindigkeit auf diesem Niveau zu halten. Das Rätsel um die zu lange Strecke ist aus meinen Gedanken verschwunden, der Kampfgeist neu erwacht. Genau genommen bin ich erst jetzt wirklich „da“, fühle mich endlich richtig im Rennen angekommen.

Kilometer 27,28 … Irgendwann, schon längst jene Flusskilometer passierend, die zu Sonthofen gehören, wechseln wir die Uferseite. Ab jetzt wird’s lebendiger, Spaziergänger und Läufer mit Kurs Immenstadt kommen entgegen. Im Grunde fehlt mir nur noch eins: Fernsicht. Zwar findet mich die Sonne seit geraumer Zeit wieder unter lockerer Wolkendecke. Doch Richtung Süden, wo die schroffen Gipfel des Allgäuer Hauptkammes ein einzigartiges Panorama gestalten, ballt sich eine undurchdringliche Wolkenbarriere. Ich kenne und schätze die Schönheit dieses Anblicks, umso mehr vermisse ich ihn heute. - Noch einen Läufer überholt und dann noch einen, 30 Kilometer vorbei.

Zweite Wende in Sicht: So ganz verstehe ich nicht, wieso man die nicht auf dem Damm platzierte. Ein Streckenposten schickt uns im rechten Winkel vom Damm auf einen Feldweg. Nach etwa hundert Metern bildet ein am Boden stehendes „Durchfahrt-Verboten-Schild“ die Wendemarke. ‚Isse das wirklich?’ Eine schwarz-gelbe, in der Wiese steckende Tafel, zerstreut aufkommende Zweifel, tatsächlich wenden zu dürfen. Bänder gibt’s hier keine, als „Beweis“ nehme ich ein Foto der Tafel mit in Richtung Finish. „Nicht fotografieren! Laufen!“ schallt es mir von zwei scherzenden Läufern entgegen. Also zurück, erneut auf den Damm und nun die Parade der entgegen strömenden Läufer abnehmen. 32 Kilometer abgehakt, nur noch zehn …

Angriffslust flammt auf, sicher durch das nach wie vor gute Laufgefühl begünstigt. Doch warum werde ich jetzt schneller? Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Weder zu jenem Zeitpunkt dort auf dem Flussdamm, noch hinterher nach gründlicher Analyse. Ich laufe einfach drauf los und habe ein gutes Gefühl dabei. Rücken um Rücken nehme ich aufs Korn, verkürze den Abstand, lasse den Mann hinter mir. Jedes Mal bin ich sicher, dass mir keiner der Läufer wird folgen können. Einer erweist sich für drei, vier Minuten als hartnäckiger Verfolger, heftet sich an meine Fersen, will sich bestimmt von mir „ziehen“ lassen. Seine scharrenden Schritte veranlassen mich das Tempo abermals zu erhöhen. Und schließlich gibt er auf, ist bald nicht mehr zu hören. Und ich? Ich fühle mich gut, selbst auf diesem Level der Anstrengung. Also nehme ich auch diese Tempoerhöhung nicht zurück.

Querab, am Hang über Sonthofen und weithin sichtbar, droht klotzig ein Relikt aus dunklen, braunen Zeiten. Im Volksmund heißt der während des Nationalsozialismus errichtete Monumentalbau nur die „Burg“. Ursprünglich als eine von zwölf „Adolf-Hitler-Schulen“ errichtet, gehört der Bau heute zu der von der Bundeswehr genutzten Generaloberst-Beck-Kaserne. In dieser „Nachwuchsschmiede“ des Dritten Reiches wurden ausgesuchte Kinder im „Geist der neuen Zeit erzogen“. Der heute prominenteste Schüler zu jener Zeit war Hardy Krüger.

Es bleibt dabei, „gefühlt“ ist der Marathon heute kürzer als all die Male zuvor. Das Sonthofener Ufer der Iller ist schnell Geschichte. Einige Stellen erkenne ich wieder, weil sie mir vor einigen Jahren kurzzeitig als Trainingsrevier dienten. Herrliche Landschaftsbilder und sattgrün überwucherte Flussauen werden nur selten von unschönen Abschnitten konterkariert. Ein paar hundert Meter dröhnen Fahrgeräusche von der vierspurigen B 19 herüber, dann verschluckt mich einmal mehr ein grüner Tunnel.

Rache ist süß! Vor anderthalb Stunden hat mich das „schwarz-weiße Paar“ wie einen müden Anfänger aussehen lassen. Ihr erinnert euch? Sie stehen auf der „Ich-mag-euch-nicht-Liste“. Minuten später ziehe ich vorbei und streiche zwei Positionen von meiner Liste … Noch sieben Kilometer, das Tempo bleibt unverändert hoch. Für Sekunden gewährt die Strecke eine weitere malerische Ansicht, den „Ortwanger See“, sicher von der Iller gespeist, darüber erhebt sich die bewaldete Pyramide des Grünten. Abgesehen von der unmittelbaren Gipfelregion, mit der charakteristischen Sendeantenne, präsentiert sich das Massiv wolkenfrei.

Noch fünf Kilometer. Kurz hintereinander sind zwei Wasserläufe auf eisenbeplankten Fußgängerbrücken zu überwinden. Kein Problem. Für die danach beginnenden „hässlichsten“ Kilometer des Laufes gilt das nicht. Die Umgebung ist sicher nicht hässlich, allerdings bekomme ich von der jetzt nicht mehr viel zu sehen, muss mich extrem auf den Weg konzentrieren. Unebene Kiesauflagen wechseln mit Abschnitten, auf denen sich vor kurzem noch Baumaschinen austobten. Ich versuche Stolperfallen, zum Beispiel in Form faustgroßer Kiesel, auszuweichen. Ist mein Fluchen hörbar? Dass ich hier ein paar Sekunden verliere ist meine kleinste Sorge. Gelenke und Sohlen schreien „Zeter und Mordio“, wenn man sie nach mehr als 35 Kilometern derart foltert. Endlich liegt der „Spießrutenlauf“ hinter mir und als Belohnung empfange ich meine Lieblings-Kilometertafeln: „40“ und „41“.

Ich höre schon die Lautsprecheransagen aus dem Stadion, überhole zwei weitere Läufer und wechsele per Fußgängerbrücke die Uferseite. Ein paar hundert Meter flussabwärts treiben Schlauchboote auf dem Wasser. Vor gut einer Stunde standen die Boote noch am Ufer in Sonthofen, startbereit und vollbesetzt mit Kindern. Nach der Brücke finde mich sogleich im Stadionbereich wieder. Eigentlich rechnete ich nach mehrmaliger Tempoverschärfung mit höherem Kräfteverschleiß, mit schwindenden Kräften auf den letzten Kilometern. Nichts dergleichen empfinde ich beim Betreten der Tartanbahn. Stattdessen Freude und Genugtuung endlich einmal wieder einen schnelleren Lauf mit glücklichem Finish zu beenden.

Wie die Jungfrau zum Kind kamen die Teilnehmer am Iller Marathon 2008 zu einem Ultralauf. Bei der Siegerehrung räumt man das Versehen unumwunden ein. Wende eins lag tatsächlich um etliche hundert Meter zu weit westlich. Man will die zusätzlich gelaufenen Meter ermitteln und das Ergebnis auf der Homepage veröffentlichen. Per GPS-Messung werden vorläufig und inoffiziell 1,9 Mehr-Kilometer angegeben, was sicher auch nicht stimmt. Nach meiner Schätzung waren es ungefähr 1,5 Kilometer, eben jene 7 Minuten, die ich plötzlich zu viel auf der Uhr hatte. Auf 42,195 Kilometern blieb ich jedenfalls unter 3:30h und fahre hoch zufrieden nach Hause.


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