Alle Zitate im Text stammen aus der Novelle „Der Schimmelreiter“von Theodor Storm. Der bekannte Jurist und Dichter wurde 1817 in Husum geboren, lebte dort zeitweilig und fand seine letzte Ruhestätte auf einem Friedhof der Stadt.

Im Bild das Storm-Haus in Husum; Ehemaliges Wohnhaus, heute Storm-Museum.

Zum Stelldichein mit Windsbraut „Emma“ - Husum Wintermarathon 2008

Und wirklich, einen Augenblick, als eine schwarze Wolkenschicht es pechfinster um mich machte und gleichzeitig die heulenden Böen mich samt meiner Stute vom Deich herabzudrängen suchten, fuhr es mir wohl durch den Kopf. ›Sei kein Narr! Kehr um und setz dich zu deinen Freunden ins warme Nest.‹ Dann aber fiel's mir ein, der Weg zurück war wohl noch länger als der nach meinem Reiseziel; und so trabte ich weiter, den Kragen meines Mantels um die Ohren ziehend.

Samstag, 1. März 2008, 8 Uhr, vier Stunden vor dem Start - Mein Handy weckt mich und muss sich dazu nicht sonderlich anstrengen. Ich war nicht mehr weit weg und so ist das Fremde um mich her sofort präsent. Der erste Blick gilt dennoch nicht der Einrichtung meines leicht kitschig überladenen, aber hell und freundlich eingerichteten Fremdenzimmers. Er richtet sich geradewegs auf das Dachfenster schräg über mir und findet … Blau. Blau? Ja, Blau statt Weltuntergang!

… denn ein aufbrechender Sturm konnte das ganze Werk gefährden.

Wo bleibt „Emma“? Seit Tagen erschrecken mich die Wetterfrösche mit Orkandrohungen für Samstag. Heute ist Samstag. Schon gestern Abend spähte ich ständig raus ins dunkle Nordfriesland. Nun stehe ich wieder am Fenster und suche die wütende Furie. Na gut, die Wipfel der nahen Bäume schwanken in heftig bewegter Luft und bisweilen peitschen harsche Böen durch blattloses Geäst. Aber das ist kein Orkan, das ist noch nicht mal ein Sturm. Sollte sich bewahrheiten, was ich insgeheim hoffte? Wird „Emma“ ihr cholerisches Temperament weiter südlich ausleben und die Deiche vor Husum verschonen? Befürchtung und Hoffnung halten sich die Waage: Vielleicht starten die den Lauf ja doch!?

10:30 Uhr - Das „Blau“ des frühen Morgens war nur ein Minutenintermezzo. Schon beim Frühstück setzte Regen ein. Ich wohne dezentral in Husum, um es mal positiv zu formulieren. Als ich mein Zimmer buchte, war ich noch auf Auto programmiert. Aber Umweltgedanke und ein bisschen Kopfrechnen mit Eurowerten schickten mich dann zum Bahnhof. Wieder mal ein Novum: Der erste Lauf zu dem ich mit der Bahn anreiste. In Anden-Trekking-erprobtes Überzeug wasserdicht verpackt marschierte ich die vier Kilometer zum Ort des Geschehens, zum Jahnstadion in Husum. Nun halte ich meine Startnummer in Händen und studiere den Streckenplan. Eine Wendestrecke in - grob beschrieben - Nord-Süd-Ausdehnung leistet meiner Verdrängungstaktik weiter Vorschub: ‚Da kommt der Wind doch ständig von der Seite. Das wird schon nicht so schlimm werden!?’

Um zu verstehen, warum mir die Aussicht auf „Emmas“ Kapriolen vorab schon dunkle Wolken ins Oberstübchen blies, muss ich was erklären. Regen, Schnee, Kälte, Hitze, Schwüle, nasse Füße, Berge, müde Beine und was des Läufers Unbill sonst noch ausmachen mag, all das findet mich reichlich unbeeindruckt. Doch gibt es einen Gegner, den ich fürchte - starken Wind. Ich kann dir nicht mal sagen wieso. Ich hasse Wind und diese Formulierung ist nicht übertrieben. Mehrmals in den letzten Stunden habe ich mich gefragt, wieso ich ausgerechnet im Winter in Nordfriesland laufen „muss“. Ich wollte, brauchte, einen Vorbereitungslauf an diesem Wochenende und Husum bot sich als einziger Marathon in Deutschland an. Was für eine unbesonnene Entscheidung!

10:40 Uhr - Aber nun bin ich hier und nun wird gelaufen. Irgendwie fürchte ich noch immer, dass gleich ein Verantwortlicher um die Ecke biegt, um die ganze Chose abzusagen. Hinter mir wird’s laut, tatsächlich erscheint ein „Offizieller“. Es ist der 1. Vorsitzende des Veranstalters, der mit lautem Hallo lokales Läufervolk begrüßt. „Habt ihr daran gedacht abzusagen?“ will einer wissen. „Keinen Moment!“ lässt der sich ein und hebt zu gut gelaunter Begründung an: „Vor zwei Jahren hatten wir viel Schnee, da habt ihr alle gemault als wir absagen wollten, damit ist das für alle Zeit entschieden!“ Und verschmitzt schiebt er nach „Es gibt nur zwei Gründe den Husum Marathon abzusagen: Wenn das Wasser die Strecke überflutet oder bei einer Schneekatastrophe!“

‚Ich hab meine Startnummer! Nun rettet mich nichts mehr vorm Wind!’ simse ich nach Hause und werde mit gefunkten, guten Wünschen aufgebaut. Noch immer stehe ich im Treppenhaus dieser Schule neben dem Stadion, das zur Ausgabestelle umgewidmet wurde. Unentwegt studiere ich das Hinweisblatt, die Strecke, die Liste der ungefähr 160 Gemeldeten. Hab ja endlos Zeit. Und immer wieder bange Blicke nach draußen, mit stets identischem Ergebnis: Steife Brise, aber kein Sturm!

11 Uhr, noch eine Stunde bis zum Start. - Im vollen Umkleideraum hab ich mir ein Plätzchen gesucht und wickele im Zeitlupentempo nötige Vorbereitungen ab. Meine Stimmung ist nicht gut, geradezu bedrückt. Ich bleibe stumm und nachdenklich. Dieser Lauf stellt ein gewisses Wagnis dar. Vor einer Woche schnürte ich nach sechs Tagen Zwangspause, wegen heftigen Fiebers, zum ersten Mal wieder die Laufschuhe. Drei Tage ging wenig. Eine nervige Schwäche erlaubte nur „Bewegungstherapie“, nichts, was ich als Lauftraining akzeptieren könnte. Dienstag dann die Erlösung: Noch nicht der Alte, aber es reicht wieder für 25 Kilometer in respektablem Tempo. Tags drauf ein weiterer Härtetest, ich will Gewissheit. Doch wer sollte mir die geben? Immerhin spielt mein Körper mit, wonach mich wieder einmal eine Welle tief empfundener Dankbarkeit erfasst. Womit verdiene gerade ich diese Robustheit? Donnerstag noch ein Tempolauf, um den Puls mal wieder weiter oben zu sehen. Auch diese Gnade wird mir zuteil und damit die berechtigte Hoffnung auf ein Finish in Husum. Nur ein Ruhetag im Zug nach Husum am Freitag - der Kerl spinnt doch! - Mag so scheinen, mag sogar ein bisschen was dran sein, aber ich will ja keine Bestzeit in der friesischen Marsch laufen und werde es zurückhaltend angehen lassen. Der zweite Marathon in diesem Jahr, eine Station von vielen auf dem furchtbar weiten und harten Weg nach Berlin. Nein, nicht zum Berlin Marathon. Zum 24h-Lauf im Juli! Für dieses Ziel schinde ich mich seit Januar und deshalb werde ich gleich auf die Suche nach „Emma“ gehen. Um mich her das übliche Scherzen, versetzt mit reichlich Galgenhumor. Das ist gut so und entlockt mir sicher das eine oder andere Lächeln. Zwischen friesisch betonte, coole Sprüche drängen sich Sätze, die mir allesamt nach „Smørrebrød“ klingen. Etliche Dänen scheinen den Weg nach Husum gefunden zu haben.

11:30 Uhr. - Nichts bleibt mehr zu tun. In voller Montur sitze ich im Umkleideraum und warte, warte, warte … 11:32 Uhr, dann 11:34 Uhr … Die Zeit tropft elend langsam. Das tut mir nicht gut. Raus will ich nicht, nicht jetzt schon, weil ich ahne was mich erwartet. ‚Welcher Teufel hat mich nur geritten im Winter in Husum zu laufen? Gerade wieder einigermaßen gesund - wird das reichen? Oder werde ich heute zum ersten Mal entkräftet aufgeben müssen? Hätte ja eine wohlfeile Erklärung, bräuchte nicht mal ’ne Ausrede.’ Wabernde Unlust in Erwartung der Attacken von Windsbraut „Emma“ mischt sich mit Versagensängsten. Das schaukelt sich auf. 11:38 Uhr. Gegenüber sitzt ein Laufkamerad aus Xanten, jedenfalls steht’s so auf seinem Rücken. Zaghaft lächelt er mich an, sagt nichts. Vielleicht hegt er ähnliche Bedenken. „Sch…warterei!“ motze ich ein bisschen in seine Richtung und ernte ein weiteres Lächeln, begleitet von verständnisvollem Nicken.

11:42 Uhr. - Ich hab mich für die dicke Windstopperjacke entschieden. Da dringt auch keine „Emma“ durch. Wirklich kalt ist es nicht, so dass mir darunter ein kurzärmliges Unterhemd genügen müsste. Langtight muss heute sein. Gegenüber zieht ein blutjunger Kerl eine Kurztight über die muskulösen Oberschenkel (der wird später auf dem dritten Platz finishen). Alleine der Gedanke heute so anzutreten lässt mich schon frösteln. Handschuhe und Mütze vervollständigen meine Nordfriesland-Winterausrüstung. In dergestalt „elefantöser“ Ummantelung ging ich noch nie in einen Wettkampf - zweites Novum des Tages. Und das dritte trage ich am Handgelenk, den klotzigen GPS-Empfänger des Forerunner 305. Rechts zur Sicherheit die gute, alte Stoppuhr, falls ich mit der unerprobten Technik nicht zurecht komme oder „Emma“ die geostationären Satelliten ins Weltall pusten sollte… Auch die Kamera in meiner Jackentasche bricht mit Gewohntem. Meine alte Digicam soll mir unterwegs ein paar Bilder bescheren. Irgendwie blöd das recht schwere, angejahrte Ding mit zu schleppen. Aber darauf kommt’s heute auch nicht mehr an.

11:48 Uhr. - Lust hab ich keine, erwarte sie auch nicht von mir. Brauch sie auch nicht, kann so was abhaken, das weiß ich. Und im Ziel wird sich die übliche Freude einstellen. Für diesen Glücksmoment alleine lohnen 42 Kilometer. Letzteres versteht nur, wer mal nach zigtausend Schritten durch ein Marathontor lief. Ein schmächtig wirkender, älterer Läufer kehrt zum wiederholten Male zu seiner Tasche zurück, die neben mir unter der Bank steht. Diesmal schimpft er „Wenn ich das gewusst hätte, wär’ ich nicht hergekommen.“ Keine Ahnung, was er meint. Leise in sich hinein grummelnd, verzieht er sich wieder.

11:50 Uhr. - Ich mische mich unter die anderen im überfüllten Kabinengang. Keiner will hier vorzeitig raus. - Den kenne ich! Die Marathon-Legende höchstselbst gibt sich die Ehre: Horst Preisler wird heute seinen 1542. (!!!) Marathon laufen. Ein paar Mal bin ich dem über Siebzigjährigen schon begegnet. Kein Superlativ könnte dieser Zahl gerecht werden: Eintausendfünfhundertzweiundvierzig absolvierte Läufe über mindestens Marathondistanz!

11:55 Uhr. - Nun muss es sein, das bunte Läufervolk versammelt sich auf der Tartanbahn. Im Starter erkenne ich den 1. Vorsitzenden wieder. Reichlich unfeierlich positioniert er das Läuferfeld an der Startlinie. Sarkasmus beherrscht seine Stimme, als es pünktlich zum Start zu regnen beginnt, worin er ein „gutes Zeichen“ erkennt. Husum definiert er als „Wind“, „Krokusblüte“ und noch was, das ich nicht verstehe und somit auch nicht wiedergeben kann. Mit der Anweisung gesund zurück zu kommen und dem Startschuss entlässt er uns auf die halbe Stadionrunde.

Am Tag nach dem Marathon kann ich mir selbst ein Bild von der Husumer Krokusblüte verschaffen ...

Nichts ahnend trabe ich im Pulk aus dem Stadion, schwenke durch Wohnstraßen, laufe auf Husumer Bürgersteigen. Schon der erste Kilometer bringt uns aus der Stadt, Generalrichtung Nord. Eine Läuferin bemerkt zu ihrer Nebenfrau, dass sie sich an die kleinen Tafeln erst wieder gewöhnen müsse. Aha, alles klar, hab ich also auch die Markierung von Km „1“ übersehen. Einen Fahrradweg entlang einer Ausfallstraße hat man als Laufstrecke für uns auserkoren. Sanft senkt er sich, um ein paar hundert Meter weiter in ebensolche Steigung überzugehen. „Wir sollten zu der Gruppe aufschließen, da läuft sich’s besser im Wind!“ bemerkt dieselbe Frauenstimme hinter mir. Kurz darauf überholen mich die beiden Läuferinnen und überbrücken mit zwanzig, dreißig schnellen Schritten die Lücke zu einer vielleicht zehnköpfigen Laufgruppe. Ich werde nichts dergleichen tun, hab keine Lust auf vor mir schwingende Füße zu achten. Windstöße peitschen mir immer wieder Regentropfen von links ins Gesicht. Dann sehe ich die kleine, dunkelorange gefärbte Tafel mit der „2“ und will erstmals die Laufzeit vom GPS-Boliden an meinem Handgelenk ablesen. Der blendet gerade ein, dass der zweite Kilometer gelaufen ist. Mit 9:41 Minuten bin ich wie erwartet ein wenig zu schnell. Das wird sich einpegeln, erst Mal weiter laufen.

… der Sturm kam von der Breitseite; mitunter drängten die Böen so gewaltig, daß sie fast vom Deiche in den neuen Koog hinabgeschleudert wären;

Wir wenden uns nach rechts in eine Nebenstraße. Polizei und Ordner schirmen ab, damit der zugehörige Radweg sicher erreicht wird. Und wupp - nehme ich erstmals Notiz von „Emma“. Wieso pfeift nun ausgerechnet hier der Wind so stark? Heftig von der Seite bläst es und eingelagerte Böen verknoten mir fast die Füße, drücken mich und andere Läufer in Richtung Grasnarbe zwischen Weg und Straße. Immer wieder schlagen meine Schuhe beim Laufen aneinander. Regen peitscht nahezu horizontal und schmerzhaft ins Auge. Ich ziehe die Mütze links tiefer, bis sie die Augenhöhle halb verdeckt. ‚Mein Gott, wenn der von vorne käme …’ - Drei Kilometer, dann vier und schon keine Lust mehr, oder besser noch immer keine. Blöder Wind! Der hat eindeutig aufgefrischt. Ein Wäldchen bietet zweihundert Meter Schutz, dafür geht’s sanft hinan. Trotz Widrigkeiten liegt mein Schnitt noch unter 5 min/km. Außer Luft hab ich scheinbar nichts mehr im Hirn, sonst sollte Erfahrung mich zwingen einen Gang zurück zu schalten. Weiß ich, was noch kommt? - Die Bundesstraße 5 muss per Brücke überwunden werden, darum arbeiten die Beinmuskeln für ein Minütchen intensiver. Auf der anderen Seite die erste Verpflegungsstation: Zwei Becher warmer Tee füllen mir den Bauch. Apropos Bauch: Mein Magen zickt heute, hat wohl auch keine Lust auf das hier (Erwähn’s nur mal, werd dich damit nicht mehr belästigen, auch wenn der Druck unter den Rippen bis zum Schluss nicht weicht). Nein, das kostet nicht mal eine Sekunde, gestaltet die „Sache“ allerdings auch nicht erfreulicher.

Brauchst im Prinzip gar nicht weiter lesen, wenn du noch was läuferisch richtig Erbauliches erwartest. Im Gegenteil, es kommt richtig dicke. Aber gemach, ich verrat’ dir was: Letzten Endes möchte ich auch diesen Lauf in meiner Sammlung nicht missen. So blöd sind Menschen, oder besser Läufer …

Wolken jagten überhin, und Schatten und trübes Licht flogen auf der Erde durcheinander; der Sturm war im Wachsen …

Der Regen hat aufgehört - immerhin. Der Sturm schwillt dafür an. Läuferisch hat das noch keine Konsequenzen. Mit ziemlich konstant 5 min/km renne ich durch’s Marschland nördlich Husum. Kilometer sechs und sieben bringen mich nach Arlewatt. Lehrt der Ortsname Geschichte? Trotzten die Friesen das flache Grasland rechts und links der Straße einst dem Meere ab? Weiß nicht. Aber das „Arl-“ von Arlewatt erschließt sich mir jenseits des Weilers, als ich über die schmutzig braun dahin gurgelnde „Arlau“ laufe. Denk ich mir die Läufer weg - sie bilden ohnehin nur noch eine lockere Kette - dann fehlt es heute vor allem an Farbe: Graue, jagende Wolkenfetzen, nacktes, graubraunes Geäst an Busch und Baum, vorbei an klebrig farblosen, unbestellten, noch nicht mal gepflügten Feldern oder Marschwiesen, denen kaum eine Spur Grün anhaftet. Ein paar Sonnenstrahlen könnten der Trostlosigkeit heimleuchten. Aber die wird es wohl nicht geben. Noch immer hoffe ich auf eine attraktive Strecke. Ich hatte nicht erwartet, dass wir hier permanent über Radwege neben befahrenen Straßen her rennen müssen. In den üblichen Samstagsverkehr mischen sich etliche Fahrzeuge von „Schlachtenbummlern“, die alle paar Kilometer auf „ihre“ Marathona, „ihren“ Marathoni warten. Wenigstens geizen sie nicht mit Beifall. Auch einsame Kämpfer wie mich versuchen sie ein wenig aufzurichten. Da vorne hält einer recht verwegen am Straßenrand, duckt sich auf der Fahrbahn neben seinem Fahrzeug mit schussbereiter Kamera. Dann kapiert er wohl, wie gefährlich das ist und wechselt auf die Radwegseite. Im Vorbeilaufen erkenne ich das Logo der „Husumer Nachrichten“ auf der Autotür. Ich hoffe der Zeitungsmann hat seine Reporterpflichten an diesem Samstag überlebt …

Verdrängen hilft nicht mehr, der Sturm gibt sich zunehmend lästig. Schuld ist nicht nur „Emma“. Schuld ist auch die Straße, die meinte ein paar Grad Richtung Westen schwenken zu müssen. Der Gegenwind kostet zusätzlich Kraft. Aber ich laufe nicht nur angestrengter, sondern fühlbar langsamer. Und auch nicht mehr geradeaus. Wie ein Betrunkener schlingere ich am Rand des Radweges entlang, bringe mich wieder in der Mitte auf Kurs, um vom nächsten Windstoß erneut zur Seite gefegt zu werden. Verdammt! Das kostet unheimlich Kraft! Und erst zehn Kilometer gelaufen! Aufkeimende Hoffnungslosigkeit macht mich unsicher. ‚Kann ich das unter diesen Bedingungen schaffen oder ist heute irgendwann „Feierabend“?’ Meine Pace pendelt auf diesem Abschnitt um 5:30 min/km. Im Grunde ist das noch zu schnell, weil mir dieses Tempo mehr Energie raubt, als ich heute investieren wollte. Nicht voll verausgaben heißt die Taktik, ein langer Trainingslauf ist geplant.

Ich biege nach links ab und erreiche schnell die ersten Häuser eines Straßendorfes. Flach und in lichter Reihe ducken sich die Häuschen beidseits des Straßenrandes und doch lockern sie ein klein wenig „Emmas“ zugigen Griff. Auf dem Bürgersteig geht’s dahin, vorbei am Dorfkrug, auf dessen Eingang gerade eine Gruppe Hungriger zuströmt. Kurz vor Eins, noch immer Essenszeit. ‚Die haben’s gut! Oder hab ich’s besser? Ist nicht gesünder was ich hier mache? - Grübel nicht! Lauf!’

Er lief weiter und weiter, bis er einsam in der Öde stand, wo nur die Winde über den Deich wehten, wo nichts war als die klagenden Stimmen der großen Vögel, die rasch vorüberschossen; zu seiner Linken die leere weite Marsch …

Kaum liegt das letzte Haus hinter mir, als der Sturm wieder mit voller Kraft zuschlägt. ‚Verfluchter Wind!!’ Diese und ähnliche, viel weniger druckreife Formeln schossen mir schon häufiger durch den Kopf. Ich hab keine Lust, bin genervt, sogar schon ein wenig wütend. Der beständige Gegendruck laugt mich aus. Körperlich, vor allem aber mental. Ist das heute zu schaffen? Da ist sie wieder, die entscheidende, letztlich einzig wichtige Frage. Ich werde mit jedem Meter müder. Müder als es nach lächerlichen 13 Kilometern sein dürfte. Windstoß um Windstoß bremst meinen Lauf. ‚Wär ich nur nicht so groß und breitschultrig!’ Aber ich kann nun mal mit keinem besonders brauchbaren CW-Wert aufwarten.

Wieder eine Ortschaft: Bohmstedt. Ich hätt’ das - pardon - „Kaff“ schon längst vergessen, wären da nicht die scharfe Rechtskurve, die mich für ein paar hundert Meter vor den Wind bringt, und diese recht dezent gehaltene, gelbe Tafel. Drauf steht: „Bohmstedter Schrotthandel - Von der Nadel bis zum Panzer!“ Der skurrile Satz kreist im Kopf, will bedacht und „beschmunzelt“ werden. Aber wo zum Kuckuck ist hier ein Schrotthandel? Ein gepflegtes Einfamilienhaus ist alles was ich sehe. Ach egal, konzentrier dich aufs Laufen! - Rhythmisches Blaulicht markiert eine Kreuzung am Ortsausgang. Ein Polizist in grellgelber Signalweste weist nach links und sofort ist Schluss mit halbwegs „Lustig“.

Der Sturm spielt wieder Ping Pong mit mir. Erneut gratuliere ich mir zum gewählten Bekleidungskonzept. Kein Frösteln lässt mich schaudern und der Schweißverlust hält sich in geringem Rahmen. Verzichtbar scheint mir lediglich die Langtight. Im ernsthaften Ringen um Minuten und Sekunden hätte ich sie sicher in der Tasche gelassen. Aber ich trainiere hier und so gibt der Stoff an den Beinen ein bisschen mehr Wohlbefinden, sogar Sicherheit.

… aber er blieb allein; nur das Wehen des Sturmes und das Brausen des Meeres bis aus unermessener Ferne schlug betäubend an sein Ohr.

Merkwürdig ist das schon: Als Läufer setzt du dich immer wieder der Witterung aus, trotzt Kälte, Hitze und anderen Anforderungen der Natur. Unkritisch, denn daheim kennst du jeden Meter Laufweg wie deine Westentasche, weißt, wo dich im Sommer kühler Schatten umfängt und welche windgeschützten Alternativen sich bieten. Du bist dort zu Hause, die Strecken sind so etwas wie die natürliche Erweiterung deines Wohnzimmers. Unsicheres Kribbeln vermitteln dir allenfalls zwei- oder vierbeinige Eindringlinge im bekannten Revier. Mit der Natur deiner Laufumwelt lebst du in saisonalem Einklang, da überrascht oder erschreckt dich seit Jahren nichts mehr. Hier bin ich fremd und obwohl objektiv nicht in Gefahr und schon gar nicht allein, empfinde ich eine schwache Form der Verlassenheit. Umso wichtiger mein „Raumanzug“, der nur die Gesichtspartie den wirbelnden Luftmassen aussetzt.

Fast frontal renne ich gegen „Emmas“ Attacken an. Nur seltene Zonen mit zufällig sich an Hindernissen bildenden Wirbeln befreien mich für Sekundenbruchteile von steter Windlast. Das bricht den schwerfälligen Laufrhythmus, lässt den Oberkörper ruckartig vorschnellen und verleitet zu zwei, drei halb gestolperten Schritten. Sich neuerlich aufbauender Gegendruck fängt das ab und schon müssen die Beine wieder vorwärts schieben. Nichts im weitgehend baum- und buschfreien Land rings umher vermag die Gewalt des Sturms zu brechen. Heran brandende Böen klatschen mit Wucht, wirken wie Vollbremsungen. Die nächste oder übernächste wird mich dann sicher zum Stehen bringen …

Schon Orkan oder noch immer „nur“ Sturm? Im Nachhinein versuche ich das zu werten. Hier im nordfriesischen Nichts formen sich solche Gedanken nicht. Zu sehr beherrschen mich zwischenzeitlich Wut und Frust. Will laufen und kann nicht. Nicht richtig. Stellt denn niemand diese verdammte Windmaschine ab?

… aber freilich auch die Winde faßten hier schärfer; die Haare flogen, und wer hier ausschauen wollte, der mußte die Mütze fest auf dem Kopf haben.

Grellroter Fleck am Wegrand voraus. Eine bunte Läuferkappe taumelt mir entgegen. Mehrmals sah ich Läufer, die krampfhaft versuchten ihre langkrempigen Kappen am Wegfliegen zu hindern. Da hat einer so ein Scharmützel gegen „Emma“ verloren. Na, vielleicht findet er sein Kleidungsstück auf dem Rückweg wieder …

Irgendwo hier muss es gewesen sein, als mir der führende Läufer entgegen fliegt. Er fliegt tatsächlich halb und ich kann mir die schiebende Hilfe in seinem Rücken gut vorstellen. Eine Minute später der nächste, dann dauert es längere Zeit bis eine Verfolgergruppe hinterher trudelt.

Einige Zeit schon vernehme ich angestrengte Schritte hinter mir. Ein Verfolger hält sich dicht in meinem Windschatten, hinter ihm ein zweiter. Liegt es an meiner aufgebrachten Grundstimmung, dass mich das „tierisch nervt“? Dergleichen ist mir doch sonst auch egal. Eine völlig idiotische Emotion des „Ausgenutztwerdens“ lodert auf, greift um sich und bricht sich schließlich Bahn. Mit einem ebenso bescheuerten wie überflüssigen Zwischenspurt überwinde ich die zwanzig Meter Distanz zu einer Läuferin, passiere sie, und schließe zu einem Läufer auf, der mich vorhin überholte. Pure Energieverschwendung! Was für ein undisziplinierter Narr du doch bist! Meiner Verfolger bin ich allerdings ledig und so findet dieser unbeherrschte, mir eigentlich wesensfremde Teil meiner Seele seinen Frieden. Weiter, immer weiter. Einige hundert Meter leicht abwärts, über einen kräftig strömenden Bachlauf, dann sanft ansteigend. Schwerkraft zieht, Wind drückt, Mensch trabt angestrengt. Ein kleiner Hoffnungschimmer zeichnet sich da vorne als Waldrand ab. Davor eine Verpflegungsstelle. Wieder trinke ich von dem angewärmten Wasser. Das schmeckt zwar recht merkwürdig, rinnt aber wenigstens nicht eiskalt in meinen ohnehin gereizten Magen (ups, ich wollte ja nicht wieder davon anfangen).

Eine Wohltat diese hohen Bäume. Unbehindertes Laufen, dennoch keine leichtfüßigen Schritte, denn bereits siebzehn Kilometer unentwegten Anrennens liegen hinter mir. Ohne den Druck des Windes merke ich erst recht, wie viel Kraft schon verpuffte. Noch vier Kilometer bis zur Wende! Das wird noch hart, aber dann habe ich den Wind im Rücken! Eine Kreuzung und wie befürchtet muss ich links abbiegen - weiter am Waldrand entlang, der durch die Richtungsänderung seine abschirmende Wirkung einbüßt. Der Sturm hat sich in den Wipfeln der Bäume verfangen. Ein wildes, beunruhigend lautes Brausen erreicht mich von dort oben. Und ich kämpfe wieder, stemme mich gegen den Wind. Die Halbmarathonmarke kommt mir heute wie das Ziel vor, jedenfalls als Ort der Erlösung von allem Übel. Die Aussicht auf Windunterstützung ab Kilometer 21 gaukelt mir einen leichten, unangestrengten Rückweg vor.

Und der Sturm setzte nicht mehr aus; es tönte und donnerte, als solle die ganze Welt in ungeheuerem Hall und Schall zugrunde gehen.

Der Wald ist zu Ende, weit und breit findet mein Blick keine Begrenzung mehr. Es gibt immer eine Steigerung! Noch brachialer heult mir der Wind um die Ohren, noch intensiver lastet der Wind auf meiner Brust. Seit dem letzten Abbiegen laufen wir fast exakt nach Westen und damit in voller Opposition zu „Emma“. Die folgenden Böen erweisen sich als die schlimmsten des ganzen Laufes. Ihr Abstand verkürzt sich und zwischendrin gibt es kaum Erleichterung. Zeitweilig neige ich den Oberkörper extrem nach vorn, in der Hoffnung dem Wind auf diese Weise weniger Angriffsfläche zu bieten. Aber so unnatürlich geknickt kannste nicht richtig laufen, das strengt noch mehr an. Immer wieder peitscht mir der Sturm entgegen, bringt meinen Trab mit schmerzfreien Schubsern wie von Titanenfaust beinahe zum Stehen. Kilometer 18 und 19 sind die härtesten, zugleich längsten des Laufes (5:45 bzw. 5:52 min/km). Aber die Kraft fließt noch. Ich trabe ganz bewusst langsam, aber ich trabe, kämpfe, wuchte mich dem unerbittlichen Druck entgegen. Zorn treibt mich vorwärts, brennt in mir wie ein Reaktor. Es ist hart, aber an Aufgeben verschwende ich keinen Gedanken.

… wir haben solchen Sturm noch nicht erlebt!

Anderen geht es schlechter, viel schlechter. Da ist der dürre Mann mit zerrupftem Vollbart in kurzer Hose, ohne Handschuhe und Mütze. Um seinen Hals flattert ein langer, bunter Schal. Er schlappt und schlurft nur noch, deutlich hörbar, als ich in vergleichsweise hohem Tempo an ihm vorbei laufe. Der sieht wahrlich nicht gut aus! Dann vermindert sich rapide der Abstand zu einer im Sturm „flatternden“ Läuferin, die ihre Kräfte offensichtlich überschätzte. Und vorbei. Zuletzt taumelt vielleicht dreißig Meter vor mir ein ganz in schwarz gekleideter, sehr schlanker, hoch aufgeschossener Läufer. Noch ringt er mit dem Wind, aber es kommt mir vor, als gerieten ihm die Schritte zusehends lahmer. Im Vorbeilaufen höre ich den jungen Kerl vor Wut brüllen. Ich hätte gute Lust es ihm gleich zu tun, aber ich stecke die Kraft lieber in meinen Lauf …

Ortschild, drauf steht „Breklum“. Fast geschafft, in Breklum befindet sich die Wende! Das injiziert einen Schuss Optimismus, der von der nächsten orangefarbenen Tafel gleich wieder gedämpft wird: 19 km, also immer noch zwei bis zur Hälfte. Minimal besser wird’s, in den Häusern des Ortes verfängt sich der Windsbraut Schleppe. Bei Kilometer 20 knickt die Strecke scharf nach links und windet sich fortan durch Breklumer Wohnstraßen. Hier habe ich den Wind erstmal im Rücken. Vorbei an einer Tränke, unter der Bahntrasse durch nach links und wenig später wieder spitz nach rechts abknickend. Zack! Da isser wieder mein Feind, schiebt, schubst, bremst, drückt. Aber nur noch wenige hundert Meter, dann weist ein Streckenposten nach kurzer Schleife auf Rückkurs gen Husum. Zugleich verkündet er die Halbmarathonmarke und sagt mir die Zeit an. 1:51h und ein paar Sekunden. Ein weiteres Mal darf ich mir ansehen, wie die Breklumer wohnen. Dann kommt mir der schwarz gekleidete Wutausbruch entgegen. Es ist passiert, „Emma“ hat ihn gebrochen. Mit verbittertem Gesichtsausdruck schlendert er Richtung Wende. Ein blutjunger Kerl, der noch viele Marathonläufe bei weit besserem Wetter vor sich hat. Wenn das hier nicht gerade sein erster und vielleicht dann auch letzter war …

… er sah auch, wie die Leute trieften und kaum atmen konnten in der schweren Arbeit vor dem Winde, der ihnen die Luft am Munde abschnitt, und vor dem kalten Regen, der sie überströmte. »Ausgehalten, Leute! Ausgehalten!«

Breklum liegt hinter mir. Jetzt schiebt „Emma“ und ich fasse neuen Mut. Zum ersten Mal habe ich den Nerv die Digicam aus der Jackentasche zu nesteln. Das eine oder andere Foto will ich dann doch mit heim nehmen. Zwei hart gegen den Sturm antrabende Läufer nähern sich. Ich bleibe kurz stehen und fange sie ein. Ihre gequälten Gesichtausdrücke sprechen Bände. Wenig später wiederhole ich das Manöver und muss mich unversehens den Vorwürfen des Ehrgeizlings stellen: ‚Das kostet doch jedes Mal etliche Sekunden!’ Heute hasse ich den Typ dafür! ‚Das ist doch vollkommen „Banane“ unter so irregulären Bedingungen.’ - ‚Trotzdem kann noch eine brauchbare Platzierung raus springen!’ Der Disput endet mit einem Kompromiss: Erst Mal kein weiteres Foto mehr, aber die Kamera in der Hand behalten. Wenn mir Horst Preisler entgegen kommt, will ich ein Bild von der laufenden Legende speichern.

Eigentlich könnte ich mit Weitwinkel ein Foto von mir selbst schießen, im Lauf. Gedacht, getan! Ich hätte es lassen sollen … Helden schauen anders drein: Allzu weitwinkel-verzerrt und gefoltert von „Emma“ blicke ich in die Linse. Keiner, der mir ähnlich sieht, sollte so „uninspiriert aus der Wäsche gucken“. - Der Waldrand ist wieder erreicht. Ganz und gar entfesselt wüten die Gewalten hoch droben in nackten Ästen. Das faucht, heult und braust pausenlos. Kreuzung. Nun nach rechts. Hier fehlt Windschub, dafür geht’s leicht bergab. Minutensache, dann endet der Wall dicht stehender Stämme. Am Verpflegungsstand schnappe ich mir einen weiteren Becher Wasser. Wie gewohnt schmeiße ich den leeren Becher zur Seite. Zum wiederholten Mal kommt mir der Gedanke, dass die Helfer den leeren Plastikbehältnissen sicher ein ums andere Mal hinterher rennen müssen. Was für eine Alternative hätte ich? Entweder stehen da keine Auffangbehälter oder ich bin schon zu blind sie zu erkennen.

… dicht über dem Boden, halb fliegend, halb vom Sturme geschleudert …

Ich fühle mich wie ein vom Ast gerissenes Blatt. Genauso treibt der Wind mich vor sich her. Jede Bö versetzt mir einen derartigen Stoß, dass ich einem Sprinter gleich losschieße. Zunächst gebe ich mich der Illusion hin dabei kaum Kraft zu verbrauchen. Ich variiere meine Lauftechnik. Bereitwillig warte ich auf den nächsten Schubser, lasse mich packen, verlängere die Schritte und trudele mit Zwischensprint vor dem Wind. Einige Kilometer lang wirbelt mich der Sturm wie welkes Laub am Straßenrand entlang. Die Illusion weicht langsam der Erkenntnis und Ernüchterung. Jedes dieser Manöver treibt den Puls fühlbar in die Höhe und hinterlässt deutliche Spannung in der Beinmuskulatur. Ich mache Zeit gut, das schon. Inzwischen liegen die Kilometerschnitte deutlich unter 5 min/km. Die sonst so zähen Kilometer mit der „2“ in der Zehnerstelle hake ich heute ohne merklichen mentalen Aufwand ab. Aber zu welchem Preis? Jede Bö gibt mir verlorene Zeit zurück, fährt zugleich mit Macht in die Beine. Müdigkeit und Schmerzen wachsen.

Aber Sturm und Meer waren nicht barmherzig, ihr Toben zerwehte seine Worte;

Jedem Gegenläufer spähe ich wachen Auges entgegen. Mit hastigem Klick mache ich die Digicam schussbereit, als ich Horst Preisler endlich erblicke. Der Mann ist über Siebzig! Unschwer erkennbar, wie ihm das Wetter zusetzt. Als ich dann stehen bleiben müsste, den Apparat hochreißen und abdrücken, hab ich eine mentale „Ladehemmung“. Dieselben Skrupel kosteten mich in exotischen Landen schon viele Aufnahmen von interessanten Menschen. Alternativ falle ich in verhaltenen Trab und feuere diesen Ausnahmeathleten an: „Bravo Horst, bravooo!“ Kurz irritiert, wohl ob der Lautstärke meines Beifalls, wendet er mir das Gesicht zu und scheint auch etwas zu murmeln. Aber „Emma“ möchte nicht, dass ich das verstehe …

Bohmstedt die Zweite: In lang gezogener S-Kurve geht’s durch den Ort des seltsamen Schrotthandels. Ich nähere mich der dezenten, gelben Tafel von der anderen Seite - im Mittelteil des „S“ ein weiteres Mal vollem Gegenwind ausgesetzt. Wo ist hier ein Schrotthandel? Dann entdecke ich in der Einfahrt eine Gitterbox mit dem Hinweis „kostenlose Annahme von Alteisen“ (oder so ähnlich), in der tatsächlich einiges an Altmetall abgelegt wurde und … bin auch schon vorbei. Man kann sich auf Linkskurven aus tiefstem Innern freuen. Doch ehrlich! Der abschließende Bogen des „S“ bringt mich wieder vor den Wind und recht schnell weicht das Gefühl von Überlastung aus meiner Beinmuskulatur. 30 Kilometer sind geschafft. Zweierlei scheint mir nun gewiss: Ich werde laufend ankommen, mein 37. Marathon-Finish feiern. Mein Trainingsziel werde ich allerdings deutlich verfehlen. Ich laufe heute erneut grenzwertig und genau das wollte ich nicht! Wollte mich mit Blick auf die nächsten Wochen nicht verausgaben. Am nächsten Wochenende steht der Bienwald Marathon an, eine Woche drauf Rom. Fortan bewege ich mich ein wenig verhaltener.

Diese Zurückhaltung erfährt ein paar Unterbrechungen, wenn wieder einmal ein Läufer - oder wie jetzt ein Läuferpaar - vor mir auftaucht. Der Abstand verkürzt sich rapide und dann rastet die „Überholautomatik“ ein. Das Ehrgeiz-Gen schlägt Alarm, beschleunigt die Hufe und gibt nicht eher Ruhe bis das Geräusch überholter Läufer langsam achtern auswandert … Unklug ist das, was die Kraftreserven angeht. Andererseits motiviert es, bringt im Kopf Erleichterung. Körper geschröpft, Geist ein wenig beflügelt.

Von der Strecke hatte ich mir mehr versprochen. Vor allem nicht unablässig neben befahrenen Straßen laufen zu müssen. Da freut einen schon die Aussicht gleich wieder über das braun dahin gurgelnde Flüsschen Arlau zu laufen. Dass ich dann doch kein Auge dafür habe, liegt an einer seltenen Begegnung. Ein rattengroßes Tier mit schwarzem Fell, spitzem Kopf und verkrüppelt wirkenden Beinen quert den Radweg unmittelbar vor dem Bachlauf. Unglaublich, aber das ist zweifelsfrei ein Maulwurf. Ziemlich behindert wirkend robbt er mit seinen Grabschaufeln vorwärts, braucht ein paar Sekunden um die andere Seite zu erreichen, hat es noch nicht geschafft, als ich an ihm vorbei laufe. ‚Mensch Maulwurf! Fall bloß nicht ins Wasser!’ Für ein paar Sekunden brüte ich über der Frage, ob das halbblinde, unter der Erde lebende Tier über ausreichend Gefahreninstinkt verfügt. Vielleicht riecht er das Wasser auch …

Die „Katen“ von Arlewatt lasse ich hinter mir, der Weg knickt in eine andere, ungute Richtung: Südwest! Ende der hilfreichen Windunterstützung, stattdessen bläst es jetzt wieder nervig und unausgesetzt böig von der Seite. Wieder und wieder kollidieren die erschöpften Füße. Bisweilen gerate ich leicht ins Straucheln. Kilometer 35, 36 und 37 schlage ich mich auf diese Weise durch. Dann folgt der „Hopser“ über die Bundesstraße 5. Klingt niedlich, fordert mir aber einiges ab. Jener Polizist, der vor etwas mehr als zwei Stunden hier noch absperrende Präsenz zeigte, hat sich mittlerweile in seinen auf dem Mittelstreifen abgestellten Streifenwagen verzogen. Kann ich ihm nicht verübeln. Ohnehin bewundernswert, was all die Helfer leisten, wie sie im „Sturmgebraus“ aushalten. Wo es „zieht wie Hechtsuppe“ stundenlang verharren, geduldig Wege weisen, Getränke ausgeben, zwischendrin anfeuern. Das verdient mehr als ein lobendes Wort. Laufen macht unter diesen Umständen absolut keinen Spaß, aber lieber lauf ich, als im Ungemütlichen ’rum zu stehen.

… und wie der Sturm die dunklen Wolken über den Himmel jagte.

Noch vier Kilometer. Einen Vorteil hat dieses unablässige Wehren gegen tückischen Seitenwind. Die meiste Zeit lenkt es mich von der Wahrheit ab: Ich bin hundemüde und am Limit! Also präzise in jenem Zustand, den ich heute keinesfalls erreichen wollte. Welchen Anteil hat der Trainingsrückstand infolge fiebriger Erkrankung und was geht auf „Emmas“ Konto? Einen Halbmarathon lang gegen einen tosenden Sturm anzurennen ist eine neue Erfahrung. Trotz fehlender Vergleichswerte bin ich sicher, den überwiegenden Teil der Auszehrung dem zu hohen Tempo des Hinweges zu schulden. Das mag ein taktischer Fehler gewesen sein. Allerdings einer in schwer kalkulierbarer Umwelt, den viele andere deutlich härter büßen. Auf dem kompletten Rückweg gelang es niemandem mich zu überholen, wiewohl ich immerhin an vielleicht zehn Kämpen vorbei zog.

Ich füge mich ins Unvermeidliche, halte Tempo. Zum „Energiesparen“ ist es ohnehin zu spät. Ein letzter Richtungsschwenk genau nach Süden, der Wind schiebt von schräg hinten. In der Ferne mache ich die ersten Häuser von Husum aus, trabe entlang jener schnurgeraden Ausfallstraße. Just in diesen Minuten leicht bergab, beschleunigt von Schwerkraft und Winddruck. Bin müde, so müde und bleibe in diesem Abschnitt doch deutlich unter 5 min/km. Jedenfalls behauptet das hinterher mein neuer GPS-Wecker, der brav alle Kilometer aufzeichnete. Nun wieder sanft aufwärts, was ich weniger spüre als befürchtet. „Emma“ gibt sich freundlich auf den letzten Metern, schiebt meinen „Hintern“ bergan. Schon gewinne ich die ersten Häuser von Husum, passiere eine „Tanke“. In kurzem Takt arbeite ich meine Marathon-Lieblingstafeln ab: 40 km, 41 km. Ich erreiche die letzte verkehrskritische Passage des Wettkampfes. Ein Streckenposten und ein Polizist schaffen eine Furt durch lebhaft fließenden Verkehr. Pragmatisch geht es dabei zu: Während mein Vordermann etwa 40 Meter weiter vorne zum Überqueren der Straße ansetzt, winkt mich der Polizist schon an dieser Stelle über die Fahrbahn und begleitet das mit einer energischen Aufforderung.

Zweihundert Meter noch bis zum Stadion, eine letzte Kurve, gleich ist die Quälerei zu Ende. Das und nichts anderes will ich seit mehr als dreieinhalb Stunden. Unter dem Beifall eines Ordners und seiner Aufforderung „Jetzt kommt die Ehrenrunde!“ renne ich durchs Tor und betrete die Tartanbahn. Kann sein, dass ich mir „Ehre“ mache, nur ist mir das von Herzen gleichgültig. Völlig ehrgeizlos trabe ich durchs Rund. Der Belag fühlt sich angenehm an. Natürlich lauert mir der Sch…wind ein allerletztes Mal auf. Er nutzt die Gegengerade, um mich noch einmal massiv durchzurütteln. Unbeirrt arbeite ich die hundert Meter ab, lege mich in die letzte Kurve und lasse mich dann ins Ziel wehen ...

Es ist vorbei. Und es ist anders als bei jedem anderen meiner 36 Finishs vorher. Ich spüre nicht die kleinste Regung von Freude oder Befriedigung. Ich fuhr hierher, um zu laufen, zu trainieren. Nun bin ich gelaufen, das war’s. Mit wahnsinnig müden Füßen schlappe ich in Richtung Verpflegungsstand. Auch dort regiert heute Frust. Der Wind droht ständig die bereitgestellte Labsal vom Tisch zu fegen. Zucker brauche ich jetzt. Möglichst schnell und möglichst viel. Einige Becher Cola, ein Stück Banane und Kekse sollen mich wieder aufbauen. Sobald ich meinen gefüllten Becher empfangen habe, verziehe ich mich auf die vom Wind abgewandte Seite der Verpflegungshütte. Austrinken und wieder rein in den Wind, einschütten lassen, noch einen Keks greifen und wieder um die Ecke flüchten. Ein paar Mal wiederholt sich das. Dann beginne ich zu frösteln. Die Kälte kriecht am Rücken hoch und Schwäche lässt mich zittern. Also greife ich mir noch einen Packen Kekse, fülle ein letztes Mal den Colabecher und schlurfe in die Umkleide.

In dieser Manier habe ich noch nie gefrevelt. Aber diese wirklich heiße Dusche ist genau, was ich jetzt brauche. Endlos lange genieße ich das, fühle Lebensgeister zurückkehren. Kann man unschöne Erlebnisse abduschen? So jedenfalls fühlt es sich an und meine Stimmung ist um zig Lux heller, als ich mich betont langsam anziehe … Dann springt sie mich doch noch an, die Freude. Ein gutes, gemeinsames Abendessen - also ein voller Magen - und ein angeregtes Gespräch mit meinem Nebenmann genügen dafür. Restlos zufrieden überstehe ich dann auch den letzten Kraftakt des Tages: Kaum unterbrochenes Klatschen angesichts einer nicht enden wollenden Siegerehrung. 2:42:46 brauchte der Sieger. Eine famose Leistung unter diesen Umständen. Dass mich Horst Preislers 1542. Marathon (4:55:12) beeindruckt, bräuchte ich eigentlich nicht mehr erwähnen. Den Vogel schießt dann jedoch ein anderer Läufer ab. Der ist auch über 70 (!!) Jahre alt, heißt Friedrich Holst (Startnummer 44) und absolvierte die Strecke in sagenhaften 3:25:26.

 

Ergebnis: 3:37:25, Platz 38 von 136 Läufern und Läuferinnen, Platz 5 von 14 in M55

 

Bald ist unsers Lebens Traum zu Ende

Bald ist unsers Lebens Traum zu Ende,
Schnell verfließt er in die Ewigkeit.
Reicht zum frohen Tanze euch die Hände!
Tut's geschwinde; sonst enteilt die Zeit!

Theodor Storm


     Zur Kurzkritik

 

Wir über uns Gästebuch Trekkingseiten Ines' Seite Haftung
logo-links logo-rechts

zum Seitenanfang