Vom Laufen ohne Anzukommen    -    12 Stunden-Lauf Schwäbisch Gmünd

In Stunde „Drei“

Zeit klebt wie Honig, kommt nicht voran. Will nicht wissen, will verdrängen, wie langsam das Zählwerk „tickt“, luge nur alle paar Runden auf die Uhr, hab's mir regelrecht verboten. Häufigeres Spicken wäre meiner Stimmung abträglich, mit der es ohnehin nicht zum Besten steht. Ich rechnete mit Schwächephasen, mit wachsenden Schmerzen in den Beinen; halte auch eine hohe mentale Beanspruchung als Folge zunehmender körperlicher Hinfälligkeit für sehr wahrscheinlich. Aber doch nicht schon nach zwei Stunden!!!

Situationsbericht: Mein Tempo liegt von Anfang an bei ökonomischen 6 min/pro Kilometer - Traben auf Sparflamme. Dennoch spüre ich die Anstrengung bereits deutlich. Die Beine sollten auf diesem Niveau des Energieflusses und nach so kurzer Zeit keine Anzeichen von Abnützung spüren lassen - tun sie aber. Vor allem das nervige Nervenproblem in der Hinterbacke rechts „macht schon mächtig Party“, dazu ein bisschen Knie hier, ein wenig Verhärtung da und dort.

Auf Marathonkurs würde ich dergleichen kaum beachten. 42 km sind eine überschaubare Distanz, vor allem wenn man sie in den zurück liegenden Monaten an jedem Wochenende mit Schritten abgemessen hat. Hier läuft man ohne anzukommen, hat keine Entfernung vorgegeben, dafür ein Zeitlimit. Zwölf Stunden, das sind 6 x 2 Stunden. Und nach 1 x 2 Stunden fühle ich mich bereits abgenutzt und teilerschöpft. Es scheint mir aussichtslos weitere, fast zehn Stunden laufend zu verbringen - ganz und gar unmöglich. Ich habe Angst es nicht zu schaffen. Ich habe Angst zu versagen. Nicht in den Augen anderer. Mein Anspruch an mich selbst steht einmal mehr auf dem Prüfstand.

‚Wenn ich mich schon jetzt, bei so niedriger Geschwindigkeit dermaßen besch… fühle, wie soll ich dann noch Stunden ununterbrochen laufen? Ist meine Absicht überhaupt realisierbar? Die guten, schnellen Leute - laufen die wirklich alle ohne Pause?’ Fragen, Zweifel, solche, ähnliche, immer wieder, Runde für Runde. Aber: Eine Alternative zu pausenfreiem Laufen will mir einfach nicht einleuchten. ‚Wenn ich nicht 12 Stunden am Stück laufen kann, weshalb sollte ich mich dann einem 12h-Lauf unterziehen? Das hat doch keinen Sinn! Ok. Mal ein Stück gehen, wenn Schmerzen es erzwingen, oder Erschöpfung, irgendwann gegen Ende. Davor ist niemand gefeit. Aber doch nicht geplant schon jetzt oder gar zu Anfang.’ Welche Laufphilosophie oder welche Sichtweise könnte mir solches Handeln als Erfolg vermitteln? - Eine Antwort zu dieser Art läuferischer Sinnfrage finde ich nicht.

Ich schätze Mitläufer, die jetzt schon zeitweise gehen, oder Pausen einlegen, nicht geringer. Nicht mal ansatzweise. Für mich selbst gilt jedoch der Grundsatz „Laufen bis Not mich daran hindert“. Als Not oder Zwang akzeptiere ich fehlende Kraft, eine Verletzung oder akute Gefahr für die Gesundheit. Bisher blieb ich von allem verschont, hätte mir Gehpausen demzufolge als Misserfolg ausgelegt. Das ist mein läuferisches Credo, mit dem ich nun stundenlang hadere, an dem ich zweifele, zu dessen Formel mir dennoch kein glaubhafter Gegenentwurf einfällt. Werde ich verstanden? Nicht Zustimmung suche ich, stattdessen Akzeptanz und Begreifen. Man kann Achttausender mit Sauerstoff und in der Expedition leichter, sicherer besteigen. Reinhold Messner und viele andere begegnen dem Berg im alpinen Stil und ohne Sauerstoff. Zunächst weil sie die bergsteigerischen Qualitäten haben es zu schaffen und zu überleben. Darüber hinaus, weil sie es als ehrlicheres Bergsteigen verstehen. Ich stand schon auf über 6000 Metern, völlig kraftlos infolge Sauerstoffarmut. Ich verstehe diese Männer, mache mir ihre Perspektive zu Eigen. Wenn sieben- oder achttausend Meter hoch steigen, dann ohne sich hinter der Sauerstoffmaske zu verstecken. Und wenn 12 Stunden laufen, dann ohne Pausen, so lange irgend möglich.

Ich reihe weiter Schritt an Schritt, Abschnitt an Abschnitt, drehe Runde um Runde. Jegliche Gedankenstafette endet mit dem scheußlichen ‚aussichtslos!’. Warum bleibe ich dann nicht stehen? - Doch es drückt mich nieder, verwandelt sich aber nicht in Mutlosigkeit. Ich lasse mich davon nicht beherrschen. Das Messer steckt im Fleisch, schmerzt, streift aber nichts Überlebenswichtiges. Also weiter, immer weiter, irgendwann setze ich den letzten Schritt, so wie vorhin den ersten …

Stunde „Null“ und davor

Die Stadtgrenze von Schwäbisch Gmünd wächst aus Morgennebeln. Auf fast autofreien Straßen finde ich den Veranstaltungsort auf Anhieb - dem Routenplaner ein „Dankeschön“. Natürlich bin ich wieder mal zu früh, hätte um 4:45 Uhr gut und gerne noch eine Dreiviertelstunde schlafen können. Aber sicher ist sicher, außerdem genieße ich nun den Vorzug eines Parkplatzes unmittelbar am Streckenrand. So wird mein Auto zur persönlichen Versorgungsstation mit folgendem Ordnungsmuster:

Der Aufbau im Zielbereich wirkt ziemlich professionell, das Prozedere gegen 6:45 Uhr dann eher nicht. Vor mir meldet sich ein 6h-Läufer nach und der Organisator rätselt, wie viele Euros man ihm nun abnehmen soll. Dankbar rupft er mir den ausgefüllten Meldezettel mit Ausschreibung aus der Hand, in der Hoffnung dort den fraglichen Betrag zu finden. Fehlanzeige: „Wo steht das denn? Ich finde mich in meiner eigenen Ausschreibung nicht zurecht!“ Ich hätte ihm sagen können, dass dort nirgendwo vom Startgeld für 6h-Läufer die Rede ist. Schließlich ein Hauch türkischer Basar: „Sind 25 Euro angemessen?“. Nun ist die Reihe an mir. Eine Frauenstartnummer ist noch frei: „Du läufst doch auch als Frau?“ fragt er amüsiert, setzt meinen Namen unter die kurze Startliste der Amazonen und schiebt mir Startnummer 34 über den Tisch. „Das ist mir wurscht!“ antworte ich ebenso kurz wie wahrheitsgemäß. Die bereits wachen fünfzig Prozent Udo argwöhnen skeptisch: ‚Na, hoffentlich gibt das am Ende keinen Auswerte-Kuddelmuddel!’ Dann drücke ich meine 45 Euro Startgeld ab und trolle mich in Richtung Auto.

45 Euro Startgeld gälte es normalerweise als „Abkassieren“ gnadenlos zu brandmarken. Nicht in diesem Fall. Zwar fallen für den 945 Meter Rundkurs kaum Unkosten an (im Grunde nur eine Dixie-Hütte und die Verpflegung), die Ausschreibung lässt jedoch erkennen, dass der Reinerlös den Zwecken des DRK zufließen wird. Ein Hinweisschild schafft weitere Klarheit (sinngemäß): „Um den Reinerlös zu maximieren, bieten wir den Läufern manch gewohnten Service nicht an.“ Den zu 70 Prozent wachen Udo sorgt das nicht, wäre auch überflüssig, wie sich später erweisen wird.

Einschränkungen:

Also ein bisschen „unsicheres“ Rundenzählen, fehlende Statistik hinterher und ein Ernährungsplan, der sich nicht unbedingt die üppigen Vier-Sterne-Büffets in Troisdorf oder auf dem Rennsteig zum Vorbild nimmt. Schönheitsfehler, mehr nicht.

Stunde „Eins“

Ultralaufjünger sind per se nicht sonderlich zahlreich, dem Halbtageslauf-Wahnsinn-Verfallene muss man offenbar mit der Lupe suchen: Gerade mal 24 Männer und vier Frauen stellen sich der Herausforderung. Dazu noch acht 6h-LäuferInnen und 13 Vertreter ihrer jeweiligen Staffel. Inmitten dieses Häufleins werde ich um Punkt 8 Uhr „in aller Stille“ verabschiedet. Verschiedene Läufer plappern ein bisschen miteinander. Helfer, wenige Angehörige und ruhende Wechselläufer applaudieren, die noch schlafende Stadt nimmt keine Notiz - einstweilen geschlossene Gesellschaft …

Tempofindung: Weiß nicht recht was, noch wie es finden. Gestern absolvierte ich ein „Sonder-Spezial-Training“ zwang mich fünf Kilometer in einem Schnitt von 6 min/km zu traben, um ein Gefühl fürs Langsamlaufen zu bekommen. In dieser ersten Runde, schaffe ich es nicht gestriges Empfinden zu reanimieren. Andere, zu viele Eindrücke, die Pace der Gruppe als Störfaktor, der Wunsch zu fotografieren, die (für mich) ungewöhnlich frühe Laufstunde und vor allem das dauernd verrutschende Startnummernband - alles vereitelt Konzentration. Ich folge ein paar „Leittieren“ und erledige erst einmal meinen Fotojob. Nur ein paar Runden will ich mir die Kamera aufbürden, sie dann im Auto entsorgen. Nach und nach fange ich die Streckenabschnitte ein: Vom Start weg und unter Bäumen ein paar Meter auf einem Fußweg in Richtung der St. Josefs-Kapelle, vor dieser zu einem kleinen Parkplatz querend, gelangt man nach Sekunden auf den nächsten Bürgersteig. Genau hier steht meine „gelbe, persönliche Versorgungsstation“. Der Kurs hat Profil, denn die nächsten dreißig, vierzig Meter geht’s merklich bergab. Dann scharf nach rechts und per Brücklein über den in seinem tiefen, hochwassersicheren Bett gefangenen „Waldstetter Bach“ (‚Dämliches Startnummernband!’ Rutscht dauernd hoch). Es folgt eines der schönsten Stücke unter alten, hohen Bäumen, parkähnlich gepflegt. Eine Querstraße markiert den äußersten Punkt, nach rechts um ein Gebäude, in entgegen gesetzte Richtung, eher unschön entlang der Straße, doch bald wieder nach rechts unter herrliche, alte Bäume. Zum Schluss noch einmal ein Stückchen Trottoir und mit der Straße zurück über den Bach, nach rechts in den Startbereich … Das anfangs geschenkte Gefälle fordert der Kurs auf dem Rückweg, kaum merkbar verteilt, zurück. 945 Meter, davon mindestens zwei Drittel unter Bäumen oder im Schatten von Gebäuden auch wenn das auf den ersten Runden noch keine Rolle spielt. Eine dünne, aber schon Anzeichen von Auflösung zeigende Wolkendecke bewahrt die Morgenfrische (‚Mann nervt dieses blöde Startnummernband! Hab’s zu weit gestellt.’).

Fünf, sechs - oder waren’s schon sieben - Runden verbringe ich mit gelegentlichem Fotografieren. Schon jetzt ist fraglich wie oft ich das Zelt des Rundenzählers sah. Und mehr als 100 Runden allein mit dem Hilfsmittel „Gehirn“ fehlerfrei zu registrieren, das schaffen sicher nur Menschen mit Buchhalter-Gen. Apropos „Buchhalter“: Der Herr Rundenzähler, so entnehme ich es einem hinter meinem Rücken geführten Gespräch, sei Buchhalter. So einer mache sicher keine Fehler bei der Eingabe der Runden in den Computer. Das zerstreut ein wenig meine Bedenken angesichts seiner Arbeitsweise. Entspannt, fast gelangweilt (was ich verstehen kann), sitzt er hinter einem Laptop mit Zusatztastatur. Im Vorbeilaufen hält er Blickkontakt, man sieht seine Finger locker auf dem Ziffernblock liegen und sich kaum sichtbar bei der Eingabe meiner Startnummer bewegen: „34“ und „Enter“. ‚Und das soll jetzt 12 Stunden lang fehlerfrei ohne hinzuschauen funktionieren???’ Mein Vertrauen ist „absolut“ (notwendig) mangels anderer Alternativen. Na gut, ich hab meinen „Forerunner“ am Handgelenk links. Aber der misst nicht exakt und mit kleinen Runden liegen mir keine Erfahrungen vor. Außerdem garantiert der Hersteller nur neun Stunden Akkukapazität. Drum ziert die Stoppuhr mein rechtes Handgelenk. Nicht auszudenken die Peinlichkeit, wenn ich nach neun, zehn Stunden die Zeit bei erschöpften Mitläufern erbetteln müsste … (‚Beim nächsten Zwangsstopp muss ich unbedingt das Startnummernband enger stellen!’)

Schönes wird schöner, Farbiges farbiger, die Sonne gibt sich die Ehre. „Die Sonne hätte ruhig bleiben können wo sie war!“ raunt mir ein Nebenmann zu und löst unmittelbar einen inneren Widerstreit aus. Bei allen Trainings- und den meisten Wettläufen hätte ich ihm ohne Zögern widersprochen. Laufen bei Wärme, sogar Hitze, liebe ich, unbeschadet zwangsläufiger Leistungseinbuße. Mit nur ein paar Gramm Bekleidung am Körper bewegen, ohne Frösteln bei Windstößen, durch eine Welt aus durchweg freundlich bunten Kulissen. Heute bin ich allerdings geneigt ihm zuzustimmen, wage mir nicht auszumalen, welche Folgen ein halber Tag Laufen in zunehmend schwül warmer Luft haben könnte.

Eine Frau taucht an verschiedenen Positionen des Miniparcours auf, um ihren Mann zu fotografieren. Ob sie vielleicht auch mich …? Die ausreichende Bebilderung des Laufberichts ruht längst im Kamerachip, doch ein Bild von mir - laufend versteht sich - wäre ein schönes Dokument. Hinterm Startbereich, kurz vor der Kapelle, steht sie jetzt. Ich fasse mir ein Herz, bitte um ein Foto nach der nächsten Runde, empfange ein liebenswürdiges „Aber gerne!“ drücke ihr meine (hoffentlich nicht zu schweißnass-schlüpfrige) Kamera in die Hand und bin weg …

Inzwischen, nach drei Vierteln einer Stunde, hab ich mit meiner Eitelkeit „Burgfrieden“ geschlossen. Rennsteig-Finisher-Shirt und zu weites Startnummernband weigerten sich eine „chic“ sitzende Beziehung einzugehen. Falten, Stoffwülste überm Band, verrutschte Startnummer, das sieht nicht gut aus (Ich schaffe es tatsächlich mich selbst ohne Spiegel zu sehen! Eine Übung, die doch sonst nur Frauen fertig bringen, wenn sie über ihre vermeintlichen Problemzonen lamentieren!). Schlimmer noch: Das sieht unprofessionell aus, dilettantisch, anfängerhaft! Tatsächlich debütiere ich heute im Startnummernband, um im Verlauf von zwölf Stunden das nasse Trikot mehrmals wechseln zu können. Ein in der Computerwelt verbreiteter Anglizismus beschreibt es treffend: „Never change a running system!“ Zumindest nicht mit unbekannten Komponenten vor einem ohnehin nicht einfachen Einsatz. Klar kann ich das jederzeit enger stellen. Aber zum Trinken und Fotografieren blieb ich schon häufig genug stehen, will es erledigen, wenn ich die Kamera im Auto wegschließe.

Kurz vor dem Startbereich lebt die „Eitelkeits-Fehde“ wieder auf. Ich zupfe und zerre das „hochheilige“ Rennsteig-Supermarathon-Finisher-Shirt (Boah! Eine geradezu erotisch langatmige Bezeichnung!) in Form und Position, nestele am Startband, erspähe meine „Auftragsfotografin“ und versuche ein ungezwungen lässiges Lächeln aufzusetzen. Und Foto! Bei kurzem Halt tausche ich ein Dankeschön gegen die Kamera und mache mich wieder auf den Weg. Allerdings nur fünfzig Meter bis zum Boxenstopp: Autotür auf, Kamera abladen, Tür zu (Dabei Handtuch wieder einklemmen und möglichst nicht die Finger, eine schwierige Koordinationsübung, die mir tatsächlich bis zum Schluss gelingt!), Startband ab, mit zittrigen Fingern enger stellen (‚Was für eine „depperte“ Verschlaufung das Ding doch hat!’), umschnallen, Verschluss einschnappen lassen, Schweiß mit dem Handtuch abwischen und endlich ab …

0:58:xx Laufzeit, mein GPS-Handgelenks-Klötzchen meldet 10 gelaufene Kilometer, mithin eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas unter 6 min/km. Zufriedenheit und Ratlosigkeit halten sich die Waage. Damit bin ich ungefähr so moderat unterwegs wie gestern geprobt und halte mich wacker in der Konkurrenz. Doch wie lange lässt sich dieses Tempo konservieren? „120 km in 12 Stunden“ stecken sicher nicht in meinen Beinen und ich kann es mir auch nicht erlauben mit dem Schlussböller völlig entkräftet zusammen zu sacken. Nächste Woche will ich wieder trainieren! Also wie taktieren? Erst mal weiter so, sich später von wachsender Ermüdung bremsen lassen? Sofort Tempo reduzieren, insgesamt effizienter und vielleicht am Ende mit weniger Qual laufen? Mir fehlt die Erfahrung auf 12 Stunden. Geschätzte zehn Läufer dürften derzeit vor mir liegen. Kaum anzunehmen, dass die alle 120 Kilometer angepeilt haben. Weshalb sind sie dann so flott unterwegs? Pausen geplant? Erfahrungen angehäuft, dass sich erhöhtes Tempo zu Anfang am Ende als günstiger erweist? Nicht physiologisch, da habe ich keine Zweifel. Gleichmäßiges Tempo verwendet die Energiedepots am wirtschaftlichsten. Aber eben „püschologisch“! Erst mal rascher Kilometer anhäufen und sich auf dem Schlussdrittel von der beeindruckenden Zwischensumme motivieren lassen!?? - Ich reagiere wie immer in ungewisser (Lauf-) Situation mit schickalsergebenem „Erst mal weiter so!“

Stunde „Zwei“

Trinken! Viel trinken! Noch mehr trinken! Zwölf Stunden lang ununterbrochen schwitzen und nicht austrocknen. Die Folgen zu starker Dehydrierung hab’ ich als Bergwanderer vor einem Vierteljahrhundert einmal erlebt. Stundenlang nichts getrunken, wegen „Flasche leer“, auf der Flucht vor einem Gewitter, totale Schwäche, alle hundert Meter minutenlange Gehpausen, Hütte erreicht, einen Liter Apfelschorle wie nichts reingeschüttet, nach einer Stunde wieder quietschfidel. Also viel trinken! Aber was trinken? Kohlenhydrate müssen auch rein. Grob gerechnet werde ich heute zwischen acht- und neuntausend Kalorien verbrennen, das entspricht knapp einem Kilo Körpergewicht. Im „richtigen Leben“ bin ich kein Freund von Cola, beim Laufen eigentlich auch nicht. Auf Ultrastrecken machte ich allerdings positive Erfahrungen damit. Cola enthält Wasser und Zucker. Eigentlich zu viel Zucker und leider kein Natrium (Kochsalz), was die Dehydrierung verzögert. Bei langsamem Ultra-Tempo und wenn ich den Magen permanent gefüllt halte, sollte die Rehydrierungsrate allerdings ausreichen. Sonst verabscheue ich auch die aufblähende Kohlensäure. Bei mäßigem Tempo wirkt das lästige Aufstoßen weniger unangenehm, dafür schätze ich das erfrischend säuerliche Prickeln auf der Zunge. Also Cola! Viel Cola! Mal greife ich mir einen Becher, trinke ihn trabend, später auch zwei, leere sie gehend oder stehend. Iso bringt Abwechslung in meinen Ernährungsplan und zusätzlich Mineralien in den Stoffwechsel. Dann und wann greife ich mir ein Stückchen Reiskuchen, oder etwas vom Teller mit den Trockenfrüchten. Die Müslikekse probiere ich nur einmal, krieg sie fast nicht runtergewürgt - nichts für mich!

Die Stadt ist jetzt wach. Ihre Bewohner beweisen samstägliche Geschäftigkeit, wofür viele leider das Auto nutzen. An den Umkehrpunkten der Strecke und entlang der „Parlerstraße“ bilden sich immer wieder stinkende Staus vor Ampel bzw. Kreisverkehr. Zum Glück kommen unsere Lungen jeweils nur für Sekunden in den „Genuss“ von Abgasen. Etwa vier Fünftel der Runde sind autofrei. Auto- aber nicht verkehrsfrei: Fußgänger haben Mühe unser Treiben zu durchschauen. Durchaus Willens auszuweichen, missverstehen sie den Streckenverlauf oder schätzen das Lauftempo falsch ein. Das zwingt unter der Last praller Einkaufstaschen gebeugte Frauen zu plötzlicher Endbeschleunigung oder abrupten Bremsmanövern, lässt gemessenen Schrittes schreitende Rentner wie von der Tarantel gestochen zur Seite huschen oder eine Gruppe weiblicher Teenager kichernd ausweichen. Andere ignorieren uns schlicht, halten unbeirrt Kurs, müssen im Extraorbit umkurvt werden. Manchmal wünsche ich mir mehr Rücksichtnahme. Anlässlich bestimmter Begegnungen verlängere ich jedoch gern und voller Demut meine Bahn, um eine alte Frau zum Beispiel, die, gestützt auf ihren Gehwagen, nur mit schleppenden Schritten vorwärts kommt.

Knapp vor dem Ende der zweiten Stunde misst der Forerunner den zwanzigsten Kilometer - also Tempo gehalten. Gedanken sind zu flink, um sie schon im Ansatz zu verhindern: Jetzt habe ich noch 10 Stunden und 90 Kilometer vor mir, wenn mein Wunsch Wirklichkeit werden soll: Weiter als 100 Kilometer, nach Möglichkeit 110, und das pausenlos laufend, nur von „technischen“ Stopps unterbrochen.

Stunde „Vier“

Mehrmals „begrabschte“ ich meine Bauch- und Brustpartie, um den Zeitpunkt zum Shirt-Wechsel möglichst hinaus zu zögern. Nach drei Stunden hatte sich die „Pracht vom Rennsteig“ allerdings voll gesogen. Mehrmals in den ver-„laufenen“ drei Stunden überdachte ich die Trikot-Strategie hinsichtlich des Gesichtspunktes, wie viel Haut ich im nächsten „Leibchen“ zeigen soll. Nein, hierbei standen keinerlei ästhetische Kategorien im Zentrum der Betrachtung. Die Sonne lacht, daher schien mir „Schulterfreies“ lange Zeit zu gewagt, einen Sonnenbrand wollte ich mir nicht einfangen. Dann wurde es wärmer - der Schweiß rinnt inzwischen beachtlich - und die Sehnsucht nach verbesserter „Luftkühlung“ wuchs. Zugleich taxierte ich die Schattenzone auf etwa zwei Drittel des Kurses und habe der Ein-Drittel-Sonne bereits reichlich Hautpigmente entgegen zu setzen. Gut. Also ein Träger-Shirt, am besten mein „himmelblaues“, dem unterstelle ich die höchste Saugkapazität. - Aber was, wenn doch die Sonne …? Sicher ist sicher! Ok, dann doch ein Trikot mit kurzen Ärmeln. Welches denn? Dem Anlass angemessen wäre die Biel-Trophäe. Ein 100 Km-Mann auf 12 Stunden-Kurs. Das habe ich vorhin an einem anderen bewundern dürfen und jene in mir gefühlte Ehrerbietung könnte ich dann auch genießen… Also entschieden! Ich ziehe meine schärfste Psycho-Waffe, das Biel-Renommier-Shirt an!!! - Man sieht: 12h-Läufer leiden nicht wirklich unter Zeitmangel und können Fragen von (lauf-) existentieller Bedeutung ganzheitlich, vernetzt und in allen Verästelungen ihrer Teilaspekte erwägen, reflektieren, schließlich entscheiden, die Entscheidung wieder verwerfen, sie restaurieren, um zum Zeitpunkt unumgänglich notwendigen Handelns dann spontan etwas völlig anderes zu tun … Aus dem geöffneten Kofferraum greife ich mir ein Schulterfreies … und zwar das hübsche, ob seines grellen Orange nahezu blind machende Finisher-Shirt aus Madrid! Stecke drin, schnalle die Startnummer um, Kofferraum zu, Zentralverriegelung klickt (zweimal hab ich übrigens vergessen abzusperren), und bin dann mal wieder weg …

Körperliches Tief und linde Depression haben sich verfestigt. Allerdings nehme ich schmerzende Knochen und drohendes Verzagen eher anfallartig wahr, wenn der Fluss der Eindrücke und Bilder stockt, die Ablenkung kurz aussetzt. Unterdrücken lassen sich Bangen und keimende Mutlosigkeit nicht. Und ein „Nicht-dran-denken“ hätte eher den gegenteiligen Effekt. Das Unvermeidliche annehmen, sich ihm stellen, es beherrschen, dabei weiter traben, traben, traben … Das als unmöglich „Empfundene“ mit unausgesetzter Bewegung, also „körperlich“, widerlegen. Jeder Schritt, jeder Abschnitt, jede absolvierte Runde nährt positives Denken, hilft Kleinmut zu begrenzen.

Beobachtungen beim Ultrarundenlauf: Das Sitzfleisch des Rundenzählers beeindruckt mich. Zwischendrin war er mal ’ne Runde weg, ließ sich von weniger geschickter Hand vertreten. Dann saß er wieder da, stoisch, ungerührt, eine große Kaffeetasse vor sich. Seine Ablösung wird demnächst eintreffen - ganz selbstverständlich gehe ich davon aus. - Ultrarundenlauf und Camping ergänzen sich vortrefflich. Der Österreicher und spätere Zweitplatzierte mit dem federleichten Schritt verbrachte die Nacht im Wohnmobil unmittelbar im Startbereich. Einige Male versorgt er sich aus seinem rollenden Schlafzimmer. Andere Läufer greifen zu „Zaubertränken und Ambrosia“, die sie auf Campingtischen an der Strecke bereitstellten. Coachende Ehefrauen sitzen unter hohen Bäumen in Campingstühlen, bedienen sich und ihre laufverrückten Männer von reich gedeckten Klapptischen. Sie sitzen und schauen, klatschen und feuern an, lesen und genießen freie Zeit, halten Siesta oder nehmen ein Sonnenbad. Meine „Auftragsfotografin“ hat Spaß daran ihren Helden auf einer Runde zu begleiten und ein wenig mit ihm zu plaudern.

Stunde „Fünf“

3 x 4 ist 12. Das kleine Einmaleins zu lernen war nützlich. Auch die Mathematik der höheren Klassen bringt mich weiter: Vier Stunden sind um, ein Drittel also geschafft.

Situationsbericht: 40 Km liegen hinter mir. Ich halte durch, physisch und psychisch hat sich nichts verändert: Gefühlte Anstrengung bei nur mäßigem Tempo, erträgliches Schmerzempfinden an verteilten Stellen, die verbleibende Zeit von acht Stunden stellt sich als unüberwindliche Hürde dar. Die Temperatur ist weiter gestiegen, Schweißverlust und Rehydrierung scheinen allerdings ausbalanciert. Sowohl die Tatsache des Trikotwechsels an sich, als auch die Wahl des Singlets waren richtig. Mehr Luft am Körper, weniger Schwitzen und der trockene Stoff kann wieder eine Weile die Rinnsale aufsaugen. So bleiben Lauftight und Unterhose, sonst triefende „Schwämme“, weitgehend trocken.

Ein bekanntes Gesicht dreht hier gleichfalls seine Runden. Kenne weder seinen Namen, noch sprach ich je ein Wort mit ihm. Hoch gewachsen, fast schon weißhaarig, vielleicht fünfzig Jahre alt - weiß man doch nie so genau bei Läufern - schlanke Beine und erstaunlicherweise so etwas wie ein Bäuchlein. Erstaunlich vor allem deshalb, weil er mir bei fast all meinen Ultraläufen begegnete: Das erste Mal fiel er mir beim 6h-Lauf in Troisdorf auf, dann beim 50 Km-Lauf im Westerwald, den 6 Stunden von Weißenberg und zuletzt rannte er auch über den Rennsteig. Er kennt hier mehrere Leute, scheint sich also schon länger in der Ultra-„Szene“ zu bewegen …

Sind das Penner? Auf einer Parkbank, kurz vor einem der verkehrsreichen Umkehrpunkte des Kurses, saß zunächst einer der wenig Vertrauen erweckenden Gesellen. Ein Unikum mit langer Gesichts- und Kopfbehaarung, Kappe obenauf, offenkundig schlampig gekleidet. Dazu gesellten sich nacheinander zwei andere, weniger auffällige, jedoch gleichermaßen verwahrlost wirkende Männer. Für eine Weile verschwindet der Superhaarige, sitzt dann wieder zwischen den anderen, redet, leert eine Flasche Bier, liest Zeitung und vor allem raucht er. Auch die anderen rauchen zuweilen. Der Superhaarige pafft ununterbrochen Selbstgedrehte. Wenn ich vorbei laufe fixieren mich ein bis drei Augenpaare. Die halten uns für Bekloppte, da bin ich sicher! Das ist gut zu ertragen, kommt es doch der Wahrheit ziemlich nahe. Ultraläufer allgemein vielleicht noch nicht, aber solche, die zwölf Stunden im kleinen Kreis rum rennen, fristen ein absolutes Randgruppendasein. Das müsste uns eigentlich den drei Obdachlosen (?), ihrerseits an den Rand der Gesellschaft gedrängt, vertraut und sympathisch machen. Mit der Zeit nervt ihr Stieren und Glotzen schon ein bisschen. Nervt, stört aber nicht wirklich. Störend wirken hin und wieder dünne Schwaden von Tabaksqualm, die in wenig bewegter Luft von der Bank herüber treiben. Wenn ich laufe, schnell oder sehr lange, dann kommt mir meine Lunge extrem verletzlich vor. Luftverunreinigungen, etwa die schon zitierten Autoabgase oder Spuren von Zigarettenqualm, stinken dann penetrant.

Stunde „Sechs“

Nun brauchte ich schon etwas mehr als 5 Stunden, um 50 Kilometer voll zu machen. Ein paar Sekunden verliere ich pro Runde, ohne es in irgendeiner Weise wahrzunehmen. Laufen fühlt sich an wie vor zwei Stunden, insofern ließe sich die letzte Situationsbeschreibung hierher kopieren … Ich renne auf die Halbzeit zu. Dieser Gedanke kehrt ständig wieder. Er will mich aber partout nicht aufbauen. Vielleicht, weil ich ihn zu oft formuliere und mir damit gleichzeitig vermittele wie endlos sich eine Stunde deeeeehnt. Und danach kommen noch einmal sechs. Nach wie vor rechne ich mit Scheitern, betrachte mein Unterfangen als vermessen. Unablässig laufe ich weiter, schaffe es, mich hinhaltend gegen unangenehme Empfindungen zu wehren. Mag sein, weil ich schon häufiger körperlichen Nöten widerstand. Das schult, härtet psychisch ab. Vielleicht, weil mein Starrsinn mir hilft: Wie ein Köter habe ich mich in den Gegner verbissen, ein Reflex, blind und unfähig nachzugeben. Ganz sicher aber auch, weil mir die Genkombination meiner Eltern mentale Kraft für Ausdauerleistungen schenkte. Danke!

Weiter also, immer weiter im Kreis rum, Runde um Runde. Gerade rast wieder ein Staffelläufer mit „Affenzahn“ an mir vorbei. Manchmal versetzt mir das einen winzigen Stich, bis ich mir bewusst mache, dass sie eine völlig andere Disziplin ausüben. Die einen wechseln zur halben oder vollen Stunde und haben maximal 12 Läufer im Team. Ein anderer Staffeltyp ist hinsichtlich Wechselfrequenz und Läuferzahl überhaupt nicht begrenzt. Frisch und ausgeruht lassen sie die teilweise schon müde daher schlappenden Ultras wie schlecht vorbereitete Stümper aussehen … Tatsächlich macht es mir weniger aus, von einem der wirklichen Konkurrenten laaangsam überholt zu werden, als wenn ich für Sekunden das Sohlenmuster der Staffelflitzer studiere. Ein weiterer Umstand, den es zu verkraften gilt. Belebend, manchmal sogar lustig, wirken die vielen Kinder, aus denen sich manche Stafetten zusammensetzen. Von etwa acht bis kurz vor volljährig ist alles vertreten. Erst düsen sie raketengleich los, um schon nach einer Viertelrunde vor Erschöpfung ins Gehen zu verfallen. Andere haben ein bisschen Erfahrung und zügeln anfänglich ihr Temperament, schaffen ihr Pensum vollständig laufend. Dann und wann überhole ich einige der gehenden Kinder, wenn sie sich zu zweien, dreien und munter plappernd zusammen gefunden haben. Ein weiblicher Teenager mit unübersehbarem Übergewicht kämpft vehement gegen die Sehnsucht Stehen zu bleiben, verliert, geht ein paar Schritte, wird von drei bekannten Mädels angesprochen und rennt beschämt wieder los … 12h-Laufen ist hart, aber in keiner Minute langweilig!

Die 6h-Läufer streben der Erlösung entgegen, der Sprecher im Startbereich kündigt das Ende ihres Wettbewerbes an. Uns 12h-Läufer weist er noch darauf hin, beim Ertönen der Fanfare selbstverständlich weiter zu laufen. Vielleicht bin ich doch schon ein wenig „Gaga“ in der „Birne“, denn es dauert Minuten, bis mein Kopf das Absonderliche als Frage formuliert: ‚Kann es 12h-Läufer geben, die nach dem 6h-Signal stehen bleiben?’ Mitten in verwundertes Sinnieren schneidet das grelle Signal. ‚Die haben’s geschafft!’ beneide ich den ab jetzt ruhenden Teil der Lauftruppe. Ein-, zweimal stellte ich mir vor nach sechs Stunden aufzuhören, spürte aber sofort starken Widerwillen: ‚Dafür bin ich nicht hier! Ich brauche die 12h-Erfahrung, um wenigstens einigermaßen zu wissen, was in Berlin auf mich zukommt! Ich will zwölf Stunden laufen und nicht vorher den Schwanz einklemmen!’

Stunde „Sieben“

Erwähnenswertes:

Stunde „Acht“

Ich kann nicht sagen wann und wie, aber Dramatisches hat sich vollzogen! Meine Beine schmerzen nun weit weniger, sogar der „nervige Nerv“, hinten rechts in delikater Gegend, schweigt! Das hält bereits eine Dreiviertelstunde an, seit es mir zum ersten Mal bewusst wurde. Das Laufen fällt mir auch viel leichter, als noch vor zwei Stunden! Fast bin ich geneigt es als „Rennsteig-Effekt“ zu bezeichnen, denn dort war’s genauso. Nach Stunden der Quälerei fand ich unerwartet zu leichterem, beschwerdefreierem Traben. Ein wunderbares Gefühl! Ich glaube niemand wäre fähig diesen Zustand „nachfühlbar“ zu beschreiben. Er vermittelt dir den Eindruck von Unbeschränktheit, lässt dich glauben auf diese Weise unendlich weit laufen zu können … Selbstredend haben sich alle schwarzen Gedanken aufgelöst, gleich einer abgeregneten Gewitterwolke. Jetzt fühle ich mich gut, bin optimistisch, denke positive Formeln: ‚Bald sind acht Stunden um, dann hast du schon zwei Drittel geschafft! Dann sind es nur noch vier Stunden!’

Wie kann das sein? Wie funktioniert „Phoenix aus der Asche“? Ich denke darüber nach und sehe mich unmittelbar vor einem „Henne-Ei-Problem“. Du weißt schon: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Haben die guten Gedanken an das bereits Bewältigte und die vergleichsweise geringe Restlaufzeit mich „gedopt“? Oder war da zunächst die körperliche Veränderung zum Besseren, die dann dem „Hasenfuß“ Beine machte? Jetzt bedingt es sich jedenfalls gegenseitig und ich genieße mein Läuferdasein. Oh, ich wage sogar schon einmal daran zu denken, wie es in ein paar Stunden sein wird, wenn ich als frisch gebackener 12h-Läufer nach Hause fahre!

Auf der Strecke ist es ruhiger geworden. Die 6h-Läufer fehlen, aber das waren nur ein paar Köpfe. Einige der unablässig Kreisenden sehe ich für längere Zeitabschnitte nicht mehr. Ergo haben sie sich zu Ruhepausen zurückgezogen. Bei Dreien fällt es mir auf: Einer ruht auf einer Matte, direkt neben seiner sitzenden Frau und dem übervollen Campingtisch. Eine Runde später scheint er sogar zu schlafen. Der Mann meiner „Auftragsfotografin“ spielt etwas abseits des Laufrunds „toter Maikäfer“, liegt ermattet auf dem Rücken, Füße angewinkelt, Unterarm quer über der Stirn. Auch jener Läufer, dessen Gesicht mir schon bei mehreren Veranstaltungen begegnete, gönnt sich eine Auszeit, steht abwartend im Startbereich. Runde um Runde sehe ich ihn da verweilen. Einmal zollt er einem Bekannten Hochachtung: „Mensch Gerhard, wie du dich quälst und durchhältst! Also ich könnte das nicht!“ Gerhard kämpft seit Stunden heftig, für jeden sichtbar. Mehrmals konnte ich mich beim Überrunden davon überzeugen. Und um es vorweg zu nehmen, Gerhard hält durch bis zum Schluss, schafft fast 100 Kilometer!

Natürlich kalkuliere ich immer wieder, wie weit mich die Füße letztlich tragen könnten. Alles deutet auf eine Entfernung von mehr als 110 Kilometern. Und als ich so herum rechne, finde ich mich irgendwann an der Stelle, da etwa noch 42 Kilometer zu laufen sind. Noch ein Marathon ab jetzt. NUR noch ein Marathon!!! Wie kann ich dir den von dieser Erkenntnis ausgehenden Schub, die sogar kurzzeitig aufwallende Freude verständlich machen? Es ist kein Größenwahn, überhaupt nicht. Betrachte es unter folgenden Gesichtspunkten: Im Moment habe ich dieses „Endlosgefühl“, das mir vorgaukelt bis zum „St. Nimmerleinstag“ weiter joggen zu können. Einen Marathon lief ich jedes Wochenende, manchmal zwei. Das ist eine überschaubare, bekannte, absolut machbare Strecke. ‚Die schaffe ich jetzt noch! Das geht! Manchmal hatte ich doch schon am Anfang eines Marathons total müde Füße! Letztes Wochenende in Heilbronn dauerte es ein paar Kilometer bis ich überhaupt richtig laufen konnte! Ich packe die 12 Stunden!’ - Der freudige Gedanke währt nur Sekunden. Dennoch lässt er mich entschlossener, in noch besserer Stimmung zurück.

Stunde „Neun“

Viel Seltsames ist mir auf meinen Laufwegen schon begegnet. Mal im Training, dann wieder im Wettkampf. Diese Frau gehört dazu. Zunächst glaube ich an eine Passantin, die es eilig hat und unter hohen Bäumen ihren Termin im Laufschritt noch zu erwischen hofft. Dann biegt sie gleich mir um die Ecke und rennt in entgegen gesetzte Richtung, wenig später wieder unter das Laubdach der Bäume, passiert zuletzt kurz vor mir den Startbereich. Ich hab mich davon überzeugt, sie trägt keine Startnummer. Sie trägt auch keine Lauf- sondern normale, sommerliche Straßenbekleidung. Und das Bizarrste findet sich an ihren Füßen: Zierliche Sandaletten mit Riemchen um die Ferse und kein Strumpf schützt die Fußhaut. Sie rennt weiter, startet in die nächste Runde. Irgendwann überhole ich sie, weiß letztlich nicht wie lange sie noch durchhielt. Ein wenig konsterniert brüte ich über dieser „Erscheinung“: ‚Was mag sie bewogen haben in diesem „Aufzug“ ein paar Runden zu drehen?’ Sie war allein, begleitete niemanden, wurde auch von keinem der Helfer oder Läufer angesprochen. Tatsächlich eine zufällige Passantin? Eine mit unbezähmbarer Lust auch ein paar Runden zu laufen?

An einem der Umkehrpunkte steht ein hüfthoher Pflanzkübel, eine Art überdimensionaler Blumentopf. Ein kleines Bäumchen mit ausladenden Ästen wächst darin und ein paar Blumen. Dieser „Pott“ steht genau im Laufweg, wenn man um die Ecke biegt und fordert etwa alle 6 Minuten eine Entscheidung: Links oder rechts vorbei? In den ersten Stunden ging ich ausnahmslos den weiteren, leichteren Weg. Erst viel später probierte ich die kürzere Variante, die ein wenig mehr koordinierenden Beineinsatz verlangt, um nicht mit Mauer rechts, oder Kübel links, zu kollidieren und zugleich von peitschenden Ästen im Gesicht verschont zu bleiben. In der Folgezeit war ich unentschieden. Empfand es mal „ehrenhafter“ den weiten, dann wieder „cleverer“ den kurzen Weg zu nehmen. Diverse Male zwangen mich auch Überholmanöver heldenhaft außen rum. Je mehr Zeit verstrich, je mehr Energie sich in Runden wandelte, umso häufiger, glaubte ich genug in meine „Ehre“ investiert zu haben und die kürzere Passage wählen zu dürfen. Dieses Geschichtchen mag dich amüsieren, dir gar ein Kopfschütteln entlocken. Für mich ist es ein Sinnbild wie zunehmende Anstrengung wirkt und erklärt ein wenig, was kreisende Ultras ein halben Tag lang denken. Zwölf Stunden zu laufen ist verdammt hart, aber nicht langweilig.

Was „man“ sonst noch so denkt: Das große Ziel „Berlin 24h“ spielte heute in meinen Gedanken kaum eine Rolle. Erst gilt es diesen „Drachen zu töten“! Ich habe mir ein mörderisches Programm zur Vorbereitung auf die „24h“ geschnitzt. Das geschah schon Anfang des Jahres. Und ein 12h- oder ein 100 Km-Lauf schien mir unverzichtbar, um ausreichend gerüstet nach Berlin zu fahren. Im Augenblick bin ich dabei diesen Zwischenschritt zu vollenden, meinem Training eine weitere „lange Einheit“ hinzu zu fügen. ‚Du bist noch nie weiter als 100 Km und noch nie länger als 9:07 Stunden gelaufen. Heute wirst du weiter und länger laufen, beide Bestmarken versetzen! Und einen solchen Granatenlauf wertest du als Training!? Wie verrückt muss jemand sein, der einen halben Tag Laufen als Training einstuft?’ - So habe ich diese „Sache“ bisher nie betrachtet und stelle mich schlagartig mal wieder in Frage. ‚Geht so was? Kann das richtig sein oder steckt darin ein gewisser Verlust von Maßstäben?’

Stunde „Zehn“

Situationsbericht kurz: Ich fühle mich prächtig, hab nach wie vor das „Endloslaufgefühl“. Mein Shirt ist wieder nass, ich sollte es noch mal wechseln. Ein stark, teilweise dunkel bewölkter Himmel bewahrt angenehme Temperaturen, allerdings lässt uns die herrschende Schwüle schwitzen. Etwa 86 Kilometer sind geschafft und ich bin inzwischen guter Dinge die komplette Zeit laufend zu absolvieren.

Ich hab „meine Fotografin“ noch einmal angesprochen, sie saß in einem Campingstuhl kurz hinter dem Startbereich. Die ist regelrecht froh eine kleine Aufgabe gestellt zu bekommen. Ich stell’ mir das ziemlich langweilig vor nur da zu sitzen und auf den im 6 bis 7 Minuten-Rhythmus vorbei trabenden Ehemann zu warten. Natürlich hätte ich Ines gerne hier, bin im Grunde aber froh, dass sie dieses Wochenende andere Pläne hatte … Achtung Fototermin! Brust straffen, Lächeln aufsetzen, Foto erwarten. Doch erst auf dem letzten Meter löst die Kamera aus, weil unter Bäumen und fetten Wolken ein Blitz erforderlich wird. „Das war nix! Ich mach noch eins!“ Also gehe ich ein paar Schritte zurück (Beinahe peinlich die Inszenierung!), zugleich rennt sie zwanzig Meter voraus und schlussendlich gelingt es …

Achtzig Meter weiter will ich die Kamera im Auto deponieren und ein letztes Mal den nassen Fetzen tauschen. In die letzten Schritte vor meiner „Versorgungsstation“ platschen erste, dicke Tropfen. Ok! Dann nicht! Auto auf, Kamera ablegen, Handtuch rein schmeißen, zum wiederholten Male einen Beutel Energie-Gel greifen und erst mal mit nassem Oberteil weiter. Eine gute Entscheidung. Innerhalb weniger Minuten beginnt es heftig zu regnen. Ein, zwei Donnerschläge machen aus dem Land- einen Gewitterregen, der an Intensität gewinnt. Nach der nächsten Runde schüttet es. Der Rundenzähler (immer noch derselbe, einfach unglaublich!) hat sich tief in seinen Unterstand zurückgezogen, hält aber Blickverbindung. Essensvorräte hat man im Zelt in Sicherheit gebracht. Nur die Getränke stehen noch im Freien. Ich schnappe mir zwei Becher Wasser und nehme die Gel-Mahlzeit im Zelt ein. Verführerisch der Gedanke, das Ende des Gusses hier drin abzuwarten. Sofort innere Opposition: ‚Wenn ich im Zelt bleibe, sind die 110 Kilometer im Eimer! So schnell hört das nicht auf! Ist doch egal ob ich nass werde, bin’s doch schon!’ Wasser runter kippen, wieder raus, und im Nu triefnass. Der Regen ist warm, die Nässe am Körper nicht unangenehm, höchstens der permanente „Scheibenwischer“. Erneutes Donnergrollen. Herrlich! ‚Bin noch nie bei Gewitter gelaufen!’ Es bereitet mir einen Heidenspaß. Schon als Kind hatten Gewitter für mich etwas „Heimeliges“. Egal, ob ich draußen nass wurde, oder bei geöffnetem Gaubenfenster dem Fließen des Wassers auf den Dachziegeln zusah.

Außer mir genießen nur wenige den „Gewitterspaß“, der Rundkurs ist wie leer gefegt. Zwanzig Minuten dauert die Berieselung, dann fallen die letzten Tropfen und hinterlassen eine wunderbar frische Nachgewitterluft. Was für eine Lust jetzt zu laufen! Ich beschließe noch zwei, drei Runden bis zum Wäschewechsel zu warten, vielleicht gibt’s noch einen Schauer und von den Bäumen tropft es auch noch. Meine Füße schmatzen in den Schuhen, ich erwäge einen Schuh- und Strumpfwechsel. Allerdings kostet mich das mindestens eine halbe Runde. Da ich schon Stunden mit nassen Füßen unbeschadet zubrachte, bleibt es beim Trikotwechsel.

Neben all dem „feuchten Erleben“ habe ich das erste Überschreiten des Rubikons verpasst. Als es mir bewusst wird, sind schon fast 9:30 Stunden um und ich bin bereits 20 Minuten länger unterwegs als je zuvor…

Stunde „Elf“

Die blendende Stimmung verlässt mich nicht. Auch nicht, als sich das „Endloslaufgefühl“ allmählich verabschiedet. Nach und nach spüre ich wachsende Ermüdung, halte dennoch unvermindert Tempo. Kilometer 95! Bald ist es soweit, ein paar Runden noch, dann betrete ich Neuland … Jetzt sind es 99 Kilometer. Spannung ergreift mich, ständig fixiere ich die GPS-Anzeige. 99,3 dann 99,7 endlich 100 Kilometer, jetzt weiter als je zu vor. Freude wallt auf, spornt mich zusätzlich an, schiebt mich durch die nächsten Runden.

Mittlerweile spielte sich ein kleines Ritual zwischen Rundenzähler und Udo ein. Einmal, während des Wolkenbruchs, von diversen Personen verdeckt, hielt ich an, um mit deutlichem Handzeichen meine Registrierung zu sichern. Seither besiegeln wir per Wink jede Runde - er hebt die Hand, ich grüße zurück. Nebenbei: Was für eine Leistung! Zwölf Stunden auf einem Stuhl sitzen und konzentriert Zahlen in einen Computer eintippen! Irre!

Einen Sprecher gibt es mittlerweile im Startbereich. Der erzählt so dies und das, beschäftigt sich überwiegend mit Platzierungen der Staffeln und ihren Läufern, kommentiert deren Vorbeizischen mit euphorisch erhobener Stimme. Der Kampf der zwei führenden Staffeln hat es ihm angetan. Es dauert mehrere Runden bis ihm einfällt auch mal jene namentlich zu würdigen, die seit über zehn Stunden gegen die Uhr und ihre zunehmende Erschöpfung kämpfen. Bei dieser Gelegenheit erzählt er mir von 100 absolvierten Runden. Mein Forerunner spricht anders zu mir, ein erster Hinweis, dass GPS die Runden zu großzügig ausmisst. Sorgen mache ich mir darüber nur kurz: Selbst wenn das stimmen sollte, werde ich die 110 Kilometer noch erreichen …

„Du rennst wia a Maschin!“ lobt mich ein Konkurrent, den ich nun schon zum x-ten Mal überhole. Still und zufrieden lächelnd (Hab ich gelächelt?) schnappe ich mir das Kompliment und lass mich von ihm davon tragen. Ein bisschen Hilfe in hartem Kampf, ich ermüde zusehends. Die Beine fühlen sich trotzdem gut an, es wird klappen, ich bin sicher. ‚Nur noch Eineinviertelstunden zu laufen! Was ist das schon …? Das packe ich!’

Stunde „Zwölf“

Ich balle die Hand zur Faust, boxe die Luft und schreie mich in Gedanken an: „Jaaa! Jaaa! Jaaaaaa! Nur noch eine Stunde! Bald hast du’s geschafft!’ Das hilft. Und wie das hilft! Wie ein Satellit die Erde, unbeirrt, unaufhaltsam, umkreise ich mein kleines „Schwäbisch Gmünder“ Universum. Ich reihe Runde an Runde und es fällt mir traumhaft leicht, obwohl die Schritte immer schwerer werden. Jetzt schaue ich häufiger auf die Uhr, lasse mich von verrinnender Zeit beflügeln. ‚Nur noch 45 Minuten!’ - ‚Jetzt nur noch 35!’ - ‚In zwanzig Minuten hab ich es geschafft!’ Die Schmerzen wachsen, buchstäblich jede Körperfaser tut mir weh. Spürbar langsamer bin ich auch geworden. Könnte mich noch einmal aufbäumen, der Erschöpfung die Stirn bieten, lasse es aber. ‚Lauf das Ding gemächlich zu Ende! Du willst nächste Woche wieder trainieren! Reib dich nicht vollends auf!’

Es will mir scheinen, als käme ich nun in viel kürzeren Abständen beim Rundenzähler vorbei. Vielleicht liegt das an unserem Handzeichen-Ritual, möglicherweise auch an der seit geraumer Zeit fast Läufer-leeren Strecke. Der größte Teil der Konkurrenz hat den Bewerb beendet, steht womöglich schon unter der Dusche. Als ich den späteren Drittplazierten zum zweiten Mal überhole, murmelt auch er eine anerkennende Formel. So viel ist klar, selbst wenn sein Gebrummel teilweise unverständlich bleibt. Erst bei der Siegerehrung dämmert mir, dass er wohl auch um seinen dritten Platz fürchtete. Platzierung? Keine Ahnung an welchem Platz ich laufe. Ab und an wurden Zwischenergebnisse im Startbereich ausgehängt, bloß kann ich die ohne Brille nicht lesen. Dennoch bin ich sicher weit vorne zu rangieren, denn nur einige waren unausgesetzt unterwegs und die wenigsten davon permanent laufend.

Noch zehn Minuten! Die Vorfreude wächst, überdeckt Erschöpfung, verdrängt Schmerzen. Mühsam trabe ich vorwärts, sehr mühsam. Und doch könnte mich nichts daran hindern genau noch diese zehn Minuten zu laufen. Dann hab ich 12 Stunden lang durch gehalten und bin weit über 100 Kilometer gelaufen. Wahnsinn! Und das nach dem Vorprogramm. Ich möchte Freudentänze aufführen, nur fehlt mir dazu die Kraft und natürlich die Zeit - schließlich gilt es noch 3 Minuten Strecke zu sammeln. Ein letztes Mal grüße ich den Rundenzähler, packe diesmal Gesten des Dankes und der Anerkennung in meine Handbewegung. Ein letztes Mal passiere ich den Tisch mit Getränken, trabe auf die Kapelle zu …

Im Wissen des sicheren Sieges brechen alle Dämme. Der Schmerz dringt nun ohne Dämpfung durch, die Erschöpfung lähmt die Beine. Das tut so weh und ist doch so egal. Ich hab’s geschafft! Schon vor Stundenfrist überlegte ich einfach in Höhe des Autos stehen zu bleiben. Dann hätte ich mein Zeug sofort griffbereit, wenn der Mann mit dem Messrad vorbei ist. Müsste ich mich nicht besser kennen? 12 Stunden sind 12 Stunden! Ich werde keine Sekunde verschenken! Ein letztes Mal schleppe ich mich über den Bach, biege nach links, jogge unter den hohen Bäumen. Noch eine Minute. ‚Am besten bis zu der Bank da vorne, dann kann ich mich hinsetzen!’ An der Bank sind aber immer noch 30 Sekunden verfügbar. Also zu jener dort drüben. Noch 20 Sekunden. Dann zur nächsten und auch dort bringe ich es nicht über mich die letzen 10 Sekunden zu verschenken … Schließlich erlöst mich der Böller und ich stehe vor dem überdimensionalen Blumentopf, nach 12 Stunden, 116 Runden und 110.089 Metern.

Ich setze mich auf eine Kiste und warte auf den Schiedsrichter. Das wunderbare „GESCHAFFT!“ durchdringt mich total. Ich bin glücklich und völlig erschöpft. Dann denke ich an Berlin: ‚Wie sollte ich jetzt noch einmal 12 Stunden laufend überstehen?’


     Zur Kurzkritik


Wir über uns Gästebuch Trekkingseiten Ines' Seite Haftung
logo-links logo-rechts

zum Seitenanfang