So muss es sein    -    Essen Marathon 2008

Vor Schreck entfährt mir ansatzlos: „Ich hab die Kamera vergessen!“ Die Blicke meiner Begleiter fixieren mich, während wir kurz warten, um über Aufgang und Brücke den Start zu erreichen. Zehn Minuten noch und Dieter spricht aus, was ich denke: „Das schaffst du nicht mehr!“ Dennoch gäbe ich jetzt Fersengeld, sprintete den knappen Kilometer bis zum Auto, um pünktlich wieder hier zu sein, denn: Laufen um den Baldeneysee ohne Bilder? Nein, das geht überhaupt nicht! Zum Glück fällt mir sofort eine geschicktere Lösung ein. Das Auto parkt am Straßenrand und theoretisch müssten wir … „Laufen wir am Auto vorbei?“ Peter bejaht meine Frage und Dieter, dem ich für heute Begleitdienste antrug, nickt zu meinen Vorhaben: „Dann nehm’ ich die Kamera raus, wenn wir dort vorbei kommen!“ - Zwischen unausgesetzt nachdrängenden Läufern und mit Trippelschritten schieben wir uns über die enge Fußgängerbrücke. Sie verbindet den rückwärtigen, dicht bewaldeten Bereich des Seeufers mit der an dieser Stelle von einer hohen Mauer gestützten Zufahrt. Lautsprecherlärm schlägt uns entgegen, die Suche nach dem geeigneten Startplatz beginnt. Peter schicken wir mit resoluten Sätzen weiter nach vorne. Beim Versuch einer persönlichen Bestzeit unter 3:30h sollte er sich nicht vom Feld auf den ersten beiden Kilometern ausbremsen lassen. Versehen mit Glückwünschen bahnt er sich seinen Weg in Richtung Spitze. Dieter und ich halten auf einen freien Platz im Startblock 3:45h zu. Wir haben uns vor ein paar Minuten erst Aug’ in Aug’ kennen gelernt, davor nur E-Mails getauscht. Dennoch stehen wir höchst selbstverständlich beieinander und plaudern wie alte Bekannte. Sie mögen unterschiedlichster Herkunft sein, in ihren Lebensumständen kaum vergleichbar, die Gedanken nicht einmal in derselben Sprache formulieren. Und doch „ticken“ nahezu alle Läufer (-innen) gleich. Man versteht sich übergangslos, verbal, manchmal auch nur mit Gesten. Das erlebte ich dann und wann in Italien. So nimmt nicht wunder, als ein Dritter - eine Weile hörte er schmunzelnd zu - unser Gespräch mit eigenem Beitrag bereichert. Erst der „überraschend“ einsetzende Countdown bringt unseren „Trialog“ zum Verstummen. Es reicht gerade noch für gute Wünsche, per Handschlag bekräftigt.

Ein knappe Minute sanft bergwärts, sozusagen als „Anlasser“ für den Puls, dann sucht das Feld in ebensolchem Gefälle (Baldeney-) Seehöhe zu erreichen. Gleich muss mein Auto ins Blickfeld rücken. Während ich nach dem Schlüssel in der Gesäßtasche taste, melde ich mich bei Dieter ab und flitze voraus - so gut das eben geht am Rand, ohne jemanden zu rempeln oder sonstwie zu gefährden. Als Dieter heran ist, hab ich den „Akt“ fast vollzogen, brauche seine Bereitschaft zu warten nur einen Moment strapazieren. „Die Kamera war schon traurig, dachte ich will sie verlassen!“ scherze ich. „Sie wird geglaubt haben, du hast eine Neue!“ verwertet Dieter mein „Zuspiel“ und bringt uns damit zum Schmunzeln. Nun bin ich endlich komplett. Dass ich bei der Ankunft auch den Chip vergaß, was mir schon vor dem Abholen der Startnummer eine Runde Warmlaufen eintrug, sollte ich hier wohl noch errötend hinzufügen.

Vom See ist durch dichten Baumbestand nichts zu sehen. Vom Himmel auch nicht, der versteckt sich hinter zähem Hochnebel. Zuweilen sind hellere Flecken im fetten Grau auszumachen. Das nährt die Hoffnung (bei vielen die Befürchtung) bald die Sonne willkommen zu heißen. Im Übrigen herrscht ideales Laufwetter: Recht kühle Luft zwar, dennoch erlaubt Windstille kurzärmliges Laufen. Auf abgesperrter Walduferstraße windet sich der bunte Lindwurm in nun wieder leicht ansteigender Rechtskurve. ‚Ganz so flach, wie die Homepage schwärmt, scheint der Kurs doch nicht zu sein!’ Und tatsächlich folgt, der Logik einer Uferstrecke gehorchend, dem Auf das Ab. Ich schere ein wenig seitwärts aus. Von oben und vor buntem Blattwerk sollte eine attraktive Aufnahme gelingen. Zugleich halte ich nach der Zwei-Kilometer-Tafel Ausschau, die gemäß GPS-Messung am Handgelenk gleich folgen müsste. „Hast du die erste Kilometermarke gesehen?“ wende ich mich an meinen Nebenmann. Doch auch Dieter übersah die Tafel im dichten Aufgalopp des Feldes. Eine Pace zwischen 5:20 und 5:30 Minuten pro Kilometer peilt er an, um in seinem zweiten Marathon erstmals unter vier Stunden zu bleiben. Kilometer Zwei passieren wir überraschend im vorgesehenen Zeitfenster. Wohl eher ein Zufallstreffer, denn verlässliches Laufgefühl stand während der Einlaufphase und auf welligem Profil noch nicht zur Verfügung.

Feixend deutet Dieter auf das Quartett vor uns. Um ihre Hüften wippen wahre „Munitionsgürtel“, dicht an dicht mit Fläschchen und Täschchen gespickt. Ein bisschen wirken sie wie weiland Wyatt Earp, seine Brüder Morgan und Virgil, sowie Doc Holliday, alle vier unterwegs zum finalen „Shoot Out“ am „O.K. Corral“. Nun denn: Noch knapp vier Stunden bis „High Noon“ am Regattahaus der Stadt Essen …

Links öffnet sich der Blick zum See. Oder muss man an dieser Stelle schon wieder von einem Fluss sprechen? Für Zu- und Abfluss des aus der Vogelperspektive wie eine ziemlich platt gequetschte Niere anmutenden Stausees ist die Ruhr zuständig. Stückweit voraus erkenne ich eine Brücke, die uns mutmaßlich zum anderen Ufer bringen wird. Nach obligatorischen Schnappschüssen des Inhaltes „Läufer-auf-Brücke-vor-See“ ist Dieter ein Stück enteilt, gewinnt bereits die ersten Häuser des Stadtteils Werden und verschwindet in einer Seitenstraße. Ich lasse mir Zeit beim Aufholen, denn einmal mehr fehlt die Frische in den Beinen. Nassforsche Zwischenspurts verpulvern unnötig Energie und selbst die augenblicklich maßvolle Tempoforcierung erzeugt ein vernehmliches „Knirschen im Gebälk“. Mein letztes Marathonfinish wurde gestern eine Woche alt, ein 50 km-Ultra mit über 1000 Höhenmetern wird mich in zwei Wochen prüfen - also bitte heute keine Experimente Udo! Die zwei Runden um den Baldeneysee dienen als Trainingseinheit „Langer Lauf“. Ein wenig länger als üblich, angesichts der bevorstehenden Ultra-Aufgabenstellung jedoch richtig bemessen.

„Mama for Champion“ steht auf dem bunt mit Tupfen und Smiley bemalten Schild, hochgehalten von zwei Steppkes. Sohn und Tochter blicken erwartungsvoll dem Strom der Läufer entgegen. ‚Ihr werdet Mama sicher bald bejubeln können!’ - Längst wieder Seite an Seite streben wir dem „Alten Schleusenhaus Werden“ zu, einem offensichtlich frisch renovierten, mehrstöckigen Zweckbau. Stil und Ausstattung - besonders erwähnenswert die antiken Rundbogenfenster - verweisen auf das vorletzte Jahrhundert. Davor um eine Mauerecke nach rechts auf engen Fußweg, wo es erst- und letztmalig zu Stockungen kommt. Vier gelaufene Kilometer reichten nicht, das Feld entscheidend zu entzerren. Ein-, maximal zweihundert Meter, dann zieht sich die Schlange wieder auseinander. Links voraus schiebt sich das Bollwerk einer Staumauer ins Sichtfeld. Am Fuß der Staumauer überwinden wir ein paar Meter Höhendifferenz, dann liegt die nahezu leere, nur von ein paar Wasservögeln belebte Fläche des Baldeneysees vor uns. Der jetzt breite, wohltuend glatt asphaltierte Rad- und Fußweg folgt fortan dem Seeufer. Immer wieder schafft die Sonne ein paar „lichte Momente“, aber nicht den Durchbruch, das wird noch dauern.

Langsam finde ich Gefallen an diesem Lauf. Schuld sind Dieter und der wunderschöne Uferweg. Dieter, weil er läuft wie ein Uhrwerk, wodurch sich meine Unterstützung auf gelegentliches Errechnen des Zeitdurchschnitts beschränkt. Der liegt einstweilen konstant bei 5:23 min/km. Noch mal Dieter, weil er zu jenen angenehmen Laufkameraden zählt, mit denen man sich gern über diese oder jene Beobachtung austauscht, mal ernst, dann wieder heiter, der ansonsten die „Sache“ ebenso gerne schweigend genießt wie meine Wenigkeit. Und der Weg vermag nun wirklich zu begeistern: Rechts gesäumt von dichtem Laubwald, eine Art grün grundierte Leinwand, auf der der Maler „Herbst“ mit warmen Gelb- und Rottönen Akzente setzt. Weit ausladende Äste formen nicht selten einen natürlichen Baldachin, unter dem es sich herrlich laufen lässt. Dazu links der Kontrast des Seeufers, ein meist schmaler Grünstreifen, zuweilen von einzelnen Baumgestalten malerisch in Szene gesetzt. Den tiefsten Eindruck hinterlassen Trauerweiden, deren langes, wie ein schwerer Vorhang anmutendes Astwerk knapp über dem stahlgrauen Spiegel des Sees endet.

Geraume Zeit umfängt uns Stille, nur von halblauten Bemerkungen und dem ewigen Getrappel der Füße unterbrochen. Sie endet am ersten, sehnsüchtig erwarteten Verpflegungspunkt bei Kilometer 6. Die Luft ist kühl - schon richtig - aber eben auch zu hundert Prozent mit Feuchtigkeit gesättigt und damit schweißtreibend. „Wasser!“ - „Wasser!“ „Tee!“ - „Tee, Iso gibt’s weiter hinten!“ rufen uns etliche hilfreiche Geister entgegen. Ich entscheide mich für einen Becher „Iso“, mag mich heute nicht mit Wasser bescheiden. Kaum eine Minute später ist das „Verpflegungsgewühl“ bereits vergessen, haben Schweigen und Muße wieder Einzug gehalten. Das klingt nach Genuss pur, zumal die nach wie vor konstanten 5:23 min/km mich nicht allzu intensiv fordern … sollten. Tun sie aber doch, um der Wahrheit die Ehre zu geben. ‚Was erwartest du angesichts der Vorgeschichte?’ rufe ich mir den harten Marathon des letzten Wochenendes und das zwischenzeitlich addierte Pensum ins Gedächtnis. „Mein Trainer“ mag das so nicht akzeptieren. Zwicken und Zwacken in den Beinen - Protestgebärden der ewigen Zipperlein - lassen sich damit hinreichend erklären, eine in diesem Ausmaß gefühlte Anstrengung dagegen nicht. Bleibt mir nur, es schlechter Tagesform in die Schuhe zu schieben, oder einer ungünstigen Konstellation der Sterne …

Dergleichen innere Wahrnehmungen, gefolgt von gedanklichem Für und Wider, sind nicht mehr als Intermezzi, rasch verdrängt und von reizvollen Eindrücken überlagert. Obwohl so gut wie nichts „passiert“, gibt es ständig etwas zu sehen: Zum Beispiel das gegenüberliegende Seeufer, hinter dem dicht bewaldete Hänge eine mild geschwungene Skyline zeichnen. Zwei Entenpaare, dicht unterm Ufer und in einer Linie dem Strom der Läufer entgegen paddelnd. Blätter, Äste und sonstige Pflanzenteile ufernah treibend. Wasserpflanzen, deren oberste Ausläufer den glatten Spiegel des Sees scheinbar aufwölben, aber nicht durchstoßen. Hundert bunte Läufertrikots, mit herbstlicher Blattfärbung wetteifernd. Hier gibt es alles, was mir den Laufsport im Allgemeinen und den Marathon im Besonderen zur attraktivsten Nebensache macht. ‚Und wenn jetzt noch die Sonne …’ Aber diese Idee verwerfe ich als selbstsüchtig. Zugunsten des Mannes an meiner Seite und seines ehrgeizigen Vorhabens sollte der wärmende Stern sich noch eine Weile verhüllen.

Seit einer Minute dringt eine Lautsprecherstimme bruchstückhaft an mein Ohr. Inmitten einer kleinen Zuschauerkolonie hat sich ein Sprecher mit Notebook postiert, aus dem er zu den Startnummern passende Namen abruft. Nur diesen oder jenen kann er anspornen, ansonsten überfordert ihn die nach wie vor eng gereihte Läuferkette. Vorbei trabende Damen, auch heute eine Minderheit, werden, wie meist in solchen Situationen, vorzugsweise genannt. In einer Art Halbkreis umlaufen wir ein geschichtsträchtig anmutendes, von Wassergräben umgebenes Bauwerk. Des Rätsels Lösung schöpfe ich daheim aus Wikipedia: Was ich betrachte ist „Haus Scheppen“, ein ehemaliger, adliger Lehnshof aus dem 17. Jahrhundert, damals befestigt zur Abwehr räuberischen Gesindels.

Wieder Ruhe, Traben, Schauen, Genießen. Der Stausee hat an Breite eingebüßt, gleicht nun einem träge dahin fließenden Strom. Bislang schmiegte sich die Promenade in weit gezogener Rechtskurve ans Seeufer. Jetzt erkennt man voraus, leicht verschwommen im morgendlichen Dunst, einen scharfen Schwenk der sich weiter verjüngenden Wasserfläche in nördliche Richtung. Neun Kilometer „im Sack“, dann zehn. Dieter läuft wie aufgezogen, hält eisern das Tempo bei 5:23 min/km. Eine Brücke, höchstens noch fünf Laufminuten entfernt, deren grün gestrichenes, eisernes Tragwerk sich etwa 150 Meter über den See spannt, erregt meine Aufmerksamkeit. ‚Ist das eine alte Eisenbahnbrücke? Die sehen für gewöhnlich so aus.’ Näher heran erkenne ich Fußgänger und Radfahrer auf der Brücke, aber keine Läufer. Scheint, als müssten wir noch eine Weile auf dieser Uferseite ausharren. Unmittelbar unter der Brücke hat man einen der Staffelwechsel eingerichtet, dahinter die zweite Tränke. Dieter hat sich kurz vorher ein erstes Energiegel einverleibt, greift nun wohl zu Wasser. Zwei Becher „Iso“ für mich, dann schwenken wir vom Spazierweg auf eine Straße. Sie trennt die Gleise eines nahen Bahndamms vom Seeufer, das sich einstweilen unseren Blicken entzieht.

Grässlich arrhythmisches, dafür umso lauteres Wummern schlägt uns entgegen. An der Hofeinfahrt einer italienischen Gaststätte drischt ein durchaus als erwachsen einzustufender Anwohner enthusiastisch auf zwei bemitleidenswerte Trommeln ein. „Hauptsache Krach machen!“ bemerke ich zu Dieter. „Der darf sicher sonst nie!“ meint der leichthin. Ruhe kehrt wieder ein und am Ende einer Baumreihe haben wir dann „unsere“ Brücke erreicht. An dieser Stelle trennen die Ufer sicher nicht mehr als 50 Meter. Noch stellt die leicht gewölbte Fahrbahn der Brücke kein Hindernis für Läuferbeine dar. Jenseits folgen wir der Straße und tauchen in einem Waldstück unter. Der Kurs entfernt sich jetzt vom Seeufer, eine etwa 3 km lange Wendeschleife in Richtung Norden steht bevor. Allerdings muss diese „Schikane“ nur einmal durchlaufen werden, was mir Dieter vorhin eröffnete. Beim Streckenstudium war mir das angenehme Detail entgangen.

„Den hab’ ich schon mal gesehen!“ raune ich Dieter zu, als uns ein hoch aufgeschossener, scheinbar steinalter Mann mit entblößtem Oberkörper überholt. „Scheinbar steinalt“, weil er sein Konterfei mit einem üppigen weißen Bart tarnt. Die schulterlangen Haare trägt er im Nacken geknotet, Laufshirt und Unterhemd um die Hüfte gebunden. „Den kann man auch nicht übersehen!“ meint Dieter und ich bin mir nun sicher, ihm bei diversen Marathonveranstaltungen begegnet zu sein. - Wir sind uns einig: Diesen Teil der Route brauchen wir wirklich kein zweites Mal. Nicht genug, dass kurzes Auf und Ab der Straße den Laufrhythmus stört, außer den nun entgegen flutenden Läufern gibt’s auch nix zu sehen. - Zwischen den schnelleren Leuten der Spitze klaffen beachtliche Lücken. So mache ich den relativ kleinen Mann schon früh aus. Laufstil und Silhouette haben Ähnlichkeit mit … Der sieht aus wie …, nein das ist ... ! Ich reiße den Arm hoch, winke und rufe hinüber: „Hallo! Servus!“ Zu mehr reicht’s nicht. Wegen der Kürze der Begegnung und weil mir mein schlechtes Namensgedächtnis just in diesem Moment wieder einen Streich spielt. „Man trifft doch immer wieder einen Bekannten.“ Der Satz richtet sich an Dieter, der ihn lapidar mit den Worten „Kein Wunder, so viel wie du ’rum kommst“ kommentiert. Beim schnellen Mann auf der Gegenseite handelte es sich um Thomas Mauel, der 2007 den 1. Windhagen Marathon gewann, hinter dem ich mich völlig überraschend auf Platz 2 wieder fand. In diesem Jahr „rissen“ wir beide nix in Windhagen, da pflückten ein paar wirklich gute Läufer die besten Früchte.

Meine Augen hangeln sich unablässig am anschwellenden Gegenstrom der Läufer entlang. Ich versuche Peter zu erkennen. Er trägt ein orangefarbenes Shirt, sollte sich demnach gut vom Umfeld abheben. Ein Foto gelingt mir letztlich nicht, weil zwischen erkennen und passieren nicht mehr als ein Wimpernschlag vergeht. Das reicht gerade für einen kurzen Gruß. Ihm dicht auf den Fersen folgt die Traube rund um den Pacemaker 3:30h. Also liegt Peter gut im Rennen. Aber ein weiteres Mal stimmen Dieter und ich überein, ohne dass wir den Sachverhalt ganz aussprechen müssten: Ein Marathon entscheidet sich erst hinter Kilometer 30.

Die Wende ist in Sicht und kurz danach, schon auf dem Rückweg, die 15 Km-Marke, erkennbar an den ausgelegten Matten der Zeitmessung. Nach dem vertrauten „Pfüt!“ errechne ich einmal mehr den scheinbar zementierten Schnitt von 5:23 min/km. Eigentlich überflüssig, trotzdem frage ich: „Wie fühlst du dich jetzt?“ Dieter hat keine Probleme, will stattdessen wissen, wie es mir geht. Wahrheitsgemäß schildere ich meine leicht verkorkste Tagesform, füge aber hinzu, dass ich dem keine Bedeutung beimesse.

Zurück am See, geht es zunächst auf schmaler, glatt asphaltierter Uferpromenade dahin. Schließlich erreichen wir den Rand eines Essener Stadtteils. Ein Rettungswagen mit blitzendem Blaulicht nähert sich auf Gegenkurs. In Höhe eines Streckenpostens hält er, sofort spricht der Fahrer aufgeregt auf den Mann ein. Ob da wohl ein Läufer in Schwierigkeiten steckt, den er nicht findet? Jedenfalls wendet das Einsatzfahrzeug eiligst und stiebt in Laufrichtung davon.

Was um alles in der Welt ist ein „Kleingartenlehrpfad“. Das Schild mit dem ellenlangen Wort hängt an einem Gartenzaun und weist in die Richtung aus der wir kommen. So recht kann ich mir unter „Kleingartenlehrpfad“ nichts vorstellen. Was ist überhaupt ein „Kleingarten“? Ein Gärtchen hinterm Haus mit Gemüse und Blumen oder hat man sich eher einen Schrebergarten vorzustellen? Und was wird dort gelehrt? Etwa wie Hobbygärtner ihren mühsam und mit viel Liebe aufgezogenen Salat vor gefräßigen Schnecken schützen?

20 Kilometer liegen hinter uns, mit ein wenig Spannung sehe ich dem Halbmarathon entgegen. Den passieren wir mit exakt 1:54:00h. „Wir haben genau die Hälfte von 3:48h hinter uns!“ wende ich mich an Dieter. Ob der meine gelegentlichen Tempo- und Zeitansagen überhaupt braucht, weiß ich nicht. Mehrfach blickte er selbst zur Uhr. Aber wenn ich ihn schon nicht anderweitig unterstützen brauche, dann wenigstens als Zeitansage.

In Höhe des Zielbereiches entdeckt Dieter seine Familie, lässt sich grüßen und anfeuern. Schritte später blicke ich genau in den Blitz einer Kamera. Peters Frau hält sie in der Hand, auf diese Weise bekommen wir ein Foto von uns auf der Strecke. Den Lärm rund um die Tribüne neben dem Regattahaus lassen wir rasch hinter uns. Unter altem, hohem Baumbestand laufen wir im Halbdunkel auf eine weitere Verpflegungsstelle zu. Ein bisschen drückt die Blase seit Beginn, dennoch gönne ich mir zwei Becher „Iso“. Längst sind meine Laufklamotten triefend nass geschwitzt. Kurz vor der Brücke zum Stadtteil Werden mündet der Weg in die schon bekannte Strecke. Zeit von Dieter ein paar Fotos zu machen. Deshalb melde ich mich bei ihm ab und renne ein Stück voraus. Stehen bleiben und … Foto. Dasselbe noch einmal: Auf der Brücke stoppe ich aus vollem Lauf und … Foto. Die Reaktion meines Körpers auf diese Energie fressenden Manöver registriere ich mit gewissem Befremden. Die noch vor Stundenfrist gefühlte leichte Blockade existiert nicht mehr. Stattdessen spüre ich Kraft und Lauffreude. 27 Kilometer geschafft. Zum zweiten Mal durch Werdener Straßen, vorm „Alten Schleusenhaus“ rechts weg, Richtung Staumauer. Kilometer 28 abgehakt.

Erstmals bleibt Dieter ein paar Schritte zurück, holt jedoch rasch wieder auf. Das muss nichts bedeuten. Wir haben das Sperrwerk fast erreicht, als mir ein Mit-Marathoni zu einem neuen Superlativ verhilft: Er trägt die merkwürdigsten Schuhe, die ich je an Läuferfüßen sah. Ich grübele: ‚Sind das überhaupt Laufschuhe??’ Ich meins nicht abwertend, aber vorne noch was breiter und sie passten mit ihrem auffälligen, schwarz-roten Kontrast exzellent zu einem Clownskostüm. ‚Sind das wirklich Laufschuhe??’

Kurz vor Kilometer 30 eile ich neuerlich voraus, baue mich mit der Kamera auf und … klick. „Jetzt haben wir ein Bild von dir bei 30 km! Wie fühlst du dich?“ - „Etwas angestrengt, aber es geht. Es wär’ ja auch merkwürdig, wenn’s anders wär’.“ Ich pflichte ihm bei, wenngleich sein „Uhrwerk“ seit jenem kurzen Zurückbleiben recht ungleichmäßig „tickt“. Und auch auf den nächsten Kilometern gerät er ein paar Mal um zwei, drei Schritte ins Hintertreffen. Wir sind langsamer geworden, das spüre ich und die nächste Kalkulation bestätigt meinen Verdacht. „Und wie geht’s dir?“ fragt er mich, worauf ich mit kurzer Erläuterung die positive Veränderung beschreibe und diese lächelnd zusammenfasse: „Langsam fängt die Sache an mir Spaß zu machen!“

Im Vorbeilaufen kann ich ausgefeilte Technik und Simultanqualitäten des Sprechers bewundern: Während er mit der einen Hand das Mikro hält, zugleich einen Namen hinein spricht, tippt die andere bereits die nächste Startnummer über die Tastatur des Notebooks ein. Der Mann am Mikro vor dem historischen „Haus Scheppen“ hält eisern durch, verkündet Namen um Namen, lässt sich kaum Zeit zum Luftholen. Auch meiner fliegt mir aus dem Lautsprecher hinterher. Leider hat er sich nicht Dieter ausgesucht, der hätte die Minidosis Motivation mehr verdient als ich. Bei Kilometer 32 versuche ich mich dann selbst als Motivator: „Nur noch 10 km! Was sind schon 10 km?“ Ein blöder Spruch! 10 km sind verdammt weit, wenn es sich dabei ausgerechnet um die Schlussdistanz eines am Limit gelaufenen Marathons handelt. Und seine zurückhaltende Reaktion macht mir klar, dass er sich dessen voll bewusst ist. Die kurzen Tempoeinbrüche häufen sich. Insgesamt reduziere ich die Geschwindigkeit etwas, bleibe aber nicht bei ihm, wenn er zurück fällt. Als voraus laufender „Schlepper“ markiere ich eine Art "Kurzfristziel", zu dem er aufschließen kann. Diese Taktik funktioniert eine Weile ganz gut und ich bewahre die Hoffnung, auf diese Weise das Ziel zu erreichen.

Verpflegungsstelle unter der Brücke: Zwei Becher „Iso“ rinnen durch meine Kehle, dann höre ich ein Stück weiter jemanden „Cola!“ schreien. Ein bisschen Prickeln auf der Zunge kommt mir gerade recht und so schütte ich noch was von dem schwarzen Gebräu hinterher. Gemeinsam biegen wir auf die Straße zwischen Bahngelände und See ein. Zum ersten Mal höre ich seinen Atem. Ein weiteres Zeichen fortschreitender Ermüdung. Ausgerechnet in dieser Phase obsiegt die Sonne nach stundenlangem Ringen mit fetten Hochnebelschwaden, heizt uns tüchtig ein. Aber Dieter kämpft und hält Anschluss, noch sieben Kilometer. Nun auf die Brücke zur anderen Uferseite: Der kleine Buckel bis zum Brückenscheitel fährt ihm tüchtig in die Beine, trennt uns wieder einige Schritte voneinander. Ich weiß nur zu gut, wie sich das anfühlt … Hinter der Brücke tauchen wir in kühlen, Schatten spendenden Wald ein, Gelegenheit für Dieter den Abstand zu verkürzen. Dennoch muss ich erneut die Pace reduzieren, sonst verliere ich ihn. Dann ist er wieder heran, atmet deutlich hörbar. Was könnte ich sagen? Wie ihn anfeuern? Sprüche klopfen ist meine Sache nicht und ich halte auch nichts davon, einen Läufer in totale Erschöpfung zu treiben. Also einfach neben ihm bleiben, versuchen ihn zu ziehen. Mehr schlecht als recht gelingt das. Noch einmal erkundige ich mich nach seinem Befinden. Blöd eigentlich, ihn jetzt auch noch zum Reden zu zwingen, weiß ich doch was er sagen wird. „Ich hör’ ja wie du kämpfst! Respekt Dieter!“ und ich hoffe er spürt, dass ich das genau so meine wie ich es sage … Noch 5 Kilometer. „Du schaffst das unter vier Stunden! Könntest ja fast gehen bis ins Ziel, dann reicht’s immer noch?“ Doch noch mal ein dummer Spruch, darin verpackt eine glatte Lüge, aber ohne Glaube an die Chance gibt man sich auf. Dieter antwortet mit einem Scherz, undeutlich, außer dem Wort „gehen“ verstehe ich nichts von dem, was er sagt.

Kilometer 38: Es ist warm geworden, auch bei mir fließt der Schweiß in Strömen. Noch einmal nehme ich Tempo raus, versuche ihn an mich zu ketten. „Wenn ich es sag’, läufst du alleine weiter! Ok?“ So war’s vereinbart, aber ich gebe nicht so leicht auf: „Es ist mir doch egal, ob ich heute mit 3:50h oder 3:55h durchs Ziel gehe!“ Ich spüre seine Abwehr nach diesem Satz, merke, dass er es ernst meint. Ein paar hundert Meter weiter geschieht es. Ich drehe den Kopf und sehe ihn gehen. Gebärde und Anweisung sind eindeutig: „Lauf weiter!“ Also respektiere ich seinen Wunsch, auch wenn es mir im Innersten widerstrebt. „Mach’s gut!“ Ich winke zum Abschied, dann nehme ich etwas mehr Tempo auf.

Kilometer 39, Blick zur Uhr und kurz kalkuliert. In 3:50h kann ich es noch packen, wenn ich die Beine in die Hand nehme. Die fühlen sich erstaunlich gut an, meckern nicht mal, obwohl ich nun „mächtig Kohlen nachlege“. Ich hab das Gefühl dem Ziel entgegen zu fliegen. Die vielen überholten Läufer unterstreichen diesen Eindruck. Kilometer 40, noch einmal gerechnet: Es wird klappen, knapp unter 3:50h. Plötzlich winkt ein Streckenposten die Läufer nach links, direkt in Richtung See. Dort scharf nach rechts, direkt am Seeufer entlang. „Ihr habt es gleich geschafft, keine 800 Meter mehr“ gibt uns eine weibliche Stimme mit auf den Weg. Außen vorbei, zwei Läufer überholt, noch zwei, etliche. Ich laufe voll konzentriert, um niemandem zu nahe zu kommen, niemanden zu gefährden. Dann rase ich an Peter vorbei, der mit einem Becher Bier und zufriedenem Gesicht an der Strecke steht. „Hast du’s geschafft?“ frage ich mit Viertelkopf- und Körperdrehung, kann seine Reaktion allerdings nicht deuten. Ich fixiere eine Art Turm am Seeufer, blendendweiß in strahlender Sonne, wahrscheinlich der Kampfrichterturm für die hier stattfindenden Ruderregatten. Dort vermute ich das Ziel. Doch am Turm knickt die Läuferschlange nach rechts, 50 Meter weiter abermals, dann erst sehe ich das Ziel. Auf den letzten Metern knirscht roter Sand unter den Schuhen, vorm Zieltor noch durch eine Cheerleader-Gasse, dann ist es geschafft.

Ich hab's geschafft. Aber das interessiert mich zunächst nicht die Bohne, nun bange ich um Dieter. Die Uhr mit unserer Nettozeit lasse ich weiter laufen. Ich schleiche mich um Tisch und Bank der Kampfrichter und verharre ein paar Meter hinter dem Ziel. Näher traue ich mich nicht heran, will nicht riskieren, dass mein Chip ein zweites Mal von der Zeitmessung registriert wird. Immer wieder der Blick zur Uhr … 3:55h, 3:56h, 3:57h … Alle Läufer mit rotem Trikot fasse ich ins Auge … 3:58h … jetzt wird’s eng … 3:59h … Da kommt er! Und er schafft es! Dieter läuft in seinem zweiten Marathon erstmals unter vier Stunden. Brutto: 3:59:59. Die Nettozeit (3:59:12) sieht besser aus, liest sich aber längst nicht so spektakulär ;-)

Mit zwei Bechern alkoholfreiem Weizen feiern wir den Erfolg. Die Oktobersonne strengt sich an uns warm zu halten. Ich freue mich mehr über Dieters Leistung als über mein eigenes schönes Lauferlebnis, den 58. Marathon insgesamt. Dieter bedankt sich bei mir: „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.“ Meinen Einwand lässt er nicht gelten: „Alleine hätte ich schon früher nachgegeben.“ Dennoch haben seine Beine diese Leistung vollbracht. Meine Unterstützung mag hilfreich gewesen sein, doch spielt das am Ende keine Rolle. Auch einem Haile Gebrselassie wäre ohne Tempomacher der neue Weltrekord in Berlin versagt geblieben …

Peter samt Familie treffe ich dann noch am Ausgang des Zielbereiches. Mit 3:36:57 hat er sein Ziel zwar verfehlt, ist dennoch zufrieden. Immerhin seine zweitbeste Marathonzeit bisher. Gemeinsam schlendern wir Richtung Auto, als er meint: „So muss es sein: Auf der Strecke kühl und danach die warme Sonne genießen!“ Die in seinen Worten mitschwingende Freude über das gerade erneuerte Marathon Finish bringt auch bei mir eine Seite zum Klingen …


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