Regensburg Marathon - Experiment mit ungewissem Ausgang

Prag, Altstadtplatz, Sonntag, 14. Mai 2006, ca. 12:04 Uhr: Gerade lief ich mit persönlicher Bestzeit von 3:01:50 durchs Marathon Zieltor. Die Lunge pumpt und denken geht nicht. Schon gar nicht an Regensburg, wo in zwei Wochen ein Marathon über die Bühne gehen wird. Aber schon kurz hinter der Ziellinie steht meine Teilnahme fest. Das Prager Finish gelang ohne körperliche Malaise - die Voraussetzung für einen zweiten Lauf nach wenigen Tagen. Dabei handelt es sich um keinen Schnellschuss, das Ganze basiert auf der Planung meines Laufjahres 2006: Erster Höhepunkt mit zwei Marathonläufen Mitte und Ende Mai, danach Regeneration und zweiter Höhepunkt im Herbst, anschließend mit neuerlicher Erholungsphase die Saison ausklingen lassen.

Marathonvorbereitung ist ein dermaßen aufwändiges und langwieriges „Geschäft", dass ich es als „Verschwendung“ empfände, sie nur für einen Wettkampf zu nutzen. Eines meiner Bücher sieht nach vier Wochen Zwischentraining sogar die Chance für eine weitere persönliche Bestzeit. Vier oder wenigstens drei Wochen Erholung hätte ich mir gerne gegönnt. Aber Prag bildete in diesem Frühjahr meinen läuferischen Fixpunkt und so blieb wegen Terminschwierigkeiten nur noch das Regensburger Wochenende. Zwei Wochen sind eine sehr kurze Zeit. Man muss sich erholen und zugleich durch gut dosiertes Training die Leistungsfähigkeit bewahren. Dennoch war es nicht besonders schwierig, einen Trainingsplan für diese Zeit zu entwerfen. Hier ist er:
Durch jeden Trainingsplan begleitet mich ein Wechselbad der Gefühle - je nachdem wie ehrgeizig das darin formulierte Laufziel ist. Auch die 14 Tage vor Regensburg bildeten da keine Ausnahme. Das Intervalltraining am Freitag nach Prag stimmte mich geradezu euphorisch. Es war anstrengend, wie immer. Ich hatte jedoch keine Mühe, die vorgegebenen 3 Minuten für die Wiederholungen zu unterbieten. Die 25 Kilometer vom Sonntag waren dann schon heftiger und bescherten mir in der Schlusswoche ständig müde „Haxn“. Somit schien in Regensburg jedes Ergebnis - zwischen drei Stunden und Totaleinbruch - möglich. Das Experiment konnte beginnen ...

Regensburg, im Startblock, Sonntag, 28. Mai 2006, ca. 8:35 Uhr: Weg ist er, als hätte es ihn nie gegeben. Und sicher hätte ich mich von ihm auch nicht verführen lassen. Aber er war da, kurzzeitig, heftig aufwallend und von totaler Unlust begleitet. Jetzt, 10 Minuten vor dem Start, im ersten Block stehend, ist er verschwunden - der Gedanke nicht zu laufen und wieder heim zu fahren. Fast kann ich nicht glauben, dass er überhaupt da war, ebenso wenig, wie mir in den Kopf will, dass es aufgehört hat zu „kübeln“. Das Wort „Regen“ vermag nicht annähernd zu beschreiben, was da stundenlang aus dem Himmel fiel. Je näher der Lauf rückte, umso finsterer wurde es. Und etwa eine halbe Stunde, bevor ich endgültig mein Auto verlassen musste, rauschten wahre Wasserfälle um mich her. Wassersatte, von lebhaftem Wind getriebene Wolken stauten sich an den Höhen des Bayerischen Waldes und luden ihre Last genau über dem Schauplatz des Marathongeschehens ab. Regensburg eben!

Derweil bereitete ich mich in der Enge meines fahrbaren Untersatzes auf den Lauf vor. Binnen Minuten versank ich im selbst geschaffenen Chaos aus Taschen, Klamotten und Utensilien. Unkonzentriert suchte ich mal dieses, bald jenes und fluchte leise vor mich hin. Immer wieder schweiften die Gedanken ab. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sein würde: 42 km in strömendem Regen, begleitet von diesem elenden Wind. Erst würde er mir das klatschnasse Hemd an den Rücken drücken. 20 km lang Wind von hinten. Und dann? Wasser in den Schuhen und ein Halbmarathon lang Gegenwind: Patschnasser Stoff klebt auf Brust und Bauch ... Jetzt klar, warum so ein „Warmduschergedanke“ ans Heimfahren mich kurzzeitig heimsuchte? - Ich muss die Brustwarzen sicher abkleben! Zwei, wie gewöhnlich über Kreuz geklebte Pflaster, reichen heute nicht. Das voll gesaugte Trikot würde sie schnell wegrubbeln. Also nestele ich eine Rolle Tape aus den Untiefen meiner Sporttasche und wappne meinen „Busen" doppelt gegen die Nässe. Ein Blick auf die Uhr lässt Hektik aufkeimen. Nur noch zwanzig Minuten und ich sitze unfertig im Auto. Verdammte Enge hier, verfluchtes Durcheinander! Und die Blase drückt auch schon wieder. Hastig und kein bisschen routiniert, vervollständige ich mein Outfit und wage mich dann aus dem Auto. Am Rand des Parkplatzes findet sich ein Busch. Gäbe es ihn nicht, müsste ich wieder vor der blaugrauen Box anstehen, die mich heute Morgen bereits zweimal beherbergte. Immerhin hat der Veranstalter schon hier am Parkplatz so ein Ding aufgestellt - besonders wichtig für das weibliche Läufergeschlecht.

Es sind nur drei Steinwürfe bis zum Ort des Geschehens. Mein rollender Untersatz kam auf dem nächstgelegenen Parkplatz unter, weil ich schon vor 7 Uhr anreiste. Vor dem Start nur keine Hektik aufkommen lassen - so meine Devise! Der himmlische Gärtner hat seine Gießkanne zur Seite gestellt, allein der Kerl am Blasebalg macht keine Anstalten seinem Beispiel zu folgen. In den Wind abweisenden Plastiküberwurf des Veranstalters gehüllt, verschenke ich die letzten Tropfen Düngemittel an ein mannshohes Gewächs direkt neben der Strecke und ordne mich im Block A, wenige Meter hinter der Startlinie, ein. Nur zögerlich füllt sich die Straße. So spät wie möglich wollen sich meine Mitläufer Petrus' Fluten ausliefern. So nah stand ich noch nie hinter den vom Veranstalter engagierten Spitzenathleten. Jedes Mal wundere ich mich von Neuem, wie „schmächtig“ - oder soll ich sagen „drahtig“ - diese schwarzen Läufer sind. Körper, wie geschaffen, um weit und schnell zu laufen.

Irgendwo hinter mir steht Reinhard, wahrscheinlich ganz am Ende des Feldes. Es ist sein erster Marathon. Wir kennen uns aus einem Läuferforum im Internet und begegneten uns vor gut einer Stunde, nach dem Abholen der Startunterlagen, zum ersten Mal.  - Der Blick nach oben verheißt nichts Gutes: Es wird wieder anfangen zu regnen, ganz sicher, in ein paar Minuten! Der Prag Marathon ist erst zwei Wochen her. Heute ist das „Feeling" anders, die letzten Tage schon war es anders. Kein „Sub3-Druck“, der mir zusätzliche Schauer über den Rücken jagen könnte. An diesem Tag habe ich den Traum nicht vor Augen. Dazu sind die Bedingungen zu schlecht. Außerdem fehlt mir entsprechende Erfahrung, um die Leistungsfähigkeit meines Organismus zwei Wochen nach einem 3-Stunden-Marathon einschätzen zu können. Im Training gab’s Licht und Schatten und so scheint heute alles möglich: In einer guten, an die Prager Leistung heranreichenden Zeit, zu finishen ebenso, wie irgendwo jenseits der 30 km total einzubrechen. Mein Verstand bereitet mich auf Letzteres vor, wiewohl der kleine, naive Träumer, ganz hinten im letzten Eck Bewusstsein, dann doch wieder das „U3-Banner" hisst. Vielleicht verdanke ich diesem irrationalen Spinner den spontanen Entschluss, dem Pacemaker „2:59“ zu folgen. Der hat sich mittlerweile bis hinter die „schwarzen Gazellen" vorgearbeitet, und ist am Shirt-Aufdruck und dem gelben Luftballon unzweideutig identifizierbar. Der Mann am Mikro versucht die Stimmung anzuheizen, beschwört das „Regensburger Marathonfieber“. Dabei stellt er die Spitzenläufer vor. Ein jeder hebt bei Nennung seines Namens brav den Arm.

Noch drei Minuten. Ich mustere die Läufer um mich her: Alle blicken entschlossen drein, wirken total austrainiert und stark. Wie immer in solchen Momenten beschleicht mich auch diesmal ein Gefühl der Unterlegenheit, ja Schwäche, bis ich mir meinen guten Trainingszustand ins Gedächtnis rufe und die Tatsache, dass der Wettkampfgedanke bei mir ganz weit hinten rangiert. Es ist schon komisch: Da stehe ich an vorderster Front einer tausendköpfigen Läufermenge und fühle mich völlig bedeutungslos. Obwohl doch klar ist, dass wahrscheinlich mehr als 90% des Pulks nach mir finishen werden.

Noch eine Minute, die Stimme des Sprechers überschlägt sich fast. Ich bin die Ruhe selbst und denke an meine Frau, die in diesem Moment irgendwo in Deutschland auf der Autobahn unterwegs ist. Nun richte deine Gedanken auf den Lauf: Uhr starten nicht vergessen - Vorsicht auf den ersten Metern, Niemandem auf die Hacken treten! Sekunden noch, ein Ruck geht durch die Läufer, wir schließen auf. Startschuss! Mann ist das toll so weit vorne zu beginnen! Wie in Prag keinerlei Behinderung. Schon auf den ersten Metern freies, unbehindertes Laufen. Schnell bildet sich eine Läufergruppe um den Pacemaker. Ich bringe mich dahinter, in sicherem Abstand zum Vordermann, in Position.

Eine Weile hatte ich nicht mehr daran gedacht, nun ist es soweit: Es beginnt wieder zu regnen. Sei’s drum, das muss eben jetzt ertragen werden. Auf dem ersten Kilometer kreuzen wir, mehrmals den Kurs um 90° Grad ändernd, durch ein Regensburger Industrie- und Gewerberevier. Das bekomme ich nur so am Rande mit, meine Hauptaufmerksamkeit ist dem Ausweichen zahlloser Pfützen auf dem Asphalt gewidmet. Hab’ ich deshalb nicht bemerkt, dass es nach wenigen Minuten schon wieder aufhörte zu regnen? Der zuvor waschküchenartig verhangene Himmel hat sogar Konturen bekommen und die Wolkenuntergrenze hebt sich. Sollte es etwa trockener werden? - Auf die Zeit achte ich zunächst gar nicht. Warum auch? Der Tempomacher wird’s schon richten. Die erste Kilometermarke muss lange vorbei sein. Neben mir wähnt uns jemand mit den Worten „der zieht aber ganz schön an“ auf zu schnellem Kurs. Na ja, eine Zielzeit von 2:59 erfordert ja auch ein ziemlich verheerendes Tempo, denke ich, obwohl auch mir die Geschwindigkeit hoch vorkommt. Bei Kilometer zwei und drei finde ich dann die Aussage des Mitläufers bestätigt. Wir sind tatsächlich einige Sekunden unter dem erforderlichen Schnitt. Im Grunde stimmt das aber mit meiner eigenen Taktik überein: Ich will heute auf dem ersten Halbmarathon unter 1:30 bleiben. Mit Rückenwind sollte das möglich sein und ich gewänne dann einen kleinen Puffer für den Rückweg. Also halte ich weiter Anschluss, obschon sich das Tempo in den Beinen zu schnell anfühlt. Die Spannung in den Oberschenkeln ist heftiger als sonst. Noch sind wir in der Stadt, noch hat der Wind keine eindeutig unterstützende Richtung, vielleicht deshalb? Soll ich doch langsamer laufen, mich zurück fallen lassen? Nein, ich will ein weiteres Mal voll auf „Angriff“ laufen und somit gleichsam im Selbstversuch feststellen, wie mir ein zweiter, mit ganzem Einsatz gelaufener Marathon innerhalb von zwei Wochen bekommt. Also dranbleiben! Fünf Kilometer, die erste Tränke. Unkonzentriert verschütte ich die Hälfte des kostbaren Nasses. Egal, es ist ohnehin sehr kühl heute, vor dem Start zeigte das Thermometer im Auto gerade mal 13°C.

Mist! Meine Füße sind nass. Die Zehen schwimmen im Saft. Wenn das mal keine Blasen gibt. Ach was Blasen. In Laufschuhen hatte ich selten welche, auch bei Nässe. Und wenn doch, so haben sie mich nie wirklich behindert. Und wenn erst einmal 30 Kilometer geschafft sind, kann der davon ausgehende Schmerz im Konzert der anderen kein bemerkenswertes Solo mehr geben … Irgendwo zwischen Kilometer sieben und neun fasse ich den Entschluss die Pace zurück zu nehmen. Die Außenbezirke von Regensburg liegen hinter uns und trotz Rückenwindes sendet mein Körper eindeutige Signale. Ich weiß jetzt ganz sicher, dass ich die für diese Geschwindigkeit erforderliche Leistung nicht bis zum Ziel durchhalten kann. Meter für Meter lasse ich mich zurückfallen. Bei Kilometer 10 beträgt der Abstand zum Luftballon bereits etwa 100 Meter. Die offizielle Zeitmessung dokumentiert später 41:49, auf meiner Uhr sind es ein paar Sekunden mehr. Das ist zu schnell! 42:40 wäre die erforderliche Durchgangszeit. Mein Entschluss zu moderaterem Tempo kam hoffentlich noch früh genug. Ich weiß nur zu gut, wie elend es sich anfühlt auf der zweiten Hälfte dem Ziel entgegen zu sterben …

Wieder einmal geht der Blick gen Himmel: Dort scheint sich das Wetter immer weiter zu stabilisieren. Kann es wirklich sein, dass es die nächsten Stunden nicht mehr regnet? Die Straße ist an vielen Stellen schon abgetrocknet und auch an meinen Füßen fühle ich keine Nässe mehr. Was ist mit dem Wind? Zunächst bin ich geneigt zu frohlocken, denn ich spüre kaum einen Lufthauch. Vielleicht drosselt ja Marathonlaufen die Sauerstoffversorgung und damit die Denkleistung des menschlichen Gehirns. Es dauert tatsächlich einige Momente bis ich realisiere, dass ich mit dem Wind laufe und gerade deshalb keine Luftbewegung wahrnehme. Noch 10 Kilometer, dann wird sich das ändern ... Die Strecke gefällt mir: Schmale, für den Verkehr vollständig gesperrte Nebenstraßen winden sich durch grüne Landschaft.

Mit der Ortschaft Barbing haben wir Kilometer 12 und die erste Dorfstraße hinter uns gelassen. Vereinzelt hörte ich meinen Namen. Die gute Sitte den Vornamen auf die Startnummer zu drucken, sollte sich überall durchsetzen. Nein, ich laufe dadurch sicher nicht schneller, aber es richtet doch innerlich immer wieder mal auf, wenn einen aufmunternde Anfeuerungsrufe vom Straßenrand erreichen. Und wenn sie deinen Namen rufen, weißt du sicher: Die Anerkennung gilt dir! Die meinen dich!

Bisher habe ich die Donau, an der wir schon kilometerweit entlang laufen noch nicht gesehen. Bei Kilometer 13 erspähe ich aber die Walhalla, jenen „Ehrentempel deutscher Genialität“. Ich weiß von einem Besuch, der jetzt bald 35 Jahre her sein muss, dass sie am Hang, unweit des jenseitigen Ufers, errichtet wurde. Irgendwie hab ich das landschaftsfremde Bauwerk mächtiger in Erinnerung. Vielleicht liegt das an der Entfernung? Solcherlei Gedanken brauchen nicht viel Zeit. Sie lenken sicher nur Sekunden vom Laufen und damit von der eigenen, heftig arbeitenden „Laufmaschine" ab. Und die meldet bei jedem Schritt, dass ihr das Tempo eigentlich zu hoch ist. Schön langsam dahin joggen, das wär’s jetzt. Lauf und Landschaft genießen. Im Grunde besteht das ganze Geheimnis eines erfolgreichen Marathonlaufes darin, dem ständig um Pause bettelnden Organismus nicht nachzugeben. Der Wille zu Laufen muss stärker sein, als Ermüdung und Schmerz. So einfach ist das …

Zwischen Kilometer 14 und 15 erstreckt sich die Ortschaft Sarching. Allerlei Volk hat sich rechts und links der Strecke versammelt und unterstützt mein Vorhaben lautstark. Aber nicht nur verbale Hilfe wird zu teil. Dankbar registriere ich die von Anwohnern flugs aufgestellten Biertische, auf denen sie ihrerseits Wasser in Trinkbechern bereitgestellt haben. Und viele Kinderhände mit dem kostbaren Nass recken sich einem entgegen. Ein Mangel an Labung kann also gar nicht aufkommen. Tschüss Sarching - in gut 40 Minuten bin ich wieder zurück … Landschaftlich gibt der Streckenverlauf immer mehr her. Zwischen Büschen und Bäumen erhasche ich mehrere Blicke auf den Sarchinger Weiher. Grün ohne Ende, wohin man auch blickt. Und nach diesem langen Winter bin ich immer noch süchtig nach Grün.

Wo bleiben eigentlich die Spitzenläufer? Kilometer 16: Ich hab sie längst auf Gegenkurs erwartet? Irgendwo zwischen Kilometer 17 und 18 in der Ortschaft Friesheim ist es dann soweit: Vorneweg zwei Motorräder, dahinter ein Kraftei (Smart) mit der offiziellen Zeitanzeige auf dem Dach: Eine Spitzengruppe von fünf schwarzen Läufern hat sich von den Verfolgern abgesetzt und strebt in gewohnter Leichtfüßigkeit dem Ziel entgegen. Eigentlich sollte ich es besser wissen: Die kämpfen genauso wie ich mit der Anstrengung. Ihre Bewegungsabläufe sind nur durch das jahrelange Training auf höchstem Niveau optimal koordiniert. Ich quäle mich auf meinem, sie sich auf Weltklasseniveau.

Mein „Zeitmanagement“ ergibt, dass ich auf den letzten Kilometern etwas langsamer geworden bin. Ich versuche meine Laufgeschwindigkeit ganz leicht zu steigern. Jeder Marathoni weiß, wie schwierig so etwas ist. Es geht dabei ja nur um 2,3,4 Sekunden pro Kilometer. Nichtläufer können sich sicher nicht vorstellen, dass man so exakt überhaupt laufen kann. Auch auf den anderthalb Kilometern durch Friesheim dasselbe Bild: Anfeuernde Zuschauer, zusätzliche Trinkangebote, Trinkbecher in Kinderhänden. Kilometer 18 und 19 sind Geschichte.

Ups! Rechts halten! Auf der linken Fahrbahnseite ist die Zwischenzeitnahme für den Halbmarathon aufgebaut. Folglich liegt die Wende vor der Halbzeit. Schon kommt mir der 2:59-Hase mit Laufbegleitung in Truppstärke entgegen. Einige in seinem Schlepptau haben nicht übel zu kämpfen. Ob die durchhalten? - Die ersten Häuser von Illkofen sind schon zu sehen, aber hin muss ich nicht mehr, die Wendemarke bei Kilometer 20 ist erreicht. Ich entsinne mich der zweimalig schmerzenden Füße in Prag, als ich die engen Kurven der Wende zog. Heute nichts, kein Schmerz, nur Anstrengung. - Schon mal einen Langstreckenlauf auf einer Wendestrecke absolviert? Dann kannst du eventuell nachvollziehen, welche mentale Wirkung dieser Moment hat!? Von nun an geht’s zurück. Zurück nach Regensburg, Richtung Ziel! Die Wirkung dieses „Psychodopings“ ist von ebensolch kurzer Dauer, wie ein frenetischer Anfeuerungsruf. Aber ein Stückchen hilft es weiter. Und ein Marathon setzt sich bekanntlich aus lauter kleinen Stückchen Strecke zusammen …

Nun bin ich gespannt auf die Halbmarathonmarke und meine Zwischenzeit für das „halbe Leiden“. Die bekannte Messeinrichtung kommt in Sicht. Ich überlaufe die mit roten Matten abgedeckten Empfangskabel, wobei mein Championchip das bekannt hässliche Doppelquieken der Zeitnahme auslöst: 1:29:43! Super! Schneller als in Prag! Aber na ja, da hatte ich ja auch keinen Rückenwind auf dem ersten Halben. Rückenwind? Also nun Gegenwind? Erst jetzt wird mir der merkliche Widerstand bewusst gegen den ich laufe. Zugleich empfinde ich die Mehrarbeit, die meine Beinmuskeln schon ein paar Minuten leisten müssen. Das kann eigentlich nicht gut gehen. Allen Gesetzen des bekannten Läuferuniversums zufolge, müsste ich jetzt bald langsamer werden!? Aber vielleicht wird es ja auch nicht so schlimm. Auf dem Herweg habe ich viele Bäume und Buschgruppen am Wegrand bemerkt. Von denen erhoffe ich mir ein wenig Schutz. Ja, klar, man kann sich alles „schön denken“ und wahrscheinlich muss man das auch, um nicht den Mut zu verlieren, wenn 21 Kilometer Gegenwind bevor stehen und die Beine sowieso schon meckern ...

Wieder bin ich in Friesheim, vernehme mehrfach meinen Namen. Plötzlich schreit einer ganz in der Nähe: „He, wo ist deine Startnummer?“ Unwillkürlich zucke ich zusammen und schaue panisch an mir runter. Alles ok, die Startnummer prangt da wo sie hingehört, wie immer mit vier Sicherheitsnadeln sicher verankert. Weiß der Kuckuck wen der gemeint hat oder mit diesem Scherz erschrecken wollte!? - Zwischen den Häusern ist der Wind nicht zu spüren. Trotzdem muss jetzt das zweite Energiegel rein. Das passt gut, hier gibt’s ständig Wasser zum Nachspülen. Wie schon beim ersten Beutelchen nestele ich auch jetzt wieder wie wild an meinem Handgelenk herum, bis ich das Ding zu fassen kriege. Heute reicht mir niemand aufgerissene Gelbeutel und „Marsh Mellows“. Also musste ich dreifach Gel und einige von den kastaniengroßen Energiebällchen irgendwie an mir verstauen. Das ging nur mit zwei prall gefüllten Handgelenktäschchen am rechten Unterarm. Und nun dauert es zig innerliche Flüche, bis ich jeweils das Gewünschte mit meinen feuchten, glitschigen Fingern gegriffen, geöffnet und in meinen Mund befördert hab. Alles andere als ideal, weil ich jedes Mal Lauf- und Athemrhythmus verliere und ihn mir mühsam wieder erarbeiten muss. Für das nächste Mal lasse ich mir was anderes einfallen!

23 km vorbei, dann 24, links voraus blinkt immer wieder der Sarchinger Weiher durch’s üppige Grün. Einfach schön. Genießen kann ich es nicht. Mit Blicken nach oben und in die Wipfel der Bäume prüfe ich die „Feindlage“. Wie oft eigentlich schon am heutigen Tag? Der Regengott hat für heute einen Waffenstillstand ausgerufen: Die verbliebenen Wolken wirken harmlos und bilden einen hohen Himmel, aus dem es nicht mehr regnen wird. Es ist auch deutlich wärmer geworden. Nur leider stellt keiner das Gebläse ab. Die Spitzen der Bäume neigen sich immer wieder unter dem Druck des steten Windes.

Seit einiger Zeit mustere ich den Strom entgegen kommender Läufer genauer, um Reinhard nicht zu verpassen. Hoffentlich erkenne ich ihn, immerhin haben wir uns ja vorhin nur kurz gesehen, noch dazu regenfest verhüllt. 4:30 ist ungefähr seine Zielzeit. Nur kurz versuche ich zu kalkulieren, wo er mir in etwa begegnen müsste. Aber das ist für meinen Kopf nach über zwanzig gelaufenen Kilometern eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Denken kann ich nur noch in einfachsten Kategorien. Warum tut man das? Warum reduziert man sich selbst für mitunter grausame 3 Stunden und mehr auf ein paar Körperfunktionen - Laufen, Atmen, Trinken - von denen noch dazu die meisten automatisch ablaufen? Am Anfang denkt man noch in Zusammenhängen, formuliert ganze Sätze, ist noch voll und ganz vom Bewusstsein gelenkter Mensch, bekommt rundherum vieles mit. Nach der Hälfte spätestens, hat mein Wille nur noch die Aufgabe dem Bedürfnis nach Ruhe zu widerstehen. Nicht stehen bleiben! Weiter! Lauf!

Da ist Reinhard! Ein Lächeln überzieht sein Gesicht und im Vorüberlaufen klatschen wir uns ab. Ein Highlight mitten im heftigen Kampf und es mobilisiert neue Energien. Jedenfalls fühlt es sich eine Weile so an. Ich habe jetzt 25 Kilometer hinter mir und er noch etwa 27 vor sich. Anzeichen vorzeitiger Ermüdung waren bei ihm nicht sichtbar. Ich hoffe er kommt ohne Probleme durch! Was mit meiner eigenen Ermüdung ist? Auf jedem Kilometer seit der Wende verliere ich Zeit, vielleicht 5, 6 Sekunden. Inzwischen sind die zwanzig Sekunden „Untersoll“ des ersten Halbmarathon bereits „perdu“. Zwar versuche ich meine Pace auf dem jetzigen Level zu stabilisieren, lasse zugleich aber die verbliebene, winzige, völlig naive „U3-Absicht“ entgültig über Bord gehen. Es wird doch keiner daran gezweifelt haben, dass ich diese, wegen diverser Widrigkeiten schwache Hoffnung in den zwei Wochen seit dem Prag Marathon bis hierher getragen hab? Nun lese ich die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens am Handgelenk ab und gebe es ohne Bedauern auf. Kilometer 27, 28, 29: der Zeitverlust hält an. Eindeutiges Gefühl in den Beinen: Mehr Tempo ist nicht drin, wenn ich nicht auf den letzten Kilometern dem Hammermann begegnen will …

Wo ist eigentlich die Walhalla? Ich hab sie nicht mehr gesehen auf dem Rückweg. Bin ich schon dran vorbei? Ach, das ist doch völlig „wurscht“ … Weiter auf die Uhr zu schauen ist sinnlos geworden. Ich nehme mir vor, es erst wieder ein paar Kilometer vor dem Ziel zu tun. Ist das vielleicht eine mentale Schutzmaßnahme, um nicht immer wieder vom Sekundenverlust demotiviert zu werden? - Zwischen den Dörfern, auf freiem Feld, erwischen mich ein ums andere Mal Windböen. Das vermittelt für Sekunden das Gefühl zu stehen. Eine ganz und gar widerliche Wahrnehmung, weil sie die schon fortgeschrittene Kraftlosigkeit brutal offenbart. Immer wieder raffe ich mich auf, kehre zum zügigen Lauftempo zurück. Am schlimmsten ist der Wind in den Außenbezirken von Regensburg, die ich bei Kilometer 30 wieder erreicht habe. Und immer noch 12 Kilometer zu laufen!

Was ich dann sehe, verwirrt mich erst, um sich nach Sekunden in ziemliches Entsetzen zu wandeln - und das ist wirklich nicht übertrieben. Vor mir,  in vielleicht Hundert Metern Entfernung, baut sich eine völlig undurchdringlich aussehende Mauer aus Läufern auf??? Es dauert ewig bis ich kapiere, dass das die Wende der Halbmarathonläufer ist! Und ganz offensichtlich laufe ich mitten in das dicht, an dicht gestaffelte Mittelfeld der Parallelveranstaltung hinein. Das gibt’s doch nicht, das können die doch nicht machen … Ich hab jetzt 31 Kilometer in den schweren Beinen und dieser ignorante Veranstalter zwingt mich aberhunderte von langsameren Halbmarathonis im Slalom zu umkurven!?? Meine tatsächlichen Gedanken waren durchaus kürzer, prägnanter, aber sie sind nicht druckreif, so viel ist sicher.

Innerlich und bisweilen leise fluchend bahne ich mir einen Weg durch die Menge. Wechsle mal von außen nach innen, quetsche mich mittendurch, drifte wieder zu einer Seite, tapse auch ein paar Schritte über unbefestigten Straßenrand, um vorbei zu kommen. Einmal entringt sich mir auch ein lauterer Fluch, was den gerade quer vor mir her laufenden Läufer zum Schimpfen bringt. Wie kann der auch wissen, dass ich ihn nicht wirklich meine. Mein Zorn richtet sich gegen Unbekannt, gegen einen Streckenplaner, dem es anscheinend nur wichtig war die Läufe so weit zu entzerren, dass die jeweiligen Spitzengruppen nicht gestört werden.

Erst Kilometer später wird es besser. Einerseits habe ich mich aus dem dichteren Feld nach vorne gearbeitet, zum anderen bewegt sich der Läuferstrom jetzt auf einer breiten Ausfallstraße. Kilometer 34. Während der letzten Viertelstunde habe ich nichts mehr mitbekommen, achtete nur auf Läufer, an denen ich vorbei musste. Das ist jetzt vorbei. Zum wiederholten Mal fällt mir eine der zahlreichen Rhythmus- oder Musikgruppen auf. Diese hat sich unter einer Brücke postiert und macht einen Wahnsinns Radau. Generell konnte ich feststellen, dass Musik und Stimmung hier in Regensburg wesentlich dichter sind, als das in Prag der Fall war. Eindeutig ein Pluspunkt.

Kilometer 35: Vorletzte Verpflegungsstelle. Ich trinke nicht. Für den Lauf bringt das nichts mehr, der ist in einer halben Stunde vorbei, was ich jetzt in mich rein schütte kommt erst nach dem Zieleinlauf im Stoffwechsel an. Und ich will keine weitere Stockung meines Laufs. Die Beine schmerzen gewaltig, meine Bewegungen sind von der zunehmenden Ermüdung schwer und eckig. Jetzt nur nicht mehr stehen bleiben! Es ist noch wärmer geworden und es geschieht, woran heute Morgen noch niemand geglaubt hätte: Die Sonne spitzt immer häufiger zwischen lockeren Wolken durch. Sie kann mir mit ihrer Wärme nichts mehr anhaben, bald bin ich im Ziel … Kilometer 36 liegt hinter mir, als das stete Geradeaus nach rechts verlassen wird. Nun geht es auf die Donau und irgendeine Brücke zu. Die entpuppt sich als reine Fußgängerpassage auf eine Donauinsel und von dort hinüber auf die andere Flussseite.

War’s vom merkwürdigen Gefühl auf den unter Hundert Füßen etwas wippenden, schwingenden Stahlbrücken oder kommt es von innen? Jedenfalls fühle ich bei der Donauüberquerung deutliche Schwäche, begleitet von einem leichten Schwindel. Der feste Boden hat mich wieder und damit ist auch das ungute Empfinden vorbei. Bestand haben allerdings meine jaulenden Oberschenkel. Seit der Halbzeit ungefähr fühle ich da unten die Anstrengung deutlich. Wirklich schlimm ist es auf den letzten zwei, drei Kilometern geworden. Es tut einfach verdammt weh, wenngleich ich sicher bin, es noch einige Zeit aushalten zu können. Und nun sind es ja nur noch fünf Kilometer!

Dann noch vier und über die steinerne Brücke mit ihrem Kopfsteinpflaster strebe ich wieder dem Südufer zu. Blödes Kopfsteinpflaster! Ich suche die breiteren Randsteine. Da muss ich mich hinter anderen einreihen, etwas langsamer laufen, dafür aber ohne Stolpergefahr. Vor und hinter der Brücke stehen die Zuschauer in dicht gedrängten Reihen. Lauter Jubel begleitet jeden Schritt durch das gepflasterte (Aua!) Herz der Altstadt. Ich kann nicht sagen „ich habe Regensburg gesehen“. Ein Wirbel von undeutlichen Ansichten und schlaglichtartig aufgenommenen Szenen zieht an mir vorbei. Nichts kann sich wirklich tief einprägen. Woran ich mich erinnere ist lediglich der Eindruck einer schönen Altstadt, die das Wiederkommen in Muße lohnt …

Auch einen Blick auf die Uhr habe ich vor einiger Zeit wieder gewagt. 3:05 sind in Reichweite, wenn ich jetzt nicht nachlasse. Nicht nachlassen! Ihr könnt mich umbringen Oberschenkel, aber ich geb' jetzt nicht nach. Es sind nur noch 4, 3, 2 winzige, unbedeutende Kilometerchen. Ein Nichts! 2, 3 Kilometer laufe ich auch schon mal als schnelles Intervall im Training. Zwei Kilometer, neun Minuten jetzt noch. Höchstens! Das ist rein gar nichts! Und meine Uhr tickt bei 2:55:xx.

3:05!!! Ich will jetzt die 3:05 - halt durch! Die Oberschenkel haben mir den Krieg erklärt. Immer dicker blasen die sich auf, ich glaub die platzen bald. Noch mehr Schmerz können sie nicht entwickeln, mehr geht nicht - Lauf! Lauf! Lauf! Beißen, beißeeeen!! - Schon die sichere Identifizierung der Zielgeraden ist heute eine Erlösung. Noch höchstens 500 Meter. - Alles geben, alles rauslassen, brauchst keine Reserven mehr jetzt! - Ich ziehe noch mal deutlich schneller, versuche einen langen Sprint - 3:05, will 3:05! - Ziel in Sicht, Marathonis rechts, Halbmarathon links. Oh Mann, instinktiv weiche ich einer rollenden Bahre im Zielraum aus, komme haarscharf an den Sanis vorbei, noch 20 Meter … Erlösung! Wahnsinn wie gut das tut! Stehen, atmen, unfähig zu denken. Wie lange? Sicher nur Sekunden. In der Erinnerung dehnen sich solche Momente gewaltig …

Dann kommt es wieder, dieses unheimlich schöne Gefühl im Ziel. Finish! Angekommen! Her mit meiner Medaille! Was für ein grandioser Tag! Und die Sonne scheint nun auch noch! Was sagt die Uhr? 3:04 plus irgendwas. Mit zwei Bananen in der Hand trotte ich selbstvergessen im Zielgelände umher. Ach ja, trinken sollte ich jetzt. Der Getränkelastwagen ist nicht zu übersehen. Da gibt es Cola - mag ich nicht - Limonade - mag ich erst recht nicht - und Sprudelwasser - das mag ich an sich auch nicht. Aber irgendwas muss ich trinken und stelle mich an. Also das hätten sie schon besser organisieren können. Eine ganze Weile vergeht, bis ich einen 0,2 l Becher Sprudelwasser abbekomme. Drei, vier große Schlucke und wieder stehe ich in der Wartereihe. Das wird mir zu blöd und in einem unbeobachteten Moment schnappe ich mir eine ganze Flasche und bin weg. Das mögen die nicht, ich weiß. Aber ich werd’ euch eure Pfandflasche nachher wieder zurück bringen. Essen kann ich noch nichts. Die Kohlensäure bläht mir den Magen zu sehr auf.

Die Massagezelte stehen fünfzig Meter querab. Erste Wahrnehmung: Die haben da aber eine Menge Massageplätze vorbereitet. Zweite: Alle Plätze sind besetzt. Dritte: Keine Warteschlangen. Vierte: Gerade steht einer auf und so komme ich sofort an die Reihe. Super! - Die Massage tat gut, besonders in den Oberschenkeln, die noch bei keinem meiner Läufe vorher auf den letzten Kilometern so rebelliert haben. „Morgen wirst du die Quittung für dein Experiment bekommen und kaum noch gehen können“, raunzt der Vernünftige in mir den „Abenteurer“ an. Der grinst innerlich selbstzufrieden: „Du glaubst gar nicht, wie sch…egal mir das heute ist! Ich bin angekommen und noch einmal in einer tollen Zeit.“ - Tatsächlich werde ich mich morgen und übermorgen wundern, weil außer einem ganz leichten Muskelkater und der üblichen Müdigkeit keinerlei Beschwerden zurück blieben. Ganz offensichtlich hat mir das Selbstexperiment, zweimal in zwei Wochen einen Marathon voll auf Angriff zu laufen, nicht geschadet. Und auch die Zeit konnte ich trotz der sehr kurzen Regeneration wiederholen. Dabei stelle ich der Einfachheit mal in Rechnung, dass mich der Gegenwind auf dem zweiten Halbmarathon die zusätzlichen zwei und eine halbe Minute gegenüber der Prager Zeit gekostet hat.

Was wäre gewesen wenn? Was wäre ohne Gegenwind dabei heraus gekommen? Und was, wenn es terminlich möglich gewesen wäre - wie ursprünglich beabsichtigt - den zweiten erst nach drei, besser vier Wochen Erholung anzugehen? Vielleicht bin ich, was meine „Sub3-Ambitionen angeht, ein „Opfer“ der Umstände. In Prag war ich zunächst - ein paar Stunden - enttäuscht. Nach Regensburg hoch erfreut. Gute Zeit, keine Beschwerden (insbesondere Spreizfuß rechts und Achillessehne links mucken nach wie vor nicht). Da ich das hier schreibe, fühle ich einfach nur noch Zufriedenheit und bin natürlich motiviert für weitere Läufe …

Neben dem Massagezelt steht eine Bierbank. Genau das was ich jetzt brauche. Ich nehme einige Schlucke aus meiner Pfandflasche und „werfe“ mir eine erste Banane „ein“. Wieder trinke ich von dem blöden „Prickelwasser“. Ich hab Gesellschaft bekommen: Ein anderer Marathoni hat sich zu mir gesetzt und bittet mich um eine neue Füllung seines Bechers. Da helfe ich ihm gerne aus. Mein Magen schmerzt schon gewaltig von der blöden Kohlensäure und ist aufgebläht wie ein Luftballon. Zum Glück ist die Pulle jetzt leer. Wieso schenken die im Ziel kein CO2-freies Wasser aus? Die Veranstalter sind doch sicher selbst Läufer und kennen unsere Bedürfnisse genau!?

Für den Weg zum Auto brauche ich sicher doppelt so lange, wie vor dem Wettkampf. Jeder Schritt erinnert an die erbrachte Leistung. Kennt ihr diese besondere Art von Schmerz? Es ist zugleich körperlich unangenehm und mental irrsinnig schön! Runter mit den nassen Klamotten. Trocken gelegt telefoniere ich mit Ines und melde meinen Erfolg. Sie hängt immer noch auf der Autobahn, freut sich nun aber mit mir. Im Finisher Shirt und mit umgehängter Medaille, bewaffnet mit meiner Kamera, trete ich den Weg Richtung Start/Ziel ein weiteres Mal an. Vier Stunden sind seit dem Start vorbei und ich will erleben, wenn Reinhard nach seinem ersten Marathon ins Ziel kommt. Zwar hat er sich 4:30 vorgegeben und bei den heutigen Umständen dürfte selbst das schwer zu schaffen sein. Aber man weiß ja nie. Außerdem kann man vor dem ersten Lauf schlecht einschätzen, ob vielleicht nicht doch mehr in den Beinen steckt, als gedacht …

30 Meter vor dem Ziel suche ich mir eine gute Fotoposition. An dieser Stelle schieße ich einige der schönsten Lauffotos, die mir je gelungen sind: Manche nehmen gerade hier wahr, dass sie gleich im Ziel sein werden und ziehen noch einmal ein paar Meter an. Wieder welche schreien laut ihre Freude hinaus und vollführen wilde, unkontrollierte Sprünge Richtung Ziel. Erschöpfung, ja Schmerz in durchfurchten Gesichtern wandeln sich angesichts des schon sicheren Finishs in hell strahlendes Lachen. Bereits hier hebt der ein oder die Andere die Arme und signalisiert unbändige Freude … Eine halbe Stunde etwa muss ich auf Reinhard warten und bin begeistert von den Läuferinnen und Läufern, die mit 4 Stunden plus an mir vorbei dem Ziel zustreben. Hat jemand noch nicht verstanden, dass es vollkommen egal ist, ob man einen Marathon mit drei, vier oder fünf Stunden läuft? Er möge sich eine zeitlang an der Strecke postieren und den Läufern im letzten Drittel des Feldes zusehen. Spätestens dann wird er verstehen!

Da hinten kommt er! Die Kamera ist aktiviert und kurz darauf gelingt mir eine schöne Serie von Reinhard aufzunehmen. Dann hat er es geschafft, sein erster Marathon! Langsam mache ich mich auf den Weg, es wird ein paar Minuten dauern, bis er den „Zielkäfig“ verlassen hat und ich ihm gratulieren kann. Unmittelbar hinter dem Finish Tor bleibe ich noch einmal stehen. Ein Vater überquert in Begleitung seiner Sprösslinge die Ziellinie. Hinter der Absperrung, direkt vor mir wird eine Läuferin von einem Weinkrampf geschüttelt. Sie kann es nicht fassen! Eine andere nimmt sie in den Arm. Ergreifende, von Läuferglück erfüllte Szenen, die die wahre Schönheit dieses Sports beschreiben …

Ich habe Reinhard gefunden, umringt von Frau und Freunden. Wir gratulieren uns, tauschen erste Eindrücke aus und ich begleitete ihn zum Getränke-Lkw. Setzen muss er sich erst einmal. Man sieht ihm die Viereinhalbstunden aber eigentlich nicht an, er hat sich ausgezeichnet gehalten. Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns voneinander. Ein sympathischer Kerl.

Nachdem ich im nahen Schwimmbad geduscht und meine Riesenportion Pasta ohne jedes „Kapazitätsproblem" verspeist hab, schlendere ich Richtung Festzelt, in dem die Siegerehrung begonnen hat. Kaum drinnen, fällt mir ein Anschlag mit Ergebnislisten auf. Just,  als ich darauf meinen Namen lese, höre ich ihn auch aus den Lautsprechern. Meine Zeit von 3:04:44 ist nicht schlecht. Nur hätte ich nicht geglaubt, dass ich mich damit in M50 auf Platz 2 wieder fände, noch dass ich mich heute ein weiteres Mal so schnell würde bewegen können. Also rauf auf die Bühne und einreihen. Schon witzig: Da hätte ich fast meine Siegerehrung verpasst …

Ergebnis

10 km: 00:41:49  
Halbmarathon: 01:29:37  
Finish: 03:04:44 Platz 84 von 1073 Teilnehmern
Platz 2 in M50