„Trainingslager Westerwald“: 1. Windhagen Marathon 2007

Die Hand des Olympiasiegers ...

Wir sind wieder vereint. Meine Frau Ines - Betreuerin und Fan :-) - reiste mir Freitag per Bahn ins „Trainingslager Westerwald“ hinterher. Sie fand mich bester Dinge, hatte mein Körper mir doch am Tag nach dem auszehrenden 50 km-Lauf ein Zusatzgeschenk beschert. Bei Sonnenschein und bester Laune schickte ich mich noch einmal über einen Teil der Strecke vom Vortag. Dabei kamen weitere 33 Kilometer und ca. 700 Höhenmeter zusammen. Erstaunlich, dass ich dazu überhaupt in der Lage war. Unfassbar, dass sich meine Beine dabei nicht einmal wirklich müde anfühlten. Ich trabte durch den Westerwald, als wäre gestern nichts gewesen ... Samstag verordnete ich mir „trainingsfrei“, um mit meiner „Betreuerin“ die Gegend zu erkunden.

Sonntagmorgen 8 Uhr: Gerade haben wir die A3 über die Ausfahrt Bad Honnef / Linz verlassen und rollen auf den Parkplatz vor dem Sportzentrum in Windhagen. Die Abholung der Startnummer ist eine Sache von Minuten. Der Windhagen Marathon feiert Premiere, entsprechend zurückhaltend ist die Beteiligung. In den späteren Ergebnislisten finden sich insgesamt 517 SportlerInnen. Mit Marathon (65), Halbmarathon (171), Minimarathon, Schülerlauf und Walking-Bewerben wurde ein großes Spektrum angeboten. Die Sonne scheint. Für kurz vor Neun ist es schon erstaunlich warm und eine beachtliche Schwüle liegt in der Luft. Also heißt es heute konsequent und ausreichend trinken! Noch eine Viertelstunde bis zum Start. Ines und ich betreten das Stadion. Die Stimme des Sprechers klingt routiniert. Es dauert eine Weile, bis ich den Mann am Mikrofon wahrnehme und erkenne. Die Organisatoren vom SV Windhagen haben es tatsächlich geschafft Detlef Uhlemann, den „Bundestrainer Langstrecke“, als Moderator zu gewinnen. In den Siebzigern errang Uhlemann im Crosslauf und über 10000 Meter mehrere deutsche Meistertitel. Dann übergibt er das Mikro an einen der erfolgreichsten deutschen Sportler überhaupt. Der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister, die Rodlerlegende Georg Hackl, genannt „Hackl-Schorsch“, fungiert als Schirmherr und Botschafter der Aktion „Kinder in Not“, die vom Erlös der heutigen Veranstaltung unterstützt wird. Berühmte Namen lassen mein Herz nicht per se höher schlagen, dennoch hole ich mir ein paar Bilder von den beiden. Den „Hackl-Schorsch“ schätze ich von der Mattscheibe aus seiner aktiven Zeit als sympathischen Kerl. Und mit Detlef Uhlemann verbindet mich gar ein winziges Fragment gemeinsamer Vergangenheit. Allerdings würde er sich an mich beim besten Willen nicht mehr erinnern und mir blieb die Begegnung auch nur deshalb geläufig, weil er schon damals ein Laufpromi war. „Damals“, das war in den Achtzigern, an der Sportschule der Bundeswehr, anlässlich eines von mehreren Sportlehrgängen. Uhlemann war damals unser Sportfeldwebel. Ein Bild hat sich mir - warum auch immer - bis heute unauslöschlich eingebrannt: Uhlemann lässig am Geländer zum Aufgang eines Unterkunftsgebäudes gelehnt und mit mehreren von uns redend. Über was? Keine Ahnung. Vermutlich beantwortete er Fragen zu seiner aktiven Zeit oder er machte uns einfach mit dem morgigen Dienstplan vertraut ...

Der Start steht bevor, ich sollte mich sammeln. Normalerweise teile ich Ines meine Absichten genauer mit, basierend auf dem trainierten Zeitziel oder dem jeweiligen Gespür für die Tagesform. Nach dem „Brutalprogramm“ dieser Woche kann ich die Aussage weder auf dem einen, noch dem anderen abstützen. Ich weiß nur, dass ich einen Rest von Muskelkater mit mir rumschleppe, mich trotzdem sauwohl fühle - im Augenblick jedenfalls. Aber jetzt stehe ich auch hier in der warmen Morgensonne und genieße die „Ruhe vor dem Sturm“. „Also ich weiß echt nicht, was heute geht!“ wende ich mich an meine Frau. Werden sich meine Hoffnungen erfüllen oder meine Befürchtungen bestätigen? Den Unterschied zwischen „Hoch“ und „Tief“ beschreibe ich Ines als Zeitdifferenz: „Ob 3:50h oder 3:30h, mal sehen. Vielleicht läuft’s, vielleicht nicht.“ Noch eine Umarmung, der Kuss, ihre guten Wünsche - wie sehr mir dieses Zeremoniell vor den 50 km von Rengsdorf fehlte, merke ich erst hier. Ines bringt sich mit der Kamera am Start in Position und ich begebe mich in die Startaufstellung - ganz nach vorne, so frech und selbstbewusst bin ich dann doch. Etwa vier Minuten noch, ich lasse meinen Blick ein wenig schweifen: Mit Vorfreude erfüllte Mitläufer, lachende Zuschauer auf erhöhten Rängen, blauer Himmel, grüner Kunstrasen auf dem Spielfeld, ein rotes, fett aufgeblasenes Startportal, dort vorne am Ende der Tartanbahn, durch ein schmales Tor, werden wir das Stadion über einen kurzen, grasigen Anstieg verlassen. Zuletzt schaue ich vor mir zu Boden. Was ist denn DAS??? Jähes Erschrecken jagt eiskalte Schauer über meinen Rücken. Unter einer Abdeckung und gut mit Band verklebt ... das sieht aus wie die Induktionsschleife einer elektronischen Zeitmessung!!! Mein Blick irrt von Fuß zu Fuß. Einige tragen tatsächlich den bekannten gelben Sender in der Schuhverschnürung. Panisch wende ich mich an den Läufer neben mir: „Laufen wir hier mit Chip? Ist das die Zeitmessung?“ Er beruhigt mich: „Nein, die haben hier eine Lichtschranke, das Kabel gehört dazu!“ „Gott sei Dank! Ich hätte sonst zum Auto flitzen und noch schnell meinen Chip holen müssen.“ Dann rede ich mir meine Panik noch ein paar Sätze lang von der Seele, der Herzschlag beruhigt sich wieder, Lachen löst die Verkrampfung.

Am Ende des gutgelaunten Countdowns aus vielen Kehlen rennen wir los. Es beginnt mit einer Stadionrunde. Ich lächle Ines zu, die ihr Gesicht hinter der Kamera versteckt. Erste Kurve, lange Gerade - oh je, oh je! Die erste Rückmeldung kommt von den Oberschenkeln. Nicht müde, aber bockhart fühlen sie sich an. ‚Das wird heut’ nix! Nicht mit diesen Beinen!’ Zweite Kurve, Zielgerade, Ines fixiert mich wiederum durch den Sucher. Über die begrünte Schräge und das Marathontor verlassen wir das Stadion. Etwas belustigt wiederhole ich den von Uhlemann vorhin benutzen Begriff „Marathontor“, angesichts der eher wie ein „Gartentürchen“ wirkenden Konstruktion. Kaum liegt das Sportzentrum hinter uns, als der Lärm der nahen Autobahn heran drängt ... Sssst, ssst, ssst, sausen sie vorbei. Der Kurs führt über die Brücke Richtung Dorf. Sssst, wwmmpfff, wwmmpfff, ssst, rauscht und donnert es unter uns! Der Spuk währt nur Sekunden, dann biegen wir um die Ecke eines großen Gebäudes und man hört nur noch Laufgeräusche. Ist das Laufen? Fühlt es sich so an? Bin ich in meinem Leben überhaupt schon mal gelaufen? Im Moment habe ich kein rechtes Gefühl für meinen Körper. Stattdessen werkelt eine unbekannte Schaltzentrale meiner selbst in verschlossener Kammer vor sich hin. Noch habe ich keinen Zutritt, vielleicht krieg ich den Schlüssel nach dem Warmlaufen, wenn der Motor richtig angesprungen ist …

Über diese Straße erreichten wir vor etwas mehr als Stundenfrist Windhagen. Vor dem Ortsende biegen wir in eine Seitenstraße ab und alsbald senkt sich die Strecke. Was ich heute leisten KANN, weiß ich nicht, dafür aber was ich WILL: Schnell laufen, dicht an meiner Leistungsgrenze. Nach mehreren verhalten absolvierten Wettkämpfen möchte ich wieder mal einen mit höherer Pace durchstehen. Das bedeutet „volle Pulle“, wenn es bergab geht und jetzt geht es abwärts. Also missachte ich die verhärtete Muskulatur und „drehe den Gashahn auf“. Nach etwa zwei Kilometern endet der Ort, sofort knirschen die Steine eines Feldweges unter den Füßen. Ich renne konzentriert, mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Für die Dauer dieses Wettkampfes stelle ich die Rücksicht auf meine Knochen hinten an. An sich laufe ich nicht gerne bergab, schon gar nicht zu Beginn. Heute kommt mir das entgegen, weil sich die Verhärtung meiner Oberschenkel im flotten Runterlaufen zu lösen scheint. Langsam kommt die ganze „Kiste“ in Schwung und nichts schmerzt! Der Weg verläuft im Grunde eines nicht allzu schroffen Geländeeinschnitts. Ein schmaler Streifen Wald beidseits hält die Sonne zurück. Und doch bricht mir schon hier der Schweiß in Strömen aus, wische ich mir ein ums andere Mal mit der Hand über die Stirn. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm.

Die vorerst tiefste Stelle liegt hinter mir, der Weg gewinnt an Steigung. „Verpflegung 500m“ informiert eine weiße Tafel. Ausreichend trinken wird unter diesen Bedingungen mitentscheidend sein. Als der Verpflegungsstand nach einem halben Kilometer auftaucht, habe ich ihn fast schon wieder vergessen, hundert Meter vorher hätten für das Schild auch gereicht. Runter mit dem Nass! Oh, wie ich das hasse, dieses Trinken in Bewegung, das sich-dabei-halb-Verschlucken, die anschließende Kurzatmigkeit. Aufwärts dauert es länger bis sich „Pumpe“ und Lunge wieder beruhigen. Aber es geht, Kraft ist da. Irgendwann ist der Waldsaum zu Ende, zur Schwüle gesellt sich „Sonne direkt“. Wer glaubt, ich fürchtete sie, irrt sich! Nach dem düster kalten Regenlauf vom Donnerstag hungere ich nach Licht und Wärme - egal was sie mich kosten. Und welche Landschaft gewinnt durch Sonnenschein nicht an Reiz? Das hier ist auch Westerwald. Viel weniger bewaldet, mit sanfteren Höhenunterschieden, irgendwie „übersichtlicher“, geradezu idyllisch. Es ist toll hier zu laufen! Allerdings müht sich dieser grobe, dunkle, scharfkantige Schotter seit ein paar Minuten eifrig mein Vergnügen zu schmälern. ‚Wenn alle Wege so sein sollten, kann ich meine Füße hinterher wegschmeißen!’ Der Gedanke enthält natürlich die Hoffnung, dass es nicht so sein wird (Ist es auch nicht, was ich aber jetzt noch nicht wissen kann.)

Landwirtschaft dominiert. Wiesen erstrecken sich über Höhen, ziehen sich durch Senken. In bald jedem Einschnitt gluckst ein Bach. Wiesenbäche! Seit meiner Kindheit üben sie einen unerklärlichen Reiz auf mich aus. Wie oft stand ich als Knirps in Bächen, baute „Staudämme“ aus Steinen, Zweigen und Dreck oder planschte einfach nur darin herum. Als wär’s erst gestern gewesen, sehe ich meine Füße in sandigem Morast versinken und das Wasser bis zum Rand der Gummistiefel steigen. Gerade laufe ich über einen Wiesenpfad, sanft abwärts, auf ein schmales Brücklein zu. Hohe Gräser und Schilf am Ufer verwehren erst mal jeden Blick auf plätschernde Fluten. Eine Reihe junger Bäume wirft kurz vor dem Übergang Schatten und ich spähe mit ein bisschen Spannung in Richtung Bach. Im wirklich allerletzten Moment gelingt mir der Schrittwechsel und dadurch ein Satz über ein fatales Hindernis: Ein Kuhfladen! Breit, frisch, in fahlgrüner Farbe und glitschig, tarnt er sich zwischen halbhohem Gras im Schatten der Bäume. Beim Drüberspringen meine ich zu erkennen, dass er nicht mehr unversehrt ist. Vielleicht sollte ich mir nachher im Ziel mal die Laufschuhe der anderen ansehen ... Windhagen: Marathon der Premieren. Nie zuvor musste ich einem Kuhfladen ausweichen.

Ab und an interessieren sich ein paar Leute für diese Verrückten, die sich den Sonntagmorgen mit schweißtreibender Rennerei versauen. Unter dem Klatschen von zwei Paar Händen biegen wir auf einen der wenigen asphaltierten Streckenabschnitte ein. Sofort senkt sich die Straße und mit rasantem Tempo geht es dem nächsten Geländeeinschnitt entgegen. Abwärts lasse ich es nicht nur laufen, der Pulsmesser zeigt manchmal höhere Werte, als in ebenen Passagen. Dahinter steckt nicht allein der Wunsch nach einer guten Zeit, auch purer Spaß am Rennen lässt mich das tun. Fast zehn Kilometer liegen hinter mir und ein paar Minuten habe ich schon auf die einfach zu kontrollierende Zielzeit 3:30h (~ 5 min/km) gut gemacht. Heute darf ich die Lauflust ungehemmt ausleben. Hier in Windhagen laufe ich den zehnten und letzten Marathon meiner Biel-Vorbereitung. Natürlich steht weiteres, hartes Training an, aber ich will zum Abschluss dieser Serie einfach noch mal alles in einen Marathon legen. Warum sollte die Premiere in Biel missglücken, falls mir die Generalprobe im Westerwald gelingt!

Streckenteilung: Die Halbmarathonis verschwinden rechts im Wald, wir bleiben auf der Straße und ächzen unter der nächsten Steigung. Hundert, zweihundert Meter, dann schickt mich ein Streckenposten in einen Waldweg. Die sind hier alle mit ganzem Herzen dabei! Ich kann mich an keinen erinnern, der meinen Lauf nicht mit Ansporn begleitet hätte. Toll! - Im Wald leicht abschüssig, dann eben oder wieder sanft ansteigend, trabe ich dahin. Für den Weg bleibt wenig Aufmerksamkeit, mein Blick greift durch den nahen Waldsaum, hinaus zum idyllischen Wiesengrund, dorthin, wo wieder einer dieser Bäche fließen muss ... Mein Gott ist das herrlich!

Freilich plage ich mich, spüre die 33 km von vorgestern und den 50km-Lauf vom Donnerstag. Natürlich bin ich nicht frisch. Im Ziel wird sich das Pensum dieser Woche auf 150 Kilometer summieren. Selbstverständlich kommt hie und da der Gedanke an einen Einbruch jenseits der magischen Dreißig-Kilometer-Marke auf. Aber ich fühle mich wohl, der Spaß ist riesig, da leidet es sich leichter und Bedenken fechten mich nicht an. Anfangs wurde ich ein paar Mal überlaufen, das ist jetzt vorbei. Wie immer halte ich das einmal „eingestellte“ Durchschnittstempo, weil das die beste Methode darstellt, mit der vorrätigen Energie gut hauszuhalten. Früher als sonst, und trotz der recht dünnen, lückenhaften Reihe vor mir laufender Marathonis, überhole ich Läufer. Die scheinen ihre Kräfte im anspruchsvollen Gelände überschätzt zu haben.

Einige Zeit habe ich dann nur noch einen Läufer vielleicht hundert Meter vor mir. Der ist auch nicht zu übersehen: Ein Hüne, zudem von einem Biker begleitet. Die nächste Tränke kommt in Sicht und schon dreißig, vierzig Meter davor schallt mir Anfeuerungsgeschrei entgegen. Da fällt die sanfte Steigung leicht! Schließlich geht auch noch einer mit seiner Kamera in Stellung und nimmt mein Konterfei mit nach Hause. Trinken, Schlucken, bisschen was über’s Hemd, keuchen, weiter, weiter ...! Der Abstand zum Lauf-Radel-Duo verringert sich, langsam, ganz langsam, aber stetig.

Zwei abgesessene Radfahrer kommen mir entgegen. Offensichtlich wollen sie keinen Unfall mit Läufern im Gegenverkehr riskieren. Der Weg ist einwandfrei, welchen Grund könnten sie sonst haben zu Fuß zu gehen? „Siebter!“ teilt mir die Frau im Vorüberlaufen mit - einfach so. Im Ernst? Sollten tatsächlich nur sechs Läufer vor mir sein??? Kampfgeist obsiegt, Zweifel verstummen. Rückblickend gilt mir das als Geburtsstunde des Wettkämpfers Udo. Windhagen, Marathon der Premieren: Noch nie lief ich in einem Feld so weit vorne. Es wirkt wie eine Droge, ab jetzt denke ich „taktisch“. Der Hüne ist nicht mehr weit weg, wirkt aber verdammt frisch. ‚Halt dich hinter ihm, lass den Abstand nicht wachsen, dann kannst du später noch einen Platz gut machen!’ Sechster werden, das wär’ doch toll!

Ein ganze Weile geht es so dahin. Bergab hole ich ein wenig auf, aufwärts vergrößert sich der Abstand wieder. Mein Respekt vor diesem Kerl ist groß. Muskulös und durchtrainiert wirkt er - kraftvoll. Fraglich, ob ich den packen kann! Kilometer um Kilometer, ich weiß nicht mehr wo, Landschaftsmarathons gestatten selten genaue Zuordnungen: Jetzt habe ich vor dem Kraftpaket auch noch die zwei Triathleten im Visier. Ganz zu Anfang schossen sie an mir vorbei in ihrem einteiligen weiß-schwarzen Laufdress. Solche Tagträumereien kennt Udo nicht: Er lässt den Hünen hinter sich und übersprintet auf der Zielgeraden auch noch die beiden Weiß-Schwarzen - Vierter! Hurra! ‚Lass die Kirche im Dorf. Du weißt nicht mal, ob du das Tempo bis zum Schluss halten kannst. Auf über der Hälfte der Strecke kann noch viel passieren!

Eine abgesperrte Straße ist zu queren, drüben geht’s auf dem Radweg weiter, schön schattig zwischen Bäumen. Wie mit Gummiband gekoppelt, renne ich hinter dem Kräftigen her, entschlossen ihn nicht ziehen zu lassen. Sonntagsausflug: Eine junge Frau mit ihren drei Kindern. Zwei eilen ihr voraus, dabei ein Winzling auf einem dieser Kinderfahrräder mit Wimpel an lang wippendem Ausleger. Er kurvt ein wenig ungelenk auf dem Weg rum, das könnte gefährlich werden ... Der groß angelegte Bogen war nötig, ganz zuletzt steuert der Kleine noch ein Stück über die Wegmitte hinaus. Vorbei. Ein angenehm flaches Stück der Strecke endet an einem Ortseingang vor asphaltiertem, brachial steilem Anstieg. - He! Was ist das? Der Hüne geht! Ist er doch nicht so stark, wie es den Anschein hatte, oder hat der einfach keinen Bock sich zu quälen? Dreißig kraftraubende Schritte später bin ich Sechster und hab’ während der nächsten paar Minuten das - gleichfalls neue - Gefühl „verfolgt“ zu werden. Obschon ich mich kein einziges Mal umdrehe, weiß ich nach einer Weile sicher, dass er mich nicht mehr einholen wird. Frag nicht wieso, ich weiß es einfach.

‚Die Gegend kenn’ ich doch!’ Ein zweites Mal gönnt man mir den Anblick des lieblichen Wiesengrundes, diesmal zur Rechten, und im Schatten darf ich dabei auch noch laufen. Gar so entspannt genieße ich das jetzt nicht mehr. Kunststück - jetzt bin ich ja auch zum Wettkämpfer „degeneriert“. Linkskurve, nun ein hartes Stück Waldweg aufwärts. Dort oben erwartet mich ein frenetisch anfeuernder Streckenposten. Der Kampf um die Plätze - macht er mich empfänglicher für Beifall? Mit Elan nehme ich den Anstieg, bin richtig ‚heiß’. Oben angekommen danke ich meinem Helfer mit knapper Gebärde und biege auf ein stark abschüssiges Sträßchen ab. Die „Seelenmassage“ wirkt nach und ich beschleunige auf aberwitzige Werte. Kaum setzt das mentale Doping von hinten aus, da „zwingt“ mich Applaus von vorn die irre Hatz fortzusetzen. Wieder ein Offizieller, der mich vom Asphalt in einen weiteren Waldweg schickt. „Aufgeputscht“ von klatschenden Händen und fordernden Kehlen komme ich nur langsam „runter“ und das muss ich - sagt jedenfalls mein Pulsmesser, der deutlich jenseits verträglicher Marathonwerte tickt.

Kilometer 21! Ich warte - grob geschätzt - hundert Meter und lese die Uhr ab: 1:38:xx. Natürlich brauche ich diesen Wert nur zu verdoppeln, um mein Wunsch-Finish vor Augen zu haben. Unter 3:20h wäre schon der absolute „Hammer“ - auf dieser Strecke, unter diesen Witterungsbedingungen und mit 150 Wochenkilometern in den Beinen. Aber noch sind 21 Kilometer zu laufen, es wird immer wärmer und das Profil hält im Schlussteil der Strecke die meisten Anstiege bereit ...

Fünfzig Meter vor mir rennen die Triathleten, die Distanz schrumpft - Träume machen anscheinend Beine. Nun zielt meine Strategie auf die beiden „Pinguine“. Leider haben sie mit den possierlich watschelnden Arktisbewohnern lediglich die farbliche Erscheinung gemein. Ihr Laufstil wirkt geschult und ausdauernd, sicher erfahrene Sportler. Na gut, dann verteidige ich eben Platz sechs! Links, rechts, bisschen rauf, ein wenig runter, hin und her, zwanzig Meter Abstand genügen mir vorerst. Ich bleibe lieber im „Windschatten“, um im geeigneten Moment anzugreifen. Der kommt schneller, als mir lieb ist: Einer der Weiß-Schwarzen stoppt plötzlich und fummelt an seinem Schuh herum. Und sein Laufkamerad wartet auf ihn. Jetzt MUSS ich vorbei! Platz 4 - aber doch nur vorläufig, die flitzen sicher gleich hinterher. Für ein, zwei Minuten erhöhe ich mein Tempo, versuche so viel Landschaft wie möglich zwischen ihnen und mir unterzubringen. ‚Vielleicht halten sie eine Verfolgung dann für aussichtslos? Quatsch, noch immer sind 17 oder 18 Kilometer zu laufen. Zudem blieben sie nicht vor Schwäche stehen, die könnten später noch mal gefährlich werden ... Weiter, weiter, jetzt ziehen, ziehen und dran bleiben!’

Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor so hemmungslos um Ränge gekämpft zu haben. Mal jemanden im Finish überspurten - ja das schon. Doch woher beziehe ich dieses taktisch geprägte Denken? Keiner meiner bisherigen Läufe hatte echten Wettbewerbscharakter, ich konnte es also nie schulen. Gibt es so was wie den männlichen Urinstinkt eine herausragende Position innehaben zu wollen? Vielleicht, weil den Stärksten des Rudels vor 5000 Jahren die größten und besten Stücke des erlegten Mammuts zufielen?

Eine Weile bin ich allein auf weiter Flur - im wahrsten Sinne des Wortes. ‚Noch drei vor mir, sicher nicht einzuholen. Aber du darfst nicht langsamer werden, denk an die Triathleten!’ Ich werde nicht langsamer und es wird auch demnächst nicht passieren. Plötzlich mache ich wieder zwei Läufer aus, mit höchstens hundert Meter Vorsprung. Beide wirken müde und so zielt meine erste Vermutung in Richtung „versprengte“ Halbmarathonläufer. Der „Hirnkasten“ arbeitet definitiv mit ziemlicher Verzögerung und beschädigter Logik, wenn du dabei bist deinen Körper zu schinden!! Natürlich kann das keiner der Halbmarathonläufer sein. Die letzten sind hier etwa vor einer Stunde durch. Außerdem laufen die beiden zu schnell, um sich derart zu „verspäten“. Dieses Mal dauert es nicht lange, zum nächsten Kontrahenten aufzuschließen. Und während ich mir noch überlege, ob es nicht geschickter wäre, verhalten in seinem „Kielwasser zu segeln“, bleibt auch er an einer der zahlreichen Kuppen „hängen“ und geht. Er hört meine Schritte, dreht sich nach mir um. „Die vielen Anstiege vertrage ich nicht!“ raunt er mir zu. Es klingt wie eine Entschuldigung, entspricht aber wohl nur seinem Bedürfnis nach kameradschaftlichem Miteinander. Dafür spricht auch der unerwartete Nachsatz: „Alles Gute noch für dich!“ Ein feiner Zug und so zahle ich mit gleicher Münze zurück: „Für dich auch!“

Platz „drei“! Wirklich? Platz drei in der Gesamtwertung? Noch immer schließe ich einen Irrtum nicht aus, habe ja keine Bestätigung dafür. Das aufgeregte Applaudieren der Streckenposten ist ein Indiz, mehr nicht. Egal, auch wenn es sich als „Luftschloss“ entpuppen sollte, ich wäre nicht lange enttäuscht. Dafür läuft es einfach zu gut. Außerdem muss ich mich nun auf den Läufer in Orange konzentrieren … Nö, muss ich eigentlich nicht, denn der wirkt reichlich ausgepowert. Er kann mit Sicherheit nicht nachsetzen, wenn ich vorbei bin. Im Augenwinkel glaube ich dann wahrzunehmen, dass er wirklich „aus dem letzten Loch pfeift“ und … laufe auf Platz 2.

Das Geräusch vieler, mit hoher Geschwindigkeit vorbei rasender Autos dringt durch den Wald. Offenbar ist die Autobahn nicht mehr weit entfernt. Nach einer Wegbiegung ist die das Tal überspannende Brücke nicht mehr zu übersehen. Unsere Route führt drunter durch und gewinnt jenseits rasch an Steigung. Dabei bleibt es einstweilen, denn irgendwann muss der harsche Schlussanstieg ja schließlich beginnen. Recht bald komme ich mir vor wie eine „Schnecke“. Ich bin so langsam und genauso feucht. Das Laufshirt klebt schon seit dem ersten Streckenviertel klatschnass an meiner Brust. Aber nun, in praller Sonne, in steter Aufwärtsbewegung, komme ich mit Schweißwischen kaum noch nach. Einerseits lästig, andererseits beruhigend: So lange es mir noch solche Wassermengen ins Gesicht treibt, bin ich gut hydriert. Ich erinnere mich an Hitzeläufe, zum Beispiel vorletztes Jahr in Wien, da erreichte ich das Ziel mit bereits wieder trockenen Klamotten und halb wahnsinnig vor Durst.

Dreißig Kilometer vorbei, immer noch im Anstieg. Wohnbebauung und Natur, Straßen und Feldwege wechseln sich ab. Wenn ich grad mal nicht so heftig mit mir selbst kämpfe, eilen die Gedanken voraus. Wie viel Vorsprung mag der Erste haben? Hätte es Sinn schneller zu laufen? Auf die Idee jemanden zu fragen komme ich erst gar nicht. Sobald jedoch die Strecke ein paar Prozente Steigung zulegt, mich meine Grenzen deutlich spüren lässt, liegt der hochfahrende Gedanke an Verfolgung zerschmettert am Boden. ‚Pass lieber auf, dass dich die Triathleten nicht noch erwischen!’ Die kapitulierten aus „technischen“ Gründen, nicht vor Schwäche. Doch ich bin allein. Keine Läufer, keine Streckenposten, keine Zuschauer, keine zufälligen Passanten. Es gibt nur mich und den Weg. Im Augenblick trabe ich an einem Waldrand entlang langsam aufwärts, oder besser gesagt „im“ Waldrand. Der schirmt die Sonne ab und das macht die Sache erträglich. Ich laufe langsam! Zu langsam? ‚Ach was, meine „Verfolger“ werden hier ebenfalls den „kleinen Gang“ einlegen müssen.’ Diese Steigung ist nicht dramatisch, hält keinem Vergleich mit den Bergen vom Donnerstag stand. Aber da bewegte ich mich auch um einiges verhaltener und es war 15 Grad kälter.

Noch ein Abschnitt in der Sonne, wieder ein Stück im Wald, immer weiter rauf. Links ein paar Teiche. Dann ein Streckenposten. Welchen Sinn macht hier ein Streckenposten? Als ich mich nähere steht einer auf. An seiner Körperhaltung kann man den weiteren Streckenverlauf ablesen, aber der war auch so klar erkennbar: Aufwärts, aufwärts. Schön kühl in dichtem Wald, auf beinahe ebenem, vergleichsweise feinsandigem Untergrund. Dort vorne kommt ein Radler entgegen, hinter ihm ein Läufer. Klar, das ist der Führende. Kurze Verwirrung meinerseits. „Bin ich falsch?“ rufe ich dem Radler entgegen. „Nein alles ok!“ beruhigt er mich. Der Mann im „Schlepptau“ schaut mir entgegen, hebt zugleich die Hand zum Abklatschen. Dann grüßen wir uns nach Läufersitte. „Bis nachher im Ziel!“ fügt er noch hinzu. Hab ich was geantwortet? - Bald werde ich wissen, wie weit er mir voraus ist. Die Schleife erweist sich als veritables Viereck von über einem Kilometer Länge. Bis ins Ziel verbleiben noch etwa sechs Kilometer. Ein Haile Gebrselassie könnte vielleicht einen Kilometer auf verbleibenden sechs „eindampfen“, aber kein Udo. Dann muss mich auch noch so ein „Depp“ von Zuschauer, der wahrscheinlich in seinem Leben noch keinen einzigen Meter in Laufschuhen zurückgelegt hat, verunsichern: „Der ‚Soundso’ ist gerade durch, dort vorn grad’ um die Ecke, vielleicht holst ihn noch ein?“ – ‚Bin ich doch nicht Zweiter? Der Führende ist hier mindestens seit fünf Minuten durch, der kann nicht „grad’ um die Ecke“ verschwunden sein. Macht nix. Bin ich eben Dritter, das wär’ auch super!’

Dann erreiche ich selbst die Stelle, wo mir eben der Führende begegnete und sehe einige wieder: Einen der Triathleten, den Läufer in Orange und den Mann der mir alles Gute wünschte. Keiner von ihnen wird mich einholen können. Denn, dass ich dieses Tempo annähernd durchhalte, steht längst fest. Die Erfahrung aller bisherigen Wettkämpfe gestattet solchen Optimismus. Kurz vor dem Einbruch? Das fühlt sich anders an. Aber wo ist der zweite Triathlet? Hat er aufgeben müssen oder ist er gar dicht hinter mir? - Bald darauf begegnet mir Hermann in Begleitung. Wer Hermann ist? Das ist der behinderte Läufer, mit dem ich am Donnerstag den größten Teil des 50 km-Westerwaldlaufes gemeinsam kämpfte. Wir trafen uns heute vor dem Start und wie es aussieht, absolviert auch er diese zweite Prüfung in drei Tagen mit Bravour!

Schon seit einer Weile geht es bergab, scheint die elend lange Steigung vorbei. Der Vergleich zwischen Uhr und Reststrecke räumt mir eine Chance auf unter 3:20h ein. Also ignoriere ich die inzwischen heftigen Beschwerden in den Beinen und rase den Sandweg talwärts. Etwa bei Kilometer 38 treffe ich wieder auf den „unbegreiflichen“ Streckenposten. Jetzt ist alles klar und es hätte des Winkens der beiden nicht bedurft, um mich nach links durch eine Waldschneise zu schicken. Nach links und nach … OBEN! Uaah, das trifft mich hart, härter als der ewig lange Anstieg vorhin. Ich laufe nicht mehr, ich krieche nur noch. ‚Quatsch, das kommt dir nur so langsam vor, weil du eben den Berg runter GERANNT bist!’ Aber verdammt weh tut es schon und wieder schießt die „Brühe“ aus allen Poren. ‚Nur noch lächerliche vier Kilometer! Komm schon, halt’ durch!’ Schnurgeradeaus erstreckt sich die Qual vor mir. Ein Ende ist nicht absehbar. Blauer, leicht milchiger Himmel füllt das vom Weg und flankierenden Bäumen eingerahmte Viereck vollkommen aus. Endlich reduziert sich die Steigung schrittweise und etwas von Menschenhand Geschaffenes wächst aus dem Viereck ins Blau. Ebenerdig laufe ich schließlich auf ein Betriebsgelände zu, heftig pumpend, wie ein Maikäfer kurz vorm Abheben. Nach rechts, ich muss nach rechts. Noch ein Versorgungspunkt kommt in Sicht, ausschließlich weiblich besetzt, wie es aussieht. Ihr komplettes Büffet offerieren sie dem Läufer. Die Frau mit der Banane ist richtig enttäuscht, ihre Köstlichkeit nicht „an den Mann zu bringen“. Ihr „Schaaadeee!“ verfolgt mich ein paar Meter, lässt mich fast ein wenig Bedauern empfinden. ‚Aber nein, Leute hört mal, nicht drei Kilometer vorm Ende. Das kostet nur Zeit.’ - Und weiter! Für Sekunden erfasst mein Blick ein Stück der Autobahn und der parallelen ICE-Trasse. Auch die Stelle, wo das Stadion liegen muss, fixiere ich kurz: ‚Nicht mehr weit! Gar nicht mehr weit!’ Es tut gut in so primitiven Formeln zu denken …

Zurück in kühlen Forst und wieder runter! Die „Granatensteigung“ hat elend viel Zeit gekostet. ‚Gib Gas!’ Ich renne im sanften Gefälle, als ginge es um mein Leben. Nicht weit, einen Kilometer vielleicht, vorbei an der Tafel mit der „40“. Der Waldweg entlässt mich auf eine Straße. Sehe dort vorn einen Streckenposten mit kleiner Zuschauerkolonie. Beifall. „Jaaa, bald hast du’s geschafft! Bravo! Hopp, hopp! Lauf!“ Sie peitschen mich auf dem Asphalt vorwärts. Und wieder heißt „vorwärts“ zugleich „aufwärts“ - wie oft denn noch? ‚Wahrscheinlich muss ich nach links, der Straße nach’ denke ich und halte entsprechend Kurs. „Hier herüber, hier rein, bloß keine Kraft verschenken!“ korrigiert mich einer lachend. Dran vorbei, oh toll, leicht abwärts. Nächster Posten. Schickt mich auf den nächsten Feldweg. Grobe Steine, abschüssig - oh verdammt, tut das jetzt weh! ‚Egal renn! Renn!’ Bin unten, muss wieder hoch. Über eine Straße. Noch’n Absperrposten: „Zweiter Platz, der ‚Soundso’ ist seit fünf Minuten durch!“ ‚Also doch Zweiter! Aber wieso muss mir der Typ das mit den fünf Minuten Rückstand noch unter die Nase reiben?’ Noch ein Kilometer, irgendwelche Wege Richtung Windhagen. Wo ist das Stadion? Da sind Tennisplätze, es kann also nicht mehr weit sein. Immer noch rauf, rauf, rauf … Dann bin ich am Stadion, laufe drum herum, bin auf der Straße zum „Gartentürchen“ … äh Marathontor. Im Stadion, bin IM STADION!!! Warum schreien die so? Mein Gott die jubeln mir zu! Der Sprecher kündigt mich an. Wahnsinn ich werde Zweiter sein! Da steht Ines!!! Macht Fotos, jubelt! Wahnsinn! Renne durch’s Zieltor. War’s das? Der Erste klatscht mich ab, ich zögere. Er und der Sprecher unisono: „Eine Runde noch!“ Ich ziehe durch. ‚Komm jetzt, locker laufen, alle gucken dir zu!’ Und es fällt mir leicht, so leicht. Ich spüre die Müdigkeit, aber ich schwebe auf ihr. „Das ist dein Beifall Udo!“ belohnt mich der Sprecher mit triumphalem Unterton in der Stimme. Belohnung vom „Bundestrainer Langstrecke“. Detlef Uhlemann spricht mich ins Ziel. Auf der Geraden noch ein paar schnelle Schritte. ‚Schaut her! Ich bin nicht mal am Ende!’ Im Ziel, die rechte Faust fährt in den Himmel. Wahnsinn Zweiter! Verrückt! Nicht zu fassen! Die Zeit: 3:21:01.

Es ist ein neues, sehr schönes Gefühl. Mir ist gleichgültig, ob es sich je wiederholt. Einmal durfte ich es erleben: Aufmerksamkeit für ein, zwei Stunden. Aufmerksamkeit von vollkommen fremden Menschen. Wichtiger ist mir aber zunächst die Umarmung meiner Frau, ihr Kuss. Dann fragt mich irgendwer für welchen Verein ich laufe, er brauche die Infos für einen Pressebericht. „Für gar keinen“ antworte ich dem etwas irritierten Menschen. Dann folgt ein kleiner „Abriss“ meiner Gründe in Windhagen zu laufen, wobei ich immer gieriger in Richtung Alkoholfreies schiele. Bevor der Durst in Wahnsinn umschlagen kann, lasse ich ihn mit einer Entschuldigung stehen. Erst neun Minuten später kommt der Dritte ins Ziel, wenig später auch Hermann, dem ich von Herzen Beifall spende.

Eine ziemliche Weile kann ich mich nicht zur Dusche aufraffen. Unglaublicher Durst bildet den Hauptgrund: Ein Glas „Alkfrei“ nach dem anderen rinnt durch meine Kehle. Aber es ist einfach auch schön dieses Finish auszukosten. Läuferisch sicher nicht mein größter Erfolg, aber ganz bestimmt mein schönster! - Nach der Dusche wende ich mich erneut dem Stadion zu, wo Ines wartet. Unverhofft kommen mir zwei Jungs entgegen und wollen doch tatsächlich ein Autogramm. Windhagen, Marathon der Premieren: Nie zuvor bat mich jemand um ein Autogramm! Da gebe ich mich keinerlei Illusionen hin: Mein heutiger Erfolg hat höchstens lokale und kurzfristige Bedeutung. Aber es freut mich halt doch und amüsant ist es auch. Nie hätte ich gedacht, mal ein Autogramm … :-)

Die Siegerehrung wird von Georg Hackl vorgenommen. Man ruft den Dritten auf die Bühne, dann mich. „Sie sehen ja gar nicht müde aus, so wie sie hier rauf springen!“ empfängt mich der Hackl Schorsch. „Ich hab ja auch schon etliche Kilometer Anlauf genommen diese Woche“ entgegne ich gutgelaunt und stelle mich auf das Podest mit der „2“. „Respekt!“ meint er mit typisch bayerischem Klang in der Stimme und dann kommt ein Moment, den ich sicher nie vergessen werde. Die Hand des Olympiasiegers und Weltmeisters streckt sich mir entgegen. Ausgerechnet er, einer der erfolgreichsten Sportler aller Zeiten, beglückwünscht mich, den Hobbyläufer. Und es klingt nicht einmal routiniert …

Windhagen Marathon Nummer 1

Es gab eine kleine Panne bei der Siegerehrung der Frauen, weil die Computerauswertung wohl nicht so klappte, wie von den Organisatoren erhofft. Und sonst? Im übrigen kann ich nur jedem Läufer diese Veranstaltung wärmstens empfehlen. Eine wirklich wunderschöne Strecke, nagelneue Sporteinrichtungen, ausgezeichnete Vor- und Fürsorge, ein nahezu reibungsloser Ablauf und die liebevolle Betreuung auch für Zuschauer, um nur die wichtigsten Pluspunkte zu nennen. Nächstes Jahr könnte ich sicher nicht mehr Zweiter werden. Wenn sich rum spricht, wie toll „Windhagen 1“ war, werden mehr und schnellere Läufer antreten …

 

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