Belohnung der speziellen  Art  -  Voralpenmarathon Kempten am 23. September 2007

„Zieht durch, das Ende ist in Sicht!“ - ‚Das Ende? Der Lauf hat erst vor einer Dreiviertelstunde begonnen und wird über 45 Kilometer lang sein!’ Ein paar Mal kreist der unsinnige Spruch in meinem Kopf, bis mir plötzlich klar wird, dass ich die in Allgäuer Dialekt gehaltene Rede missverstanden habe. Gemeint war: „Der „Blender“ ist in Sicht!“ und das ergibt durchaus Sinn. Denn der „Blender“ baut sich bei freier Sicht mit seinen knapp 1100 Metern immer wieder vor mir auf. Ich erinnere mich ans Streckenprofil, aus dem er wie ein Reißzahn aufragt. Großen Respekt flößt mir der bewaldete und mit einem Funkturm gespickte Berg dennoch nicht ein. Wie denn auch? Die Strecke hat Summa Summarum 1350 Höhenmeter zu bieten und das hatte ich vor Monaten auch im Westerwald auf einem 50 km-Run. Allerdings: Heute ist kein guter Tag! Ganz allgemein für die Gegend hier schon: Ein warmer, derzeit noch absolut windstiller Bilderbuch-September-Sonnen-Sonntag. Auf den bereits erarbeiteten 10 Kilometern haben mir meine Beine jedoch klar signalisiert, heute nicht in gewohnt kooperativer Weise meine Wünsche erfüllen zu wollen. Trotz Tapering benehmen sie sich müde und schwer. Aber so was beeindruckt „Susi Sorglos“ nicht besonders, ihr Optimismus speist sich aus bisher 31 erfolgreichen Wettkämpfen über mindestens Marathondistanz.

Und so renne ich auf den „Blender“ zu. Zunächst gibt sich die Steigung harmlos, nimmt dann aber zu. Ich tauche in kühlem Wald unter. Eine Wohltat, nachdem vom Start weg eine intensive Sonne arg einheizte. Da vorne gehen einige Läufer. Jetzt schon? Was soll denn das? Der düstere Hohlweg wird immer steiler, ist zudem steinig und zerfurcht. Ich zügele mein Tempo, um den Puls auf erträglichem Niveau zu halten. Nach zuletzt gnadenlos steiler Passage, die nur auf dem Vorfuß laufend zu bewältigen ist, verlassen wir kurzzeitig den Wald. Auf dem kurzen, mäßig aufwärts geneigten Abschnitt schlägt mein Herz in schnellem Takt, kriegt sich nur zögerlich ein. Wieder rein in den Wald und was ich da sehe lässt mich doch heftig aufstöhnen: Ein schier endloser, granatensteiler, von unzähligen Baumwurzeln durchsetzter Hang will erobert werden. Auch hier gehen die meisten. Nicht so die stolze „Susi Sorglos“. Ich bin Läufer. Läufer laufen, gehen nur, wenn sie nicht mehr laufen können. Ich kann noch lange laufen und ich werde laufen. Steilhang und Wurzeln, über die ich mit Minischrittchen „steppe“, lassen meinen Puls gegen die Schädeldecke pochen. Vor ein paar Wochen, anlässlich zweier Trainingsbergläufe, war’s genauso. Diese Erinnerung setzt zwar keine Kräfte frei, dafür Zuversicht, auch hier rauf zu kommen … Leiden pur, Flehen nach dem höchsten Punkt, dem Ende dieser Qual. Heftig pumpend halte ich durch. Ist das noch Laufen? Wieder ein paar Meter Höhe gewonnen. Dort oben, wo die Sonne hell in den Wald scheint, wartet die Erlösung. Kein Denken in Sätzen mehr. Stückchen noch! Bald! So hart, so hart. Gleich! Halt durch! Jetzt! Die letzen zwei Schritte, bin oben. An „oben“ blieb keine rechte Erinnerung: Eine Art begraster Buckel, wie eine Waldlichtung, und sofort rechts weg, moderat abwärts. Weg vom Wald und über einen ausgedehnten, mit Gras bewachsenen Grat beinahe eben dahin.

Mittlerweile kann ich wieder mehr als Fragmente denken: ‚Ob das gut geht? Sich im ersten Viertel schon derart verausgaben und noch mehr als dreißig Kilometer vor sich haben?’ - Hab ich denn eine Alternative? Ja, die hast du: Gehen im Anstieg! Nein, das gilt mir nicht als Alternative, eher als Kapitulation. Kommt nicht in Frage! So bin ich nun mal gestrickt. Nicht, dass ich es als „unehrenhaft“ empfände. Angesichts gehender Läufer regen sich in keinem Fall negative oder überhebliche Impulse. Nur in meinem läuferischen Credo hat Gehen keinen Platz. Wenn es hart auf hart kommt, hilft mir diese Sturheit, treibt mich vorwärts. Nur die Not könnte mich zwingen sie preiszugeben. Basta!

Der Pfad fordert volle Aufmerksamkeit. Bisweilen verstecken sich tückische Knubbel oder Vertiefungen unter platt getretenem Gras. Entsprechend kurze, gehetzte Seitenblicke bleiben mir für die unvorstellbar und unbeschreibbar schöne Aussicht Richtung Süden. Von hier oben greift der Blick weit über die den schroffen Spitzen des Allgäuer Hauptkammes vorgelagerte Hügellandschaft - ein Traum in Grün und Blau. Jetzt ein asphaltierter, flacher Laufweg, Gelegenheit mit Muße zu schauen - das wär’s. Und was hab ich? Einen grasigen, holprigen Pfad, mit sekündlich wachsendem Gefälle. Und noch was hab ich: Den Drang aller ehrgeizigen Wettkämpfer talwärts Zeit gut zu machen! Doch das gelingt nur ansatzweise. Zwar schneidet der Pfad bald schräg am Hang durch eine Wiese, bietet Gelegenheit für gedämpfte Schritte auf kurzer Grasnarbe, bleibt aber unberechenbar. Auch der sich anschließende Feldweg erlaubt kein „Vollgas“, zu viele Steine, Rinnen und Unebenheiten erzwingen immer wieder arhythmische Schrittwechsel. Dann wird mein Sehnen doch noch erfüllt. Auf asphaltiertem Sträßlein findet das „kontrollierte Stolpern“ sein vorläufiges Ende.

Erst jetzt, auf vollkommen ebenem Untergrund und in flotter „Schussfahrt“, spüre ich, was der „Blender“ meinen Beinen „angetan“ hat. Nach nur dreizehn Kilometern steht die Muskulatur bereits gewaltig unter Spannung und die Gelenke jammern über ungewohnt viele Querbewegungen auf unsicheren Untergründen. Das Fragezeichen bläht sich weiter auf: Kann das gut gehen? Mir dämmert, dass ich mehr über die Strecke und ihren Anspruch hätte in Erfahrung bringen müssen. Eine Ahnung beschleicht mich, bereits vorhin, auf den ersten sehr flott gelaufenen Kilometern, ein Finish mit Lächeln im Gesicht verspielt zu haben. Was auf dem ersten Kursabschnitt geschah?

Mit etwa dreihundert gut gelaunten Laufbegeisterten mache ich mich Punkt neun Uhr auf den Weg. Mein froher Sinn speist sich aus Vorfreude auf eine herrliche Strecke, die ich mir seit Tagen immer wieder ausmalte. Das spätsommerliche Kaiserwetter tut ein übriges. Ok, es wird warm werden, insbesondere die stechende Sonne wird ihren Tribut einfordern. Dann trinke ich eben mehr, was soll’s. Ich will diesen Lauf genießen, eingedenk meiner Laufdevise im Herbst 2007 - Belohnung für die Schinderei des ersten halben Jahres. Trotzdem werde ich mit vollem Einsatz zu Werke gehen. Stellt das einen Widerspruch dar, genießen und alles geben? Mal sehen. Von der Strecke weiß ich nur, dass sie 1350 Höhenmeter, verteilt über 45,3 Kilometer, zu meiner „Belohnung“ bereit hält. Dafür hatte ich nur ein „Schulterzucken“, immerhin hab ich im Mai einen Trainingslauf mit ungefähr denselben Geländedaten bereits einmal abgeliefert. So renne ich als „Susi Sorglos“, Startnummer 130, auf der asphaltierten, mehr oder weniger ebenen Startgeraden ausgangs Kempten. Meine simple Taktik: Flache Streckenabschnitte will ich im 5 min/km-Schnitt bewältigen, an Steigungen langsamer werden und in abschüssigem Gelände die Zeit wieder gut machen.

Kempten liegt nach zwei Minuten hinter mir, erste, harmlose Steigungen prüfen meinen noch nicht leistungsbereiten Körper. Einlaufen hätte Sinn gemacht, das ist mir jetzt klar. Die erste Kilometertafel sieht mich einige Sekunden unter 5 Minuten. Ok, das Tempo scheint zu passen. Pro weiteren Kilometer mache ich sogar etwa 10 Sekunden gut. Ein Mädel, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, überholt mich. Ich denke nicht weiter über sie nach, wird wohl nicht allzu weit in diesem Tempo laufen können. Nach ein paar Minuten schreit sie einen Namen, stoppt in Höhe eines wenig älteren Jungen und übergibt ihm ihren Transponder, den sie flugs vom Fußknöchel löst - Staffelwechsel. Der Junge reiht sich kurz hinter mir in den Strom der Läufer ein. Eine Stimme gibt ihm gleich einen witzigen Kommentar mit auf den Weg: „Da hat deine Schwester dir aber einen schönen Vorsprung rausgelaufen!“

Kilometer 4: „Der Spaß beginnt“ - so steht’s unter einem Bild auf der Homepage des Voralpenmarathons. Es zeigt die erste wirkliche Bergprüfung dieses Tages. Bis hierher habe ich etwa 40 Sekunden auf den 5er-Schnitt heraus gelaufen, bin demzufolge beinahe zwanzig Minuten unterwegs. Knapp einen Kilometer geht es jetzt in die Vollen. Ich schraube mein Tempo drastisch herunter. So weit, dass viele hier an mir vorbei ziehen. Aber das muss mir egal sein, denn irgendwie läuft es heute noch nicht. Trotz Trainingsreduktion in dieser Woche und sogar drei Ruhetagen fühle ich mich nicht vollständig erholt. Die Luft ist herbstlich kühl, aber die Sonne brennt bereits erbarmungslos auf jeden Quadratzentimeter nackte Haut. Entsprechend schießt das Wasser aus den Poren. Vorhin, am ersten Verpflegungsstand, habe ich mir nur einen Schluck „Iso“ reingeschüttet. Das war definitiv zu wenig und künftig werde ich jeweils zwei Becher leeren.

Natürlich ficht mich diese erste Steigung nicht ernsthaft an und so setzt „Susi Sorglos“ ihre Zeitenjagd erst einmal unbeirrt fort. Noch immer glaubt sie an ein fröhliches Finish deutlich unter vier Stunden … Kilometer 5: Die erste Hürde ist genommen. Der Blick auf die Uhr zeigt, dass ich nur einige Sekunden über meinem 5er-Schnitt liege. ‚Na also, läuft doch, vielleicht springt der Motor noch richtig an und die Müdigkeit in den Beinen gibt sich?’

Die herrliche Allgäuer Landschaft, grüne, hügelige Wiesen, darin eingebettet dunklere Wäldchen, wunderschöne Höfe und der Duft eines taufrischen Morgens ziehen mich in ihren Bann. Mal geht’s ein Stück rauf, dann wieder abwärts, tendenziell überwiegt die Steigung. Runter vom Asphalt, quer durch eine Wiese, über einen Bach und auf einigermaßen beschwerlichem Pfad wieder nach oben. Nahe der nächsten bäuerlichen Ansiedlung gewinne ich ebenes, asphaltiertes Terrain zurück. Dieser Marathon riecht gut! Säuerlich intensiver Dunst aus Stallungen wechselt mit Heuduft, der Geruch feuchter Wiesen löst erdig-würzigen in kleinen Waldpassagen ab. Unentwegt gibt’s was zu schnüffeln. Wenn ich nur besser drauf wäre heute. Ich versuche mein Tempo zu konservieren, muss dem permanenten Aufwärts allerdings Tribut zollen. Kilometer für Kilometer falle ich deutlicher hinter den 5er-Schnitt zurück. - Beschlussfassung: Ab jetzt wird nicht mehr auf die Uhr geschaut! Ich will es erst wieder tun, wenn sich das Gefühl einstellt Zeit gut gemacht zu haben (Kleiner Blick in meine Laufzukunft: Den nächsten Blick zur Uhr wage ich erst auf halber Strecke, und sicher nicht, weil ich den Eindruck hätte, Zeit gut gemacht zu haben …).

Ein kapitaler Buckel, mit dunkelgrüner „Waldhaube“ und einigermaßen hässlichem Sendeturm obenauf, rückt wiederholt ins Blickfeld. Das muss er sein, der „Blender“. ‚Sieht doch gar nicht so dramatisch aus. Wahrscheinlich führt da sogar ein gut ausgebauter Feldweg rauf!?’ Und natürlich erwartet die blauäugige „Susi Sorglos“, dass man für sie genau diese Passage auf den „Blender“ ausgesucht hat. Ein massiver Irrtum, wie dem geneigten Leser ja bereits vorab mitgeteilt wurde. Drum rasch auf die andere Seite des „Killerbuckels“, wo ich mit ge-Blender-ten Gliedmaßen auf abschüssigem Teersträßchen Richtung Weiler Wegscheid renne.

Zeit aufholen verlangt meine Taktik bergab. Also gebe ich mir die Sporen und nähere mich rasch den Häusern. Überwiegend packt mich in solch ungezügelter Hatz die blanke Lauflust. Mitten im Wettkampf, mit noch gut gefülltem „Tank“, fühlt sich das dann ein bisschen wie Fliegen an. Heute nicht! Heute erschüttert mich jeder Schritt, fährt mir bis ins Mark und offenbart meine Verletzlichkeit. Das ist definitiv nicht mein Tag! Ich halte auf den tiefsten Punkt des Ortes zu, quere unter reichlich Applaus die von der Polizei verlässlich gesperrte Durchgangsstraße und labe mich an einer Tränke. Und wieder geht’s bergauf, sachte zunächst, später merklich. Einödhöfe liegen am Weg. Wieder schmeicheln ländliches Aroma und eine liebliche Landschaft allen Sinnen - pralles Leben, in Worte nicht fassbar. Weiter bergauf und es strengt mich gewaltig an. Gerade mal fünfzehn Kilometer liegen hinter mir.

Die nächste Häuseransammlung heißt Eschach. Kaum drin, bin ich auch schon durch, von der „Marathonweiche“ auf Kurs gehalten. Nach links zweigte der Weg für die LäuferInnen des 2/3-Marathons ab. Den hab ich mir herbei gewünscht, um mit Marathonis und Staffeln fortan allein zu sein. Immer wieder flitzten Schnellere von hinten heran, überholten mich und strebten mit flinken Schritten außer Sichtweite. Warum auch immer, heute nervt mich das. Und vom 2/3-Abzweig verspreche ich mir mehr „Ruhe“ auf der Strecke, was sich allerdings schnell als Trugschluss erweist. Offensichtlich ist eine große Zahl von Staffeln unterwegs. Die bestehen gemäß Reglement aus drei bis zehn (!) Läufern und können ihre Wechselpunkte frei wählen. So „scharren“ an beinahe jeder Wegkreuzung „ein paar Wechselgäule mit den Hufen“ und erwarten die Ankunft ihrer Stafette. Ein ums andere Mal zischen LäuferInnen an mir vorbei, die ich Minuten zuvor passierte, während sie ungeduldig auf der Stelle hüpften, sich dehnten oder in ungewissen Zirkeln ihren Warmlaufritus praktizierten.

Es geht auf einen Waldrand zu. Ein kurzes asphaltiertes Stück toleriert unkonzentriertes Laufen, gestattet den Blick schweifen zu lassen. In eine sanfte Mulde, eingerahmt von Wiesen und Wald, spiegelglatt und moorig dunkel, schmiegt sich der Eschacher Weiher. Über allem erhebt sich einmal mehr in morgendlichem Gegenlicht die gezackte Kette des Allgäuer Hauptkammes. Noch berührt mich diese berückend schöne Ansicht, ist intensiver als die stetig wachsende Mühsal des Laufes. Es liegt in der Eigenart meines Sports, in kurzer Zeit sehr viele Eindrücke zu sammeln. Aber leider währen auch die schönsten davon nur wenige Sekunden. Zwei der in Orange auf die Fahrbahn gesprühten Pfeile schicken mich nach links in einen Waldweg.

Und weiterhin geht’s - na was wohl? - bergauf. Die Szenerie verändert sich dagegen radikal: Links, rechts, vorne, hinten und meist auch über mir Wald, Wald, Wald. Bisweilen eine Wiese, von dicht stehenden Fichten gesäumt und wieder Wald. Kilometer für Kilometer. Plötzlich fliegt mein Kopf nach links! Am Stumpf eines vormaligen Baumriesen hat man ein Schild angebracht: „Große europäische Wasserscheide“. In Bruchstücken lese ich noch, dass an diesem Ort die Gewässersysteme von Bodensee-Rhein-Nordsee und Iller-Donau-Schwarzes Meer getrennt werden. Ich versuche mich auf die Europakarte in meiner Erinnerung zu besinnen, denn Geographie war eines meiner Lieblingsfächer. Aber die Projektion auf der inneren Leinwand misslingt, schon jetzt fehlt das nötige Quantum mentale Kraft. Auch das beweist wie „hinfällig“ ich heute bin. Warum eigentlich? Was ist denn nur los? Nun gut, vor zwei Wochen ein auszehrender Sechs-Stunden-Ultra über 65 Kilometer. Aber ich hab doch zurückhaltend trainiert seither und zuletzt „schulbuchmäßig“ getapert. Ok, die Sonne knallt vom Himmel und die „Brühe“ rinnt an mir runter. Aber die Luft ist kühl und ich trank an jeder Station deutlich mehr als sonst. Mag sein, dieser vermaledeite „Blender“ hat’s mir ordentlich besorgt und „Susi Sorglos“ auf äußerst herbe Weise für ihre Vermessenheit abgestraft. Doch auf dem nächsten Kilometerschild steht die für einen Marathoni eigentlich noch undramatische „20“. Macht mich die dauernde Steigung „butterweich“? Vielleicht und aus dieser vagen Möglichkeit schöpfe ich Zuversicht, auf der zweiten, mehrheitlich talwärts führenden Hälfte besser klar zu kommen.

Dankbar registriere ich die Kühle in diesem Forst. Drei, vier Kilometer Schatten unter hohen Bäumen. Kilometer 21, gleich hab ich den halben Marathon, nur hat das heute keinerlei Bedeutung. In der Mitte zwischen 22 und 23 Kilometern will ich dann zum ersten Mal wieder auf die Uhr schauen, um meine Temposchätzung zu bestätigen … ‚So, ungefähr hier müsste der halbe Lauf gepackt sein!’ - 2:05:xx zeigt die Uhr. Für die große Enttäuschung reicht das nicht. Nach dem „Gezuckel“ der vergangenen Stunden hab ich ein schlimmeres Halbzeitergebnis befürchtet. Und sofort meldet sich die gnadenlos positiv denkende „Susi Sorglos“ ein letztes Mal zu Wort, verweist auf viel Gefälle im zweiten Teil, auf die Chance wieder einige Minuten gut zu machen.

Die Waldränder weichen zurück, große, saftige Wiesen gewinnen mehr Raum. Voraus, malerisch in eine Senke gebaut, kommt ein weiterer Einödhof in Sicht. Zugleich biege ich auf einen breiten Feldweg ein, auf dem mir LäuferInnen begegnen. Hier beginnt jener kurze Streckenteil zu einer kleinen Wendeschleife, den Hin- und Rückweg gemeinsam nutzen. Der einsam gelegene Hof trägt den Namen „Wenger Egg“. Inzwischen wohl kein bäuerliches Anwesen mehr, sondern eine Ausflugsgaststätte, wie ich mit mehr oder weniger desinteressiertem, abgelenktem Seitenblick feststelle. Desinteressiert, weil ich müde bin und abgelenkt, weil just an dieser Stelle weitere Flüssigkeit aus zwei Plastikbechern in meinen Magen schwappt. Und ab … oh Mann, schon wieder rauf, nicht sehr steil, dafür in sengender Sonne. Als ob das gerade getrunkene Wasser gar nicht erst den Umweg über mein Inneres nähme, quillt es aus allen Poren. Auch meinen Füßen wird übel mitgespielt: Kiesel in allen Größen prüfen die Festigkeit von Gelenken und Bändern. Das tut weh, ekelhaft weh. Zudem bohren sich steinerne Knubbel in die Sohlen meiner Laufschuhe, sorgen für wackeliges Vorwärtskommen. Vom Regen ausgewaschene Furchen unterstützen sie dabei bestens. Ein Sch… weg ist das!

Während ich so vor mich hin stolpere, rast Läufer um Läufer auf Gegenkurs vorbei. Warum sind die so schnell? Sind die alle so viel ausgeruhter als ich? Ich beantworte die Fragen nicht, dabei wär’s einfach. Ich laufe immer noch stetig bergauf. Das merke ich schon gar nicht mehr, weil’s ja eigentlich immer bergauf geht … Nach etwas mehr als einem Kilometer öffnen sich Hin- und Rückweg zur Wendeschleife. Ich muss nach rechts in den Wald und … steil nach oben. Keiner von jenen, die diese Passage gehend absolvieren und von mir überholt werden, kann mehr gehört haben, als meine tiefen Atemzüge. Innerlich jedoch stöhne ich auf, ächze in allen Organen. Was für eine Qual: Ein von Wanderergenerationen ausgelatschter, mit tausend Wurzeln durchsetzter, von den vielen Regenfällen aufgeweichter, ausgespülter, dunkel-erdiger, höllisch steiler Pfad frisst alle Kraft. ‚Ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe NICHT!’ - Aber ich bin kurz davor. „Steppe“ mit kläglichem Vortrieb aufwärts - „tipp“, „tipp“, „tipp“ - bin nur um Bruchteile schneller als die gehende Konkurrenz - „tipp“, „tipp“, „tipp“ - Ich schaff’ das, ich halte durch, da oben kommt ein Absatz - „tipp“, „tipp“, „tipp“ - das geht - ich pack’s - gleich - noch ein paar Schritte - dann oben, heftig schnaufend, trippele weiter, zäh, kaputt, elend müde. Im Blick eine Kuppe, als Lichtung im Wald, obenauf ein Turm. Sch…egal was für ein Turm, sieht aus wie ein Wasserturm, muss drum rum. Und natürlich noch ein paar Meter rauf. Hier, jetzt, denke ich fast nichts. Schwäche beherrscht Körper und Hirn. Alle Energie fließt in die Beine, Geisteskraft ist verzichtbarer Luxus. Erst später, vielleicht erst richtig in den Minuten, da ich dies schreibe, wird mir bewusst, dass ich dort oben fix und fertig bin. Dort oben auf dem „Schwarzen Grat“. Dass der so heißt, krieg ich auch erst zu Hause mit. Und welche Art Turm dort steht, bleibt weiterhin ungeklärt. Ein Wasserturm - immerhin sah er so aus - mitten im Wald, Meilen abseits jeglicher Ansiedlung?

Eine kleine Zuschauerkolonie hat sich hier am Wendepunkt gebildet. Anfeuerung schallt uns auf den letzten ansteigenden Metern lauthals entgegen. Ich erinnere mich an keinen Wortlaut, nur an teilweise dämliche Sprüche aus bierseligen Schädeln. Im Zenit dieses Buckels samt Turm verlegt mir urplötzlich ein Schiedsrichter mit gezücktem, dickspitzigem Filzschreiber den Weg. Versehen mit blauem Stigma auf weißer Startnummer nehme ich Fahrt auf - bergab, endlich mal wieder bergab. Gelegenheit mich ein wenig zu erholen, jedoch keine Möglichkeit Zeit aufzuholen. Alles tut mir weh und dieser Forstweg ist einfach zu steinig, um höheres Tempo zu wagen. Also bleibe ich auch talwärts hinter meinen Erwartungen zurück. Nach ein paar hundert Metern weisen die bekannten Zeichen nach links und - dreimal darfst du raten - nach oben. Schon wieder ein ziemlich steiles Stück, zum Glück auf erträglichem Untergrund. Wirklich harte Arbeit, Genuss empfinde ich jetzt keinen mehr.

Wieder mal oben, hier ist die Wendeschleife zu Ende. Eine ganze Weile begegnen mir nun andere LäuferInnen - für sie geht’s hinauf, folglich hinan für mich. Sie sind langsam, ich bin schnell. Dass das auf geneigtem Weg gar nicht anders sein kann, lässt mein Geist völlig außer Acht, „bastelt“ daraus Hoffnung auf fortan leichteren, flotteren Wettkampfverlauf. - ‚Booaah, diese Sch…steine!’ Kurz vor dem „Wenger Egg“ weiche ich an den ebeneren, mit Gras durchsetzen Wegrand aus. Nur für Sekunden, dann verlegen mir Widrigkeiten den Weg. Zurück auf die steinige, steiler werdende Rampe. Ich könnte hier runter „sausen“, das Risiko zu stürzen wäre klein. Aber jeder Schritt geht mir schmerzhaft durch und durch. Das hemmt, bremst, kostet Zeit. Zeit!? Mit jedem Kilometer wird sie mir gleichgültiger. Meine überhebliche Susi-Sorglos-Zielzeit-Blase ist längst an Schwäche und Schmerz zerplatzt. Knapp unter 4:15h ins Ziel zu traben lautet meine derzeitige Erwartung.

„Wenger Egg“ die Zweite und vorbei und wieder rauf. Für hundert oder weniger Meter auf dem Grat laufend, lockt im Süden einmal mehr die Gipfelkette. An Bildern erfreuen kann sich nur ein weitgehend unbelastetes Gemüt. Meinem ist die wunderschöne Ansicht bereits gleichgültig. Einzig verbliebenes Interesse nach 25 erarbeiteten Kilometern: Durchhalten!

Es ist ruhig geworden um mich her. Nur noch selten rennt jemand vor mir oder höre ich Schritte eines Verfolgers. Zum einen weist die Läuferkette bereits weite Abstände auf, zum anderen führt die Route nun wieder durch dichten Wald und reiht Kurve an Kurve. Überwiegend abwärts, wie erwartet. Wirklich nützen kann ich dieses Geschenk nicht. Fehlt mir die Kraft, um den Schmerz schnelleren Abwärtslaufens zu ertragen? Oder gilt die Umkehrung, dass die Pein der tausend Schritte Willen und Energiefluss lähmt? Vielleicht gibt’s auch keinen derartigen Zusammenhang und die Wahrheit ist banal: Schwäche und Schmerz existieren nebeneinander. Ich lief zu schnell und „ruinierte“ auf ungewohnt miserablen Streckenteilen meine „Knochen“.

Geht’s wirklich mehrheitlich bergab? Mein Gefühl spricht eine andere Sprache. Kaum hab ich mich in einem Gefälleabschnitt „eingerichtet“, steigt der Weg wieder an, degradiert mich ein weiteres Mal zur Laufschnecke, saugt Energie, saugt, saugt, saugt … Dann wieder oben, selten eben, meist gleich ins nächste Abwärtstrudeln. Atem beruhigt sich, Schritte werden länger, kaum schneller, weiter trotten. Schmerzen in allen Gelenken, aushalten, einfach ignorieren, weiter, weiter … ‚Schon wieder rauf!’ Wie oft formte sich dieser Gedanke auf den Kilometern 26, 27, 28, 29? Das Profil dieses Streckenabschnitts gleicht einer scharf und vielfach gezahnten Säge. Es macht mich fertig, ich gesteh’s mir ein. So schmilzt auch noch die letzte Zielzeitvorstellung in warmer Spätsommersonne. Übrig bleibt als „letzter Wille“: Laufend Ankommen.

Bei Kilometer 30 endet der Wald, grelles Licht und Wärme schlagen mir entgegen. Der Weg knickt vor einer Art Aussichtskanzel mit Tisch und Bank nach links unten. Ein einsamer Wechselläufer wartet hier auf seine Staffel. An ihm vorbei gelingt mir ein inzwischen reichlich gleichgültiger Blick ins Panoramarund. Dann fordert der ausgetretene, stark abschüssige Pfad einmal mehr volle Konzentration.

Fast kein Schatten, wechselnde Untergründe, immer wieder neue Ansichtskartenmotive - nichts von alledem haftet mit klarer Kontur in meiner Erinnerung. Ich laufe schon lange nicht mehr. Stattdessen kämpfe ich, widersetze mich dem stärker werdenden Verlangen aufzuhören. Eine bisher fremde Formel huscht immer wieder durch meinen Kopf: ‚Den Lauf mit Anstand und Würde zu Ende bringen.’ Um nichts anderes geht es mehr. Jede Hoffnung auch nur eine Sekunde aufzuholen habe ich fahren lassen. Meine Bewegungen erlahmen immer mehr, mit jedem Kilometer verkürzt sich der Schritt. Merkwürdigerweise werde ich fast ausschließlich von Staffelläufern überholt. Leiden meine Konkurrenten unter ähnlich massiver Auszehrung? - Kilometer 33: Unvermittelt laufe ich auf den dunklen Spiegel des Eschacher Weihers zu. Eine Menge Volk nutzt den herrlichen Septembersonntag für Spaziergänge rund um dieses landschaftliche Juwel. Mir verschafft das einigen Beifall und unwillkürlich strafft sich alles in mir. Ein, zwei Minuten hilft’s, dann falle ich in schlappen Trott zurück.

Kilometer 34: Ein Paar hat es sich auf weichem Wiesenteppich bequem gemacht. Ich vermute Schlachtenbummler und beachte sie nicht weiter. „Udo, das sieht gut aus!“ schallt es herüber und ich erkenne zwei Foris, mit denen ich vor dem Lauf eine kurze Unterhaltung hatte. „Ich glaub nicht, dass das gut aussieht!“ rufe ich zurück und bringe ein sicher gequält wirkendes Lächeln zu Stande. Die beiden sind Mitglieder einer Staffel, so jedenfalls verstand ich es, und warten hier sicher auf die Übergabe des Transponders. Aber warum warten sie gemeinsam? Läuft nur eine oder einer? Keine Lust und keine Kraft zum Nachdenken …

Für mich eine mörderische Strecke, aber auch extrem abwechslungsreich. Vielleicht erklärt das, weshalb sich mir der Lauf trotz wachsender Müdigkeit nicht in die Länge zieht. Das „Kilometerzählwerk“ hat den raschen Anfangstakt scheinbar beibehalten. Jetzt denke ich auch häufig an den „Mariaberg“. Er gilt als letzte harte Bergprüfung. Vorzeitiger „Knockout“ für jene Läufer, die ohnehin schon „auf dem Zahnfleisch gehen“, zum Beispiel für mich? Mehrmals sucht mein Blick das Hindernis, bleibt jedoch immer ein paar Kilometer querab an der markanten Erhebung des „Blenders“ hängen. Kilometer 35, 36, 37: Es geht stetig bergab - behauptet die Profilkarte. Ich erinnere mich nicht daran, das Laufen fällt mir schwer. Dann erreiche ich die Ortschaft Buchenberg. Auf dem Bürgersteig weichen mir Passanten aus, ein Paar applaudiert. Wieder schiebt mich das ein wenig an, macht mich bestimmt nicht schneller, drosselt aber die Wahrnehmung von Anstrengung. Ich wechsele die Straßenseite, biege im spitzen Winkel ab. Ein Verpflegungstand: Noch einmal trinken, zwei Becher „Iso“ presse ich per „Druckbetankung“ in meinen Magen. Und wieder antraben. Auf einem Fahrradweg, entlang der Straße geht es gut einen Kilometer leicht aufwärts und geradeaus. Verdammt warm ist es geworden, ich schwitze, verspüre aber nur ein lindes Durstgefühl. Kilometer 38, 39, noch sechs Kilometer.

Inzwischen bin ich „rappelfertig“, habe keine vollkommene Kontrolle über meine Laufwerkzeuge mehr. Die Koordination ist erschwert, der Bewegungsapparat reagiert mit merklicher Verzögerung. Und in dieser Verfassung schicken die mich in ein Wäldchen, über einen löchrigen, teils schmierigen, sich um Jungpflanzen und Baumstämme windenden Pfad. Hundert Wurzeln versuchen mich zum Stolpern zu bringen, aber es gelingt ihnen nicht. Auch zum Gehen können sie mich nicht zwingen. Lang dauert dieser seltsame Tanz durch das Wäldchen zum Glück nicht. Irgendeine der vielen Fußangeln hätte mich sonst sicher zu Fall gebracht.

Kilometer 41: Kein Zweifel, mir ist übel. Das gab’s während eines Laufes auch noch nie. Noch ist das Unwohlsein nicht sehr stark. - Wo bleibt der „Mariaberg“? Gerade bogen wir von einem kurzen Abschnitt abschüssiger Straße in ein Wäldchen ab. Kommt jetzt der „Mariaberg“? Zunächst wird mein Blick von der hübsch mit Schilf umrahmten Wasserfläche des „Herrenwieser Weihers“ eingefangen. Dann ist es soweit: Ein Waldweg zwischen hohen Nadelbäumen gewinnt an Steigung, erst erträglich, später heftig, bisweilen sogar brutal. Die Qual der Anstrengung überdeckt die Übelkeit, lässt sie mich für ein paar Minuten vergessen. Viel fehlt nun nicht mehr, um mich vom Lauf- in den Gehschritt zu „knechten“. Einmal mehr widerstehe ich, will laufen, bis ins Ziel laufen! Verdammter Hügel! Es tut weh, verflucht weh. Aber jetzt ist das Ende der Steigung absehbar, noch ein paar Schritte, raus aus dem Wald, langsam wird es besser, der Schmerz lässt nach… Dafür kehrt die Übelkeit zurück, stärker als zuvor. Ich werde doch nicht …? Der „Mariaberg“ ist „bezwungen“. Meter um Meter normalisieren sich Atmung und Frequenz meiner Schritte. Zwischen Viehweiden und um eine Baumgruppe herum beschreibt der Weg eine S-Kurve. Die Übelkeit ist unangenehm aber erträglich. Vielleicht verschwindet sie ja bald wieder.

Dann seh’ ich ihn, kann es kaum fassen: Fünfzig Meter vor mir ein allerletzter, abartig steiler Buckel. Unser Martyrium ist also doch noch nicht zu Ende. Nicht weit, nicht hoch, höchstens 70, 80 Meter zu laufen und zum Glück asphaltiert. Ich höre schnellere Schritte, die sich von hinten nähern. Just am Fuß des Steilstücks erreicht er mich und stöhnt entnervt auf: „Ja sind die denn verrückt, noch ein Berg!“ Spricht’s und fällt in zügiges Gehen. Ich gehe nicht! Laufen, ich will laufen! Mit Trippelschritten, ausschließlich auf dem Vorfuß steppend, bewältige ich das Hindernis, bringe es Zentimeter für Zentimeter hinter mich. Ein Gewaltakt. Wie kann man sich freiwillig dermaßen geißeln? Wofür? Warum? Wenig fehlt und ich fiele einfach hin. Stattdessen tippele ich hier rauf. Noch zehn Meter, acht, fünf. Mund weit offen, tiefes Atmen - gleich, gleich hab ich’s! Schweiß rinnt, tropft auf Asphalt. Denken setzt aus, bin randvoll Schmerz, eine einzige wunde, unter Anstrengung jaulende Masse. Jetzt oben, Schwenk nach rechts, Pfad über Wiese, neben Weidezaun. Trotte weiter, Anstrengung weicht, Übelkeit wächst, wächst weiter … Sekunden später zwingt mich ein erster Würgeanfall zu stehen, beugt mich tief nach unten. Instinktiv greife ich nach einem Holzpfahl des Weidezauns, bekomme ihn zu fassen, halte mich fest, würge hemmungslos, immer wieder. Denke noch ‚is nix drin, kommt nix’, dann krampft mein Magen eruptiv … Bin nun leer, doch Krampf um Krampf quetscht meinen Magen zusammen. - „Geht’s noch?“ Der Preis für die überflüssigste Frage des Tages geht an einen Biker. Reden kann ich nicht, nicke nur. Dann kümmert sich ein anderer um mich, will mich trösten: „Läufst langsam weiter, dann geht’s schon noch!“ Wieder nicke ich zwischen zwei Würgeanfällen. Irgendwann ist es vorbei, hat sicher nicht länger als eine Minute gedauert. Werde ich weiter laufen können?

Ich richte mich auf, bin alleine und trabe an. Es geht, wunderbarerweise geht es noch! Schlecht ist mir auch nicht mehr, der Magen hat sich beruhigt. Am Ende der Wiese wendet sich der Pfad in ein Wäldchen und steil hinab. Sogar etliche Serpentinen sind nötig um Höhe aufzugeben. Äußerst langsam und betont vorsichtig laufe ich runter, will dieses „Ding“ in Würde zu Ende bringen. Hauptsache laufen. Ein plötzlicher Schmerz im rechten Oberschenkel lässt mich erst eine Zerrung befürchten. Dann zuckt es leicht in der rechten Wade und ich stufe beide Beschwerden als beginnende Krämpfe ein. Von oben hechelt einer heran, als wären seine Häscher hinter ihm her. Mit Begleiter nähert er sich und ich befürchte schon auf dem schmalen Steig umgerannt zu werden. Der ist dann gottlob zu Ende. Raus aus dem Wäldchen, die zwei Verfolger flitzen an mir vorbei, über eine Wiese, auf einen Feldweg. Wir sind bereits am Ortsrand von Kempten. Noch zwei Kilometer. Ich riskiere nichts mehr, trabe langsam. Das gibt’s doch nicht! Noch ein Buckel. Höchstens zwanzig Meter und oben hat sich ein Offizieller postiert, um uns diese allerallerallerletzte Folter psychisch zu erleichtern: „Komm! Beiß noch mal! Die letzte Steigung! Gleich hast du’s geschafft!“ Also beiße ich, steppe auch da noch rauf, hab es immer noch nicht nötig zu gehen. Und dann laufe ich auf flachem Spazierweg hinter Kemptener Wohnbebauung. Dreißig Meter vor mir trabt ein anderer Läufer. Ich lasse ihn traben. Einen ersterbenden Impuls aufzuschließen, vielleicht noch zu überholen, verwerfe ich als „Narretei“, lasse ihn nicht in den Beinen ankommen. Mein Ehrgeiz ist gebrochen. Zum ersten Mal. Nichts mehr riskieren, das „Ding“ mit Anstand und laufend zu Ende bringen.

Ich höre den Sprecher, weiß ihn in einer Parallelstraße vor dem Erlebnisbad postiert. Eine letzte Schleife für uns Läufer. Mein Vordermann biegt um die Ecke auf die Schlussgerade ein. Dann laufe auch ich auf dieser Straße, wechsele die Seite, erreiche den Bürgersteig, noch hundert Meter. Noch einmal leicht nach oben und dann erlöst mich das Piepsen der Zeitnahme. „Im Ziel mit Startnummer 130, Udo Pitsch, aus Königsbrunn“ stellt mich der Sprecher vor. Geschafft! 4:27:31. Eine für meine Verhältnisse grottenschlechte Zeit und es ist mir herzlich gleichgültig. Die Strecke war mehr als hart, ich habe Fehler gemacht und bin doch gänzlich laufend durchgekommen. Und nur das zählt jetzt noch. Das und natürlich die fünf (!) alkoholfreien Weizen, die ich mir nach und nach einflöße. - War das jetzt die erhoffte Belohnung für den Trainingsfleiß der vergangenen Monate? Sicher nicht, aber ich habe bei diesem Lauf einiges gelernt und fand auch meine These bestätigt: Man kann 1.000 Marathons gelaufen sein und findet sich trotzdem in bis dahin unbekannter Situation wieder.

 

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