Ja, selbst auf der italienischen
Autobahn Richtung Heimat habe ich es noch im Gesicht - das
Lächeln der frisch gebackenen Marathona! Es fiel mir auf unserem montäglichen Bummel
durch Venedigs Gassen auch überhaupt nicht schwer für Udo in die Kamera zu lächeln - trotz
der vielen Brücken. Jede ihrer Stufen bestätigte mir schmerzhaft „Du bist einen Marathon
gelaufen!“
Dabei stand mein Marathondebüt unter keinem guten Stern: Die Vorwoche hatte ich ohne Training, mit einer üblen Erkältung und Nasennebenhöhlenentzündung unter Einnahme eines Antibiotikums und schwindenden Hoffnungen auf einen möglichen Start verbracht. Mit viel Ruhe und Schlaf zeichnete sich zum Ende der Woche jedoch Besserung ab. Für mich stand jederzeit fest, dass ich diesen Marathon nicht unter allen Umständen laufen würde und vor allem nicht auf Kosten meiner Gesundheit. Musste ich auch nicht - Sonntagmorgen fühlte ich mich gesund!
Die folgenden drei Stunden zwischen
Aufstehen und Start wird Udo in seinem Bericht schildern ... Das „Drama
Kleiderabgabe“ kann ich von meiner Warte aus allerdings besser wiedergeben:
Nachdem ich mich in einem eigens dazu aufgestellten großen Zelt meiner
überflüssigen Kleidung entledigt hatte, machte ich mich auf den Weg unsere
Kleiderbeutel loszuwerden. Udo konnte seinen nicht selbst abgeben, der stand
derweil noch an einer der Toiletteschlangen an. Hier waren diesmal ausnahmsweise
wir Frauen im Vorteil; es gab verhältnismäßig viele Damen-WC im Vergleich zu
denen für männliche Läufer.
Zum
Aufnehmen der Kleidersäcke standen fünf LKW bereit, nach Startnummern sortiert.
Ich brauchte ungefähr eine halbe Stunde, um im Gewühl der Massen unsere Beutel
loszuwerden. Unterstützt wurde die Enge noch durch mehrere feststeckende
Fahrzeuge, die zur Begleitung der Spitzenläufer am Start bereitgestellt werden
sollten. In solchen Situationen bin ich heilfroh über meine „Größe“, kann ich
doch so einigermaßen den Überblick behalten.
Udo erwartete mich bereits ungeduldig - er war kurz davor eine „Vermisstenanzeige“ aufzugeben. Los ging’s Richtung Startblöcke, ein Fußmarsch von etwa einem Kilometer. Nach gegenseitigen Glückwünschen blieb ich im roten Block 4 zurück und Udo „tippelte“ zum grünen „Zweier“. Mein wärmendes Shirt zog ich kurz nach 9 aus und hängte es über die Absperrung. Wir hatten es zu Hause aussortiert und entschieden, gut darauf verzichten zu können. Sicher fand es in einem der „Kleidersammler“, die ich beobachten konnte, einen neuen Besitzter. Als sich die Menge um mich herum gegen 9:10 Uhr in Bewegung setzt, gehe ich davon aus, dass wir lediglich nach vorn aufschließen, bis ich kurz vorm Überlaufen der Startzeitmessung registriere, dass es tatsächlich los geht!! Also noch schnell die Stoppuhr starten und jetzt erst mal aufpassen, niemandem auf die Hacken zu treten.
Zum Glück lockert sich das Feld recht schnell auf. Wie ich meine folgende „Aktion“ ansonsten gemeistert hätte - ich weiß es wirklich nicht! Zur Erklärung muss ich mich als Janosch-Fan outen. Bei meinem ersten Halbmarathon vor anderthalb Jahren hatte ich ein Papiertaschentuch mit Motiven von besagtem Künstler dabei - die Packung war ein Geschenk meiner Schwester Steffi. Im Nachhinein betrachtete ich dieses Taschentuch
als Glücksbringer, als Garant für ein wunderschönes Lauferlebnis. Und eben deswegen musste das letzte aus dieser Packung natürlich in Venedig dabei sein. Ich hatte es im BH festgesteckt und wähnte es dort sicher verwahrt - war es aber nicht! Nach ca. fünf Minuten fällt etwas auf den Boden. Ich dreh’ mich um und seh’ die „Tigerente“ auf der Straße liegen, von nahenden Läuferfüßen gefährdet. Oh Gott! Ohne zu überlegen, automatisch, renne ich die zwei, drei Meter zurück, bücke mich und reiße meinen Glücksbringer an mich. Falls ich damit jemand gefährdet haben sollte, möchte ich mich hiermit noch entschuldigen J . Glücklich und erleichtert verstaue ich das Glückstaschentuch im Bund meines Slips - wo es auch bis zum Ziel sicher sein sollte.
Gerettet!
Tigerente und Traum vom ersten Marathon wurden nicht von tausenden Läuferfüßen zertreten ...
Zu Beginn wird mir schnell warm. Das liegt wahrscheinlich an der hohen Luftfeuchtigkeit
und der Sonne, die gegen die hohe, nicht übermäßig dicke Wolkendecke drückt. Oder meldet
sich etwa mein geschwächtes Immunsystem? Die Strecke ist eben, führt an einem Fluss
entlang. In allen Orten werden die Läufer von Bands (insgesamt 20) und mehr oder weniger
begeistert applaudierenden Zuschauern empfangen. Kinderhände strecken sich uns
regelmäßig zum Abklatschen entgegen. Gegen diese kleine Abwechslung hab’ ich nichts
einzuwenden. Ein Gefühl der Sicherheit macht sich in mir breit. Ich fühle mich super und
mache mir immer wieder bewusst, dass ich tatsächlich gerade dabei bin, meinen ersten
MARATHON zu laufen. Über ca. 30 Kilometer kann ich mein angestrebtes Tempo von 6 min
pro km ziemlich konstant halten. Das bestätigt mir im nachhinein die Zeittabelle. Aber wie
wird es jenseits der 30 km weiter gehen? Ich habe so was von überhaupt keine Vorstellung!
Nach 23 km ergibt sich ein nettes, kleines „Schwätzchen“ mit einem italienischen Läufer, der
seinen 19. Venedig-Marathon absolviert und vom diesjährigen Besuch auf dem Oktoberfest
erzählt. Er wünscht mir Glück zu meinem Ersten. Diese Art von Ablenkung hätte ich
zwischen Kilometer 31 und 38 gut gebrauchen können, die sich als die
härtesten herausstellen
sollten. Ungefähr bei der 25 km-Marke glaube ich ja noch, das Tempo um einige Sekunden
erhöhen, es aber zumindest bis zum Schluss halten zu können - ha, weit gefehlt! Ab Kilometer
29 führt die Strecke durch einen absolut langweiligen Park, auch für die Psyche nicht gerade
förderlich. Und hier mache ich dann Bekanntschaft mit dem gefürchteten „Mann mit dem
Hammer“ - hatte ja immer noch ein kleines bisschen gehofft, von ihm verschont zu werden!
Meine Oberschenkel beginnen innerhalb kurzer Zeit zu schmerzen und ich kann meinen
Laufschritt nur knapp beibehalten, fast muss ich gehen. Irre, wie viele Läufer ähnliche oder
schlimmere Probleme erleiden. Einige gehen, manche dehnen zwischendurch ihre
schmerzende Muskulatur. Wäre ich vielleicht noch schwächer gewesen, hätte ich bei km 27
meinen zweiten Beutel Energiegel nicht geschluckt? Ich weiß es nicht.
Obwohl die Schmerzen in den Beinen kaum zu übertreffen sind, schaffe ich es weiter zu
laufen. Das funktioniert jetzt wohl mehr über den Kopf als den Bewegungsapparat?! Die vier
Kilometer Damm - die Dächer und Türme Venedigs werden nur gaaanz langsam größer -
überstehe ich irgendwie. Ich versuche mich immer an andere Läufer vor oder neben mir zu
hängen, und den Abstand nie größer als etwa 2 Meter werden zu lassen. Die Pause von
wenigen Sekunden beim 35 km-Verpflegungsstand sehne ich regelrecht herbei, fürchte sie
aber auch ein bisschen. Ist ein Loslaufen danach überhaupt noch möglich? Meine
Laufzeit kontrolliere ich auf diesen Kilometern nicht mehr. Ich will nur noch
ankommen! Dass meine Entscheidung, für den Ersten den Venedig Marathon zu
wählen, richtig war, bestätigen mir die letzten zwei wunderschönen Kilometer. Ab
jetzt werden wir auf das nahende Ziel mit den angekündigten 13 Brücken
vorbereitet - ... noch 13 Brücken, ... noch 12.... Meine Empfindungen beim
Anblick der grandiosen Kulisse werde ich so schnell nicht vergessen. Beinahe
„fliege“ ich, muss Tränen des Glücks und der Überwältigung ständig zurückhalten.
Bisher war immer ich einer der begeisterten Zuschauer, heute feuern sie mich
an!
Da fliegt sie ins Ziel! Der Traum vom ersten Marathon ist wahr
geworden!
Mir ist bereits kurz
darauf klar - dies waren nicht meine letzten 42,195 km!
Zielbereich
am "Riva dei Sette Martiri"

Erstmals bin ich auch gezwungen mich auf ruhiges Atmen zu konzentrieren, die
fantastischen Eindrücke nehmen mir fast die Luft. Ich freue mich schon auf das
Wiedersehen mit Udo, der mich nach der Ziellinie ungeduldig erwartet. Wir fallen
uns weinend in die Arme, beide überglücklich und dankbar ob meines traumhaften
Marathon-Einstiegs!

ç
Deutsch-deutsche-Begegnung
