Der Erste und der Siebzehnte
Wenn er denn wahr wird, ist es dann nicht gleichgültig, wo sich ein Traum erfüllt? Der Traum vom ersten Marathon? Nein, ist es nicht! Vor vier Jahren, in Berlin, inmitten 30.000 anderer vom Laufen Besessener, schenkte ich mir das erste Finish. Auf den letzten Kilometern und im Ziel fuhren meine Gefühle auf eine Art mit mir „Achterbahn“, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Meine ganz persönliche Sternstunde, zu der Stadt, Publikum und abertausende Mitläufer einen ganz und gar unvergesslichen Rahmen bildeten. Sucht ihn euch gut aus, den Platz für euren ersten Marathon, denn er ist nicht wiederholbar …
22. Oktober 2006, Venedig Marathon, ich stehe in Startblock 2, um mich herum tragen alle LäuferInnen die grün unterlegte Startnummer. In ein paar Minuten werde ich zu meinem siebzehnten Marathon starten. Warum ich dann vom „Ersten“ schrieb? Ein paar tausend Läufer weiter hinten, in Startblock 4, mit roter Startnummer F745, steht meine Frau Ines. Das Abenteuer „Marathon“ - heute will sie es wagen. Ihr Entschluss war das Ergebnis eines von Zögern und Zweifeln geprägten langen Prozesses. Obwohl sie doch auf eine recht lange Laufentwicklung zurück blicken kann. Alles begann vor 15 Jahren. Ganze acht Minuten lief sie damals, kaum Grund genug zu duschen. Danach mehr oder weniger regelmäßig, auch mal mit längeren Pausen. 2003 dann der erste 10 km-Volkslauf, im Februar 2004 folgte ihr erster Halbmarathon. Seit dieser Zeit muss man sie praktisch „zwingen“ nicht zu laufen. Aber ein Marathon? 42 km? Das konnte sie sich lange Zeit überhaupt nicht vorstellen. Ich hab sie nicht dazu gedrängt und das fiel mir so verdammt schwer. Fast will mir scheinen, als hätte ich länger und inbrünstiger ihren „Ersten“ herbei gesehnt, als sie selbst. Aber das durfte ihr natürlich nicht offenbar werden. Weiß ich doch zu gut, wie weh es tun kann, wenn die ersten dreißig Kilometer die Beine schwer und den Willen schwach gemacht haben. Dann sollst du dir sagen „ICH will das!“, „ICH laufe weiter!“, und nicht jenen verfluchen müssen, der dich zu dieser Tortur überredete. Nach außen stellte ich bei entsprechenden Gesprächen immer eine gewisse „Beliebigkeit“ zur Schau: „Wär' schön, wenn du einen läufst, wenn nicht, macht das aber auch nichts.“
Dann galt es den richtigen Lauf auszusuchen. Ursprünglich sollte es Dresden sein, weil sie dort geboren ist und sich sogar ein kleiner, familiärer „Fanclub“ an der Strecke versammelt hätte. Dresden schied dann aber doch aus. Eine große Veranstaltung in der zweiten Oktoberhälfte war nötig. Sie wünschte sich zur Unterstützung viele Mitläufer und eine möglichst attraktive Kulisse aus Zuschauern und Umgebung. „Lauf doch in Venedig!“ schlug ich ihr vor. 6.500 Läufer, temperamentvolle Italiener am Straßenrand und auf den letzten drei Kilometern eine der außergewöhnlichsten Städte dieser Welt unter den Füßen. Bessere Umstände würden wir für ihren Ersten kaum woanders antreffen. Das Zauberwort „Venedig“ muss dann wohl auch letzte Bedenken wie von einer Sturmflut hinweg gespült haben. Zagen und Zaudern war Vergangenheit, die Anmeldung Realität!
Ganze 10 Wochen direkter Vorbereitung blieben ihr nach unserem afrikanischen Trekkingabenteuer. No problem! Immerhin konnte sie auf eine langjährige Ausdauerbasis und einige Wettkampferfahrung zurück blicken. Ihr seid Läufer und kennt das: Ein Trainingsprogramm arbeitet man immer in Licht und Schatten ab. Ines machte da keine Ausnahme. Unterm Strich war sie von ihren Trainingsergebnissen manchmal überaus verblüfft. Gerade so, als hielte sie Ausdauergewinn durch lange Läufe und Tempotraining nur bei anderen für möglich, aber nicht bei sich. Es lief gut, bis sie, 9 Tage vor Venedig, das bekannte, hässliche Kratzen im Hals verspürte. Sie glaubt ja, dass sie es quasi mental ausgelöst hat. Mit Gedanken wie „jetzt bloß nicht krank werden!“. Vielleicht war das so. Manchmal reagiert der Körper empfindlich auf Gedanken und Gefühle. Jedenfalls hatte sie das Virus von ihrem unvorsichtigen Ehemann, der sich nach zwei Marathons in fünf Tagen eine laufende Nase einfing und vorsichtshalber drei Tage nicht trainierte. 9 Tage blieben ihr, um diese Erkältung zu überstehen. Der Bazillus nistete sich aber nach zwei Tagen in ihren Nebenhöhlen ein. Das bedeutete fünf Tage Antibiotikum, bis zum Freitag vor dem Marathon. Montag, Dienstag, Mittwoch war unsere Stimmung miserabel. Ich verbreitete Optimismus - Zweckoptimismus - mit gewagten Prognosen wie „Bis Sonntag bist du wieder oben auf und stark genug!“. Derweil „trompetete“ sie in ihre Taschentücher, wie es nicht einmal die im Sommer beobachteten afrikanischen Elefanten zu Wege brachten. Donnerstag war dann plötzlich der Kopf wieder frei und sie glaubte an ihre Chance. Freitags wagte sie ein zwanzigminütiges Training in sehr langsamem Tempo. Nach 6 Tagen Trainingspause kann so was nicht berauschend sein. Aber immerhin fühlte sie sich kräftig und genesen. Samstagfrüh düsten wir über diverse Autostradas nach bella Venezia und holten auf der Marathonmesse in „Mestre“ (auf dem Festland vor Venedig) die Startunterlagen ab. Ines’ körperlicher Aufwärtstrend hielt an und langsam, ganz langsam realisierte sie, dass es morgen tatsächlich so weit sein würde …
Für mich war Venedig auch nicht nur der insgesamt siebzehnte Marathon. Seit Ende September hatte ich 12 lange Läufe über 30 km absolviert, davon fünf Marathonläufe. Venedig wäre der sechste. Dieses Monsterprogramm entspringt keinem masochistisch orientierten Wesen, es zielt auf den Saisonhöhepunkt, einen 6h-Lauf im November. Aber Venedig sollte auch mehr sein, als einfach nur ein Trainingslauf an spektakulärem Ort. Es ist so: Sechs Stunden zu laufen, habe ich noch nie von mir verlangt. Insofern gibt es auch keinen Ergebnisdruck. Sechs Stunden durchhalten will ich und dabei schon über 60 km weit kommen. Aber sonst?
"Schaun mer mal"… Von keiner fixen Ergebnis-Idee „geknechtet“, erlaube ich mir dann schon das eine oder andere Experiment. Mit dem Venedig-Lauf verbinde ich konkret zwei Fragestellungen: Kann man harte Tempoläufe und Intervalltraining in gewissem Umfang durch mehr Kilometer ersetzen? Und: Bin ich in der Lage, meine Marathonleistung durch Pulsmessungen im Training vorherzusagen? - Ich trainierte pro Woche bis zu 142 km und verzichtete fast völlig auf besagte Tempoarbeit. Welche Zielzeit „springt dabei raus“? Pulsmesser und Erfahrung ließen mich auf 3:10h bis 3:15h schließen. Um mich selbst zu widerlegen, wollte ich den Lauf dann noch etwas schneller angehen …
Sonntagmorgen in Venedig
Es ist schlechterdings unmöglich, einen 42 km-Kurs ausschließlich im historischen Stadtgebiet der Lagunenstadt auszuschreiben. Die Inseln sind zu klein, die Gassen viel zu eng und hunderte Brücken stellten für Organisatoren und Läufer eine nahezu unüberwindliche Hürde dar. Start und Hauptteil der Strecke liegen daher auf dem Festland. Für die Marathon-Macher bedeutet das eine logistische Herausforderung: Alle in Venedig und Mestre logierenden LäuferInnen müssen zum Start im Ort „Stra“ gekarrt werden. Und für uns hatte es die unangenehme Folge bereits um 6:50 Uhr in einen Bus steigen zu müssen. Kurz vor sechs ist die Nacht zu Ende und Venedig-Touristen hüllen sich in Läuferkluft. Mit dem Einheits-Kleiderbeutel auf dem Rücken treten wir den Fußmarsch über „Canale Grande“, „Piazzale Roma“ zum Früchte- und Gemüsemarkt am Hafen an. Dort sollen die Sonderbusse warten. Es ist dunkel, recht kühl und ein wenig neblig. Eigentlich hatte ich erwartet, nur der langen Prozession anderer Läufer folgen zu müssen. Anfangs ist das auch so, im dunklen, unwirtlichen Hafengelände sind Ines und ich aber plötzlich alleine. Wo sind die anderen 6.500 Läufer? Ein paar hundert finden wir dann an der Haltestelle, die Unsicherheit verfliegt.
Wenigstens Ines erwischt einen Sitzplatz im Bus, ich finde mich mit einem Stehplatz ab. Frühstück fiel heute auch aus. In einer Bar tranken wir vorhin einen schnellen Cappuccino, aßen auf dem Weg halbtrockene, von zu Hause mitgebrachtes Semmeln
und krönten die Mahlzeit mit einer Banane. Dazu gibt’s reichlich Wasser. Die letzten Schlucke genehmige ich mir wankend im Bus, zwei Stunden vor dem Start. Der Bus fährt kilometerlang an einem Fluss oder Kanal vorbei. Fehlender Verkehr und Reklame am Straßenrand machen klar, dass wir auf der Laufstrecke unterwegs sind. Nach einer guten halben Stunde Fahrt steigen wir kurz vor dem Startbereich aus.
Wir sind im Städtchen "Stra".
Das nächste Zeitlimit ist mit der spätesten Abgabe der Kleiderbeutel gesetzt: 8:30 Uhr. Natürlich wollen die meisten das so lange wie möglich hinaus zögern. Der feuchtkühle, gottlob aber windstille Morgen lädt nicht gerade zu vorzeitiger Entblößung ein. Dann heißt es Anstehen, si, si, vor den Mobiltoiletten. Ganze 9 (!!) - in Worten „NEUN“ - Häuschen sind da für die große Notdurft aufgestellt. Also etwa ein Klo für 700 Läufer. Unfassbar! Natürlich stehen keine 700 Läufer in der Schlange, weiß der Himmel, wann und wo die das alle erledigt haben. Als mich nach 30 Minuten Anstehen aber immer noch einige Läufer von der ersehnten Tür trennen, beginne ich mich - wie andere auch - in der
Schlange umzuziehen. Ines konnte sich schneller erleichtern, weil die Toiletten nach „Donne“ und „Uomi“ aufgeteilt sind, und für die wenigen Frauen im Läuferfeld weitere sechs Toiletten vorgehalten werden. Also wird sie beide Kleiderbeutel abgeben, weil ich das nicht mehr schaffe. Aus den Trichterlautsprechern krächzt unablässig ein Schwall italienischer Sätze. Mit deutlichem Nachdruck in der Stimme weist der Sprecher seit ein paar Minuten - und immer wieder - darauf hin, dass die „Sacchi“ bis „Otto e trenta“ abgegeben sein müssen. Meine paar Brocken Italienisch erklären mir hinreichend, warum um mich herum einige die Augen verdrehen. Während ich noch fröstelnd, im Trägershirt, von dünner Plastikhaut notdürftig geschützt, auf meine Klochance hinwarte, hat sich Ines mit den „Sacchis“ zu den Lkw aufgemacht. In der Schlange unmittelbar hinter mir steht eine Frau. Bestimmt muss ich das zu den großen, für Männer undurchschaubaren Geheimnissen weiblichen Verhaltens zählen, wieso sie nicht zwei Reihen weiter die kaum frequentierten Damentoiletten nutzt …
Es ist vollbracht. Vor dem mit Ines als Treffpunkt vereinbarten Busch warte ich. Ich weiß, ich brauch’ mir keine Sorgen machen - auch nicht, da schon über eine Viertelstunde verstrichen ist. Ich sehe ja das Chaos bei den Lkw: Ameisengleich wimmelt es hin und her. Mitten in diesem unbeschreiblichen Durcheinander versuchen auch noch ein paar Fahrzeuge durch zu kommen. Natürlich bleiben sie stecken! So gut und reibungslos bis jetzt auch alles geklappt hat. Das hier ist schlicht dilettantisch und kläglich vorbereitet und für die gewaltige 6.500-köpfige Läuferschar hoffnungslos unterdimensioniert! Note 6 mit Sternchen für diesen Teil der Veranstaltung!
Ich hab meine Frau wieder, immerhin ist sie die Beutel dann doch noch rechtzeitig los geworden. Es ist 8:45 Uhr und es wird Zeit, den Kilometer bis zum eigentlichen Startbereich zu laufen, wo's um 9:20 Uhr losgehen soll. Warum gerade 9:20 Uhr und nicht 9 oder 9:15 Uhr? Ines hat die Frage gestellt, irgendwann. Mysteriöse italienische Marathonplanung hielt eine Antwort bis heute vor uns verborgen. Unterwegs weist mich Ines einmal mehr auf die von ihr empfundene Unwirklichkeit hin. Sie wird gleich einen Marathon laufen und kann es kaum glauben. Ich kenn’ ja dieses Gefühl. Inmitten der vielen Läufer hält man sich selbst bis zuletzt für eine Art Außenseiter oder Eindringling. Man fühlt sich noch nicht zugehörig, zweifelt und betrachtet das Geschehen eher wie von „außen“. Ich fasse sie um die Schulter, ziehe sie ihm Gehen an mich und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
'Nimm alle Kraft zusammen und komm gut an!'
Kurz vor dem Startbereich müssen wir beide noch mal. Und dann ist es soweit: Eine letzte Umarmung, ein Kuss noch, fester Händedruck und tief empfundene Wünsche zum Gelingen - dann betritt sie Startblock 4. Mehrmals drehe ich mich im Weggehen um, suche ihren Blick und winke. Sie winkt zurück. Ich bin nervös, muss schon wieder. Nervös ja, aber nicht meinetwegen. Mein eigener Lauf ist mir im Moment so was von „schnuppe“, ehrlich. Das bleibt auch so, nachdem ich den Posten vor Startblock 2 passiert hab’ (in Italien kontrollieren die tatsächlich, wenigstens tun sie so, denn meine Startnummer konnte der unterm Windschutz gar nicht erkennen). Es ist kurz nach neun. Ich suche mir einen Platz am Straßenrand. Eine Leitplanke und dahinter eine Böschung trennen mich vom Fluss. Zeit die Schuhe marathonfest zu schnüren. Immer wieder blicke ich nach hinten. Natürlich kann ich sie nicht sehen, aber bestimmt fangen ihre Antennen meine heftigen Signale auf: Mein Gott - wie sehnlich ich ihr ein tolles Lauferlebnis wünsche! Und doch weiß ich, was ihr geschehen wird, wenn die Kilometertafeln erst mal eine „3“ in der Zehnerstelle tragen … 'Nimm alle Kraft zusammen und komm gut an!'
Kein Lüftchen regt sich, also weg mit der Plastikhaut. Was sagt der Himmel? Noch ist er überwiegend blau, droht mit Sonnenschein und Wärme. Aber schon zeigen sich erste Wölkchen. Das muss der aufsteigende Morgendunst sein. Wo bin ich hier eigentlich? In „Stra“, ok, klar, aber was ist das für ein Prachtgebäude hinter dem Zaun? Es hat die Ausmaße eines Schlosses und scheint auch
von einem entsprechend ausgedehnten Park umschlossen. Als „Villa Pisani“ steht es in allen Reiseführern und ist - unter anderem - berühmt für sein aus sorgfältig gepflegten Hecken angelegtes Labyrinth. Berüchtigt ist es auch: Hier trafen sich Hitler und Mussolini zum ersten Mal und besprachen
- nichts Gutes! Nichts von alledem weiß ich im Augenblick. Zu Hause, ärgerlich über meine schlechte Reisevorbereitung, „googele“ ich mir diese Infos zusammen. - Am anderen Ufer stehen ein paar Zuschauer,
andere beobachten den Läuferaufmarsch aus ihren Wohnungen. Das hindert einige nicht daran über die Leitplanke zu steigen und sich in eben dieser Richtung zu erleichtern. Bei mir drückt’s
auch schon wieder und meine Schamgrenze sinkt gegen Null … Nein, tut sie nicht!
Als ich es dann versuche, löst mein Körper die Sperre nicht. Also beende ich
mein exhibitionistisches Tun unverrichteter Dinge.
Kaum stehe ich wieder auf der Straße, schließen die Läuferblöcke auf und der Startschuss fällt. Jetzt schon? Es ist nicht mal Viertel nach neun!? Kein Zweifel: Eine Minute später quere ich die Startlinie und starte kurz vorher meine Uhr. Wie erwartet kann ich erst mal nur verhalten anlaufen. Das Sträßchen zwischen „Stra“ und „Fiesso d’Artico“ erweist sich als zu schmal für den dichten Strom der Läufer. Ist mir auch egal, es geht ja für mich um keine Bestzeit. Mein Blick pendelt zwischen eng nebeneinander schwingenden Läuferfüßen und der Umgebung hin und her. Der winzige Toilettenbereich liegt jetzt völlig verlassen da. Erst in der Startaufstellung und kurz nach dem Start bekommt man eine Ahnung davon, wie viel „Mensch“ sich hinter der Zahl 6.500 verbirgt. Ein zorniges Aufwallen in der Magengrube kann ich beim Anblick der sechs verwaisten Klohütten nicht unterdrücken: Keiner, der so eine Zahl fixiert, kennt das Ende der Warteschlangen aus eigenem Erleben!
Das erste Kilometerschild kommt in Sicht: 4:58 min. Natürlich zu langsam und überholen ist meist noch gefährlich oder würde einen zu hohen Krafteinsatz bedeuten - gedulde dich! Sonntagmorgen, das ist eigentlich eine Zeit, in der Italiens Straßen leergefegt sind. Südländer leben am Abend und stehen spät auf, zumindest, wenn sie nicht zur Arbeit müssen. Dachte ich jedenfalls. Um so überraschender, dass gegen halb zehn schon so viele Zuschauer auf den Beinen sind. Ok, der Applaus ist verhalten, nur der eine oder die andere gehen lauthals aus sich heraus. Meist, wenn es gilt, einen der „Giovannis“, „Luigis“ oder „Pàolos“ aus dem eigenen Dorf mit lautem „Bravo“ oder „Vai, vai!“ (lauf!) anzuschieben. Aber je älter der Morgen, um so mehr „Bravi’s“ hören die Läufer und umso mehr „Brava’s“ ernten die wenigen Frauen im Feld. Einmal mehr fliegen meine Gedanken im Feld zurück: „Brava“ bitte auch für meine Ines! Die macht das hier zum ersten Mal und braucht eure Unterstützung.
Pacemaker und andere Hindernisse
Jetzt stimmt meine Geschwindigkeit: Ab Kilometer 2 halte ich etwa 4:25 min/km und bis weit in die Zwanziger wird sich daran auch nichts ändern. Relativ schnell hole ich den „Zugläufer 3:20h“ ein. An der ihn begleitenden Läufertraube vorbei zu kommen ist nicht einfach. Es geht nur auf der ungünstigen „Außenbahn“ bei kurzfristig erhöhtem Lauftempo. Das Sträßchen schmiegt sich meist in sanft geschwungenen Kurven an den Fluss. Immer wieder offeriert er reizende Ausblicke. Die wären bei strahlendem Sonnenschein beeindruckender. Den erhoffen aber wohl nur ein paar fröstelnde Zuschauer. Dankbar registriere ich die dünne Wolkendecke und die kühle Luft - möge uns beides noch ein paar Stunden erhalten bleiben. Dennoch wische ich mir ständig wahre Sturzbäche von Schweiß aus der Stirn und habe mein Trägershirt in Rekordzeit durchgeschwitzt. Zwar hoben sich die Morgennebel, gleichwohl dürfte die Luftfeuchte immer noch nahe 100% liegen. Entsprechend bediene ich mich auch an den ersten Verpflegungsständen. Grundgütiger!! Dort wird palettenweise wertvolles Trinkwasser buchstäblich weggeworfen: Statt es in Bechern auszuschenken, reicht man den Läufern das Getränk in Halbliterflaschen. Da ist lediglich die Verschlusskappe leicht aufgedreht. Die Verschwendung schreit zum Morgenhimmel der Provinz Venetien. Trotzdem kommt sie mir entgegen: Durch die „konzertierte Aktion“ Zusammendrücken der Plastikflasche, Saugen und Schlucken pumpe ich binnen Sekunden zwei Drittel der Flüssigkeit in meinen Magen - „Druckbetankung“ nennt man das in der Fliegerei.
Zwei-, dreihundert Meter voraus tanzen weitere gelbe Luftballons über Läuferköpfen und ich verkürze langsam den Abstand zu diesen Zugläufern. Wie erwartet tragen die beiden das Trikot mit der 3:10h auf dem Rücken. Für mein augenblickliches Tempo laufen sie zu langsam, also suche ich nach einer Überholmöglichkeit. Vergebens: Der sie umgebende Läuferpulk ist noch dichter und verstopft die Straßenbreite wie ein Pfropf das Rohr. Ein, zwei, drei Straßenbiegungen gedulde ich mich, dann bietet sich außen - den gaaanz weiten Weg nehmend - eine Chance. Es kostet mich eigentlich zu viel Kraft, dennoch „beamen“ mich einige Sekunden höherer Pace vor das Feld. Hier kann man wieder laufen, ohne auf die Hacken der Vorderleute achten zu müssen. Hier drängt mich auch keiner mehr von der Ideallinie ab. Die Ideallinie bringt zwar höchstens ein paar Meter, der „Kopf“ auf dem hart belasteten Körper hält es dennoch für wichtig, keinen Meter zu verschenken …
Nur selten hat man das Gefühl auf freier Strecke zu laufen. Die Dörfer scheinen mehr oder weniger ineinander überzugehen. „Dolo“, dann „Mira“, besonders im Ortskern haben sich dichte Zuschauerkolonien gebildet. Die decken sich nicht unbedingt mit dem Standort der vielen Bands, die der Veranstalter in scheinbar regelmäßigen Abständen postiert hat. Manche haben ihre Anlage etwas außerhalb oder abseits aufgebaut und werden nur von den Läufern gehört. Die eine oder andere Gruppe „vereinsamt“ aber bestimmt auch wegen des schauerlichen Lärms, den sie produziert. Mit Rockmusik - was es wohl vorstellen soll - hat das nur die Lautstärke gemein.
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Das Flüsschen bleibt treuer Begleiter und Wegweiser. Wieder zu Hause, finde ich dann heraus, was es mit ihm auf sich hat. Es handelt sich um die Brenta, bzw. den Brenta-Kanal. Zwischen Padua und der Küste wurde die Brenta vor hunderten Jahren kanalisiert und mit Schleusen versehen, um per Schiff zwischen Padua und Venedig verkehren zu können. Daher bauten auch viele vermögende Venetier prachtvolle Villen an den Ufern des Flusses. Heute wird der Fluss von Touristen und bootfahrenden Einheimischen gleichermaßen für Freizeitaktivitäten genutzt. Im Sommer herrscht auf seinen Wassern reger Verkehr von Wasserfahrzeugen jeder Art. Mein Genuss von Fluss und Prachtvillen hält sich sehr in Grenzen. Häufiger als bei den Trainingsmarathons zuvor „schmuggeln“ sich schon in dieser frühen Phase Empfindungen von Anstrengung ins Bewusstsein. Ich kämpfe heftig, bin zugleich aber sehr gespannt, ob ich das Tempo werde halten können.
Schon wieder ziehen zwei gelbe Ballons meine Blicke an. Wenig voraus rennt ein weiterer Pacer. 3:00h? Muss ja wohl, aber dann „hinkt“ er seinem Fahrplan ein gut' Stück hinterher. Irgendwo zwischen „Oriago“ und „Malcontenta“ hab ich dann auch diesen „Hasen“ eingeholt. Erst unmittelbar hinter ihm laufend, vermag ich durch die ihn umgebende „Läuferschale“ einen Blick auf sein Shirt zu erhaschen: 3:10h steht da. Ok, dann ist das also ein 3:10h-Pacemaker, der den Lauf ein wenig zu „sportlich“ angegangen ist. Ich hab zwar auf den letzten Kilometern nicht mehr meine Uhr „u
pgedatet“, bin aber sicher, dass die gegenwärtige Geschwindigkeit deutlich unter der Zielzeit 3:10h liegt! Es sind noch drei Kilometer bis zum Halbmarathon, dann werden wir’s ja sehen. „Malcontenta“ liegt hinter uns und damit auch die Brenta. Nach scharfem Linksknick in „Malcontenta“ nehmen wir geradewegs Kurs auf „Marghera“ und „Mestre“. „MALCONTENTA“!! Zu deutsch: Die „Unzufriedene“! Unzufrieden bin ich ab jetzt auch - mit der Strecke. Ein hässliches, ekelhaft langweiliges Industrie- und Gewerberevier wirft Läufers Psyche voll auf sich selbst zurück, keine schönen Bilder, keine Ablenkung. Dann schaue ich mir eben meine Mitläufer an: Nicht zum ersten Mal fällt mir in „Bella Italia“ auf, dass Italiener im Schnitt wohl mit der farbenfrohesten Laufbekleidung überhaupt unterwegs sind. Ich mag Farben, kräftige zumal, aber einige der Kompositionen hier sind schon ganz schön „kess“, wie zum Beispiel die der zwei Herren vor mir im Gelb-Lila-Vereinsdress. Daneben sehe ich in meiner für einen nordalpinen Germanen „gewagten“ Kombination aus Hell- und Dunkelblau blass und langweilig aus. Solcherart wuchernde Gedanken führen zwar zu nichts, helfen aber wieder ein paar Meter zu überstehen.
Ein dunkelblaues, von Druckluft formstabil gehaltenes Tor kündigt die Halbmarathonzeitnahme an. Beim allfälligen Piepsen nehme ich meine Zwischenzeit: 1:33:40! Wie erwartet liege ich derzeit deutlich unter der Zielzeit 3:10h. Es läuft gut, eine Prognose auf der Basis aktueller Körpersignale fällt dennoch negativ aus: Diese Pace werde ich nicht ins Ziel bringen! Mal sehen, wie lange meine Kräfte der schleichenden Ermüdung noch Widerstand leisten. „Marghera“ ist erreicht. Mir fällt nichts Bemerkenswertes mehr auf, ich bin schon ziemlich selbstzentriert. Das sind die schwierigen Kilometer. Das „Fleisch“ ist bereits schwach und das Ziel scheint noch unerreichbar fern. Wie wird es Ines hier ergehen, wann wird sie diese Emotion „relativer Hoffnungslosigkeit“ heimsuchen? Warum tue ich mir das an? Nein, ich hab’ diese Frage in keinem Augenblick des Laufes als Gedanke bewusst formuliert. Aber aller Druck, den ich spüre, die Pein der Anstrengung, der Schmerz in den Gliedern, die widerstreitenden Empfindungen zwischen „bleib stehen!“ und „will weiter!“, schreibt genau dieses Fragezeichen: „Warum?“ Und dann muss ich auch noch den mir liebsten Menschen auf der Welt zu dieser sinnlosen Selbstgeißelung verleiten. Noch ist sie weit hinter mir, noch spürt sie die Kilometer kaum. Heute lasten Sorge um ihr Wohlergehen (Ist sie wirklich ausreichend gesund gewesen?) und die Hoffnung auf ihr erfolgreiches Finish, das Läuferglück in Höhe des Zieltores, zusätzlich auf meinen Beinen. Nein, das ist wirklich nicht übertrieben. Im Sammelsurium meiner Gefühle kommt es immer wieder hoch und so ich es wahrnehme, geht es mir zugleich durch und durch. Lauf Ines! Lauf! Ich balle kurz die Fäuste und schicke einen heftigen Impuls nach hinten …
Sind wir schon in „Mestre“? Ach, das ist doch egal. Wir laufen durch eine Art Fußgängerzone. Hier stehen die Leute dichter. Ja, her mit eurer Begeisterung! Steckt mich an, ich hab’ ein kleines Tief jetzt. Um mich her wird es dunkel und es geht auf schiefer Ebene abwärts. Eine Unterführung „frisst“ die Läuferschlange auf - und will sie anscheinend auch nicht wieder freigeben. Minutenlang sind wir in den „Hades“ verbannt, um eine breite Straße oder Bahngleise, oder sehr wahrscheinlich sogar beides, zu unterqueren. Minutenlang hört man nur das Getrappel hunderter Läuferfüße und bisweilen einen gutgelaunten Jauchzer irgendwelcher Übermütiger. Geht euch das auch so? Wenn ich an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit laufe, wirken „Faxen“ anderer Läufer, Scherze mit den Zuschauern, quietschvergnügtes Rufen oder Lachen, demotivierend. Das ist härter, als wenn mich ein paar Schnellere überholen und wie einen „Loser“ stehen lassen. Während ich mit aller Kraft gerade so das Tempo halte, haben die noch Extraenergie um Lebenslust und gute Laune zu versprühen. Wie ungerecht das Leben sein kann …
„Technikerlatein"
Alle 5 km wird offiziell eine Zwischenzeit genommen. Kilometer 25: Hier kommt die nächste Messanlage. Die Dinger wirken allesamt ein ganz klein wenig improvisiert: Eine große Antenne ist etwa in Hüfthöhe auf die Läufer gerichtet und unter einer Abdeckung verlaufen Drähte quer zur Laufrichtung. Apparate am Wegrand zeichnen die Daten auf. Der Chip, in Form und Größe am ehesten einem flachen Handy-Akku ähnlich, steckt in einem kleinen Plastiktäschchen und ist von hinten an der Startnummer fest „getackert“. Ich bin Techniker, also sucht mein Kopf ganz automatisch nach Erklärungen: Die Antenne sendet vermutlich starke elektromagnetische Felder aus, die der Chip auffängt und in Betriebsspannung umwandelt. Solchermaßen angeregt, strahlt der Chip seine Kennung ab, ein digitales Signalmuster, das von den Drähten aufgefangen und zum registrierenden Computer geleitet wird. So „klapprig“ diese Anlage auch wirken mag, die spätere Auswertung ist genau und erschöpfend. Sie bestätigt mir auch, dass ich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4:28 min/km noch immer nicht langsamer wurde.
Mein Technikerhirn erwägt noch unbestätige Thesen zur Funktionsweise der Messeinrichtung. Vielleicht habe ich deshalb nicht bemerkt, dass die Meute des schnelleren der 3:10h-Hasen mich wieder eingeholt hat. Langsam schieben sie sich an mir vorbei. Ein paar hundert Meter in den wenig belebten Straßen „Mestres“ halte ich Anschluss. Ich gehorche weniger einer „taktischen“ Entscheidung, als der fortgeschrittenen Ermüdung meiner Laufwerkzeuge und lasse sie ziehen. Vielfüßiges Getrappel hinter mir bereitet mich auf die zweite 3:10h-Gruppe vor. Der Abstand zwischen den Läuferpulks hat sich verringert und beträgt jetzt vielleicht noch 50 Meter. 26, 27 Kilometer liegen hinter mir: Ich werde langsamer. Marathonerfahrung bestätigt, dass dieses Gefühl real ist. Dem hohen Anfangstempo habe ich ab jetzt Tribut zu zollen! Das ist die „Strafe“ für jeden Marathoni, der seine Energiedepots auf der ersten Hälfte zu stark ausbeutet. Heute war es Absicht, Teil meines Experiments. Ich wollte das so und muss mich eben jetzt quälen. Einen wirklichen Einbruch - etwa die oft zitierte Begegnung mit dem Hammermann - steht mir jedoch nicht bevor, dessen bin ich gewiss.
Harte eintönige Kilometer
Wir sind doch noch gar nicht in Venedig! Eine hohe, moderne Fußgängerbrücke baut sich vor mir auf. Das Ding sieht ein bisschen aus wie die Hamburger Köhlbrandbrücke „en miniature“. Mit gedrosselter Geschwindigkeit nehme ich die Aufwärtsrampe. Auf federnden Holzbohlen geht es über eine mehrspurige Hauptstraße. Abwärts lasse ich mich treiben. Für ein paar Sekunden gönne ich den Beinen Erholung und mir selbst Erleichterung ... Die Brücke hat uns in den „Parco San Guiliano“ mit der Marathon Messe versetzt. Rechts der Parkplatz, ein Stück dahinter das Messezelt, wo wir gestern die Startunterlagen abholten und daneben die Zelte der Pastaparty. Gut, dass ich mir diesen „Park“ gestern nicht genauer angesehen hab’. So überlebte die Vorstellung von kurzweiligem Laufen unter schattigem, mediterranem Baumbestand. Die Wahrheit ist gnadenlos: Ein etwa einen Quadratkilometer großes Areal, eigentlich flach, darin ein paar künstliche Hügeln, mit Rasen begrünt, von nüchternen Asphaltwegen durchkreuzt, gilt es gänzlich zu umrunden. Die gepflanzten Bäume sind so jung, niedrig und spärlich „bekront“, dass sie meine „verzweifelten“ Blicke in den Dunst der Weite, hinaus zur Lagune, nicht aufhalten können. Diese aufgeschütteten Hügel sind wirklich nicht hoch, kaum der Rede wert, und doch fühlen sie sich entsetzlich steil an. Das ist die Psyche, nicht reale körperliche Schwäche, kein Zweifel. Was für ein wahnsinnig langweiliger Streckenabschnitt! Mehr als zwei Kilometer sind hier zu laufen: Links, rechts, rauf, runter, wieder links und noch mal rechts ... meist am Rand des „Parco“ längs. Die Zeitmessung 30 km kommt in Sicht. Die spätere Auswertung bestätigt die gefühlte Ermüdung: Pro Kilometer brauche ich jetzt fünf Sekunden mehr. Kurz vor Ende des Parks dann noch ein Geniestreich des Veranstalters: In einer Art Pavillon hat sich eine Musikgruppe postiert und „unterhält die Läufer mit launigen Weisen“. Gut gemeint, aber eine Band im Nichts, im ausgedehnten, flachen, leeren Grün unterstreicht die Öde dieses Orts mehr, als sie davon ablenken könnte ...
Die begrünte Einfallslosigkeit ist Vergangenheit. Hoffnung keimt, Freude will sich darob nicht einstellen. Vielleicht wird das nun folgende ja weitaus schlimmer: Per Autobrücke überwinden wir die direkt nach Venedig führende Magistrale, aber nur, um uns auf der anderen Seite, abwärts, über die Einfädelspur auf eben dieser Straße wiederzufinden. Exakt diesen Weg nahmen wir gestern mit dem Auto, um nach Venedig zu kommen. Jetzt sind die beiden rechten Fahrspuren für die Läufer gesperrt. Fahrzeuge werden von der „Polizia stradale“ auf die Gegenfahrbahn umgeleitet. Niemand wird es wundern, dass sich dadurch ein veritabler Stau gebildet hat. Nach einem halben Kilometer ist dann der Punkt erreicht, vor dem ich schon beim Studium der Streckenkarte „Manschetten“ hatte: Die Straße verlässt das Festland und verläuft auf einem Damm durch die Lagune zu den Inseln Venedigs. Geradeaus verliert sich der Weg im Dunst des Vormittags. Du musst die Türme der Stadt ahnen, sehen kannst du sie noch nicht. Vier Kilometer auf schwarzem, überaus rohem Asphalt. Die Fahrbahn wirkt derart grob, dass mich die Vorstellung von schnell abradierten Autoreifen geradezu überfällt. Laufen, laufen, laufen, ... Das ist schon ok. Hab’s doch oft genug erlebt und überstanden, dieses wabernde, quälende Gemisch aus Schmerzen, Schwäche und dem unbedingten Willen durchzuhalten. Ein paar Läufer sind vor mir, die 3:10h-Luftballons längst entschwunden. Tempo halten, nicht noch langsamer werden! Ich klemme mich hinter einen Läufer, der mich eben überholte und bleibe an ihm dran. Aber der läuft nicht konstant, wird wieder langsamer. Muss vorbei, muss mein eigenes Tempo laufen, laufen, laufen ... auf schwarzem, grobem Asphalt ...
Tapp, tapp, tapp ... Auf der anderen Fahrspur rauscht der Autoverkehr und auf der dahinter liegenden Bahntrasse passieren uns immer wieder Züge: Vom doppelstöckigen Regionalexpress bis zum Fernzug mit windschnittiger Schnauze im Stil deutscher ICE’s ist alles vertreten.
Tapp, tapp, tapp ... Marathon gebiert kuriose Verkehrssituation: Zwei Radfahrer sind auf der anderen Fahrbahn Richtung Venedig unterwegs. Ein Mercedesfahrer traut sich nicht daran vorbei, fürchtet den Gegenverkehr. Also gibt’s in Nullkommanix den nächsten Stau. Bis die beiden Radler ein Einsehen haben, anhalten und ihre Drahtesel über die Leitplanke von der Straße hieven.
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Rückblick auf 4 km eintöniges Laufen: Ein Damm verbindet Venedigs Inseln mit dem Festland. |
Tapp, tapp, tapp ... Du wirst jetzt nicht langsamer werden! Es geht, es muss gehen, du musst nur wollen! Da ist wieder dieser Schmerz in der Hüfte. Im Park hat er sich schon angekündigt, auf dem Damm wird er dauerhafter Begleiter. Ist aber nur ein Schmerz. Zu viel gelaufen in letzter Zeit. Muskeln, Nerven, Gelenke, alles überbeansprucht, alles gereizt. Ist aber nur ein Schmerz. Schmerzen halte ich aus.
Tapp, tapp, tapp ... Venedigs Skyline gewinnt langsam, ganz langsam Kontur im dunstigen Tag. Rechts voraus sind die Silhouetten der riesigen Kreuzfahrtschiffe im Hafen schon deutlich erkennbar. Wie es wohl Ines geht??? Mein Gott, hoffentlich geht alles gut! Der Erste ist der Wichtigste, da soll, da darf nichts schief gehen. Lauf Ines, lauf!
Tapp, tapp, tapp ... Rechts und links des Dammes ist - nichts. Nur Lagune, Wasser, kein Horizont trennt Himmel und flaches Meer. Eintöniges hellgrau beherrscht die Sicht. Es ist gut so: Azurblauer Himmel und die damit verbundene Sonne bräche mir jetzt endgültig das Genick!
Tapp, tapp, tapp ... Nimmt das kein Ende mehr!? Endlich Abwechslung auf schwarzem, grobem Asphalt: Die 35 km-Zeitnahme. Ich schau’ nicht auf die Uhr. Wozu auch? Die Statistik belegt später mein Gefühl: Noch halte ich Tempo. Der Verpflegungsstand: Ich trinke. Da könnt ihr nachfühlen, wie fertig ich schon bin. Jetzt trinken, bei Kilometer 35 trinken, das mache ich sonst nicht, es bringt nichts mehr für den Lauf. Einfach ein Aussetzer, eine Unkonzentriertheit. Und sie wird mir erst viel später im Gespräch mit Ines bewusst.
Tapp, tapp, tapp ... Wasser im Bauch, mehrmals aufstoßen, nach Atem ringen. Diese elende Trinkerei. Jedes Mal brauche ich ein, zwei Minuten, bis sich Puls und Atmung wieder normalisieren. Aber es muss ja sein. Elender Mistdamm, ich hasse dich ... Weiter, immer weiter.
Tapp, tapp, tapp … Noch ein halber Kilometer, dann ist es geschafft. Ich erkenne schon das Parkhaus, in dem wir gestern den Wagen abstellten. In lang gezogenem Rechtsbogen und mit leichtem Anstieg endet der Damm. Rechts das Hafengebiet, vier, fünf Luxusliner haben da festgemacht und ihre Touristenladungen in die historischen Mauern der Stadt entlassen. Rechts ab und hinunter, irgendwelche Gleise kreuzend, hinein in weiteres Ödland. Kein Mensch würde das hier Venedig zuordnen: Hässliche Hinterhöfe, Lagerhäuser, Fabriken, Hafen- und Gewerbegebiet eben. Sch... drauf! Ein bisschen ergebe ich mich jetzt der Schwäche. Zugleich keimt so etwas wie Freude auf. Klar sind es noch fünf Kilometer. Aber das ist doch nichts. Wenn ich nicht gleich am Rand der Lagunenstadt ins Wasser falle und ersaufe, werde ich in ein paar Minuten wieder finishen! Ja, jetzt fälle ich so etwas, wie eine bewusste Entscheidung: Mein Experiment hat sein Resultat schon. Egal ob ich jetzt 2 Minuten mehr oder weniger brauche. Aber ich will die Schlussphase, wenn irgend möglich, ein bisschen genießen. Und das könnte ich nicht mehr, wenn ich jetzt wirklich alles raus hole, was da noch ist. Also Tempo raus! Ganze 14 Sekunden pro km spendiere ich mir auf diesem Abschnitt zusätzlich - jedenfalls erzählt es so die Statistik.
Wenn ich mir vorstelle, dass „Speedy“ - wie ich Ines gleichermaßen liebevoll und albernd rufe, wenn sie vom Training nach Hause kommt - all diese bohrend langweiligen Kilometer auch laufen muss, mach ich mir Sorgen. Sie ist mental stark, in vielen Situationen stärker als ich. Aber Marathontempo über 42,195 km, das kennt sie nicht.
Venedig verleiht Flügel
Jetzt ist entgültig Schluss mit Hässlich! Zwischen Lagerhäusern führt der Weg auf einen Kai. Der Blick wird frei und schweift über den breiten „Canale Della Giudecca“ hinüber auf die gleichnamige Insel mit ihren pastellfarbenen Palazzi. Die vorletzte Zeitmessung ist erreicht. Hier? Das können unmöglich schon 40 km sein! Die spätere Ergebnistabelle gibt dann Auskunft, die Zwischenzeitnahme erfolgte bei Km 39,2. Wieso man die Anlage gerade hier aufgebaute, zeigt sich dann wenig später, wird mir aber erst hier, beim Schreiben des Berichts klar: So vorsichtig ich auch laufe und wie sehr ich mich auch mühe auszuweichen, nasse Füße hole ich mir doch! Der Wasserstand der Lagune ist höher als gewöhnlich und die Wellen schwappen vom breiten „Canale Della Giudecca“ über den Rand des Kais zwischen die Läuferfüße. Wer hätte gedacht, dass meine Marathonschuhe auch noch mit Salzwasser getauft werden. Na, vielleicht ist so was auch bei einem anderen Marathon dieser Welt möglich.
Was ich dann erlebe, ist allerdings absolut einzigartig und ohne Übertreibung jede Mühe wert! Schlagartig sind die 40 Kilometer davor vergessen! Kein Lauf dieser Welt kann diesen Countdown bieten: „13 Bridges to go“, „12 Bridges to go“, .... „5 Bridges to go“ … Und kein Marathon dieser Welt kann mit der Schönheit Venedigs glänzen. Vorbei an prächtigen Palazzi, über malerische Kanäle ... Das ist ganz und gar großartig! Auch wenn ich nun doch zu schwach bin, um es in vollen Zügen zu genießen. Auch wenn mich kein Runner's High an Stelle müder Beine zum Ziel
trägt. Diese Bilder kann man mit Fug und Recht als Läufertraum bezeichnen.
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Einer der 13 "Gipfel" des Venedig Marathon, mit "Auf- und Abstiegshilfe" |
Ich hätte jeden Eid darauf geschworen, dass ich auf diesen beiden finalen Kilometern noch einmal deutlich langsamer lief. Genau so habe ich das gespürt! Allein die Zeitmessung spricht eine andere Sprache! Ich wurde noch einmal schneller. Das mag als Beleg dafür gelten, welche Wirkung dieser Traum von einer Stadt auf müde Läuferbeine hat. Und Ines packte es noch viel gewaltiger. „Speedy“ machte ihrem Namen Ehre und flog geradewegs ins Ziel. Unglaubliche 30 (!!) Sekunden pro Kilometer, legte sie über die 13 Brücken noch mal zu. Obwohl sie "fix und alle" war und jede Faser ihres Körpers schmerzte, mobilisierte der Anblick Venedigs Kräfte, wo sie keine mehr vermutete. Venedig verleiht Flügel!
Die Brücken geben mir den Rest. Mit Holz beplankte Rampen ersparen die Treppenstufen. Die sehen schlüpfrig aus und ich laufe langsam und vorsichtig wieder runter. Kein Gedanke mehr an Zeiten. Noch eine Brücke, ein bisschen höher, die Rampen entsprechend steiler. Gefühle im Widerstreit: Ich will endlich ankommen aber ich will das auch erleben, will es auskosten - also Schmerz und Lust. Dann kommt die extra für den Marathon gebaute Potonbrücke über den „Canale Grande“ in Sicht. Ich hab sie mir flach vorgestellt, womit die Hauptverkehrsader der Stadt für Stunden unterbrochen wäre. Aber sie haben sie so errichtet, dass Boote drunter durch können. Die Planken scheppern ein bisschen, als ich mit letzten Kräften da hoch stampfe.
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Welch ein
Aufwand für ein paar Stunden: |
Oh Mann, Laufen ist grausam, hart, alles andere als ein Vergnügen ... Im Brückenzenit fällt mein Blick entlang des „Canale Grande“ stadteinwärts: Das ist der Überwahnsinn! Niemals wird ein Mensch für diesen Blick Worte finden. Und nur einmal im Jahr wird er mehr als 5.000 Finishern beim Laufen geschenkt! Laufen ist grandios, hart, aber ein irres Vergnügen!
Nun vorsichtig runter über die Brückenkonstruktion und über enge Stege wieder ans Ufer. Ein paar der offiziellen Fotografen haben sich hier postiert. Gut gewählt! Bin gespannt, wovon der Gesichtsausdruck mehr geprägt sein wird - von der Anstrengung des Laufs oder dem Widerschein dieser Traumkulisse. - Jetzt nur nicht stolpern! Zwischen Pinien und Souvenirständen muss holpriges, von den Wurzeln der Bäume teilweise zu Wellen aufgeworfenes, braunes Pflaster überwunden werden. Schon wieder fliegt der Kopf nach links: Die weltberühmten Säulen mit dem geflügelten, venezianischen Löwen und dem Drachentöter markieren den Eingang zur „Piazza San Marco“. Tauben fliegen auf, Menschenmassen drängen sich zwischen weltberühmten Postkartenmotiven. Weiter Udo, weiter! „7 Bridges to go“ - diese hier, die „Ponte di Paglia“, von der aus man zur Seufzerbrücke blicken kann, hat als einzige keine Rampen. Die Stufen sind breit genug, um auch todmüde Läuferbeine noch sturzfrei drüber weg koordinieren zu können. Noch ein paar hundert Meter. Noch sechs verdammte Brücken. Eigentlich ist das schon lange kein Marathonlauf mehr. Eher Sightseeing auf eine spezielle, entsetzlich anstrengende Art. Brücke acht, neun und zehn ... Gleich hab ich’s, gleich geschafft. Noch sehe ich das Ziel nicht, es versteckt sich hinter Brücken ... Das ist die LETZTE! Ich steh oben, noch 80, 70, 60 Meter ... Arme hoch, geschafft!
Angekommen aber nicht am Ziel
Manches ist wie immer: Das langsame Weichen des Drucks, Abstützen auf den Oberschenkeln, um zu Kräften zu kommen, heute kurz, weil ich mich ja auf den letzten Kilometern nicht restlos verausgabt hab, Medaille umhängen, erste unsichere Schritte im Zielgelände, das Gefühl der Befriedigung es geschafft zu haben ... Und doch ist heute alles ganz anders! Mein Lauf ist zu Ende und verliert erst einmal jegliche Bedeutung! Ich bin nach über 42 Kilometern angekommen, aber das Ziel ist noch nicht erreicht. Das eigentliche Ziel ist Ines' erster Marathon! Nun beginnt das Warten. Eine Stunde etwa hab ich Zeit, mir eine gute Position zu suchen. Sie läuft mit der Zeittabelle 4:15h. Trinken, etwas essen, die Ordner versuchen alle Läufer in den vom Zieltor entfernten hinteren Bereich zu bugsieren. Alles dauert jetzt ewig. Die Knochen tun weh und bewegen will ich mich nur noch langsam.
Irgendwann hab ich dann meinen Kleiderbeutel ergattert und pirsche mich wieder Richtung Ziel nach vorne. Zum Glück interessiert sich niemand für mich. An den schon verlassenen Umkleidezelten der Topläufer vorbei, suche ich einen ruhigen Ort zum Umziehen. Das letzte der Zelte ist leer, da stehen nur ein Tisch und eine Bank drin. Ächzend lasse ich mich auf die Bank sinken. Es dauert eine Weile, bis ich mich aufraffe und die klatschnassen Klamotten vom Leib pelle. Natürlich schlüpfe ich ins Finisher Shirt! Medaille um, fertig ist der Marathonsieger. Auf die Fleecejacke verzichte ich. Die Sonne hat sich sehen lassen und es ist warm genug. Leider! Das kann Ines jetzt gar nicht brauchen. Ein weiterer Fußlahmer hat unterdessen, verhalten stöhnend, auf der Bank Platz genommen. Sein gut gelauntes "Va bene?" beantworte ich mit einem schnellen "Si, si!". War die Frage lediglich die Einleitung zu einem erhofften Finisherplausch oder sieht er mir an, dass es noch nicht völlig "va bene" um mich steht? Was ist mit Ines? Va bene Ines?
3:50h sind um. Mit der kleinen, alten Digicam bewaffnet stelle ich mich direkt hinter dem Zieltor auf. Damit kann ich die vielleicht 70 Meter, bis zur letzten Brücke vollständig und gut überblicken. Das Warten beginnt. Ich mache ein paar Aufnahmen von jubelnden Läufern im Ziel. 4:05h - meine Nervosität steigt. Ruhig, nur ruhig, sie kann jetzt noch nicht kommen, nicht vor 4:15h!
Dieser Platz ist ideal um Läuferglück und Läuferschmerz zu beobachten. Sie
spurten, rennen, traben ins Ziel, gehen oder humpeln. Einige erwischt unmittelbar hinter der Ziellinie ein Krampf. Ein ums andere Mal müssen Sanis überforderte Läufermuskeln dehnen. Schreie des Schmerzes und Schreie der Freude, überglückliche Freunde, die sich umarmen, Freundinnen, die sich weinend in
die Arme sinken, aber auch stille, in sich gekehrte Hinnahme des persönlichen Triumphes - all das wiederholt sich ständig an diesem Ort. Laufen ist allgemein schön. Ein gelaufener 10er oder ein Halbmarathon kann ein wunderbares Erlebnis sein. Aber diese Szenen gibt es nur im Ziel der Marathonstrecke ...
4:15h: seit Minuten pendelt mein Blick zwischen der offiziellen Uhr über dem Zieltor und der letzten Brücke hin und her. Schon vorzeiten ist die Nervosität in Bangen umgeschlagen. Hat sie durchgehalten? Es scheint mir zugleich unwirklich und selbstverständlich, dass meine Ines diesen Marathon schafft. War sie wirklich gesund oder wurde sie irgendwo schwach? 4:17h: Ich steige von einem Fuß auf den anderen. Wo bleibt sie? Ruhig, ruhig, „netto“ ist sie jetzt noch nicht mal 4:15h unterwegs. Sicher brauchte sie von ihrem Platz im Startblock zwei bis drei Minuten, um die Startlinie zu überlaufen. 4:19h: Vielleicht konnte sie nicht mehr weiter laufen, musste gehen und braucht noch länger? Zum hundertsten Mal spähe ich zur Brücke, zum hundertsten Mal betätige ich kurz den Auslöser der Digicam, damit sie sich einschaltet. Nicht auszudenken: Ines läuft durchs Ziel und die Kamera ist „off“. Ines durchs Ziel? Wird es wahr? Der Traum, ihr Traum, mein Traum? 4:21h: Langsam aber sicher krampft sich eine Faust um innere Organe, mein Herz klopft, als wäre ich noch auf der Strecke. Voll konzentriert fixiere ich diese Brücke, sehne meine Frau herbei ... INES! Da ist sie, ich werde wahnsinnig, da kommt sie, wirklich!!! Wasser schießt mir in die Augen, irgendeinen halb erstickten, gurgelnden Ausruf kann ich nicht unterdrücken, keine Ahnung was ich da von mir gebe. Ich dreh’ durch! Es ist Wirklichkeit! Sie läuft aufs Ziel zu. Läuft! Sie geht nicht! Die Kamera! Weitwinkel einstellen, keine Risikoaufnahme, ich hab nur diese eine Möglichkeit. Sie ist im Ziel! „Schatzi!“ rufe ich und noch mal „Schatzi!“. Sie wendet sich mir zu und über das Geländer einer Absperrung weg, fallen wir uns weinend in die Arme!
„Speedy“ ist jetzt eine Marathona.
So recht hat sie es bis heute nicht realisiert und redet doch schon vom nächsten
Marathon - irgendwann ...
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ç Marathonfinish + 5 min: Zum Freuen fehlt noch die Kraft.
Marathonfinish + 30 min: |
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Quantität statt Qualität?
Tatsächlich kann ich (man?) in gewissem Umfang hartes Tempotraining durch deutlich mehr Kilometer pro Woche ersetzen. Meine Vorbereitung war nicht vollkommen auf den Venedig Marathon ausgerichtet. Außerdem bremsten einige Störgrößen (z.B. drei Tage Trainingspause wegen Halsschmerzen und laufender Nase). In der Schlussphase des Laufes habe ich überdies nicht alles gegeben. Unterm Strich hätte diese Trainingszusammensetzung „Mehr-Km-weniger-Härte“ also eine Zielzeit deutlich unter 3:10h und ebenso deutlich über 3:00h ermöglicht. Letztlich habe ich mir selbst „bewiesen“, dass die Gesetzmäßigkeiten der Trainingslehre unumstößlich sind. Die entscheidenden Minuten einer anspruchsvollen Marathonzielzeit kann man sich nur durch Intervalltraining und Tempoläufe erarbeiten.
Ich ahne die unausgesprochene Frage: Wozu das Ganze? - Sollte ich im nächsten Jahr eine neue Attacke auf die Bastion 3h unternehmen, so wird das auf Basis des Trainingsplans von Prag geschehen. Dabei werde ich jene Stellen leicht entschärfen, wo mir Intervalle und Tempo arg zu schaffen machten. Dafür erhöhe ich die Kilometerumfänge. Das kommt einfach meinem Laufgefühl entgegen. Lange, sehr lange laufen fällt mir erheblich leichter, als auf der Bahn zu „klotzen“ ...
Marathonzielzeit mit Pulsmesser festlegen?
In der Schlussphase des Trainings vor dem Venedig Marathon trieb ich über fünf bis zehn Testkilometer meinen Puls in den mutmaßlichen Marathon-Arbeitsbereich (anfangs knapp unter 85% ). Ich lief jene Geschwindigkeit, die sich für mich wie Marathontempo „anfühlt“, das ich 42 km durchhalten kann. Das Ergebnis dieser Trainingsläufe war die vorsichtige Voraussage 3:10h bis 3:15h. Der Laufbericht erläutert, dass ich mit dieser Vermutung ins Schwarze getroffen hab. Die Methode ermöglicht mir künftig auch in „unsicherer Trainingssituation“ eine einigermaßen verlässliche Fixierung der Zielzeit und damit der Kilometerschnitte. Mit „unsicherer Trainingssituation“ meine ich z.B. wenn Einheiten ausfallen oder verletzungsbedingt geändert werden mussten. Oder wenn ich zu spät in einen Trainingsplan eingestiegen bin oder wenn - wie im „Fall“ Venedig - das eigentliche Ziel ein ganz anderes ist.
Die von mir vorgenommenen Leistungstests kann man auch wissenschaftlich unterstützt, mit Messungen der Laktatauschüttung und der maximalen Sauerstoffaufnahme bewerkstelligen. Das ist aber mit großen Umständen, dem Einsatz von Geld und neuen Unsicherheiten behaftet. Die Prognose per Pulsmessung ist dagegen jederzeit und ganz alleine anwendbar. Allerdings: Es war das erste Mal, so bleibt die Unsicherheit einen "Zufallstreffer" gelandet zu haben. Trotzdem sagen mir Erfahrung und Hintergrundwissen, dass diese Möglichkeit ausscheidet. Für Marathon-Newcomer scheidet das "Verfahren" aus. Man muss ein Gefühl dafür entwickelt haben, bei welchem Tempo die Beine wirklich bis zum Schluss durchhalten können.