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Sonntag, 20. September 2015

Nicht Fisch und nicht Fleisch

Ein Lauf- und Trainingsbericht vom Seenlandmarathon
(zugleich Psychogramm eines verhinderten Läufers)

Alle Jahre wieder – ein Sommermärchen

Es war einmal ein Läufer. Landauf, landab begegnete man ihm auf vielerlei Pfaden. So auch beim Sommeralm Marathon in der Steiermark. Dort hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen, lebte ein gar verrückter Kerl mit seinem Weibe und seinen beiden Söhnen. Kraxi riefen ihn die Seinen. Jahr um Jahr durchstreifte besagter Kraxi als Ultradauerläufer Feld, Wald und Wies’ in steirischen Gefilden. Seit etlichen Monden hinwiederum rühmte ihn eine wachsende Läuferschar als treu sorgenden Herrn vom Sommeralm Marathon. Im Märchen gestaltet sich alles märchenhaft, drum auch dieser vortreffliche Lauf: Lockte mit traumhafter Bergwelt, liebwerten Gesellen allüberall, jeglichem Geschmeide, wie auch üppig Speis’ und Trank. Zum guten Ende hielt gar die Glücksfee Hof, verschenkte allerlei nützliche Gegenständ’. Auf von heftger Schlacht am Berg ermüdetem Gebein trug bald ein jeder seinen Tombolapreis von hinnen. Welch’ Glückes Geschick! Auch über die blonde Laufmaid Sybille wie unsern Läufer ergoss sich das Füllhorn der Fee. Mit von Freud’ gesegnetem Gesichte staunten beide über einen Marathonfreistart. Und wenn sie nicht gestorben sind (oder ein ähnlich garstig Schicksal erlitten), dann laufen sie (noch) heute – beim Seenlandmarathon.

Märchen aus!

Die Wirklichkeit gestaltet sich dem Menschen in aller Regel weit weniger märchenhaft als das Geschehen in der Fabel. Zum „Hans im Glück“, als der ich mich mehrere Jahre in Folge empfand, fehlt 2015 mehr als nur das Happy End. Ganz oben, auf dem Gipfel, der Sturz in einen gähnenden Abgrund, ins schwärzeste und tiefste Loch meines Läuferdaseins. Heute noch himmelhoch jauchzend als frisch gebackener Deutscher Seniorenmeister im 24 Stundenlauf, wenige Tage später zu Tode betrübt nach Diagnose „Ermüdungsbruch“. Erst 200 Laufkilometer an einem Tag und plötzlich: Nullkommanull! Kein besch… Meter mehr erlaubt! Das ist wie mit dem Auto gegen eine Felswand rasen … mit 200 Sachen … Gurt und Airbag lassen dich am Leben, du bist aber nicht mehr derselbe Mensch. Erst Benommenheit, dann eine Weile Schwanken zwischen nachhallendem Geschwindigkeitsrausch und Unfallhorror. Bewegungsunfähig verwundet bleibt dir alsbald nur die Einsicht in deine verdammte Pflicht: Alles die Genesung Befördernde tun und alles Hinderliche unterlassen!

Wie bitte? – Doch, doch, der Trainingsbericht kommt schon noch. Zu verstehen ist er aber nur mit laanger Vorgeschichte …

Erstens kommt es anders, zweitens …

Nichts leichter als einem Marathon laufenden Freund mit dem richtigen Geschenk eine Freude zu machen! Deshalb beglückte ich Reno zum 50. Geburtstag mit einem Freistart samt versprochener Begleitung beim Dresden Marathon 2015. Wenn’s ums Laufen geht, bin ich mancher Hinterlist fähig: Ines ist in Dresden geboren, zudem hatte ich ihr die Veranstaltung mehrfach in den schillerndsten Farben als schönsten Stadtmarathon Deutschlands ausgemalt. Wie insgeheim erhofft, erlag sie der Versuchung und spult nun „tonnenweise“ Trainingskilometer ab. Zwei Fliegen mit einer Klappe? Nein, selbstverständlich deren drei, denn als Begleiter der beiden hätte ich mir eine weitere Kerbe in mein Marathon-Zählholz schnitzen dürfen. Und nun Pustekuchen! Reno und Ines trainieren alleine und ich werde mich in Dresden mit der Rolle des Zuschauers und Betreuers bescheiden.

Geduld bitte! Das muss ich jetzt noch erklären, dann wird gelaufen …

Lange Läufe sind vor allem eins: Lang!

Für die meisten Marathoneleven bilden lange Trainingsläufe („LaLa“) die größte Hürde – physisch und vor allem mental. Ständig wechselnde, nach Möglichkeit unbekannte Strecken erleichtern dem Kopf die Arbeit gehörig. Deshalb gehört es zu meinen vornehmsten Trainerpflichten für Ines’ Lange jeweils neue Kurse zu planen. Der erwähnte, Kraxi zu verdankende Tombolagewinn eines Staffelfreistarts beim Seenlandmarathon bot die Chance idealer Abwechslung. Flexibler kann ein Regelwerk für Marathonstaffeln nicht ausfallen: Zwei bis sechs Läufer pro Staffel, männlich, weiblich oder mixed, Wechselorte beliebig! Ines übernimmt 32 der Marathonkilometer, fehlte also nur noch eine Partnerin oder ein Partner für die restlichen 10.

Diesen Anteil wollte Andreas übernehmen. Andreas ist so etwas wie der „Shooting Star“ meines letztjährigen Laufseminars für Einsteiger. Erst von null auf läuft, dann 10 km unter einer Stunde und erst letztes Wochenende die erfolgreiche Halbmarathonpremiere. Die bescherte ihm leider auch eine saftige Erkältung. Was nun? Einen Ersatz für Andreas suchten wir nur halbherzig, schließlich geht es um nichts als einen „LaLa“ für Ines. Zur Not steigt sie bei Kilometer 32 aus und wir fahren ohne Finish heim.

Als mich der Einfall erstmals heimsuchte, verwarf ich ihn kurzerhand. Bizarr, skurril, unzumutbar, abwegig – ich war bereit der Idee jedes dieser Attribute anzuhängen. Dennoch kehrte der Gedanke beharrlich wieder und schließlich gab die Selbstverständlichkeit, mit der ihn Ines kommentierte, den Ausschlag: Also werde ich die Schlusskilometer übernehmen!

Natürlich darf ich als Rekonvaleszent wider ärztliches Verbot nicht laufen. Ich werde gehen! Und genau hierin besteht die Ungeheuerlichkeit des Vorhabens. Jedoch nicht auf jene Weise, die sich dir vielleicht aufdrängt. Der „Deutsche Seniorenmeister im 24 Stundenlauf“ empfände es keineswegs als unter seiner Würde sich gehend von Läufern überholen zu lassen. Die Verletzung hat den Unglücksraben rasch und nachhaltig geerdet: „Rien ne va plus!“

Dennoch ließ mir genau diese Vorstellung – einer geht und alle anderen laufen an ihm vorbei – das Vorhaben als grotesken Witz erscheinen. Und ein bisschen mulmig ist mir obendrein. Wird mir das mental zusetzen? Elf Wochen Pause und dann als Geher unter Läufern?

Ehemann, Trainer und Fotoreporter

Zunächst beschränkt sich mein Aufgabenspektrum allerdings auf die Rollen Ehemann, Trainer und Fotoreporter. Ersterer kümmert sich um rechtzeitige Anfahrt und hütet unsere mitgereiste Hundedame Roxi. Dem Coach obliegen Ratschläge zur Tempogestaltung und der Kerl mit der Kamera schießt eine Serie von Startfotos. Nein, eilig hat es meine Ines heute nicht: Bleibt unmittelbar vorm „heiß geschossenen Kamerarohr“ noch einmal stehen und bittet mich zum ersten Treff die Laufjacke mitzubringen. Vorsichtshalber. Bei weniger als 15°C, leichtem Wind und nicht allzu hohem Tempo fürchtet sie unterwegs zu frieren.

Ein paar Sekunden blicke und fotografiere ich ihr hinterher. Empfindungen? Bedauern natürlich: Die davon preschende Meute läuft Marathon und ich stehe hier wie angenagelt mit orthopädischer Fußfessel. Wirklich schwer fällt es mir hingegen nicht, mein Los als Zuschauer hinzunehmen. Vielleicht noch nicht? Oder vermochten mich die Wochen des Laufverbots mit einem Panzer gegen das „dabei sein aber zeitweilig nicht dazu gehören“ zu wappnen? Wenn ja: Wie belastbar ist die Schicht? Wir werden sehen … Ich gehe zügig zum etwa 10 min entfernt geparkten Auto, wo Roxi im Kofferraum ausharrt und fahre in Richtung Treffpunkt …

Streckenkunde

Die Strecke des Seenlandmarathons umrundet zweimal den Großen Brombachsee. Start und Ziel findest du im weithin unbekannten Ort Pleinfeld, zwischen der Kreisstadt Weißenburg und dem vom Ironman Triathlon her bekannten Städtchen Roth bei Nürnberg. Der Brombachsee ist einer von sieben Seen des fränkischen Seenlandes. Ein Wasserparadies aus Menschenhand, vor etwa 40 Jahren geschaffen, um den Wasserstand des damals in Bau befindlichen „Main-Donau-Kanals“ niederschlagsunabhängig regulieren zu können. Und staut wer irgendwo eine Pfütze auf, breiter als ein paar Bootslängen, mehr als knietief, dann tummeln sich dort alsbald Wassersportenthusiasten, auf und unterm Wasserspiegel. Mitten in einem sandigen Landstrich gelegen, lassen sich überdies einladende „Beaches“ designen, Campingplätze ausweisen, Hotels ansiedeln und somit eine blühende Freizeitindustrie etablieren.

Versteh meine Sätze nicht als Kritik, schließlich nutzte auch ich als Läufer vorzeiten diese Kunstlandschaft, rannte 2005 zweimal um den Brombachsee*. Nimm die Worte als Seufzer eines Liebhabers ursprünglicher Landschaften, die man in deutschen Gefilden kaum noch findet. Überdies schützen sie deine Sinne vor falschen Erwartungen, falls du dereinst selbst hier laufen willst.

*) Seinerzeit firmierte die Veranstaltung unter der Bezeichnung „Brombachsee Marathon“. Das Projekt wurde nach einigen Wiederholungen eingestellt und feierte 2011 als „Seenland Marathon“ mit geänderter Streckenführung Wiederauferstehung.

Roxi nervt

Nach viertelstündiger Fahrt stehe ich kurz vor Marathon-Kilometer 10, am Radweg rund um den Brombachsee. Ein Steinwurf weit entfernt ermöglicht ein Steg den auf Gewässern dieser Größenordnung unvermeidlichen Ausflugsdampfern das Anlegen. Und hundert Meter weiter in Laufrichtung beginnt der Damm, der den kleinen vom großen Brombachsee trennt. Eigentlich wollte ich Roxi im Auto lassen, um mir ihr ständiges Fiepen zu ersparen, wenn Läufer vorbeiziehen, brachte es aber doch nicht übers Herz. Deshalb liegt sie jetzt ein paar Meter abseits, mit der Leine an einen Pfahl „gefesselt“ und … fiept. Als ich die Spiegelreflexkamera für ein paar Probeschüsse hebe, dabei einen Entgegenkommenden anvisiere, meint ihr Instinkt zu wissen, was die Stunde geschlagen hat: Frauchen kommt! – und beginnt zu bellen. Ein bisschen Schimpfen, ein strenger Blick, dann begnügt sie sich wieder mit … Fiepen. Das nervt, aber ich halte es aus.

Mal nicht hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen

Auf Kraxi brauche ich nicht lange zu warten und er taucht auch nicht überraschend vor mir auf. Das Erscheinen des „Pacemaker 3:30 h“ konnte ich mir ausrechnen. Richtig: Der Steiermärker hat den weiten Weg auf sich genommen, um hier Marathon zu laufen. Aber nicht nur hier. Am gestrigen Samstag gewann er mit 2:52 h bereits den Bodensee Marathon in Kressbronn. Wie bitte? Ja klar ist Kraxi verrückt, aber er ist eben Kraxi … Arbeitsteilung: Udo schießt eine Fotoserie und Roxi intensiviert ihr Fiepen. Ein kurzer Wink, ein Lächeln, dann ist der Steiermärker mit seiner Gruppe vorbei.

Mädels ante portas

Und nun warte ich auf drei Damen. Jene drei, die ich zum Brombachsee chauffieren durfte und von denen „Frauchen“ Ines das Schlusslicht bilden wird. Sybille heißt die zweite – ja genau, die „blonde Maid aus dem Märchen“, die ihren Freistart einlöst. Und last but not least Dorit, die eigentlich an diesem Wochenende für einen Ultratrail in Kärnten gemeldet ist: Zugticket gekauft, Zimmer gebucht, doch dann wurde der Schienenverkehr zwischen Deutschland und den „Sieben Bergen“ eingestellt …

Wer kommt zuerst, Sybille oder Dorit? Fahndet man nach einem bestimmten Konterfei in einer Kette vorbei defilierender Menschen, sieht man andere, gleichfalls bekannte zu spät oder gar nicht. Vorneweg ein Radler und hinterdrein … Sonja! Natürlich Sonja! Hatte vergessen, dass „meine“ Mädels sie heute Morgen im Startbereich sahen, als ich das Auto abseits parkte. Sonja hinter einem Radler? Demnach führt sie die Damenkonkurrenz an, was mich nicht überrascht aber mit ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Wieso ich staune? – Ihr Baby ist jetzt gerade mal drei Monate alt … Okay, also Sonja. Aber wo ist Michael, ihr Mann? Die beiden bestreiten Wettkämpfe stets Seite an Seite. Babysitting? Während ich noch rätsele trabt Michael vorbei. Auch von ihm gelingt mir kein Foto, lediglich anfeuern kann ich ihn. Damit ist klar: Mein Verein, die TG Viktoria Augsburg, ist im Wettbewerb mit drei Damen und einem Herrn vertreten. Mal sehen, wie sie sich platzieren.

Roxi hilft auf ihre Weise

Und was treibt Roxi unterdessen? Exakt: Sie fiept und nervt. Ich gehe zu ihr rüber, stupse sie ein bisschen, bedenke sie obendrein mit ein paar harten Worten. Damit kann ich das Fiepen nur eindämmen, abstellen ist unmöglich, zu viel Adrenalin kreist in ihrer Blutbahn. Ihr Blick spricht Bände. Unterwürfig, aus geduckter Stellung, mit herzigem Augenaufschlag und eindeutiger Botschaft: „Herrchen, hier liege ich und kann nicht anders!“

Erst kommt Dorit, zwei, drei Minuten später Sybille. „Tut mir leid!“ drückt Dorit ihr Bedauern aus. Soll heißen: Es muss hart sein für einen Vielläufer anderen beim Marathon zuzusehen. Offen gestanden bewegen mich derzeit ganz andere „Gef-ie-hle“. Zunehmend „inkommod-ier-t“ mich Roxis Gef-ie-pe, außerdem f-ie-bere ich konzentr-ie-rt dem W-ie-dersehen mit Ines entgegen. Ungefähr eine Stunde dürfte sie bis hierher brauchen, wenn es gut läuft …

Seltsam. Nicht, dass mir davor Bange gewesen wäre, aber ich hatte schon erwartet, dass mir die Rolle als Zaungast zusetzen würde. Offenbar lassen wachsende Spannung und Ungehaltensein über Roxis Benehmen das nicht zu. Vielen Dank Roxi!

Eine Stunde um, 1:01 h, dann 1:03, noch immer keine Spur von Ines. Was ist da los? Ich sorge mich, vergesse darüber zu denken. Denn dächte ich, käme ich der Fehlfunktion meines Gehirns flugs auf die Spur: Der Start der Staffeln erfolgte 5 min nach dem Feld der Einzelläufer, also kann sie vor 1:05 h gar nicht hier sein. Genau so trifft es ein und mangels Erkenntnis werde ich für die nächsten zwei Stunden nun mutmaßen Ines habe heute einen eher miserablen Tag erwischt … Ich schieße meine Fotos. Ines winkt nur schüchtern zurück, um Roxi nicht zu alarmieren. Die kriegt gar nicht mit, wer da vorbei trabt, pfeift nur ihr „monotones Lied“. Anscheinend steht der Wind günstig …

Der Wechsel

Mehr schlecht als recht haben Roxi und ich die Zeit bis zum Wechsel totgeschlagen. Mittlerweile stehe ich am vereinbarten Wechselpunkt, ungefähr bei Kilometer 32. Der Wechsel ist identisch mit dem Wendepunkt der Marathonstrecke, am Ende eines etwa 1,5 km langen Abstechers weg von der Seerunde. Im Glauben noch ziemlich lange auf die heute „unter Form“ laufende Ines warten zu müssen, unterhalte ich mich mit dem Streckenposten. Unverhofft, wie durch Knopfdruck, springt mich das Verstehen an, wieso Ines mit Verzögerung am Treffpunkt eintraf, und der Erkenntnis folgt die (lautlose) Feststellung: „Ich Depp!“ Deshalb klingt auch mein „Da ist sie ja schon!“ – weniger an den Streckenposten, als freudig an mich selbst adressiert – nicht wirklich überrascht. Nach 3:20 h und offensichtlich furiosem „LaLa“ übergibt mir Ines das „Staffelholz“ (Chip am Klettband).

Der Geher

Während der Anfangsminuten ertappe ich mich mehrmals beim „Sezieren“ meiner Empfindungen, als fürchtete ich – Auge in Auge mit Läufern – depressive Verstimmungen. Immerhin bestreiten die Glücklichen einen Marathon, von denen ich „armer Tropf“ (die Disziplin Selbstmitleid beherrsche ich meisterlich) schon 155 auf dem Kerbholz habe. Und, obschon mitten unter ihnen, werde ich heute leer ausgehen … Allein: Ich spüre nichts. Nichts Negatives meine ich damit. Ich gehe einfach drauf los und … trau mich kaum es zuzugeben … also ich … genieße die Bewegung. Dass ich dabei viele der weniger leistungsfähigen, offensichtlich schlecht trainierten Marathonis auf der Wendestrecke beim Gehen „ertappe“ hilft natürlich auch …

Ehrensache

Zwei der zehn Kilometer liegen hinter mir. Inzwischen befinde ich mich auf der Hauptrunde um den See, von dem jedoch jenseits eines Waldstücks nichts zu sehen ist. Ich setze meine Schritte mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 min/km (6 km/h), was einem recht „strammen“ Gehtempo entspricht. Beinahe absichtslos, allenfalls um eine Zeitvorstellung zu haben, kalkuliere ich die mutmaßliche Endzeit unserer merkwürdigen, doppelt* gemixten Staffel. Um die fünf Stunden errechne ich und ansatzlos springt mir das Scheusal Ehrgeiz ins Genick, krallt sich fest, Gegenwehr zwecklos: Unter fünf Stunden ist Ehrensache!

*) Doppelmix: Weiblich / männlich sowie laufen / gehen.

Ein für alle Mal Opfer eingefleischter Wettkampfreflexe: Immer wieder Zeiten berechnen und nach Möglichkeit verpflichtende Teilziele setzen. Die werden dann bis zum letzten Schweißtropfen verfolgt und gegen jede Art Anfechtung – gleich, ob physisch oder psychisch – verteidigt. So auch jetzt …

… doch wenn ich bei diesem Tempo bleibe, wird es eng. Also marschiere ich fortan flotter mit etwa 9 min/km. Für mich, der ich mit schnellem Gehen nie ’was am Hut hatte, ein Höllentempo. Für Nordic Walker nicht hurtig genug, weshalb gleich mal zwei der „Stöckler“ in meinem Kielwasser hörbar werden. Walker, die offensichtlich mit der Welle der Halbmarathonis starteten und just in diesen Minuten meine Distanz auf der Seerunde erreichen. Ich höre ihr scharrendes Geklapper über zwei, drei Minuten hinter mir, erst leise, dann lauter. Obschon mir Überholtwerden gegen den Strich geht, wehre ich mich nicht. Im Hinblick auf meine Verletzung wäre es unvernünftig noch rasantere Gehschritte zu setzen. Subjektiv und wahrscheinlich auch objektiv würde superlangsames Traben meine Adduktoren weniger belasten (Wenngleich ihr der Nachweis fehlt, eine Überlegung mit Folgen). Dann ziehen die beiden vorbei und ich frage mich – ganz ohne Spott –, wozu die ihre Stecken überhaupt noch dabei haben!? Die Unterarme pendeln mit ultrakurzen Bewegungen und hoher Frequenz in Höhe der Hüften. Wie soll davon eine „Anschubwirkung“ ausgehen? Bremsen die Stecken nicht eher, als dass sie zu mehr Tempo verhelfen?

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe

Eine ältere, von der Distanz ziemlich mitgenommene Marathonläuferin überholt mich. Ihr Oberkörper hat Schlagseite, was ihr wahrscheinlich nicht bewusst ist. Kenne ich. Unterlag demselben Phänomen in der Schlussphase meines 24 Stundenlaufs, wunderte mich lediglich über den merkwürdigen Rechtsdrall. Stückweit vor mir fällt die Dame ins Gehen zurück. Langsam hole ich auf und an fordernder, nicht allzu langer Steigung sie schlussendlich ein. Als sich unsere Blicke treffen versuche ich sie aufzumuntern: „Bald geschafft! Ist nicht mehr weit!“ Offenbar jedoch zu weit für sie: „Ich finde einfach keinen Laufrhythmus mehr!“ stöhnt sie – „Und ich würde gerne laufen, darf aber nicht. Bin verletzt!“ Sollte sie die seltsame Frische am Leib ihres Mitgehers bemerkt haben, braucht sie nun nicht grübeln. Um letzte Zweifel auszuräumen, erzähle ich ihr auch noch von Ines‘ und meiner verrückten Mixed-Staffel.

Welches Motiv trieb mich wirklich, der nicht nur sprichwörtlich geknickten Dame mein Schicksal brühwarm unter die Nase zu reiben? Schließlich hätte die aufmunternde Floskel gereicht, wäre es mir nur darum zu tun gewesen sie ein wenig aufzurichten. Vermutlich musste ich mein bizarres „Teilnehmen“ jemandem erläutern, um es selbst besser einzuordnen. Tatsächlich nehme ich mich inmitten dieser „Laufveranstaltung“ als Absonderlichkeit wahr. Bin dabei, gehöre aber nicht dazu. Was ich tue ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Kann kein Läufer und will kein (Nordic) Walker sein. Bisschen „Depri“ hatte ich erwartet, Befremden überzieht mich stattdessen …

Der Versuchung erlegen

Ich laufe! Ganz langsam und nur für eine Minute! Schaffe es nicht der Versuchung zu widerstehen. „Die Ziellinie überquere ich laufend!“ Schon diese Ankündigung der finalen Ausnahme senkte die Hemmschwelle. Das vorhin formulierte Postulat „sehr schnelles Gehen wäre belastender als langsamer Trab“ tat ein Übriges. Und nun auch noch dieser sanft abschüssige Weg … Also jogge ich ein bisschen, gestehe mir eine Minute zu, schaue mehrfach auf die Uhr, falle nach 60 Sekunden wieder in forschen Gehschritt. Schlechtes Gewissen und „Was soll mir eine Minute Laufen schon anhaben?“ halten sich die Waage. Ich horche in mich hinein, fokussiere meine Wahrnehmung auf die laut Kontroll-MRT noch immer lädierten Adduktoren. Verletzungsangst befiehlt schonungslose Ehrlichkeit. Wäre bereit alles einzugestehen, nichts schönzureden … Aber da war nichts und da ist nichts. Nicht mal ein Zwicken.

Ein paar Minuten später wiederhole ich den Versuch. Als Ausrede taugt das „Sub5h-Ziel“ nun längst nicht mehr. Auch forsch gehend käme ich zweifelsohne unter fünf Stunden ins Ziel. Der Bann ist gebrochen und einmal ist keinmal: Wieder eine Minute im Schneckentrab laufen, wieder spüre ich nichts. Gehe anschließend wieder hinter der „geknickten“, älteren Dame, die zwischenzeitlich mittels kurzer Laufintervalle Distanz herstellte.

Eine Kette von Zufällen „spülte“ mich an die Gestade des Brombachsees. Sind folglich auch die Laufversuche purem Zufall geschuldet? Wahrscheinlich. Inzwischen rechtfertige ich sie mit einem neuen Argument: In einer Woche darf ich erste Laufversuche mit ärztlichem Segen unternehmen. Hier und heute kann ich schon mal das rechte Tempo ausloten. Schönreden eines Verstoßes? Vielleicht. Immerhin stelle ich fest, dass sich „schneckiges“ und „weniger schneckiges“ Traben gleich anfühlen, an jenen Körperstellen jedenfalls, denen seit Wochen meine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt.

Ich weiß zwar nicht, was ich bin, doch was ich tue fordert meine Ausdauer. Mit Genugtuung registriere ich den schweißfeuchten Rücken. Bin angefüllt mit einer wirren Mixtur aus Befremden, Freude an der Bewegung und wachsender Spannung. Raum für Trübsinn bleibt da keiner.

Das Finale

Ich erreiche den Hauptdamm des Brombachsees, ab dem sich der Weg kurz bergwärts und dem Ort Pleinfeld zuwendet. Keine zwei Kilometer mehr bis ins Ziel. Rasch habe ich den Buckel hinter mir und strebe auf asphaltiertem Radweg durch dichten Wald der Pleinfelder Senke entgegen. Sanft abwärts, also noch einmal Gelegenheit zu traben. Dabei liefere ich mir ein „packendes Duell“ mit einem entkräfteten, abschnittsweise gleichfalls gehenden Marathoni. Auch ohne echte läuferische Mission vermag ich nicht von eingeschleiften Verhaltensmustern zu lassen: Auf dem Weg zum Finish alles und jeden als „Gegner“ betrachten; aushalten, überwinden, überholen, winzige Siege erringen, sich davon schieben und anspornen lassen …

Unerkannt und inkognito im Wald. „Andreas“ steht auf meiner Startnummer, der Vorname von Ines‘ erkranktem Laufpartner. Auch wenn wir die Ummeldung (sie hätte sinnlos Geld gekostet und nichts geändert) aus reinen Vernunftgründen unterließen: Selbst dieser belanglose Mosaikstein passt nahtlos in die … Absurdität des Unternehmens. Trotzdem habe ich Spaß an der „Sache“! Empfinde Freude, die sich vom Strudel der Merkwürdigkeiten nicht runterziehen lässt. Weder zu Beginn, noch unterwegs und nun erst recht nicht mehr.

Die letzten 500 Meter: Der Wald bleibt zurück. Bis zur nahen Straße, kurz vorm Ortseingang Pleinfeld, gehe ich, trabe jedoch auf der Straße neuerlich an. Ins Ziel gehen? Der Gedanke irrlichtert ein letztes Mal durch meinen Kopf. Dort fühlt er sich gleichermaßen ungeliebt, wie ein Maulesel auf der Galopprennbahn. Ich brächte das schon über mich. Aber es darf nicht sein! Vielleicht, weil ich es nicht mal beim kraftlosesten meiner 155 Finishes nötig hatte. Auch ein Signal der Unbeugsamkeit: Irgendwann komme ich laufend zurück!

Also jogge ich Richtung Ziellinie, vor der noch erstaunlich viele Zuschauer zu später Stunde ausharren. „Nein! Bitte kein Beifall!“ Alles in mir wehrt sich, unhörbar aber vehement. Fühle mich wie ein Betrüger, möchte am liebsten jedem einzelnen in den Arm fallen, um das Klatschen zu unterbinden: „Seht her: Bin nicht mal müde! Bin doch nur gegangen und auch das nur 10 km weit!“ Wohl oder übel lasse ich den unverdienten Respekt über mich ergehen, wie auch den letzten, mir nicht weniger peinlichen Akt der „Dramödie“: Hinter der Ziellinie hängt mir jemand die Finishermedaille um!

Wie wichtig mir diese Auszeichnung in der Vergangenheit war, erkenne ich erst jetzt. Immer nahm ich die Medaille als sichtbares Zeichen des Erfolges, als Lohn für unsägliche Mühen. Heute gehört das „Ding“ dort nicht hin, nicht um meinen Hals. Und deshalb dekoriere ich alsbald Ines damit, nachdem ich „meine“ Mädels im Bierzelt nebenan gefunden hab.

Die Erfolge der anderen

Zum guten Schluss wird’s dann noch einmal märchenhaft. Damit meine ich nicht Ines‘ berauschenden 32 Kilometer-LaLa. Dem haftet nichts Geheimnisvolles an. In ihm manifestiert sich wochenlange, fleißige und erfolgreiche Trainingsarbeit. Die strahlende Ines berichtet mir jedoch sogleich vom Dreifachtriumph der TG Viktoria Augsburg Damen: Sie belegen die ersten drei Plätze der Marathon-Damenwertung! In ehrliche und große Freude über diese fantastische Leistung mischt sich dann doch ein bisschen Trauer, von der ich hoffe, dass sie niemand bemerkt. Zweifellos große Siege, aber es sind eben die Erfolge der anderen …

 


 

Ergebnis der Damenkonkurrenz des Seenland Marathon:

Platz 1: Sonja Huber, 3:28:13 h,
Platz 2: Sybille Mai, 3:36:34 h,
Platz 3: Dorit Gairhos, 3:41:19 h.

 

Platz 38 bei den Männern: Michael Huber, 3:28:14 h

Alle vier Mitglieder der TG Viktoria Augsburg.

Platz 42 bei den Männern: Hannes Kranixfeld, alias „Kraxi“,
Pacemaker 3:30 , 3:29:14 h

Die Mixed-Staffel „Laufspaß“, bestehend aus Ines und mir,
alias „Andreas“, belegte den 23. zugleich letzten Platz mit 4:51:11 h

 

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