Oktober 2009, Italienurlaub

Laufen in den Marken

Die Toskana, Venetien, die Abruzzen, Umbrien, allesamt bekannte italienische Regionen, von denen fast jeder schon einmal hörte. Aber die „Marken“? Viele werden von dieser Provinz zum ersten Mal lesen und wenigen die klangvollen Namen ihrer Hauptorte Urbino, Macerata oder Ascoli Piceno schon einmal begegnet sein. Ancona, die Hafenstadt an der Adria, weist als Ausgangsort wichtiger Fährlinien einen gewissen Bekanntheitsgrad auf. Ansonsten spielt das Gebiet in Mittelitalien, begrenzt von der Adria im Osten und Umbrien im Westen, kaum eine Rolle in der Urlaubsplanung deutscher Touristen. Völlig zu Unrecht, wie Ines und ich bereits 2003 anlässlich einer Urlaubswoche feststellen durften. In Sachen Schönheit der Landschaft, Freundlichkeit der Menschen oder Essen und Trinken, stehen die Marken der weltbekannten Toskana in nichts nach. Und dabei wirkt vieles noch viel ursprünglicher – viel „italienischer“ – als in den touristisch besser besuchten, weil bekannteren anderen Provinzen. Ein niedrigeres Preisniveau erhält man als Zugabe.

Nur eines gibt es in den Marken nicht: Flache Landschaften. Gleich hinter der ohne ausgeprägte Buchten verlaufenden Küstenlinie erhebt sich eine intensiv landwirtschaftlich genutzte Hügellandschaft. Auf dem Weg ins Landesinnere ändert sich dieses, dann und wann an toskanische Postkartenmotive gemahnende Bild zunächst kaum. Wir konnten uns am agrarischen „Fleckerlteppich“ ebenso wenig satt sehen, wie an den ungezählten malerischen Ortschaften, die meist als Ansammlung dicht ineinander verschachtelter Steinhäuser eine Hügelkuppe krönen. Etwa 50 Kilometer Luftlinie vom Meer entfernt bilden die über 2.000 Meter hohen Erhebungen der Monti Sibillini eine natürliche Begrenzung zur Mitte des italienischen Stiefels hin.

Anfang Oktober 2009: Schnee auf den Monti Sibillini

Kurz vor Sarnano, in Sichtweite von San Ginesio, unweit der Bergdörfer Montemónaco und Amándola, hatten wir für zwei Wochen eine Ferienwohnung gemietet. Na ja, eigentlich war’s ein ganzes Häuschen unter altem Baumbestand; ein liebevoll restauriertes, bäuerliches Anwesen mit Kamin, eigenem Grillplatz, großem Grundstück und sogar Zugang zum unterhalb fließenden Bach. So viel Raum benötigen wir eigentlich nicht, schon gar nicht im Urlaub. Aber es war der erste mit Roxi, unserer Mischlingshündin, und dieses Domizil, das Casa Cuculo, wird als ausgesprochen geeignet für Urlaub mit Hund im Internet angeboten. Roxi – Typ „Born to be wild“ – fühlte sich denn auch gleich wohl und heimisch. Das lag auch an den vielen Fährten, die sie im Unterholz hinterm Haus erschnüffelte, Fährten von Rehen, Wild- und Stachelschweinen.

Aber dies soll keine Urlaubs- noch eine Hundeabenteuererzählung werden. Von sagenhaft guter Pizza, Pasta oder anderen deftigen, ausnahmslos köstlichen Mahlzeiten will ich nur ansatzweise schwärmen, süffige Tischweine lediglich erwähnen, das sündhaft cremige italienische Eis in Erinnerung rufen und vollbrachte Wanderungen in den nahen Monti Sibillini nur streifen. Berichten will ich vielmehr von Läufen und Laufbedingungen. Die sind ausgesprochen anders als bei uns, was ich bereits 2003 lernen musste, damals in der Tapering-Phase kurz vorm zweiten Marathon. Auch wenn mein von Bella Italia berauschtes Herz solche Ehrlichkeit schmerzt: „Ausgesprochen anders“ heißt vor allem schlechter! Damit meine ich nicht, dass flache Laufwege kaum zu haben sind, wodurch jeder Jogg zum kleinen Bergtraining gerät. Wer das nicht kennt, gewöhnt sich daran, nimmt es bestimmt als zusätzlichen Urlaubsreiz. Feld- und Waldwege, wie wir sie in Deutschland kennen, zumeist gut ausgebaut und für den motorisierten Verkehr gesperrt, gibt es in Italien nicht. Wenige Ausnahmen beschränken sich auf Naturschutzgebiete oder touristisch interessante Bereiche. Gehe von folgenden Voraussetzungen aus: Wo du laufen kannst, sind auch Fahrzeuge unterwegs. Italiener sind sportbegeistert: Es gefällt ihnen, wenn du läufst, aber sie rechnen nicht mit einem Läufer, der ihnen zum Beispiel hinter einer Kurve entgegen kommt. Lockende, offensichtlich nicht befahrene Wege oder Pfade enden meist im Nichts oder vor einer Barriere. Auch provisorische Sperren aus einem Stück Trassenband oder einem quer liegenden Ast sollte man respektieren, weil sie auf ein Privatgrundstück hinweisen.

2003 nutzte ich Promenaden in Strandnähe, wo sich auch unser Quartier befand; oder ganz bewusst schmale Sträßchen, in der Hoffnung auf geringe Verkehrsdichte und um mich auf 42 asphaltierte München-Kilometer vorzubereiten. Diesmal haben wir es läuferisch etwas besser getroffen. Die an unserem Häuschen vorbei führende „Straße“ geht nach ein paar hundert Metern in eine unbefestigte Piste über und windet sich danach etwa zwei Kilometer durch ein Waldgebiet. Das erste Läufchen wage ich zwei Tage nach unserer Ankunft.

Zwar habe ich eine erste kleine Wanderung an den Hängen der Monti Sibillini in den Beinen, fühle mich aber noch einigermaßen frisch. In einer halben Stunde wird es dunkel sein. Dennoch nehme ich Roxi an die Laufleine und breche auf. Nach hundertundfünfzig Metern, vor einem nachbarschaftlichen Anwesen, werden wir von drei unentwegt kläffenden Bewachern gestellt. Also lasse ich die wild schwanzwedelnde Roxi von der Leine und ergötze mich am schnüffelnd, von vier Schnauzen ausgetragenen Begrüßungsritual. Die vom Aufruhr alarmierte Hausbesitzerin winkt mir zu und ich begrüße sie mit dem in Italien unter Menschen üblichen Ritual: „Buona sera Signora!“. Dann nehme ich Roxi wieder an die Leine und verabschiede mich winkend von der Signora. Die hat wie viele Italiener ein Herz für Sportler und entlässt mich nicht ohne anspornendes „Forza! Forza!“, das ich schon von diversen italienschen Marathonläufen zum Beispiel in Rom, Florenz oder zuletzt in Treviso her kenne.

Einlaufen nicht möglich. Sofort fordert ein langgezogener Aufstieg. Eigenartigerweise macht mir das nichts aus, obwohl ich mit ziemlich flotten Schritten aufwärts strebe. Vielleicht liegt es an meiner Urlaubsstimmung, vielleicht aber auch am Abendhimmel, den die bereits untergegangene Sonne in kräftigen Rot- und Blautönen über den Monti Sibillini koloriert. Ein wunderbarer, ein stimmungsvoller Ausblick. Schon bald verbergen Baumkronen den Himmel und andere Eindrücke verlangen meine Aufmerksamkeit. Die mehrmals auf der Piste vorbei rumpelnden Autos lassen einen Gedanken an Freilauf für Roxi gar nicht aufkommen. Sie im rechten Augenblick herbei zu rufen und bei Fuß laufen zu lassen, wäre mir dann doch zu nervig. Ansonsten stören mich die paar Autos kaum. Durch dichten Laubwaldbestand – hauptsächlich Akazien, Eichen und Esskastanien – mit häufigen Richtungswechseln und überwiegend ansteigend verlaufen die ersten beiden Kilometer. Für hundert Meter wird der Blick auf die herrliche Hügellandschaft frei: Wiesen wechseln mit gepflügten Feldern, gegliedert von Baum- und Buschgruppen. Darin eingebettet Ansiedlungen, oft nur einzelne Gehöfte, häufig auf den Hügelkämmen gelegen. Eine über mehr als 2.000 Jahre von Menschenhand geformte Kulturlandschaft.

Die Piste mündet in ein schmales, asphaltiertes Sträßchen, der Forerunner zeigt 2,3 Kilometer. Rechts abwärts in ein dicht bewaldetes Tal, oder nach links, weiter ansteigend, wahrscheinlich auf einem Hügelrücken? Ich entscheide mich für die mutmaßliche Aussicht, wende mich nach links. Ein Schafspferch kommt in Sicht, rechts der Straße am Hang gelegen. Gerade habe ich die hellen Flecken in der fortgeschrittenen Dämmerung als ruhende Schafsherde identifiziert, als uns wütendes Gekläffe aus drei großen Mäulern entgegen schallt. Drei große weiße Hunde sprengen heran. Ihre Botschaft ist eindeutig: „Wagt es ja nicht unserer Herde näher zu kommen!“. Mag sein meine Herzfrequenz schlüge nun etliche Takte rascher, wäre uns nicht vor wenigen Stunden auf der Wanderung mit drei anderen dieser weißen Hütehunde (und ohne Zaun) Ähnliches passiert. Zudem steht im Wanderführer, dass diese weiß bepelzten Aufpasser mit abschreckendem Gebell ihre Herde schützen, im übrigen aber völlig harmlos sind.

Verfolgt von anhaltendem Gebell traben Roxi und ich der nächsten Ansiedlung entgegen und werden zur dortigen Wache weiter gereicht. Ein großer und ein kleiner Kläffer erwarten uns bereits. Aber wir enttäuschen sie, wenden uns einer Piste zu, die nach rechts abzweigt. Ich hoffe, sie windet die sich ähnlich weit und unbewohnt durch die Landschaft wie die vorhin belaufene. Zwei Minuten weiter erkenne ich meinen Irrtum, als wir uns im Halbdunkel einem Bauernhof nähern. Was erwartet uns da? Ganz recht, die überfallartige Attacke dreier Hofhunde. Notgedrungen bleibe ich stehen und lasse uns – nein eigentlich nur Roxi – beschnüffeln. Bis der Bauer die Bühne betritt und uns in scharf befehlender Tonlage vom Überfallkommando befreit. Also weiter! Drei Schritte gelingen, dann kehrt einer der drei zurück. Ein junger, halbwüchsiger Schäferhund, total verspielt, umschwänzelt Roxi und bringt uns wieder zum Stehen. Erst die herbei eilende Bäuerin ist ihm Attraktion genug von uns abzulassen. Schmunzelnd und mit einem „Buona Sera“ nehme ich Abschied und wieder Fahrt auf.

Ein Haus weiter: Neuerlich Gebell; allerdings traut sich das grau-schwarze Untier nicht aus seiner dunklen Einfahrt her zu uns. In weiter Schleife hügelan geht es zurück zum asphaltierten Sträßchen und damit auch in Gegenrichtung heimwärts. Ich lasse es mir gefallen, denn der Forerunner meldet knapp vier Kilometer und in ein paar Minuten wird es stockdunkel sein. So kommt das vorhin enttäuschte Duo doch noch zu seinem Verbellspaß. Aus sicherer Distanz geifernd lassen sie uns vorbei, um dann feige auf der Straße nachzusetzen. Irgendwann bleiben sie zurück, kurz bevor uns die drei weißen Hütehunde wieder aufs Korn nehmen …

Ein Auto nähert sich von hinten, wird langsamer, rollt neben uns im Trabtempo. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und plaudert gut gelaunt auf mich ein. Zum ersten, aber beileibe nicht zum letzten Mal in diesem Urlaub nehme ich mir vor (wie so oft in den vergangenen Jahren) endlich – endlich! – leidlich Italienisch zu lernen. Mir bleibt nichts anderes übrig als die herzliche Ansprache des Mannes mit freundlicher Geste und bedauerndem „No capito!“ zu beantworten. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, was er dem ungewöhnlichen Laufgespann mitzuteilen hatte.

Beim Rückweg durch den stockdunklen Wald und überwiegend abwärts rennend lege ich noch ein wenig Tempo zu. Auf den beiden Schlusskilometern bleiben wir unbehelligt. So kann ich mich auf den nicht ganz sicheren Untergrund konzentrieren und meinen Gedanken nachhängen: Kein Lauf für jedermann, noch weniger für jede Frau. Nichts für ängstliche Naturen, die Hunde fürchten oder sich in fremder Umgebung unsicher fühlen. In ländlichen Gefilden – die noch folgenden Trainingsläufe bestätigen das – gehört zu beinahe jedem Grundstück ein Vierbeiner. Außer Drohgebärden hat man nichts zu fürchten und wird ohne Hund an seiner Seite auch seltener verbellt. Andererseits gibt es keine Garantie für die Harmlosigkeit aller Attacken und empfindlichen LäuferInnen vergällt schon ein wütender Kläffer die Freude am Laufen. Ines joggte vorzugsweise bei vollem Tageslicht oder verlegte ihre Läufe auf ansiedlungsfreie Strecken.

Noch ein Wort zu den klimatischen Bedingungen: Im Sommer müssen Läufer auch am Fuß der Monti Sibillini, wie überall in den Marken und in Italien, brütende Hitze ertragen. Somit kommen eher die gemäßigten Früh- und Abendstunden für das Laufvergnügen in Frage. Solcher Eindeutigkeit entbehrt der Herbst. Die Wahrscheinlichkeit von Tagestemperaturen bei 20 bis 25°C ist ein Grund, um im Zeitraum Oktober bis Dezember mediterrane Reisen zu unternehmen. Aber Garantie gibt es dafür keine. In der ersten Urlaubswoche heizte uns die Sonne bei Wanderungen in den Monti Sibillini mächtig ein und die Skilifte im Wintersportort Sassotetto, auf etwa 1500 Meter Seehöhe gelegen, lösten eher ungläubiges Staunen aus. Auch für die überall angebrachten Verkehrszeichen, die Ketten bei Schnee- oder Eisglätte fordern, hatte ich nur ein spöttisches Lächeln übrig. Der Wetterumschwung kam mit nächtlichen Gewittern und am Morgen blickten wir erneut mit ungläubigem Staunen in Richtung Berge: Ab etwa 1.200 Metern Höhe waren die Gipfel schneebedeckt! Die Tagestemperaturen sanken teilweise unter 10°C! Zu kalt für mein dünnes Langarmshirt, das ich als einzige Schlechtwetterlösung im Gepäck hatte. Zum Glück konnte ich mir mit Wanderkleidung behelfen. Fazit: Die Laufjacke und zumindest eine dünne, lange Laufhose gehören also auch für Italien ins herbstliche Urlaubsgepäck.


Die Marken,
Hügel reiht sich an Hügel ...
Sarnano, ein Städtchen
am Fuß der Monti Sibillini
Urlaub im "eigenen" Haus
Laufen in Italien verlangt
Anpassung: Allein mit sich
und der Natur, das gibt's selten.
Um Privateigentum sollte man
als Läufer einen Bogen machen ...
Nur scheinbar ideal zum Laufen: Die Piste durch den Wald nutzt auch der motorisierte Verkehr
Herbst in den Marken:
Die Esskastanien sind reif
Auch das ist Laufen in Italien:
Massenweise schöne Ansichten
Laufen mit Hund:
Roxi an der Laufleine
Zumindest auf dem Land werden
ihm Läufer immer wieder begegnen ...
Die Marken im Herbst

 

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