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Silvesterlauf 2008 in Willmatshofen, Nähe Augsburg ...

Wie ist das, wenn man Letzter wird?

Es war meine Idee: „Hast du Lust an Silvester in Willmatshofen mit mir zusammen 4,8 Kilometer zu laufen?“ - Ines, meine Frau, bejaht und damit steht der Entschluss. - Wieso ein Ultraläufer einen so kurzen Silvesterlauf wählt? Mehrere Gründe: Willmatshofen liegt nicht weit entfernt, im Naturpark „Augsburg Westliche Wälder“, wunderschön in lang gestrecktem Tal, umgeben von bewaldeten Hügeln, trotz Nähe zur Großstadt ländlich, bäuerlich geprägt. Kenne die Gegend, hab dort aber selten Trainingsläufe absolviert. Muss regenerieren, mich schonen. Das hätte ich längst konsequent tun sollen. Hab Fehler gemacht im zweiten Halbjahr. Dumme Fehler. Welche? Gehört nicht hier her, ist mir beinahe peinlich. Als Folge haben sie Beschwerden im rechten Bein verschärft. Jetzt endlich weniger laufen, langsamer, nicht mehr so oft. Einstweilen den kompletten Januar. Wird schon werden …

Also ein Silvesterlauf mit 0,0-Ambition, lediglich aus Lust am Laufen oder besser am Gemeinsamlaufen. Zu selten finden Ines und ich auf einer Laufstrecke zusammen. - „Hast du was dagegen wenn Steffi mit uns läuft?“ fragt Ines mich alsbald. Steffi ist ihre Schwester. Steffi läuft nur einmal die Woche, sonntags, mehr ist beim besten Willen nicht drin. Gründe? Ist einfach so, gehört auch nicht hier her. An nur einem Lauftag kann man keine Ausdauer erwerben. Vier Tage nach dem Training ist der Ausdauergewinn wieder perdu. Sie bleibt auf ihrem Niveau, muss den Lauf eben sehr langsam angehen. Besser als gar nix. Immerhin hält sie die Verbindung zum Laufsport. Bei anderen in ihrer Situation läge die Flinte nicht nur lange schon im Korn, sie wäre bereits verrostet … Wenn Steffi unser Duo zum Terzett erweitert, dann spielt die Musik allerdings noch einen Takt langsamer, das ist mir sofort klar. Aber doch, ja, warum nicht? Ist doch egal wie langsam wir unterwegs sind. Zu dritt haben wir noch mehr Spaß.

Wir sind soweit, stehen dick verpackt am Ende des etwa 150 Köpfe zählenden Feldes. Der Sprecher weist eindringlich auf eine Eisplatte etwa Mitte des Kurses hin. Zwar sei gestreut und ein Posten von der Feuerwehr werde mit Fahne winken, aber die Stelle sei trotzdem gefährlich. Vorsicht also! Mit großem Hallo am Ende einer gut gelaunten Meute, begleitet vom Klatschen einiger Zuschauer, gehen wir auf die Strecke. Bilderbuchsilvesterwinterwetter! Früh hob sich der Nebel und nun strahlt die niedrig stehende Wintersonne bei zwei, drei Grad Kälte mit allem was sie hat. Das wärmt weniger physisch als über malerische Eindrücke. Nach ein paar Minuten traben wir aus dem Dorf, vorbei an der Kirche, überqueren einen Bachlauf. Da stehen doch tatsächlich Zuschauer und applaudieren. Und uns spenden sie besonders viel Beifall. Natürlich nicht mir. Den zwei Frauen an meiner Seite und der Tatsache, dass wir das Schlusslicht bilden.

Unversehens springt mich ein Gedanke an wie ein Gepard sein müde gehetztes Opfer: Derzeit scheint es, als würden wir die rote Laterne nach Hause tragen. Und selbstverständlich werden Ines und Steffi vor mir durchs Ziel laufen. Bei umgekehrter Reihenfolge käme ich mir reichlich … doof vor. So durchzieht mich für ein paar Augenblicke ein recht seltsames Gefühl. Langsam laufen, ohne Ehrgeiz, ok! Aber Letzter werden? Einige Laufschritte reihen sich aneinander, bis ich die oft und wohlfeil anderen ins Laufbuch diktierte Parole selbst akzeptiere. Nicht ihre Logik, einfach die davon ausgehende Emotion. Aber! ... Nein! ... Klar! Es ist nicht wichtig auf welchem Platz man ins Ziel läuft, einzig die Freude an der Bewegung zählt!

Schon witzig! Außer meinen Mitläuferinnen weiß hier niemand, was ich dieses Jahr schon an Läufen und Meriten sammelte. Ein weiter Weg führte mich vom 24-Stunden-Lauf mit über 200 Kilometern im Juli in Berlin, nach Willmatshofen, zum Sub5km-Lauf an Silvester. Und nun bin ich hier, mit guten Aussichten auf den letzten Platz. Ich wäre nicht ich, nähme ich diese Herausforderung nicht couragiert in Angriff, versuchte nicht das Mögliche aus gegebener Situation zu schöpfen. Immerhin weiß ich dann, wie das ist …

Ob mir allerdings wahres Schlusslicht-Feeling zuteil werden wird, steht zu zweifeln. Denn Udo hat wie immer seine Kamera dabei. Und bei diesem Kaiserwetter gilt es die Schwestern ins rechte Licht zu setzen. Zu diesem Zweck renne ich mal voraus, lasse mich bisweilen zurückfallen, um die Läuferkolonne von hinten gegen das Licht einzufangen, hole wetzend wieder auf. Ich vollführe ein hübsches kleines „Fahrtspiel“. Jeder, der mein Treiben beobachtet, wird folglich wissen, dass ich schneller könnte, wenn ich denn nur wollte. Umschwirre ich deshalb mein Zentralgestirn so aufgeregt wie eine Wespe das Marmeladenglas?

Eine dicke Schicht Raureif ließ die neblige Nacht auf kahlen Ästen und Halmen zurück. Herrlich anzuschauen. Überhaupt macht dieses absichtslose Gerenne mächtig Laune. Losgelöst, ungebunden, frei von Trainings- oder Wettkampfzwecken. An keinem der anderen 365 Tage dieses beinahe abgeschlossenen Jahres fühlte ich mich läuferisch so unbeschwert … Jetzt überholt mich sogar der Besenwagen! Ein Krankenwagen tuckert mit 30 Meter Abstand hinter den Letzten her. Blieb kurz stehen, um ein Foto mit Tele zu schießen. Nie hätte ich geglaubt, dass mich mal ein Besenwagen vor sich her treiben würde …

Dann wendet sich die Strecke Richtung Wald und gewinnt an Steigung. Steffi hält ihr Tempo, was ich glaube mit einem besorgten „Langsam, schön langsam!“ begleiten zu müssen. Als die Steigung für hundert Meter weitere Prozente zulegt, überholen wir eine Läuferin, wenig später sogar eine Laufgruppe. Ein Vater begleitet seine drei Töchter, von denen zwei am Berg zum Gehen wechselten. Unablässig überzieht er den Nachwuchs mit taktischen oder motivierenden Bemerkungen. - 2 Kilometer gelaufen spricht „Mr. GPS“ und ich verbreite seine Weisheit zur allgemeinen Kenntnisnahme. Etwas, das wie „So weit schon!“ klingt, presst Steffi heraus. Sie hält sich wacker für jemanden der kaum trainieren kann, aller Ehren wert. Ines brauche ich nicht zu fragen: Anderes als ein glückliches Lächeln habe ich seit dem Start nicht bei ihr gesehen. Sie sorgt für „Entertainment“ im Trio, weist auf Schönes in der Umgebung hin oder hält das Schwesterherz mit Späßen bei Laune.

Jenes Schwesterherz hämmert heftigst, als ihr der steil gewölbte Waldweg für eine halbe Minute die Grenzen aufzeigt. Udo kriegt das erst später mit, der ist einmal mehr voraus geeilt, um die Kurve, legt sich schussbereit auf die Lauer. Als sie um die Ecke biegen, hat Steffi ein paar Meter auf Ines verloren, ringt ersichtlich nach Luft. Nur langsam kriegt sie den schwesterlichen „Zipfel“ wieder zu fassen. „Geht’s noch?“ Weniger als Frage mein ich’s, denn als Hinweis: ‚Lass dir Zeit! Notfalls sind wir bei dir!’ - Natürlich geht’s noch, zumal jetzt abwärts, mit sich beruhigendem Puls. Voraus wartet der Feuerwehrmann mit seiner Fahne, dort muss die Eisplatte sein! Und richtig: „Do inda Kurvn is gladd, do müssza weng langsama doa!“ warnt der nach Art von Astronauten dick gegen die Kälte verpackte Feuerwehrmann - allerdings auf leutselige Weise, die an eine Gefahr nicht so recht glauben lässt. Sand und Steine hat man über die tückische Eisfläche gestreut, wodurch ich sie erst erkenne, als ich schon mitten drauf stehe. Tänzele wie auf rohen Eiern vorwärts, um mich nach zehn Metern umzublicken und mit Erleichterung zu registrieren, dass meine Begleiterinnen das Hindernis ebenfalls unbeschadet hinter sich ließen.

Wir haben sie übrigens vor einer Weile zurück erobert - die rote Laterne. Im abschüssigen Teil, als sich Steffi in erster Linie der „Normalisierung ihrer Sauerstoffversorgung“ widmete, zogen die anderen vorbei. Dafür ist unsere Stimmung prächtig: Steffi kämpft mit inzwischen gerötetem, aber lachendem Gesicht, Ines trabt leichtfüßig und munter plaudernd vor sich hin, und ich verlängere die vorgesehenen 4,8 Kilometer auf fotografischem Zickzackkurs … „Da ist dann wohl auf allen Bildern der Krankenwagen hinter uns zu sehen?“ ruft mir Steffi mit gespielter Sorge in der Stimme hinterher, als ich wieder einmal mit flottem Zwischenspurt eine günstige Schussposition zu erreichen suche.

Zurück in der Sonne, zurück im Tal, zwischen Wiesen und Feldern, Kurs Dorf. Eigentlich müsste man mich disqualifizieren, verlasse ich doch ständig die Laufstrecke, eile über Wiesen voraus, springe über diverse Hindernisse, wie Gräben oder Absätze. Dann bücken oder knien und … Klick! Was wohl die Besatzung im Besenwagen von diesem tanzenden Derwisch hält? Bestimmt besser das nicht zu wissen … Kurz vorm Ortseingang passieren wir die ersten Zuschauer. Herzlicher Beifall schlägt uns entgegen. Vielleicht sollte ich häufiger in der Nähe von Damen laufen und möglichst am Schluss. Auch Ines wundert sich über die warme, beherzte Unterstützung vom Straßenrand, bedankt sich mit Wort und Lächeln. Wie oft haben wir das schon anders erlebt? Leute, die wortlos stehen, eher gelangweilt, mit keiner Regung einen Funken Beteiligung signalisieren. Und hier, in der läuferischen Provinz, belohnen den Läufer Zustimmung und Anerkennung. Toll!

Wieder vorbei an der Kirche, die Durchfahrtstrasse querend, ein letzter Anstieg. Noch einmal gebe ich den rasenden Reporter. Passanten scherzen: „Ihr habt ja ein eigenes Kamerateam dabei!“ Dann sind wir im Zielkanal, erst Steffi, dahinter Ines, dann … Halt! Ein letzter Stopp und ich schieße über den Rücken der Damen auf das Zieltransparent. Als Letzter passiere ich den Zeitnehmer und melde ihm fröhlich das Ende der Veranstaltung: „Zielschluss! Ich bin der Letzte!“

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Wir schlürfen unseren mehr (Steffi, Ines) oder weniger (Udo) verdienten heißen Tee. Nachdenklich schweift mein Blick in Richtung Zeitnahme. Ich war Letzter. Hat sich zwangsläufig so ergeben. Ein Kuriosum, eine Posse. Wie sich ein „echter“ Letzter fühlt, weiß ich deshalb nicht. Ich war nicht Letzter, ich „spielte“ den Letzten, inszenierte diese Rolle als Haken schlagender Fotograf.

Ein unwillkürlicher Blick über Läuferköpfe zum durchsichtig blauen Himmel und urplötzlich reißt es mich davon. Ungezügelte Lauflust! ‚Was, wenn ich jetzt noch mal los laufe, da runter in das herrliche Tal, in die Sonne, einfach noch vier, fünf schnellere Kilometer anhängen. Bis Ines und Steffi fertig sind, wäre ich längst wieder da … Nein! Bleib vernünftig! Du wolltest heute ein Silvesterläufchen ohne gefordert zu werden, die Freude eines gemeinsamen Jahresabschlusses! Mehr nicht! Schon dich!’ Also verwerfe ich den Gedanken und ertrage das enttäuschte, leicht schmerzhafte, wirklich fast körperlich empfundene Ziehen …

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Chronistenpflicht: Ein gut organisierter Lauf in herrlicher Umgebung! Jedem in der Nähe wohnenden Läufer unbedingt zu empfehlen!

 

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