Marathondouble   –   Vers zwei:   Obermain Marathon Bad Staffelstein

staffel

Erstens läuft man anders, zweitens als man denkt

Samstagabend: Ich habe es mir auf meinem Hotelbett in Bad Staffelstein bequem gemacht und suche ein wenig Ablenkung bei DSDS und den manchmal witzigen, aber meistens peinlichen Kommentaren eines Dieter B. Mein letztes Marathonfinish ist gerade mal sieben Stunden alt und in weiteren zwölf werde ich wieder vor dieser Distanz stehen. Entspannt liegend ist die Welt in Ordnung. Stehe ich auf, mosern die Achillessehnen und vor allem die Knie. Entsprechend verläuft die Fieberkurve meines Optimismus im Hinblick auf morgen. Trotzig fatalistisches „Wird-schon-gehen-ging-doch-immer“ weicht von einer Sekunde auf die andere massiven Bedenken, überhaupt das Ziel zu erreichen. Mit Furcht vor versiegender Ausdauer hat das nichts zu tun. Die habe ich heute nicht voll ausgeschöpft und bis morgen früh werden alle Depots ausreichend „refreshed“ sein. Es geht einzig um die angeschlagenen Knochen. Wäre es vernünftiger, da gesünder, morgen zu pausieren? Das ist eine rein hypothetische Frage, steht doch diese Alternative in krasser Opposition zu meinem Naturell. Wenn ich laufen kann, laufe ich - basta! In die Tasche will ich mir allerdings auch nicht lügen und erwarte einen harten Tag: Ein bisschen müde werde ich sein und die genannten orthopädischen Problemzonen werden schon nach wenigen Kilometern nerven, wie sonst kurz vor dem Zieleinlauf.

Sonntagmorgen: Für meine Verhältnisse verbrachte ich eine relativ unruhige Nacht. Ein gnadenlos dämlicher Traum - ich nahm zwei Männer als Geiseln, keine Ahnung wozu, toll oder? - und literweise Flüssigkeit zur sicheren Rehydrierung noch am Abend, rissen mich mehrmals aus dem Schlaf. Trotzdem fühle ich mich ausgeschlafen und erholt. Zumindest beim Gehen fühlt sich alles ganz „brauchbar“ an. Gegen 7:40 Uhr parke ich in Startnähe. Mit zwei Forumsbekannten bin ich um acht zum realen Stelldichein am Rathaus verabredet. Vorher streife ich noch ein wenig umher, schieße ein paar Erinnerungsfotos. Über Nacht fiel die Temperatur in den Keller. Mehr als 2, 3 Grad über Null können das nicht sein. Kein Wunder, dass ich selbst in der Fleecejacke friere. Die Luft wird sich bei neuerlich strahlendem Sonnenschein jedoch rasch aufheizen, da sind Roland und ich uns einig. Am Standbild vor dem barocken Fachwerkbau des Rathauses traf ich ihn zum leider recht kurzen Kennenlernen und Fachsimpeln. Er steht vor seinem ersten Halbmarathon. Nervös sei er, sagt er. Man merkt’s ihm aber nicht an. Schließlich trennen wir uns. Sein Start erfolgt eine Viertelstunde eher und ich muss zum Auto, um letzte Vorbereitungen zu treffen.

Am Start: Zum Glück hatte ich eine große Abfalltüte im Gepäck. Die vom schwachen Wind verschärfte Kälte wäre zu ertragen, nur habe ich so gar keine Lust mir durch Unvorsichtigkeit was einzufangen. Flugs waren Öffnungen für Kopf und Arme gerissen, dann streifte ich mir die hauchdünne Plastikhaut über’s sommerliche Trägershirt. Und nun verharrt der Müllsack im ersten Viertel der 350 Köpfe starken Läuferschar. Ein noch recht junger Sprecher lässt ein paar bemüht witzige Kommentare zum Ganzen ab und entlockt dem mit Startpistole angetretenen Landrat einen launigen Kommentar. Noch zwei Minuten, also rupfe ich mir den Plastikfetzen vom Leib und bin bereit.

Ich laufe. Auf dem Weg durch die Stadt und hinaus Richtung Main interessiert mich nichts von außen. Auch die erste Zwischenzeit - um die fünf Minuten - lese ich nur routinemäßig ab. Voll konzentriert fühle ich in mich hinein, versuche Signale von „unten“ zu empfangen und zu deuten. Meine Verblüffung wächst mit jedem Schritt. Da rührt sich nichts! Kein Zwicken, kein Zwacken, keine wie auch immer geartete „Verkaterung“, nicht mal Müdigkeit. Mein Körper schafft es ja immer wieder mal mich positiv zu überraschen, aber wie konnte er die 42 km Knochenarbeit im Bayerischen Wald über Nacht so gut wegstecken? Und wie ist es möglich, sich selbst eine derart falsche Prognose zu stellen?

Verkrampft war ich nicht, aber ein wenig ängstlich. Zeit lockerer zu werden und Spaß an der Sache zu entwickeln. Wir laufen auf eine Hügelkette zu, die sich am jenseitigen Mainufer hinzieht. Rechts voraus thront die klotzige Anlage von Kloster Banz auf einer der höchsten Erhebungen. Da müssen wir rauf und nach diesen ersten 170 Höhenmetern werde ich letzte Klarheit über meine heutige Verfassung haben. Knapp zehn Minuten für die ersten 2000 Meter verlangen eigentlich dringend nach Temporeduzierung. Ich verschwende dennoch keinen Gedanken daran, weil ich die Mainbrücke schon vor mir sehe und dahinter die Straße rasch in eine Steigung übergeht. Wieder bahnt sich ein toller Landschaftslauf an. Von der Brücke kann man die hübsche Flusslandschaft ein Stück weit überblicken. Am anderen Ufer geht’s binnen Minutenfrist durch das Örtchen Unnersdorf und wie erwartet hügelwärts. Jetzt fahre ich Schrittfrequenz und -weite ganz bewusst herunter und „horche“ erneut in mich hinein. Über Straße, Rad- und Forstweg, vorbei am staatlichen Gut Banz, erreichen wir den Waldrand. Hier endet die Asphaltdecke, der Weg bleibt dennoch fest und nahezu glatt.

Diese Steigung ist deutlich länger als die gestrigen, dafür aber stetig, somit angenehmer zu laufen. Auch wenn ich es kaum glauben und schon gar nicht verstehen kann: Ich nehme diesen Anstieg kraftvoll, ausgeruht und ohne Knie- oder sonstige Beschwerden. Der Pulsmesser zerstreut weitere Zweifel. Obschon ich nicht übermäßig langsam trabe, schafft er es gerade mal auf 131, 2, 3 zu klettern (75% und leicht drüber). Und das Beste: Wenn mich meine Erfahrung nicht vollkommen narrt, dann werde ich das heute erfolgreich zu Ende bringen. Das spüre ich einfach. So wie die Energie augenblicklich fließt, müssen meine Reserven recht belastbar sein. Drei Kilometer vergehen im Anstieg. Im letzten Teil bewege ich mich schon vollkommen sorgenfrei und begrüße die Welt mit weit ausgebreiteten Armen. Was für ein herrlicher Wald! Sind wohl Buchen!? Durch junges Grün blitzen vereinzelt Sonnenstrahlen. Da ist er wieder, dieser beglückende Zustand von Zufriedenheit, innerer Ruhe, dem völligen Einssein mit mir selbst. Getrappel und Scharren von Läuferfüßen kann das laute Gezwitscher in den Wipfeln nicht übertönen. Bergauf plappert auch keiner. Dieser Frühling ist einzigartig!

Wenn mich etwas an dieser Art des Erlebens stört, dann die Flüchtigkeit der Eindrücke. Dass all das Wunderbare in meiner Erinnerung durch kurzes Verweilen nicht noch schärfere Konturen zu zeichnen vermag. Bild schichtet sich über Bild und oft bleibt keine Zeit die Empfindungen zu verarbeiten (Schreib’ ich vielleicht deshalb so ausgedehnte Laufberichte?). Genau das geschieht jetzt wieder: Der Scheitel des Hügels ist erreicht, der Wald öffnet sich und für Sekunden rennt meine Hülle führungslos alleine weiter. Mein Blick schwenkt hektisch hin und her: Geradeaus und vielleicht dreißig Meter tiefer, am Hang, erhebt sich die massige Kulisse von Kloster Banz mit seinen imposanten Türmen. Die Benediktiner wussten genau, wie man bauen muss, um uns Sünder zu beeindrucken. Und der Orden war gleichermaßen zielsicher bei der Wahl des Standortes. Gibt es in dieser Landschaft einen schöneren Platz für ihr „ora et labora“? Jedenfalls würde ich um nichts in der Welt jetzt woanders laufen wollen! Weit hinaus, hinunter und hinüber streift der Blick die weite Talmulde des Mains. Morgendliches Gegenlicht überzieht Fluren und Wälder mit einer gleichermaßen zauberhaften, wie friedvollen Stimmung. Gut vorstellbar, dass Zweifel an der Existenz des Schöpfers und der eigenen Bestimmung „Gottes Werkzeuge“ hier oben seltener heimsuchte.

Bei mir wirkt diese Impression als Zündfunken, versetzt mich augenblicklich vom Zustand guter Laune in Hochstimmung. Jeder Läufer weiß, was passiert, wenn ihm das im Wettkampf widerfährt. Der Körper setzt sich selbst einen Schuss und du hast das Gefühl vollkommen mühelos zu laufen. Zudem geht’s nun talwärts, auf die rückwärtige Seite des Klosters zu. Besucherparkplatz rechts, Klosterpforte geradeaus, Läuferschlange nach links auf die Zufahrtsstraße und wieder rein in die grüne Lunge. Runter, immer weiter runter - ich renne wie ein Verrückter, oder wenigstens so ähnlich. Mit einer Überdosis Glück im Blut und Gefälle unter den Sohlen entwickele ich einen „Affenzahn“ und kicke alle guten Vorsätze den Abhang runter. Im Grunde entspricht diese Geschwindigkeit meinem Laufrhythmus, dem Produkt aus optimaler Schrittweite und angenehmer Schrittfrequenz. Auf diese Weise rennend, erschüttern mich kaum Stöße und Querbelastungen im Stützapparat. Auf der Klosterstraße fährt uns der eine oder andere frühe Ausflügler entgegen. Polizei und Streckenposten haben das allerdings im Griff und nach höchstens zwei Minuten verschwinden wir rechts in einem Waldweg. Warum fürchte ich heute kaum um meine empfindliche Wirbelgegend? Woher weiß ich, dass dieses Gewetze keine negativen Folgen haben wird? Alles wird supergut, kein Zweifel ist angebracht und so rase ich weiter durch diesen tollen Sonntagmorgenfrühlingswald. Manche tun’s mir gleich, Vorsichtigere lasse ich hinter mir. Selbstverständlich kommt unter solchen Umständen auch der Wettkämpfer aus seiner Zelle. Gestern war er verlässlich weggesperrt, im heutigen Laufrausch hab ich ihm jedoch längst den Schlüssel durch die Gitterstäbe geworfen. Die im Anstieg verlorene Zeit will ich auf den zwei, drei Kilometern runterwärts wieder aufholen ... Klar kommt da noch ein Berg, ein ziemlich mächtiger sogar, später dann. Na und!? Was soll der mir anhaben?

Zurück auf eine Straße, noch immer abschüssig. Dann ist der Wald zu Ende, das Gefälle auch. Natur wird von Bebauung abgelöst. Vorbei an einem Betrieb, niemand zu sehen, Sonntag. Rechts voraus ein Haus im Stil vergangener Jahrhunderte. Der Eingang offen, daran ein Schild: „Obermain Marathon - WC“. Ein betagtes Wehr leitet uns auf die andere Seite des Mains. Regungslos träumt ein Angler vom großen Fang oder einfach nur in den sonnigen Morgen. Ein Postkartenidyll drängt sich von links ins Blickfeld. Gut erhaltene Fachwerkfassaden spiegeln sich im Stau des Flusses. Der inzwischen völlig flache Weg zieht sich durch Wiesen, immer wieder unterbrochen von Hainen oder Büschen. Zufällige Spaziergänger sind die einzigen Zeugen eines echten Landschaftsmarathons. Zehn Kilometer sind gelaufen, das Tempo liegt derzeit leicht unter 5 km/min. Zu schnell - was soll’s, es geht mir prächtig dabei. Zwischen Bäumen blinkt ein Badesee. Der Pfad an seinem Rand ist breit genug, die Kette der Läufer schon reichlich ausgedünnt. Rechts, links, auf einen Feldweg. Grobe Kiesel malträtieren ein Stück weit die Füße, Schlaglöcher erzwingen Schlangenlinien. Rechts ab. Der von jungen Bäumchen gesäumte Radweg tut den Laufwerkzeugen gut. Mehrere Blicke schicke ich hinauf zu Kloster Banz, ein wunderschönes Bild.

Vor mir hat sich eine große Lücke im Strom der Läufer gebildet. So erstirbt der Jubel einer Zuschauerkolonie abrupt, um ein paar Sekunden später neben mir wieder aufzuflammen. Die Ortschaft Schönbrunn hat alles aufgeboten, was sonntags Beine hat und sich auch nur entfernt für laufende Mitmenschen interessiert. Immer wieder gibt’s Applaus und Anerkennung. Die Bahnbrücke am Ausgang des gastlichen Dörfchens „kitzelt“ kurz die Oberschenkel. Dann ist die vierspurige B 173 zu überwinden und kurz danach eine Staatsstraße zu kreuzen. Beidseits warten Autos, Streckenposten verwehren die Weiterfahrt. Das wird nun sicher eine Viertelstunde dauern, bis hier alle durch sind. Auf trocken knirschendem Feldweg, kaum merklich ansteigend, halte ich direkt auf die nächsten Höhen zu. Bevor sich das Gelände merklich heben kann, gewährt der Streckenplaner Aufschub und schickt uns im 90°-Winkel zur Ortschaft Wolfsdorf. Zum Trinken gibt's auch was. Noch ist es kühl. Das schon, aber die Sonne brennt gnadenlos und so ist Trinken Marathonis erste Pflicht. Im Becher schmecke ich Mineralwasser mit ganz leicht salzigem "Touch". Umso besser, heute werde ich stärker schwitzen und der Salzanteil sorgt für eine schnellere Aufnahme der Flüssigkeit.

Wolfsdorf: Ein verschlafenes Dörfchen, einzig erwähnenswert auf meinem Weg scheint eine offenkundig steinalte Kapelle. Ihr weit geöffnetes Portal lädt zu sonntäglichem Gebet oder einfach nur zu besinnlichem Verweilen. Hinter dem Ort geht’s auf Feldwegen weiter. Eine gewisse Spannung hat sich aufgebaut. Ein paar hundert Meter trennen mich noch von der nächsten „Bergprüfung“ und als lohnendes Ziel bevorstehender Mühen ragt aus bewaldeter Flanke die Kirche Vierzehnheiligen. Nach und nach wächst der aus der Ferne eher zierlich anmutig wirkende Sakralbau zum massiv wuchtigen Gotteshaus. Es beherbergt eine ob ihres einmaligen Klanges berühmte Orgel, auf der am Samstag vor dem Marathon ein Konzert stattfindet. Leider reiste ich zu spät an, um mit dem bereit gestellten Pendelbus hier heraus zu fahren. Auf den letzten Metern des Feldweges beginnt der Anstieg, erleichtert vom Anfeuerungsgeschrei einer wenige Köpfe zählenden Zuschauergruppe. Sie bezogen Posten, wo der Weg in die asphaltierte Auffahrt zur Kirche mündet. Vom Gehsteig aus, noch mäßig angestrengt trabend, beobachte ich den lebhaften Ausflugsverkehr. Die langsame Anfahrt endet im „Stop and Go“ vor dem ausgedehnten Parkplatz. „Ein Euro Fünzig bitte!“ Es hätte den in zwei Schlangen kassierenden Parkwächtern nicht mehr bedurft, mich von der Bedeutung des Sightseeing-Zieles „Vierzehnheiligen“ zu überzeugen. Vom Parkplatz pilgert - gottlob zumeist auf der anderen Straßenseite - ein dichter Strom von Menschen bergwärts. Ihr und mein Weg werden steiler, sie und ich werden langsamer. Nach weit gezogener Rechtskurve sehe ich Vierzehnheiligen dann vor mir: Ob gläubig oder nicht - dort droben, am steilen Ende der Straße, mit hohen Türmen weit ins Himmelblau greifend, auf nicht fassbare Weise entrückt, beeindruckt das Pilgerziel jeden Besucher. Um Fußgängern auszuweichen, wechsele ich auf die Straße. Die nächsten einhundertundfünfzig Meter der bisher heftigsten Steigung setzen mir gewaltig zu. Dennoch spüre ich auch hier, dass die Kraft noch lange nicht versiegen wird. Und Motivation hole ich mir mit Seitenblick auf mächtig schnaufende Pilger. Das mag eine Quelle reichlich primitiven Stolzes sein, aber es treibt an. Und ihre (in der Mehrzahl wahrscheinlich nicht vorhandenen) fassungslosen Gedanken zu lesen hilft auch: ‚Wie kann man den Kirchberg in diesem Tempo rauf joggen?’

Auf dem Kirchplatz endet die Straße nicht, erweitert sich zum kleinen, vergleichsweise ebenen Plateau und ein bisschen Beifall für die Schinderei der letzten Minuten gibt’s auch. Vor den unvermeidlichen Souvenirständen biege ich um die Ecke des Kirchturms. Meine Erwartung wird nicht „enttäuscht“, es geht weiter aufwärts. Kaum zwanzig Meter vor und ein gut Stück über mir rennt einer dieser „Typen“, deren Auftritt dir echt den Rest geben kann. Vor allem, wenn du - schon fix und alle - am eigenen Limit rennst. Übermütig, bisweilen jauchzend, mit jedermann scherzend, hier in Richtung eines Biergartens, trabt er demonstrativ locker flockig hinan. Ich lauf noch nicht an meiner Grenze, es geht mir sogar ausgesprochen gut. Der Lauf erfüllt mich mit Freude und Zufriedenheit. Aber es ist verdammt noch mal anstrengend! Wie könnte ich da den Hofnarren für mehr oder weniger Unbeteiligte spielen und zusätzlich Kraft verschwenden? Und ob ihr’s glaubt oder nicht, einige Höhenmeter später, ist mit „locker flockig“ erst mal Pause. Er geht! Nicht weit, es reicht nicht mal ihn zu überholen. Aber verstehen muss ich das wohl nicht!?

Kurz nach diesem Intermezzo verlassen wir Straße und Steigung. Am Waldrand, ohne erwähnenswerte Höhendifferenz und auf festem Untergrund laufend, suchen meine Augen den Staffelberg, denn dieser Gipfel markiert den höchsten Punkt der Route. Ich kenne das Gelände nicht, deshalb beschuldige ich erst mal jeden der mit Blicken „verhafteten“ Buckel, mir noch ein bisschen Power stehlen zu wollen. Doch eine Minute später, hinter der nächsten „Tränke“, biegen wir scharf nach rechts auf einen Feldweg ab und der „Hauptverdächtige“ bleibt alsbald vollkommen rehabilitiert zurück. In meiner Vorstellung von der Strecke sollte ich mich jetzt eigentlich kontinuierlich aufwärts kämpfen!? Hätte ich die Karte mehr als nur oberflächlich studiert, wären mir die folgenden drei, vier Kilometer in sanftem Auf und Ab des Bergrückens geläufig. Stattdessen renne ich ein bisschen verwirrt durch die Gegend. Zum Glück nicht allein, sonst kämen womöglich Zweifel hinsichtlich der eingeschlagenen Richtung auf. Die „17“ auf der siebzehnten kleinen Tafel bringt Klarheit. Kurz darauf facht ein ebensolches Täfelchen meine Irritation von Neuem an. Es steht auf der anderen Wegseite und die „25“ ist nur mit halber Kopfdrehung abzulesen. Auf das Nächstliegende kann ich mir zunächst keinen Reim machen. Hier herauf zu joggen muss mir also mehr abgefordert haben als meine verklärte Erinnerung zugeben will. Ein mit Blaulicht und ziemlicher Staubentwicklung heran rasender Notarztwagen beendet meine Zweifel jäh. Wie es scheint hat es da so ein armes Schwein erwischt. Ich drücke mich einen Moment in die Büsche und bekomme zum Glück von seiner Dreckschleppe nicht allzu viel ab. Weiter.

Irgendwann sichte ich weit voraus den plateauartigen Gipfelaufbau des Staffelberges. Der Anblick beruhigt und erstaunt mich gleichermaßen: Beruhigt, weil der Schlussanstieg aus der Entfernung ziemlich harmlos wirkt, erstaunt, da mich noch etwa zwei Kilometer vom Zenit der Route trennen. Ein Mountainbiker, gefolgt von schnellem Läufer, hilft dann endlich meinem Verstehen auf die Beine: Der junge Kerl führt das Marathonfeld an und dieser Feldweg leitet uns zum Staffelberg und nach der Wende wieder zurück. Unsere Augen treffen sich einen Moment. Sein Gesicht wirkt entspannt und nicht im Mindesten angestrengt. Was sieht er bei mir?

Es dauert eine ganze Weile bis sein Verfolger auftaucht. Nach und nach tröpfeln dann die schnelleren Läufer vorbei. Der eine oder andere schon reichlich derangiert wirkende Marathoni kann den Lauf sicher nicht so genießen wie ich. Diese Landschaft ist wunderschön. Felder, Wiesen, Gruppen von Büschen und Wäldchen teilen die sanft gewellte Hochebene unter sich auf. Voraus der an seinen Flanken mit Fels bewehrte, am Gipfel auffällig abgeflachte Staffelberg. Das nun rechts im Blickfeld erscheinende Schäferidyll, die ruhig in der Sonne dösende Herde, umsorgt von zwei auffällig hübschen, schwarzen Hunden und einem reglos auf seinen Stab gestützten Hirten, durfte der himmlische „Eventmanager“ keineswegs vergessen. Ich laufe, verschwende jedoch keinen Gedanken an den Vorgang als solchen. Ich bin im Wettkampf, aber an die Uhr denke ich in dieser Umgebung zuletzt. Was mir widerfährt, gestern und heute, erlebe ich als neue, heitere, von Naturschönheiten beseelte Dimension meiner Laufleidenschaft.

Aus der Tiefe mündet ein Pfad in unseren Kurs. Ein paar Laufenthusiasten, vermutlich Freunde und Familie von Läufern, haben sich dort angesiedelt. Jedem wird lautstarke und von hölzernen Ratschen unterstützte Anfeuerung zuteil. Ich krieg ein bisschen mehr ab, weil ich kurz vor diesem Punkt zu einer Läuferin aufschloss und angesichts rennender Mädels geht der Zuschauer deutlich verschwenderischer mit seiner Puste um. Jetzt geht’s los - der Schlussanstieg! Erst mal relativ harmlos. Ich halte mich dicht hinter, teilweise leicht versetzt zur kämpfenden Amazone. Und dann, binnen Sekunden, wird es richtig gemein: Der Weg wird derart steil, dass das Laufen nur noch auf dem Vorfuß möglich ist, die Oberschenkel beginnen heftig zu protestieren, mein Atem geht tiefer und schneller. Die Frau bleibt zurück, andere müssen gehen. Da meldet sie sich wieder, die Lust zu leiden. Darein flicht sich Genugtuung, noch genug Saft in allen Fasern zu wissen, um just an diesem Killerhang den zwar schneckengleichen, aber steten Laufschritt fortsetzen zu können. Dieses Gefühl kann ich nicht wirklich beschreiben. Auf entsetzliche Weise unangenehm, trägt es Regungen von Befriedigung, Stolz und Dankbarkeit. Ich fixiere das Ende der Qualen, nur noch zehn Meter. Die am frenetischsten applaudieren Zuschauer haben sie genau am Ende dieser Tortur postiert. Das passt zu meinen Emotionen, katapultiert sie ins Himmelblau. Geschafft, bin oben, heftig atmend, mit tonnenschweren Beinen, aber gelaufen!

Achtung! Von scharf rechts ein, zwei Läufer auf dem Rückweg. Und ich? Jetzt nach links? Eigentlich doch nach rechts? Nein, links geht’s weiter, ich kreuze den Laufweg der Rückkehrer, bin einen Moment völlig verwirrt, stocke, wende mich um, frage Umstehende, in Laufrichtung deutend: „Hier lang???“ „Ja, ja, da geht’s weiter!“ Zwischen der in luftiger Höhe (539 m) errichteten Adelgundiskapelle und der von vielen Wanderern sicher begrüßten Staffelberg-Klause beginnt die Umrundung des leicht geneigten Tafelberges. Mit Papierfähnchen ist dieser Streckenteil markiert. An verschiedenen Stellen erlaubt er atemberaubende Tiefblicke und unwillkürlich bin ich versucht den Kurs zu verlassen, um das Panorama komplett und länger zu genießen. Heute fehlt mir noch die nötige Souveränität, den Wettkampfgedanken für eine Minute einfach über einen der Felsen in die Tiefe zu entsorgen und mir den - im wahrsten Sinne des Wortes - nahe liegenden Wunsch zu erfüllen. Vielleicht bin ich dereinst dazu fähig, mit doppelt so vielen Marathonläufen in den Beinen, wer weiß? Also begnüge ich mich mit Teilansichten und bleibe dicht am Rund der Fähnchen. Das hat aber auch was, denn hier wird in weichem Gras gelaufen. Das Hurra-Gebrüll meiner Füße ist bestimmt bis zum Rathaus von Staffelstein zu hören. Quer über die Gipfelwiese, zuletzt mäßig hinab, wird Udo einmal mehr demonstriert, dass jeder Lauf Neues zu bieten hat. Kein noch so reicher Marathon-Erfahrungsschatz kann das verhindern …

Am Ende der Wiese ist die Reihe an mir, den Rückzug über die bereits bekannte Route anzutreten. Vorsicht! Ich muss nach links unten und dazu wieder den Laufweg kreuzen. Kein Problem eine Lücke zu finden, kein Problem sie zu nutzen, so quälend langsam wie sich die Läufer herauf bewegen. Zum Problem wird schon eher, diesen Hang abwärts kontrolliert zu laufen. Obwohl: Laufen kann man das nicht nennen. Mit kurzen, beherrschten Schritten, den Körperschwerpunkt über den aufsetzenden Füßen ausbalancierend, wie hundertfach auf Bergtouren im Gehtempo erprobt, „stöckele“ ich mit viel Ferseneinsatz hinab. So schnell es eben geht. Wer hier volle Pulle zu laufen versucht, überschlägt sich oder kriegt spätestens die letzte, sandig-geröllig rutschige Rechtskurve nicht. Ohne Unfall überstanden! Am Fuß des Hanges ist der Weg sicher und ich lasse es laufen.

Von nun an geht’s bergab. Das ist nicht nur eine Zeile aus einem der berühmten Chansons der leider allzu früh verstorbenen Hildegard Knef. Sie meinte es mit rauchig sonorer Stimme schicksalhaft, mir gilt es eher topografisch. Tendenziell habe ich jetzt 250 Höhenmeter um verloren gegangene Zeit aufzuholen. Im Grunde laufe ich gar nicht, da meine Füße den Boden selten berühren. Mir ist schon klar, dass auf dem Tafelberg eben gerade mal der Halbmarathon zu feiern war. Aber nichts tut weh, die Energie fließt und fließt, als könnte sie bis zum Horizont und darüber hinaus nicht versiegen. Mich beherrscht absolute Gewissheit diesen Lauf gut zu Ende zu bringen. Mit „Kampf“, ja das schon, wie immer halt, aber ohne „Krampf“. Diese Gewissheit, ein Feuerwerk von Frühling um mich her und das wieder einmal grandiose Wetter erfüllen mich mit unbändiger Freude. Also schwebe ich - bis auf weiteres - und verschärfe das Tempo.

Er da, der mit der orange-grauen Laufhose, schwebt nicht nur, der fliegt. Vorhin am Mörderhang, himmelwärts, ließ ich ihn stehen. Nun zischt er vorbei, als wäre er dort oben dem Leibhaftigen begegnet. Mein Schweben ist kein Rausch, denken kann ich noch. Und ich denke, dass seine Geschwindigkeit überzogen ist, dass ich sein orange-graues Hinterteil womöglich nicht zum letzten Male sah. Auf den Kilometern bis zur Teilung der Strecke hebt sich das Gelände ja auch noch einige Male. In der nächsten Viertelstunde erlebe ich die Hauptmacht der Läufer auf Gegenkurs. Vor dem Schäferidyll, das wie in Stein gemeißelt verharrt, posiert eine Spaziergängerin für ihr Foto des Tages. 22, 23, 24 - ich registriere die Kilometer kaum. Schon eine ganze Weile kommen mir nur noch einzelne und bereits reichlich erschöpft wirkende Läufer entgegen. So wie diese schwergewichtige junge Frau, der der Kirchberg von Vierzehnheiligen sichtlich zusetzte. Jetzt praktiziert sie ein mühsames Mittelding zwischen Trab und Sich-Dahin-Schleppen. Im Grunde imponiert sie mir, andererseits scheint mir ihr Vorhaben reichlich fragwürdig. Um unter diesen Bedingungen zu laufen und nicht in besagtem Notarztwagen zu enden, sollte man die eigenen Möglichkeiten sehr kritisch bewerten.

Hin- und Rückweg haben sich getrennt. Über ein miserables, mit groben Steinen übersätes Stück Feldweg strebe ich einem Wäldchen entgegen. Darin wird der steilere Teil der Strecke beginnen. Dazu muss man nicht orakeln, die Geländeformation schenkt Gewissheit. Nach ungefähr hundert Metern Konzentration auf reichlich abschüssiger Bahn, begegnet uns ein Mountainbiker, angestrengt pedalierend und unter Atemnot leise zählend. „ …, 89, 90, 91, …“ Die letzte Nummer galt mir und beschreibt wohl meinen derzeitigen Rang im Feld. Der weiß gar nicht, was er damit anrichtet. Keinesfalls werde ich den Abstieg in die „Klasse der Dreistelligen“ zulassen. Im Gegenteil! Einundneunzig ist doch herrlich ausbaufähig, da geht noch was! Entsprechend beginne ich nun diesen Berg hinunter zu rasen, was das Zeug hält. Der Pulsmesser kopiert vorwurfsvoll jene Werte in die Anzeige, die er vorhin schon mehrfach bei moderaten Anstiegen präsentierte. Kann einem so ein „Technik-Dings“ einen Vogel zeigen?

Das Gefälle bleibt einigermaßen konstant und der Weg ist jetzt gut zu laufen. Etwa drei Kilometer geht es so dahin. Meine Knie sollten nun in Überbeanspruchung jaulen wie Wölfe im Mondschein. Unfassbar - nichts dergleichen veranlasst mich, mein aberwitziges Gerenne zu überdenken. Ein paar Minuten hab ich es schon im Radar, das orange-graue Hinterteil. Langsam aber sicher pirsche ich mich heran, lasse dabei andere Marathonis hinter mir. Ich zähle nicht mit, so weit geht das Konkurrenzdenken dann doch nicht. Außerdem lebe ich hier mehr die pure Lust am Rennen aus. Zu wissen, dass ich gestern bereits 42195 Meter in hartem Gelände hinter mich brachte, dazu jetzt und hier nur ganz entfernt ein Limit zu spüren, DAS lässt mich alle Vorsicht vergessen. Der Feldweg mündet in eine Straße, das Gefälle bleibt. Die ersten Häuser eines Dorfes sind bereits zu erkennen. Das orange-graue Hinterteil müssen sich nun andere ansehen, ich bin auf und davon. Auf der Straße läuft es sich noch besser, die Gefahr umzuknicken besteht nun nicht mehr. Kilometer 27: Im Dorf endet die abschüssige Bahn, geht sogar wieder in eine leichte Steigung über. Das bleibt so, während wir Weiler und Straße verlassen, die Landschaft hat uns wieder. Der Buckel war nicht allzu hoch, trotzdem näherten sich hinter mir Schritte. Mein Verfolger hat jedoch keine Chance, als ich dann abwärts neuerlich „aufdrehe“. Ich laufe wie entfesselt. Kilometer 28, zwei Biker warten an einem Abzweig: „Nummer 76 und 77, Super Leute, weiter so!“ informieren sie erst mich und dann meinen Schatten. Fünfzehn Plätze gut gemacht, nicht schlecht, mal sehen wie’s sich weiter entwickelt. Diese blöde, zugerufene Zahl hält natürlich meine Motivation auf Höchststand. Besitzstandswahrung - was man hat, will man nimmer hergeben - scheint mir nicht genug. Dicht vor den ersten Behausungen des nächsten Dörfchens mache ich weitere Läufer aus. Unvermindert halte ich meine Pace. Die Uhr ist noch tabu. Ich bin schneller als gestern, einiges schneller, das ist klar, aber für Prognosen ist es zu früh.

Polizei sichert beim Kreuzen der Hauptstraße. Unter lautem Beifall gilt es eine kleine „Schikane“ durch das Dorf zu laufen. Im Inneren wirkt es ausgestorben. Streckenhinweise gibt’s hier keine und so halte ich mich einfach auf weiter Rechtskurve entlang des zum Kanal kastrierten Dorfbaches. Zwangsläufig treffe ich nach Minutenfrist auf die Hauptstraße, wo mir ein Feuerwehrposten endlich wieder Orientierung gibt. Auf dem Radweg, parallel zur Straße, von dieser aber durch viel Buschwerk getrennt, geht es zunächst eben dahin. Und dann ist da niemand mehr. Niemand mehr zu sehen und hinter mir auch nicht zu hören. Objektiv betrachtet ist das zwar Unsinn, aber ich beginne zu zweifeln, ob ich noch richtig bin. Ein Auto parkt im Gras zwischen Radweg und Bach. Dahinter, auf praller Luftmatratze, und erst im letzten Moment auszumachen, zwei überaus füllige Mitmenschen beiderlei Geschlechts beim Sonnenbad. Spontan vermengen sich mir zwei Impulse, keiner als Gedanke wirklich zu Ende gebracht, mehr eine Empfindung: Irgendwie ein doofer Platz für ein Sonnenbad, wo doch an herrlichster Natur hier nirgendwo Mangel herrscht. Und: Euch beiden würde ein bisschen mitjoggen auch mehr bringen, als hier faul in der Sonne zu braten. Und ab …

Das unterschwellige Sorgen um die korrekte Route gibt erschreckende Vorstellungen ein: Freude im Ziel, der Griff nach der vermeintlich sicheren Medaille und dann die Disqualifikation wegen Verlassens der Strecke … Blödsinn! - Dieser Radweg wurde früher als Straße genutzt. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich den an manchen Stellen noch schwach wahrnehmbaren, durchgezogenen Mittelstrich zu interpretieren wusste. Die Erlösung: Der Radweg geht in der Zufahrt zum nächsten Ort auf und hier steht nun gottlob wieder ein Streckenposten mit eindeutigem Handzeichen. Und runter geht’s auch wieder. Sechzig, siebzig Meter lass’ ich es wieder krachen. Rechtskurve und eben weiter. Hie und da Applaus und vor mir, mit nun schon merklich reduziertem Abstand zwei weitere Läufer. Hinter dem einen ist gleich wieder vor dem nächsten Dorf. Dazwischen Gegend, nicht mehr so spektakulär - diesem Tal fehlt die Weite - dennoch den Augen schmeichelnd. Nächster Ort: Weit voraus, hinter einer Kurve verborgen, Jubelgeschrei. Ein paar Mal, jeweils lang gezogen anschwellend, um dann abrupt zu verstummen. Ein Cheerleader-Spalier erwartet mich! Wer bedauert nun wen? Die Mädels in ihren farbenfrohen, minikurzen Kostümen den Wettkämpfer, oder jener, da er sich doch bewegen darf, die zum stundenlangen Ausharren verdonnerte Gute-Laune-Truppe? Ein Lachen und Hochreißen der Arme haben sie in jedem Fall verdient und Spaß macht’s mir obendrein.

Dreißig Kilometer sind passé, ich bin weitgehend allein mit mir und der Strecke. Der Lauf strengt zunehmend an. Das fühle ich schon eine ganze Weile. Ich habe mich für ein Tempo entschieden, wissend was es auf den letzten Kilometern bedeutet, und nun ziehe ich das durch. Marathonerstlinge erschreckt man gern mit dem „Hammermann“. Das ähnelt dem Fehler hilfloser Eltern, die ihren Sprössling per „Schwarzem Mann“ disziplinieren wollen und ihnen dadurch den Blick auf andere Gefahren verstellen. Während einer mehr als dreistündiger Dauerleistung kann man weit mehr falsch machen, als „nur“ zu schnell zu laufen. Wer sich heute früh - knapp über dem Gefrierpunkt - zu warm angezogen und unterwegs zu wenig getrunken hat, dem wird der Wassermangel gleich übel mitspielen. Mittlerweile ist es so warm, dass auch mir die Temperatur zu schaffen macht. Dann sind da noch die schmerzenden Beine in der Schlussphase. Mach zu wenig lange Trainingsläufe und bleib ruhig immer unter drei Stunden oder dreißig Kilometer. Deine Füße werden dich foltern, ich verspreche es dir! Oh, das tun sie auch, wenn du ausreichend trainiert hast, aber du wirst es kennen, aushalten und deine Idee einen Marathon zu laufen weniger verfluchen …

Die Bundesstraße 173 verlegt mir auf erhöhter Trasse den Weg. Seit Minuten laufe ich, flankiert von Wiesen, auf sie zu. Eine Unterführung weist den Weg „ins gelobte Land“, in Richtung Ziel. Wenn’s keine Ressourcenverschwendung wär’, sollte ich jetzt über mich schmunzeln. Manchmal, wenn das Ziel mangels Ortskenntnis noch weit entfernt scheint, gewinne ich ein bisschen Durchhaltevermögen aus den Kilometertafeln. Dann sag ich mir ‚Mensch Udo, nur noch 8, 7, 6, … Kilometer!“ Das klingt nach wenig, und täuscht den Realisten ein bisschen. Heut’ ist es anders, denn die Bundesstraße zieht einen markanten Strich durch meine mentale Landkarte: Luftlinie trennen mich vermutlich weniger als drei Kilometer von der Erlösung. Aber die Tafel erzählt von verbleibenden zehn Kilometern. Also bastelt sich mein Hirn eine besser erträgliche Formel zurecht: ‚Hinter der Bundesstraße liegt Staffelstein, bald ist es geschafft!’ Zusätzlich rechne ich mal mit den verbleibenden 10 Km meine Endzeit hoch und komme auf einen Wert unter 3:40h. Das verpasst mir den zweiten Nachbrenner. Unter der Unterführung bin ich durch, dahinter beginnt eine weitere Steigung. Die letzte übrigens, was ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht weiß. Das zieht schon gemein in den Oberschenkeln, zwingt mich auch meine Schritte zu mäßigen, kann den Erfolg aber nicht gefährden. Auf dem Scheitel des kleinen Buckels hat der Jäger weitere drei, vier voraus laufende Opfer im Fadenkreuz und der Abstand verringert sich. Mentaler Schub Nummer drei! Kilometer 33, 34: Wieder einen Mitläufer überholt und dann noch einen. Rechts querab erkenne ich Wohnbebauung, keinen Kilometer weit weg. Das ist, das muss Staffelstein sein. Wenn aber noch acht Kilometer fehlen, dann gilt es wohl nach Indianertaktik die „Wagenburg“ erst zu „umreiten“ und sie dann von hinten zu erobern. Noch einmal eine Ortschaft, Unterzeitlitz, ein weiterer Verpflegungspunkt. Obwohl die Sonne mich auszudorren versucht, trinke ich nicht. Dafür ist es zu spät und ich nutze die Gelegenheit noch einen Marathoni hinter mir zu lassen.

Ortsausgang, Bahnunterführung, gerade aus weiter, dann halbrechts über die Betonplatten eines Feldweges. Und wieder Natur pur. Hinüber zur Hügelkette von heute morgen könnte ich jetzt fast schon spucken, also auch in den Main. Der muss da irgendwo hinter der grünen Wand fließen. Die Betonplatten sind den Wegebauern anscheinend ausgegangen, jetzt renne ich über festen, kiesigen Untergrund und zwischen Weideland. Der Sch…weg wird schlechter, loses Geröll setzt den Füßen zu. Jetzt „jaulen“ sie tatsächlich. Und es ist heiß hier, kein Lüftchen regt sich. Falls du dich fragst, ob die Veränderung der Grundstimmung in meiner Schilderung Absicht ist … Nein, sie ist einfach zwangsläufig: Es tut jetzt nur noch weh, hat nichts mehr von Genuss und so will ich nur noch eines: Ins Ziel! Das ist einer dieser Seen, von denen Roland erzählte, die sich so lange hinziehen sollen. Noch vier Kilometer! Nun verstehe ich, was er meinte. Auf immer wieder holprigem Untergrund und von der Sonne versengt, scheint das Seeufer kein Ende nehmen zu wollen. Ich erwarte Kilometertafel „39“! Und was kommt? Die mit der „38“! Halluziniere ich schon? Bin ich zu blöd um eine besch…, zweistellige Zahl richtig abzulesen? Ich gehe hart mit mir ins Gericht. Man braucht kein „Püscholoche“ zu sein, um das als inneres Kompensationsmanöver zu entlarven. Über den unbedeutenden Ärger verrinnen weitere Minuten und dann sind’s wirklich nur noch lächerliche 3000 Meter (plus 195, ich will ja nicht schummeln).

Entweder ist der verlorene Kilometer schuld an der Verwirrung, oder die Hitze raubt mir zeitweise die Sinne. Eine neuerliche Hochrechnung sieht mich jetzt deutlich über 3:40h im Ziel. Das gefällt mir nicht und so leg ich noch mal ein paar Kohlen nach. Verwirrend gestaltet sich auch der letzte Kilometer: Mal quer, mal im Zickzack durch den Kurpark, sogar mit ein bisschen schlechtem Gewissen angesichts der vielen, offensichtlich gehbehinderten Patienten, suche ich die korrekte Laufroute. Markierungen, Streckenposten oder andere Läufer sind nicht durchgängig verfügbar, also löse ich die Aufgabe mit Logik. Und dann renne ich unvermittelt auf das Stadion zu, bin auf der Tartanbahn bevor ich es richtig realisiere, schwebe wieder mal auf dem weichen Belag, wie auf Wolken … Ein zunächst leidenschaftsloser Blick fällt auf meine Uhr, lässt mich dann aber noch einmal alle Reserven mobilisieren: Weiß der Kuckuck, was ich da vorhin kalkulierte, aber das wird eine Zeit weit unter 3:40h. Nun ist mir nicht mehr heiß, die Beine scheinen frisch, wie vor drei Stunden und vollkommen locker trabe ich auf die Fotografen im Ziel zu. Den Schlussspurt ziehe ich nicht voll, denn die Uhr weiß, dass ich auch so noch unter 3:37h ankommen werde. Dann bin ich im Ziel. Zumindest bei den letzten drei Läufen war es der Moment eines gewaltigen Niesers, so auch heute. Kurios! Ist der viele Blütenstaub schuld, den ich während dieser Frühlingsläufe zwangläufig „kokse“?

Ich kann mein Glück kaum fassen und meine Leistung kaum verstehen. In zwei Tagen zwei Marathonläufe und dann noch mit 900 und 700 Metern Profil. Den ersten liefere ich vorsichtig und mit wunden Gehwerkzeugen in 3:50h ab und dann heute DAS. 3:37h und bis auf die letzten etwa acht Kilometer nur Freude und Genuss. Gibt’s das? Erst später ziehe ich den nahe liegenden Schluss: Ich habe schlicht mit Erfolg, also richtig, trainiert. Ich stolpere ein bisschen ziellos auf der Tartanbahn herum. Vor lauter Gefühlsduselei dauert es einige Zeit, bis ich mich der wichtigsten postmarathonalen Tätigkeit widme: Trinken! Nach ein paar Bechern süßer Limonade und Apfelschorle - wie es gibt kein Wasser mehr??? - höre ich den Zuruf von Roland. Er hat auf mich und ein paar andere Bekannte gewartet und auch nicht vergessen zu fotografieren. Bis sich der Anstand durch die megadicken Wolken süßester, rosa Zuckerwatte in meinem Kopf gefressen hat, dauert es ein, zwei Minuten. Ein bisschen beschämt erkundige ich mich dann doch noch nach seinem Ergebnis. Mit ruhiger, beinahe unbeteiligter Stimme eröffnet er mir seinen phänomenalen Erfolg über die HM-Distanz: Um Sub2h hatte er gebangt und 1:49h ist es geworden! Was für ein Erfolg! Gratulation an Roland!

Roland hat sich verabschiedet und ich wollte schnellstmöglich mit der Freikarte in die Obermaintherme, um bei drei Saunagängen zu regenerieren. Aber das Flair im Marathonzielbereich, wenn man einen Sieg über … egal über was, eingefahren hat, ist zu schön. Also besorge ich mir mein verdientes Bier - wie es gibt kein alkoholfreies Bier mehr??? Also gut, dann ein Radler - und lasse mich rittlings auf einer freien Bierbank nieder. Keine Minute gelingt es mir meinen Gedanken Flügel wachsen zu lassen, dann setzt sich jemand ächzend und mit wahnsinnigem Mitteilungsbedürfnis hinter mich. Ich bin zu ‚happy’, um unhöflich zu sein und drehe mich zu ihm um: Ein langhaariger Triathlet in meinem Alter, wie sich gleich heraus stellen soll. Zwei mit dem Universum Zufriedene schenken sich gegenseitig ein paar offene Sätze über das Leben im Allgemeinen und den Ausdauersport im Speziellen. Nach Lebewohl und guten Wünschen wende ich mich endgültig zum Gehen. Täusche ich mich oder berühren die Füße tatsächlich nur ganz sachte den Boden?

 

Statistik:
Zeit Marathon:     3:36:50
Rang 70 von 256 Platzierten (9. in M50)

 

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