Metropolmarathon Fürth  -  Ein Lebenstraum geht in Erfüllung

von Reno (Reinhard) Teichner

Vor dem Lauf

Sonntag, 28. Juni 2009: Der Tag, auf den ich mich 12 Wochen lang intensiv vorbereitet habe.

6 Uhr morgens, ich wache das erste mal auf und schaue aus dem Fenster. Es scheint keine Sonne. Graue Wolken beherrschen den Morgenhimmel. Na, das ist schon mal nicht schlecht. Jedoch ist mein rechtes Nasenloch nicht frei. Habe diese Woche ganz leichten Schnupfen bekommen. Nix Dramatisches, aber das Atmen fällt mir etwas schwerer.

Die Nacht habe ich gut geschlafen im Gegensatz zu den letzten. Das Abendessen gestern mit meinen Schwager war spät, aber kurzweilig und hat die Aufregung etwas verdrängt. Ich döse noch eine Stunde. Danach stehe ich auf und bereite ein kurzes Frühstück. Meine Sachen muss ich noch packen. Es wird die Strategie festgelegt, wo und wann mein Fanclub und meine Frau sich treffen.

30min Autofahrt später finden wir uns im Startbereich. Gerade wird irgendein Lauf gestartet. Ich schau noch zu. Auf dem Weg zum Dixi laufe ich mich ein paar Meter ein. Ja, scheint alles soweit in Ordnung zu sein. Lege meinen Pulsmesser an und checke den Puls. Hoppla! Ich bin wohl aufgeregt. Ein Wert über 100 zeigt mir deutlich, dass es nicht normal ist. Aber die Vorfreude relativiert den Wert.

10min vor dem Start nehme ich ein Gel und 0,3l Iso zu mir. Da bin ich von meinen Trainer genauestens instruiert worden. Auch bezüglich der Zwischenzeiten, die auf einen negativen Split ausgelegt sind. Die 5km-Zeiten habe ich auf dem linken Unterarm notiert.

Start

Ich fühle mich wohl und leicht angespannt. Jetzt geht es zum Start. Ich reihe mich zwischen 4h- und 4:15h-Pacer auf der rechten Seite ein, weil ich nicht zu schnell angehen will. Um mich rum Gelächter und freudige Stimmung. Ich bin allein und sehr in mich gekehrt. Unterhalte mich auch mit niemandem.

Der Moderator zählt runter und der Startschuss fällt. Langsam setzten wir uns in Bewegung. Dann kommen die Startmatten in Sicht und beim Überlaufen stoppe ich die Zeit. Noch ein kurzer Gruß an meine Frau und der Marathon beginnt.

Wie schon bei den letzten zwei Läufen macht mein Puls sofort was er will. Er klettert über die Marke von 160 und wird sie bis zum Ende nicht mehr unterschreiten. Aber ich fühle mich gut. Es läuft soweit rund. Es ist zwar schwül, aber es scheint keine Sonne. Ich schwitze sofort, aber auch das ist nix Neues.

Die letzten Emails meines Trainers hatten jedes mal darauf gedrängt, nicht zu schnell zu beginnen. Die ersten 3 km sind in 5:50 min/km zu laufen. Ich bremse mich leicht, überhole nicht hektisch und versuche so gleichmäßig wie möglich zu laufen. Schon ist das erste Kilometerschild erreicht und ich drücke die Stoppuhr.

Oh! Doch etwas zu schnell. 5:33 min wird angezeigt. Also noch etwas langsamer. Das Läuferfeld ist noch dicht, auch weil die Wege etwas eng sind. Aber alles ist im grünen Bereich. Ich überhole mehr, als mich überholen. Von der Umgebung bekomme ich nur wenig mit. Ich konzentriere mich aufs Laufen. Das Tempo ist leicht zu halten und so registriert die Uhr für die beiden nächsten Kilometer 5:54 min/km.

Kilometer 3 ist für mich ein Checkpunkt. Diese Zeit habe ich auswendig gelernt. Ich sollte hier 17:30min auf der Stoppuhr sehen. Tatsächlich lese ich 17:21min. Na, das hat doch schon mal sehr gut geklappt.

Jetzt etwas beschleunigen und den 4h-Pacer, der vor mir läuft, langsam einholen. Es geht durch einen Park, in dem ein paar Höhenmeter fordern. Dann kommt eine Linkskurve und da ist auf einmal ein Verpflegungsstand. Mann, damit hatte ich nicht gerechnet. Das ging so schnell, dass ich aus meiner Armtasche kein Salz nehmen kann. Ich greife mir einen Becher Wasser und trinke ihn leer. Nehme mir vor, beim nächsten Stand mindestens 1 Becher Wasser und Iso zu trinken.

Ich laufe einigermassen gleichmäßig weiter, alles im grünen Bereich. Da kommt auch schon das 5 km-Schild und ich vergleiche die Zeiten. 28:45min, also nur eine Sekunde langsamer als vorgesehen. Was will man mehr.

Renntempo: 0-3km Pace 5,47 min/km
Renntempo: 3-5km Pace 5,42 min/km

5-10km

Es läuft. Das Feld hat sich gelichtet, man kann nun sein Tempo laufen, ohne behindert zu werden. Der 4h-Pacer ist in Hörweite. Er hat einige Läufer und Läuferinnen um sich geschart und unterhält sie. Auch über die Renntaktik wird gesprochen. Der Pacer schlägt vor, bis zur HM-Distanz etwas schneller zu laufen, so ca. 1:58h. Die Läufer in seiner Umgebung sind noch fit und stimmen zu. Mir wird nicht bewusst, dass mein Plan dieselbe Zeit vorsieht, bei allerdings schnellerem Tempo auf dem zweiten HM. Ob das gut geht für die Anderen?

Da ich ja schneller als der 4h-Pacer laufen will, muss ich mal langsam überholen. Wäre eigentlich nicht notwendig, aber bilde mir das halt ein. Bisschen was für die Psyche tun. Gelingt mir auch ganz leicht und ich kann mich ein paar Meter absetzen. Aber bei der nächsten Verpflegungsstelle holt er wieder auf. Ich verliere beim Trinken zu viel Zeit. Aber die Flüssigkeitsaufnahme ist mir wichtig bei diesen Temperaturen.

Der Zugläufer und seine Gruppe sitzen mir im Nacken. Anscheinend läuft der zu schnell. Ich will mich aber nicht überholen lassen und ziehe das Tempo an. Für Km 8 zeigt die Uhr 5:00 min/km. Na, vielleicht stimmte das Schild nicht? Dran bleiben, nicht überholen lassen. Zack, wieder ein Kilometer vorbei. Pace 5:10 min/km. Ok, jetzt reicht's. Soll der doch laufen was er will. Irgendwas stimmt nicht. Schwupps, ist er an mir vorbei und ich lasse mich zurückfallen. Ich habe eine andere Renntaktik als der Zugläufer. Schliesse mich einer Gruppe an, der eine Läuferin mit Radbegleitung angehört. Wir unterhalten uns über den Pacer, von dem sie auch glaubt, dass der zu schnell ist. Wir plaudern noch ein wenig, ihr Tempo ist jedoch zu niedrig. Ich ziehe davon bis sich die Pace wieder im gewünschten Rahmen einpendelt.

Renntempo: 5-10km Pace 5,27 min/km

10-15km

Die 10-Kilometermarke passiere ich in 56:02 min, 47 Sekunden schneller als im Plan. Passt. Mit der Salzaufnahme klappt es nun auch gut. Ich fühle mich noch sehr gut. Ich sollte das Energie-Gel früh genug in der Hand halten, damit ich es vor der Verpflegungsstelle bei Km 11 nehmen kann. Also krame ich den Beutel aus meiner hinteren Hosentasche und laufe damit weiter. Es behindert mich nicht einmal und so kann ich die Pace von 5:40min/km gut einhalten. Dann kommt der Verpflegungsstand in Sicht. Also Gel aufreissen. Klappt nicht gleich, da die Finger total nass sind. Aber ich schaff es doch und drück mir den Inhalt direkt in die Kehle. Schmecken muss es nicht, dies ist schließlich kein Lauf für Gourmets. Ich trinke zwei Becher nach, was ganz gut klappt und weiter geht's.

Ich laufe gleichmäßig. Auch wenn es hart klingt, das monotone Traben langweilt mich. Ich finde niemanden, der mein Tempo läuft. Im Training nutze ich einen MP3-Player, aber hier lenkt mich irgendwie nix ab. Die Landschaft rund um Fürth ist schön, aber für mich irgendwie nicht interessant. Ich bewege mich einfach weiter. Bei Kilometer 14, an einer Abbiegung, wartet etwas Abwechslung. Ich freue mich richtig, als ich meinen Fanklub erblicke. Meine Nichten mit Freunden sind da. Ach, das tut gut. Sie haben sogar ein Pappschild dabei. Kurzes Abklatschen und die Aufforderung an Markus, ob er mich nicht ein paar Meter begleiten will, da mir so langweilig ist. Diese Abwechslung auf ein paar hundert Meter tut mir richtig gut.

Renntempo: 10-15km Pace 5,27 min/km

15-20km

Es läuft. Zwar ist der 4h-Pacer ca. 150m vor mir, aber meine Zwischenzeiten passen. Bei Kilometer 15 bin ich nur 39 Sekunden zu schnell (1:23:15h). Ich laufe meinen Stiefel. An jeder Verpflegungsstelle nehme ich einen Becher Iso und Wasser, davor etwas Salz aus der Handgelenktasche. Durchgeschwitzt bin ich wegen der Schwüle sowieso schon komplett, somit macht ein Becher, den ich mir über den Kopf schütte, das "Kraut auch nicht fett".

Ich entdecke einen Läufer im Finishershirt von Regensburg, wo ich den Halbmarathon lief. Ich schliesse auf und unterhalte mich ein wenig mit ihm. Er ist in Regensburg auch Marathon gelaufen. Respekt. Da kann ich nicht mithalten. Er will Sub4 laufen, aber da der Pacer vor uns ist, glaubt er nicht, dass es klappt. Durch die Mitteilung, dass der Zugläufer deutlich zu schnell unterwegs ist, kann ich ihn etwas beruhigen. Letztlich ist er mir dann doch zu langsam, also trabe ich alleine weiter.

Ich schließe zu einem Engländer auf, der ein Shirt mit dem Aufdruck "100 marathon club" trägt. Nach kurzer Unterhaltung gibt er mir zu verstehen, dass ihn das zu sehr anstrengt. Ok, jedenfalls habe ich das mit meinen Schulenglisch (lange her) verstanden.

Renntempo: 15-20km Pace 5,44 min/km

20-25km

Kilometer 20, Zwischenbilanz: Fühle mich noch gut. Die Zwischenzeiten kann ich nicht mehr kontrollieren, da sowohl meine Kilometerzeiten am Arm als auch die Zeitentabelle nicht mehr lesbar sind. Dennoch meine ich gut im Rennen zu liegen. Der Pacer ist immer noch voraus. Naja, einfach weiter. Die Einnahme der zweiten Gelportion klappt ohne Probleme.

Zum zweiten Mal treffe ich auf meinen Fanklub, mittlerweile erweitert um meine Frau und meinen Schwager. Ein Moment der Freude und schon bin ich vorbei.

Irgendwann kommt mir der 4h-Pacer entgegen!??

Er hat keine "Klienten" mehr bei sich und läuft an einer Brücke ein paar Meter zurück, wahrscheinlich um jemanden aufzulesen und dann den Marathon fortzusetzen. Meine Zeittabelle sieht seit Km 21 ein etwas höheres Tempo vor. Ich bin froh meine eigene Taktik zu haben. Dieser Pacer hat nach meiner Meinung die Läufer durch zu forsche Anfangskilometer "aufgearbeitet". Ins Ziel wird er mit 3:58h kommen. Nach dem Rennen erfahre ich, dass wohl mehrere Zugläufer ihre Aufgabe unzureichend erfüllt haben.

Inzwischen fordere ich immer wieder Zuschauerinnen auf, mit mir zu laufen, weil mir langweilig ist. Aber heute wirkt mein Charme nicht. Keine hat Lust dazu. Einmal begleitet mich eine auf 5 Metern, gibt aber dann auf. Im nächsten Ort wende ich mich auch an eine bestimmt 70-jährige. Aber sie sagt nur: "Keine Zeit."

Gerade in einem größeren Pulk eine Kreuzung passierend, sehe ich meinen Bruder mit Schwägerin und Tochter. Ich habe sie erst bei Km 30 erwartet und so ist die Freude groß. Kaum gegrüßt und schon vorbei. Aber das gibt wieder Kraft. Mittlerweile habe ich das Gefühl dafür verloren, ob das Tempo noch passt. Bei Kilometer 24 stimmt die Markierung keinesfalls, denn so schnell kann ich nicht gelaufen sein. Die Bestätigung bekomme ich beim nächsten, da bin ich zu langsam. Ich frage meinen Bruder, der schon wieder an der Strecke steht, wie ich liege. "Es passt" meint er nur.

Kurz danach die erste unschöne Szene: Am Streckenrand sitzt ein Läufer, dem es offensichtlich schlecht geht. Zum Glück ist schon jemand bei ihm und er wird versorgt.

Renntempo: 20-25km Pace 5,40 min/km

25-30km

Mit der Zeitentabelle in der Gesäßtasche könnte ich mal meine Zeiten checken. Also, Reisverschluss auf, was nicht so leicht geht und den Zettel gesucht. Dabei verliere ich mein zweites Päckchen Salz. Ich blicke kurz um und entscheide, dass ich es zurücklasse. Den Zettel kann ich vergessen. Das ist eine einzige Papierpampe. Total nass fliegt er im hohen Bogen in den linken Straßenrand. Ok, dann eben ohne Anhaltspunkt.

Nach ein paar hundert Metern taucht ein anderer Engländer neben mir auf und reicht mir das verlorene Salzpäckchen. Ich bedanke mich und wir laufen die nächsten Kilometer gemeinsam. Ich unterhalte mich ein wenig in Englisch mit ihm. Auch er trägt ein Shirt mit Aufdruck "100 marathon club". Er will unter 4h finishen und liegt gut in der Zeit. Wir laufen so und beiläufig frage ich ihn, der wievielte Marathon es für ihn ist. Ich erfahre, dass er die Zahl immer in der Landessprache des jeweiligen Marathons auswendig lernt und vernehme, in bestem Deutsch: "Dreihunderteinundvierzig".

"Wow!" beglückwünsche ihn. Da brauche ich mit meiner dritten Marathonteilnahme nicht zu prahlen. Es macht Spaß, gemeinsam zu laufen. Es tut gut zu hören, dass der Nebenmann sich auch anstrengen muss. Wobei, David, der Engländer, noch gut aussieht. Sein Alter von 54 Jahren nötigt mir zusätzlich Respekt ab.

Wir kommen an eine Verpflegungsstelle und ich nehme mein Standardprogramm: 1 x Iso, 1 x Wasser zum Trinken, 1 x Wasser für den Kopf. Noch immer ist es ziemlich schwül, obwohl sich die Sonne nicht sehen lässt. David füllt seine mitgeführte 0,3 Liter-Flasche mit Cola auf. Vier Meter weiter preist eine Helferin Bier an. Das ist nix für mich, doch David ist begeistert und trinkt davon. David braucht eine Weile und ich überlege, alleine weiter zu laufen. Aber gemeinsam war es kurzweiliger und deshalb falle ich in einen sehr langsamen Trab, bis er aufgeholt hat. Er erklärt mir, dass mit dem Bier nun die Sub 4h kein Problem mehr sind. Ich wende ein, dass das alkoholfrei war. Dann ist die Zielzeit nicht mehr drin, meint er nur. So laufen wir schweigsam weiter. Ich bedanke mich immer wieder bei den Zuschauern, Helfern und Polizisten. Genieße nun den Lauf.

Renntempo: 25-30km Pace 5,32 min/km

30-35km

Bei Kilometer 30 kommt mir Markus erneut entgegen. Ich laufe neben ihm und erzähle dies und jenes. Hinter einer kleinen Unterführung steht der Rest des Fanklubs. Abklatschen und weiter geht es. David kann wieder aufschließen und wir laufen weiter.

Weiter immer weiter. Wir müssen nun durch ein Stadion laufen. Vor dem Laufoval ist eine kleine Verpflegungsstelle eingerichtet. Ich nehme mir die üblichen Becher gehe die paar Meter zur Tartanbahn hinunter. Antraben. Wo ist David?

Der hat nicht gewartet, also beschleunige ich für ein paar Meter. Nach dem Kurvenausgang entdecke ich jemanden im grünen Laufshirt, der nun mein Begleiter, Motivator, Fotograf und Versorger werden wird.

Da steht Udo.

Auf diesen Moment habe ich seit 12 Wochen hingefiebert.

Rückblick:

Als ich Ende 2008 bei Udo anfrage, ob er mir helfen könnte, damit ich endlich den Marathon unter 4h laufe, willigt er sofort ein.

Am Anfang gibt es noch unterschiedliche Einstellungen zu Ehrgeiz und Gewicht, aber Udo kann sich da sehr gut auf mich einstellen. Bereits in dieser Frühphase wird das Training auf mehr Tempo umgestellt. Wir wollen den Mittelrheinmarathon am 6.6.2009 gemeinsam laufen, weil der in seine Vorbereitung passt. Ich bekomme einen Trainingsplan, der mir gut gefällt, da die Läufe unter der Woche nicht so lang sind und nur am Wochenende sehr viele Kilometer zusammen kommen. Ich stecke schon anderthalb Wochen tief im Marathontrainingsplan, als feststeht, dass Udos Verletzung eine Wettkampfpause erfordert.

Ich plane einen neuen Marathontermin, um nicht so weit reisen zu müssen. Der Metropolmarathon in Fürth bietet sich an. Dort bestritt ich letztes Jahr den 10km-Lauf und es hat mir soweit gut gefallen. Sofort wird der Traingsplan umgestellt, wieder mehr Wert auf Tempo gelegt. Am 6.4.2009 beginnt dann das spezielle 12-wöchige Marathontraining. Ich habe noch nie so genau einen Plan eingehalten wie in diesen Wochen.

In dieser Vorbereitung laufe ich insgesamt 611,66km in 61h 16min 27s Trainingszeit. Drei Stunden schwimme ich zur Regeneration. In der vorletzten Woche kann ich wegen einer Magenverstimmung drei Läufe nicht absolvieren. Noch nie absolvierte ich so viele Lange, insgesamt 2 x 32 km, 3 x 30 km, 1 x 28 km. Diese Läufe sind fordernd, aber sie machen mich nicht total kaputt. Das Tempotraining kann ich bis auf die Pyramide in der drittletzten Woche sehr gut erfüllen.

Zusätzliche Motivation gibt mir Udos Absicht mich wenigstens auf den letzten 10km zu begleiten. Lange Zeit glaube ich nicht daran. Als ich in der letzten Woche vor dem Marathon wegen der vorhergesagten heißen Witterung einen Koller bekomme, bitte ich ihn sogar, nicht zu kommen. Er kann mich wieder beruhigen und so bin ich zwar aufgeregt, weiß dennoch, dass ich es schaffen kann. Lediglich hohe Temperaturen oder eine Verletzung können mich aufhalten.

Fast bei jeden Trainingslauf denke ich an diesen Augenblick. Immer wieder stelle ich mir vor, wie es sein wird und jedesmal geht ein Glückshormonschub durch meinen Körper.

von Udo, der die Erfüllung eines Traums miterleben durfte ...

In Resonanz

‚Es könnte klappen!’ spekuliere ich vorsichtig optimistisch ein paar Kilometer vor Fürth. 19°C zeigt das Autothermometer und der Himmel verhüllt sich mit bauschig grauem Gewölk. Ich bin unterwegs, um mit Reno die letzten Kilometer seines Marathons zu laufen. Drei Monate rang er mit sich und all den Widrigkeiten, die sich einem arbeitenden Familienvater in den Weg stellen, wenn er für eine ehrgeizige Zielzeit trainiert. Woher ich das weiß? Reno erbot sich als williger Proband, einen der inzwischen auf unserer Seite veröffentlichten Trainingspläne zu testen. Über etliche E-Mails und diverse Telefonate betreute ich sein Training, griff auf Nachfrage korrigierend ein und schlug Umstellungen vor, wenn der Plan den Lebensnotwendigkeiten zuwider lief. Höhen und Tiefen wechselten in rascher Folge. Weniger körperlich, denn seine Formkurve kündete von ständig wachsender Ausdauer. Doch jedes halbseidene Training, scheinbar anormale Pulsverläufe oder mal ein derberes Zwicken im Bewegungsapparat – nach meiner Erfahrung samt und sonders typisch für Training an der individuellen Leistungsgrenze – ließ ihn an sich und dem großen Ziel zweifeln. Letztlich glaubte er an seine Chance. Bei mir war es mehr: Seine Trainingsleistungen wertend ging ich mit großer Wahrscheinlichkeit von der Erfüllung seines Zielzeitwunsches aus. Selbstverständlich steht solcher Erfolg immer unter dem Vorbehalt subjektiver und objektiver Unwägbarkeiten am Tag des Marathons. Subjektiv: Körper in Ordnung? Geist frei? Mithin vorhanden, was man eine normale Tagesform nennt? Objektiv: Keine zu schwere Strecke und verträgliches Klima.

‚Ob das klappt?’ zweifele ich, weit weniger optimistisch, während ich zwischen Kilometer 32 und 33 auf Reno warte. Hier führt die Strecke durch die Stadionanlage eines Fürther Vereins. Umschwirrt von tausend Mücken stehe ich am Rande der Tartanbahn und halte angestrengt Ausschau. 20°C und eine schwer lastende Schwüle überziehen meine Haut mit einem klebrigen Film … ohne auch nur einen Meter gelaufen zu sein. ‚Der Schweiß wird ihm literweise aus den Poren schießen. Hoffentlich trinkt er ausreichend!? Und hoffentlich hat er das Tempo auf den ersten drei, vier Kilometern wie abgesprochen gedrosselt.’ Zwanzig Minuten braucht der Stoffwechsel, um die Verwertung von Fettsäuren voll zu aktivieren. Wer da auch nur minimal zu schnell läuft – was leider den meisten Hobbyläufern passiert, auch wenn sie’s anders planen – verschwendet übermäßig viel der wertvollen, in den Muskeln gespeicherten Kohlenhydrate. Die fehlen somit auf den letzten Kilometern und rufen jenen Herrn mit schwerem Schlagwerkzeug auf den Plan, den jeder Marathoni fürchtet …

Zum ach wievielten Mal nestele ich den Plan mit den vereinbarten Zwischenzeiten aus der Reißverschlusstasche meines Trinkgürtels. Noch etwa 5 Minuten bleiben ihm, um gemäß Fahrplan ins Stadion einzulaufen … Ich trete aufgeregt von einem Bein auf das andere, als ginge es hier um meinen Versuch einer persönlichen Bestzeit. Jeden Läufer, der gegenüber die Bahn betritt, sich vorher noch einen Becher Trinkbares greift, fixiere ich und versuche die joggende Gestalt mit Renos Bild im Kopf zur Deckung zu bringen. Mich selbst betreffende Zweifel brechen sich Bahn: Was, wenn mir das Tempo heute zu hoch und die verbleibenden fast 10 km zu weit sind? Der letzte Jogg vorgestern … oh je … den würde ich am liebsten aus dem Gedächtnis streichen. Beim besten Willen vermag ich nicht einzuschätzen, wie es mir heute ergehen wird. Und dann meine gewiss hinderliche Ultra-Expeditions-Ausrüstung: Wie immer will ich nichts dem Zufall überlassen; habe den Trinkgurt voll aufmunitioniert mit 6 x 0,2 Litern für Reno und mich. Er soll auf dem letzten Viertel der Strecke keine Zeit mehr durch Trinkpausen verlieren. Wasser plus Kohlenhydrate plus Salz, die beste Mischung gegen Austrocknung. Auf meinem Rücken klebt der Laufrucksack: Brille, Autoschlüssel, Shirt zum Wechseln im Ziel und sogar der Fürther Stadtplan stecken drin. Zwar bin ich sicher auch ohne Karte meinen fahrbaren Untersatz wieder zu finden, aber man kann ja nie wissen. Wie mag sich das anfühlen? Meine ersten Kilometer mit Laufrucksack überhaupt.

Irgendwie ein merkwürdiges Gefühl in einen Marathon verwickelt zu sein, aber nicht Marathon zu laufen. Was wohl all die schweißnassen Gestalten über meine Aufmachung denken? Ob sie sich einen Reim auf den Kerl machen können, der hier ohne Startnummer an der Strecke steht und sich schier die Finger wund applaudiert? Nur eine Minderheit der unablässig vorbei ziehenden Marathonis scheint meinen Beifall zu registrieren. Und nur einzelne ringen sich ein Lächeln ab. Zuweilen bedankt sich einer mit knapper Geste oder Bemerkung. In diesen Momenten springt ein Funke über. Seltsam … Warum nicht einen Vorsatz fassen? Sobald ich wieder in eurer Mitte laufe, werde ich häufiger als bisher auf Beifall reagieren!

‚Der sieht aus wie Reno und das weiße Trikot passt auch! Auweia … hoffentlich ist er das nicht. So müde wie der über die Bahn schlurft hält er nicht mehr lange durch!’ Dann ist er heran und ich atme auf, während der Unbekannte mit tonnenschweren Beinen an mir vorbei stapft. Ein neues „Wenn“ kommt mir in den Sinn, macht mich noch nervöser: ‚Was ist, wenn er einfach einen schlechten Tag hat? Nicht nur das Wetter kann einem den schönsten Marathon verleiden.’ Ehrgeizige, die sich drei Monate unter Entbehrungen und mit gewaltigem Einsatz auf einen Marathon vorbereitet haben, stehen gewaltig unter Druck. Normalerweise schießt dieser Umstand am Tag X genau so viel Adrenalin in die Blutbahn, wie der Organismus zur totalen Mobilisierung braucht. Zu viel Anspannung kann ins Gegenteil umschlagen. Deshalb versuchte ich gelegentlich der letzten Kontakte ihn von der Last meiner Erwartungen zu befreien. "Genieße den Lauf, mehr erwarte ich nicht von dir! Du brauchst mir nicht zu beweisen, dass der Trainingsplan funktioniert, das weiß ich auch so. Und du läufst auch nicht für mich ..." So denke ich tatsächlich, kann damit allerdings nicht verhindern doch eine Hoffnung in seinen Auftritt zu projizieren: Ein Beweis, dass und wie gut der Trainingsplan wenigstens in seinem Fall wirkte, wäre überaus befriedigend. Und natürlich laufe ich lieber an der Seite eines glücklichen Reno, anstatt sein Scheitern und seine Enttäuschung durch kluge Sätze zu relativieren.

Einmal mehr schweift man Blick zur Südkurve hinüber, die vom Marathon nicht genutzt wird. Zwei zierliche Sprinterinnen, eindeutig Schwestern, trainieren Kurvenläufe. 100-Meter-Intervalle. Voller Neid berausche ich mich an ihrem gazellengleichen Laufstil. Berühren sie überhaupt den Boden? Einmal so laufen können … und das bitte völlig ohne Beschwerden. Was gäbe ich dafür! Oder wenigstens auf die nicht ganz so schwerelose Weise jenes vor Kraft strotzenden Sprinters: Barfuß und mit weit ausgreifenden Schritten nutzt er die Diagonale des Rasenplatzes. Wie herrlich Laufen sein kann, wenn dir nichts dabei weh tut …

Warten, Hoffen, Zweifeln, Bangen – schlagartig sind sie zu Ende: Keine fünfzig Meter entfernt reckt mir jemand grüßend den Arm entgegen. Eindeutig Reno. Rasch ein Blick auf die Uhr: Super, nicht mal eine Minute über Soll! Dann auf seine Beine: Noch völlig gelöst! Schon starte ich den Forerunner. Wir reichen uns die Hände. Großes Hallo. Ich reihe mich ein und versuche das vorgesehene Tempo (5:30 min/km) zu finden. Gar nicht so einfach, wenn du neben einer Quasselstrippe läufst, die vor Mitteilsamkeit natürlich in den ersten Minuten übersprudelt. Kilometer 33: Unschwer zu merken wie gut es ihm tut, endlich jemanden konstant neben sich zu haben. Er redet und läuft, läuft und lacht, schickt gutgelaunte Bemerkungen in alle Richtungen. So gebärdet sich keiner, dem demnächst die Puste ausgeht. Reno ist heute stark genug seinen Traum zu verwirklichen: Marathon unter 4 Stunden! Und seine ausnehmend gute Laune katapultiert mich in Hochstimmung. Ok, die ersten Meldungen meiner orthopädischen Abteilung tragen auch dazu bei. Richtig gut fühlt sich der flotte Schritt heute an.

Ein paar Straßen weiter meldet der GPS-Empfänger die erste 1.000 Meter-Zeit: 5:20 min. ‚Wir sind ein bisschen zu schnell’ wende ich mich an Reno. Wie er sich fühlt habe ich schon abgefragt. Was gar nicht nötig war, weil ich es sehen und spüren kann. Trotzdem: Sich über Erfreuliches zu verbreiten, kann das Erfreuliche verstärken. Also lasse ich ihn aussprechen wie gut er noch drauf ist und lege gleich noch ein Brikett nach: „Jetzt kommt ohnehin ein schöner Streckenteil: Erst lange am Kanal entlang und dann der herrliche Abschnitt durchs Rednitztal!“

Für mich vergehen die Kilometer wie im Flug: 33, 34. Aber auch Reno scheint sie gut wegzustecken, wenn ich das Ergebnis meiner verstohlenen Seitenblicke richtig deute. Jedenfalls trabt er noch kraftvoll und gut koordiniert. Das sollte ich ihm sagen. Einem demonstrativen Blick von der Seite folgt ein: „Du siehst wirklich noch supergut aus!“ Reno bestätigt und lächelt dabei.

Vom rund um meine Hüfte verteilten Zaubertrank habe ich ihm schon angeboten. Einstweilen lehnte er dankend ab. Jetzt kommt eine Verpflegungsstelle in Sicht und er bittet mich einen zweiten Becher Wasser zu schnappen; der erste zum Mundausspülen, zur Kühlung der zweite. Am Ende der Passage entlang des Kanals und recht unvermittelt haben wir die vielleicht unangenehmsten 50 Meter der ganzen Strecke unter den Füßen. Eine steile Rampe bringt uns hinunter ins Rednitztal. Nach 35 Kilometern fährt Reno das Gefälle mit Vehemenz in die Knie. Fast kann ich fühlen wie weh das tut. Geschafft. Und nun unter dem Main-Donau-Kanal hindurch, entlang der hinter Grün verborgenen Rednitz. Weite Flächen der Auenlandschaft wurden gemäht. Intensiver Heuduft facht meine Lauflust zusätzlich an. Vor allem aber freue ich mich über den munter neben mir trabenden Reno: 36 Kilometer und noch immer hält er problemlos die Pace von 5:30 min/km und leicht darunter. Läufer um Läufer bleibt zurück. Bemerkt er das überhaupt? Mir versüßt eine solche Feststellung die letzten Kilometer: „Das ist der Vorteil einer guten und konsequenten Vorbereitung. Viele, die sich überschätzt haben, werden langsamer und du hältst dein Tempo! Schau dir an, wie viele du jetzt überholst!“ Reno lächelt und läuft …

„Noch lächerliche 6 Kilometer. Mensch Reno, dafür ziehst du im Training nicht mal die Schuhe an!“ Was für ein einfältiger Spruch. Egal: Hauptsache er hilft. Jedenfalls quittiert er’s mit einem Schmunzeln. Wir verlassen die Senke der Rednitz und erreichen die ersten Häuser eines südlichen Stadtteiles. „Jetzt kommen ein paar hundert Meter Anstieg. Da solltest du das Tempo etwas rausnehmen und Kraft sparen!“ Höchstens zwanzig Meter Höhendifferenz sind zu bewältigen, aber auf dem siebenundreißigsten Kilometer reicht das für wachsweiche Beine. „Na schau, schon geschafft! Das war die letzte Steigung bis ins Ziel!“ Für eine überzeugte Bestätigung meiner Aufmunterung fehlt im gerade die Energie und auch sein Lächeln ist für kurze Zeit eingefroren. Reno läuft am Limit, aber noch immer ohne bleierne Füße.

Wir überqueren eine von Polizei gesicherte Kreuzung, passieren die Tafel mit der „37“. Reno hat den kurzen Aufstieg verdaut und schenkt den Polizisten ein paar spaßige Sätze. Bedankt sich, dass sie extra für ihn hier die Straße sperren. Was für eine Schwüle! Mein Shirt trieft bereits vor Nässe. Reno nimmt einen kräftigen Schluck aus einer meiner Flaschen. Höchste Zeit ihm klar zu machen, dass er praktisch schon gewonnen hat: „Nur noch 5 Kilometer! So kurz vorm Ziel lässt du dir die Butter nicht mehr vom Brot nehmen! Du hast es praktisch schon geschafft!“ Hört’s und knurrt entschlossen. Alles an ihm scheint sich zu straffen. Nein, in solcher Verfassung bricht einer nicht mehr ein! Und selbst wenn: Er könnte nun stückweise gehen und bliebe doch unter 4 Stunden. Auch diese Tatsache behalte ich nicht für mich und fache damit seinen Kampfgeist weiter an. Ich weiß wie sie sich anfühlt, schon lange vor dem Ziel, die Gewissheit, dass einem der Erfolg nicht mehr zu nehmen ist. Wie es befreit, beflügelt, Kräfte freisetzt und den Schmerz erträglich macht. Schmerz, der so kurz vor Schluss unweigerlich in die Beine beißt. Triumphierend rammt er mit der Faust die Luft und lässt mehrmals ein triumphierend hartes „JA!“ vernehmen …

Und ich? Unglaublich aber wahr: Ich fühle mich leicht und allerbester Laune. Dieser „Job“ gefällt mir ungemein, macht mich wahnsinnig an. Meine Zipperlein spüre ich kaum. Der angenehmste Lauf seit der sechswöchigen Zwangspause. Macht’s die Marathonluft, die ich in vollen Zügen einsauge? Oder Renos toller Lauf, sein absehbarer Erfolg? Jedenfalls fügt sich eins zum anderen, so wie man kurz vor Schluss mit schlafwandlerischer Sicherheit die verbleibenden Puzzleteile richtig legt …

Fotos! Ich brauche Fotos! Unternehmungslustig spurte ich ein Stück voraus und fange den Kämpfer ein. Man möchte meinen er lächelt fürs Bild. Gleich werden wir auf rotem Teppich durch die „Grüne Halle“ laufen. Erneut setze ich mich ab, um Reno schussbereit zu erwarten. Dann wieder Seite an Seite. Reden! Ich muss ihm was erzählen, ihn ablenken. Dies und das kommt mir in den Sinn: Erst weise ich auf alte Werkstätten aus dunkelroten Ziegeln hin, die man stilerhaltend zu hübschem Wohneigentum umbaute und mich schon letztes Jahr beeindruckten. Ein anderes Mal lasse ich ihn die Zwischenzeit selbst vom Zettel lesen, weil das einem Weitsichtigen wie mir ziemlich schwer fällt. Einmal mehr das Kompliment, wie locker er noch läuft. Es ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, obschon ich in dieser Situation auch zu einer Notlüge greifen würde.

„Noch vier Kilometer. Mach dich schon mal mit dem Gedanken vertraut, dass du bald ein Unter-Vier-Stunden-Marathonläufer sein wirst!“ Er glaubt an sich, kann mir aber nur noch mit einem gequälten Lächeln antworten. In den letzten Minuten redete er fast gar nicht mehr. Stattdessen mobilisiert er Reserven. Dass er sie tatsächlich noch hat, entscheidet über die Größe seines Erfolgs. Mit jedem Schritt wird das jetzt härter. In kurzen Abständen überprüfe ich seine Koordination von der Seite. Aber er wird nicht langsamer, fällt nicht in schlurfenden Schritt, beginnt nicht zu stampfen.

Kilometer 39: Lächeln verschwunden, sein Gesicht ist von Anstrengung gezeichnet. Kein Spruch ist mir zu platt oder abgedroschen. Hauptsache er klingt optimistisch. Hauptsache er erleichtert ihm die nächsten zehn Schritte. Dann auch noch das: „Heute wirst du das Codewort nicht brauchen!“ Damit zaubere ich noch einmal ein breites Lachen auf sein Gesicht. Das vereinbarte Codewort sollte ihn vor meiner Anfeuerung schützen, wenn er sie vor Schwäche und Schmerz nicht mehr ertragen kann. Gibt’s das nicht auch anderswo? Das mit dem Leiden, der Lust und dem Codewort? Mit Freude quälen und leiden mit Lust?

Kurz hinter der Bahnunterführung ist es so weit: „Da, schau! Dort vorne steht eins der magischen Schilder! Das mit der „40“ drauf. Mensch Reno, nur noch zwei Kilometer!“ Reno und die „40“. Das Motiv füge ich meiner Sammlung hinzu. Dann in die Fußgängerzone. Nun hat er das Limit überschritten, sieht schlagartig 20 Jahre älter aus. „Schon dich noch ein bisschen! Du hast über eine Viertelstunde Zeit für die letzten zwei Kilometer. Da kann nichts mehr schief gehen!“ Tatsächlich nimmt er sich ein bisschen zurück. Ablenken, ich muss ihn ablenken. Neuerlich mache ich ihm den rasenden Fotoreporter, reihe mich rasch wieder ein. Seite an Seite rennen wir auf das Fürther Rathaus zu. „Sieht der Turm nicht aus wie in der Toskana“ zwinge ich ihn zu einem bestätigenden Grummeln.

Augenblicklich kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als Reno auf den letzten Metern seines Erfolges zu begleiten. Wir sind in Resonanz. Alles klar, Gesagtes wie Unausgesprochenes. Alles bereit für das große Finale: „Genieß den Lauf, die letzten Meter!“ Genießen? Wie das? Der unablässige, schier unerträgliche Schmerz in den Beinen lässt ihn prusten und schnauben. Wahnsinniges Sehnen nach dem Ende, nach Erlösung von dieser Pein. Aber da ist auch der Rausch so lange zu laufen und den Traum zu leben.

Kilometer 41: „Noch 1.200 Meter Reno! Gleich geschafft! Komm, gib noch mal alles!“ Er hat Angst, dass ihm schlecht wird. Sagt’s mir, hält sich zurück. Gut so. Lass dich nicht von meinem Geschwätz verleiten. Es geht ihm so verdammt dreckig jetzt und zugleich supergut! 42.195 Meter. Marathon! Mann, wie ich das vermisse … kämpfen, laufen, sich überwinden, laufen, durchhalten, laufen, beißen. Laufen! „Da vorne links ab, dann siehst du das Ziel! Gleich hast du’s geschafft!“ Als wir um die Ecke biegen hat er das Zieltransparent vor Augen und wird schneller. Und dann noch schneller. Ich habe Mühe mitzuhalten, muss nun wirklich die Füße in die Hand nehmen. Vorbei am Reno-Fanclub. Ehefrau und Verwandtschaft. Ein Aufschrei: „Reeeenooooo, braaavooo …!“ Die schmerzvoll gemeinen, die beglückenden letzten Sekunden: „Zieh durch Reno! Lauf! Hol dir deinen Sieg!“ Hinter den Absperrungen brandet starker Beifall auf, begleitet ihn auf den letzten Metern. „Hörst du das Reno? Die klatschen für dich …“

Und dann rennen wir Seite an Seite über die Ziellinie. Ein toller Moment, auch für mich. Erst wollte ich das nicht, hatte vor auf der Zielgeraden abzubiegen. Aber Reno hat es sich gewünscht. Schulterklopfen. Klatschnasse Männer umarmen sich. 3:55:20 steht später auf seiner Urkunde. Er hat alles richtig gemacht und sich unter nicht einfachen Bedingungen eine tolle Zeit erkämpft.

Gegengerade

Mann, es ist genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Ich winke Udo und informiere noch kurz David, dass mich nun mein Trainer begleiten wird. Udo und ich begrüßen uns mit Handschlag im Laufen. Das gibt Kraft, Motivation, einfach alles. Ich fange sofort an, zu erzählen, was mir passiert ist. Später werde ich deswegen als Quasselstrippe von ihm bezeichnet. Verstehe ich irgendwie nicht. Das Tempo ist zwar schneller, aber das merke ich nicht gleich. Das gleichmässige Tempo von ihm und die Aussage, dass ich die Sollzeit nur etwa 30 Sekunden überzogen hab, versetzt mich fast in einen Rauschzustand. Nach etwa 800 m muss ich ihn aber doch bitten, geringfügig das Tempo zu drosseln. Ich merke, dass das einfach zu schnell ist. Aber es läuft sehr gut.

Renntempo: 30-35km Pace 5,45 min/km

35-40km

Bei jeder Verpflegungsstelle kümmert sich Udo um Getränke, damit ich keine Zeit verliere. Einen Becher nehme ich mir selber. Da er Isogetränke mitführt, greife ich nicht mehr zum Angebot des Veranstalters. Momentan habe ich auch keine Lust auf das süße Zeug, obwohl es mir von Udo angeboten wird. Kurz nach Km 35 und einer Verpflegungsstelle kommt eine kurze, aber nach über 3h für mich zu steil abfallende Rampe. Oh Mann! Geht das in die Oberschenkel. Auf Udos Rat hin mache ich größere Schritte, aber auch das bringt keine Linderung. Im Gegenteil, ich habe Angst zu stürzen. Endlich sind wir dann am Ufer der Rednitz. Da ist es wieder schön eben. Das war schon ganz hart.

Die Kilometer fliegen nun nur noch so dahin. Mir geht es noch soweit gut, wenngleich ich nun stärker gefordert bin. Da Udo die Strecke kennt, bereitet er mich darauf vor. Einmal muss ich seinen Zeitplan lesen, weil er es nicht entziffern kann. Dann verhaut er sich mal um 3 min mit der Zeit. Ich wundere mich nur kurz, erfahre aber hinterher, dass er das für mich zur Abwechslung gemacht hat.

Er bereitet mich nun auf eine letzte Steigung vor. Ich soll die nicht zu schnell angehen. Es sind nur ungefähr 20 Höhenmeter zu überwinden, aber die kosten unendlich Kraft. Schlagartig bin ich fertig. Udo zeigt mir sein Auto am Streckenrand, aber das bekomme ich nicht gleich mit. Nach der Steigung brauche ich 200 m bis ich wieder einigermassen zu Atem komme. Das hat Körner gekostet. Aber nun geht es wieder. Udo plaudert auf mich ein; keine Läuferthemen, irgendwelche Sachen über Architektur. Ich bekomme das nur am Rande mit, mag mich jetzt auch nicht mit beruflichen Dingen auseinandersetzen. An einer Kreuzung danke ich einmal mehr den Polizisten, dass sie für mich die Straße sperren. Dann laufen wir durch die Grüne Halle, wobei Fotos entstehen auf denen ich noch lächeln kann. Ich bitte Udo, mir Iso zu reichen und habe die Wahl: "Kirsch- oder Limonengeschmack?" Wow, was für ein Service. Ich entscheide mich für Kirsch und trinke ein paar Schlucke davon.

Und dann ist es auf einmal anstrengend. Ich spreche sehr wenig, mir tut alles weh. Später werde ich diesen Verfall deutlich auf den Fotos von Udo sehen. Er versucht noch mit Sprüchen mich aufzubauen. Sätze wie "Für die letzten 5 km ziehst zu zuhause nicht mal die Schuhe an" können mich nur noch kurzzeitig aufbauen. Ich will, dass es endlich vorbei ist. Einmal kann Udo mich noch erheitern, als er feststellt, dass wir das Codewort nicht brauchen werden. Ich hatte mit ihm vereinbart mich nach dem Codewort absolut in Ruhe zu lassen und mich nicht mehr zu motivieren, weil ich aufgegeben habe.

Schlagartig ist die Erschöpfung eingetreten. Ich kenne das schon vom München Marathon, da war es auch ab Km 36 sehr hart. Ich habe bereits einen leichten Tunnelblick, muss mich voll aufs Laufen konzentrieren. Nach einer Unterführung geht es nochmal leicht aufwärts. Oben angelangt erreiche ich das 40 km-Schild. Udo faselt irgendwas wie "das ist die Stelle, auf die sich jeder Marathonläufer freut". Ist mir egal, ich will nur noch ins Ziel. Mittlerweile könnte ich gehen und käme immer noch unter 4h ins Ziel. Kann ich irgendwie nicht glauben und ist mir auch egal.

Renntempo: 35-40km Pace 5,19 min/km

40-42,2km

Nun geht es durch die Fußgängerzone über einen Plattenbelag. Nur ein paar Zuschauer säumen hier die Strecke.

Ich laufe wie ein Automat. Schritt um Schritt. Damit ich nicht zuviel Geschwindigkeit verliere, setze ich wie beim Intervalltraining ganz bewusst die Arme ein. Meine Hände sind verkrampft. Ich kann nicht mehr. Jeder Richtungswechsel kostet Kraft, schmerzt in den Beinen. Dann geht es über eine Passage mit Kopfsteinpflaster. Normalerweise tödlich für mich. Bei jedem Auftreten der Füße werden die Beine anders belastet. Das schmerzt ungemein. Hier kommen wir jedoch an gut besuchten Cafes vorbei. Da sitzen viele Zuschauer und jubeln. Das tut gut. Diese Begeisterung trägt mich 100 Meter wie schwerelos. Da schaffe ich es sogar noch die Arme zum Jubeln heben.

Dann sind wir da durch und es herrscht Tristesse. Nix mehr los. Ich bin total kaputt, ausgelaugt, Km 41 ist erreicht.

Noch 1200m. Für einen Läufer keine Entfernung. Drei Runden auf der Bahn.

Es werden die längsten 1200m meines Lebens. Ich kann nicht mehr, bewege mich aber immer noch vorwärts. Noch ein Richtungswechsel. Vom Ziel ist nix zu sehen. An einer Stelle wäre ich ohne Udo glatt falsch abgebogen, war schon auf der falschen Seite. Ich sehe nix mehr. Ich will nur noch ins Ziel! Wann ist diese Plackerei zu Ende?

Irgendwann kommt Markus uns entgegen. Ich kläre Udo auf, wer das ist, weiß aber nicht, ob er es verstanden hat. Markus läuft dann wieder voran, um meine Ankunft dem Fanklub mitzuteilen. Ich kann nicht mehr, nehme nur noch wahr, was sich vor meinen Füßen abspielt. Dann endlich, nach einer unendlich langen Zeit, sehe ich die letzte Abbiegung vor dem Ziel. Dort stehen wieder mehr Zuschauer. Jetzt letzte Kräfte mobilisieren.

Linkskurve laufen. Endlich sehe ich den Zielbogen. Beidseits der Strecke stehen viele Zuschauer. Ich beschleunige nochmal. Links taucht mein Fanklub auf. Hier gibt es keine Absperrgitter, sodass die Zuschauer nur eine schmale Gasse offen lassen. Aber ich bin einfach zu schnell vorbei, um das richtig mitzubekommen.

Jetzt sehe ich deutlich das Ziel. Udo motiviert mich, schneller zu laufen. Ich höre ihn aber nur noch sehr leise. Meine Atemgeräusche, die Zuschauer, der Beifall, das ist alles so laut. "Die Klatschen für dich" höre ich Udo schließlich doch noch rufen.

Dann bin ich durchs Ziel, stoppe die Uhr und checke die Zeit. Ich kann es nicht genau erkennen, lese aber irgendwas mit 3:56h.

Renntempo: 40-42,2km Pace 5,29 min/km

Lebenstraum erfüllt!

Irgendwer überreicht mir eine Medaille. Ich bin völlig erschöpft. Dann sehe ich Udo, falle ihm um den Hals und bedanke mich. Nach zwei Minuten geht es mir wieder besser. Dabei tippe ich immer wieder Udo an, weil ich es nicht glauben kann. Ich gehe kleine Runden. Dabei werde ich einmal so von Glücksgefühlen und der Erschöpfung übermannt, dass Freudentränen fliessen. Die ganze Anspannung der letzten Wochen fällt ab. Freude pur.

Meine Frau kommt lange nicht ins Ziel, sie haben sich verlaufen. Aber Udo ist ja da und teilt die Freude mit mir. Auch David der Engländer kommt knapp unter 4h ins Ziel. Wir wechseln noch ein paar Worte.

Endlich ist meine Frau da und ich nehme sie in die Arme. Tja, man muss sich schon wundern, wie man einen derart verschwitzten Kerl, klatschnass von oben bis unten, lieb haben kann. Die nächsten Freudentränen fliessen. Die letzten Wochen waren nicht einfach für sie, da ich meine ohnehin nicht üppige Freizeit hauptsächlich mit Laufen verbrachte.

Glückwünsche des ganzen Fanklubs. Ich kann es irgendwie noch nicht fassen.

In Ruhe schaue ich mal genauer auf meine Uhr. Da lese ich dann:

3:55:20h (5:35min/km)

Die Zielzeit auf 10 Sekunden genau getroffen. Noch mehr Freude.

So, nun besorgt mir Udo was zum Trinken, später auch noch ein alkoholfreies Weizenbier. Nach 12 Wochen Alkoholabstinenz schmeckt der erste Becher nicht so besonders, beim zweiten ist es dann schon besser. Etwas verpflegen und umziehen, was erschöpft und mit Muskelkater nicht so leicht ist.

Den Tag lasse ich noch ganz gemütlich ausklingen. Jeder, den ich treffe, und das sind nicht wenige, da in meinem Heimatort Bürgerfest ist, muss sich meine Marathongeschichte anhören.

Dank

Mein Dank geht an alle, die mich bei diesen Vorhaben tatkräftig unterstützt haben.

Meine Frau: Danke für die vielen Entbehrungen der letzten Zeit

Udo: Danke für die Betreuung in der Trainingsphase (auch wenn ich nicht immer alles genau verstanden habe) und besonders für das Ziehen auf den letzten 10km. Ohne dich wäre ich nicht 5min unter 4 Stunden geblieben.

Mein Fanklub: Robert, Karli, Heidi, Steffanie, Markus (spezieller Dank für die mit mir gelaufenen Meter), Katrin, Sabrina und Ergy

Dank an alle anderen, wie die Radiergummis, die Blog-Leser und alle die mir jetzt nicht einfallen.

  Ergebnis Reno

Zeit 3:55:20
Platz 280 von 564
Platz AK 55 von 126

 

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