Ja wo laufen sie denn?    –

Randnotizen beim 1. Augsburger Nachtlauf

Mehrmals war ich versucht selbst die Laufschuhe zu schnüren, auch wenn es „nur“ über fünf Kilometer geht. Letztlich verwarf ich den Gedanken. Wieso? Da fallen mir reichlich Gründe ein, die aber alle ein bisschen nach Ausrede klingen: Von der Notwendigkeit eines Betreuers für meine Frau Ines und ihre Schwester Steffi, bis hin zu meiner bekannten Phobie bei Joggs im Dunkeln. Wirklich ausschlaggebend war nichts davon. Nicht mal die Aussicht unter 500 Gleichgesinnten auf schmaler Seerunde kaum Platz für meine Füße zu finden. Fünf Kilometer machen mich vielleicht als „gesellschaftliches Ereignis“ an. So wie weiland unser noch kürzeres Silvesterläufchen. Dann gern auch langsam. Natürlich kann ich mir die Strecke auch zum Training, als knallharten Tempolauf vorstellen. Doch für derlei läuferische Selbstgeißelung fehlen dem Rekonvaleszenten noch die Grundlagen. So fühle ich mich heute mit der passiven Rolle als Zaungast, Betreuer und Reporter besser bedient.

Wir haben Glück: Der Himmel klärt sich zum Abend hin. Er verspricht eine störungsfreie und stimmungsvolle Veranstaltung im versprochenen, rustikalen Fackelschein.

Wir haben auch Pech: Wir stellen uns vor der Startnummernausgabe ans Ende der Schlange, die bereits anderthalb Stunden (!) vor dem Start auf bald dreißig Meter angewachsen ist. Und warten. Und warten. Und da bewegt sich wenig … Während Ines und Steffi die Not zur Tugend erheben und hemmungslos weibliche An- und Einsichten austauschen (Sensationell wie viel Schwestern zu bereden haben, denen in den vergangenen 24 Stunden die Gelegenheit dazu fehlte), erkunde ich den Aufbau des Start-Ziel-Bereichs.

Dann haben wir wieder Glück: Als die beiden nach dreißig Minuten endlich Startnummer, Poloshirt und Verpflegung (Wofür?) erobert haben, ist die Schlange zum Monster mutiert. Das rückt den Start in weite Ferne: Eher zur Geisterstunde als zum geplanten Termin gegen 22 Uhr. Dieser Nachtlauf wird als Erstauflage veranstaltet, was zu Gunsten der Verantwortlichen nicht verschwiegen werden soll. Aber er findet im Rahmen des morgigen Kuhsee Triathlons statt und den hat der Veranstalter schon einige Male ausgerichtet. Es gibt doch Leute, die das drauf haben – gut organisieren. Warum engagiert man sie nicht?

Dann treffen wir Michaela und Kay, die ehemalige Lieblingskollegin von Ines mit ihrem Lebenspartner. Sie wird zusehen und er will laufen … zum ersten Mal überhaupt im Rahmen eines Volkslaufs. Die Warteschlange beweist ein zähes Leben. Derweil bewegen sich die Zeiger unbeirrt in Richtung „Zehn“. Fast unmerklich weicht die Farbe aus dem Tag. Mit dem Licht schwindet die Wärme. Schon bereut Ines die Entscheidung zur Wadenbelüftung in ihrer Dreiviertelhose und hüllt sich ersatzweise oben rum in wärmedämmende Schichten. Die einsetzende Dämmerung lenkt den Blick immer wieder auf die flackernde Lichterscheinung hinter dem Zielaufbau. Haushoch, beinah kreisrund, in warmem Gelbton: „Ballonglühen“ ward dem event-süchtigen Läufer versprochen. Das Lodern verursacht ein Gasbrenner mit dem sie den Heißluftballon in Form halten.

Eine Art Showbühne mit Mischpult, von Strahlern disco-bunt in Szene gesetzt, beschallt die Versammlung. Rhythmisch Melodiöses unterbrochen von belanglosen, sponsor-schwangeren Sätzen eines Moderators dringt aus den Lautsprechern. Das einzig Informative verstärkt Ines’ Schlottern: Sie wird wohl über 22 Uhr hinaus auf das wärmende Läufchen warten müssen. Grund? Na klar: Schlangen verenden nicht nach Einbruch der Nacht. Der allgemeinen wie unserer Stimmung tut das keinen Abbruch: Scherzen, palavern, fachsimpeln, lachen, schauen und fotografieren.

Mittlerweile haben wir unseren Aufenthalt in den Startbereich verlagert wie viele andere auch. „Warmlaufen!“ Urplötzlich steht der Begriff im Raum. Der oder die (von mir kam’s nicht) meinte es sicher als Scherz. Zum Einlaufen ist es zu spät und gewiss auch zu dunkel. Wer das jetzt noch abseits des dürftig und nur stellenweise erhellten Seeufers versucht, bricht sich den Hals. Nötig ist es auch nicht, denn keiner der drei wird bestzeitenverdächtig losstürmen. Vergnügen ist das Leitmotiv: Laufen, um Spaß zu haben. Laufen, um zu erleben. Laufen, um dabei gewesen zu sein. Laufen, um zu laufen.

Die Startverzögerung ist längst Fakt. Alles wartet. Vor uns, hinter uns, rechts und links. Einen Überblick gewinne ich nicht, dazu ist es einfach zu dunkel. Nur widerwillig und weil sie mir die Pelle in den Rucksack stopfen will, streift Ines ihre Jacken ab. Es soll nun bald soweit sein. Meint der Sprecher. Muss es auch, denn die Fackeln brennen seit geraumer Zeit und sind nicht so zählebig wie die Warteschlange. Jedenfalls wünsche ich den drei einen schönen Lauf, umarme meine Frau und verziehe mich dann mit Michaela in Startrichtung.

Wir stehen an der Strecke. Warten. Alle paar Meter züngelt die Flamme einer Fackel. Bestenfalls Dekoration. Kein Lichtschein erhellt den Laufweg. Ein paar Meter vor uns wartet eine Radlerin. Sie soll dem führenden Läufer die Strecke frei „pflügen“. Einstweilen verscheucht sie mit lauter, ein wenig herrischer Stimme uneinsichtige Schlachtenbummler, die andernfalls in Minutenfrist platt gewalzt würden. Ein bisschen hilflos veranstalte ich Zielübungen mit der Spiegelreflex. Preisfrage: Wie identifiziere ich ein Motiv in der Dunkelheit, das sich obendrein zwischen 500 ähnlichen bewegt? Und, falls das gelänge, was purem Zufall entspräche, wie überrede ich meine Kamera in der verbleibenden Zehntelsekunde ein ausreichend belichtetes und scharfes Bild anzufertigen? Natürlich misslingt das. Weder Michaela noch ich können die drei im dichten Strom leise trappelnder Schatten ausmachen.

Mit einem Bild vom „glühenden“ Ballon will ich mich schadlos halten. Durchs Objektiv sehen Original und Reflexion auf dem See einer Sanduhr täuschend ähnlich. Mangels Stativ nutze ich den Gepäckträger eines abgestellten Fahrrads und den Selbstauslöser. Mehrere Anläufe sind nötig, bis das Öffnen des Verschlusses mit dem zeitweiligen Aufflackern des Gasbrenners zusammenfällt. Es ist dunkel, aber offensichtlich nicht dunkel genug. „Stellen’s doch das Kinderfahrrad zur Seite, dann kommen’s besser ran!“ meint eine Beobachterin, bei der meine seltsamen Verrenkungen hinter hüfthoch arrangierter Kamera Mitleid erregen.

Michaela und ich haben uns wieder Richtung Startportal vorgearbeitet, um den Durchlauf unserer drei Wettkämpfer nicht zu verpassen. Die Seerunde misst nur 2,5 Kilometer und ein Viertelstündchen ist schnell um. Vielleicht gelingt mir diesmal ein Bild. Nach zwei Probeschnappschüssen rechne ich mir eine Fifty-fifty-Chance aus. Ein Scheinwerfer erhellt zwanzig Meter Strecke als wär's eine Bühne. Läufer um Läufer fängt sich im Lichtkegel. Manche scheinen irritiert und bemüht rasch wieder ins anonyme Schattenreich zu wechseln. Die meisten ziehen unbeirrt vorbei … Hauptsache laufen, hell oder dunkel, wen kümmert’s? Aber auch theaterreife Auftritte diverser Akteure gibt es zu vermelden. Arme hoch und Jubelschrei: Seht her! Ich laufe! Laufspaß satt, Lauflust pur. Deswegen sind sie hier. Fast alle. Sportlichen Lorbeer ernten nur ein paar an der Spitze. Der Erste natürlich, der nachher in 16:34 min das Ziel erreichen wird.

Im Zwielicht reagiert meine Kamera zu träge. Auf die Idee den Entfernungsmesser der Spiegelreflex auszuschalten komme ich erst gar nicht. Wahrscheinlich, weil sich unter abertausend bisher geschossener Bilder kein einziges findet, bei dem ich je von Hand fokussiert hätte. Und die Blitzeinstellung hätte ich auch ändern müssen. Jetzt ist es zu spät sich durchs Menü der Kamera zu hangeln. Konzentriert mustere ich jede Bewegung an der Hell-Dunkel-Grenze. Ein, zwei Minuten stürmen Unbekannte heran und dann: Schwarzes Shirt mit rotem Besatz am langen Arm. Sekundenbruchteile später das dazu passende Gesicht. Ines’ Gesicht! Kamera hochreißen, Blick durch den Sucher, Objektiv nachführen, Auslöser drücken, selbstverständliche Phasenfolge. Aber: Kein Blitz, kein Bild! Dann sind unsere Kämpfer vorbei und mir zum Hohn feuert die Kamera eine Lichtsalve in ihren Rücken. Verflixt! Wieder kein brauchbares Foto. Michaela lässt mich dennoch frohlocken. Mit hochkarätiger „Bewaffnung“ schoss sie ein tolles Bild. Darauf stürmen die drei als griechische Phalanx dem Feind entgegen: Weitere 2,5 Kilometer liegen vor ihnen.

„Nehmt den rechten Zielkanal!“ verlangte ich vorm Start von Ines. Nachdem die Nachzügler des Feldes das Ziel passiert haben, fasse ich mir ein Herz und stelle mich hinter der Zeitnahme auf. Im grellen Scheinwerferlicht ist meine und Michaelas Unbotmäßigkeit allen Blicken preisgegeben. Sekündlich bin ich auf den Platzverweis gefasst. Doch anscheinend gibt es hier keine Ordner. Im hell ausgeleuchteten Zielbereich hoffe ich auf das Foto des Tages. Zu dumm, dass die Zeitnehmerin mitten im Weg steht. Kurz entschlossen und unter Michaelas amüsiertem Kommentar wage ich Unerhörtes; ich schlüpfe unter einem Trassenband hindurch und habe endlich freies Schussfeld.

Wir blicken auf wahre Triumphe zurück: Erreichten zusammen den Gipfel des Kilimandscharo und sammelten in Südamerika auf über 6000 Metern Höhe grandiose Bilder. Stundenlang trug ich sie durch fantastische Landschaften, wärmte bei Minusgraden ihre Akkus an meinem Busen. Heute waren wir kein einiges Team, meine Kamera und ich. Auch das ersehnte Zielfoto verweigert sie mir. Dynamisches im Finstern und mit Blitz einzufangen, das ist eben Neuland für uns beide.

Unsere drei Läufer sind erfolgreicher und entsprechend aufgekratzt. Ein herrlicher Laufspaß liegt hinter ihnen. Mehr konnte und sollte es nicht sein. Sie tauschen sich über das Erlebte aus, reden von verschiedenen Engpässen, besonders auf der ersten Runde. Dabei liefen sie fast die komplette Strecke in kompakter Schlachtordnung nebeneinander, harmonierten demnach vom Tempo her. Ines verpackt ihre kälteempfindlichen Rundungen, wozu Kay, ganz Gentleman, seine lange Trainingshose beisteuert. Höchste Zeit für kulinarische Sünden. Bratwürste, Pizza und Pommes um elf Uhr abends. Einfach nicht drüber nachdenken. Nachtlauf ist zum Glück nicht jedes Wochenende …

Lag es an den Fotomühen oder tatsächlich an der Dunkelheit? Nie zuvor habe ich als Zuschauer von einer Laufveranstaltung so wenig – fast nichts – mitbekommen. Aber gelaufen sind sie, so viel steht fest. Hier die Ergebnisse:

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