Palermo-Connection im Allgäu   –   Sonnwendlauf um den Grüntensee

Es scheint, als wolle die heutige Laufveranstaltung die regentriste Freudlosigkeit meines Treviso Marathons fortsetzen. Fett und tief hängen Regenwolken über dem Allgäu und erfüllen ihren Auftrag: Reichlich Regen. Derweil hat das Dreierlaufteam Ines, Udo und Roxi Unterkunft in Haslach bezogen. Nein, keine Bange, da habe ich keine Bildungslücke bei dir aufgedeckt. Natürlich kennt kaum jemand jenseits der Allgäuer Sprachgrenze die spärliche Ansammlung von Häusern, Höfen und zwei Gasthäusern. Haslach dürfte man mit Fug und Recht als verschlafenes Kaff am Rande des Tourismus bezeichnen. Aber Vorsicht! Der Welt entrückt erscheint der Weiler nur auf den ersten Blick. Beim zweiten sieht man schon den Bahnhof und wenn man das Pech hat, in die falschen Kreise zu geraten, zeigen sich Konturen einer unheimlichen, undurchschaubaren Palermo-Connection. Doch von diesen, den eigentlichen Risiken unseres geplanten Laufes zu dritt werden wir erst später erfahren …

Das Vorhaben: Beim Sonnwendlauf, veranstaltet vom Skiclub Oy/Mittelberg, geht es für uns zugleich um nichts und sehr viel. Aber der Reihe nach: Der Sonnwendlauf wird freitags um 18 Uhr gestartet und sucht Teilnehmer für einen Viertel- oder Halbmarathon auf einer oder zwei Runden um den Grüntensee. Die Halbmarathonis eröffnen den Lauf, die 10,55 km-Läufer, zu denen auch wir gehören werden, folgen 10 Minuten später. Spaß wollen wir dabei haben; Lauffreude auf wunderschöner Landschaftsrunde um den See genießen. Kein Zeitziel soll uns davon ablenken; insofern geht es um nichts. Wir werden uns hinter dem Feld einreihen, um niemand zu behindern. Wir: Ines, ich und unser Hund Roxi. Und so wird dann doch noch eine große Sache daraus. Roxis Debüt beim Volkslauf, oder genauer gesagt unser Debüt als Equipe „Mensch-Mensch-Hund“! Roxi hat mit ihren knapp zwei Jahren noch nicht viel erlebt. Entsprechend nervös und umtriebig reagiert sie auf jeden neuen Ort und jede Unternehmung zu der wir sie mitnehmen. Der Retriever in ihr – das ruhige und behäbige Element – hat noch jeden Kampf verloren. Die andere Hälfte, der neugierige, explosive, rastlose und schwer beherrschbare Australian Shepard, setzt sich allemal durch. Dieser gemeinsame Lauf dient vor allem der Gewöhnung unseres Vierbeiners an die Atmosphäre von Laufveranstaltungen. Roxi das Landei inmitten totaler Reizüberflutung. Hunde sind Bewegungsseher und Schnüffler. Und Läufer bewegen sich unablässig und manchmal brauchst du nicht mal eine 1.000fach empfindlichere Hundenase, um der Schweißspur deines Vordermannes zu folgen … Ines' Erwartungen zufolge wird Roxi auf den ersten Kilometern unbotmäßig zerren. Im Training läuft sie entweder frei (um dabei mindestens das Doppelte der Läuferdistanz im unsteten Hin und Her zu bewältigen), einigermaßen beherrscht im Kommando „Fuß“ oder auch ohne Beanstandung an der Leine. Aber Training und Wettkampfsituation sind zwei Paar Stiefel – nicht nur für Menschen.

Wir werden langsam laufen – sehr langsam. Um uns auf Roxis „Fortbildung“ zu konzentrieren. Aber auch meinetwegen: Nach sechs Wochen Laufverbot zog ich Mitte Mai wieder die Laufschuhe an. Erstes „Training“: Fünfmal 1.000 Meter traben, dazwischen 500 Meter Gehen. Das mag dir lächerlich vorkommen und tatsächlich war ich in jenen Tagen froh, dass keine der seltenen Begegnungen in „Waldeseinsamkeit“ zu einem erkennenden „Ah! Hallo!“ führte. Nie zuvor lief ich auf solche Weise: Bedächtig, ängstlich, ganz und gar therapeutisch. In der Folge fand ich zu Dauerläufen ohne Gehpausen. 5, 6 Kilometer. Jedem Lauf folgte ein Ruhetag. Das Ganze flankiert von ärztlichem Rat und den Bemühungen meines Physiotherapeuten. Was zu erwarten war trat ein. Die Beschwerden – oder besser: der gordische Schmerzknoten sich überlagernder, degenerativer Veränderungen, hervor gerufen durch Überlastung und Lebensalter – hat die Laufpause überlebt, meine Ausdauer nicht. Manchmal bei und häufig nach jedem noch so laxen Jogg melden sich die Sünden der Vergangenheit. Also war ich vorsichtig, bin ich ängstlich und werde ich nur sehr zurückhaltend steigern: Heute, seit dem Treviso Marathon im März, zum ersten Mal wieder zweistellig. Hätte mir vor einem Jahr jemand 10,55 Kilometer als Udos Schallmauer im Juni 2009 vorher gesagt, mein Urteil über diesen Menschen wäre vernichtend ausgefallen. Aber das Backen der ganz kleinen Brötchen ist nun Fakt und schon auf diesen beiße ich recht angestrengt herum.

Auch das ergiebige Nass aus dem Allgäuer Himmel ist Fakt und kommt mir wie ein schlechtes Omen vor: Vor Wochen das schmerzvolle Finish im Dauerregen von Treviso und nun will das Regenorakel vom Grüntensee neuerlich Hoffnungslosigkeit verbreiten. Dem wehrt mein ungebrochener Optimismus mich aller Beschwernis zu entledigen. Gestraft wie Ikarus: Eine Zeit lang wuchsen mir Flügel. Beim Fliegen verlor ich zu lange die Bodenhaftung, kam der herrlichen Sonne zu nah. Entsprechend tief gestaltete sich mein Absturz. Zeit für einen Neuanfang! Den radikalen Schnitt zu akzeptieren war Voraussetzung, um Spaß am Laufen auf kleiner Flamme zu entwickeln. Zum Großteil ist mir das geglückt. Hauptsächlich deshalb sitze ich nun nicht neben Ines auf dem Pensionsbett in Haslach und blase Trübsal. Durch jedermanns Kopf ziehen beim Stichwort Allgäu Bilder von strahlend blauem Himmel über saftig grünen Wiesen, Hügeln und schroffen Bergen. In diesem Postkartenformat hatten auch wir das Wochenende geplant. Alles schien klar, bis auf die zappelige Unbekannte namens Roxi.

Fünf Gehminuten trennen unsere Pension vom Start. Startnummern und Transponder holten wir schon bei der Ankunft ab. Ergo brauchen wir uns der himmlischen Gießkanne vor 18 Uhr nicht auszusetzen (zu diesem Zeitpunkt wähnen wir den Start um 18:15 Uhr!). Mehr zur Bestätigung des Unabänderlichen und zum x-ten Mal schaue ich kurz vor sechs aus dem Fenster. Ines glaubt, dass ich ihr einen Bären aufbinden will: „Es hat aufgehört zu regnen!“ Tatsächlich! Sofort sind wir uns einig: „Das wird kaum anderthalb Stunden lang so bleiben.“ Dann brechen wir auf; vorneweg Roxi, bisweilen heftig ziehend und mit Ruck an der Leine zur Ordnung gerufen.

Auf der Hauptstraße zwingen uns die soeben gestarteten Halbmarathonis zum Warten. Zwischen parkenden Fahrzeugen und Läuferflut fände Mensch mit Hund keine Gasse. Um fünf nach sechs sind sie vorbei. Wir gehen weiter und Roxi zerrt sofort wieder im Geschirr. Alles ist neu und natürlich spürt sie, dass irgend etwas vorgeht. „Vielleicht sollten wir bis zum Start traben, damit sie sich ein bisschen beruhigen kann.“ schlage ich vor. An Stelle einer Antwort fällt Ines in leichten Trab. Immerhin bewahrt uns Roxi auf diese Weise vor der ersten Panne: Als wir uns dem Startbereich nähern schallt es aus dem Lautsprecher: „Noch zwei Minuten!“. Demnach Start um 18:10 und nicht 18:15 Uhr! ‚Also echt! Du hättest ruhig noch mal nachfragen können!’ schelte ich mich insgeheim. Auch ohne Zeitziel: Ich hasse Hektik und Durcheinander zu Beginn eines Laufes. Also flugs hintan gestellt, eilig ein Foto von Ines mit Roxi geschossen und schon geht’s los.

Und wie es losgeht! Roxi wirft sich ins Geschirr wie ein Schlittenhund zu Beginn eines 1.000 Meilen Alaska-Trails. Ines nutzt die Leine in ihrer Hand als Zügel, bremst das Zugtier mit wiederholtem, festem Rucken. Das klappt nach kurzer Zeit ganz gut, bis uns laut zischend eine Dampflok samt Tender und Waggons überholt: Fünf, sechs junge Kerle, hintereinander gereiht, spielen Eisenbahn, zelebrieren ihre Art von lustvoll infantilem Laufen. Schneller als wir? Wieso lassen Frauchen und Herrchen das zu? Und wieder zeigt Roxi wie viel Kraft in ihren Läufen steckt …

Bald wendet sich der Kurs auf geteertem Abschnitt seewärts. Zeit für ein paar Fotos: Ines, Roxi, das Schwanzende der Läuferschar, im Hintergrund der Grüntensee, darüber der gleichnamige Gipfel. Auch ohne Sonne ein durchaus attraktiver Anblick; wenigstens so lange es nicht wieder zu regnen beginnt … In einem Waldstück rechts der Strecke spannen sich Seile von Baum zu Baum, erreichen schwindelnde Höhen, vernetzen sich zur Abenteuerkletteranlage. Dann fordert ein kurzer Anstieg, bringt uns scheinbar weg vom Seeufer. Scheinbar, denn danach geht’s steil hinab, zuletzt über die kurze Staumauer des Grüntensees. Ein paar Meter tiefer, am Fuß des Stauwerks, gurgelt das Flüsschen Wertach in Richtung Norden, um sich in Augsburg mit dem Lech zu vereinigen. Den Grüntensee hielt ich bisher für ein natürliches, von der letzten Eiszeit zurückgelassenes Gewässer.

Keine zwei Kilometer getrabt und Ines ist genervt. Also nehme ich ihr Roxi einstweilen ab. Auf dem folgenden Abschnitt gewinnen wir Anschluss zu einigen Mitläufern, denen schon in der Frühphase die Beine schwer werden. Instinkte im Hundekopf sind auch nicht leichter zu Durchschauen als menschliche. Aber in diesen Minuten bin ich sicher: Jedes der Überholmanöver missrät für Roxi zur unguten Lektion über den Sinn von Laufveranstaltungen. Sie versteht es so: Schneller laufen als der Vordermann, ihn jagen und hetzen, aufholen, überholen … Jedenfalls muss ich sie immer wieder hart zur Ordnung rufen, wenn wir wieder einen Zweibeiner hinter uns lassen und das nächste Paar trabender Beine in ihr Visier gerät. Es dauert nicht lange, dann bin ich genervt. Zumal Frauchen sich verbal einmischt, als ich beim Rumnesteln mit Leine und Kamera völlig aus dem Takt gerate … Hundebesitzer am Rande des Wahnsinns.

Reichlich vier, fünf Kilometer, darunter das schönste Stück Seeufer, dann haben wir uns als Trio arrangiert. Bis Mensch und Hund sich laufend einigermaßen einig sind ist vom See nichts mehr zu sehen und der von Pfützen übersäte Uferpfad mündet in einen Radweg parallel zur Straße. Das unschöne Intermezzo vorbei zischender Autos dauert nur ein paar hundert Meter. Dann biegen wir in spitzem Winkel und unter dem Beifall von Streckenposten, verstärkt von kleiner Zuschauerkolonie, in einen Feldweg. Trotz achtbeiniger Lernsituation gelingt ansatzweise Entspannung. Ein bisschen vom Zauber des wunderschönen Allgäus dringt zu uns durch. Sicher auch, weil die himmlische Wetterregie den Ablauf der Veranstaltung nicht durch weitere Berieselung stört. Ines und ich tauschen Gedanken zur traumhaften Laufstrecke aus und ich setze noch eins drauf: „Wenn nun auch noch die Sonne schiene, wäre es gar nicht auszuhalten!“

Zeit und Geschwindigkeit waren auf dem ersten Streckenteil einerlei, alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf den Vierbeiner in unserer Begleitung. Im Grunde spielen sie auch jetzt noch keine Rolle. Immerhin registriere ich, dass wir mit einer sehr gemächlichen Pace von 6:40 min/km unterwegs sind, die ich für Ines’ Wunschtempo halte. Zu langsam für jeden von uns, wie sich anlässlich der Manöverkritik am Abend herausstellt. Ines wäre gerne etwas flotter unterwegs gewesen, mir hätte eine halbe Minute pro Kilometer weniger auch nicht weh getan und Roxi wollte sowieso einen neuen Streckenrekord aufstellen … Macht nichts. Im Augenblick bin ich mit dem Tempo nur insofern unzufrieden, als wir nun doch für die Spitze des Halbmarathons ein Hindernis bilden werden, was ich nach erster Kalkulation zu vermeiden hoffte. Mit Riesenabstand zueinander überholen uns die ersten drei der Halbmarathonkonkurrenz auf den letzten beiden Kilometern. Der breite Feldweg bietet reichlich Platz zum Ausweichen, so dass das allerorten mit einem Lächeln bedachte Hundegespann nicht zum Hindernis wird.

Schon vor Kilometer 10 reicht mein Blick weit voraus und erfasst das Zieltransparent. Gleich ist es überstanden und ich ziehe körperlich Bilanz: Unzweifelhaft spüre ich den Lauf auf die übliche, unangenehme Weise im rechten Bein. Aber nur leicht, wodurch die Hoffnung bleibt in ein paar Monaten wieder den Traum vom Marathon zu leben. Er fehlt mir. Sehr sogar. Was ich vermisse vermag ich nicht mal exakt zu benennen. Irgendwie alles: Glückliches Finish, nette Begegnungen, lustige Erlebnisse, mit Freude lange laufen. Aber auch die unangenehmen Begleiterscheinungen, der ewige Kampf, das Verbeißen in ein Ziel, die Unbilden zwischen Kilometer 0 und 42,195 will ich wieder erleben.

„Zwischen den vielen Leuten im Zielbereich wird Roxi noch ’mal ordentlich ziehen!“ meint Ines. Ich wende mich lächelnd an den Hund vor meinen Füßen: „Hörst du Roxi? Frauchen versucht mich vorzubereiten, damit ich nicht noch die Nerven verliere.“ Tatsächlich erweist sich der Zieleinlauf als völlig unspektakuläre Angelegenheit. Ich finde sogar Zeit die Uhr zu stoppen, die irgendwo bei 1:12:xx stehen bleibt. Man nimmt uns die Transponder ab, wir trinken ein paar Becher „Iso“, essen ein Stück Banane und Ines vergisst auch nicht Roxi zu loben. Die sieht aus, als hätte sie ein Bad im Uferschlamm des Grüntensees genommen, gibt sich im Übrigen völlig relaxed und wäre sicher gleich für eine weitere Runde zu haben …

Wir schlafen eine Nacht über all den Aufregungen und besprechen beim Frühstück, welche Änderungen für Mensch und Hund den Spaßfaktor erhöhen könnten. Zum Beispiel muss eine Joggerleine samt Hüftgurt her, um die Hände frei zu haben. Dabei schauen wir uns um: Jagdtrophäen, gehörnte Schädelplatten von Rehwild, ausgestopfte Vögel und Kleintiere, schauen uns von den Wänden aus zu. Die Pension gehört einem Jäger, das ist nicht zu übersehen. Am Eingang zur Küche hängt ein Schild: „Frisches Wildfleisch und Wildwurst aus eigener Jagd“. Dann gibt sich der Herr Jäger selbst die Ehre, beginnt ein Gespräch. Dass wir tags zuvor am Sonnwendlauf teilnahmen, übergeht er kommentarlos. Ihn bewegen andere Dinge. Vielleicht ist das aber auch nur seine groteske Art Pensionsgäste zu begrüßen: In überfallartig und höchst aggressiv vorgetragenem Redeschwall berichtet er von seinem Jagdrevier; davon, dass er seine „Rehlein“ im letzten Winter mit angeblich 17.000 Euro durchgefüttert habe und vor allem von dem Ärger mit den Bauern, die den hohen Pachtzins einstecken und dann auch noch einen Wildschaden geltend machen (Wer wollte das eigentlich wissen?). Ich nehm’s zunächst mit Gleichmut. Anlässlich seiner Kernsätze bleibt mir dann doch ein Bissen der Frühstückssemmel im Halse stecken: „Was i immr sag: A Henna isch koi Vogel und a Baur isch koi Mensch! A Baur muass Angscht haba! I bin dafüa bekannt. I lass m’r nix g’falla! I ruaf moin Schwoager in Palermo an, dann san’s so kloi mit Hut!“

Ein Lob der Organisation

Eine in allen Belangen gut vorbereitete und durchgeführte Laufveranstaltung. Die Verpflegung auf der Strecke und im Ziel war reichhaltig. Und wenn man das Funktionsshirt (!) in Rechnung stellt, das jeder vorangemeldete Teilnehmer als Erinnerung mitnehmen durfte, dann sind 15 Euro Startgebühr lächerlich wenig. Und von Strecken wie dieser um den Grüntensee träumt jeder Landschaftsläufer ...

  Ergebnis

     Ines        1:12:00  
Udo
Roxi
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