Eine nette Idee – Partnerlauf des FC Ebershausen

Ebershausen muss man nicht kennen: Ein Ort an der B 300 zwischen Augsburg und Memmingen, tief im Noch-nicht-ganz-Unterallgäu gelegen. Aber auch in der Laufprovinz entwickeln Vereine tolle Laufkonzepte: Zum 5 km-Partnerlauf könnt ihr nur paarweise antreten. Die Wertung erfolgt getrennt in den Kategorien „Weib-Weib“, „Kerl-Kerl“ oder gemischt geschlechtlich. Die Altersklasse ergibt sich durch Addition der angesammelten Lenze. Ines und ich sind in „GP 80“ gemeldet, der am stärksten besetzten Mixed-Klasse. Um in GP 100 zu starten müssen wir gemeinsam noch dreimal Weihnachten feiern …

„Nur“ fünf Kilometer? Ohne außergewöhnliche Sinngebung holt mich eine solche Veranstaltung kaum von der Couch. Damit verbindet sich keine Geringschätzung der Strecke, wie ihr wisst, 5.000 m sind mir einfach zu kurz, zu hart, zu gemein. Also was verspreche ich mir von Ebershausen? Einerseits lockt die Möglichkeit, mal wieder mit Ines im Tandem zu kämpfen. Dabei wird jeder nach seiner Fasson laufen, die Ines etwa nach einer halben Stunde ins Ziel bringen soll. Ich plane die „Kurzstrecke“ als Tempotraining. Offen gestanden habe ich keinen Schimmer, was meine Ausdauer derzeit hergibt. Viel kann dabei nicht ’rum kommen, weil mich die Verletzung zwang das Element Tempo sehr stiefmütterlich zu behandeln.

Roxi, die vierbeinige Top-Athletin, ist auch dabei. Ihr zweiter Lauf. Auf der Hinfahrt stellen wir noch Überlegungen an, an wessen Hüfte fixiert, unser Vierbeiner mit mehr Ruhe laufen wird. Hunde schnüffeln selektiv und zielgenau. Roxi könnte meiner Fährte folgen, wenn sie hinter dem Feld her läuft und dementsprechend ziehen, fürchtet Ines. Darum ergeht Beschluss: Roxi läuft mit Udo.

Kaum angekommen halten wir auch schon unsere Startnummer in den Händen. Die Organisation ist Spitze - übrigens in jeder Hinsicht und bis zum Schluss. Kurz vor 18:30 Uhr, der vorgesehenen Startzeit, sticht die Sonne noch erbarmungslos. Selbst im nahen, recht schattigen Wald brechen mir beim Einlaufen Sturzbäche von Schweiß aus allen Poren. Das ficht mich nicht weiter an, das aktuelle Beingefühl dafür umso mehr: Heute ist definitiv nicht mein Tag! Keine Spur von Lockerheit beim Aufwärmen und der Puls schießt himmelwärts. In der Ausschreibung wurde der Kurs mit 40 Höhenmetern angegeben. Das sagt mir nichts. Mangels 5 km-Erfahrung fehlen Vergleichswerte. Jedenfalls klingt es nach „unerheblich“. Aber ich fange an zu rechnen als ich das Schlussstück der Strecke zum Warmlaufen unter die Füße nehme und mich ein markanter Hügel nach Luft schnappen lässt. 40 Höhenmeter auf 5 km, das entspräche etwa 350 Höhenmetern bei einem Marathon. Und darunter kann ich mir allemal was vorstellen. Zum Beispiel den Heilbronn Marathon mit seinen recht fordernden Anstiegen …

Somit ergeht ein zweiter, endgültiger Beschluss: Roxi läuft mit Ines. Das wird hart heute und mir wird sicher Kraft fehlen den vierbeinigen Zappelphilipp in der Schiene zu halten und nötigenfalls zur Ordnung zu rufen. Ein hübsch kleines, gut gelauntes Teilnehmerfeld versammelt sich vor der Startlinie. 118 LäuferInnen konnte der Veranstalter laut Durchsage in diesem Jahr motivieren. Das klingt nach wenig, aber es sind eben ausschließlich Paare am Start. Der dauert noch, weil der Herr Bürgermeister die Bedeutung der Veranstaltung, seines Ortes und damit wohl auch die eigene mit ein paar Sätzen unterstreicht. Ich höre nicht was er sagt, verstehe nur „Bürgermeister“ und reime mir den Rest zusammen. Doch, das kann ich. Reichlich Salbungsvolles von gleichermaßen „Gesalbten“ habe ich in den zurückliegenden Jahren gehört. Da kommen schon diverse Ansprachen zusammen. Bundestagsabgeordnete waren darunter, sogar ein leibhaftiger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz … Also es dauert noch. „Platz!“ befiehlt Ines. Nein! Nicht dem Bürgermeister. Es gilt Roxi und das kapiert sie überhaupt nicht. Hat Frauchen denn nicht die Laufleine um die Hüften zuschnappen lassen? Anzeichen genug für baldiges Loslaufen? Roxi wittert das bevorstehende Gassi – ihre Lieblingsbeschäftigung neben Fressen und Schwimmen. Und Roxi hasst Verzögerungen. Also macht sie ihrer Hundeseele mit ein paar launigen Bellern Luft. Zumindest hier hinten, am Ende des Feldes, gehört damit ihr alle Aufmerksamkeit und nicht dem Bürgermeister … Endlich ist es soweit: Umarmung und Kuss für Ines, eine letzte Streicheleinheit für Roxi und schon bricht der Startschuss.

Zunächst eben, dann hinab in eine Senke, eine Straße querend, noch komplett vom sengenden Stern beheizt. Einstweilen bewahre ich mir die Hoffnung, dass da irgendwo tief in mir drin was „anspringen“ wird. Aber das passiert nicht. Immerhin 4:35 Minuten brauche ich für den ersten Kilometer und das ohne relevante Steigung. Auch wenn ich nicht viel erwarten durfte, diese Zwischenzeit versetzt mir einen Dämpfer. Die Wärme macht mir mehr zu schaffen als gewöhnlich. Und die harte Bergtour vorgestern (1.000 Meter rauf in zwei Stunden und in anderthalb wieder runter) scheint noch nachzuwirken. Erstmals verfluche ich meine Absicht des Tempolaufs, wünsche mich zu Ines und Roxi ans Ende des Feldes, um Abend und Landschaft zu genießen … Aber das ist wieder mal typisch Udo: Warum Spaß haben, wenn man sich auch quälen kann? Sich immer fordern! Jedem noch so winzigen Laufereignis einen Trainingsmehrwert draufsatteln. ‚Puh!’ es ist einfach nur schwer … In meinem Kopf formt sich das harte Wort mit dem man die weiche Masse bezeichnet. Einmal, noch mal, immer wieder. Ein paar hundert Meter gönnen uns kühlen Wald. Meine Poren registrieren das nicht und produzieren weiterhin Ströme von Schweiß.

Kilometer 2: Einigermaßen irritiert registriere ich die Zwischenzeit. Knapp über 10 Minuten. Wie bitte? So viel langsamer soll ich auf dem zweiten Kilometer gelaufen sein? Im Entfernungsmesser des Forerunner stehen schon fast 2,2 km zu Buche … Egal weiter. Der Wald ist zu Ende und gibt den Blick über eine recht attraktive, landwirtschaftlich geprägte Hügellandschaft frei. Ich befehle mir das zu genießen. Eine Weile abschüssig laufend beruhigt sich der Puls und ich versuche am Tempo zu arbeiten. Wieder kreuzen wir die Straße und treten vorm Waldrand bereits den Rückweg an. Ein paar Läufer und Läuferinnen habe ich ständig im Blickfeld. Positionsverschiebungen gibt es kaum. Blut rauscht mir in den Ohren. Schnell wollte ich laufen, aber nicht zu schnell. Nicht riskieren, dass da irgendwas aufbricht. Aber schon jetzt steht fest, dass ich gar nicht schneller könnte. Nicht heute, nicht bei dieser Witterung und nicht nach diesem Vorprogramm.

Wann hatte ich zuletzt solche Empfindungen in den Beinen? Vielleicht im Herbst beim Marathon auf der Schwäbischen Alb? Ja, in den steileren Passagen dort fühlte sich das genauso ekelhaft an wie jetzt. Aber es ist ja bald vorbei: 3 Kilometer sind ’rum. Die Zeit? Reden wir nicht davon, sonst schäme ich mich noch nachträglich beim Schreiben. Enttäuschung über die mäßige Zeit mischt sich mit elender Anstrengung. ‚Aber Himmel! Du Narr! Wo soll’s denn herkommen?’ Was für Einheiten habe ich in den letzten Wochen absolviert? Wann mit einer Intensität trainiert, die mir jetzt die erträumten Flügel wachsen lassen würde? Von nix kommt nix oder in Läufer-Vokabeln: Nur wer schnell trainiert, kann auch schnell laufen!

Wenigstens umfängt uns kühler Wald. Für die Dauer eines Gedankens fliege ich im Feld zurück: Wie mag es Ines und Roxi ergehen? Ob die zwei Spaß haben? Ein Anstieg und noch einer. Hatte ich vergessen wie weit fünf Kilometer sind? Jetzt ist es mir wieder bewusst! Freude kommt heute keine auf. Und plötzlich verstehe ich auch warum: Weder Hitze noch Anstiege, nicht Tempoqual oder mein Schneckentempo verhindern es. Jener Teufel, der mich vor Monaten zum Pausieren zwang und weiterhin am marathonlangen Laufen hindert, lebt noch. Mit jedem Meter verstärken sich die unguten Signale aus dem rechten Bein …

Ich passiere die 4 Km-Tafel mit einer Zwischenzeit von etwas über 20 Minuten. Unfassbar, aber es wird mir nicht einmal gelingen die Pace unter 5 min/km zu halten. Das mag unwichtig sein, setzt mir in diesem Moment allerdings mehr zu als alles andere.

Die letzten Minuten: Diesen Teil der Strecke kenne ich schon, nutzte ihn vorhin zum Einlaufen. Erwähnenswerte Anstiege gibt’s keine mehr und auf den letzten dreihundert Metern fördert der abschüssige Weg sogar das Lauftempo. Hinter mir in einigem Abstand vernehme ich angestrengtes Schnaufen. Noch so ein Teufel der überlebt hat: Mein Ehrgeiz. Will jetzt niemand mehr vorbei lassen und werde schneller. Das Keuchen hinter mir auch. Noch schneller. Auch wenn das Keuchen mir was anderes einflüstern will, der Kerl hinter mir hat die frischeren Beine. Die letzte Linkskurve und auf asphaltierter Straße geht es dem Ziel entgegen. Ich spüre wie mein Hintermann alle Reserven mobilisiert und zum Überholen ansetzt. Und ich werde mich nicht wehren. Kann ich nicht oder will ich nicht? Jedenfalls lasse ich ihn gewähren und vor mir im Zielkanal eintauchen.

Geschafft. Vom Blick auf die Uhr erwarte ich Frust und bekomme Verwirrung. 24:13 min!? Die Zeit wird später offiziell bestätigt. Wie kann das sein? Demnach müsste ich den letzten Kilometer in etwas weniger als vier Minuten zurückgelegt haben!? Ausgeschlossen!??? Die Zeit ist nicht berauschend, aber gottlob nicht so miserabel wie eben noch befürchtet. Das rückt die Maßstäbe zurecht und ich bin mit der „Gesamtsituation nicht mehr ganz so unzufrieden“ …

Ein paar Sekunden gönne ich mir zur Pulsberuhigung und um den Anflug von Übelkeit loszuwerden. Dann trabe ich wieder an, außen entlang am Zielkanal, zurück in Richtung Wald. Weiträumig weiche ich Läufern aus, die dem Ziel entgegen hetzen. Ich werde traben – auslaufen – bis ich auf Ines und Roxi treffe, um dann die letzten Meter gemeinsam zu joggen. Ungefähr einen halben Kilometer vor dem Ziel kommen sie mir entgegen. Später, als Ines wieder Luft hat, erfahre ich: Roxi ist brav gelaufen. In ihrer Freude mich zu sehen, bringt sie Ines allerdings ins Straucheln. Ein energischer Ruck an der Leine zwingt Roxi wieder auf Kurs. Beifall begleitet die beiden ins Ziel. Frau mit Hund, so was gefällt den Leuten. Bei 31:04 min bleibt die Uhr für die beiden stehen.

Ein Lob dem Veranstalter: Das wirkte alles sehr professionell. Weitere Pluspunkte: Die wunderschöne Strecke und eine völlig entspannte, kameradschaftliche Atmosphäre. Tolle Idee, dieser Partnerlauf!

Bildnachweis: Bilder von Udo beim Lauf stammen von Friedrich Birkner, FC Ebershausen / Bilder von Ines und Roxi aus dem eigenen Fundus

 

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