Laufen bei Freunden  –  1. Schlaubetal Marathon Eisenhüttenstadt

Schnatterinchen und Pittiplatsch veranstalten einen Marathon - ihren ersten, zugleich eine Premiere für das Zentrum der Stahlproduktion im deutschen Osten, in Eisenhüttenstadt. „Schnatterinchen und Pittiplatsch“ - das klingt nach Märchenidylle, dafür „Eisenhüttenstadt“ nach zerstörter Umwelt oder zerfallender Hinterlassenschaft eines real glücklicherweise nicht mehr existierenden Sozialismus. Ich erzähle diese Geschichte eines Marathonlaufes auch, damit solche Vorstellungen einer erfreulichen, weit interessanteren Wirklichkeit weichen.

Am schnellsten geht das mit besagten Fantasiefiguren einer DDR-Kinderserie: „Pittiplatsch“ und „Schnatterinchen“, Kobold und Ente, kennt kaum jemand in den alten Bundesländern, dafür in den neuen fast jeder. Sie dienen Kathrin und Bianka als Alias im Läuferforum. Kathrin und Bianka kamen vor zwei Jahren auf die Idee den Schlaubetal Marathon ins Leben zu rufen. Motto: Was andere können, schaffen wir auch! Wenn „Schnatti“ und „Pitti“ im Forum rufen, dann geben sich viele Foris ein Stelldichein, um zu laufen oder einfach nur zu helfen. Mein „Auftritt“ in diesem illustren Kreis folgte zunächst nicht der Devise „da musst du dabei gewesen sein!“ Ich liebäugelte mit diesem Lauf, weil es ein „freies“ Wochenende zu „füllen“ galt und eine „Marathonpremiere“ immer einen besonderen Reiz hat. Recht spät wurde mir bewusst, dass zwei Forumsdamen bei diesem Lauf die Fäden ziehen. Zudem bot sich eine 1a-Gelegenheit, viele „virtuelle Existenzen“ durch Menschen aus Fleisch und Blut zu ersetzen.

Apropos „Blut“. Mein ziemlich „blutiger“ 52 km-Gebirgsultra in Reutte am vorherigen Wochenende verschaffte mir eine trainingsfreie Woche. Dazu verdonnerten mich bis Mittwoch zwei verstauchte und geschwollene Zehen. Ihren Part übernahm dann am Donnerstag die beim Sturz geprellte Rippe, als ich einen Laufversuch nach vier Minuten wegen heftiger Schmerzen abbrach. Viele andere Marathonläufe hätte ich mir nun unter großem Bedauern abgeschminkt. Unterdessen hatte sich der Schnatti-Pitti-Schlaubetal-Marathon in meiner „schmerzenden“ Brust allerdings als Herzenswunsch eingenistet. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Als ich am Freitag fünf kapitale Staus auf den Autobahnen nach Eisenhüttenstadt „abarbeitete“, war ich keineswegs sicher überhaupt laufen zu können. Sogar kurz vor dem Start stand lediglich fest, dass ich es „versuchen“ wollte. Um das Schicksal nicht herauszufordern, war ich wild entschlossen den Lauf abzubrechen, sollte die Rippe mehr als nur „mucken“!

Der Morgen beginnt mit Sonne und Eis. Eis auf den Autofrontscheiben und Sonne aus strahlend blauem Himmel. Die Minusgrade bestätigen meine Entscheidung vom Vorabend, die Startnummer ans Langarmshirt zu montieren. Eine Stunde vor dem Lauf herrscht um das und im Sportzentrum schon rege und gut gelaunte Betriebsamkeit. Ein paar Bekannte sind zu begrüßen, diverse vor-dem-Marathon-typische Sätze auszutauschen und ein paar Mal werde ich gefragt, ob ich denn laufen könne. Meinem stereotypen „Ich versuch’s!“ liegen Gemütsregungen mit identischer Vorsilbe zu Grunde: Unbehagen, Unsicherheit, deshalb Unlust. Die Spannung aller, gleichgültig ob sie dem Organisationsteam angehören oder Laufbekleidung tragen, ist fast mit Händen zu greifen. Die empfinde ich sonst nie, da selbst darin gefangen. Heute stehe ich meinem Start distanziert gegenüber, sogar ein wenig ängstlich, mag mich nicht von der allgemeinen Hochstimmung anstecken lassen. Wird mich die Rippe laufen lassen?

Höchste Zeit für abschließende Vorbereitungen. Im Umkleideraum entledige ich mich wärmender Bekleidung und pelle mich stattdessen in ein dünnes „Ganzkörperkondom“ aus Plastik. Danach ab zur Kleiderdeponie! Alle Anlaufstationen sind im Sportzentrum untergebracht. Es atmet den zweckdienlichen „Charme“ vieler der aus DDR-Zeiten überkommenen Bauten. Auf dem Weg ins Stadion nebenan bin ich der „Star“. Niemand sonst kann mit so einer lächerlichen „Wurstpelle“ aus „Plaste“ aufwarten. „Udo, du siehst gut aus!“ meint eines der mir bekannten „Fräulein“ spitzbübisch. Guckt nur alle! Dafür bin ich einer der wenigen, die nicht zähneklappernd auf der Aschenbahn stehen. Zehn Minuten bis zum Start, die Sonne verabschiedet sich hinter ersten Wolkenfeldern. Den leichten, dafür eiskalten Wind nimmt sie leider nicht mit. Hätte ich vielleicht doch Handschuhe überstreifen sollen? Nach und nach teile ich gute Wünsche an alle Foris aus, derer ich ansichtig werde. Ganz besonders drücke ich natürlich Anett die Daumen, die erstmals 42195 Meter am Stück laufen möchte.

Noch drei Minuten. Kathrin hält eine kurze Ansprache. Jeder spürt unter welcher Anspannung sie steht und wie viel Gefühl in ihren Worten mitschwingt. Herzlicher Beifall dankt ihr schon jetzt für das Geleistete. Bianka macht es kürzer, Kathrin hat ja schon alles gesagt. Rasch entsorge ich die Plastikhaut in einem Rollcontainer auf dem Stadionrasen. 324 Teilnehmer - eine fantastische Zahl fürs Debüt - drängen sich auf der Aschenbahn zusammen und zählen die letzten Sekunden gemeinsam herunter. Erste Laufschritte - verhalten, langsam. Ich lauere, bin bereit für den Schmerz, werde mich ins Unvermeidliche fügen. Alle inneren „Antennen“ sind auf die Rippe ausgerichtet. Was ist? Was wird? - Ich spüre sie bei jedem Schritt, aber nur minimal, nicht schmerzhaft, eher eine Art leichter „Druck“. ‚Ok, das geht, ich kann laufen. Abwarten!’ - Eine Dreiviertel-Stadionrunde ist absolviert, die Läuferschlange findet ihren Weg durch die Randbezirke von Eisenhüttenstadt. Ich friere am Kopf, noch mehr an den Händen und lege ein wenig Tempo zu. Wieder fokussieren sich alle Sensoren auf die Rippe. Es bleibt dabei. Das schwache Drücken - oder ist es eher ein Ziehen? - stört, aber es hindert nicht. Also weiter. Eine lange Ausfallstraße bringt uns auf Westkurs und zur ersten Kilometertafel. Als ich die 6:05 Minuten ablese, entfährt mir ein perplexes „Das kann aber nicht stimmen!?“. Für Sekunden zweifle ich am Standort der Markierung, bis mir der zaghafte, übervorsichtige Beginn eine hinreichende Erklärung zu liefern scheint. Also schneller, vielleicht wärmt mich das auch und beugt „Frostbeulen“ vor.

Über einen langen, mäßig geneigten Anstieg kehren wir Eisenhüttenstadt den Rücken. Der „Rippentest“ geht in die nächste Phase, trotz Steigung halte ich das höhere Tempo. Was ich spüre steigert meine Zuversicht und dreht das Stimmungsbarometer endgültig auf „heiter“! Es geht! Und wie es geht! Ein Anfangsverdacht stellt sich ein: Hat mir am Ende die einwöchige Laufpause den Vorteil ungewohnter Leichtfüßigkeit beschert? Glück im Unglück? Schon lange lief ich nicht mehr so ausgeruht und spritzig in einen Wettkampf! Geradezu spielerisch nehme ich den sanften Anstieg, lasse Läufer um Läufer hinter mir. Da machen sich natürlich auch die vielen, beinharten Höhenmeter der letzten Wochen bemerkbar. Und mit jedem Meter schreitet die Entwicklung vom besorgten Pessimisten zum ambitionierten Läufer weiter voran. Ein Rest Bedenken beharrt auf einer Fußnote: ‚Wart’s ab! Es kann auch auf den letzten zwanzig Kilometern noch schief gehen!’ - Im Grunde vertraue ich meinem Körper aber schon jetzt vollkommen. Und ein weiteres Mal drehe ich den Gashahn ein wenig auf …

Ich laufe befreit und registriere nun mehr von meiner Umgebung. Die Route quert eine weite, sanft gewellte und von bunten Herbstwäldern eingerahmte Ackerlandschaft. Auch hier in unverbauter Natur erzählt das Land von seiner DDR-Vergangenheit, präsentiert Felder mit gewaltigen Ausmaßen, Überbleibsel vormaliger „Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften“. Bäuerliche Strukturen hat ein totalitäres System ein für allemal zerschlagen, aus der „LPG“ wurde die „GmbH“. Abgeerntete Fluren erzählen, dass Erntedank schon einige Wochen hinter uns liegt. Zuweilen lassen die Wolken den einen oder anderen Sonnenstrahl passieren, dann leuchten die Waldsäume in prächtigen Farben. Was für ein Kontrast zum schroffen Gebirge des letzten Wochenendes. Es fehlt das spektakuläre, das wilde Element und doch gefällt mir diese Landschaft. Wenn’s nur nicht so „schweinekalt“ wäre. An den Händen setzt bereits ein gewisses Taubheitsgefühl ein. Hoffentlich wird es noch wärmer - egal, ob von innen oder außen.

Die Ortschaft Diehlo beherbergt uns für ein, zwei Minuten. In ihr wendet sich der Weg dem Wald zu, dem vorläufigen Ende des asphaltierten „Komforts“. Dorf verlassen, ein Stück Feldweg betreten. Oder ist das eher eine Baustelle auf der heute die Arbeit ruht? Jedenfalls werden die Läufer in den kommenden Jahren hier ein weiteres Stück Asphalt vorfinden. Meine Zwischenzeiten haben sich erheblich verbessert, pro Kilometer vergehen nun etwa vier und eine halbe Minute. Ein forderndes Tempo, aber eines, das ich glaube ins Ziel bringen zu können. Links weg, ab in den Wald. Obschon sich das Feld bereits lichtete, sehe ich auf geradem Waldweg noch etliche LäuferInnen vor mir. Mühelos und unbeschwert halte ich die Pace und freue mich über jedes Überholmanöver. Es läuft gut. Nur eins bin ich heut’ weniger als sonst - ein „Hanns Guck-in-die-Luft“! Ich darf kein zweites Mal stürzen, davor habe ich echte Manschetten. Schon mit dem rechten Fuß gegen einen Stein oder eine Wurzel zu kicken, könnte verheerende Folgen haben. Die verstauchten Zehen konnten in sechs Tagen nicht vollends ausheilen. Also bleibt es bei kurzen Rundblicken zum Orientieren und Genießen.

Sechs Kilometer gelaufen, da vorne kommt der Abzweig für die Halbmarathonis. Nach dieser Stelle umfängt mich beinahe Waldeseinsamkeit. Lediglich drei Läufer sind in meinem „Radar“ verblieben, davon einer nur wenige Schritte voraus. Zwei Spaziergänger kommen entgegen und zählen die Läufer. Mit „Zehnter“ wenden sie sich an meinen Vordermann und mir rufen sie „Elfter“ zu. Spätestens hierdurch überschreite ich die Schwelle vom unverbindlichen „Mal-sehen-was-geht“ zum Wettkampf. ‚Unter die ersten zehn zu laufen wär’ schon toll!’ denkt es in mir.

Es dauert keine fünf Minuten, dann rücke ich auf Platz zehn vor, habe damit nur noch zwei Läufer in Sichtweite. Die beiden demonstrieren zwei verschiedene „Bekleidungskonzepte“: „Sommer“ und „Winter“. Kurzes Hemd in sommerlichen Shorts wird verfolgt von langer Lauftight mit roter Jacke. „Winter“ rennt ganz schön flott und ich klemme mich dran. Er scheint hoffnungslos „overdressed“, schon früh trägt er die Jacke offen, lässt sie im Fahrtwind flattern. „Sommers“ Anblick lässt mich frösteln, zumal ich meine Hände kaum noch spüre. „Winter“ läuft zu „Sommer“ auf und für einige Minuten Waldlauf bilden sie ein Paar. Ich halte konstanten Abstand zu diesem Duo, dafür muss ich schon genug Energie investieren.

Kurz vor Kilometer acht erreicht die Strecke den höchsten Punkt. Kein markanter „Gipfel“, nicht einmal exakt bestimmbar, ab hier überwiegt eben sachtes Gefälle. „Winter“ hat „Sommer“ überholt und läuft ein paar Meter voraus, verfolgt von Udo, inzwischen nicht mehr im Wald, sondern an seinem Saum entlang. Kilometer 10 ist gleich dreifach markiert: Mit der üblichen Tafel, einem Verpflegungsstand und einem äußerst „zudringlichen“ Zeitnehmer, den ich zunächst nicht als solchen einstufe. Im Augenwinkel hab ich zwar beobachtet, dass der Typ meine Vorderleute irgendwie „befummelte“, realisierte allerdings nicht wieso. Derweil schnappe ich mir im Vorbeitraben einen Becher und will wie gewohnt weiter. „Halt Zeitnahme!“ schallt es mir resolut in „Zöllnermanier“ entgegen und stoppt mich augenblicklich. Ein wenig verstört lasse ich geschehen, dass mir der Herr Kontrolleur seinen Scanner auf den Bauch drückt. Auf jene Stelle, wo ich die kleine Chipkarte an der Startnummer festclippte. ‚Wieder ’mal ’n neues System’ denke ich mir und nehme nach kurzem Piepser die Spur meiner Mitläufer auf.

Noch einige Meter Waldrand, dann tauchen ein paar Häuser vor mir auf. Ich laufe durch verlassen wirkende Straßen, nur hie und da vernimmt man samstägliche Aktivitäten oder erspäht einen Bewohner. Am Ortsausgang, zugleich Waldrand, dann ein völlig anderes Bild: Unter weißem Transparent, mit dem das Dorf „Kieselwitz“ die Läufer des Marathons begrüßt, hat sich eine Gruppe von Zuschauern eingefunden. Schon lange vorher hört man rockige Musik und mit jedem Meter wird der begleitende Jubel lauter. Per Feldstecher identifiziert einer meine Startnummer und so bekommt der über die Lautsprecher verbreitete Ansporn eine persönliche Note. Dass man mich zunächst als „Kuno“ ankündet, entlockt mir ein Schmunzeln. Nach hektischer Intervention des Mannes mit der Startliste korrigiert sich der Sprecher ein bisschen beschämt „Natürlich Udo, nicht Kuno!“ Mit erhobenem Arm und Lächeln bedanke ich mich für die Unterstützung und bin auch schon vorbei - 12 Kilometer gelaufen. „Jetzt geht’s ins Schlaubetal“ ruft mir noch jemand nach und erhöht die ohnehin vorhandene Spannung.

Fünfhundert Meter noch, dann ist es soweit. Auf steilem Betonsträßchen und nach ein paar Kurven erreichen wir den Talgrund. Noch immer hat sich an der Dreier-Konstellation, vorneweg „Winter“, dahinter „Sommer“, als Schlusslicht meine Wenigkeit, nichts geändert. Allerdings nutzte ich den Schub des Gefälles, um mich in den Windschatten der beiden zu manövrieren. Jetzt sind sie mir aber erst einmal „Wurscht“. Der Anblick eines wunderschönen Weihers mit schilfgesäumtem Ufer schlägt mich in seinen Bann. ‚Sicher wird er von der Schlaube gespeist’ überlege ich mir. Beim Wechsel der Talseite reicht mein Blick über die ganze Wasserfläche, erfasst die in warmen Gelb-, Rot- und Brauntönen leuchtenden Waldsäume und darüber den milchigen, in Pastelltönen von Blau „gemalten“ Himmel. ‚Mein Gott ist das schön!’ - Keine fünf Sekunden vermag ich dieses Geschenk mit den Augen festzuhalten, dann fordert die Einmündung in einen Waldweg Läufers Konzentration. Ein erster von wiederholten, identischen Hinweisen huscht aus meinem Sichtfeld. Aber das entscheidende Wort kann ich noch lesen: „Stolperstrecke!“

Ich bin gewarnt und die auf bisher problemlosen Untergründen bereits erlahmte Vorsicht lodert wieder auf. Meist fixiere ich den Boden etwa zwei Meter vor meinen Füßen, suche nach Unebenheiten, denen es im übernächsten Schritt auszuweichen gälte. Der Herbst erschwert dieses Vorhaben enorm. Wo verbirgt sich Hinterhältiges unter dichtem, raschelndem Blattwerk? Gleichermaßen entzückt und ängstlich folge ich meinen Kontrahenten. Wovor ich mich fürchte ist klar, doch was entfacht meine Begeisterung? Nicht Worte, noch Bilder können auch nur annähernd beschreiben, welche Pracht mir auf den nächsten Kilometern begegnet. Ich laufe durch einen endlosen Dom unter rot-goldener Decke, auf braun-goldenem, weichem Teppich, zwischen Wandbehängen, die ein verschwenderischer Weber mit Gelbgold durchwirkte. Entlang eines Baches, der von einer idyllischen Erscheinungsform zur nächsten wechselt. Mal mäandert er um Bäume, plätschert über große Steine, staut sich zu breiterem Flüsschen oder ergießt sich in einen von mehreren Weihern. Romantik pur, Motive, denen man wünschte, ein Caspar David Friedrich hätte ihnen mit seinem Pinsel Unsterblichkeit verliehen. Mit jedem Schritt verliebe ich mich mehr!

Menschen sind merkwürdige Wesen. Sie können zugleich lieben und hassen. Ich liebe die Schönheit und hasse die Gefahr. Ständig fürchte ich zu stolpern oder umzuknicken. Das stete Auf und Ab des bachnah sich windenden Pfades ermüdet und das nach wie vor hohe Tempo erzwingt zuweilen auch risikoreich gesetzte Schritte. Die Anstrengung ist nicht zu leugnen, dieser Weg kostet ungemein Kraft. Dennoch vertraue ich den Signalen von innen, die mir die flotte Gangart für die volle Distanz zu garantieren scheinen. Zwei Kilometer, höchstens drei sind wir im Schlaubetal unterwegs, als der führende Mann mit der wehenden Jacke kürzer treten muss. Auf steiler Wegpassage wird er so langsam, dass „Sommer“ und ich mühelos vorbei ziehen. Platz Neun halte ich für kurze Zeit, dann fordert ein weiterer Anstieg ziemlichen Einsatz und auch „Sommer“ schaltet einen Gang zurück. Die Rolle des Verfolgten behagt mir nicht, mich dem langsameren Tempo anzupassen noch weniger. Also setze ich mich vor meinen ach so luftig bekleideten Konkurrenten. Noch eine ganze Weile rascheln seine Schritte hinter mir, drohen akustisch mit der Möglichkeit wieder überholt zu werden.

Stellenweise gilt es extrem konzentriert zu laufen. Der Pfad wir dort schmäler, verläuft auf einer Steilstufe direkt neben dem Bach und nur ein Fehltritt trennt dich von ungewolltem Bad in kalten Fluten. Bisweilen ragen hier auch schräg wachsende Baumstämme in den Laufweg. Ein ums andere Mal muss ich mich wegducken und den Oberkörper verdrehen, um dran vorbei zu kommen. ‚Pass bloß auf! Aus vollem Lauf mit der Schulter gegen den Stamm zu knallen - das fehlte noch!’

Einen lang gezogenen See habe ich von Karten in Erinnerung und nun renne ich unweit seines Ufers; weiterhin auf Wanderwegen, vor deren Tücken Schilder mit der Aufschrift „Achtung!!!! Stolperstrecke“ warnen. Seltsamerweise fühle ich mich meistenteils sicher. Vielleicht, weil ich im Wald laufe. Und Wald galt mir schon auf Kindesbeinen als Ort der Geborgenheit. Welcher Attraktion soll ich meine kurzen Seitenblicke widmen? Diesem stillen, herrlich gelegenen See, dem hohen, majestätisch anmutenden Buchenwald, mit seinen schlanken, glatten Stämmen zu meiner Linken oder den ständig reizvollen Ansichten des Spazierweges vor mir … Trotz vielfältiger Reize und dem Drang dies alles länger zu genießen, rausche ich in konstant kurzen Intervallen an den Kilometertafeln vorbei. Selten empfand ich diesen schier unauflöslichen Gegensatz so deutlich wie hier im Schlaubetal: Ich laufe aus Freude an schönen oder interessanten Bildern. Aber ich kämpfe (oft) auch um gute Zeiten oder respektable Platzierungen. Das heutige Tempo ist für meine Verhältnisse schnell, setzt mir zu, aber ich bringe es und das macht auf seine Weise Spaß.

DAS macht jetzt keinen Spaß, da muss ich schlicht durch. DAS war also mit „Kopfsteinpflaster“ in der Ausschreibung gemeint: Große, unbearbeitete, rundköpfige Steine wurden dicht an dicht verlegt, alle unterschiedlich hoch und mit unberechenbarer Schieflage. Da knickst du bei jedem dritten Schritt halb um, rutscht in der Abdruckphase nach hinten weg oder kommst ein wenig ins Straucheln. Innerlich - und da niemand in der Nähe ist auch äußerlich - jammern und fluchen hilft da ungemein. Natürlich hoffst du, dass dieser Abschnitt nicht lang ist. Und nachdem du das eine reichliche Weile erfolglos hofftest, wünschst du fürderhin, dass es hinter der nächsten Biegung oder der übernächsten Kuppe sein Ende nähme. Hast du auf diese Weise hoffend einige Kilometer (50? 100?) Stolperpflaster hinter dich gebracht, verlierst du zwar nicht die Hoffnung, dafür aber die Geduld: Womit sich der Kreis wieder beim erwähnten „Jammern und Fluchen“ schließt.

Ein Bagger! Ein Bagger? Was macht ein Bagger hier im Wald? Schwupp ist das Pflaster zu Ende - offensichtlich weg gebaggert - und ich stapfe zwei-, dreihundert Meter durch wachsweichen, tiefen Sand. Als des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation Streusandbüchse“ wurde die Mark Brandenburg in historischer Zeit verspottet. Eines der wenigen Zitate, die mir vom Geschichtsunterricht noch wörtlich in Erinnerung sind - hier drängt es unwillkürlich ins Bewusstsein. In „grundlosem Sande mahlend“ - das glaubst du jetzt bestimmt nicht - sehne ich den bereits sichtbaren Rand unversehrten Kopfsteinpflasters herbei. Besser Dahinstolpern als im Sand weiche Knie kriegen und irgendwann „ersaufen“.

Ein Verpflegungsstand markiert das Ende der Fußfolter. Hier gönne ich mir ein Stück Banane und irgendwas Trinkbares mit Zucker drin. Ein paar Sekunden kostet der Boxenstopp. Lang genug, um den Atem eines Verfolgers im Nacken zu spüren. Der „leicht geschürzte Herr Sommer“ erreicht die Tränke, als ich mich eilig davon mache. Platz acht gehört mir und soll mein bleiben! - Das Kopfsteinpflaster ist vergessen, gehabte Pein gereicht höchstens noch zur Ehre. Und dieser Radweg durch den Wald neben wenig befahrener Straße entschädigt reichlich. Nass glänzt der Asphalt. Mir wird bewusst, was ich als Waldläufer kaum registrierte: Zwischendruch schickte der Himmel kurze, wenig ergiebige Schauer herab. Ein neues Ziel ist ins Auge gefasst, ein Läufer, den ich schon auf dem Holperweg fast eingeholt hätte. Er scheint zu erlahmen und ohne Mühe laufe ich auf Platz sieben. Nur war vorher schon klar, dass ich diesen Rang nicht lange innehaben würde. Schnelle, ausgeruht wirkende Schritte nähern sich von hinten, holen auf, sind gleichauf und vorbei. Mir ist klar, dass ich sein Tempo nicht mitgehen kann. Dennoch hänge ich mich dran, beschleunige, um ihn wie an einer langen Gummileine nur langsam ziehen zu lassen. Das gelingt leidlich.

Inzwischen hat sich die Strecke einige Höhenmeter zurück erobert. Im Kampf mit dem Kopfsteinpflaster ging das unter. Auch dieser Radweg hat ein paar Steigungen aufzuweisen, die nach fast 30 Kilometern heftig in die Beine gehen. Ich muss kämpfen, jetzt schon. Aber dieses Stadium ist mir geläufig und ich bin sicher nicht einzubrechen. Die Rippe zieht nun heftiger, was aber auch kein Alarmzeichen darstellt, da mittlerweile alle „Aggregate“ „Schwerlastmeldungen“ absetzen. Also weiter so. Kämpfen! Der Wald ist zu Ende, der Radweg führt am Ackerrand über zwei Kuppen auf ein Dorf zu. Der „Zugläufer am Gummiband“ hat seinen Vorsprung auf bald achtzig Meter ausgebaut. Zu weit, um mich noch motivieren zu können. Braucht er auch nicht, das etwas höhere Tempo hat sich stabilisiert.

Die ersten Häuser von „Fünfeichen“ sind nicht mehr weit, als mir das laute Signal aus einer Tröte - so eine wie sie Fans von Fußballclubs benutzen - zum ersten mal entgegen schlägt. Es gilt dem Läufer vor mir. Sekunden später bekomme ich mein „Halali“ aus blechernem Trichter. Ich horche nach hinten. Wann bläst er das nächste Mal, wie viel Vorsprung habe ich auf einen etwaigen Verfolger? Es dauert eine ganze Weile, bis die Tröte wieder Laut gibt - beruhigend. Zu diesem Zeitpunkt liegen der Radweg und Fünfeichen längst hinter mir. In rechtem Winkel bog ich auf einen Feldweg ab und wetze abermals Richtung Waldrand. Teilweise versandete Fahrspuren zwingen zu leichtem „Schlingerkurs“. Nicht immer ist der gerade Weg auch der (zeitlich) kürzeste. Der Kraftverlust macht sich auf dem unebenen Boden stärker bemerkbar. Subjektiv hat man das Gefühl deutlich langsamer zu laufen, obwohl die Uhr zwischen zwei Kilometertafeln objektiv anderes behauptet. Meine letzten Zwischenzeiten versprechen eine Zielzeit um 3:23h. Aber vielleicht kommt das „dicke Ende“ ja noch. Ein bisschen Zweckpessimismus kann nicht schaden, um im Fall der Fälle mit Fassung und schwungvoll dagegen halten zu können …

Wieder im Wald. Wechselnder Bodenkontakt, mal griffig, mal lose, selten schlüpfrig, nie problematisch. Natürlich spüre ich inzwischen jeden Stein unter den Sohlen der Laufschuhe. Die Tafeln tragen jetzt Zahlen mit der „3“ in der ersten Stelle, da ist das immer so. Auch den wachsenden inneren Widerstand, diesen Mix aus versiegenden Kräften und aufblühendem Schmerz, kenne ich nur zu gut. Nichts Neues, nichts Besorgniserregendes, alles im grünen Bereich. Aushalten, einfach weiter aushalten.

Die Umgebung verliert mehr und mehr an Bedeutung. Wichtig ist nur noch das Band des Waldweges, jeweils die bessere von zwei Radspuren zu erwischen, wieder einen Abschnitt geschafft zu haben, einen weiteren Kilometer rückwärts zählen zu können: Noch 9, 8, 7, 6 … Ich begegne drei Wanderern (Oder sind es Pilzesucher?) und will auf der scheinbar freien Wegspur ausweichen. Aber die haben ein Herz für heftig kämpfende Läufer: „Nein hier lang, hier ist es einfacher!“ Die Frau rief’s mir zu und wies mir den besseren Weg. Habe ich mit Handbewegung gedankt? Bin nicht sicher, hoffe es aber. Vorbei, weiter, noch fünf … Unerwartet habe ich auf den Läufer vor mir wieder Boden gut gemacht. Er blieb einmal kurz stehen und scheint nun auch verhaltener zu laufen. Einsam ist dieser letzte Abschnitt, keine Menschenseele zu sehen. Aber einsam wäre es in dieser Phase des Laufes auch beim Berlin Marathon, inmitten vieler Mitläufer und zwischen tausenden von Zuschauern. Auf dem letzten Teil der 42195 Meter gibt es wenig Äußeres, was die Strapaze noch durchdringen und mich beflügeln kann.

Links, rechts, ein wenig rauf, dann wieder sanft bergab, der Wald nimmt kein Ende. Noch vier Kilometer. Und genau auf diese verbleibende Distanz scheinen meine Kraftreserven bemessen. Aber die vier pack’ ich noch! Und ich schaff’ sie in diesem Tempo! Und meinen Platz werde ich auch verteidigen! Dafür hab ich auf die letzten beiden Trinkangebote verzichtet. Schweiß floss wenig, also brauchte ich kein Wasser mehr und auf die paar Zuckerkalorien kann ich auch verzichten. - Kilometer 39: Der Waldweg scheint in eine Straße zu münden. Kurz davor wieder ein Linksschwenk und auf eine letzte Verpflegungsstation zu. Sabine hilft hier. Ich erkenne sie erst, als sie mich vehement und mit lautem Jubel anzufeuern beginnt. Das hilft tatsächlich. Also gibt es durchaus noch Äußeres, was mich beflügeln kann. „Wie geht es dir?“ ruft sie mir noch nach und ich weiß, dass sie hauptsächlich auf die Rippenverletzung anspielt. Selbstverständlich „pfeifst“ du in einem auf Anschlag gelaufenen Marathon bei Kilometer 39 „aus dem letzten Loch“. Aber in der Gewissheit des sicheren Finishs recke ich den Arm nach oben und signalisiere mit abgespreiztem Daumen: „Alles paletti!“

Scheinbar muss ich wieder zurück in den Wald, erreiche aber kurze Zeit später die ersten Häuser von Eisenhüttenstadt. Jetzt sollte es langsam mal bergab gehen, um meiner Erinnerung an das Streckenprofil gerecht zu werden. Auf schmalem Betonsträßchen, in einem Wohngebiet, geschieht das dann auch, nur viel kürzer und mit weniger Gefälle als erhofft. Anscheinend habe ich unbemerkt Höhenmeter verloren, während mir die angestrengten Beine eher das Gegenteil einflüsterten. Jedenfalls drehe ich während der kurzen „Talfahrt“ noch einmal auf, will ein paar Sekunden aufholen. Noch zwei Kilometer. Orientierung habe ich keine, weiß nicht an welcher Stelle der Stadt ich mich befinde. Wie denn auch, bei Dunkelheit kam ich an und heute früh war auch keine Zeit für Sightseeing. Dabei lohnt es sich, den zwischen 1951 und 1961 im Ganzen errichteten, architektonisch interessanten Stadtkern zu besichtigen.

Wie ein Hase schlage ich ein paar Haken und unterquere die Bahnlinie in einer Art Tunnelröhre, deren lockerer Sandboden für meine inzwischen wackeligen Beine eine „Sonderprüfung“ darstellt. Zum Glück gelange ich dahinter gleich wieder auf festen Boden und entlang der Bahnlinie Richtung Stadion. Nur noch 30 Meter Vorsprung verblieben meinem Vordermann. Eine Weile taxiere ich die Chance ihn einzuholen, kann in dieser Zeit den Abstand allerdings nicht weiter verkürzen. Kilometer 41 und der Blick zur Uhr: 3:21h müssten zu schaffen sein. Ich biege nach links ab und erkenne die Straße zum Stadion. Sekunden später laufe ich auch schon darauf zu und bin nun reichlich irritiert. Das waren jetzt nur ein paar hundert Meter seit dem 41er-Schild. Müssen wir noch irgendwie ums Stadion rum? Wie es scheint stand die letzte Tafel falsch, denn nichts und niemand verlegt mir den Weg zum Stadioneingang. Vor dem Sportzentrum haben sich Mandy und Kathrin postiert. Mandy zelebriert für mich ihre Interpretation von „La Ola“ und Kathrin applaudiert und jubelt frenetisch. Ihr „Udo, du verrückter Hund!“ ist mir zugleich Anerkennung und Ansporn für die letzten Meter. Ich spüre keine Anstrengung mehr, keinen Schmerz und eine verletzte Rippe hat es nie gegeben. Euphorie trägt mich, lässt mich beiden mit stolz erhobener Hand danken. Dann fliege ich über die Aschenbahn, zuletzt ins Ziel. - Es ist vollbracht! Wunderbar! Wer hätte das gedacht? Erst die Angst meine Verletzung könnte alles verderben, danach so ein Lauf. 3:17:44 und das auf einer technisch nicht ganz einfachen Strecke.

Bis auf eine Läuferin sind alle Foris mit ihren Ergebnissen sehr zufrieden. Besonders Roland gilt es zu gratulieren, der seine persönliche Bestzeit gar auf 3:37:25 drücken konnte. Und dann läuft Anett, meine Gastgeberin, ins Ziel. Bei 4:48:08 bleibt die Uhr für sie stehen. Kathrin umarmt die glückliche Finisherin und dann darf ich das auch tun.

Das war der 1. Schlaubetal Marathon: Kathrin und Bianka haben professionell und mit unglaublich viel Herz eine nahezu perfekte Laufveranstaltung auf die Beine gestellt. Unterstützt von vielen freundlichen Helfern boten sie alles, was Läufers Herz begehrt. Pastaparty, üppige Verpflegung, elektronische Zeitnahme, Massage, Urkundendruck und vieles mehr. Dabei auch Service, den man sonst eher nur bei großen Veranstaltern erwartet. Und sie suchten eine wunderschöne Strecke inmitten eines herrlichen Landstriches aus. In gute zehn Kilometer dieser Strecke, jene durch die Naturschönheit „Schlaubetal“, habe ich mich sogar verliebt. Was für ein Glück dabei gewesen zu sein, beim 1. Schlaubetal Marathon am 20. Oktober 2007. Vielen Dank an Kathrin und Bianka - oder besser „Schnatterinchen“ und „Pittiplatsch“ - und die vielen anderen guten Geister dort in Eisenhüttenstadt. Ein Gruß geht an alle, die ich dort kennen und mögen lernen durfte. Ihr habt mir diesen Marathon zum Erlebnis und zu einem Lauf bei Freunden werden lassen.

Bilder: Martin Schmitz, Udo Pitsch

 

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