Diesen Laufbericht widme ich Dietmar Beiderbeck und Rainer Koch

Zwei Blinde in Tirol   -   52 km Ehrenberg Challenge Reutte

Auf 52 Kilometern durch die Umgebung des grenznahen Städtchens Reutte in Tirol erhoffte ich mir einen landschaftlichen Höhepunkt meiner Wettkampfserie im zweiten Halbjahr. Der Ort liegt unweit jener Stelle, wo sich der Bergfluss Lech zwischen zwei Gebirgsmassiven seinen Weg gen Deutschland bahnt, um nach wenigen Kilometern in Füssen anzukommen. Umrahmt von herrlichen Berggestalten der Lechtaler, Tannheimer und Ammergauer Alpen, markiert die Stadt zugleich den Bereich, wo der Wildfluss Lech seine Unschuld mehr und mehr zu verlieren beginnt. Bis ihn auf deutscher Seite eine nicht enden wollende Kette von Staustufen seiner Ursprünglichkeit fast gänzlich beraubt. Die Bilder dieser wildromantischen Landschaft sind mir von vielen Bergtouren vertraut und letztlich gaben sie den Ausschlag für die Anmeldung. Höchst selbstverständlich stellte ich mir dabei einen Lauf unter milder Oktobersonne vor, die alle Farben zum Leuchten und mich zum fortwährenden Staunen bringt. Als ich an diesem vernebelten Sonntagmorgen die Landesgrenze hinter Füssen passiere, geschieht exakt, was ich mir erträumte. Übergangslos verlasse ich die Nebelzone und fahre ins Märchenland. Vor ungetrübtem, tiefblauem Himmel zeichnen sich Lechtaler Gipfel ab. Und auf den Spitzen der Tannheimer Gruppe zu meiner Rechten liegt bereits der warme, rotgoldene Schimmer der aufgehenden Sonne. Ein wundervoller Ort zum Laufen!

Ein beinahe eiskalter Ort zum Laufen! Gerade mal bis 2°C ist das Quecksilber gestiegen, als ich gegen acht Uhr meine Startnummer abhole. Auf 9:15 Uhr ist der Start terminiert und fünf Minuten vorher herrscht in der Startzone vor einer Sparkasse noch gähnende Leere. Etliche verstecken sich vor der Kälte im geheizten Vorraum des Geldinstituts und geben erst zwei Minuten vor dem Start dem Drängen des Sprechers am Mikro nach. Der meint, dass es jetzt doch an der Zeit wäre, sich zur Startlinie zu begeben. Windstille macht die Temperatur erträglich, dennoch bin ich erst einmal froh ein Langarmshirt gewählt zu haben. Überraschend gesellt sich Günther zur mir, aber es reicht nur noch für ein paar Sätze, dann bricht der Startschuss. Kaum sechzig LäuferInnen machen sich auf den langen und vermutlich sehr anstrengenden Weg. Unter „Ehrenberg Challenge“ firmiert der Lauf. „Ehrenberg“ heißt eine Burganlage oberhalb der Stadt, das Ziel des Laufes. Und „Challenge“ - Herausforderung - droht mit Höhenmetern und schwierig zu bewältigenden Passagen. Die ersten zehn Minuten „kann ich knicken“. Eine ziemlich unruhige Nacht mit wenig Schlaf liegt hinter mir. Ich stand mit Kopfschmerzen auf und spüre sie auch jetzt noch deutlich. Macht nix, die wird ein Strom pochenden Blutes in ein paar Minuten weg gespült haben. Hinderlicher fühlt sich da schon eher eine Art Verkaterung an, als hätte ich die halbe Nacht gezecht. Bockig gibt sich mein Körper heute Morgen. Soll er, Hauptsache er lässt mich laufen. Der zähe Beginn nötigt zum Pakt mit mir selbst: Egal wie schwierig sich das heute gestaltet, ich werde es genießen!

Am Ortsrand von Reutte gelingt ein Blick Richtung Deutschland. Eine Nebelbank lugt zwischen Bergflanken hervor und sieht mich dankbar unter klarem Himmel laufen zu dürfen. Als mich die erste Steigung „erwischt“, nach besagten zehn Minuten, bin ich noch nicht eingelaufen. Zwar ist sie steil, präsentiert sich zunächst jedoch als asphaltiertes Sträßchen. Ein guter „Regieeinfall“, um sich an die Höhenmeter zu gewöhnen. Ich halte mich zurück. Auch auf den flachen ersten Minuten tat ich das, ließ von den sechzig „Pferdchen“ sicher mehr als zwei Drittel davon „galoppieren“. Udo hat seine Lektion gelernt und will nicht, dass ihm Ähnliches widerfährt wie beim Voralpenmarathon in Kempten. Das ist jetzt drei Wochen her. Mühsam kommt der Motor auf Touren, die Kraft ist da. Und die brauch’ ich jetzt Kilowatt-weise. 350 Höhenmeter am Stück liegen vor uns. Nach ein paar Minuten wechselt der Kurs von der Straße auf einen Forstweg, die wir uns mit gelegentlichen Wanderern teilen. Unterhalb des Weges blinkt eine smaragdgrüne Wasserfläche durch die Bäume, der Urisee. Und zur Rechten erheben sich die Gipfel von Zunterkopf und Tauern (1841 m), die Ines und ich vor ein paar Wochen bestiegen. In der wärmenden Sonne und bergauf beschleichen mich leise Zweifel, ob die Kombination kurzes Unterhemd und luftiges Langarmshirt wirklich eine so gute Idee war. Erste Rinnsale wollen von den Schläfen gewischt werden. Also sollte ich zwei Becher pro Verpflegungsstand trinken, um den Wasserverlust hinaus zu zögern.

Ich hab das richtige Tempo gefunden, glaube nicht übermäßig Energie dabei zu investieren. Mein Atem geht tief, aber nicht beschleunigt. Der breite, sichere Weg erlaubt immer wieder den Genuss wunderbarer Aussichten, aufwärts, immer weiter aufwärts. Ein lästiger Zweifler meldet sich ein ums andere Mal: Ob das denn unbedingt sein müsse, ihm solche Berge anzutun, wo’s doch genügend flache Areale gibt, um seiner Laufleidenschaft zu frönen. Der heute gleichzeitig stattfindende München Marathon hätte doch auch genügt, um der schon langen Liste einen weiteren Erfolg anzuhängen. Ich versteh den Kerl ja, es ist verdammt anstrengend hier rauf zu joggen. Aber wenn man - laufend - solche Landschaften sehen möchte, dann muss das eben sein. Und ich will es!

Einige, die anfangs flott davon preschten, müssen schon hier ihrem vermessenen Tempo Tribut zollen und sich von mir einholen lassen. Immerhin noch vier, fünf Läufer und eine Läuferin sehe ich vor mir, als eine kurze Flachpassage Gelegenheit zum Erholen bietet. Doch dann schicken uns Streckenposten und ein Hinweistäfelchen in Pfeilform auf einen schmalen Steig. Der wendet sich zunächst bergwärts, verlangt „Gänsemarsch“, überholen illusorisch, um danach schroff, über Felsstufen gegen einen Bachgrund abzufallen. Hier zu laufen ist gefährlich, also bewege ich mich alarmiert und entsprechend konzentriert. Befürchtung: Da haben die Füße in den dünnen Laufschuhen einiges auszuhalten. Bach erreicht und überquert, wieder aufwärts, Kraft raubende Schritte setzen, mal kürzer, mal länger. Die Dame ist jetzt unmittelbar vor mir, steppt betont zurückhaltend hier rauf. Ihren Begleiter fordert sie auf, er solle doch sein Tempo gehen und davon ziehen. Der will das aber offensichtlich nicht und an einer etwas breiteren Stelle bringe ich mich mit vier, fünf längeren Schritten an beiden vorbei. Schon diese kurze, von heftigem Herzschlag begleitete Einlage genügt für die klare Erkenntnis, dass ich mir dergleichen nicht oft ungestraft werde leisten können.

Aus dem vom Bach ausgespülten Hangeinschnitt schwingt sich der Pfad auf eine weitere Forststraße, kurz vor dem ersten Verpflegungspunkt. Zwei Becher Iso hatte ich mir versprochen und während ich sie stehend leere, gewinnt die eben überholte Läuferin schon wieder Abstand. Ich hefte mich an ihre Fersen, das scheint mir angenehmer als alleine weiter zu laufen. Noch ein paar Kehren, dann sind die ersten 350 Höhenmeter geschafft und der Weg wird sofort abschüssig. Die Dame ist gut drauf und legt ein ziemliches Tempo vor. Zunächst begnüge ich mich damit ihr zu folgen. Ich hab mir das Streckenprofil gut eingeprägt und bin deshalb nicht überrascht, dass das Gefälle von zwei weiteren, kürzeren Steigungen unterbrochen ist. Irgendwann überhole ich die Läuferin wieder, weil ich in starkem Gefälle einfach mehr Pace machen möchte. Vor dem nächsten Verpflegungsstand meldet ein gelbes Täfelchen „10 km“ und meine Uhr die Zwischenzeit 1:01:xx. Verdammt langsam, aber akzeptabel, bedenkt man die ewige Steigung.

Wir bleiben auf der einfach zu laufenden Forststraße, die sich noch weitere zwei, drei Kilometer bergwärts windet. Mal stärker, dann wieder schwächer geneigt, aber nie dramatisch fordernd. Bald ist die höchste Stelle des Einschnitts zwischen bewaldeten Bergflanken erreicht. Dieser Anblick alleine ist die Anstrengung wert: Hinter den deutlich niedrigeren Ammergauer Alpen, in morgendlichem Dunst und Gegenlicht, erhebt sich klotzig das Wettersteinmassiv. Deutlich ist die Zugspitze am linken Rand des Kammes auszumachen. Was für ein grandioses Bild! Nach kurzem, mehr oder weniger ebenem Übergang laufe ich in starkes Gefälle. Zeit aufholen! Dieser Gedanke treibt mich in höllischer Geschwindigkeit vorwärts, abwärts. Die Füße halten’s aus und der feste Untergrund gewährleistet ausreichend Sicherheit. Bloß nicht stürzen! Minutenlang dauert die wilde Jagd, dabei lasse ich erst mal alle hinter mir. Ein weiterer Läufer taucht vor mir auf, vielleicht zwanzig Sekunden voraus. Unser Abstand verringert sich Kehre für Kehre. Als uns schließlich nur noch wenige Meter trennen, findet die wilde Hatz ein abruptes Ende. Von breiter Forststraße müssen wir auf einen schmalen, unebenen Pfad mit merklicher Steigung. Gelegenheit für meinen Vordermann die Distanz wieder auszudehnen. Mittlerweile zeigen sich meine Beine von der absolvierten Strecke „durchaus beeindruckt“. Aufwärts zu traben bereitet mir jetzt mehr Mühe als vorhin.

Es geht nicht lange aufwärts, fortan tendenziell in gleicher Höhe. Auf einem Wanderpfad in den Bergen darf man das aber nicht mit unangestrengtem Dahintraben gleichsetzen. Im steten, leichten Auf und Ab des Geländes, lässt man Kraft und fortwährende Unebenheiten, Steine, Wurzeln, Löcher, erfordern volle Konzentration. Außerdem war der Herbst in dieser Höhe bereits erfolgreich. Unterm raschelnden, weichen Laubteppich verbergen sich etliche Gelegenheiten zum Umknicken oder Stolpern. Ich bin auf der Hut!

Zunächst ist die Enttäuschung groß, als ich die spiegelnde Fläche des Plansees nur aus erhöhter Position und zwischen Bäumen wahrnehmen kann. Ich hatte gehofft, direkt am Ufer entlang zu laufen. Nachdem jedoch immer wieder Verkehrslärm von der nahen Uferstraße herauf brandet, vor allem von Motorrädern unter enervierend hoher Drehzahl, bin ich schon wieder dankbar, auf diesem Pfad Ruhe und gute Luft genießen zu dürfen. Etwa drei Kilometer buche ich so auf mein Laufkonto. Mehrmals kommt es zur Begegnung mit Wanderern, die bereitwillig zu Seite weichen. Dem einen oder anderen imponiert unser Tun, was er oder sie mit reichlich Beifall belohnt. Dann leuchtet die Spitze des Sees durch die Bäume und der Pfad senkt sich zum Ufer hinab. Kurz vor dem Queren der Straße nimmt eine Messschleife die Zwischenzeit. Sie liegt unter einer Matte bei Kilometer 17 und registriert mich mit 1:36:04. Bergab und entlang des Sees habe ich also meine Pace deutlich unter sechs Minuten pro Kilometer drücken können.

Auf der Uferstraße sind nur zweihundert Meter zu laufen, dann wird eine Engstelle des Sees per Holzbrücke überwunden. Am anderen Ufer trennt sich unser Laufweg von dem der 27 km-Konkurrenz. Damit gehört das Vorbeipreschen schneller, atemloser Läufer der Vergangenheit an. Sie gingen eine Viertelstunde nach uns auf die Strecke und etwa zehn Läufer hatten mich bis zu dieser Stelle eingeholt. Wir bleiben am Seeufer, fortan nur noch ein paar Meter abseits, zumeist von dichtem Bewuchs in der Sicht behindert. Auch dieser Uferweg hat Pfadcharakter: Schmal, durchsetzt von Wurzelwerk, zuweilen geröllig bis felsig und in der Höhe ständig um ein paar Meter schwankend. Aber das ist in Ordnung so. Wer sich für eine „Challenge“ anmeldet, sollte dergleichen einkalkulieren. Ich habe wieder einmal einen Vordermann. Kurz nach der Brücke bekam ich Tuchfühlung und halte jetzt den Abstand bei etwa zwanzig Metern.

Ich bin zu sehr auf den Untergrund fixiert, um mehr als ein paar flüchtige Seitenblicke Richtung See zu erhaschen. Dabei würde es lohnen hier zu verweilen oder zumindest im Schneckentempo zu laufen! Wer den Plansee (976 m) nicht kennt, mag sich eine große, stille, „verwunschen“ wirkende Wasserfläche inmitten steil aufragender Gipfel vorstellen. Dunkles Blau schon in Ufernähe lässt die Tiefe des Gewässers ahnen. Von dieser Uferseite kenne ich den See nicht, bin zudem gespannt auf den Übergang zum Heiterwanger See, der nun gleich erreicht sein muss. Sobald eine „Pfütze“ mehr als Badewannengröße aufweist, verlangt eine sich mir nicht erschließende Logik unserer Zeit ein Boot für Rundfahrten. Daher wurde die natürliche, durch sumpfiges Gelände gegebene Verbindung der beiden Gewässer zum schiffbaren Kanal erweitert. Unser Pfad verläuft etwa zwanzig, dreißig Meter abseits, dicht unter der Flanke des Berges, auf festem Boden, schlängelt sich durch ein Wäldchen und erreicht nach ein paar Laufminuten den helleren Spiegel des Heiterwanger Sees. Hinter ihm ragt die alles beherrschende Felspyramide des Thaneller (2343 m) auf - ein erhebender, kaum überbietbarer Anblick. Insgesamt wirkt der Heiterwanger See „freundlicher“, weniger mystisch, als sein Nachbar, was sicher an der nach Südwesten offenen Hochebene liegt.

Die Distanz zu meinem Vordermann hat sich verringert, beträgt noch etwa zehn Meter. Immer wieder verliere ich ihn aus den Augen, weil mich schwierige Passagen fesseln oder paradiesische Ansichten ablenken. Als ihm ein erschreckter Stöhnlaut entfährt, hab ich ihn grad im Visier und bekomme mit, wie er ein Umknicken auf tückischer Wurzel so eben noch abfangen kann. Drei, vier weitere Schritte, dann gerät er abermals ins Straucheln und geht zu Boden. Schneller als ich den Abstand überwinden kann rappelt er sich wieder auf. Ich verhalte kurz und vergewissere mich: „Geht’s noch? Bist du ok?“ Aus der Hocke „sendet“ er sein „Geht schon wieder!“ und entlässt mich damit aus der Verantwortung. Er muss sich weh getan haben, auch wenn ich keine Verletzungen erkennen konnte … Der Pfad ist jetzt mehr oder weniger eben, scheint harmlos. Steinen, Absätzen, Wurzeln, Vertiefungen muss man allerdings ständig ausweichen.

Keine Minute ist seit dem bedauerlichen Missgeschick des Laufkameraden vergangen. Es trifft mich wie der berühmt berüchtigte Blitz aus heiterem Himmel. Mit dem rechten Fuß pralle ich aus vollem Lauf gegen einen Stein und bevor ich auch nur ansatzweise begreifen könnte wie mir geschieht, schlage ich mit entsetzlicher Wucht der Länge nach hin. Laufen verändert den Menschen, von nun an bin ich sicher. Mein erster Gedanke, mitten im Schock, noch vor jeder Form der Schmerzwahrnehmung: ‚Kann ich weiter laufen?’ Nach zwei Schrecksekunden komme ich wieder hoch, noch immer tut nichts weh. Der andere „Tiefflieger ohne Pilotenschein“ fragt nun mich: „Alles ok? Geht’s wieder?“ - Mit einer unsicheren Bestätigung schicke ich ihn weiter. Einen Wimpernschlag später eine Frauenstimme: „Bist du ok?“ Auch sie darf ihren Weg fortsetzen, ohne sich um mich sorgen zu müssen. Das Sorgen besorge ich nun selbst. Außerdem hatte ich Publikum bei meiner Flugeinlage: Ein älteres Paar auf einer Bank, kaum mehr als fünf Meter entfernt. „Haben Sie sich verletzt? Geht’s wieder?“ Während ich die beiden beruhige, beginne ich innerlich zu fluchen - oder war’s doch eher äußerlich? Beide Handballen und die Knie bluten und brennen heftig. Ich steige den halben Meter zum Seeufer hinab und wasche die mit einem Gemisch aus Dreck und Blut verkrusteten Knie sauber. Danach meine Hände. „Am Ellbogen ist auch noch was!“ tönt es von der Bank herüber und einigermaßen bedient konstatiere ich das am Ärmel eingerissene, blutverschmierte Shirt. „Schad ist es mehr um das Trikot, die Verletzungen heilen wieder!“ antworte ich der besorgten Dame. Sicher gelten ihr Läufer seit diesem Augenblick als merkwürdige Zeitgenossen. Das sind wir doch auch - oder? Aber es ist ja nicht irgendein Laufshirt. Mein „Venedig Finisher Shirt“ ist ramponiert und all diese erkämpften „Stofffetzen“ haben für mich Reliquienstatus. Ich sag’s euch ja: Laufen verändert den Menschen!

Ich blute recht ergiebig aus dem rechten Handballen, dennoch scheint Weiterlaufen möglich. Also hieve ich mich wieder auf den Pfad und mache Anstalten den Wettkampf fortzusetzen. „Können’s denn noch weiter laufen, geht’s denn noch?“ erkundigt sich die Dame ein letztes Mal. Sicher klinge ich nassforsch überzeugend, als sie mein „Es muss gehen, es ist ja noch weit bis ins Ziel!“ zu hören bekommt. Nach den ersten Schritten bin ich optimistisch, dass es tatsächlich zu packen ist. Und einen starken „Glauben an ein gutes Ende“ brauche ich jetzt, denn gerade grinst mich die 20 km-Tafel an, noch 32 Kilometer bis zum Finish …

Ich laufe, es geht. Die Zehen am rechten Fuß schmerzen ein wenig, die Schürfwunden brennen leicht, nichts von Belang. Aus den Wunden am rechten Handballen sickert beständig Blut, bekleckert die Handinnenfläche, rinnt an den Fingern entlang, tropft zu Boden. ‚Das hört schon von alleine wieder auf!’ Dennoch nehme ich mir vor am nächsten Verpflegungsstand nach Pflaster zu fragen. Der steht genau da, wo der Kurs sich vom See ab und wieder bergwärts wendet. Die hilfsbereiten, ein wenig entsetzt wirkenden Mädels am Stand haben zwar kein Pflaster parat, bieten alternativ den Autoverbandskasten an. Dem Wettkämpfer dauert das zu lange. Deshalb wasche ich mir die „Pfote“ mit einem Becher Wasser, unter schüttender Assistenz einer Helferin und mache mich mit einem heroisch hingeworfenen „Nicht nötig, so schlimm ist es auch wieder nicht!“ davon.

Mein Heldenmut währt reichlich zehn Sekunden. Das genügt, um die Augen ein Stück am bevorstehenden, unerbittlich steilen Hang hinauf „klettern“ zu lassen. Anfänglich durch eine Wiese aufwärts, später über blankes Erdreich, mit Wurzeln gespickt, immer wieder auch von größeren Steinen oder felsigen Passagen durchsetzt, gilt es 200 Höhenmeter auf weniger als einem Kilometer Distanz zu überwinden - grenzwertig für Freizeitläufer meiner Leistungsstufe. Und wieder der bange Gedanke ‚Wird der Hang mich zum Gehen zwingen?’. Als ob’s nichts Wichtigeres gäbe! Halb fürchte ich den Verlust dieses Restes läuferischer „Unschuld“, halb sehne ich ihn herbei. Aber ich bin noch nicht müde genug und kämpfe. Jeder Schritt erinnert an die Mühsal des Laufes in Kempten. Hoffentlich erfindet bald mal jemand einen „Gedankenrekorder“. Ich kann mich an nichts zusammenhängend Gedachtes erinnern, hab sicher nur stumm gestammelt: ‚Stein - Achtung - links rüber - Mach! Komm! Weiter! - seh’ kein Ende - immer höher - Kehre rechts - Durchhalten! - da oben, ’ne Frau - alle Achtung - dauert noch, dauert noch - boaaah, hart - Gehen wär’ nicht langsamer - Laufen! - Wurzeln! - drüber - Kante dreißig Meter oberhalb - da wird’s flacher - muss! muss! - Und wirklich, die Steigung reduziert sich auf ein erträgliches Maß, das Schlimmste ist nach vier, fünf Minuten vorüber.

Immer noch aufwärts, aber wieder zu Wahrnehmungen fähig, die nicht ausschließlich dem sicheren Setzen der Füße dienen. Unentwegt rinnt es rot über die rechte Handfläche, Blut tropft von den Fingern zu Boden. Die Läuferin - ich überholte sie beim ersten Anstieg - ist nur noch zwanzig Schritte entfernt. Ein Steinwurf ihr voraus müht sich ein weiterer Konkurrent den höchsten Punkt zu erklimmen. Der ist früher erreicht, als ich zu hoffen wagte und durch eine weitere „Tränke“ markiert. Die kennen ihre Strecke, bieten zu Beginn und am Ende des „Killerhanges“, also nach weniger als einem Kilometer, Labsal an. Der Name dieses Abschnitts ist Programm, in der Karte heißt er „Mäuerle“ …

Auch hier wird die Frage nach Pflaster verneint und die Versorgung aus dem Verbandskasten im Auto angeboten. Das ist es mir nicht Wert, denn Sturz und „Mäuerle“ haben mich schon genug Zeit gekostet. - Seit ein paar Minuten laufe ich bergab. Nicht so beherzt, wie ich das wünschte. Das „Mäuerle“ hat meinem Akku vehement zugesetzt, Erholung ist jetzt Läufers erste Pflicht. Außerdem schmerzen bergab die Zehen am rechten Fuß, mit dem ich gegen den Stein donnerte. Nach dem Lauf „gucken“ sie mich tief-violett-blau und geschwollen an. Zum Glück kann ich das JETZT nicht sehen, so bleibe ich ungebrochen optimistisch und erhöhe dann auch wieder das Tempo.

Nach zwei Kilometern, vorhin mündete die 27 km-Strecke ein, bleibt der Bergwald zurück und es geht auf eine Mulde herrlicher Bergwiesen zu. Weit reicht der Blick von hier über den Reuttener Talkessel hinüber zu den markanten Felsgestalten der Tannheimer Gruppe. Grauer Kalkstein, nach unten in Wald und Almen übergehend, zeichnet sich vor dem tiefblauen Himmel ab. Herbstsonne und trockene Luft sorgen für satte, kräftige Farben und lassen mir alle Konturen plastischer erscheinen. Einfach schön! - Eine 27 km-Läuferin prescht mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei. Sie scheint ein wenig verwirrt: „Ist die Strecke anders als letztes Jahr?“ - „Ich weiß nicht, bin zum ersten Mal dabei!“ und schon ist sie vorbei, dann einige Meter voraus. Über eine Wiese, weglos wie es scheint, an einer Almhütte vorbei und auf die viel befahrene Fernpass-Bundesstraße zu. Die Streckenführung verunsichert ein wenig, aber Hinweistafeln und -pfeile halten mich verlässlich auf Kurs. Ich hätte es wissen müssen, mochte aber nicht dran glauben: Zwei Polizisten, je einer auf jeder Seite, blockieren individuell für jeden Läufer die belebte Bundesstraße. Die kriegen so was hin in Österreich! Du hast doch beim Linz Marathon erlebt, dass sie sogar eine ausgewachsene Autobahn, einschließlich Donaubrücke, für das Marathonfeld gesperrt haben.

Mit Elan flitze ich über das Asphaltband, damit die noch kurzen Warteschlangen nicht unnötig wachsen. Und wieder dämpft Gras meine Schritte, nur diesmal nicht gemäht und somit deutlich Kraft raubender. Hundert Meter nur, dann hinunter in einen Bachgrund über weiche, fast morastige Grassoden, via „Holzbrückerl“ zur anderen Seite und steil zum Feldweg hinauf. Ein paar Schritte, dann lese ich eine recht befremdliche Tafel: „Ziel 300 m“! Und tatsächlich laufe ich in sanftem Anstieg auf einen Torbogen zu, der sich zur Durchfahrt unter einem Gebäude öffnet. Hinter dem Durchlass passiere ich erstmalig das Ziel, werde vom Sprecher mit Namen begrüßt und zugleich auf den zweiten Teil des Kurses verabschiedet. Mich erinnert die Situation an eine Äußerung, vorzeiten von einem Läufer aufgeschnappt. Er meinte, vorab schon einmal durchs Ziel zu laufen, verführte ihn zu vorzeitigem Aufgeben. Was bewegt mich in diesem Augenblick? Zweifelsfrei ließ ich Kräfte und bin ich angeschlagen. Sicher locken hier Dusche und Verpflegung. Aber ehrlich: Jetzt den Lauf zu beenden, wäre wider meine Natur also eine nahezu absurde Idee.

Einstweilen genieße ich den flotten Trab auf breitem, minimal abschüssigem Feldweg in einem von bewaldeten Hängen begrenzten Tal. Hier ist es ein paar Grad wärmer, angenehm zu laufen. Ein paar Minuten, dann „schlüpfe“ ich in dichten Wald und muss wieder Höhenmeter „erarbeiten“. Nichts Dramatisches, sanft nach oben, aber nach bald 30 Kilometern gilt einem so was durchaus als Hürde. Auf vier Kilometern verändern sich weder Neigung des Weges, noch Umgebung. Ich laufe im „Klausenwald“, ein dichtes, jetzt in Herbstfarben getauchtes Mischwaldgebiet. Bin wieder mal oben, noch immer mitten im „Klausenwald“ und verliere nun Schritt für Schritt an Höhe. Flinke Schritte, denn die Taktik lebt noch: Abwärts Zeit gut machen. Wieder nehme ich leichte Schmerzen am rechten Fuß wahr, blende sie aus, nicht schlimm, nicht wichtig. Die inzwischen mit eingetrocknetem Blut verkrustete Handfläche beruhigt mich gar ein wenig. Motto: War doch gar nicht so schlimm die Bauchlandung.

Der Wald ist zu Ende und entlässt mich in die Ortschaft Rieden im Lechtal. Die paar Häuser sind rasch Geschichte. Der Weg folgt dem Rand einer vielleicht zwanzig Meter hohen Steilstufe, die sicher vor Urzeiten das Ufer des damals noch weit mächtigeren Gebirgsflusses bildete. Eingezäunte Wiesen gibt’s hier, ein kleine Schafherde, Feldhütten und vereinzelt Spaziergänger, die mir sogar ein wenig Beifall spenden. Mir und einem Läufer hundert Meter voraus. Der wird von einem Betreuer auf ’nem Drahtesel begleitet. Bis in Zielnähe bleibt dieses ungleiche Gespann nun mein Fixpunkt. 35 Kilometer geschafft.

Die Verpflegung auf diesem „Trail“ ist „allererste Sahne“. Sogar Energiegel wird angeboten und ich mache jetzt gerne davon Gebrauch. Inzwischen strengt mich der Lauf gewaltig an. Am Verpflegungspunkt hatte ich das Lauf-Radel-Duo eingeholt, meine „Gel-Mahlzeit“ gab ihnen allerdings Gelegenheit wieder davon zu ziehen. Vor dem Verpflegungsstand musste ich die letzten Höhenmeter preisgeben und laufe fortan auf Niveau des Flusses, auch wenn der noch nicht zu sehen ist. Oberhalb von Reutte beansprucht der Lech ein erstaunlich breites Bett, das er nur während der Schneeschmelze im Frühjahr füllt. Danach fällt die Kiesfläche zum größten Teil trocken, durchzogen von dünnen, meist flachen Flussarmen. Eine der letzten Wildflusslandschaften auf diesem Kontinent, mit einzigartiger Flora und Fauna.

Schon eine Weile vorher höre ich den Straßenlärm, bis schließlich die Straße zwischen Bäumen sichtbar wird. Davor schwenkt die Route auf den Radweg und schließlich auf die „Johannesbrücke“ über das breite Kiesbett des Lechs. Der wirkt harmlos, beansprucht derzeit nur eine schmale und nicht sehr tiefe Rinne. Hinter der Brücke geht so etwas wie ein Herzenswunsch in Erfüllung. Die Route folgt dem Radweg und der ist bis auf weiteres asphaltiert - Schonung für geschundene Füße.

Sicher empfinden viele Mitläufer diesen Teil der Strecke als langweilig. Für mich ist er das nicht. Der Radweg verläuft abseits der Straße, in Flussnähe. Der karge Kiesboden gibt nicht viel her. Deshalb hat sich hier eine eigentümliche Vegetation von Büschen und verkümmert wirkenden Bäumen ausgebildet. Ein ums andere Mal gibt’s auch Durchblicke auf den schnell fließenden und unentwegt seine Gestalt wechselnden Lech. Mal teilt er sich in mehrere, flache Arme, vereinigt sie eine Kiesbank weiter, oder wechselt in seinem weiten Bett nach Belieben die Seite. Daran freut mich vor allem die Tatsache, dass dem Fluss sein wildes, beinahe ungezügeltes Fließverhalten noch gestattet ist. Pläne für Staustufen hier im oberen Lechtal gab’s schon zur Genüge. Aber vielleicht ist diese Umweltbarbarei im neuen Jahrtausend nicht mehr durchsetzbar und dieses Paradies bleibt erhalten!?

Paradies oder nicht, langsam geht mir der „Saft“ aus. Kilometer 40, ich gönne mir noch ein Tütchen Gel. Mein Fixpunkt, das Duo, verlässt die Tränke, als ich ankomme. Da sich der Radweg mit vielen Kurven durchs Terrain schlängelt, bekomme ich die beiden nur dann und wann zu Gesicht. Mehrmals spüre ich so was wie Magenschmerzen. Kommt das vom Gel und der vielen Flüssigkeit? Auf der verbleibenden Strecke wird sich dieses schmerzhafte Ziehen intensivieren. Erst hinterher werde ich erfahren, dass es nicht von den Eingeweiden ausging, sondern von einer Rippenverletzung. Ich muss beim Sturz mit dem Brustkorb heftigst auf einem Stein gelandet sein.

Noch zehn Kilometer, die Kraft schwindet, merklich langsamer werde ich aber (noch?) nicht. Eine Weile scheint es, als schlösse ich zu meinem „Fixstern“ auf. Uns trennen jetzt höchstens noch zwanzig Meter. „Gehen seine Lichter früher aus als meine?“ Der Schein trügt, bald haben die beiden den alten Abstand wieder hergestellt und nicht nur das. Offensichtlich hat der noch einiges mehr drauf als ich, zieht unwiderstehlich davon.

Kilometer 45 vorbei: Der Radweg macht einen Schlenker in Richtung Dorf und mich schickt man auf einen schmalen Hochwasserdeich. So was musste ja noch kommen. Holprig isser, schnurgeradeaus führt er, endlos scheint er. Dort war’s dunkel und es regnete, dennoch erinnert mich das zeitweise Gestolpere zwischen grobem Kies sofort an meinen 100 km-Lauf in Biel. Heute bin ich müder als damals mitten in der Nacht, dafür kann ich jedes Loch und jeden Kiesel gut erkennen. Beides Situationen, in denen mentale Kraft dieselbe Bedeutung erlangt wie verbliebene Ausdauer in den Beinen. So lange mein Fixpunkt ein paar hundert Meter voraus noch zu sehen ist, nimmt der Deich kein Ende. Immer wieder suche ich die beiden im Schatten beidseits des Dammes wachsender Bäume. Und immer und immer wieder finde ich sie. Wie lange noch? - Plötzlich sind sie verschwunden und meine Zuversicht vollführt einen kleinen Luftsprung. Hier sind sie verschwunden, über diese Fußgängerbrücke auf die andere Lechseite. Die gehört jetzt mir und drüben genieße ich meine „Belohnung“: Ein asphaltiertes Sträßchen!

Schätzungsweise fünf Kilometer noch. Natürlich schaute ich häufiger zur Uhr. Das Ergebnis blieb auf dem letzten Abschnitt unverändert: Unter fünf Stunden ins Ziel ist möglich. Nein, mehr als möglich - wahrscheinlich! Aber ich darf jetzt nicht nachlassen. Jetzt, da alle Systeme schon auf „Reserve“ laufen. Schwäche im Wettkampf gleicht der Dämmerung: Der Übergang vollzieht sich mit Verzögerung, aber unaufhaltsam. Sie kriecht in dir hoch, entzieht dir alle Energie. Alles was nicht mit dem Erreichen des Zieles zu tun hat, verliert vorübergehend jegliche Bedeutung. Ein eigenartiger Tunnel öffnet sich: Auf zwei, drei Metern Breite ist die Wahrnehmung normal, jenseits dieser Dimension bleibt alles unscharf, stößt auf Desinteresse. Voraus reicht der Blick durchaus weiter, schon mal bis zur nächsten Tunnelbiegung. Aber es geht, geht immer weiter. In dreißig - zwanzig - dann in fünfzehn Minuten ist alles vorbei … Das halt ich aus, das schaff ich. Ganz sicher. Eine Ortschaft. Ortsteil von Reutte? Wozu das wissen, es hat keine Bedeutung. Ein kurzer Anstieg auf wachsweichen Beinen. Geht doch noch. Feuerwehr sichert eine Kreuzung und vorbei …

Und dann steht es einfach so da, das ersehnte gelbe Täfelchen mit der „50“ drauf! Nur noch zwei! Tunnelblick zur Uhr: 4:38:xx. Über zwanzig Minuten für zwei Kilometer, um das gesteckte Zeitziel zu schaffen. Das hab ich doch schon im Sack. Diese lange Straße noch, links irgendwelche Gebäude, rechts Wiesen. Kaum Steigung, das ist einfach zu laufen, selbst wenn du „rappelfertig“ bist. Immer nur einen Schritt an den anderen reihen, zehn, hundert, zweihundert, nichts einfacher als das … Ende der langen Straße, rechts weg und auf einen Feldweg. Höchstens noch ein Kilometer. Nur einer noch! Gleich wird noch mal ein wenig Steigung kommen. Ich weiß es, vom Studium des Profils und weil ich die letzten 300 Meter ins Ziel schon kenne. Das war „easy“, davor brauchst dich nicht fürchten. Der Feldweg beschreibt eine Linkskurve, Büsche verdecken die Sicht. Hinter der Kurve krieg ich meine Panikattacke: Ein Anstieg. Ein steiler Anstieg! Dergestalt am Ende meiner Kräfte gleicht er der senkrecht abfallenden Eiger-Nordwand. Ein paar Schritte später wäre jede ausgeruhte Schnecke, mit oder ohne Haus, in der Lage mich zu überholen.

Die Fersen berühren den Boden nicht. Auf Zehen und Ballen, auf Biegen und Brechen, ich will da rauf. Es ist wie in Kempten: Ich tue mir Gewalt an. Was ich empfinde ist absolut scheußlich. Körper und Geist schreien unisono „Aufhören!“ In solchen Sekunden kann ich nicht denken. Hinterher schon, bin mir dann selbst ein Rätsel. Wieso halte ich das aus? Wie geht das? Wie lange ist der Wille mächtiger als der hinfällige Körper. Und noch unverständlicher: Wie lange ist der Wille stärker als der Widerwille, wo doch beide im selben Refugium logieren?

Der Links- folgt eine Rechtskurve, dem ersten ein zweiter Panikanfall. Weitere mindestens fünfzig Meter Eiger-Nordwand liegen vor mir. Irgendwer ist mit mir im Tunnel: Mann, zwei Kinder. Der eine Knirps steht genau in meiner Kriechspur, wird von Väterchen gottlob aber „beseitigt“. Vorbei, weiter, noch ’n Meter und noch einer. Hinter der Wölbung wird’s flacher, erheblich flacher. Und doch komme ich fast nicht mehr auf Touren. Dann doch wieder eine Art Trab, vor allem als ich den Weg wiedererkenne. Noch mehr, als ich die erste Tafel lese: „Ziel 300 m“, dann „Ziel 200 m“. Kaum noch Steigung, den Torbogen schon vor Augen, dahinter das Ziel. Gemächlich trabe ich die letzten Meter. Wozu noch beschleunigen, mein Ziel habe ich erreicht und hinter mir ist weit und breit niemand. Torbogen, grüne Matte, Piepsen und vom Sprecher kommt: „Udo Pitsch aus Königsbrunn im Ziel.“ - 4:54:12. Wenn das 50 km-Schild korrekt stand, woran ich nicht zweifle, dann habe ich für die letzten zwei Kilometer mehr als 15 Minuten gebraucht. Das mag einerseits veranschaulichen wie ausgepumpt ich war, mehr noch wie besagte „Eiger-Nordwand“ mir zusetzte …

Bald eine Minute stehe ich gebückt, will wieder zu Kräften kommen. Ein Helfer bringt mir einen Becher Tee. Ich schaue an mir runter: Dreckige, an verschiedenen Stellen blutgetränkte Laufbekleidung, aufgeschlagene Knie, links mit einer etliche Zentimeter langen, eingetrockneten Blutspur auf dem Schienbein, rechte Pranke blutverschmiert … Unterwegs muss ich manchen erschienen sein wie eins von Frankensteins entsprungenen Geschöpfen. Auch wenn’s mancher angesichts solcher Umstände nicht glauben mag: Ein herrlicher Lauf, den ich nicht missen möchte! Zufriedenheit ergreift von mir Besitz, jedenfalls von dem Teil meines Bewusstseins, der bereits wieder normal funktioniert und der wächst mit jeder Sekunde …

Ich hab mich rittlings auf eine Bierbank gesetzt, man bringt mir noch einen Becher zu trinken und ein Stück Banane. Ein älterer Herr steuert auf mich zu und sagt: „Darf ich Sie mal was fragen?“ „Ja sicher“ gebe ich zurück, nicke. „Sind sie jetzt gerade 52 Kilometer gelaufen?“ Auch das bestätige ich ihm und es entspinnt sich ein kurzes Gespräch, wie so was möglich ist. Oh Eitelkeit lass dir schmeicheln! Dergestalt mit Bewunderung überhäuft zu werden, ersetzt bestimmt einen Tag Regeneration. Schließlich erzählt er mir von seiner Absicht, jetzt 59jährig, noch mit dem Laufen zu beginnen und ich versichere ihm, dass es dafür keine Altersgrenze gibt. Und natürlich nutze ich die Gelegenheit noch einen Leser für unsere Laufseite zu gewinnen und kritzele ihm die Internetadresse mit ungelenker Hand auf einen Fetzen Papier. Dann isser wech. Klar, der hat mich nicht angesprochen, weil ich der größte, schönste und schnellste Läufer im ganzen Feld war. Meinen Zieleinlauf hat er eben mitbekommen und deswegen darf nun ausgerechnet Udo zur Dusche schweben … ; - )

Der Lauf ist jetzt fast sieben Stunden alt, dann und wann kommen noch Läufer ins Ziel. Jetzt wieder zwei und ich fange sie mit meiner Kamera ein. Zwei, die ich schon fast vergessen hatte, die 52 Kilometer gemeinsam gelaufen sind, von Hand zu Hand verbunden mit kurzem Strick. Zwei, von denen einer blind ist und mit bloßen Worten seines Begleiters über Stock und Stein dirigiert wurde. Nichts an diesem, mit wuchtigen Erlebnissen reichen Tag konnte mich solchermaßen begeistern wie die Leistung des blinden Dietmar Beiderbeck und seines Begleiters Rainer Koch. Nach 6:50:29 erreichten sie unversehrt das Ziel. Ungeachtet eines tief empfundenen Respekts, frage ich mich dann doch, wie ist das möglich? Gehe dazu die Strecke in Gedanken noch einmal durch. Sehe Steine, Felsen, Wurzeln, steile Hänge, kurzum tausend Gelegenheiten zu stolpern und zu fallen. Dietmar Beiderbeck mag gestolpert sein, sehr wahrscheinlich sogar, aber er fiel nicht. Unglaublich, fantastisch! Ich kann sehen und stürzte trotzdem. Zwei Blinde Läufer trafen sich in Tirol, im Oktober 2007.

 

Ergebnis

Zeit:  4:54:12  (5:39 min/km)
Platzierung: 29. von 54 / M50-59: 3. von 6 Läufern

 

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