12. März 2026

Im Wasserlabyrinth  -  DACH-Marathon 2026

Die Epoche Sturm und Drang meiner Marathonkarriere - soll heißen: alles laufen, egal wo und unter welchen Umständen, Hauptsache 42,195 km weit - ist definitiv vorbei. Würde er mir angeboten, ich bestritte sicher keinen Marathon auf einem Dach. So steht denn auch „DACH“ für etwas völlig anderes: Der Start erfolgt nahe des Bodenseeufers in Arbon in der Schweiz, also in „CH“. Die Route orientiert sich danach am Seeufer, bis sie die Grenze nach Österreich quert, daher das „A“. Später geht es durch Bregenz, weiter am Bodensee entlang, schließlich zum Ziel in Lindau. Das „D“ meiner Heimat schließt die Lücke im „DACH“.

AusgeDACHt und organisiert wurde der etwa 45 km lange Lauf von 100 Marathon Clubmitglied und Marathonsammler Thorsten Stohldreier*. Zuhause ist der Mann in Hamburg, verbringt am Bodensee lediglich seinen Urlaub. Doch warum Mußestunden im Süden nicht für einen weiteren Eintrag ins Laufbuch nutzen, dachte sich Thorsten und schrieb den DACH-Marathon aus. An einem Werktag sollte er stattfinden, auf einen bestimmten Tag einigte man sich im Vorfeld. Für diesen Donnerstag konnten sich vier Teilnehmer begeistern und damit die Vorgaben des 100 Marathon Clubs für einen zählbaren Lauf erfüllen (3 Teilnehmer mindestens am Start). Damit ich teilnehmen konnte, opferte meine Frau Ines einen Urlaubstag. Anders war das Transportproblem - Anreise am Lauftag, Punkt-zu-Punkt-Strecke durch drei Länder - nicht zu lösen. Weiterer Vorteil: Ines kann mich an einigen Punkten der Route verpflegen, mir sogar auf geeigneter Etappe unseren Vierbeiner Bobi als Begleiter mitgeben. Jeder Teilnehmer darf innerhalb des Startfensters (8 - 12 Uhr) seinen Beginn nach Gusto wählen. Der Leistungsnachweis erfolgt per GPS-Aufzeichnung der gelaufenen Strecke. Unabdingbar für eine Teilnahme ist ohnehin ein von Thorsten übersandter, auf die Uhr geladener gpx-Track.

*) Thorsten Stohldreier hatte am Stichtag 31.12.2025 gemäß Zählordnung des 100 Marathon Clubs 552 Marathons und Ultraläufe absolviert.

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Anreise abgeschlossen, Ausrüstung vervollständigt. Gegen 10:30 Uhr, vorm Bahnhof in Arbon (Schweiz), verabschiedet Ines mich auf die Strecke. Schon hinter der nächsten Häuserzeile trabe ich am Bodenseeufer entlang und blicke hinaus auf den See. Eine Aussicht, die mir bekannt vorkommt: Grau, alles grau, in alle Richtungen. Spontan taufe ich die Verhältnisse auf den Namen „Arbon-Wetter“. Zur Erinnerung: Letztes Jahr, am 2. November, bestritt ich hier in Arbon den Mostindien Marathon. Die damalige Grau-in-Grau-Waschküche samt Dauerregen ist mir noch in schauriger Erinnerung. Und Nieselregen, so viel sei vorweg genommen, wird mich auch heute entlang des eidgenössischen Bodenseeabschnitts belästigen …

Vorrangig ist aber nun die richtige „Reisegeschwindigkeit“ zu treffen. Wie zuletzt in Stuttgart verdonnere ich mich zu extrem verhaltenem Beginn. Mehr als 44 Kilometer stehen mir bevor, die ich nur zum kleineren Teil von früheren Lauferlebnissen her kenne. Ausdauer und Kraft sparen ist somit erste Läuferpflicht. Der Laufrucksack schnürt mich ein bisschen ein. Der Rolle „Packesel“ bin ich schlichtweg entwöhnt. Muss aber Wasser, Gels und ein Minimum an Ausrüstung mitnehmen, auch wenn Ines mich mehrmals versorgen wird. Drei Treffs, nach je einem Viertel der Strecke, haben wir fest vereinbart. Ein weiterer, in Österreich, ist optional, um unseren Hund Bobi stückweit mitzunehmen, falls sich der vorgesehene Routenschnipsel dafür eignen sollte.

Ich zuckele durch Arbon, irgendwann Steinach, später Horn, Goldach, usw. Kaum ein Leser dieser Zeilen dürfte die Orte kennen. Erwähnen werde ich Ansiedlungen nur, wenn es Erlebnis- und Berichtswert sinnvoll erscheinen lassen. En passant speichert die Digicam Ansichten auf Vorrat. Nur wenige der in graue Tristesse verpackten Schnappschüsse werde ich verwerten. Neben der Tempojustierung gilt mein Hauptaugenmerk dem Track auf der Uhr. Oft bieten sich parallele Wege an und nicht immer erwische ich den richtigen. Sofern sich die Routen absehbar wieder vereinigen werden, halte ich stoisch Kurs. Wo immer eine der Parallelen auf festem, das heißt asphaltiertem oder betoniertem Boden, verläuft, gebe ich ihr den Vorrang. Ebener, glatter Boden frisst nun mal am wenigsten Körner.

Schwäne, Enten, andere Wasservögel, ein paar Meter links von mir dümpelnd, sind fast die einzigen Lebewesen, die von mir Notiz nehmen könnten. Höchst selten verirrt sich ein Gassigeher, auch mal eine Mutter mit Kinderwagen in Seenähe, das war’s auch schon. Niemanden zieht es bei so einem Wetter ins Freie. Wetter übrigens, das der gestrigen Vorhersage des Klimaorakels hohnspricht. Danach sollte längst die Sonne durch die Wolken lugen. Weiter draußen, im Norden, Richtung deutsches Ufer erwecken „helle Flecken“ zuweilen den Anschein baldigen Aufklarens. Dass die Sonne den Kampf gegen die Regenwolken für sich entscheiden wird, steht gemäß Großwetterlage fest aber offensichtlich nicht wann.

Häufig nutze ich das Trottoir der ufernahen Straße. Dass auf diesen Abschnitten massenhaft Fahrzeuge jedweder Größenordnung vorbei rauschen, stört nur anfangs, irgendwann blendet mein Geist es aus. Längst hat die Abteilung „Fortbewegung“ einen Trott justiert, von dem ich mir noch viele gleich schnelle - besser: gleich langsame - Trabkilometer erhoffe. Zu diesem frühen Zeitpunkt nicht zu erahnen vermag ich, wie mir der „Job“ hinten raus vom Fuß gehen wird. Zu viele Störgrößen, Laufrucksack, Wetter, etc., überdecken das Laufgefühl. Erstes echtes Interesse erregt die Uferpromenade von Rohrschach, sieben Kilometer liegen bereits hinter mir. Immer wieder setzen sich Skulpturen in schmalen, ufernahen Parks in Szene, den miesen, diffusen Lichtverhältnissen zum Trotz. Zwei barbusige, fischschwänzige Nixen buhlen um Läufers Huld, verlocken ihn zu Fotos. Eine aggressiv spitze, seewärts zielende Vorrichtung (Kunstwerk?) begegnet mir nur Minuten später. Welchen Zweck oder welche Bedeutung hat das Ding?

Auswärts Rohrschach umlaufe ich ein hypermodernes, gläsernes Bürogebäude, das zur weltweit agierenden „Schraubenschmiede“ Würth-Gruppe gehört und in Teilen der Präsentation von Kunstwerken aus der Sammlung des Firmengründers dient.* Einige Plastiken kann man outdoor, auf der dem See zugewandten Rückseite des Hauses betrachten. Unter riesigen Glasvitrinen vor der Witterung geschützte, bunte „Fantasiemonster“ harren hier der Betrachtung ebenso, wie eine Gruppenplastik, einander zugewandter überlebensgroßer, menschlicher Silhouetten.

*) Die Würth-Gruppe, international führend in Montage- und Befestigungstechnik, beschäftigt weltweit 88.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Kern wurde das Unternehmen von Reinhold Würth (*1935) im Jahr 1954 gegründet. Der oft als „Schraubenkönig“ bezeichnete Milliardär und erklärte AfD-Gegner Würth gründete und unterhält 15 Museen, so auch das Forum Würth Rorschach.

Es klart auf, blaue Flecken am Himmel mehren sich, nur hier unten bei mir nieselt es munter weiter. Und das eher intensiver als zuvor. Den Grund dafür mache ich in Laufrichtung rechts von mir aus: Berge. Kein Hochgebirge, aber steil ansteigende Höhen, in denen sich die Regenwolken verfangen haben. Minute um Minute wird es heller, während ich mich dem ersten Rendezvous mit Ines nähere. Schließlich bricht die Sonne vollends durch und alsbald endet auch die Berieselung.

Aber was ist das? Wo der Track mir entlang zu laufen befiehlt, steht ein Mehrfamilienhaus, überdies eingezäunt. Ich folge dem Radweg drum herum, bis Soll- und Ist-Position sich wieder decken. Voraus erhebt sich ein Gewerbekomplex, bis zum Treffpunkt fehlen jetzt höchstens noch ein paar hundert Meter. Schließlich entdecke ich in einiger Entfernung einen leuchtend hellblauen Fleck (der Sonne sei Dank), unser Auto. Gute 11 km liegen hinter mir. Auf den letzten Metern lenke ich meinen Blick nach rechts, hoffe dort zu sehen, was diesen Ort vor allen anderen auszeichnet: Die „Hundertwasser Markthalle Altenrhein“. Obschon ein bisschen zugestellt von Autos und bald hundert Meter entfernt, sind die pittoresken Türme, goldenen Kuppeln und Rundbogenfenster des Bauwerks nicht zu übersehen. Selbst aus der Distanz wird deutlich, wie rigoros der leider zu früh verstorbene Künstler seine Gestaltungsprinzipien auch diesem Gebäude angedeihen ließ. Friedensreich Hundertwasser war als erklärter Gegner gerader Linien und jeglicher Form gestalterischer Standardisierung bekannt. Dementsprechend rund und bunt leuchtet die Markthalle herüber.

Zwei Highlights in ein und derselben Minute: Das Lächeln meiner Ines folgt übergangslos dem baulichen Kunstgenuss. Gruß und Kuss, dann Gel und Wasser aus dem Autovorrat. Lange halte ich mich nicht auf, verbleibende 34 Kilometer drängen zum raschen Aufbruch. Also Abschied und weiter, nicht länger von Märchenhaftem und Liebevollem abgelenkt. Der Flugplatz St. Gallen-Altenrhein füllt jetzt mein Sichtfeld aus. In der nächsten Viertelstunde messe ich die volle Länge der Startbahn entlang des Außenzauns ab. Größere Passagiermaschinen werden auf dem kleinen Airport seltener landen, hochfrequentes Zischen aus Triebwerken kleinerer Jets ist allerdings nicht zu überhören. Immer wieder suche ich zwischen Hangars und Betriebsbaracken einen Blick auf fliegerische Aktivitäten zu erhaschen. Identifiziere kleinere, einmotorige „Stoppelhopser“ unterschiedlichster Bauweise und einen eingemotteten, zweistrahligen Flieger der Größenordnung Learjet, unmittelbar hinterm Zaun. Schlussendlich freie Sicht übers Flugfeld zum Kopf der Startbahn: Dort wartet ein kleiner Jet mit laufenden Triebwerken auf die Startfreigabe …

Ende des Flugplatzareals, der Track vollführt einen scharfen Linksknick. Mitten durch diese nasse, leicht matschige Wiese? Ernsthaft? Bei genauem Hinsehen scheint wahrscheinlich, dass schon vor mir Fußgänger, Wanderer, Radfahrer und andere Humane ihre Füße in die Wiese setzten. Also halte ich, sumpfnassen Stellen ausweichend, auf den nahen Waldrand zu. Dort fängt mich eine quer verlaufende Piste ein und nur Sekunden später umgibt mich pure Natur. Natur, deren Natur ich zunächst missdeute. Ein Teich taucht seitlich des Weges auf. An dessen rundum mit Schilf bewachsenem Ufer lädt ein turmartiger Hochsitz zur Vogelbeobachtung ein. Mangels Ortskenntnis unterstelle ich einen vom nahen (?) Bodensee gespeisten Tümpel vor mir zu haben. Ich widerstehe der Versuchung den Ausguck zu besteigen, um meine Fragen zu klären. Wasser in Form von Teichen bleibt nun steter Begleiter und schließlich räumt eine Infotafel mit meiner Unwissenheit auf. Überschrieben ist sie mit „Erlebnisweg am Alten Rhein“. Als ich wenig später tatsächlich an idyllischem Flüsschen entlang jogge, ist dessen Ursprung klar: Es handelt sich um den Altarm des Rheins, dessen Hauptflut einige Kilometer weiter, gebändigt von hohen Deichen in den Bodensee mündet.

Was für ein gigantischer Baum, meiner laienhaften Einschätzung nach eine Eiche!? Fotostopp in ehrfürchtiger Entfernung. Nächster Halt am Fuße des mächtigen Stammes. Eine Infotafel klärt den Irrtum auf: Es handelt sich um eine Schwarzpappel mit fünf (!) Metern Stammumfang. „Drei Männer können sie kaum umfassen“ steht auf der Holztafel weiter zu lesen. Beeindruckt falle ich wieder in verhaltenen Trab, um ein paar hundert Meter weiter zu erleben, wie sich meine Wahrnehmung regelrecht aufspaltet: Linker Hand weiterhin das Idyll, der alte Rhein, naturbelassen die Ufer, Beschaulichkeit pur. Rechts von mir nun eine hässliche, obendrein unwirksame Lärmschutzwand. Hinter der donnert der Verkehr auf der schweizerischen Autobahn A1 vorbei, übertönt das bis dahin allgegenwärtige Vogelgezwitscher. Wirklich krasse Gegensätze, die sich weder ausschließen - beides ist real und von Dauer -, noch miteinander in Einklang zu bringen wären. Ebenso wenig wie Feuer und Wasser oder Licht und Dunkelheit. Zwei Kilometer weit jogge ich auf dieser Nahtstelle des Unvereinbaren beinahe stur und ratlos geradeaus. Ratlos, hilflos, denn auch ich genieße beides: Straßen, die mich ans Ziel bringen und unverbrauchte Natur.

In Rheineck - das „Städtli“ hält sich hinter der Wand vor mir verborgen - wechsele ich per Fußgängerbrücke zur anderen Seite des alten Rheins. Auf diese Weise entkomme ich dem Autobahn-Getöse zwar unvollkommen, befinde mich aber nun in Österreich, in dessen Bundesland Vorarlberg. Stückweit jogge ich am Ufer flussabwärts, mit einem Wohngebiet der Ortschaft Gaißau zu meiner Rechten. Der Lärm von der jenseitigen Autobahn bleibt abgeschwächt erhalten. Ich stelle mir vor, ich wäre in einem dieser Vorarlberger Häuser aufgewachsen und hätte als Erwachsener miterleben müssen, wie meine Schweizer Nachbarn die heile Welt der Rheinaue, sozusagen meinen „Vorgarten“, zubetonieren und mich mit Autolärm überziehen. Ging das damals konfliktfrei vonstatten, wie es die heute in beide Richtungen offene Grenze suggeriert?

Der Track schickt mich auf Fußwegen weg vom Rhein und mitten durchs locker besiedelte Gaißau. Bislang hielt mich der Kontrast „Zivilisation hier, Natur dort“ in Atem. Als anhaltende Aufforderung zu zweifeln, nicht zuletzt an der Art und Weise wie ich selbst im Spannungsfeld Natur-Zivilisation lebe. Zwischen Anwesen und Gärten trabend setzt sich nun mehr und mehr die (nicht frische aber bislang verdrängte) Wahrnehmung innerer Unstimmigkeiten durch. Und sie verheißt nichts Gutes. Erst 17 Kilometer gelaufen und schon fühlt sich mein Fahrwerk abgenutzt an. Beine schwer, darüber hinaus zieht es unüberspürbar im rechten Bein und beide Gesäßmuskeln klagen. Erster Widerstand, der sich zwar langsam aber unaufhaltsam verschärfen wird. Schon jetzt ist klar, wie hart die zweite Hälfte der Strecke mich fordern wird. Fest steht damit auch, dass die zuletzt verspürte Leichtigkeit des Laufens, vor anderthalb Wochen am Neckarufer, nur die berühmt berüchtigte Schwalbe war, die noch keinen Sommer macht.

Letzte Meter in Gaißau, vorbei am Sportplatz, ich halte die Augen offen: Nirgendwo ein blauer, in der Sonne leuchtender Fleck. Wo ist Ines? Eigentlich wollte sie mir Bobi hinter Gaißau übergeben!? Damit wir, wenn nötig, telefonieren oder „WhatsAppen“ können, schalte ich zunächst mein Handy „scharf“: Flugmodus „aus“, mobile Daten „ein“. Im Abzocker-Land Schweiz blieb ich vorzugsweise ausgeloggt, um nicht per Roaming - wie schon erlebt - von der dortigen Telefongesellschaft ausgenommen zu werden, wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans. Ich verstaue das Smartphone, nehme wieder Fahrt auf und trabe über eine kaum befahrene Nebenstraße. Irgendwann ist es dann soweit: Hellblau voraus.

Rasch vom Autovorrat trinken - mitgeführtes Wasser habe ich noch nicht angerührt -, restliche Gels im Rucksack bunkern, die improvisierte Hundeleine umhängen und zuletzt Bobi per Kommando in die Freiheit entlassen. Ab jetzt, für fast vier Kilometer, gilt Bobi mein Hauptaugenmerk. Von der Nebenstraße biegen wir kurz darauf auf eine Nebenstraße der Nebenstraße ab, auf der kaum Autoverkehr zu erwarten ist. Weithin freies Sichtfeld erlaubt mir Bobi überwiegend seinen Schnüffel-, Markierungs- und Laufwünschen zu überlassen. Unstet bleibt er zurück, wertet Spuren aus, flitzt hinterher, verschafft sich Vorsprung, steckt wieder und wieder seine Nase in Grasbüschel, deren Geruchsbotschaften nur er zu entziffern weiß. Nur einmal rufe ich Bobi zu mir, halte ihn am Halsband fest, damit eine Radlerin, ihrerseits mit Hund unterwegs, gefahrlos überholen kann.

Wo bin ich hier eigentlich? Aussehen und Charakter der Umgebung haben sich drastisch verändert. Der alte Rhein wand sich zu Füßen der Schweizer Vorberge gen Bodensee. Zu diesen Höhen habe ich inzwischen ein paar Kilometer Luftlinie Distanz. Mich umgibt flaches, um nicht zu sagen ostfriesisch plattes Land. Typisch eher für den deutschen Norden, weniger am Alpenrand, im Dreiländereck „DACH“. Noch weiß ich diese Topographie nicht recht zu deuten. Gewiss ist allerdings, dass das Sträßchen uns dem Bodenseeufer näherbringt … Mit Bobi zu laufen, ihn zu beobachten, seinen Spaß am Rumflitzen und Erforschen zu erleben, ist Vergnügen pur und lenkt mich ab. Tief inhaliere ich mein Umfeld, fülle weniger die Lungen damit, als den Kopf, zur Verdrängung nörglerischer Signale der „unteren Extremitäten“.

Das Ende des Sträßchens rückt näher, offenkundig halten wir auf einen Damm zu. Am Dammfuß steuert die asphaltierte Piste einen Parkplatz an, hinter dem ich mit Bobi den Deich entere. Der erreicht bei Weitem nicht die Dimension friesischer Bollwerke, muss ja auch nicht maritimen Sturmfluten wehren. Tatsächlich kann ich mir überhaupt keine Flut vorstellen, der der allenfalls zwei Meter hohe Wall standhalten müsste. Hochwasser am Bodensee? Gibt es so etwas? - Anscheinend schon, wozu sonst sollte man hier einen Damm aufschütten. Die Krone trägt uns auf den nächsten, etwa zwei Kilometern unserem Zwischenziel entgegen. Der Weg dahin gehört mit zu den reizvollsten Joggingstrecken, die sich naturaffine Läufer wünschen könnten. Aus leicht erhöhter Position lassen sich Bodenseeuferstreifen und eingedeichtes Land weithin überblicken. Auf der Uferseite, in einiger Entfernung, ist meist ein schmaler Streifen See auszumachen. An zwei Stellen, wo das Wasser bis in Dammnähe reicht, wurden Yachthäfen ausgebaut. Eine Infotafel informiert Passanten: Bereits ihre Überschrift - „Rheindelta“ - genügt, um mir einen ganzen Kosmos aus Offensichtlichem und davon initiierten Überlegungen zu erschließen. Das flache Land, durch das ich nach Überschreiten des alten Rheins trabte, noch immer laufe und dessen Begrenzung durch weit entfernte Berge kaum auszumachen ist, gehört zum einstigen Mündungsgebiet des Alpenwildflusses Rhein. Wild war der Fluss, bis der Mensch sich anschickte ihn zu zähmen; seine Fließrichtung per Eindeichung festlegte, ihn auf diese Weise der saisonal wiederkehrenden Fähigkeit beraubte, sein Mündungsgebiet zu überschwemmen.

Hätte ich die Infotafel im Detail studiert, wäre mir zweierlei klar: Land und Sumpf links vom Deich ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen. So lange Bobi auf der Dammkrone entlang tippelt ist unsere leinenlose Zweisamkeit rechtens. Führt ihn die Nase jedoch seewärts, was allerdings nur einmal vorkommt, begehen wir eine Ordnungswidrigkeit: Im Naturschutzgebiet besteht Leinenzwang. Wer hätte uns belehren sollen? Nicht ein Mensch begegnet uns auf diesen zwei Kilometern. Vermutlich, weil die Sonne noch nicht allzu lange das Regiment übernahm und der nächste Ort meilenweit entfernt liegt. Ich genieße diese Teilstrecke, die Gemeinsamkeit mit meinem Vierbeiner und die in alle Richtungen herrlichen Panoramen. Dass wachsende Beschwerden und Beinschwere mir das Laufen verleiden wollen, blende ich aus - na ja, nicht ganz aber zum überwiegenden Teil.

Voraus glaube ich bereits den nächsten Treffpunkt mit Ines auszumachen, ein Restaurant am See. Ines winkt uns zu und Bobi - von mir auf Frauchen aufmerksam gemacht - rast ihr entgegen. Rund die Hälfte der heutigen Distanz liegt nun hinter mir. Kurzer Halt zum Trinken, dann der Abschied von meinem „sechsbeinigen Fanclub“. Zurück auf den Damm, vorbei an jetzt unmissverständlichem Hinweis: Leinenzwang für Hunde. Gut, dass keine weitere Etappe gemeinsam mit Bobi geplant war.

Das bisher angenehme Joggen auf dem Deich findet ein jähes Ende. Schuld ist die Beschaffenheit der Dammkrone. Viel gröber geschottert als bisher, saugt der Weg nun spürbar mehr Energie aus den Beinen. Umso heftiger macht sich die bereits eingetretene Abnutzung bemerkbar. Wüsste ich es nicht besser, es erschiene mir aussichtslos in so einer Verfassung noch einmal 22 km zu schaffen. Sehnsüchtig schiele ich von der Dammkrone zur zwei Meter tiefer und parallel verlaufenden Straße. Das innere Gefecht „schöner Sehen“ versus „schöner Laufen“ ist flugs entschieden: Runter zur asphaltierten Piste.

Eine Viertelstunde weiter knickt die Straße mit unbekanntem Ziel ab. Der Track befiehlt mich geradeaus weiter und deshalb zurück auf den Deich. Mieses Geläuf empfängt die Füße. Dass es noch „mieser“ geht, zeigt sich bald - stückweit stapfe ich sogar durch Gras. Eine Uferstraße erlöst mich vom „Trail“. An welchem Ufer ich entlang jogge? - Das ist eine Frage, auf die ich hier und später mehrmals keine Antwort wüsste. Im Delta bewegt man sich vielerorts nahe dem Wasser. Ob noch Teich, verborgene Bodenseebucht oder Fließgewässer weiß der Ortsunkundige oft nicht zu sagen. - Und dann „kommt’s dicke“. Dick, mehr noch hoch, baut sich vor mir ein wahres Ungetüm von Deichanlage auf. Zweierlei scheint sicher: Erstens muss ich da rauf und zweitens werde ich dahinter den Rhein zu sehen bekommen.

Von der Deichkrone aus bietet sich ein recht überraschendes Bild: Der Rhein bleibt einstweilen hinter einem zweiten, niedrigeren, parallel verlaufenden Deich unsichtbar. Die etwa 100 Meter breite Rinne zwischen den Dämmen wird sich bei extremem Hochwasser füllen, wenn der innere Kanal die Wassermassen nicht mehr zu fassen vermag. Überraschend auch das Geläuf, überraschend unangenehm. Wieder trailartig, weil faustgroße Steine mich zum Eiertanz auffordern. Nächste Station: Neue Rheinbrücke. Das Bauwerk lag schon anno 2023 beim 4-Länder-Marathon* auf meinem Laufweg. Damals waren die Auffahrten noch in Bau. Heute nehme ich mir die Zeit das futuristisch anmutende Tragwerk der Brücke zu fotografieren und den abfließenden, ganz und gar eingekerkerten Rhein mit Augen und Kameralinse gen Bodensee zu verfolgen.

*) Der 4-Länder-Marathon wird von Zeit zu Zeit vom Schweizer 100 MC-Mitglied Christian Marti ausgerichtet. Die Punkt-zu-Punkt-Strecke des Laufes berührt die vier Länder Liechtenstein, Schweiz, Österreich und Deutschland.

Drüben angekommen biege ich Richtung Bodensee ab und trabe zunächst am Fuß des etwa fünf Meter hohen Hauptdeichs entlang, schnurgeradeaus. Nach über einem Kilometer schickt mich der Track in den Auwald nach rechts, geradewegs hinein in ein wahres Labyrinth aus Wasserrätseln. Tümpel, Teiche, Kanäle, Seen, Hafenbecken - vor Ort namenlos und ihrer Natur nach unentwirrbar für mich. Erst zu Hause, unter Zuhilfenahme von Google-Maps & Co., vermag ich dem mindestens hübschen, oft malerischen Nass Funktion und Namen zuzuordnen. Erwähnenswert hier und jetzt: Die Dornbirner Ach, ein während regenarmer Tage harmloses Flüsschen, das die östliche Region des Rheindeltas entwässert. Seinerseits eingedeicht und begradigt mündet die Ach unweit von hier in den Bodensee.

Auch die Route jenseits der Ach, nach Überqueren des überdachten Holzsteges, kenne ich von früher. Ihr folgend jogge ich alsbald am Rand von Gewässern, erst dem einen (?), dann dem anderen (?) und einem weiteren (?). Vorbei an Hafenbecken, deren Ufer teils Booten als Liegeplätze dienen, die aber auch Parks für Erholungssuchende offerieren. Ach ja: Auf diesem Abschnitt überschreite ich die 30 km-Marke. Wobei „schreiten“ erhaben, wenigstens würdevoll klingt. Eine Laufhaltung, die mir auf wehen, schweren Beinen vermutlich nicht mehr gelingt. Ich halte aus, verdränge weitgehend, komme voran.

Endlich Wasser, dessen Namen ich kenne: Auf einem Fußgängern und Radlern vorbehaltenen Steg überquere ich die Bregenzer Ach. Die in den Bergen des Bregenzer Waldes entspringende Ach vermittelt noch das charakteristische, von Kiesbänken geprägte Bild des Wildflusses. Nur wenige hundert Meter weiter übergibt sie ihre Flut dem Bodensee. Fotodoku ist Pflicht, auch wenn jedes fotografisch motivierte Stehenbleiben, gefolgt von Wiederantraben mächtig in die Beine fährt. Seltsam dabei ist, dass es mir im Grunde weder an Ausdauer noch Kraft zu mangeln scheint. Ich kann laufen, komme voran, bedrängt nur von Beschwerden und dem Gefühl zunehmend steifer Gliedmaßen. Einmal mehr vergesse ich die Beinschwere, diesmal mit dem Gedanken an Ines, die unweit von hier auf mich warten wird …

Eine Baustelle will mich von meiner Frau fernhalten. Was sie natürlich nicht schafft, weil ich Sperrvorichtungen jeglicher Art ignoriere und mittendurch latsche. Schlussendlich, an röhrendem Schaufelbagger und Lkw vorbei lugend, sehe ich meine Frau winken. Trinken, trinken und nochmal trinken. In den Trinkpausen atmen und stöhnen. Wobei Letzteres nicht nötig wäre, unter Garantie gibt meine Körperhaltung verlässlich Auskunft wie ich mich fühle. Aber Stöhnen tut gut, vor allem wenn es ein geliebter Mensch mit aufbauendem Lächeln und positiven Sätzen beantwortet. Ines kennt mich gut genug. Sie weiß, dass ich diesen Lauf zu einem erfolgreichen Ende bringen werde. Unser letzter Abschied für heute. In verhaltenes Tippeln zu fallen, ist - meinen Erwartungen zuwider - gar nicht mal so schwer. Wie schon angedeutet: Ausdauer und Kraft sind da, was fehlt sind von Fesseln befreite Beweglichkeit, Dynamik in der Bewegung und Beschwerdefreiheit.

Der Weg kommt mir meistenteils bekannt vor. Insbesondere auf den am Wasser entlang führenden Abschnitten war ich definitiv, anlässlich des zitierten 4-Länder-Marathons, schon einmal unterwegs. Mehrere Marinas und Parkanlagen säumen meinen Weg, die Zahl der Spaziergänger schwillt an, ich nähere mich dem Zentrum von Bregenz. Und plötzlich ist Ende Gelände! Ein Bauzaun verwehrt den Durchgang. Da kann der Track mich auffordern wie er will, auch mein Aufstöhnen nützt nichts. Ich muss die Baustelle „Strandbad Bregenz“ umlaufen und hole aus … Der Bauzaun geht in die Umfriedung des Bregenzer Stadions über, also hole ich noch weiter aus … Wetze um besagtes Stadion herum, dann wieder seewärts, über einen riesigen Parkplatz, in Richtung Bregenzer Seebühne, die voraus schon teilweise sichtbar ist. Plötzlich stecke ich mitten in der Baustelle, hoffe, mich nach rechts wendend, dem Durcheinander zu entkommen. Nach dem vierten Hupen von hinten kapiere ich: Das gilt mir. Ein auf einem Schaufellader sitzender Bauarbeiter macht mir klar, dass es kein Durchkommen geben wird. Also zurück und weiter Richtung Seebühne. Doch auch vor der Seebühne gibt’s eine Sperre. Was nun? Ich frage eine Passantin, ob der Weg hinter dem Gebäude der Seebühne frei ist*. Sie mustert mich als hätte ein grünes Männchen gefragt, wo es seine fliegende Untertasse parken kann. Ihr verklausuliertes „Ja“ lässt mich hoffnungsfroh weiterlaufen und um die Gebäudeecke tippeln. Nur, um dort entgeistert zu erkennen, dass gerade ein Kran Lasten auf die Bühne im See hievt und den Durchgang blockiert. Der Kranbediener meint: „Sie müssen leider vor dem Haus vorbei!“ Meinem Einwand, dass das infolge Sperrzaun nicht möglich sei, begegnet er mit dem Hinweis, er wisse, dass es nahe am Gebäude einen Durchgang gäbe … Genervt und zu allem entschlossen latsche ich quer durch die Rabatte nahe des Hauses, wozu kein ordnungsliebender Mensch sich unter normalen Umständen je verstiege und … finde doch tatsächlich eine Treppe zum Hof des Theatergebäudes. Von dort sind es nur ein paar Schritte bis ich wieder auf Kurs bin. Das doofe Manöver kostete ein paar hundert Meter Umweg und natürlich Zeit.

*) Ich weiß von Besuchen in und Läufen durch Bregenz, dass ein Fußweg zwischen Opernbühne im See und den Zuschauerrängen an Land den Durchgang ermöglicht.

Für die prächtige Bregenzer Uferpromenade habe ich heute keine Augen. Nach dem Baustellen-Tohuwabohu konzentriere ich mich darauf meinen Laufrhythmus zu restaurieren. Traben (oder Tippeln?) auf möglichst beschwerdefreie und Beinwiderstand minimierende Weise. Tempo ist keine Größe, die dabei von Bedeutung wäre. Ich komme voran, verlasse die Promenade und folge dem Track zum Hafen der Bodensee Liniendampfer. Drei weiße, traditionelle Dampfer liegen hier vor Anker, dahinter - höher, breiter und in schickem Grau bepinselt - ein nagelneu wirkendes Ausflugsschiff. Ich bin beileibe kein Konservativer, komme aber nicht umhin diesen stylish modernen Pott hässlich zu finden. Hässlich nicht an und für sich. Hässlich, da absolut deplatziert in einer Umgebung, wo sich der Kahn in etwa so passend ausnimmt wie ein Osterei am Weihnachtsbaum.

Bregenz bleibt zurück, der vor Jahresfrist fertiggestellte, die komplette östliche Bucht säumende, den Füßen mit Ebenmäßigkeit schmeichelnde Uferweg bringt mich voran. Die Beschwerden verschlimmern sich nicht, die Gesäßmuskeln haben ihren stundenlangen Protest sogar weitgehend eingestellt. Was ich spüre ist unangenehm, hindert mich aber nicht am Laufen. Nur die Gummibänder um die Beine ziehen sich Stück um Stück zusammen. Kraft ist da, Ausdauer ist da, was hindert, ist diese elende Steifheit und Schwere von der Hüfte an abwärts. Unangenehmes wird von wunderschönen Bildern kompensiert. Mein Blick verliert sich überm kaum bewegten, stahlblauen Wasser in der Ferne. Stehend schaue ich genauer hin: Zwei Haubentaucher dümpeln stückweit entfernt im Wasser. Grund genug für ein Foto. Von Sonnenreflexen geblendet versuche ich das Motiv mit der Digicam einzufangen, finde es aber nicht. Kurze Irritation, dann ein gedachtes „Ach so!“. Sehr langes Laufen verlangsamt die Denkmaschine: Die beiden Wasservögel sind zur Nahrungssuche abgetaucht. Okay, das kann erfahrungsgemäß dauern, also unverrichteter Dinge weiter …

Etwa einen halben Kilometer vor der Grenze schlägt mein Handy Alarm. Thorsten ist dran, meint, er säße in Lindau im Café und verspüre keinerlei Neigung sich nochmal zu erheben, um mich im Ziel zu treffen (So war’s eigentlich vereinbart). Meine Beine können seine Unlust mehr als nur nachempfinden. Also danke ich Thorsten fürs Ausrichten des Laufs und wünsche ihm gute Erholung. Handy verstauen, Trimmtrab wieder aufnehmen, vorwärts. Das Grenzschild erscheint voraus, rückt näher, wird größer, wandert verpixelt in den Kameraspeicher und bleibt hinter mir zurück. Noch etwa drei Kilometer Deutschland bis ins Ziel. Sehenswert davon lediglich ein kurzer Uferstreifen, der Rest ist Straße. Der Blick zur Uhr bestätigt meine Einschätzung. Vorab ging ich davon aus mindestens 6 längstens etwa 6:30 Stunden für den Weg zu benötigen. Infolge diverser Zwangspausen und des Umwegs in Bregenz werde ich die 6:30 Stunden wohl knapp überschreiten. Schritt an Schritt an Schritt …, vielleicht noch ein Kilometer. Am Ende kommen dann doch noch zwei zusammen, bis ich Ines am mutmaßlichen Zielpunkt stehen und winken sehe. Bobi wetzt mir entgegen, großes Mensch-Hunde-Hallo. Weiter zum Ziel. Nach 45 km und 6:31:55 Stunden empfange ich meinen Lohn: Ines‘ strahlendes Lächeln.

 

Fazit zur Veranstaltung

Der DACH-Marathon wird eher keine Wiederholung erfahren, erblickte er doch als Folge des Urlaubstrips eines 100 Marathon Clubmitgliedes das Licht der Laufwelt. Vier Marathonsammler machten sich auf den Weg, um eine wirklich mit vielen Naturschönheiten und Sehenswürdigkeiten gespickte Strecke abzulaufen. Der Härte auf der zweiten Hälfte zum Trotz, möchte ich das Erlebnis DACH keinesfalls missen. Danke Thorsten Stohldreier!