10. März 2024

Unbekanntes im Bekannten  -  Munich Urban Trail

Das Wetter passt - zehn Grad Celsius zu Beginn, später im Föhnwind milde sechzehn -, alles andere wird sich finden. Wieder mal gehe ich mit einem Quantum Schicksalsergebenheit auf eine Marathonstrecke, zu den Ursachen später mehr. 10 Uhr, der Ruf zum Gebet, das sonntägliche Geläut von St. Lukas, ist gerade verklungen. Als joggende Kleingruppe starten wir im Schatten der Kirche, unweit von Deutschem Museum und Isar, unser München-Sightseeing. Die Führung obliegt Veranstalter Andreas Bettingen, ihm folgen Judith, Roland, Jürgen, meine Unwichtigkeit und last but not least Bernie. Bernie hat es sich nicht nehmen lassen für den wirklich intimen Kreis von acht Teilnehmern (zwei weitere sind schon unterwegs) eine wunderschöne Medaille zu kreieren.

Nach ein paar Schritten biegen wir auf die Münchner Prachtmeile Maximilianstraße ab. Sie beginnt unterhalb des Bayerischen Landtages (Maximilianeum) - jetzt hinter unseren Rücken - und endet nach schnurgeradem Verlauf am Nationaltheater. Das werden wir nachher auch noch besichtigen, jedoch aus anderer Richtung kommend. Wir verlassen die Maxstraße, wie Einheimische sie abkürzen, nach ein paar hundert Metern und halten binnen einer halben Minute auf das „worldwide“ vermutlich bekannteste Wahrzeichen der Bierstadt München zu, das Hofbräuhaus. Dran vorbei und durch eine Passage bis zur Straße „Tal“, entlang dieser reichlich altes München rechts und links liegenlassend, bis hin zum Münchner Rathaus und rein in die Fußgängerzone.

Um die Ecke, just zu Füßen der Frauenkirche, des Münchner Domes: Wir laufen und auch wieder nicht. Rein tempomäßig bewertet huldigen wir unstetem Zuckeln. Ursache: ein paar von uns, ich selbst eingeschlossen, sammeln Foto um Foto. Meistens hänge ich zurück. Bin zu sehr mit dem Handling meiner neuen Kamera beschäftigt. Abgehängt zu werden muss ich infolge intensiver Stadtbesichtigung der anderen nicht fürchten. Sollte es dennoch dazu kommen, wird der von Andreas bereitgestellte Track mich auf Kurs halten. Eine wahre Sturzflut von Bildern und Eindrücken schwappt über mir zusammen. Hinzu kommt mehrfaches Ausscheren, in der Absicht die Gruppe szenisch effektvoll in meinen Aufnahmen zu „implementieren“. Da bleibt kaum Augenmerk für innere Wahrnehmungen. Wird schon werden. Was ich trotz Abgelenktseins aber nicht zu „überspüren“ vermag, ist Unfrische in mir, die keine Anstalten macht sich endlich zu ergeben.

Weitere Hochkaräter Münchner Architekturgeschichte schieben sich ins Blickfeld, die Residenz und die ihre Eingänge bewachenden Löwenskulpturen eröffnen den Reigen. Die Schnauze des Löwen zu berühren soll Glück bringen - war‘s nicht so? Ich imitiere Bernies Vorbild und touchiere gleichfalls die blank polierte Bronzeschnauze - nach Läuferglück sollte man in meinem Alter auf jede erdenkliche Weise streben. Das Gebrüll des betatschten Löwen hallt von der gegenüberliegenden Feldherrnhalle wider und weckt gewohnten Groll im Herzen. Nicht einmal schaffe ich es hier vorbei ohne an den Hitler-Putsch von 1923 erinnert zu werden, der im Marsch zur Feldherrnhalle gipfelte und im Kugelhagel endete. Genau hier! Und nie zuvor war der Widerhall des Aufruhrs aus jenen düsteren Stunden präsenter als in diesem Jahr. Erneut greifen verblendete Rechtsradikale nach der Macht. Und wieder lässt sie die dumpfe Masse zu lange gewähren, leisten gärende Unzufriedenheit und die Haltung des „Was-geht-mich-das-an?“ dem Übel Vorschub. Lange Zeit suchten Neonazis und andere Umstürzler Deckung, nicht zuletzt hinterm Parteikürzel „AfD“. Inzwischen glauben sie sich in Volkesmitte angekommen und zeigen offen ihre hässliche Fratze; verbrämen mit Unworten wie „Remigration“ ihre menschenverachtenden Absichten. Aber Achtung: Wir leben im Medienzeitalter. Jedem ist jede Information jederzeit zugängig. Diesmal wird keiner in Unschuld baden und hinterher behaupten können er hätte von nichts gewusst! Verfluchte Feldherrnhalle! Gottlob ihr zur Seite, in warmem Gelb leuchtend, mit aufmunterndem Glockengeläut den Sinn befreidend, die barocke Theatinerkirche.

Geschichtlichen Ballast abstreifend weiter geradeaus, als wollten wir schnurstracks Schwabing in Richtung Siegestor und Münchner Freiheit in Besitz nehmen. Nach wenigen Schritten jedoch rechts ab und rein in den Hofgarten hinter der Residenz. Alsbald vorbei an der Bayerischen Staatskanzlei und nach ein paar Minuten per Unterführung in den Englischen Garten … Wer die weitläufige Parkanlage - Nord-Süd-Ausdehnung fast sechs Kilometer - als „verkehrsberuhigte Zone“ in Erinnerung hat, wird an diesem Schönwetter-Märzsonntag von einer Art Wimmelbild überrascht. Zu Hauf begegnen uns Spaziergänger, Gassigeher, Jogger, Eltern mit Kinderwägen und Pedalritter, alle auf der Suche nach Entspannung. Wer’s drauf anlegt kann hier umgehend eine Studie in Sachen „Lastenfahrräder“ abschließen. Nie zuvor wurden mir in so kurzer Zeit so viele verschiedene Lösungen zur Aufgabenstellung „Transport von Kindern, Hunden oder Wirtschaftsgütern per Beinkraft“ vorgestellt!

Die Parksequenz gipfelt in etwa zwanzig Meter Höhe überm eigentlich brettflachen Areal des Parks neben der Kuppel des Monopteros. Fast noch mehr als der Rundtempel selbst lohnt die Aussicht von hier oben den Abstecher. Über die Wipfel der Parkbäume lugen die Türme von Rathaus, Frauen- sowie Theatinerkirche und auch St. Ludwig im nahen Schwabing herüber. Beim Verlassen des Hügels erinnert Andreas an dessen unrühmliche Vergangenheit als Drogenumschlagplatz, zumindest in seiner Jugend sei das so gewesen. Überquellende Abfalleimer in Tateinheit mit herumliegenden Wein- und Schnapsflaschen lassen jedoch vermuten, dass sich hier noch immer Menschen dem Rausch ergeben … Dasselbe geschieht mitunter in einem der großen Münchner Biergärten, dem am Chinesischen Turm, gerade mal zwei Minuten Fußläufigkeit später. Zu dieser Stunde hält sich die Schar der Zecher und Brotzeiter allerdings in Grenzen. Noch gibt sich der Märzsonntag kühl und abweisend, verglichen jedenfalls mit dem gestrigen, sonnig warmen Frühlingstag.

Vom Englischen Garten durch die Straßen Schwabings. Mitunter auch auf diesem Abschnitt Sehenswertes, das den marathonweiten Anmarschweg lohnt. So etwa der kleine Schwabinger See, an dessen Gestaden die Zähne gefräßiger Biber einen geradezu apokalyptischen Kahlschlag vollstreckten. Schon im Vorjahr lagen hier einige Bäume flach auf dem Wasser. Bis heute überleben konnten nur Exemplare, deren Stamm mit Maschendraht gegen Verbiss geschützt wurde. Auch das futuristisch anmutende Gebäudeensemble rund um die Trambahnhaltestelle „Schwabinger Tor“ will abgelichtet werden. Umso mehr als Fahrgäste hier unter weiß auskragenden Segeln und damit beschirmt die Ankunft der Straßenbahn abwarten dürfen.

Inmitten „normalen Schwabinger Wohnens“ finde ich Zeit dem Sportlich-Körperlichen nachzuspüren. In dieser Hinsicht vergebenes Prädikat: Wenig erfreulich bis alarmierend mies. Kein Vergleich zum Hoch des letzten Wochenendes am Neckarufer in Stuttgart. Schwere Beine nach nur einem Viertel der Strecke, dazu ein schmerzhaftes Ziehen im Rücken bis in die Pobacke rechts. Überhaupt fühlt sich meine Hüftpartie mal wieder an als wäre sie operativ mit Eisenträgern versteift worden. Rein körperlich kein guter Tag zum Marathonlaufen. Okay, kann ich ab, halte ich aus … wenn nur mein Knie keine Zicken macht. Am Montag nach dem Stuttgarter Lauf und aus heiterem Himmel diffuse Beschwerden im linken Knie, verbunden mit einem Schwellungsgefühl in der Kniekehle. Kaum Training diese Woche, so dass sich die „Erscheinung“ allmählich wieder verlor. Es war ein Wagnis heute an den Start zu gehen, für das ich hoffentlich nicht bestraft werde …

Es folgen zwei Münchner Berge. Klingt spaßig im flachen Voralpenland, ist aber ernst gemeint. Zunächst schwitzen wir in der steilen, bewaldeten Flanke des Luitpoldhügels, am Rande des gleichnamigen Parks gelegen; haben oben angekommen fast vierzig Meter Trümmerschutt unter den Füßen, der nach dem zweiten Weltkrieg hier abgeladen wurde. Heute ein Rodelberg mit hübscher Aussicht nach Süden. Auch ein Gipfelkreuz mit Inschrift wurde zur Erinnerung an vergangene Schrecken errichtet: „Betet und gedenket all der unter den Bergen von Trümmern Verstorbenen!“ - Wie nur schaffen es all die rechten Schwachköpfe angesichts dieser Vergangenheit an ihrem Irrglauben festzuhalten? Schlimmer: Wie ist es möglich, dass ihre hohlen Phrasen und dummen Parolen noch immer oder schon wieder verfangen?

Auch das nächste, nur anderthalb Kilometer Luftlinie vom Luitpoldpark entfernte Gebirge besteht aus Millionen Tonnen Trümmerschutt. Die Aussicht vom Olympiaberg, mit 60 Metern relativer Höhe Münchens höchste Erhebung, sucht ihresgleichen. Rundumsicht, die zunächst südwärts lohnt, zur Altstadt und dem Alpenpanorama hin. Und natürlich nach Norden über den Olympiapark, der jetzt zu meinen Füßen liegt. Olympiastadion, Olympiahalle, Olympiaschwimmhalle, Olympiaturm und Olympiasee - so viel Olympia (1972) auf engstem Raum - gibt’s das noch woanders auf der Welt? Und - wahrhaftig sensationell - das über Stadion und Hallen gleichsam schwebende Zeltdach. Unterdessen mehr als 50 Jahre alt und noch immer stockt einem der Atem bei diesem Anblick. Andere Städte mögen ihre gigantischen Hochhausfinger in den Himmel recken, München wickelt dich mit seiner Bierkultur und weiterhin gut ausgelasteten Olympiasportstätten um den Finger.

Die Aussicht teilen wir uns mit zahlreichen Sonntagsausflüglern. Letztes Jahr - samstags - waren wir Läufer hier oben in der Überzahl. Damals blies mir ein eisiger Wind ins Gesicht, dagegen weht heute bei jetzt vielleicht 10°C eine geradezu frühlingshafte Brise. Ich wende mich dem Abstieg zu, setze meine Schritte auf zunächst groben Pflastersteinen mit Bedacht. Ich traue meinem Knie nicht über den Weg - eine Redensart, die zu meinem Leidwesen von der übertragenen in die ursprüngliche Wortbedeutung zurückfällt. Das Knie fühlt sich „fremdartig“ an. Als wär’s nicht meins. Als wäre es mir vorm Lauf ersatz- oder versuchsweise eingepflanzt worden. Vermutlich war die Zeit von Montag bis heute zu kurz, um, was auch immer die Beschwerden Anfang der Woche hervorrief, ausheilen zu lassen. Wird schon gutgehen. Muss gutgehen!

Streifzug durch den Olympiapark: Rechter Hand der Olympiasee, dahinter piekt der Turmspargel den Himmel, unweit voraus wölbt sich das Zeltdach übers Olympiastadion, daran im moderaten Auf und Ab der von Menschenhand modellierten Hügellandschaft vorbei, Generalrichtung Westen, dem Rand des Parks entgegen. Und hier erwartet mich eine Überraschung: Wo das vor Jahren bereits abgerissene, olympische Radstation stand, geht nun der Neubau einer „Mehrzweckhalle“ seiner Vollendung entgegen. Metallisch schimmernde Elemente, dicht an dicht gesetzt, irritieren die Augen. Wirken wie flirrende Luft in sommerlicher Hitze. Die zigfach in beinahe identischer Form wiederholten Elemente springen mir als Code ins Auge, den ich spontan entschlüssele. Sie scheinen Eishockeyschlägern nachempfunden, um damit auf den Hauptzweck des Mehrzweckbaus hinzuweisen. In nicht allzu ferner Zeit werden die Spieler des Erstligisten EHC München in der neuen Halle winzige Pucks auf kleine Tore schießen.

Es folgen: Zwei Kilometer Wohn-München. Nicht unbedingt fad, aber auch keiner Beschreibung wert. Bis wir, für Uneingeweihte überraschend, ab Km 16,5 die ersten Meter der Uferpromenade des Nymphenburger Kanals unter die Füße nehmen. Ungefähr zwei Kilometer, die der schmale Kanal geradlinig abmisst, trennen uns an dieser Stelle vom Schloss Nymphenburg. Meine fünf Kampfgefährten ziehen ohne Zwischenhalt weiter, während ich aus benachbarter Hecke eine heute Morgen hier deponierte Wasserflasche berge. Einen Teil zu trinken und den Rest in die Trinkflasche des Laufrucksacks umzufüllen dauert etwa 200 Meter, die die Gruppe unterdessen enteilt. Ich mache gar nicht erst den Versuch den Rückstand aufzuholen. Für solche Manöver fehlt mir heute die Puste, und auch die „Sache mit dem Knie“ mahnt zur Mäßigung.

Ergebnis meiner Feldstudie: Der Spazierweg am Kanal bietet drei Menschen nebeneinander Platz. Mehrmals bauen sich solche Humanbarrieren vor mir auf, die es auf der Grasnarbe, zwischen Weg und Alleebäumen, zu überholen gilt. Übers Wasser ausladende Äste knorziger, hochbetagter Baumriesen und zwei Brücken verdecken den Blick zur Schlossfassade. Über die zweite, nicht mehr allzu weit vom Schloss entfernte Brücke verläuft eine wichtige innerstädtische Magistrale. Vor deren Fußgängerampeln stauen sich Trauben wartender Passanten. Darin auch meine Mitläufer, die ich auf diese Weise wieder einhole.

Vorm Schloss nehme ich den etwas weiteren, sandigen Weg in Kanalnähe, um meiner Kamera besseres Schussfeld zu sichern. Doch selbst die Weitwinkellinse vermag das Nymphenburger Schloss nicht in ganzer Breite einzufangen. Quer zum Nymphenburger Kanal erstreckt sich der Schlosskomplex mit Haupt- und Nebengebäuden über fast 700 Meter. Der Kanal geht vor der Schlossfassade in gestufte, großflächige Becken über, aus deren Zentrum sommers eine Fontäne gen Himmel sprüht. Ich umrunde die Becken und halte auf den Durchgang zum Schlosspark neben dem Hauptgebäude zu. Den ausgedehnten Schlosspark werden wir heute, anders als noch im letzten Jahr, auf verkürztem Weg südwärts wieder verlassen. Zwei Kilometer Strecke spart Veranstalter Andreas damit ein, die er an anderer Stelle in die Erschließung von „MUCUT-Neuland“ investieren wird.

Meine Mitläufer nutzen die öffentliche Toilette auf der Schlossrückseite. In mir herrscht weder Mangel noch Überfluss, also setze ich den Weg kurzentschlossen solo fort. Fast eine Viertelstunde verbringe ich joggend im Wald des Parks. 20 gelaufene Kilometer meldet GPS als ich den Schlosspark durch eine Schlupftür in der Parkmauer verlasse. Die Mauer grenzt Epochen gegeneinander ab: Hüben die barocke Welt einstiger bayerischer Regenten, drüben moderne, in jüngerer Zeit erbaute Wohn- und Bürohäuser. Bebaut wurde ein Streifen mit West-Ost-Ausdehnung, der einst der Bahn gehörte und lange brach lag. Mehrere Kilometer neues München, parallel zum 200 Meter breiten Gleisbett, das letztlich zentral im Kopf- und Hauptbahnhof endet.

Entlang von Kanten, Fluchten, Perspektiven dirigiert mich der Track durch Straßen, immer wieder auch Grünstreifen nutzend. Zwischendurch folge ich dem Track auf einem Schlenker im Hirschgarten. Unter den zahlreichen Münchner Parks jedweder Größe bekleidet dieser einen eher durchschnittlichen Rang. Münchner kommen aber sicher gerne her, weil ihm ein Biergarten angegliedert ist. Vom Hirschgarten zurück zwischen moderne, schnörkellose Wohnblocks, wenig später auch mehrgeschossige Bürobauten. Ich kann meinen Weg nun nicht mehr verfehlen, es geht schnurgeradeaus Richtung Osten, zudem kenne ich mich hier aus. Nicht zuletzt von Konzertveranstaltungen, die ich mit meiner Frau nebenan im „Backstage Kulturzentrum“ besuchte. Nächstes Ziel: Donnersberger Brücke.

Jeder Hörer von Verkehrsmeldungen kennt die Donnersbergerbrücke, Teil des „Mittleren Rings“, der den Münchner Stadtkern umschließt. Staugeplagte Automobilisten nutzen acht Fahrspuren, um von einer Seite des zentralen Schienenstrangs zur anderen zu gelangen. Ich suche mir einen Weg unter der Brücke hindurch, gelange anschließend über die seitliche Auffahrt zum Brückenscheitel. Wer den Weg zum ersten Mal nimmt, wird schlechte Luft und fade Ansichten erwarten. Dem Herzen reisefreudiger Leute könnte der Blick von hier oben allerdings Fernweh einpflanzen. Dann, wenn auf bald zwanzig parallel spurenden Gleisen S-Bahnen, Nahverkehrs- und Fernzüge zeitgleich verkehren. Rotweiße ICE-Züge kann man beim Einfahren in und Abfahren aus dem Hauptbahnhof beobachten. Normalerweise ist das so, Jahr um Jahr, Woche um Woche, Tag für Tag. An diesem Sonntag rührt sich da unten so gut wie gar nichts. Vermutlich Folgen eines Streiks. Derzeit wird viel gestreikt in unserem Land. Vor allem von Dienstleistern im Bahn- und Luftverkehr. Warum gerade die? Vielleicht haben sie einen hohen Nachholbedarf, kann sein. Was ihre Streikfreudigkeit nach meinem Dafürhalten aber auch befeuert, ist die Macht den Verkehr mit nur wenigen fehlenden dienstbaren Nasen lahmzulegen.

Jenseits der Donnersbergerbrücke wende ich mich erneut gen Osten, lege nur ein paar hundert Meter zurück, um alsbald erneut den Schienenstrang zu überqueren. Über den Arnulfstieg gelange ich mit anderen Fußgängern und Radlern wieder zur Nordseite. Nach der Brücke bedeutet auf diesem Teil der Strecke vor der nächsten Brücke. Ein paar hundert Meter bis dahin, die ich erneut inmitten eines noch recht jungen Stadtteils zurücklege. Google residiert hier am Rande des sehr „aufgeräumt und übersichtlich“ wirkenden Arnulfparks, aber auch reichlich Wohnraum steht hinter Beton, Stahl und Glas zur Verfügung. Natürlich nur für jenen vermögenden Bruchteil der Bevölkerung, der die astronomischen Mietpreise in dieser Premiumlage stemmen kann. - Teuer wohnen liegt hinter, die Hackerbrücke vor mir. Eine von abertausend Nieten zusammengehaltene Eisenkonstruktion aus der Gründerzeit. Das klotzig dunkle Ding ist dermaßen hässlich, dass es schon wieder schön ist. Millionen Menschen aller Ethnien und Hautfarben auf diesem Planeten kennen die Hackerbrücke. Vielleicht nicht dem Namen nach, sie würden sich aber bestimmt erinnern auf den S-Bahnsteigen unter Brücke angekommen und per Fußweg in Richtung Oktoberfest aufgebrochen zu sein.

Denselben Weg zur Theresienwiese, alljährlich Schauplatz des weltgrößten Bierspektakels, nehme auch ich, halte jedoch in diesem Jahr auf der Schwanthaler Höhe daran vorbeilaufend Abstand. Nicht zum ersten Mal fordert man mich auf „Sei kein Arschloch“. Dem weiß auf lila gedruckten Ansinnen komme ich gerne nach, zumal es unmissverständlich Stimmen gegen Rechtsextremismus einfordert. Logische Schlussfolgerung gemäß Plakat am Straßenrand: Rechtsextreme sind mindestens schon mal Arschlöcher! Mit etwas Schamesröte zwischen den Zeilen gestehe ich, wie wohltuend die derbe Ausdrucksweise meine geschundene Demokratenseele salbt. Die Wangenrötung gewinnt an Strahlkraft als ich mir eingestehe von einer Partei namens „Volt“, Urheberin der lila-weißen Zote, noch nie etwas gehört zu haben. Bildungsauftrag an Udo: Recherche im Internet. Wer ist und was will „Volt“?

Alsbald befiehlt mir der Track rechts abzubiegen und ein Stück unbekanntes München zu erschließen. Völlig unbekannt, obwohl ich hier schon war. Das war allerdings vor bald 50 Jahren als hier noch die Hallen der alten Münchner Messe standen (bis 1998). Bis auf einen „Rest“ wurden die Messebauten abgerissen und auf der freigewordenen Fläche Wohnungen errichtet. Im „Rest“ residiert das „Verkehrszentrum“ des „Deutschen Museums“.* Auf dem Platz davor versinke ich zum zweiten Mal binnen weniger Minuten in „existenzieller Selbstreflexion“: Wer oder wie bin ich, wer oder wie möchte ich gerne sein? Die massige, meterhohe Skulptur einer Schnecke, so drollig sie unter oberschenkeldicken Fühlern auch dreinschauen mag, meint mich. Einzig und allein mich. Mein läuferisches Ebenbild im Grundsätzlichen der gegenwärtigen Lebensphase, ganz besonders jedoch heute, da ich mich schneckengleich bewege, auf elefantös schweren Beinen. Apropos: Elefanten gibt’s im Tierpark Hellabrunn. Am Münchner Zoo entlang werde ich heute auch noch Wege mit Füßen treten, eine weitere Anspielung. Zweifache, tierische Symbolik, das kann kein Zufall sein.

*) Das „Deutsche Museum“ verteilt sich auf drei Standorte. Das Haupthaus befindet sich auf der Museumsinsel an der Isar, unweit der Stelle, wo unser Lauf begann. Außer dem „Verkehrszentrum“ gibt es noch eine weitere Dependance, die „Flugwerft Schleißheim“, nördlich von München mit Luftfahrtexponaten.

Der kleine Bavaria Park zu meiner Linken gehörte gleichfalls zum alten Messegelände. Stehend lichte ich die Steinfigur „Jungfrau auf Einhorn“ ab, die den Fotografen in mir reizt. Vielleicht falle ich aber nur auf einen Trick meines früh ermüdeten Organismus rein, der sich ein paar Sekunden Laufpause erschleichen will!? Andreas scheint ein Faible für Parks zu besitzen, bedenkt man wie viele dieser Anlagen seine Route heute schon berührte. Ich falle wieder in verhaltenen Trab … Was ich spüre gibt Anlass zur Sorge. Weniger wie schwer mir das Wiederanlaufen fällt. Ist eben kein guter Tag heute, außerdem trat ich bis hierher schon 27 Kilometer München mit Füßen. Was mich beunruhigt sind Beschwerden an der Innenseite des linken Knies, die ich nun nicht länger leugnen kann. Mir bleibt die Hoffnung, dass sich das wieder „verläuft“ - dergleichen habe ich am eigenen Körper schon erlebt. Und wenn nicht das, dann wenigstens, dass es nicht schlimmer wird.

Ich stecke im Flaschenhals der heutigen Strecke. In ein paar Minuten werde ich auf demselben Weg wieder zurückkommen. Die Verkürzung im Nymphenburger Park investierte Andreas in diesen unorthodoxen Abstecher. Wo der hingeht? - Zu einem Park natürlich. Vorher muss ich jedoch noch Höhe gewinnen, um zwei Straßen und dazwischen eine Bahnlinie zu überqueren. Unter einem bunten Bogen aus unregelmäßig gebogenen Eisenstreben hindurch tippelnd stelle ich die Sinnfrage. Eine Funktion vermag ich dem Dingsbums nicht zuzuordnen. Also ein Kunstwerk!? Wenn Kunstwerk, dann eines, dessen Formgebung mir noch mehr Rätsel aufgibt als Kunstwerke im Allgemeinen. Find‘ ich’s wenigstens schön? - Wohl eher skurril - ja, „skurril“ trifft meine Gefühlslage angesichts des bunten Wirrwarrs schon eher.

Erste Straße überquert, Bahnlinie überquert und nun aufpassen: Irgendwo dort vorne in der Hecke habe ich heute Morgen meine zweite Flasche versteckt … Sie wiederzufinden stellt mich wie erhofft vor kein Problem. Identisches Vorgehen wie vorhin: Teilweise austrinken, die größere Restmenge in meine Rucksackflasche umfüllen. Die Aktion kostet einige Zeit und deshalb erwarte ich sekündlich von meinen am Schloss „verlorengegangenen“ Mitläufern eingeholt zu werden … Ich überquere die zweite Straße und werfe kurz darauf aus erhöhter Position einen ersten Blick in den Westpark: Trapezflächig ausgedehnter See, eingerahmt von wellig modellierten Rasenflächen, Bäumen und Baumgruppen. Im Hintergrund überspannt ein Steg offenbar den Zufluss. Eine Art Oase mitten in der Stadt, die den Abstecher durchaus lohnt. Ich setze mich wieder in Bewegung, um völlig selbstverständlich die Wasserfläche zu umrunden. Erst nahe des Brückleins, in dessen Nähe ferngesteuerte Bootsmodelle mit hochfrequentem Summen durchs Wasser pflügen, entdecke ich meinen Fehler: Anstelle der Umrundung fordert der Track lediglich den See an einer Seite zu touchieren. Was soll’s, 200 Meter mehr machen den Kohl auch nicht fett … Frühlingserwachen: Unvermittelt stehe ich am oberen Rand eines mit lila Sternchen übersäten Uferhangs. Tausende Krokusse stimulieren Entzücken und Kreativität der Seebesucher. Ein paar Meter weiter hat sich eine mittelalte, in eleganten, weinroten Zwirn gehüllte Dame inmitten der Pracht niedergelassen. Eine zweite tänzelt mit einer Spiegelreflexkamera im Anschlag um sie herum. Mission: Mach ein schönes Bild von mir! - Meine Sorge gilt der Blütenpracht: Die eitle Matrone macht doch nicht etwa Krokusse platt!??

Ich halte schnurstracks auf den „Flaschenhals“ zu, bereit Straßen und Bahn ein zweites Mal zu überqueren, als mir die seit anderthalb Stunden „abgängigen Fünf“ quasi in die Arme laufen. Kurzes Hallo und weiter, sie werden mich ohnehin bald einholen. Am Ausgang des „Flaschenhalses“ wende ich mich einem weiteren Schnipsel unbekannten Münchens zu. Genau besehen laufe ich gerade über einen Deckel. Mit diesem Deckel verschlossen Ingenieure die darunter liegende Bahntrasse. Was nun anstellen mit der so gewonnenen Fläche? Erde aufschütten, noch’n Park anlegen? Auf den nächsten dreihundert Deckelmetern leistet die Stadtverwaltung menschlichem Spieltrieb Vorschub; ob nur kindlichem stelle ich infrage. Klettergerüste und Sandbuchten (?) werden von Kunstrasen und fest installierten Seitpferden abgelöst. Eindeutig Turngeräte, denen lediglich die sonst üblichen Handgriffe an der Oberseite fehlen. Wie viele Kuriositäten hält das München dieser Tage wohl noch bereit?

Der Track lenkt mich zum Oktoberfestplatz. Ein Ampelstopp kostet Zeit, jenseits der Straße auch die Wegfindung: Wie komme ich vom gegenwärtigen Niveau der Theresienhöhe runter zum Festplatz? Mehrere Wege bieten sich an. Vermutlich leiste ich mir einen vom Erfinder des Tracks nicht vorgesehenen, kleinen Umweg, dann betrete ich die Theresienwiese - bayrisch kurz: „Wiesn“. Gras wächst auf der „Wiesn“ allenfalls wild in Ritzen. Monatelang steht das riesige Areal leer, schlägt der Stadt eine abgrundtief hässliche Wunde. Der Mann im Mond wird einen Krater unterstellen, ihn vielleicht „Mare festum alcoholis“ taufen, so er mondnächtens seinen Feldstecher auf die Erde und München richtet.

Der Track schickt mich über den leeren Platz Richtung Bavaria. „Patrona Bavariae“, die Schutzmutter der Bayern, seit bald 175 Jahren reckt die Statue vor der Ruhmeshalle ihren Arm mit dem Eichenkranz in den Himmel. Liegt ein tieferer Sinn darin, dass sie von der Höhe unverwandt gen Osten blickt? Droht von dort Gefahr? Lange Zeit, während des ersten kalten Krieges vielleicht, dieser Tage im zweiten kalten Krieg ganz sicher, auch wenn das viele ihrer bayerischen Schützlinge noch nicht verstanden haben. Die Frühgeschichte der Bavaria zu Rate ziehend bleibt ihre Blickrichtung rätselhaft. Als man sie im Jahr 1850 errichtete, in einer Epoche die Deutschland als geeinte Nation noch gar nicht kannte, fürchteten die Bayern - und nicht nur sie - Übergriffe eher aus Westen, ausgehend vom napoleonischen „Erzfeind“ Frankreich.

Kilometer 30: Zu Füßen der Bavaria schlage ich einen 90°-Haken und halte auf den im Osten angrenzenden Stadtteil zu. Einen halben Kilometer „Oktoberfest-Brache“ später betrete ich wieder bebautes München. Mehrere Straßen gilt es zu über-, den Goetheplatz in Katakomben zu unterqueren. Erstere kosten vor allem Zeit vor roten Ampeln, die Unterführung zusätzlich Kraft, um sich aus dem Hades zurück ans Tageslicht zu hieven. Ich (wiederer-) kenne die Strecke, bin da und dort dennoch dankbar für den Track auf meiner Uhr. Die nächste Attraktion auf vorgezeichnetem Weg ist erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen: Der Alte Südfriedhof. Anders als vor einem Jahr lasse ich es mir nicht nehmen, die gemauerte Säulenhalle, den Übergang von einem Gräberfeld zum anderen, seitwärts zu verlassen … Ich mag Friedhöfe, immer schon. Für mich Sphären der Ruhe und des Friedens, die zur Besinnung auffordern. Ihren gruseligen, von neblig düsteren Filmszenen verhunzten Ruf tragen sie zu Unrecht. Die Toten sind tot, nichts weiter. Auch Vögel mögen Friedhöfe, besonders uralte wie diesen. Von Menschen inszenierte Grablegung gebiert unangetastete Natur. Stehend schweift mein Blick für Sekunden über alte Grabsteine, derweil mein Körper das tolle Gefühl erlöschender Anstrengung genießt. Länger Verweilen wäre schön, langsam ausschreitend forschen: Vermutlich wurden um mich her diverse geniale Geister zur finalen Ruhe gebettet. Auftrag an Udo: Recherchieren!*

*) Die wenigsten der als bedeutend eingestuften Namen von Menschen, die auf dem Alten Südfriedhof beigesetzt wurden, sagen mir etwas. Ein paar Hochkaräter aber doch. Jeder kennt den Maler Carl Spitzweg, bei etlichen werden auch die Namen Justus von Liebig, Leo von Klenze, Max von Pettenkofer oder Josef Fraunhofer ein Echo erzeugen.

Ich komme nur mühsam wieder in die Gänge und viel leichter wird’s danach auch nicht. Ich bin nun nur noch ein paar Blocks von der Isar entfernt. Als Beleg mag der kleine, weitgehend kanalisierte Westermühlbach dienen, dessen von Auwald gesäumtem Ufer ich gerade folge. Vermutlich auch weiter folgen dürfte, gäbe es da nicht dieses Highlight in der Nachbarschaft. Ein paar Minuten eher unansehnliche Straßenschluchten später lege ich neuerlich eine Fotopause ein, um die „Utting“ abzulichten. Ein Schiff auf dem Trockenen, weit ab schiffbaren Gewässers, ist an sich schon Kuriosum. Die Position der „Utting“, hoch oben auf einer ehemaligen Bahnbrücke, sattelt da noch eins drauf. Gäste linsen vom ehemaligen Sonnendeck des zur Gaststätte umfunktionierten Dampfers zu mir herunter, ich linse mit Linse zurück.

Kilometer 33: Ein von der Isar gespeister Kanal begleitet meine nächsten Schritte. Kanal klingt künstlich und steril, was so nicht stimmt. Uralter Baumbestand säumt die Ufer. Eine beträchtliche, schnell strömende Flut drängt im breiten, weitgehend begradigten Bett vorbei. Ein Steg bringt mich zur anderen Seite. Nun nur noch einen Steinwurf weit vom weiterhin unsichtbaren Kiesbett der Isar getrennt folge ich einem Spazierweg. Verkehrslärm brandet auf, verstärkt sich, bis ich schließlich unter der Brudermühlbrücke (Mittlerer Ring) und für kurze Zeit mit Sichtverbindung zur „Rest-Isar“ hindurch trabe. „Rest-Isar“ hebt auf den Umstand ab, dass der Löwenanteil des Wassers einige Kilometer weiter flussaufwärts als „Isarwerkkanal“ ausgeleitet wird. Um Strom zu erzeugen und als Kühlwasser für das nahe Heizkraftwerk Süd.

Dementsprechend sage ich der Ur-Isar wieder Lebewohl und folge dem Ruf des künstlichen Gewässers. Das sich meinen Blicken hinter Auwald verborgen allerdings auch lange entzieht. Die gesamte Isaraue um mich her wurde als Park gestaltet, wovon zahlreiche Ausflügler, zu Fuß oder auf dem Rad, beredtes Zeugnis ablegen. - „Zum Flaucher“ heißt der Biergarten. Wie an der Schwelle aller alten, eingewachsenen Münchner Biergärten lädt Beschaulichkeit zu Tisch. Ich setze gedanklich einen Merker, für den Fall, dass ich … Aber wann wären wir schon mal „ziellos“ in München und fänden Muße all die wunderbaren Orte aufzusuchen, die mir der Marathonkurs heute schon erschloss?

Über die „Schinderbrücke“ wechsele ich die Kanalseite. Statt mich zu schinden lädt die Brücke zu einer Fotopause ein. Vielleicht hundert Meter stromaufwärts wehrt Kraftwerk „Isarwerk 2“ (erbaut 1907) dem Strom des Wassers in ganzer Breite. Gleich hinter der „Schinderbrücke“ schalte ich meine Optik in den Wiedererkennungsmodus. Irgendwo da vorne, am Stammfuß eines mit Efeu überwucherten Baumes, will die dritte hinterlegte Wasserflasche wiederentdeckt werden … Am unterkühlten Morgen, als ich drei Flaschen entlang der Route ausbrachte, war ich überzeugt Wasser im Übermaß vorzuhalten. Mittlerweile kletterte das Quecksilber auf zweistellige, frühlingshafte Werte, zuweilen lässt sich auch die Sonne sehen. So bin ich dankbar für jeden Schluck. Trinken, Rest umfüllen, wieder Fahrt aufnehmen, weiter.

Auch auf den nächsten Kilometern bleibt die natürliche Isar unsichtbar. Zwar fließt sie im Kiesbett parallel zum Isarwerkkanal, jedoch dahinter und ein paar Meter tiefer liegend. Kanalisiertes Wasser also neben mir, aber immerhin Wasser und die Isarauen sind auch ansonsten ansehnlich. Voraus schiebt sich die Thalkirchner Brücke ins Blickfeld. Eine auch für Autos zugelassene Brücke, deren niedriges Erscheinungsbild aus der Distanz irgendwie provisorisch wirkt.* Wichtiger Lehrsatz für Läufer: Vermeide tunlichst die Wiederholung von Fehlern! Vor einem Jahr hoffte ich über diese Brücke das Gegenufer und drüben auf geringer Reststrecke entlang der Isar das Ziel ansteuern zu dürfen. Mit unterdessen 36 Kilometern auf der Uhr und mindestens so ausgezehrt wie damals, auch heute ein plausibler Wunsch. Umso größer die Enttäuschung als mich der Track „zwang“ unter der Brücke hindurch dem Kanal diesseits des Ufers zu folgen, gefühlt mehrere Kilometer. Wissend vorgespannt wappne ich mich diesmal mit Geduld …

*) Die Thalkirchner Brücke wurde aus Gründen des Landschaftsschutzes als Holzkonstruktion realisiert. Sie darf nur von Fahrzeugen mit einem zulässigem Gesamtgewicht bis zu 3t befahren werden.

… und diese Geduld wird von Kajakfahrern belohnt. Nahe des Kanalufers der Strömung trotzend geben sie ein unerwartet attraktives Fotomotiv ab. Kaum wieder Tritt gefasst trotte ich auf einen Steg zu - sollte das etwa schon „meine“ Fußgängerbrücke sein? Kann doch nicht sein, das zog sich letztes Jahr endlos lange hin … Welchen Streich meine Erinnerung mir auch immer spielen mag, die Marienklausenbrücke wölbt sich über Isarwerkkanal und das breite Kiesbett der Rest-Isar.

Drüben angekommen stehe ich am Fuß des steilen Abbruchs, der die Isarauen nach Osten hin einhegt. Just an dieser Stelle fällt der Hang nahe der Uferlinie ab. Wenig Platz, weswegen ihre Erbauer die Kapelle „Marienklause“ quasi an den Hang „klebten“. Der Enge Rechnung tragend stehen die Stationen des Kreuzwegs vorm Eingang des Kirchleins dicht an dicht. Ein Kreuzweg, den ich letztes Jahr nicht einmal wahrnahm, so überrascht war ich unvermittelt vor der idyllisch unter Bäumen und in die Uferformation drapierten Klause zu stehen. Auch heute reicht verbliebene Geisteskraft nicht aus, um das in Form römischer Ziffern überm Portal verewigte Baujahr zu entziffern.

*) Anhand meiner Fotos hole ich die Umrechnung zu Hause nach: „MDCCCLXVI“ = Baujahr 1866.

Sicher zieht sich die Würdigung des sakralen Kleinods auch deshalb in die Länge, weil ich weiß, was mich unmittelbar danach erwartet: Ein höllisch steiler Anstieg, aufgeteilt in zwei Serpentinen, darin auch Stufen. Als ich auf halber Höhe stehenbleibe, um mir den Aufstieg zu erleichtern und noch ein Foto mitzunehmen, mache ich unter mir Roland und ein paar Meter hinter ihm Bernie aus. Die beiden werden mich zweifellos gleich überholen. Was mich einzig daran wundert, ist, dass es erst jetzt geschieht. Mühsam wuchte ich mich zur Abbruchkante rauf und setze einen Haken hinter der ersten von - puh! - mehreren „Kletterpartien am Isarhang“, die mich noch erwarten.

Einstweilen trabe ich zwischen Hangkante und dem Rand des Ortsteils Giesing voran. Gelegentliche Tierschreie klingen aber nicht nach Giesing, nicht mal nach Deutschland oder Europa. Die fremdartigen Laute versetzen mich akustisch kurzzeitig in den afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Regenwald. Da mir kein Ratespiel vorschwebt, sofort die Erklärung: Unter mir, zwischen Hangfuß und Isar, residiert der Münchner Tierpark Hellabrunn. Einen Kilometer weiter, die Giesinger Höhe habe ich mittlerweile wieder aufgegeben, mische ich mich unter Besucher, die vom Ausgang kommend dem Parkplatz zustreben. Fußgängerampel, warten. Weiter im Auwald, nahe des Auer Mühlbachs, alsbald der nächste Anlauf gen Isarhang …

Wieder kämpfe ich gegen innere Drachen, deren Fauchen sich beständig verstärkt. Natürlich auch, weil ich mir - wie stets und halsstarrig - zu gehen verbiete. Stehenbleiben und Schnappatmen ist okay, gehen nicht. Wieder oben. Verhalten trotte ich einher, bis mir plötzlich Bernie entgegenkommt. Als Duo geben wir Anlass an der so genannten Schwarmintelligenz zu zweifeln. „Ich glaub wir müssen hier wieder runter!“, meint Bernie und meint damit einen spitzwinklig talwärts abzweigenden Pfad. Ich befrage den Track und pflichte ihm bei. Auch, weil ich vermute eine weitere von Andreas angekündigte Streckenänderung vor mir zu haben. So strebt der „Schwarm“ hinab und bestätigt damit die neuere Verhaltensforschung, derzufolge Lebewesen, unter anderem auch Schwärme, sich bei der Entscheidungsfindung stets gegenseitig beeinflussen.*

*) In einem Schwarm - Vögel, Fische, etc. - gibt es keinen Schwarmführer. Ein beliebiges Exemplar trifft eine Richtungsentscheidung, andere folgen dem Vorbild, das sie nicht hinterfragen. Einer der unkritischen Nachahmer wird wenig später seinerseits die Richtung ändern, der wiederum die anderen vorbehaltlos nacheifern. Es handelt sich hier um in meinen Worten wiedergegebene Zwischenergebnisse noch andauernder Forschungen am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz, Abteilung Kollektivverhalten.

Unsere Entscheidung war nicht einfach nur falsch, sie erschwert das Vorankommen in zweifacher Hinsicht. Am Rand einer viel befahrenen, mehrspurigen Straße gewinnen wir verlorene Höhe zurück; ein Aufstieg, der nicht vorgesehen war. Außerdem suchen wir einen Weg weit unterhalb des „Sechz’ger Stadions“*, um zur eigentlichen Route zurückzukehren. Die nutzt über uns eine Fußgängerbrücke. Als ich schon erwäge quer über die Straße und um mein Leben zu laufen, entdeckt Bernie einen gefahrlos nutzbaren Treppenaufgang …

*) Stadion an der Grünwalder Straße, Spielstätte des Traditionfußballclubs 1860 München.

Kaum die Höhe zurückerobert, geht’s wieder runter und keine fünf Minuten später in Serpentinen erneut empor … bis ich schlussendlich auf müden Hax’n vor Turm und Fassade der neugotischen Heilig-Kreuz-Kirche (1886) stehe. Von Zielsehnsucht getrieben weiter an der Giesinger Abbruchkante entlang. Einige Attraktionen und Aussichten über Münchner Dächer fehlen noch. Zum Beispiel vom schmalen Steig aus, der eine tief ins Erdreich eingekerbte Gleisanlage überspannt. Schnurstracks dahinter eine der Münchner Top-Bieradressen, zumindest in der Fastenzeit, die Paulaner Festhalle auf dem Nockherberg. Seit Aschermittwoch wird Starkbier ausgeschenkt und wie letztes Jahr liegt das Medienereignis „Politiker-Derblecken“ ein paar Tage zurück. Das dritte Programm des Bayerischen Rundfunks übertrug die lustvoll inszenierte Politikerschelte auch in mein Wohnzimmer. Fast noch sehenswerter als das verbale Abwatsch‘n im Saale anwesender Politprominenz ist deren in Großaufnahme eingefangenes Mienenspiel … Gelbe, Rote, Grüne, vor allem die Schwarzen und mit vollem Recht die Blauen - alle kriegen ihr Fett weg.

Zweimal muss ich noch runter, dazwischen einmal rauf. Jetzt runter in die Au (Münchner Stadtbezirk), über den Auer Mühlbach, anschließend mit Tippelschritten drei Seiten des bis auf die gleichnamige Kirche leeren Maria-Hilf-Platzes abmessen. Noch ‘ne Kirche. Wie es scheint, fühlte sich Andreas bei der Kursplanung nicht nur zu Münchner Parkanlagen, sondern auch zu den reichlich vorhandenen Kirchen hingezogen … Ein letztes Mal rauf - hoffe ich, bin aber nicht ganz sicher. Meine Birne ist unterdessen ebenso leer wie der Akku, der die Beine in Bewegung hält. Voraus baut sich die Gebsattelbrücke quer zur Laufrichtung auf. Ihr Niveau gilt es zu erreichen. Vom Trottoir weg, hin zum Hang, Serpentinen abarbeiten. Bald stehe ich mittig auf der Brücke, vor den beidseitig in die Balustraden integrierten Obelisken. An ihrer Spitze die bekannten „dürren Vögel“. Hab im Vorjahr recherchiert, um welch‘ Federvieh es sich handelt, es aber wieder vergessen*.

*) Ein Reiher sitzt auf der Spitze der Obelisken, eine Lilie im Schnabel (sh. Bilder im letztjährigen Laufbericht).

Auf die Vögel reagiere ich fast schon mit Gleichgültigkeit. Fotos und weiter, ich will nur noch eins: Ankommen. Das wird nun nicht mehr lange dauern. Ich bin schon auf Höhe des Deutschen Museums, dessen Türme da und dort über die Wohnburgen lugen. Noch stückweit der Abbruchkante folgen, dann hinab in Richtung Museumsinsel. Ein letztes Mal überquere ich den Auer Mühlbach und stehe eine Minute später vor … einer roten Ampel. Wohl die letzte Zeiteinbuße, verbunden mit der emotionslosen Feststellung, dass das nun auch schon egal ist. Vor zwei Minuten vollendete die Stoppuhr die sechste Laufstunde. Rüber zum Isarufer, an der Ludwigsbrücke die Stiege hinab und … da sitzen zwei. Ein Mädchen, in Form einer lebensgroßen, metallischen Plastik, Versunkenheit ausdrückend, den Blick zum Himmel gewandt. Und neben ihr, mit dem Rücken an ihrer Schulter lehnend, rauchend, ein junger Mann. Der ist allerdings aus Fleisch und Blut und so lebendig wie ich es jetzt gerne noch wäre. Ich schleiche mich die Stiege runter an, um das kuriose Duo heimlich abzulichten … komme aber zu spät. Ausgeraucht, aufgestanden und nun isser wech … Also erweise ich der zurückgelassenen, ehernen Dame fotografischen Respekt. Vorteil: Sie kann sich mir nicht entziehen.

Unter der Brücke hindurch und vorbei am Müllerschen Volksbad, gerade mal hundert Meter noch, dann bin ich am Ziel. Da sitzt schon Bernie und harrt der Mitläufer, die sich zu ihm gesellen. Erst ich, nach endlosen 6:05:34 Stunden. Sekunden nach mir trifft Roland ein, den ich enteilt glaubte, der infolge Verlaufens jedoch ins Hintertreffen geriet. Veranstalter Andreas, Judith und Jürgen vervollständigen kurz darauf das Sextett. In identischer Besetzung wie beim Start stehen wir noch ein paar Minuten palavernd beieinander.

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Kommentar aus dem Vorjahr!