7. Februar 2024

Manövergebiet  -  Hohenlohe Marathon (9)

Es würde mich nicht wundern, steckten die Bäume die Wipfel zusammen und raunten einander zu: „Der schon wieder!“ - Zum neunten Mal bestreite ich heute einen Marathon auf der 14-Kilometer-Strecke im Hohenloher Land. Bisher 24 Runden, heute weitere drei. So oft denselben Weg? Langeweile kam dennoch nie auf. Was einerseits der abwechslungsreichen Streckenführung geschuldet ist, zum anderen wechselnden Jahreszeiten. Veranstalter Ulrich Tomaschewski bietet monatlich einen Termin seiner Marathonserie an. Grünes, buntes, gar kein Laub - unterdessen habe ich Baumschmuck in allen Jahreszeiten durch.

Und trotzdem ist heute einiges anders. Die Strecke blieb unverändert, Ulli feilte jedoch ein wenig am Austragungsmodus: Man darf die Runde nun auch im Uhrzeigersinn laufen, außerdem an jedem Punkt der Strecke starten, mithin auch dort finishen. Wo ich die Strecke bei der Anfahrt zum ersten Mal berühre, deponierte ich bisher Wasser und Gelpäckchen hinter einem Baum. Das entsprach auf den einstigen Startpunkt im Dorf Goldbach bezogen etwa der Hälfte eines Umlaufs. Heute parke ich an dieser Stelle mein Auto, meinen Verpflegungspunkt. Zum Auftakt schnappe ich mir die handlichste der Trinkflaschen. Will sie mitnehmen und irgendwo vor oder hinter Goldbach deponieren, von hier aus gesehen ungefähr bei der Rundenhälfte. Dieselbe Vorgehensweise praktizierte ich zuletzt auch in Stuttgart-Vaihingen.

Mehr Überlegung investierte ich vorab in die Laufrichtung. Natürlich möchte Neugier, da erstmals möglich, mit dem Uhrzeiger rennen. In der Hauptsache liegt meiner Entscheidung allerdings die Windrichtung zugrunde. Heute bläst ein kräftiger Wind aus west-südwestlicher Richtung. Etwa 60 Prozent der Strecke ziehen sich durch offenes oder mindestens windanfälliges Gelände. Tatsächlich rechne ich in neuer Richtung mit überwiegend Rücken- oder neutralem Wind von der Seite. Auf einem längeren Abschnitt erwarte ich zwar, dass mir der Wind entgegen weht, durchgehend Gefälle wird dem luftigen Aggressor dort jedoch die Wucht nehmen.

Die gestern noch von der WetterApp genährte Hoffnung wenigstens anfangs für unbestimmte Zeit trocken zu bleiben, erfüllte sich leider nicht. Leichter Regen vergällt mir den Auftakt: Uhr abdrücken und los, nach wenigen Schritten bergab. Ein paar hundert Meter Gefälle und zwei Richtungswechsel weiter erreiche ich den einstweilen tiefsten Punkt der Strecke. Schon diese ersten Minuten dämpfen meine Erwartungen hinsichtlich des Reizes, den ich mir von der alternativen Laufrichtung erhofft hatte. Ich war schlicht zu oft hier, blickte zu oft umher, um noch häufiger als gelegentlich von einer Perspektive oder einem Detail überrascht zu werden. Sogar die enorme Steilheit (bisher Gefälle) des ersten ernstzunehmenden Buckels nehme ich gedanklich korrekt vorweg. Mit nur wenig Mühe - noch bin ich frisch - steppe ich die etwa hundert Meter aufwärts.

Vorbei an Koppeln und dem noch immer improvisierten „Zelt-Stall“, dem offensichtlich keiner der Stürme der letzten Wochen etwas anhaben konnte. Pferde sind keine zu sehen, was ich dem Regen anlaste. Tierischer Instinkt rät den Zossen anscheinend sich unterzustellen. Mich stört das Getröpfel derzeit nur indirekt. Nass werde ich nach und nach auch von innen. Als nervig empfinde ich allenfalls die Schildkappe auf meinem Kopf, die dem Brillenträger den Durchblick bewahrt. Nur leider begrenzt das blöde Ding meine Wahrnehmung. Sobald ich die Kappe trage, weiß ich wieder wie sich ein Gaul hinter aufgesetzten Scheuklappen fühlen muss.

Wieder runter in den schmalen Geländeeinschnitt und hin zum fixen Fototermin, dem Ufer eines Fischweihers. Erwartungsgemäß bietet er aus neuer Richtung anlaufend denselben Anblick. Gleichfalls erwartungsgemäß ist die Brühe im Tümpel trüb. Das war sie noch jedes Mal. Anders als 24 mal zuvor steht das Wasser im Becken heute sehr tief. Vermutlich wurde der Teich zum Reinigen abgelassen und füllt sich nun wieder. Auch die Enten sind neu. Bisher schienen Wasservögel die Pfütze eher zu meiden. - Aufwärts jetzt mit Wind gegen die Brust, der jedoch gerade eine Atempause einzulegen scheint. Zunächst stört er kaum, erwischt mich erst, als ich hinter einer Hecke hervortrete. Und ein paar Meter weiter darf ich ihm abbiegend auch schon wieder den Rücken zukehren …

Auf nicht fassbare, somit auch nicht beschreibbare Weise stellt sich heute keine Resonanz mit der Strecke ein. Die Schuld dafür dem miesen Wetter, vor allem dem nach einem weiteren Schwenk jetzt eklig kalten Wind zuzuweisen, träfe nicht des Pudels Kern. Tatsächlich hat mir die Landschaft, haben mir die ständig wechselnden Ansichten, die ich bisher stets als attraktiv und kurzweilig empfand, an diesem Tag nichts zu sagen. Dass mich der von Beginn bis jetzt anhaltende, stete Wechsel von Gefälle und Anstieg noch immer keinen Laufrhythmus finden ließ, trägt sicher auch seinen Teil bei. Und zu schlechter Letzt gebärden sich meine Beine heute als wären sie von Lähmung befallen. Während der harten zehn Gegenwind-Minuten wird sich daran wohl nichts ändern. Doch danach im Gefälle und auf dem sich anschließenden, eher flachen Streckenteil vorm Dörfchen Crailsheim-Goldbach muss der Motor anspringen!

Es bleibt dabei: Kein zusätzlicher „Thrill“, da ich nun andersrum Kilometer sammele. Umso dankbarer bin ich, im Gefälleabschnitt dem Urheber der Hohenlohe Marathonserie, Ulrich Tomaschewski, als Laufteilnehmer auf seiner Strecke zu begegnen. Wir wechseln ein paar Sätze, bevor jeder in seiner Richtung weiterzieht, eingedenk der Gewissheit einander bald wieder zu begegnen … Noch ein paar Meter bergab, dann - am tiefsten Punkt der Strecke überhaupt - ein Schwenk gen Ost-Nordost. Sofort herrscht absolute Windstille, zugleich spüre ich Kälte im Rücken - beides untrügliche Anzeichen für Rückenwind. Trotz überwiegend flachem Geläuf und Windunterstützung geht mir der Jogg nun nicht besser vom Fuß. Meine Beine scheinen heute ein Leistungstief erwischt zu haben. Und das, obwohl ich mir an diesem Tag eigentlich einen „brauchbaren“ Verlauf des Wettkampfs ausrechnete. Von den vielen Anstiegen vor anderthalb Wochen in Stuttgart-Vaihingen glaubte ich mich für die Hügel im Hohenloher Land mindestens befriedigend trainiert. Davon spüre ich aber nicht das Geringste. Jede noch so mickrige Bodenwelle fährt mir in die Beine als wär’s ein ausgewachsener Berg.

Kurz vorm Dorf deponiere ich meine Trinkflasche auf einem Holzstoß neben der Piste. Eine übers Holz gezogene Plane fungiert als Tarnkappe - die Flasche wird darunter unsichtbar. Perfekt. Mein linker Arm bedankt sich, da er nun endlich unbelastet schwingen darf, wodurch sich mein Laufstil verbessert. Geringfügig allerdings, nicht entscheidend. Ich durchquere Goldbach und überschreite die mit Sprühkreide durchgestrichene Startmarkierung. Ja, klar, das hatte ich nicht bedacht: Eine Startlinie wird natürlich obsolet, wenn man an beliebiger Stelle zum Lauf aufbrechen darf. Dasselbe gilt für die etwa 200 Meter weiter mit Sprühkreuz „ausge-X-te“ einstige Ziellinie. Kein fixer Start, kein vorgeschriebenes Ziel - einzige Auswirkung: Der bisher peinlich genau vermessene Marathon verlängert sich auf etwa 42,4 Kilometer.

Hinterm Dorf und jetzt vor mir erhebt sich der nächste Hang; nicht irgendeiner, sondern der seiner Länge und Neigung nach steilste des Parcours. Mit hundert Höhenmetern auf etwa anderthalb Kilometern wird er mich fordern. Zunächst auf Asphalt, was die „Kraxelei“ erleichtert; vor der mir in mittelprächtiger Tagesform schon eine Weile graut. Vorsorglich verkürze ich die Schrittlänge, um nicht zu früh mein Limit ausschöpfen zu müssen. An einem Eichhörnchen tippele ich vorbei, das an der Stelle sicher schon seit Jahren hockt. Hinter der Ecke einer Holzscheune hielt es sich bis heute vor mir verborgen. Eine Holzskulptur, die ihr Schöpfer ein bisschen dilettantisch, aber durchaus putzig anmutend aus dem Stumpf eines gefällten Baums heraus arbeitete.

Linksschwenk Richtung Waldrand, weiter aufwärts, zuletzt versteilt sich der Asphalt. Im Wald darf ich zum Glück abbiegen, komme auf zunächst mäßig fordernder Piste wieder zu Atem. Alsbald wieder mehr Steigung … Längst starre ich auf einen Fleck ein paar Meter vor meinen Füßen. Der ist nass vom Regen und mit einer Schicht gepressten Laubes bedeckt. Unzählige kleine Flecken in Brauntönen ziehen durch mein Gesichtsfeld, das ich nur gelegentlich durch kurzes Kopfheben hügelauf erweitere, um mich zu orientieren. Ich biege auf ein Flachstück ab und schöpfe neue Kraft, indem ich das „Aufwärtstippeltempo“ bis zur eigentlichen Herausforderung beibehalte … Dort rasch in so steilem Winkel hinan, das meine Körperparameter gen Tagesmaximum streben. Zweihundert Meter? Dreihundert? Gehen wäre eine sinnvolle Alternative, zumal für einen Siebzigjährigen. Nur leider ist der alte Kerl so verbohrt, dass er den Gedanken zwar zulässt, ihm aber nicht nachgibt. Nicht so lange sein heftig pumpendes Herz die Beinmuskeln noch ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Und nicht, so lange er die von diesem Akt übelster Selbstkasteiung induzierte Mühsal mental aushalten kann.

Zwei Minuten steil, drei, werden es vier? Mit Sicherheit fühlt es sich länger an, als es tatsächlich ist … Endlich über einen Querweg und schlagartig reduziert sich die Steilheit der Piste. Ein weiteres Minütchen vertrabt der alte Mann, bis zu einem der höchsten Streckenpunkte und dem Abbiegen auf einen breiten, flachen Forstweg. Sich nach gerade Mal acht gelaufenen Kilometern hier hochzuhieven war natürlich von weniger Dramatik begleitet, als in den beschreibenden Sätzen mitschwingt. Sie transportieren sozusagen das vorweggenommene Echo der noch ausstehenden zwei Wiederholungen der Kletterpartie. Ich sorge mich ernsthaft, ob ich dafür - vor allem im dritten Anlauf - noch genügend Mumm in den Knochen haben werde.

Die Eichenallee. Eine Allee im Wald. Mehrfach in früheren Laufberichten beschrieben, dortselbst oft drüber räsoniert, welchen Zweck der Urheber mit dem Pflanzen dieser Doppelreihe Eichen verfolgt haben mochte. Der umgebende Mischwald nimmt den mächtigen Bäumen ihre dominante Wirkung, die sie etwa auf freiem Feld entfalten würden. Offen gestanden schenke ich dem Naturmonument heute kaum Beachtung. Macht mich nicht an, noch weniger fordert es mich wie vordem zu Spekualtionen heraus. Stehen einfach nur da die Eichen, flankieren ein Stück meines Weges. Basta.

Zweifelsfrei stammt das unausgesetzte „Flapp-flapp“, das schon einige Zeit an mein Ohr dringt, von einem Hubschrauber. Rasch schwillt das Geräusch an, lässt den sekündlichen Überflug erwarten. Tatsächlich: Langsam und knapp über Baumhöhe schwebt erst einer, kurz darauf noch ein zweiter Helikopter vorüber. Zaghaft nur Raum gewinnend, überdies unweit meiner Laufstrecke eine Kurve fliegend, als hielten die Piloten Ausschau nach einem Landeplatz. Wo landen? Warum landen? Militärmanöver? Mein Interesse speist sich aus zwei Umständen: Der hier joggt diente einst als Berufssoldat. Und tatsächlich habe ich so einen Typ Helikopter nie zuvor live in der Luft gesehen. Allenfalls vielleicht auf Bildern. Definitiv ein Kampf-, kein Transporthubschrauber.

Das mehrfache Auf und Ab über Kuppen und Senken ist mir bestens bekannt - nur andersrum. In grober Näherung jogge ich geradeaus, kreuze zwei Straßen, gelange schließlich in Sichtweite eines Windrades. Dessen unablässiges Drehen ist nur im „entlaubten“ Halbjahr vom Weg aus sichtbar. Doch auch während der übrigen Zeit erlaubt die Lautstärke des Rotorgeräuschs Rückschlüsse auf die herrschende Windstärke. Heute macht sich der Stromerzeuger schon lange vorher bemerkbar und faucht noch minutenlang hinter mir her, während ich im tiefer gelegenen Wald Abstand gewinne.

Gel und Wasser am Auto. Just zu diesem Zeitpunkt legt der Regen eine Pause ein. Mal tröpfelte es auf dieser Runde, mal nicht. Früher einsetzender Niederschlag als vom Wetterbericht prognostiziert, also auch früheres Ende der Berieselung? Kümmert mich im Grunde nicht, dafür ist der Regen zu schwach. Störender als das Wasser von oben sind die vielen Pfützen und Rinnsale, die sich nach und nach auf den Wegen bildeten. Der Wind pustet weiter, scheint sich sogar weiter zu beleben. Für mindestens Runde zwei behalte ich deshalb die Laufrichtung bei. Ich tippele wieder los. Bergab. Laufen fühlt sich seltsam an, besonders runterwärts. Was ist nur los mit mir? Null Resonanz in mir drin, weder mit der Strecke, noch mit den Umständen und so gar nicht mit dem, was ich hier tue. Ich stehe - pardon: laufe - heute komplett neben mir.

Behäbig und unbeteiligt, als wäre statt meiner ein Doppelgänger unterwegs, schicke ich mich über die diversen Teilstrecken. Wenig Veränderung gegenüber Umlauf eins. Nur das Pferd hat jetzt seinen Stall verlassen und beäugt mich. Zum Schutz vor Kälte und Regen, der unterdessen wieder einsetzte, ist der Gaul in eine Pferdedecke gehüllt. „Da bist du ja!“ begrüße ich das Pferd wie einen alten Bekannten, nehme spontan mit der Kamera Notiz von ihm. Dabei weiß ich nicht mal, ob ich einen Wallach oder eine Stute vor mir habe, geschweige denn, ob es sich um denselben Mähnenträger handelt wie letztes und vorletztes Jahr.

Trüber Tümpel, die Enten sind noch da. Aufwärts und danach über die Hochfläche. Erst mit Rückenwind, dann renne ich etwa einen Kilometer weit frontal gegen das Gebläse an. Mit Regentropfen versetzter Wind zwingt mich den Kopf zu senken, um die Brille trocken zu halten. Ich suche nach der Ideallinie, weiche rinnendem wie stehendem Wasser aus; meide auch Erdbollen, die auf den Feldwegen verkehrende Trecker hinterließen. Und doch habe ich häufig das Gefühl als saugte der feuchtweiche Untergrund meine Sohlen an. Der unangenehme und kraftraubende Gegenwindabschnitt will einfach kein Ende nehmen. Und als endlich Gefälle den Windwiderstand aufhebt, ich solcherart erleichtert nach und nach drei Geländestufen abwärts nehme, „belästigt“ mich stattdessen eine Erkenntnis: In dieser Richtung gelaufen macht mich die Passage so gar nicht an. Acht Hohenlohe Marathons zuvor war das anders. Trotz vermehrter Anstrengung bergan, erlebte ich die Wiesenlandschaft am Hang als eines der reizvollsten Wegstücke. Seltsam dieser Gefühlsumschwung.

Tiefster Streckenpunkt, Richtungsänderung, Wind im Rücken. Alles wird gut! - Von wegen. Nichts wird heute mehr gut! Die Schritte nötigen mich zu mehr Willenseinsatz, als nach nur 18, 19 Kilometern „normal“ wäre. Immer mehr verfestigt sich die Überzeugung heute einen physisch rabenschwarzen Tag für diesen Marathon erwischt zu haben. Wieso das so sein könnte, frage ich mich nicht. Heute nicht und auch im Grundsatz seit Langem nicht mehr. Als ich mir noch das Läuferhirn zermarterte, warum Schritte tagesaktuell besonders schwer oder leicht (seltener) vom Fuß gehen, gelang es mir fast nie eine Ursache (oder auch mehrere) dingfest zu machen. Es gibt eben gute und schlechte Tage. Als Sportler - zumal in vorgerücktem Lebensalter - hat man Höhen und Tiefen im eigenen Biorhythmus zu akzeptieren.

Ich halte wieder auf Goldbach zu und lege am Holzstoß ein kurzes Päuschen zum „Nachtanken“ ein. Die Erinnerung schmuggelt sich heute mehrmals in mein Bewusstsein, als hätte sie nur darauf gewartet mich laufend in schlechter Verfassung oder Stimmung (oder beides) zu erwischen. Es geht um die Äußerung eines Mitläufers bei einem meiner letzten Wettkämpfe. Er unterhielt sich beim Laufen mit einem anderen, ich war lediglich stummer Zuhörer. Seiner felsenfesten Überzeugung nach, fühle sich eine im Uhrzeigersinn gelaufene Runde immer „besser“ an, wäre demzufolge auch einfacher zu laufen, als dieselbe Runde gegen die Uhr. - Welcher Läufer wäre nicht geneigt, mehrfachem Erleben vorschnell Allgemeingültigkeit zu verleihen? Also tat ich seine Bemerkung seinerzeit als esoterisch angehauchte Überhöhung subjektiver Wahrnehmung ab. Und nun bringt sich dieser Nonsens als mitverursachend für meine heutigen Schwierigkeiten ins Gespräch!? Ist da vielleicht doch was dran?

Prompte Richtigstellung, um niemanden zu verwirren: Tatsächlich bringe ich in den letzten Jahren gerne mal „im“ und „gegen den Uhrzeigersinn“ gedanklich durcheinander. Vielleicht ein M65/70-Demenzphänomen? Exakt das passiert mir auch heute. In Wahrheit war ich in Runde eins und nun erneut in der „guten“ Richtung unterwegs, nur eben im Bewusstsein des Gegenteils. Und trotzdem fühle ich mich mies. Die Hohenlohe Marathons davor bestritt ich allesamt in „böser“ Richtung, dem Zeiger der Uhr zuwider. Prüfte ohne es zu wissen das „Im-Uhrzeigersinn-Postulat“ jenes Mitläufers 24 Mal auf seinen Wahrheitsgehalt. Zumindest was mich angeht, gebe ich zu Protokoll: Da ist nichts dran!

Mörderberg die Zweite: Die Steigung setzt mir gewaltig zu, kostet mich vermutlich viel Zeit, kann mich letztlich aber nicht aufhalten. Ich übe mich in Fatalismus: Irgendwie wird’s auch nachher im dritten Anlauf klappen. Inzwischen kommt mehr Wasser vom Himmel. Ob’s verzögert von den Bäumen tropft oder augenblicklich stärker regnet vermag ich nicht zu sagen. Immer klebriger und „rinnsaliger“ werden die sonst guten Waldwege. Erneutes „Flapp-flapp“ weckt mich aus dumpfem Brüten. Das rasch anschwellende Fluggeräusch veranlasst mich stehenzubleiben und mit schussbereiter Kamera auf den Vorbeiflug zu warten. Wieder zu zweit, wieder in geringer Flughöhe, wieder alles andere als in Kampfgeschwindigkeit und wieder eine Kurve zirkelnd. Es kommt mir vor als setzte die Rotte Kampfhubschrauber allenfalls einen halben bis einen Kilometer nördlich meiner Position zur Landung an. Sind sie womöglich tatsächlich Teil einer Übung und Udo joggt durchs Manövergebiet?

Auf zu Runde drei. Ich habe mir ein letztes Gel in die Jackentasche geschoben, werde es am Holzstoß konsumieren und mit Wasser aus meiner Flasche nachspülen. Vier Gels werden es dann sein und auf keins davon hätte ich heute verzichten wollen. 28 Kilometer liegen hinter mir und ich bin eigentlich durch mit diesem Marathon. Bloß: Zum vollen Marathon fehlen noch die 14 Kilometer der Schlussrunde. Jetzt abwärts leide ich nicht unter Schwäche, dafür fährt mir jeder Schritt tief ins Mark. Schon jetzt nehme ich, was mein Fahrwerk auf die Piste bringt, als kontrolliertes Stolpern wahr. Ich kämpfe mich vorwärts, setze an jedem Buckel auf das bewährte Mittel gen null strebender Schrittverkürzung.

Der Gaul hat sich wieder in seinen Zeltstall verkrümelt. Die Enten geben sich einmal mehr des Schauspiels hin mir von ihrem Tümpel aus beim Stolpern zuzusehen. Rauf stolpern, dann flach, kurz mit, später länger gegen den Wind. Den ich mir jetzt, zu vorgerückter Stunde, erlaube aus tiefster Seele zu hassen und mit (lautlosen) Flüchen zu belegen. Aber nicht nur der Wind kriegt sein Fett weg. Wenn ich schon dabei bin, überziehe ich auch den (stärker werdenden) Regen und die überwiegend dreckigen Wege mit Unmut. So gereizt und genervt es auch klingen mag: Das gedanklich exzessive Ausleben von Frust hilft mir mit allen Unbilden fertigzuwerden. Entscheidend ist: Der „Jogg“ mag sich noch so übel anfühlen, im Grunde meines Herzens weiß ich, dass mich spätestens auf der Heimfahrt Zufriedenheit überkommen wird …

Mörderhang die Dritte: Kraftarm und schon weitgehend ausgelaugt gehe ich die Steigung an. Unklar, woher ich die Hoffnung nehme auch im dritten Anlauf da irgendwie mit Stepschrittchen hoch zu kommen. Unbeschreibbar die üblen, überall im Leib präsenten, mich heftig bedrängenden, nun aufwärts anschwellenden Empfindungen. Sie machen mich klein, schwach, beugen mich, wollen mich brechen. Nichts anderes hat mehr Platz im Bewusstsein als die Summe grässlicher Widerstände und meine Gegenwehr. Es kann nicht sein, kommt mir aber so vor, als bewegte ich Beine und Füße nur noch mit der Kraft meiner Gedanken. Als wäre zu laufen nun einzig Ausdruck meines Willens, aufrechterhalten von der Fähigkeit zu leiden … Satz- und Wortfetzen im Kopf, Flüche zerhacken das ohnehin ausfransende Denken. Das ist einfach nur scheußlich. „Mit Spaß hat das nichts mehr zu tun!“ - mit diesen Worten werde ich den Verlauf des heutigen Marathons hinterher zusammenfassen. Erst für mich, später auch gegenüber meiner Frau.

Ich halte Ausschau nach der Erlösung versprechenden Wegmarke, einem Kanaldeckel. Ab dem noch zehn steile Meter, dann wär’s geschafft … Noch kann ich die Metallplatte nicht ausmachen, bin noch zu tief; steppe weiter hinan, wehre tausendundeinem Teufel in meinem Fleisch. Nein, ich stellte die Frage nicht, was es mit einem Kanaldeckel weit außerhalb des Dorfes und mitten im Wald für eine Bewandtnis haben könnte. Das hat mich schon in Gegenrichtung abwärts joggend nie interessiert. Manchmal verlegt man halt auch Abwasserkanäle quer durch den Wald, vom Weiler Kleinkleckersdorf zur Sammelkläranlage vielleicht. Endlich kommt der Sch … deckel in Sicht! Drauf zu, dran vorbei, noch acht Meter, fünf … geschafft. Weiter Steigung aber moderat, viereinhalb Kilometer noch bis zum Erfolg. Nur der Erfolg zählt jetzt noch. Zum Erfolg gehört den Rest der Distanz mit Laufschritten zu überbrücken. Hab’s laufend hier rauf geschafft, die verbleibende halbe Stunde packe ich jetzt auch noch!

Inzwischen regnet es gefühlt in Strömen. Bin nass bis auf die Haut, zu „klatschnass“ fehlt nicht mehr viel. Wasser rinnt unter den Sohlen, wo immer es abschüssigen Boden findet. Und fast überall neigt sich der Weg, entweder ab- oder aufwärts. Alles aufgeweicht, schmatzende oder platschende Geräusche begleiten die meisten Schritte. In mir drin ist nicht mehr viel Energie. Ich mache es am schleppenden Tempo, der unsicheren Vorwärtsbewegung und meiner Körperhaltung fest. Stell dir die von Alter und Bosheit gebeugte, verhutzelte Hexe aus Hänsel und Gretel vor. Ungefähr in dieser Haltung (wahrscheinlich ein ähnliches Bild abgebend) schlurfe ich voran. Stolz will mich aufrichten, verlangt würdevolle Haltung: Sch … auf den Stolz, ich bin einfach nur müde.

Voran, immer weiter voran - auch mal ein paar Höhenmeter runter und wieder rauf - zwei Straßen überqueren - irgendwann höre ich das Rauschen des Windrads. Bald mache ich durch kahles Geäst seine mächtigen Flügel aus, die die Luft messerscharf zerteilen. Noch zwei Kilometer ab hier … Zum Glück ist niemand bei diesem Wetter unterwegs, kein Forstarbeiter, Spaziergänger erst recht nicht. Und meine Mitläufer - heute kreisen wir zu fünft - „haben alle schon fertig“. Keine Gefahr also, dass mich jemand diesen Hang „runterkullern“ sieht. Kein Zeuge für den Missmut, der nach langem Kampf gegen innere und äußere Widersacher in meinem Gesicht geschrieben stehen muss. Moderat und überwiegend abwärts voran … immer wieder fixiere ich den Kilometerzähler, der im Ziel einschließlich Messfehlern nahe der „43“ stehenbleiben wird …

Mit den letzten paar hundert Schritten, das sichere Finish vor Augen, überwinde ich den Status des „Untoten“, der mich viel zu lange in seinen Fängen hielt. Auch die Gewissheit diesen Marathon, diverser Kalamitäten zum Trotz, komplett laufend verbuchen zu können wirkt befreiend. Sogar dem heute arg zerzausten Gesellen „Ehrgeiz“ ist noch ein kleines Erfolgserlebnis vergönnt: Knapp zwar, doch immerhin darf er unter fünfeinhalb Stunden finishen. Nach 5:28:47 Stunden stoppe ich die Uhr und schlagartig fällt alle Beschwernis von mir ab.

 

Fazit zur Veranstaltung

Abwechslungsreiche Naturstrecke über 14 Kilometer, die schon zur vegetationsarmen Winterzeit zu gefallen weiß. Halb Wald, halb Feld bzw. offenes Grasland ohne Windschutz. Der Kurs fordert den Marathoni auf drei identischen Runden mit insgesamt etwa 800 Höhenmetern in Auf- und Abstieg. Mit einer Zusatzrunde kann auf Ultradistanz erweitert werden.

Rahmenbedingungen: Startzeit individuell, Start-/Zielort auf der Runde nach Belieben, Laufrichtung freigestellt. Selbstversorgung. Nachweis der erbrachten Leistung über die eigene GPS-Aufzeichnung per E-Mail an den Veranstalter Ulrich Tomaschewski, der im Gegenzug Ergebnisliste und Urkunde übersendet.