26. Juni 2022

Meine Frau ist schuld!  -  Marathon du Vignoble d’Alsace

Auch im Nachhinein bin ich nicht sicher, was bei diesem Marathon eigentlich im Mittelpunkt des Interesses stand. Kostümiert abfeiern und tanzen, sich an 13 Probierständen mit Wein abfüllen oder vielleicht doch der Sport? Was ich aber ganz sicher weiß, ist, dass dieses Dreierlei für mich nicht zusammengeht. Unter mehr oder weniger "fetter" Kostümierung dem Hitzetod entgegen zu tippeln war noch nie meins. Okay, das mag meinem grundsätzlichen Unverständnis gegenüber jeder Form närrischen Treibens geschuldet sein. Wirklich sinnwidrig bis riskant aber kommt mir die Absicht vor, während ausdauernder, sportlicher Aktivität Alkohol zu konsumieren. Ebenso gut könnte ich mir die Beine mit Gummibändern verschnüren lassen.

Zu Beginn lässt sich mein erster Marathon in Frankreich an wie viele andere zuvor auch. Nur besser organisiert, wofür wir schon kurz nach Ankunft auf dem riesigen Parkplatz eines Supermarktes erste Indizien sammeln. Rasch erhalte ich meine Startnummer und für alle, die ohne Frühstück aufbrachen, gibt es sogar Kaffee, Tee und schwach gesüßtes Brot. 65 Euro wird niemand als Marathon-Schnäppchen preisen. Andererseits war Verpflegung vorm Lauf doch eher die Ausnahme. Schon hier auf dem Parkplatz sind die Vorbereitungen für den Fasnachtsumzug in vollem Gange. Nebenan streift man(-n) sich ein quietschbuntes Ganzkörperkondom über, zwei Parkreihen weiter liegt eine heuballendicke Perücke auf dem Autodach. Schon deren Anblick treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Doch damit nicht genug: Der Mann verhüllt auch noch sein Gesicht mit massenhaft Kunsthaar. Kriegerische Utensilien werden ausgepackt: Lanzen, Keulen, Schwerter, als müsse der Weg zum Finish mittels Hauen und Stechen erkämpft werden.

Eine gleichermaßen erwartungsvolle wie leutselige Stimmung liegt über der Szene. Nach und nach füllt sich der Parkplatz und immer mehr Urzeitmenschen, Römer, Tänzerinnen im Tütü, Pharaonen oder in anderer Maske der eigenen Identität entfliehende Leute versammeln sich in Startnähe. Natürlich gibt es auch reichlich "Normalos" wie mich, augenscheinlich sind wir sogar in der Überzahl. Nur nimmt man pur sportlich Gekleidete kaum wahr, weil die vielen Paradiesvögel die Augen magisch anziehen.

Meine Frau Ines begleitet mich zum Start, der in Dorlisheim, unweit des Zielortes Molsheim, um acht Uhr über die Karnevalsbühne gehen wird. Natürlich kennen die wenigsten die Namen dieser elsässischen Weinorte. Aber jeder kennt Straßburg, das etwa 20 Autominuten östlich von hier liegt. Nach dem Start vollführt der Kurs eine U-förmige Schleife und tangiert nach 10 km erstmals den Zielort Molsheim. Dorthin wird Ines sich und unsere Hündin Roxi chauffieren. Sie hat entschieden keinen der anderen auf der Strecke liegenden Weinorte anzufahren, fürchtet lebhaften Verkehr verursacht von Läuferfans, Parknot, gesperrte Straßen und andere Stressoren. Für alleinreisende Läufer ist übrigens bestens vorgesorgt. Es wird sogar ausdrücklich gebeten das Auto am Start stehenzulassen und sich nach dem Lauf per Busshuttle - "Navette" heißt das in Frankreich - zurückbringen zu lassen. Das gilt auch für die 10 km-Läufer, die später starten und nur die Auftaktschleife bis Molsheim absolvieren. Und für Halbmarathonis gibt es sogar einen Bringfahrdienst von hier zu ihrem Start etwa 15 km nördlich in Scharrachbergheim-Irmstett. Die Herde unweit wartender Busse scheint Beleg genug, dass auch dieser Shuttle gut vorbereitet ist.

Schon bei der Anmeldung im Netz war ich überrascht wie reibungslos alles vonstatten ging: Erst registrieren, dann anmelden. Für die Anmeldung benötigt man - in Frankreich obligatorisch - ein ärztliches Attest, dessen Formular auf der Seite zum Download bereitsteht. Für Ausländer ist der Text der Internetseite auch in Deutsch und Englisch verfügbar. Das vom Arzt unterzeichnete Attest scannt man ein und lädt es bei der Anmeldung hoch. Etwa einen Tag später wurde die Anmeldung als "gültig" bestätigt. Unter Vorlage von Ausweis (!) und Anmeldebestätigung erhielt ich meine Startnummer. Das Originalattest vorzuweisen wurde nicht verlangt.

Ein ziemlich bunter, erwartungsfroher Haufen, etwa 800 Köpfe stark, versperrt mir den Weg zum Starttor. Darunter auch Andy und Laufkumpan Alex, die mir in den letzten Monaten mehrfach auf Marathonstrecken über den Weg liefen. Meinen Platz finde ich wie stets am Ende der Startaufstellung und das nicht aus Gründen vornehmer Zurückhaltung. Mittlerweile alterslahme Schnecken sollten schnelleren Leuten nicht im Weg stehen. Als ich selbst noch flink unterwegs war, ärgerte ich mich zuweilen über fußlahme Ignoranten, die nach dem Start wie Slalomstangen im Weg standen. Ines hat sich in Höhe Starttor postiert, die letzten Sekunden verrinnen ... Was mich wohl heute erwartet?

Mit dem Lauf begehe ich tatsächlich so etwas wie eine Premiere in diesem Jahr. Er ordnet sich keinem "höheren Ziel" unter, erfüllt keinen Zweck, außer dem Spaß zu bereiten. Sisyphos rollt nicht länger den Stein zum Gipfel! Zwanzigmal tat er das schon in diesem Jahr und - insofern lügt der Mythos! - beim letzten Mal blieb der Felsen tatsächlich dort oben liegen! Sisyphos ging sorgfältig vor am Samstag vor einer Woche, schob den Felsen auf 100 Kilometer langem Weg vor sich her, quälte sich über 14 Stunden. Dafür ist es endlich vollbracht, die ihm schier unlösbar erscheinende Aufgabe erfüllt, die Seele frei von jeglichem Ballast. Sisyphos wird heute den Berg freudig ohne Felslast besteigen!

Eine Minute etwa dauert das Defilee der 800, dann erreiche auch ich die Startlinie und winke Ines zu. Offenbar hat sie sich für ein Video entschieden, um mich in eng gestaffelter Schar nicht zu übersehen. Hinterm Marathontor strebt der Schwarm sofort auseinander, genug Platz zum Laufen. Wenig überraschend, dass ich mich auf diesen ersten Metern müde und alles andere als "marathonreif" fühle. Immerhin mussten wir mitten in der Nacht aufstehen, um rechtzeitig hier zu sein. Dazu kommt das verzögerte "Anspringen meines Ausdauermotors", das ich zur Genüge kenne. "Wird hoffentlich gleich besser werden!?" wünsche ich mir ausgangs Dorlisheim, bereits mit Blick in Elsässer Weinberge ...

Zehn Minuten später, die Reben nun steinwurfweit vor Augen, keimt bereits der Verdacht, dass es vielleicht keine so gute Idee war heute hier anzutreten. Was bereits feststeht, ist dies: Ich hatte schon bessere Tage, um Vergnügen auf einer Marathonstrecke zu erleben ... "Schuld" hat übrigens meine Frau: Routinemäßig, wie immer, wenn Urlaub ansteht, klapperte ich alle Marathonkalender ab, suchte nach mir "zumutbaren" Veranstaltungen (= Marathon oder "kleiner" Ultra mit nicht zu vielen Höhenmetern) in der Nähe des Urlaubsdomizils. Dabei sprang mir dieses verrückte Elsässer Event ins Auge. Die relativ weite Anfahrt, dazu "verwundet" nach einer Urlaubswoche Völlerei in den Vogesen, womöglich noch Reste des Hunderters in den Knochen - ausreichend Gründe mir den Lauf so gut wie auszureden. Doch Ines meinte: "Wenn wir schon in Frankreich sind, dann musst du da auch laufen!" - Damit traf sie einen Nerv, meine in all den Laufjahren befolgte Devise: Wenn ich schon verreise, dann will ich nach Möglichkeit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, mir danach auch einen neuen M oder U in mein Laufbuch eintragen können!

Wollen und Können klaffen bei mir läuferisch nur leider in den letzten Jahren immer weiter auseinander. An diesem sonnigen Sonntagmorgen öffne ich alle Sinne, möchte in vollen Zügen genießen, werde von meinem unwillig schlappen Körper aber ausgebremst. Eine Situation, mit der man klarkommen muss. Es gibt nur zwei Alternativen, sich arrangieren oder abbrechen. Ich konnte mich trotz vorgerückten Lebensalters bisher jedoch nicht überwinden Vokabeln wie "abbrechen" oder "aufgeben" in meinen fürs Laufen zulässigen Wortschatz aufzunehmen. Also bleibt nur arrangieren, im Sinne von: Das Beste aus der gegebenen Situation machen, auch die halb vertrocknete Frucht pflücken und wertschätzen, keinesfalls jammern.

Laufen in einem fremdsprachigen Land mit entsprechend ungewohnten Eindrücken, dazu die reizvolle Landschaft unter blauem Himmel - beides hebt meine Stimmung dann doch auf stattliches Niveau. Ich schieße unentwegt Fotos. Reizvolle Motive dafür reihen sich praktisch ohne Unterlass aneinander. Linkerhand erheben sich die Hügel der Weinberge und vor mir rücken immer wieder Kostümierte ins Blickfeld. Einstweilen verzichtet die Route weitgehend auf die dritte, vertikale Dimension, schiebt mir überdies Asphalt unter die Füße, was dem beabsichtigtem Genusslaufen entgegenkommt. Rechts vom Strom der Läufer sausen Autos auf gut ausgebauter Landstraße vorbei. Nicht wenige hupen den Läufern (oder doch eher den Kostümierten unter den Läufern?) beifällig zu. Durchaus in höherem Prozentsatz, als ich das in ähnlichen Situationen in Deutschland erlebte.

Bereits nach nur 20 Minuten überzieht ein dichter Schweißfilm die Haut. Eher unverständlich in immer noch kühler Luft nach Schlechtwettereinbruch mit Regen bis in die frühen Morgenstunden. Kümmert mich nicht, ich werde wie stets in letzter Zeit viel trinken, Durst so lange wie möglich hinauszögern. Wasser allerdings, keinen Wein, wie er ganz offensichtlich stückweit voraus erstmals ausgeschenkt wird. Wie sonst soll ich die Traube von Menschen deuten, die sich, augenscheinlich keine Laufgasse lassend, am Ende einer ersten moderaten Steigung staut? Hemmungslos richte ich mein Objektiv hierhin und dorthin, will möglichst authentisch und reichlich "Lokalkolorit" einfangen. Dazu gehört auch die Szene eines per Selfie festgehaltenen "à votre santé" (oder kurz: santé). Erfreut registriere ich, dass auch schnödes Wasser angeboten wird - schräg gegenüber, weit genug entfernt, um keinen weinseligen Zecher zu irritieren. Ich muss mich also nicht bis zu einer der offiziellen Versorgungstellen gedulden und trinke reichlich auf Vorrat.

Was ich bislang an verschiedenen Nationalitäten auf der Grundlage von Sprachfetzen, Trikotaufschriften oder der Kostümgestaltung zu bestimmen vermochte, kann sich sehen lassen: Holländer, Dänen, Schweden, Belgier, Schweizer, viele Deutsche natürlich. Auch Englisch wurde gesprochen, jedoch eher als "Sprachtransformator", woraus sich keine eindeutige nationale Zuordnung ableiten lässt. Euro-Diversität in dieser Dimension überrascht mich. Zunächst. Nach kurzem Nachdenken dann schon nicht mehr. Niederländer überspülen die Urlaubsgebiete überall in Europa, ähnlich zahlreich wie die Deutschen. Wieso sollten sie sommers ausgerechnet das schöne Elsass auslassen? Und Nordländer, so mein sorgsam gepflegtes Klischee, lassen unter Garantie keine Veranstaltung aus, die kostenlosen Konsum des begehrten, im eigenen Hoheitsgebiet sündhaft teuren Alkohols verspricht.

Schweden, Holländer und andere "Trinker" bleiben hinter mir zurück. Fotos und Wassertrinken halten mich nicht lange auf. Die Auftakt-U-schleife am Fuß der Weinberge macht es möglich den bunten Lindwurm nicht nur voraus, sondern auch auf der anderen Seite des Tales - bereits wieder in Gegenrichtung unterwegs - zu betrachten. Ein hübsches Bild, die Kette der farbenfroh gekleideten Menschlein vorm Grün der Landschaft. Nach und nach überholen mich die "Alkis" wieder. Etliche Franzosen natürlich, unter ihnen kaum weniger "femmes" als "hommes", für mich auffälliger jedoch die vielen Skandinavier und Holländer. Bereits kurz vor der nächsten Weinprobe begreife ich, wie es heute "laufen" wird. Die meisten "Schluckspechte" sind um einiges schneller unterwegs als ich. Sie werden mich also nicht nur dieses eine Mal überholen. Die nächste Weinschenke wird mich erneut zum Zwischensieger küren, bis man mich alsbald danach abermals "überrennt". Irgendwann werden die "Trunkenbolde" - so die streitenden Götter Dionysos und Nike* einen gerechten "Deal" aushandeln - so viel Alkohol im Blut haben, dass die zwar fußlahme aber nüchterne Ente Udo sie vielleicht doch abhängen kann ...

*) Dionysos gilt als griechischer Gott des Weines und der Ekstase; Nike verkörpert als Göttin des Sieges das Streben nach Erfolg.

Weinprobe zwei bringt eine Neuerung: Von einer Band dargebotene Musik und damit Feierbiester, die mit dem Glas in der Hand ausgelassen das Tanzbein schwingen. Ganz allgemein gesprochen kann man(-n)/frau das machen. In meiner Situation bedeutete es allerdings ein Rad mehr an die Trage zu montieren, auf der mich Sanis noch vor Kilometer 30 zu ihrem Tatütata rollen würden ... Worum geht es den genüsslich Schlürfenden wirklich, wenn sie sich hier sammeln, im Rhythmus der Musik drehen, wiegen, wenn sie mit den Füßen stampfen, wippen, teils lauthals mitsingen? Anscheinend vor allem ums Abfeiern, um Geselligkeit. Sportlich durchhalten? Ja auch, man will schließlich keine der 13 Weinschenken verpassen ...

Tausend Helfer, so stand es zu lesen, sollen den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung gewährleisten. Die Zahl schien mir hoch gegriffen, inzwischen glaube ich sie unbesehen. An jedem Versorgungsstand mehrere Leute, die einschenken oder darreichen und an jeder auch nur halbwegs des Verlaufens oder Verkehrsrisikos verdächtigen Stelle wacht ein Streckenposten. Angesichts der unübersehbar mit Pfeilen markierten Strecke ein scheinbar überzogenes Aufgebot an Sicherungspersonal. Hängt es damit zusammen, dass niemand weiß, ab wo oder wann die ersten alkoholbedingten Aussetzer zu kompensieren sein werden?

Flüsschen rechts, Straße links, unter den Füßen ein komfortabler Radweg, Kilometer acht gerade passiert. Sie und er, beide viel Haut darbietend und im Baströckchen, überholen mich. Das Ortseingangsschild schlägt die ersten, voraus sichtbaren Häuser dem Zielort Molsheim zu. Die blau-gelben Schweden unterm Plüsch-Wikingerhelm - ausgestattet übrigens mit beneidenswert durchtrainierten Waden! - sind längst durch, ebenso die Holländergruppe und demnächst wird mir "Serge" der Mönch die Kehrseite seiner lang wallenden Kutte zeigen. Hochfrequent heiseres Gekläff voraus, die emittierende, vierbeinige Schallquelle kann ich jedoch nirgends entdecken; auf weithin übersichtlicher Strecke und obwohl offenkundig schubweise vorbei tippelnde Läufer verbellt werden. Schließlich entdecke ich die Verursacher, zwei weiße, kuschelige Köpfe, die etwa vier Meter über dem Radweg, von der Terrasse eines Wohnhauses herab, das Geschehen "kommentieren". Die putzige Szene übertrifft alles, was ich in Sachen "Hund bewacht Haus" an Kuriositäten je zu sehen bekam. Auch Ines wird sich, meine Fotos betrachtend, fragen, ob der Hausherr bewusst zwei kleine Öffnungen für zwei kleine Hundeköpfe im Mäuerchen aussparte ...

Weinschänke Nummer drei steht am Rande von Molsheims altem Stadtkern. Ich muss dreimal hinsehen, um einmal zu glauben, was hier an Gaumenfreuden offeriert wird. Nicht nur der schon bekannte, golden vergorene Rebensaft. Eine Frau ist damit beschäftigt aus einem Zehnlitereimer kleine Portionen Sauerkraut auf Papptellern anzurichten. Ein klitzekleines bisschen dreht sich mir bei diesem Anblick der Magen um. Wein und Sauerkraut - unwillkürlich stelle ich mir die Kettenreaktion im Verdauungstrakt vor, wenn die beiden kritischen Substanzen dort in "Kontakt" kommen. Möglich wäre die sofortige eruptive Entleerung. Aber auch den Marathon zum Ultra auszudehnen, indem ich vielfach seitlich Deckung suchen müsste, wäre denkbar ...

Ich bescheide mich mit dem üblichen Wasser, inzwischen in der Menge reduziert. Zu häufig das Angebot und einmal musste ich bereits dem Drängen meiner Blase nachgebend Zeit opfern. Ein letzter, immer noch von Unglauben gelenkter Blick auf die Wein trinkenden Sauerkrautesser in ihren fantasievollen Kostümen, dann setze ich auf hölzernem Steg über ein Flüsschen, halte mich danach weiter auf dem Radweg. Wer wen zuerst entdeckt, müsste man(-n) mit seiner Frau ausdiskutieren. Ines macht sich bereits fotobereit, ich winke trotzdem, um nicht übersehen zu werden. Auch Roxi blickt in meine Richtung, zeigt aber keine Reaktion. Als wollte unser Hund sichergehen sich nicht an einen Unbekannten zu "verschwenden". Als sie mich dann sicher identifiziert hat - so tippelt nur ihr schlaff-müdes Herrchen!, - reagiert sie nach gewohntem Muster: Wild an der Leine in meine Richtung zerren und bellen!

Mein Laufgefühl bleibt "gedeckelt", auch wenn ich auf weiterhin brettflachem Radweg brauchbar vorankomme. Die Kilometer 11 bis 13 könnte man aus der Route getrost streichen, ohne damit auf Sehenswertes zu verzichten: flaches, von Landwirtschaft geprägtes Land. Ein wenig hat es den Anschein, als wollten alle den ereignislosen und von "oralen Genüssen" freien Abschnitt möglichst rasch hinter sich lassen. Eingangs des nächsten Dorfes klimpert von hinten ein Mann mit offenbar selbst verfertigtem Kopfschmuck heran. Leuchtdioden blinken, Schnüre mit wechselweise aufgezogenen Flaschenkorken und bunten Perlen enden am oberen Rücken in buntem Krimskrams. Ah! Verstehe! Da hat einer endlich Verwendung für die in jedem Haushalt massenhaft und nutzlos herumliegenden Schlüsselanhänger gefunden. Auf seinem Rücken will er mir weiß auf schwarz etwas mitteilen. "Dans 2 km j’accélère". Leider liegt mein Schulfranzösisch weitestgehend unter dem in mehr als fünf Dekaden angesammelten übrigen Wissensballast verschüttet, so dass mir einstweilen verborgen bleibt, was er in zwei Kilometern zu tun gedenkt. Offenbar macht auch mein Denkvermögen derzeit Urlaub, sonst hätte ich mir die Bedeutung aus dem im Deutschen verwendeten, sehr ähnlichen Fremdwort herleiten können.

*) "Dans 2 km j’accélère", deutsch: "In zwei Kilometern beschleunige ich"

Der Ort wirkt ausgestorben, als hätte das Coronavirus seine böse Absicht in den Gassen von Dachstein weitgehend in die Tat umgesetzt. "Dachstein" ... ich laufe durchs Elsass, französisch: d’Alsace. Ob sich dieser oder jener der zum Lauf angereisten Ausländer fragt, wieso die französischen Dörfer ringsum überwiegend urdeutsche Namen tragen: Dachstein, später Ergersheim, Wolxheim, Wangen, Molsheim und viele andere? Ob sie sich wunderten als sie kurz nach dem Start am "S’Dorf Stubel" vorbei rannten, einer Gaststätte, deren einzig französischer Anklang im Namen im Verzicht auf ü-Pünktchen besteht? - Deutsche und Franzosen standen sich Jahrhunderte in scheinbar Gott gegebener Erbfeindschaft gegenüber, töteten einander in zahllosen Kriegen. Als Folge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 riss das neu gegründete Deutsche Reich das Elsass an sich. Davor und danach wechselte sein Besitz mehrfach. 1918 mit dem Versailler Vertrag ging das Elsass zurück an Frankreich, durch Okkupation im Zweiten Weltkrieg wurde es wieder deutsch und nach dessen Ende endgültig französisch. In diesen Kriegen starben Millionen Franzosen und Deutsche für die "gerechte eigene Sache", übrigens mit dem Segen derselben Kirche hüben wie drüben ...

In ein paar Tagen werde ich im südlichen Elsass (zufällig) am Zaun eines französischen Soldatenfriedhofs (1914-18) stehen und überschlägig die Zahl der weißen Kreuze auf mehr als 3.000 taxieren. Westeuropa ist übersät mit solchen Friedhöfen. Ich frage nicht provokativ, ich frage hilflos: Welchen Sinn hatte dieses millionenfache Sterben und Leiden? Die unterschiedlichen Nationen und Gesellschaften, die französische und die deutsche, haben weiterhin Bestand. Mit völliger Selbstverständlichkeit anerkennt man die andere Lebensart, das französische "Savoir-vivre" und bei uns ... na ja, kennt jeder selbst. Unterschiede werden nicht länger als Herausforderung oder gar Bedrohung empfunden, eher als reizvoll. Die Grenzen sind aufgehoben, wir alle sind Europa. Rückblickend auf vielleicht 250 Jahre französisch-deutsche Nachbarschaft: Wie könnte ich die friedensstiftende Wirkung, die von der Entwicklung der EU ausgeht, unterschätzen? Und erinnern wir uns: Im Kern begann diese Entwicklung mit der nach 1945 ausgerufenen "Deutsch-französischen-Freundschaft"!

Malerisches Fachwerk und ein hübsches Stadttor begründen die Streckenführung durchs menschenleere Dorf hinreichend. Vor einer Tränke verlieren sich zwei, drei Läufer. Schon lange vorher steht somit fest, dass man dort nur Wasser reicht ... Durchs mittelalterliche Portal hinaus und zurück auf den Radweg an der Straße. Kurz nur, dann setze ich übers Flüsschen Bruche (deutsch: Breusch) und biege hundert Schritte weiter zum "Canal de la Bruche (Breuschkanal)" hin ab. Doch welche Aufgabe erfüllt ein Kanal, in dessen Verlauf ein Wehr jeglichem Bootsverkehr einen Riegel vorschiebt? Unwissenheit erteilt einen Auftrag: Zu Hause recherchieren!*

*) Bruche und Canal de la Bruche in Wikipedia

Kilometer 15 im Dorf Wolxheim: Schmerzen an den Zehen stellten Lauferfolge in 20 Jahren Marathon und Ultra nie infrage. Verursachten nicht mal ernsthafte Bedenken, auch nicht auf dreistellig, ultralangen Distanzen. Vermutlich, weil die Zehen zu spät protestierten, um sich im allgemeinen "Weh" noch Geltung zu verschaffen. Heute muckten sie bereits nach ungefähr 10 km auf, wurden aber nicht ernst genommen: "Geht von selber wieder weg". Pures Wunschdenken! Binnen weniger Minuten steigert sich die Schmerzintensität und erzielt Wirkung. Dieser Pein widerstehe ich unmöglich weitere 27 km! Fortan halte ich Ausschau nach einer geeigneten Stelle, um mich zu setzen und das Problem zu lösen ...

Die Ursache des Malheurs meine ich zu kennen: Mein linker ist minimal länger als der rechte Fuß. Normalerweise ist genug Platz im Schuh. Heute erklärte mir die gewählte Schuh-Strumpf-Kombi allerdings den Krieg. Zudem unterstelle ich nach dem Hunderter vor Wochenfrist Überempfindlichkeit im Zehenbereich ... Remmidemmi am Dorfplatz von Wolxheim. Eine im Altersspektrum 6 bis 60 zusammengewürfelte "Groupe de Pom-pom" begrüßt das Läufervolk. Musik aus Lautsprechern taktet ihren Rhythmus und ein Einpeitscher am Mikro heißt die vorbei defilierenden Narren willkommen. Obschon sportgerecht "kostümiert" wird auch "Udo" erwähnt und ein französisch gehauchtes "Augsburg" meine ich im Redeschwall gleichfalls vernommen zu haben. Treppenstufen unweit der Szene helfen mir weiter: Schuh aufschnüren, ausziehen, Strumpf im Zehenbereich zur Ferse hin straffen, Schuh wieder an und bombenfest binden. Die Schnürung wird bald am Rist zu drücken beginnen. Aber besser so als hinterher kapitale Blasen an den Zehen trockenlegen müssen ...

Ich verlasse Wolxheim am Fuß umliegender Weinberge, trabe moderat bergan und biege auf eine Graspiste ab. Beidseits flankieren nun Rebstöcke meinen Weg, den ich an einer Wasserstelle sekundenlang unterbreche. Die Graspiste mündet alsbald in eine Schotterpiste, auf der ich mich abermals nach rechts wende. Im Zentrum des auf diese Weise erlaufenen Vierecks, steht eine alte Kapelle*. Keine Minute später spüre ich wieder Asphalt unter den Füßen und dringe tiefer in die Weinberge vor. Weinberge, die mit dem "Berg" hinter "Wein" zum ersten Mal Ernst machen. 200 steile Wegmeter bergauf, die nur einen Narren noch laufen sehen, und der ist nicht mal kostümiert. "Tous les autres", ob maskiert oder nicht, befleißigen sich mehr oder weniger eiliger Gehschritte, weichen aber bereitwillig zur Seite, wenn sich Udo mit leisem Tapptapp anschleicht ...

*) Chapelle Saint-Denis in Wolxheim

Zu wenig Puste unter der Monstermaske: Die 17 km bis Ortsrand Wolxheim hielt er unter Silikon eisern durch, erntete, die ausgestreckte Hand abklatschend, einmal sogar ein angeekeltes Quietschen eines kleines Mädchens. Den ersten Atem raubenden Anstieg nimmt er nun gehend und barhäuptig, hält die schlabberige Maske in der Hand. Ende Anstieg, links abbiegen, fortan wieder Schotter unter den Füßen. "Trailige" Abschnitte mit offenkundig geringer Ausdehnung waren in der Streckenskizze eingezeichnet, also denke ich mir nichts dabei. Schon eher bedenke und beklage ich von der blattgoldenen, auf dem höchsten Punkt des Höhenrückens trohnenden Figur* vorm Anstieg keinen Schnappschuss mitgenommen zu haben. Statt sich ihr zu nähern, womit ich rechnete, entfernt sich die Strecke, strebt nun wieder dem Tal zu ...

*) Die Sacré-Coeur Statue auf dem Horn ist 3,50 Meter hoch, wiegt 1,5 Tonnen und trägt eine Schicht aus ca. 5.000 Blatt 24 Karat Blattgold (mehr in Wikipedia).

Dem Tal entgegen auf wenig fussfreundlicher Piste. Wie Feldwege nun einmal beschaffen sind, die die übrigen 364 Tage im Jahr von Bauern zur Bestellung ihrer Äcker befahren und selten bis nie repariert werden. Schrundiges Geläuf bremst mich im Übermaß. Warum? Vielleicht aus Vorsicht oder weil es sich hässlich anfühlt, von Geröll, Rinnen und anderen Unebenheiten durchgerüttelt zu werden. Ich war nicht schon immer so empfindlich: "Früher" nahm ich den Zustand von Laufstrecken klaglos hin, achtete kaum darauf. Dass mir das seit geraumer Zeit immer weniger gelingt, ist - wie viele andere Veränderungen auch - eine Alterserscheinung. Als ich begann an Wettkämpfen teilzunehmen - mit damals immerhin schon 48 Lenzen -, dachte ich selten über den Alterungsprozess und seine Auswirkungen aufs Laufen nach. Wenn doch, dann hing ich der Vorstellung an, Altwerden wäre gleichbedeutend mit langsamer werden, vielleicht auch verletzungsanfälliger. Mehr nicht. Ein ziemlicher Irrtum, wie ich inzwischen weiß, obschon ich mich noch nicht wirklich alt fühle und mutmaßlich noch nicht von allen Einschränkungen betroffen bin.

Der Hang neigt sich ostwärts dem Tal zu. Erst spät, als Sonnenblumen als ebenso auffälliges wie hübsches Motiv ins Blickfeld rücken, bemerke ich die Veränderung: Keine Reben mehr, stattdessen besagte Sonnenblumen, Mais und Getreide. Wahrscheinlich bekommen Ost- oder Nordhänge zu wenig Sonne ab, um die Qualitätsansprüche der Winzer zu erfüllen. Mehrfach ändert sich die Laufrichtung, jeweils im rechten Winkel, ganz so wie es dem Streckenplaner gefiel und der grün-gelbe Flickenteppich in der Talmulde zulässt. Hinter der nächsten, von brusthohen Sonnenblumen eingenommenen Feldecke kann ich mir ein Stöhnen nicht länger verkneifen: Nur notdürftig bis über Knöchelhöhe gemähtes Gras unter den Füßen. Tippeln wie auf Wolken. Sollte der Vergleich passen und ich in den Himmel kommen (fraglich), so gelobe ich feierlich dort oben keinen einzigen Meter zu joggen! Stattdessen werde ich mich auf eine Wolke setzen und - bekanntem Beispiel folgend* - frohlocken: Halleluja!

*) "Ein Münchner im Himmel", Satire von Ludwig Thoma, gesprochen von Adolf Gondrell (1962)

Die "Fußfolter Feld" zieht sich gefühlt über zig Kilometer hin. In Wirklichkeit waren von Asphalt zu wieder Asphalt gerade mal zwei Kilometer zu überwinden. Inzwischen folge ich aufatmend meinen Mitläufern durch die Sträßchen von Dahlenheim. Auffällig die Zweiteilung des Marathonfeldes am nächsten Versorgungsstand: Rechts, wo Wasser in Bechern bereitsteht, wenige "unbunte" Gestalten, zu denen es auch mich hinzieht. Links, am Weinausschank, ein Pulk quietschbunt Kostümierter. Zwischen ihnen erstaunlicherweise auch noch die "Baströckchen". Dem älteren Paar hatte ich durchaus Trink- aber eher geringe läuferische Standfestigkeit zugetraut. Insbesondere das m-Baströckchen versetzt mich in Erstaunen: Wülste bildend sitzt der runde Kopf ohne erkennbaren Hals auf den Schultern. Breite, um nicht zu sagen gewaltige Schultern, die in einen reichlich voluminösen Oberkörper übergehen. Wahrlich kein Läufertyp. Aber was heißt das schon? Uneingeweihte Betrachter kämen zu keiner anderen Einschätzung, wenn sie mein läuferisches Durchhaltevermögen beurteilten.

Kilometer 20: Im Kielwasser von Serge, dem Mönch in der Kutte, zwischen da und dort applaudierenden Zaungästen, verlasse ich Dahlenheim. Zu meiner Erleichterung erobern wir den anstehenden Hügel auf einem Radweg. Etliche gehen, zwingen mich zum Schlingerkurs, doch noch vor der Kuppe entzerrt sich das zufällige Knäuel. Nicht weit bis zum nächsten Ort, bei dem es sich um Scharrachbergheim-Irmstett handeln muss, wo vor einer knappen halben Stunde der Halbmarathon seinen Anfang nahm. Die Startzeit 10 Uhr, zwei Stunden nach den Marathonis, scheint mir gut durchdacht: Wer binnen vier Stunden und schneller das Ziel ansteuert, läuft vorm Feld der Halben her und wird nicht behindert. Und wer wie ich "comme un escargot" (schneckengleich) dahinschleicht, profitiert ebenfalls: Mit einer halben Stunde Vorsprung werden die meisten "Halben" vor mir das Ziel erreicht haben. Das stark ausgedünnte, hintere Feld wird mich nicht behindern. - Etwas in der Art geht mir durch den Kopf. Dass ich mit dieser Einschätzung die Wahrheit um Lichtjahre verfehle, ahne ich zum Glück noch nicht ...

Scharrachbergheim-Irmstett liegt am grünen Hang, eingefasst von Reben. In leichtem Gefälle trabe ich zur Abwechslung mal leichtfüßig dahin. Vorbei an den Gittern der verwaisten Halbmarathon-Startblöcke und den "üblichen Verdächtigen", die das nächste Gläschen des goldgelben Vin d'Alsace verkosten. Ich messe die Hauptstraße des hübschen alten Ortes talwärts ab. Passiere bestens restaurierte Fachwerkhäuser und rustikal Gemauertes ... Bin ich noch in diesem oder schon im nächsten Dorf? Auf den folgenden Kilometern reiht sich eine Ansiedlung an die nächste. Kaum unbebaute Fläche dazwischen und oft fehlen Ortstafeln, die mir die Ansiedlungen vorstellen könnten. Ich verzichte auch weitgehend auf Fotos. Kilometerweit kommt mir nichts Originelles oder "Hübsches" vor die Linse. Gähnende Leere an den nächsten Weinschänken: Die relative Einsamkeit im hinteren Marathonfeld verhindert "rauschende Spontanfeten" mit Tanz und Gesang, wie ich sie auf den ersten Kilometern schilderte.

Kilometer 27: Der Radweg durchquert ein Tal, parallel zur erhöht verlaufenden Schnellstraße. Wiesen zur Linken, meist eingezäunte Viehweiden. Wow! was für ein seltener Anblick: Eine wuchtige Kaltblutstute mit Fohlen steht mir Modell. Statt "Wow!" entlockt mir der Blick in den Himmel ein besorgtes "Oh je!". Eine gute Stunde zu Beginn schien die Sonne, danach trübte sich der Himmel ein. Seither dominieren Wolken dort oben, die sich in der letzten halben Stunde zur dunkelblaugrauen Drohung zusammenballten. Das sieht nicht gut aus ... Trotz mäßiger Temperatur und fehlender Sonne wische ich mir unentwegt sickernden Schweiß aus dem Gesicht. Klebriger Schweiß. Bei offenbar hoher Luftfeuchtigkeit verdunstet zu wenig Feuchtigkeit auf der Haut.

Nächstes Dorf, nächste Weinprobe: Wangen, ein ausgesprochen hübscher Ort, mit mittelalterlichem Stadttor, Kirchplatz und jede Menge Fachwerk beidseits der engen Hauptgasse. Von Wassertrink- und diversen Fotostopps unterbrochen tippele ich durchs Dorf, bis mich ein zweites Tor wieder in Richtung Weingärten entlässt. Ich nähere mich einer Straßenkreuzung, an der nicht näher "Ergründbares" vorgeht. Ein Mann mit Mikro kommentiert unentwegt und gut gelaunt das Geschehen. Eine nicht gänzlich gesicherte Erkenntnis, denn die vorsintflutliche Lautsprecheranlage entlässt seine Stimme "dumpf mümmelnd" gen Himmel, nicht eine französische Vokabel im Redeschwall verständlich. Zwei Gestelle stehen am Straßenrand in Höhe der Kreuzung. An einem prangen die Wappen diverser Dörfer, die ich entweder schon betrat oder deren Besuch mir noch bevorsteht. Gestell zwei fordert offenbar dazu auf das eigene Land mit einem Wimpel zu präsentieren. Gerade hängt ein Läuferpaar w/m die Farben Portugals zu den schon wehenden von Frankreich, Deutschland, Polen und Italien. Zentral und alle überragend die Flagge der EU. Nette Aktion, das mit den Wappen und Fähnchen, dennoch lasse ich die Kreuzung ein bisschen verwirrt zurück: Es fehlen diverse EU-Nationen, etwa Dänen und Schweden, von denen ich gleichfalls Vertreter im Feld ausmachen konnte. War bekannt (wurde dazu aufgefordert?) die eigene Nation auf diese Weise zu verewigen?

Kilometer 29: In Gedanken versunken tippele ich den sich anschließenden asphaltierten Feldweg aufwärts und nähere mich aussichtsreichen Bewerbern für den Tagessieg in Sachen "beklopptestes Outfit". Darunter ein molliger Mann in mittleren Jahren in schwarzem T-Shirt und feuerrotem Tütü. "Die Teufelsläufer aus der Eifel" trägt er als Motto spazieren, in zweiter Zeile darunter "Genussmarathon Molsheim". Weitaus bizarrer und ein bisschen "eklig" die "Verkleidung" dreier junger Leute - deux garçons et une fille: Laufschuhe an den Füßen, Leibesmitte in eine dicke Windel verpackt, ansonsten käseweiße Haut unverhüllt zur Schau stellend. Weil "la fille" unterdessen zur "femme" erblühte, verhüllt sie auch ihre Oberweite notdürftig. Geht's noch verrückter?

Ich "besiege" den Hügel und gerate unversehens in vielbeiniges Getümmel. Massenhaft Läufer auf diesem Teil Strecke, überwiegend kostümiert. Nach und nach überhole ich mehrere, in einheitlich bunter Maskerade einher tippelnde Gruppen. Um beispielsweise "Die Teufelsläufer aus der Eifel" zu zählen - alle Damen und Herren in schwarzem T-Shirt und feuerrotem Tütü -, finde ich zu wenig Finger an einer Hand. Die Frage "Woher kommen die so plötzlich alle?" liegt zwar auf ebenjener Hand, mir aber nicht auf der Zunge. In diesen Minuten bewegen mich ganz andere Probleme. Auf der Hügelkuppe, zwischen Reihen von Reben, ging Asphalt ohne Vorwarnung in etwas über, für das ich nur widerwillig die Bezeichnung Weg akzeptiere. Löcher, vom Regen ausgewaschene Rinnen und Steine jeder Größe rütteln meine Knochen gewaltig durch. Meist blicke ich zu Boden, um im Ungewissen sichere Trittflächen zu finden ... Vermutlich deshalb sickert die Erkenntnis sehr langsam durch: Ich bin auf das Inferno "Halbmarathon" aufgelaufen ...

Kein Zweifel: Blaue HM-Startnummern zieren vielfach Leute, die alltäglich wohl eher nicht laufen. Zumindest nicht so weit. 1.370 HM-Finisher wird die Ergebnisliste am Ende aufzählen. Die letzte "Läuferin" darin, eine gewisse "Nadia", wird für die rund 21 Kilometer 5:21:43 Stunden benötigen. Spekulativ zwar aber bestimmt nicht weit von der Wahrheit entfernt: 2:21:43 Stunden wird die Dame in der Vorwärtsbewegung verbringen, ungefähr 3:00:00 Stunden beim Alkoholkonsum mit unterhaltsamem Beiwerk. - Jeder darf seinen "Sport" gestalten wie er möchte. Allerdings hat, was mir auf den nächsten Kilometern begegnet, auch widerfährt, mit Sport nicht mehr viel zu tun. Die stattdessen ausgeübte Disziplin wäre mit "geselligem Beisammensein unter zunehmendem Einfluss von Alkohol, unterbrochen von zeitweiliger Vorwärtsbewegung" treffender beschrieben.

Zwei Pkw des "Protection civile"* stehen mit eingeschaltetem Blaulicht an der Strecke. Hinter den Fahrzeugen betreut Sanitätspersonal zwei zu Schaden gekommene Läufer. Ob orthopädisch oder vom Alkohol niedergestreckt, kann ich nicht erkennen. Offen gestanden hätte ich mit mehr Ausfällen gerechnet. Einziges mutmaßliches Alkoholopfer bislang: Ein junger Holländer, Teil einer Vierergruppe, der sich zwischen Rebstöcken krümmte und dabei vielleicht nicht die Seele aber sonst restlos alles aus den Eingeweiden k ...

*) Freiwilliger Katastrophenschutz in Frankreich, allerdings mit breiterem Einsatzspektrum als etwa das "Technische Hilfswerk" in Deutschland.

Halbmarathonis und -nas, manche behäbig wie Hummeln, andere aufgeregt wie Wespen, schwärmen vor mir her. Ihr Geplapper liegt als stetes Brummen über dem Laufweg. Wäre mir gleichgültig, kämen mir die Leute nicht allzu oft in die Quere. Verlegen mir den Weg auf einem Weg, der immer beschwerlicher wird. Grasteppiche rauben Ausdauer, geröllige Abschnitte foltern den Bewegungsapparat. Besonders an den Zehen links, die mich längst wieder belästigen ... noch 12 km.

Voraus eine Plantage mit Kirschbäumen, daran reife, dunkelrote Kirschen, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Über die streckennahen Bäume fallen Scharen gefräßiger Stare her. Stare allerdings, die man so farbenfroh und riesig nirgendwo sonst auf der Welt zu sehen bekommt. Kernobst, Wein, da und dort sicher auch Wasser - übersteht man das ohne Bauchweh? Heimliche Rache des bestohlenen Obstbauern, auch wenn es ihn gar nicht danach gelüsten sollte.

Kilometer 32: Tränheim kommt meinen Beinen vor wie eine Oase in der Wüste: Nach langer, schmerzhafter Entbehrung endlich wieder Asphalt. Alsbald offeriert der Ort eine Wasserstelle, dazu noch einen Gag: Zum einen Tor rein, zum anderen wieder raus, die bunte Schar durchquert den Hof eines Elsässer Bauern, erfreut sich zugleich an zwei zur Besichtigung aufgefahrenen, alten Traktoren. Dann ist auch schon wieder Schluss mit lustig. Tränheim erweist sich tatsächlich als Asphalt-Oase mitten in der Schotterwüste. Zurück in die Weinberge, weitermachen mit "Haxen schreddern". Aufwärts zunächst, danach, die Höhe haltend, auf die bisher größte Menschenansammlung des Laufes zu. In ganzer Breite blockieren Verkleidete den Weg und ein jeder hält sich an seinem Weinglas fest. Vorsichtig schlängele ich mich hindurch und suche das Weite ... noch immer auf Pisten, die zu vielem taugen, nur eben nicht zu beschwingtem Laufen.

Meine miese Tagesform konnte ich unterhalten von hübschen Panoramen, Kuriositäten und erpresst von wehen Füßen lange überspielen. Seit einer Weile nicht mehr. Mit nun schon 35 Kilometern in den Beinen wird der beinahe leere "Akku" zum bestimmenden Thema. Die vier Gelrationen in meinem Gürtel rührte ich nicht an. Und trotz des sich immer dramatischer abzeichnenden Kräfteverfalls habe ich nicht vor das zu ändern. Es muss ohne Zucker gehen. Herausfordernde Zielzeitträume hatte ich keine und der Wunsch unter fünf Stunden das Ziel zu erreichen war schon nach der ersten Serie grauenvoller Feldwege perdu. Kein Grund erkennbar mir final nach den Füßen auch noch die Geschmacksnerven mit pappigem Gel zu ruinieren. Tippelnd ankommen wird dauern, aber ans Läuferleben im Zeitlupentempo habe ich mich inzwischen schon gewöhnt ...

Ich kämpfe mich ein steiles Sträßchen empor und biege in Dangolsheim auf die Hauptstraße ab. Ein Drittel der Straßenbreite beließ man dem Verkehr, reservierte zwei mit Gittern abgeteilte Drittel für uns Läufer. Zwei zu eins klingt nach viel Platz. Der reicht aber nicht. Nicht in Höhe der Weintränke, wo eine ausgeflippte Karnevalstruppe allen Platz zum Tanzen, Singen und Trinken braucht. Ich suche eine Lücke finde aber keine. Schlussendlich quetsche mich durch die Absperrung und umgehe die alkohol-bedingte Verstopfung auf der Autoseite ...

Kilometer 38: So gut wie vollbracht, auch wenn mich noch gut vier Kilometer vom Zieleinlauf trennen. Auf flachem Radweg in schattiger Flussaue komme ich auf erträgliche Weise voran. Schatten spendende Bäume haben unverhofft wieder an Bedeutung gewonnen. Zuletzt setzte sich mehr und mehr die Sonne durch. Wer beim Marathon du Vignoble d'Alsace vier Kilometer vorm Ziel noch joggt, ob schneckengleich oder flotter, sammelt massenhaft Bunte und weniger Bunte ein. In der Mehrzahl Halbmarathonis, die sich weitgehend entkräftet irgendwie aufrecht halten.

Kilometer 39: Der Canal de la Bruche fließt wieder zu meiner Linken. Ein paar hundert Schritte voraus geht ein weiteres Kostümfest über die Bühne, vermutlich das letzte auf der Strecke. Wider Erwarten passiere ich die Partyzone unbehindert. Die Route wendet sich vom Kanal ab, folgt innerorts einem Flüsschen. Innerorts Avolsheim, wo die Weinseligen gerade eben noch einmal ihren Promillewert heben durften.

Versöhnlicher Abschluss für meine wunden Füße auf der Schlussetappe: Auf 1a-Radweg-Asphalt trotte ich vor mich hin. Hundemüde auf klagenden Füßen und doch auf unbestimmbare Weise zufrieden. Ich wollte eigentlich nicht mehr stehen bleiben, werde für einen Schnappschuss aber wortbrüchig - zu verlockend die Aussicht über ein Meer aus Sonnenblumen, hinter dem sich ein von Reben bedeckter Hügel erhebt. Mit unsäglicher Mühe finde ich in meinen Schrittrhythmus zurück. War ich final beim Hunderter vor Wochenfrist auch so restlos erledigt? "Spüren" gelingt mir nur im hier und jetzt. Gefühle, an die ich mich erinnere, so intensiv oder brutal sie mich auch bedrängt haben mögen, fallen ausnahmslos gegen augenblickliche ab. Nicht überraschend daher, dass momentaner "Jammer" den Rekord des gerade noch Aushaltbaren für sich reklamiert - was angesichts meiner "exzessiven" Läufervergangenheit so nicht stimmen kann.

Beseelt von nur noch einem Wunsch schleppe ich mich voran: Ankommen und nicht mehr laufen müssen. Haken hinter Kilometer 40, schließlich 41, bereits in Molsheim. Diese und jene Straße noch mit Schritten füllen, dann endlich die letzten paar hundert Meter. Wie immer straffe ich mich innerlich zum Zieleinlauf, was hoffentlich auch äußerlich seine Wirkung nicht verfehlen wird. Ich biege auf die Zielgerade ein, laufe über einen roten Teppich und vollende nach unerwartet harten 5:12:55 Stunden, im Beisein meines Fanclubs, Ines und Roxi, zum 324. Mal einen Marathon oder weiter.

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Der letzte von 782 Finishern des Marathons erreichte nach 7:25:10 Stunden das Ziel. Auch viele andere ließen sich vom Trinken und Feiern lange aufhalten. Ausschließlich dieser Umstand erklärt meine "Top-Platzierung" mit einer grottenschlechten Zeit von über fünf Stunden: 445. von 782 gesamt und 6. in der Altersklasse 60plus von 26 Startern.

 

Fazit zur Veranstaltung

Man läuft kostümiert, es wird Alkohol getrunken, getanzt und gesungen, im Mittelpunkt steht für viele Teilnehmer Abfeiern und geselliges Beisammensein. Laufen als Sport rückt für einen großen Teil des Feldes, vor allem des HM-Feldes, als Mittel zum Zweck in den Hintergrund. Insofern sollte am Marathon du Vignoble d'Alsace nur teilnehmen, wer entweder dieselben Neigungen verspürt oder sich von den Umständen nicht stören bzw. beirren lässt. Wer ausschließlich das sportliche Erlebnis sucht, sollte sein Tempo so einrichten, dass er den ersten Halbmarathon unter zwei Stunden absolviert, um die Halbmarathonis hinter sich zu haben.

Die Strecke weist zwar nur etwa 340 Höhenmeter auf, fordert aber mit etlichen Kilometern ruppiger Feldwege. Auf einem Großteil der Route genießt man den landschaftlichen Reiz der Elsässer Weinbauregion, besichtigt darüber hinaus mehrere hübsche Dörfer.

Die Organisation des Marathon du Vignoble d'Alsace verdient das Attribut vorbildlich. Das gilt für jeden Teilbereich, gleich ob Anmeldung, Parken, Abholen der Startnummer, Versorgung, Verpflegung der Teilnehmer nach dem Lauf, Duschen und anderes mehr.

Das inhaltliche Konzept der Veranstaltung, von Weinverkostung unterbrochene Ausdauerleistung, lehne ich ab. Alkohol lähmt den Energiestoffwechsel, hat demnach bei der Sportausübung keinen Platz. Unter welchen Umständen Läufer durch Alkoholkonsum auch gesundheitliche Risiken eingehen, müssen Mediziner beurteilen.

Fazit: Muss ich nicht noch mal haben, werde mich aber auch nicht "weigern", sollte ich zur Marathonzeit vor Ort oder in der Nähe urlauben.

 

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