28. Mai 2022

Hab ichís trauf?  -  Halb-Traum 2022

Alb- oder Halb-Traum, 115 oder 57 Kilometer weit die einzigartige Landschaft des Albtraufs erleben, diese Wahl haben Trailläufer in Geislingen an der Steige. Eine Benefizveranstaltung, die Startgelder als Spenden erhebt und sie zu hundert Prozent karitativen Zwecken zuführt. Was an Verpflegung, Infrastruktur und Man-Power zur Durchführung des Laufs gebraucht wird, erbetteln sich die sieben Männer des Alb-Traum 100 e.V. von Unternehmen und Geschäften in der Region.

2019 fiel meine Wahl auf den Alb-Traum 100 mit seinen 115 Kilometern. Meine Läufe wähle ich in erster Linie danach aus, ob sie mich zur Vorbereitung auf ein Ultra-Saisonziel geeignet belasten. Das galt zum Beispiel für den Supermarathon am Rennsteig in der Vorwoche. Es kommt aber vor, dass ich meinen querulanten, gesunden Läuferverstand vor einer Anmeldung wegsperre; ihn erst hinterher wieder freilasse, damit er Bedenken sät und mich die Aufgabe nicht unterschätzen lässt. Der Alb-Traum 100 entsprach 2019 absolut nicht meinen läuferischen Fähigkeiten. Von jeher leiste ich weder Befriedigendes am Berg, noch schaffe ich es gewandt wie ein Steinbock über anspruchsvolle Trails zu flitzen. Und exakt dieses Anspruches wegen steht der Alb-Traum 100 bei vielen cross-verliebten Läufern hoch im Kurs. Aus zwei Gründen meldete ich mich dennoch an. Eins: Laufvergnügen in Heimatnähe, kurze Anfahrt von nur 120 km. Zwei: Die Aussicht auf ein einmaliges Landschaftserlebnis.

Ich wurde nicht enttäuscht, war aber heillos überfordert. Wie sehr kommt darin zum Ausdruck, dass mein Vorabschätzwert um Welten unter der tatsächlichen Laufzeit von 18:14 Stunden gelegen hatte. So wurde der Alb-Traum 100 - das Wortspiel muss an dieser Stelle sein - auch ein bisschen zu meinem persönlichen Albtraum. Was aber blieb, war grenzenlose Begeisterung für die Landschaft am Rande der Schwäbischen Alb. Also hielt ich den Halb-Traum mit "nur" 57 Kilometern und 1.700 Höhenmetern für einen zumindest befriedigend laufbaren Kompromiss: Meinem eingeschränkten Trail-Vermögen besser angepasst böte sich mir trotzdem stundenlanger Landschaftsgenuss.

2020, als ich mich zum Halb-Traum anmeldete, hätten Soll (= Strecke) und Ist (= Udo) vermutlich harmoniert. Dann hielt das Virus Einzug und der Lauf wurde verschoben. Erst auf 2021 und ein weiteres Mal auf Mai 2022. Auf heute! Unterdessen liegen Soll und Ist jedoch meilenweit auseinander. Um es in einem Bild unmissverständlich auszudrücken: an entgegengesetzten Ufern eines Ozeans. Meine Anmeldung also zurückziehen? Ich wog wochenlang Für und Wider ab, bis ich mich entschied das Risiko einer herben Enttäuschung einzugehen. Vorab steht für mich fest, dass ich die wesentlichen Anstiege nur gehend werde bezwingen können. Zudem rechne ich mit etwa neun mühevollen Stunden, um die anspruchsvollen Trails und die vielen Höhenmeter abzulaufen. Setze ich die zu erwartende "Lauf-"zeit mit Belastung gleich, dann passt der Halb-Traum auch wieder in mein Vorbereitungsprogramm für den Hunderter im Juni. Zur Erinnerung: Für die 74 km und 1.700 Höhenmeter des Rennsteigs benötigte ich in der Vorwoche gleichfalls knapp 10 Stunden ...

Los gehtís vor der Geislinger Stadthalle, die den Läufern nahezu ideale Bedingungen vor und nach dem Lauf garantiert. Parken, Startnummer abholen, Briefing (Teilnahme obligatorisch), Duschen, Verpflegen - alles auf engstem Raum. Das Briefing brachte mir keine wesentlichen Erkenntnisse. Eine Streckenänderung bei Kilometer 20 wurde angekündigt, zugleich aber ausreichende Orientierung per gpx-Track und Beschilderung in Aussicht gestellt. Einträchtig mit 170 "echten" Trailläufern warte ich vor der Halle auf das Startsignal.

Ein bisschen komme ich mir vor wie der Ochse, den man zur Schlachtbank führt. Was mich vom Ochsen unterscheidet und die Hinrichtung verhindern könnte, ist angeblich mein menschenrechtlich verbriefter, freier Wille. Dem ich allerdings nicht nur subjektiv und im Hinblick auf mein Laufhobby, sondern auch ganz allgemein die reale Welt des Jahres 2022 betrachtend, mit Skepsis begegne. Menschen sind zwar vernunftbegabte Wesen, reagieren aber nicht zuletzt auch emotional. Nur so sind selbstzerstörerische Irrationalitäten erklärbar. Allgemein: Zum Beispiel das andauernde Verbrechen in der Ukraine. Ganz persönlich: Mein Start heute beim Halb-Traum.

Stehend erhalten wir noch eine Kurzeinweisung ins Startprozedere. Der Wettkampf beginnt Punkt 9 Uhr mit neutralisiertem Start. Bedeutet: Auf dem ersten Kilometer durchquert die Herde (darin Ochse Udo) gemeinsam den Stadtkern mit der Fußgängerzone. Vor dem Steilhang des Albtraufs auf der anderen Talseite gilt dann: Freie Jagd. Mit einiger Sicherheit gibt es keinen zweiten Läufer im Pulk, dem wie mir schon dieser kurze neutralisierte Herdentrieb enorm zu schaffen macht. Kurz gebe ich mich der Illusion hin den toten Punkt (erlebe ich häufig zu Beginn eines Trainings) bald überwunden zu haben. Als das nicht geschieht, schiebe ich Steifheit und Lähmung den ungewohnt klobigen Trailschuhen in die Schuhe, beschuldige auch den vollgepackten, meinen Oberkörper einschnürenden Laufrucksack böswilliger Sabotage. Und nicht zu vergessen: Vielleicht hinkt auch meine Regeneration infolge bockharten Rennsteiglaufs hinterher.

Bevor ich über die Alternative "schlechte Tagesform", samt dementsprechend drohendem Fiasko, zu spekulieren beginne, erreichen wir den Fuß der "Steilwand" und stehen erst einmal im Stau. Der ist so sicher wie das Amen in der Kirche. 171 Läufer müssen den zur Kante des Albtraufs hinauf führenden Steig im Gänsemarsch bezwingen. Eine halbe Minute vergeht, dann ist die Reihe an mir. Zügig schreite ich hinan und hinterdrein. Schreiten wäre selbst mit ausreichend Puste alternativlos. Alle (!) Vorderleute gehen, Überholen ausgeschlossen. "Zügig" schreiten wird erwartet, weil zu diesem Zeitpunkt alle - noch ausgeruht und gut präpariert - wild drauflos marschieren. Ich beuge mich dem zügig. A) Weil ich selbst zügig gehen möchte. Und, weil, wer B) einen Alters- oder Unzureichend-Trainierten-Bonus einfordert sich auch ans Ende der Herde hätte stellen können.

Kein Wunder also, dass mein Kreislauf rasch in Wallung gerät und schon nach kurzer Zeit Sturzbäche über Stirn und Schläfe rinnen. Und das, obwohl die letzte, über Deutschland hergefallene Kaltfront das Quecksilber noch deutlich unter der 10°Celsius festhält. Welche Gangart würde ich praktizieren, wäre ich hier alleine unterwegs? - Zweifellos wäre ich in der Lage die folgenden etwa 200 Höhenmeter an Serpentinen im Trab zu erobern. Mit Blick auf das "Tagesrestprogramm" würde ich das jedoch aus reinem Selbsterhaltungstrieb und zur Vermeidung eines späteren DNF-Debakels unterlassen. Ein Querweg, der sogar ein paar Höhenmeter preisgibt, fordert zum Laufen auf, ansonsten heißt es: Gehen.

Nach und nach erkenne ich die Route wieder. Kein Staunen insofern, mich mit nur einem finalen Schritt von der steilen Abbruchkante des Albtraufs* auf die brettflache Tafel der Schwäbischen Alb* hieven zu können. Ebenso wenig überraschend ein paar Meter abseits das Geislinger Wahrzeichen, ein schlichtes, weithin sichtbares, mehrere Meter hohes Kreuz, zu erblicken. Eile treibt mich heute sicher nicht. Deshalb leiste ich mir ein paar Extrameter, jogge am Kreuz vorbei zur Aussichtskanzel und genieße sekundenlang das Panorama der zwischen Höhenzügen eingebettet liegenden Stadt. Erst dann wende ich mich wieder Strecke und Mitläufern zu ...

*) Zu Entstehung, Formationen und Ausdehnung der Schwäbischen Alb und ihrer Abbruchkante, dem so genannten "Albtrauf", gibt Wikipedia Aufschluss; Link: "Schwäbische Alb", Link: "Albtrauf".

Feldwege, asphaltierte Abschnitte und Pfade in gutem Zustand wechseln unter meinen Füßen ab. Unverändert dabei mein Laufgefühl, das sich nicht in einem Satz zusammenfassen lässt. "Unfrisch" gehört als Attribut in die Beschreibung ebenso, wie von "schweren Beinen" die Rede sein müsste. Auch auf den fast drei Kilometern relativ flachen und technisch unschwierigen Terrains, die wir auf der Hochfläche einsammeln, gelingt es mir nicht im Wettkampf anzukommen. Ich stehe auf seltsame Weise "neben mir". Stehe neben mir in ungewohnten, als klobig empfundenen Trailschuhen, die mein Fremdeln verstärken. Keine Ahnung, wann ich die Treter zuletzt an den Füßen hatte*. Eine Zeit lang sah ich mich im letzten Jahr sogar nach Ersatz um und weiß nun wieder wieso.

*) Tatsächlich trug ich die Trailschuhe zuletzt bei einem 50 km-Traillauf in Ostsachsen, im Oktober 2020. Vom Ersatzkauf ließ ich ab, weil ich Trailschuhe nur sehr selten nutze.

An der Griffigkeit der Sohlen gibt es jedenfalls nichts auszusetzen, wie ich nun im ersten ernsthaften Abstieg merke. Steile, mit steinernen Tritten und Wurzeln durchsetzte Serpentinen leiten mich talwärts. Obschon mitten am Vormittag hält sich im dichten Wald des Steilhanges ein gewisses Halbdunkel. Hochkonzentriert und vorsichtig gebe ich Höhe auf, setze jeden Schritt mit Bedacht. Schrittgeräusche nahender Verfolger machen mich nervös. Ich fühle mich zu mehr Tempo "genötigt". Mehr Tempo zu Lasten der Sicherheit, was ich kategorisch ausschließe. Ich trete lieber zur Seite und lasse die flinker koordinierten Beinpaare passieren. Ein Großteil der seit Geislingen eroberten Höhenmeter gebe ich auf diese Weise wieder preis. Zugleich beklage ich, was ich immer in wunderschöner Landschaft und auf Wegen, die meine volle Aufmerksamkeit einfordern, beklage: Keine Muße, um der herrlichen Umgebung mehr als nur flüchtigen Augenschein zu widmen.

Dann bin ich "unten". Relativ weit "unten". Am hier flacher auslaufenden, überwiegend bewaldeten Hang folge ich der Albtrauf-Route, orientiere mich bis auf weiteres am Symbol des Wanderweges "Albtraufgänger". Das schwarze, geschwungene "T" auf gelbem Grund findet man an Wegweisern, als Täfelchen an Bäumen, inmitten der "Zivilisation" auch als Klebefolie auf diversen Untergründen. Flache Abschnitte bleiben die Ausnahme auf den nächsten etwa drei Kilometern. Häufig wechselnd rauf und wieder runter, jeweils nicht lange, so dass meine Beine - nicht ich! - die Gangart "versammelter Trab" konsequent beibehalten können. Willentlich, mit dem Ziel "mehr Raumgewinn" gesteuertes und forciertes Lauftempo, scheidet in diesem Profil als Option aus. Jedenfalls für mich. Ich entscheide lediglich, ob gelaufen oder gegangen wird. Den Rest überlasse ich intuitiv agierendem Laufgefühl.

Mitläufer bekomme ich schon in dieser Phase nur noch vereinzelt zu Gesicht. Wodurch sich mir der Eindruck vermittelt eine Position am Ende des bereits weit auseinander gezogenen Feldes zu bekleiden. Richtig oder falsch? Ich weiß es wirklich nicht.* Überdies eine nebensächliche Frage, denn ich "muss mein Ding machen". Kann nur laufen, was ich laufen kann. Und doch berührt mich die Vorstellung die "rote Laterne" zu tragen in unangenehmer Weise. - Der Weg erschließt Sehenswertes. Dann und wann Ausblicke talwärts oder gegen die jenseitigen, felsigen Wände des Albtraufs. Ich komme an einer über und über bemoosten, geradezu kuschelig wirkenden Felsformation vorbei. Zwar kommt mir die Idee diesen grünen, optischen Leckerbissen zu erklettern absurd vor. Die Naturschutzbehörde hielt es dennoch für geboten auf das natürliche Kleinod als "Biotop" mit Betreteverbot hinzuweisen.

*) Mein Eindruck erweist sich gemäß Schlussklassement als grob falsch: Von 171 gestarteten Läuferinnen und Läufern erreichen 162 das Ziel. Unter den Finishern nehme ich Rang 102 ein.

10 Kilometer Strecke erlebt und dafür 1:19 Stunden verbraucht. Ich registriere die Angaben meiner Uhr mit Gleichgültigkeit. Und das nicht nur, weil ich die Werte entlang einer Route, deren Profil dem Gebiss eines Monsters gleicht, nicht einzuschätzen weiß. Für mich geht es einzig darum möglichst ungeschoren das Ziel zu erreichen. Dafür werde ich Zeit, die einzige Ressource, die mir unbegrenzt zur Verfügung steht, notfalls "üppigst" opfern. 10 Kilometer gelaufen bedeutet auch: Zeit fürs erste Gel. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein paar Schritte weiter der nächste Hammeranstieg beginnt ...

Niemand hat auf diesem brachial steilen und schmalen Pfad, hohe Steinstufen nehmend und Wurzelwerk ausweichend, die Wahl zu laufen. Schon die Gangart "Steigen" strengt dermaßen an, dass bereits nach wenigen Schritten Herz und Lunge am Anschlag arbeiten. Schweiß bricht aus den Poren, will mit hoher Frequenz aus der Stirn gewischt werden. Schwer zu bezwingen der Steig, dafür berauschend schön der Anblick. Grün über Grün, Moose und Farne, aus Felsen quillt Wasser, sucht sich talwärts seinen Sickerweg. Wäre ich Wanderer, ich bliebe bewundernd und andächtig stehen. Hätte ich alle Zeit der Welt, dann auch als Läufer. Mit noch mehr als einem Marathon "to go" schufte ich dann doch ohne Pause, bis ich die Kante des Albtraufs abermals gewinne.

Zwischen Waldrand und eingezäunter Wiese gehtís weiter. Ich folge der Traufkante, auch dann, als sich der Pfad in dichtem Wald verliert. Nicht einfach hier zu laufen. Steine und Wurzelwerk brächten unachtsame Läufer unweigerlich zu Fall. Fallen will ich nicht, also nehme ich weitestgehend Tempo aus meinem Lauf. Irgendwie kommt bei diesem Getippel Freude auf, ungeachtet des Umstandes, dass mir Trails so gar nicht liegen, und obwohl meine Tagesform sicher unter Mittelmaß liegt. Es geht dennoch voran und nur das zählt. Abschnittsweise auch voran über breite Feldwege, die sich auf der Hochfläche zwischen Wiesen und abseits der Traufkante erstrecken.

Kilometer 14: Der nächste "Rücksturz" über den Albtrauf steht an; länger als der erste und genauso "gefällig", durchschnittlich etwa 15 Prozent. Nach einer Weile schickt mir die Wallfahrtskirche "Ave Maria" ihre "Trabanten" entgegen. Zunächst eine Andachtskapelle auf einer Lichtung, anschließend gebe ich von Station zu Station einem Kreuzweg folgend weitere Höhe preis. Unangenehm hohe, mit Rundhölzern eingefasste Stufen gilt es dabei zu überwinden, zudem der verwirrenden Äußerung eines "Wallfahrers" im Wanderer-Ornat keinen Glauben zu schenken: "Da kommt schon wieder einer, der weiter oben einen anderen Weg hätte nehmen müssen!". Irritiert verharre ich kurz und befrage zum 1.001. Mal die Trackdarstellung auf meiner Uhr: Alles paletti! Kongruenz von Pfeil und Track, außerdem wiedererkenne ich diesen Abschnitt des Weges. Ich setze mich in Bewegung und teile dem "ungefragt Wegweisenden" mit, wohin er sich seinen Einwand stecken kann. Natürlich nicht in Gossensprache aber in unmissverständlichem Tonfall: "Nö, ich bin hier genau richtig!"

Kilometer 15: Eine Minute weiter bleibt der Wald zurück und ich wende mich zwischen Kirche und Klosterbauten "Ave Maria" hindurch trabend dem ersten Verpflegungspunkt zu. Ums Kircheneck noch, eine lange Treppe runter, dann mache ich den erwarteten Pavillon aus. Er steht exakt an derselben Stelle, die ich vom Alb-Traum 2019 in Erinnerung habe. Ich lasse mir Zeit, trinke mehrere Becher Wasser. Sicher geboten, da ich dem Trinkvorrat im Rucksack bislang nur zögerlich zusprach. So sparsam, dass ich meine Flaschen nicht aufzufüllen brauche, obwohl deren Inhalt nun 18 Kilometer weit bis zur nächsten Tränke reichen muss.

Weiter bergab auf unbekannter Strecke. Hinterm Verpflegungspunkt trennen sich die Strecken von Alb- und Halbtraum. Wir Halb-Träumer nehmen von hier ab quasi eine "Abkürzung". Ebenjene 18 Kilometer bis zur nächsten Versorgung. Ich kann mein Glück kaum fassen: Asphalt unter den Füßen! Zunächst weiter abwärts, mit Blick zurück zur reizvoll am Berg "klebenden" Wallfahrtskirche. Ich laufe an Streuobstwiesen vorbei, noch immer von Gefälle unterstützt, hake auch hier wieder Stationen eines Kreuzweges ab. Derselbe wie oberhalb der Kirche oder ein weiterer? Alsbald tippele ich zwischen ersten Häusern der Ortschaft Deggingen, die ich am tiefsten Punkt, dem Ufer des Baches Fils folgend, rasch wieder hinter mir lasse. Immer noch Asphalt, den Udo als ausgesprochener Straßenläufer, mit einem Talent für Trails, das annähernd demjenigen von Nilpferden zum Seiltanzen entspricht, einzig als Geschenk begreifen kann. Insgesamt drei Kilometer köstliches Geläuf, die, da hindernisfrei, aber auch letzte Zweifel an meiner heutigen Verfassung beseitigen: Es lief sich schon mal besser!

Man muss nicht auf Trails unterwegs sein, um herrliche Natur zu sehen. Die von der Halb-Traum-Strecke genutzten, das Tal der Fils erschließenden Nebenstraßen und Radwege offerieren einzigartige Ausblicke zu den zerklüfteten Formationen des Albtraufs. Herrliche Blumenwiesen beidseits der Route buhlen um Aufmerksamkeit und die Sonne heizt mir abseits kühler Hangwälder auf willkommene Weise ein. Diesen ausgedehnten, flachen Jogg könnte ich in vollen Zügen genießen, spürte ich nicht schon ein gewisses Maß an Hinfälligkeit. Vielleicht tatsächlich Nachwirkungen vom Rennsteig, auf jeden Fall aber Spuren, die das bereits erbrachte radikale Auf und Ab in meinen Gehwerkzeugen hinterließ.

Drei Kilometer "Dolce Vita", dann mit abrupt einsetzender Gewalt wieder bergauf. In der Falllinie erstürmen wir die Flanke. Wir meint ein paar schwitzende Gestalten, die sich einschließlich und vor mir zum Wanderpfad "Wasserberg-Tour" durchschlagen. Schließlich setze ich meinen Fuß auf einen Trail, der zum Netz der so genannten "Löwenpfade" gehört. Pfade, auf denen man der Wegweisung eines stilisierten, mit Kopf und Mähne abgebildeten Löwen folgt. Ab hier wirdís "tierisch" steht auf einer Infotafel des Halb-Traum-Veranstalters, darunter die Anweisung "Bitte für die nächsten 1,5 km diesem Schild folgen".

Also suche ich nun Löwenköpfe an Pfählen, Baumstämmen oder wo auch immer und hoffe, dass es nicht ganz so "tierisch" wird, wie es mir meine Fantasie ausmalt ... Lange begegnet mir nichts Erschreckendes, der Löwe gibt sich zahnlos harmlos. Erst nach besagten 1,5 Kilometern, am Fuß eines mit Blumen und sicher auch seltenen Pflanzen übersäten Hanges, macht der Kurs wieder ernst und präsentiert Höhenmeter. Auf gutem Feldweg allerdings, so dass ich mich fix verpflichte nicht vom Pfad der Tugend (= Alles laufen, nicht gehen!) abzuweichen. Wanderer und Naturenthusiasten lasse ich dabei hinter mir. Ein älterer Mann sitzt am Rand des Weges auf einem Hocker und visiert durchs Objektiv seiner Kamera eine Blume an. Die ist blau, hübsch und wahrscheinlich geschützt.

Drei Läufer voraus, als Trio nebeneinander. Sie gehen, ich tippele. Sie unterhalten sich, lachen, haben ihren Spaß. Könnte ich auch haben, wenn ich nicht so verbohrt meinem Grundsatz frönte und bergauf trabend schnaufte wie eine alterschwache Lokomotive. Ich nähere mich dem Rücken-Dreier bis der Weg schließlich abflacht und im Forst verschwindet. Vom Gehen ausgeruht kommen die drei natürlich rascher voran als ich. Erst in der Sonne leuchtende Wiesenblumen, nun im Schatten der Bäume vorbei an blühendem Bärlauch. Natur pur.

Wald Ende und sanft hinab, vorbei an hoch stehenden, von zahllosen Blumen gesprenkelten Wiesen. Beinahe hätte ich den Abzweig verpasst, lasse mich aber vom roten Sprühpfeil einfangen und durch eine Wiese schicken. Hunderte Füße vor mir hinterließen im Gras eine Spur, Orientierung leicht gemacht. Fällte ihn vor Jahren der Blitz, oder knickte er altersschwach und morsch im Sturmwind um? Ein mächtiger Baum, verwittert und wie versteinert wirkend, Äste dem Himmel entgegen gereckt, säumt den Pfad. Totholz. Tod der Leben spendet. Unter Garantie tummeln sich zahlreiche Lebensformen an und im Holz, die wiederum anderen Arten als Nahrung dienen, die ihrerseits anderen Arten als Nahrung dienen. Lebensraum auch für fliegendes Getier, das unsere Nutzpflanzen bestäubt.

Hinter der Wiese gehtís am Hang bergab. Bergab mit Blick in eine wunderschöne Landschaft, die sich ständig selbst neu erfindet. Im Grunde immer dasselbe offerierend, weiß sie mit vielfältig wechselnden Formen und Ansichten stets von Neuem zu begeistern. Mit wenig Begeisterung begegne ich allerdings dem nun folgenden, jäh abstürzenden Trail. Ich bin Läufer, also versuche ich zu laufen. Steppe abwärts, gerade so mutig, dass ich meine Schritte noch sicher abfangen kann. Zu forsch allerdings für mein Kreuz. Das Messer sticht mehrfach und mit Wucht in meine Wirbelsäule. Kenne ich so nicht. Nicht beim Laufen, nicht unterwegs. Der Schmerz will erst nicht nachlassen, was mir, obschon seit Jahrzehnten mit launiger LWS lebend, dann doch Sorge bereitet. Schließlich wieder besseres Geläuf unter den Füßen, weniger Gefälle, bessere Beherrschung der Schritte. Nach und nach laufe ich mir das Malheur aus den Knochen ...

Das mehr oder weniger (eher weniger) flache Intermezzo währt diesmal nur zwei Kilometer, dann steht der vierte Himmelssturm an. Ein paar Schritte später, noch tippelnd und deshalb nach Luft ringend, hole ich zwei wandernde Damen ein. Werde angesprochen und bleibe bereitwillig stehen. Stehe reglos an Ort und Stelle dabei Rede und Antwort. Endlich fingen die beiden einen Willigen aus der Schar vorbei laufender Nummerierter ein, der ihren Wissensdurst stillt. Ziemlich genau die Hälfte der Distanz liege nun hinter mir, erläutere ich den Frauen, natürlich auch in kurzen Sätzen, worum es insgesamt geht. Ob sie die eigentliche Ursache meiner Beredsamkeit - sonst so gar nicht Teil meines Läuferwesens - bemerken? Geradezu dankbar bin ich für die Unterbrechung, die mich wieder zu Kräften kommen lässt ...

Ich setze neuerlich zum Laufen an, bin nur hundert Meter weiter allerdings mit meinem Tippel-Latein am Ende. In dichtem Wald, auf nicht enden wollenden, steilen Serpentinen erobere ich mir die nächsten mehr als zweihundert Höhenmeter. "Oben" entlässt mich der Trail auf eine von Landwirtschaft geprägte Hochfläche. Am Feldrand, stets nahe der Abbruchkante, zuckele ich voran. Feldweg brauchbar, erst mäßig hinan, dann ebenso sanft wieder Höhe aufgebend. Zwei Kilometer Feldwege, ein Stückchen Straße und wieder ab in den Wald, 32 Kilometer gelaufen. Weit kann es nun nicht mehr sein bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Ich halte Ausschau nach einem Abzweig, dem ich laut Einweisung und Streckenstudium 300 Meter werde folgen müssen, um auf die Tränke zu stoßen. Nach Labsal werde ich denselben Abzweig in umgekehrter Richtung nutzen, um zu meinem Rundkurs zurückzukehren. Beide, Abzweig und Rest des Rundkurses decken sich dann wieder mit der Strecke des langen Kantens, dem Alb-Traum mit seinen 115 km.

Die Verpflegungspause währte diesmal länger. Meine leeren Trinkflaschen musste ich nachfüllen, währenddessen meinen Durst mit einer vollen 0,5 Literflasche Cola bekämpfen und zwischendurch auch noch Käse- und Wurststücke vom Tresen naschen. Nicht, dass ich mir von Käse und Wurst mit Blick auf meine Ausdauer Wunderdinge verspräche. Der Geschmack macht mich an und das Gefühl endlich was Festes zwischen den Zähnen zu haben. Für die Ausdauer schlucke ich Gel. Und das schmeckt "Bäh!", künstlich und pappsüß. Nur weil es hilft, besser hilft als alles andere, würge ich es immer wieder runter.

Runter gibt das Stichwort: Auf dem Abzweig zurück und dann runter. Gefühlt stundenlang runter. Tatsächlich liegt der tiefste Punkt, den ich nach einer halben Stunde mitten im Städtchen Gingen an der Fils erreichen werde, 300 Meter tiefer als die Kante der Hochfläche. Böse bin ich der langen Talfahrt nicht, verwendet sie doch bei muskulär schonendem Gefälle weitgehend gut präparierte Forstwege. "Strecke machen" kommt mir als Schlagwort immer wieder in den Sinn. Nach quälend langsamer Drehung des Messrades aufwärts und auf der Hochfläche, erziele ich nun zügig Raumgewinn. Und nicht nur ich. Erstmals begegne ich dem Läufer mit Hund, der mir bereits am Start aufgefallen war. Aufgefallen mit Wohlgefallen. Und das nicht nur, weil die Jahre, da ich selbst mit unserer Hündin Roxi solche Strecken genießen durfte, noch nicht lange zurückliegen. Was mir an dem sechsbeinigen Duo darüber hinaus ausnehmend gut gefällt, ist ihr harmonisches Interagieren. Wie einer sich auf den anderen verlässt und verlassen kann. Wo nötig (Ortschaft, Naturschutzgebiet) nimmt der Zwei- den Vierbeiner an die Leine. Auf unkritischem Weg macht der Wuff sein eigenes Ding. Ist jederzeit abruf- und beherrschbar mit Kommandos, ganz wie seinerzeit unsere Roxi. Ach ja Roxi ... leider mit fast 15 Jahren nun auf dem Altenteil.

Gingen an der Fils. Okay, ein größerer Ort, mir begegnet hier nichts, das ich erwähnen müsste. Einfach nur durch, um jenseits am Hang wieder Höhe zu gewinnen. Gehend erst auf Asphalt, bald auf steilem Kiesweg. Ein junger Kerl kommt noch in Ortsnähe des Weges, stillt seine Neugier, will wissen, weshalb ihm heute so viele "Wanderer" begegnen. Weiter aufwärts dem Waldrand entgegen, den zu erreichen mir nicht vergönnt ist. Wie erwartet nicht vergönnt, weil ich mich an den vorher abzweigenden Weg erinnere. Der gewährt Höhe haltend eine Atempause, beschert mir überdies ein herrliches Panorama. Über Streuobstwiesen hinweg streift mein Blick die gegenüberliegenden, mit Wald gekrönten Höhen. Minutenlang trabe ich sehr langsam aber stetig voran. Mit meinen von harten Trails und ungewohntem Schuhwerk inzwischen übel zugerichteten, jämmerlich schmerzenden Füßen habe ich mich derweil arrangiert. Laufend Schmerzen gut ertragen zu können wurde mir über die Jahre zur zweiten Natur. Allmählich rückt der Waldrand näher und mit ihm eine Weggabelung: Halbrechts oder Halblinks? Erinnerung versagt, der Track, wie so oft, wenn Wege spitzwinklig auseinander driften, ebenfalls.

Ich wende mich nach rechts (na klar, da gehtís nämlich runter), nur um 30 Meter weiter einzusehen, dass ich umkehren muss. Stattdessen nun halblinks und wieder rauf. Bald so steil rauf, dass ich an Traben, Tippeln oder auch nur Steppen keinen Gedanken verschwende. An Mutmach-Schildern, nur Meter hintereinander platziert, komme ich vorbei. Erst eins für mich, drauf steht "km 42 Halbtraum". Dann eins für die Giganten, drauf steht: "km 100 Albtraum". Dahinter, vollen wie halben Giganten gleichermaßen geltend, eine weitere Tafel mit dem Spruch: "Du hastís trauf!" - "Hast duís trauf?" ist die Frage, die einem auf der Internetpräsenz der Träume vor der Anmeldung begegnet. Die man sich nach der Anmeldung - je nach Gemüt von Bedenken oder Sorglosigkeit getrieben - selber stellt: "Ob ichís wohl trauf habe?"

Eigentlich "hab ichís überhaupt nicht trauf". Knallharte Selbsteinschätzung, die sich einmal mehr in der nächsten halben Stunde bewahrheitet. In der Flanke des Berges, bei stetem Zugewinn von Höhe, kämpfe ich darum nicht abzurutschen. Der Pfad ist so schmal und oft in so miserablem Zustand, dass ich nicht mal auf halbwegs flachen Passagen wage meine Schritte zu beschleunigen. Kilometer 43 und 44 gehören deshalb zu den zähesten des ganzen Laufes. Schlussendlich gibt der Pfad klein bei, "trailt" einigermaßen flach vor mir her, offeriert auch technisch unschwieriges Geläuf.

Als Hundebesitzer brauche ich mich nicht der Tatsache mit Blicken zu versichern. Bewegte vier Pfoten, dazu das leise Klimpern von Geschirr mit Hundemarke, überlagern sich zum unverwechselbaren Geräusch. Also weiche ich an den Rand aus und schenke erst dem unangestrengt vorbei tippelnden Vierbeiner, kurz darauf seinem weniger frisch wirkenden Herrchen ein Lächeln. Anscheinend haben sich die beiden irgendwo rastend erholt. Wie anders soll ich mir erklären, dass sie von hinten kommen, obwohl ich sie nicht wissentlich überholte und nun rasch die Distanz zu mir vergrößern?

Kilometer 45: Das Gemeine am tollen Panorama ergibt sich aus dem Umstand, dass sich rechts und voraus, tief unter mir, bereits die Stadt Geislingen, erstreckt, dass zum Ziel aber noch volle 12 Kilometer und ein brachialer letzter Anstieg fehlen. Es kommt aber noch schlimmer: Nach weiteren 20 Minuten Abstieg bewege ich mich bereits am Stadtrand der "Zielstadt" Geislingen, nutze sogar einige Wohnstraßen für mein Fortkommen. Und noch immer trennen mich erst 10, dann neun Kilometer von der Erlösung.

Mann, Hund und mit gehörigem Abstand dahinter Udo traben in Richtung Sportgelände, finden dort die letzte Verpflegungsstation. Meine Startnummer wird notiert, wie an den anderen Tränken zuvor auch. Wetten, dass mich danach niemand mehr wahrnimmt? Zum einen hat man (genauer: frau) hier ein Problem: Der Akku des Handys, mit dem die zulaufenden Halb- und später auch Albträumer (schon aus Sicherheitsgründen) in den Zielbereich gemeldet werden, droht schlapp zu machen. Nach kurzem Brainstorming der VP-Crew eine Lösung: Auto vom Parkplatz holen und Handy aufladen. Der zweite Grund, aus dem ich als ehemals Profitierender mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß, dass niemand mehr meine Anwesenheit vor einem Ermittler bezeugen könnte, ist der "Wauwau". Natürlich hat man ihm eine Wasserschale vor die Schnauze gestellt und selbstverständlich werden ihm Leckerchen von der Wurstschale angeboten. Entzücken allenthalben. Ende der Drehbuchszene: Zwei Läuferinnen, die sich verpflegten: ab. Mann mit Hund: ab. Letzter Schluck aus der 0,5 Literflasche Cola in den Magen pressen, dann auch Udo: ab.

Der Weg entlang des Sportbereiches ist flach. Volle Erinnerung. Lange zwei Kilometer erstreckt er sich am Fuß der Steilwand, meist im Waldrand. So weit? Nur schwach die Erinnerung daran. Dann beginnt, was ich 2019 bei schon einsetzender Dämmerung bewältigen musste, der lange Aufstieg durch das so genannte "Felsental". Optisch spektakulär wird diese letzte ultimative Anstrengung werden, daran lässt mein Gedächtnis keinen Zweifel. Lange sieht es zwar nicht danach aus, weil das zuvor abzuarbeitende Nicht-Spektakuläre längst im Meer des Vergessens versank. So zieht sich der Weg eine ziemliche Weile durchs Hübsche aber Unspektakuläre. Irgendwann geht mir der Saft aus und ich muss wieder gehen. Zügig voran, den Rücken der beiden vor mir aufgebrochenen Frauen folgend. Mann mit Hund? Längst enteilt.

Ich verkürze die Distanz zu den beiden Amazonen, bemüht die zu erwartende Natursensation nicht ohne "weiblich-körperliche Referenz" ablichten zu müssen. Dann ist es so weit: Das Tal wird enger, dunkler, ursprünglicher, ist mit Totholz übersät und wo felsig mit Moos gepolstert. Wild romantisch, mystisch, so du abergläubisch bist auch furchteinflößend, wären treffende Attribute für diese Schlucht. Schließlich verwehrt der Talschluss vor übermannshohen Felsen das Weiterlaufen. Hier wäre Ende Gelände, hätten Wegebauer nicht zwei ausladende metallene Stiegen installiert. Auf ihnen überwinden wir die beeindruckende Felsformation. Am oberen Ende der letzten Treppe ankommend vernehme ich Laufgeräusche unter mir. Behände und hurtig, wie gerade dem Jungbrunnen entstiegen, hasten zwei junge Kerle die Treppen empor; überholen kurz darauf in einer Mischung aus Gehen (wo sausteil) und flottem Trab (wo nicht so steil) erst mich lahme Ente, dann die beiden Damen vor mir. Ein Blick auf die Startnummer der beiden hinterlässt mich über die Maßen beeindruckt. Zwei Alb-Träumer sindís, die nun schon 110 Kilometer in den Beinen haben und dafür seit sechs Uhr morgens nur 10:45 Stunden brauchten. Kurz gedanklich innehalten: Nicht mal elf Stunden für 100 Kilometer, darin 3.000 Höhenmeter und reichlich Trails.

Die Damen schwächeln am Berg, ich hole auf. "Sagís, wenn du vorbei willst!" Ich will schon: "Gib mir ein bisschen Kraft, dann überhole ich!" gebe ich scherzend und mit knapper Luft von mir, vollende das Überholmanöver letztlich aber auch ohne fremde Hilfe. Weitere Minuten vergehen im Halbdunkel des dichten Blätterdachs, dann, kurz vorm Waldrand, beleuchtet mir die Nachmittagssonne den Weg. Ein paar Schritte noch bis ich überrascht und wie angewurzelt stehenbleibe, weil ich diesen Ulk des Veranstalters natürlich auch vergessen hatte. Ein Skelett in Lebensgröße grüßt vom Wegrand rüber. Auf einem Spruchband steht: "Gratulation Felsental überlebt! ... noch 6 km!" Dass das Knochengerüst eine spezielle Startnummer in Hüfthöhe trägt, entgeht mir auch heute wieder. Heute vom Gegenlicht geblendet, und weil meine letzte Raketenstufe fast schon ausgebrannt ist. Vor drei Jahren war ich dem Burnout ähnlich nahe, dazu blind im stockdunklen Wald. Erst die eingehende Untersuchung des mitgenommenen Fotos daheim bringt das Schicksal des Knochenmannes ans Tageslicht. Auf seiner Startnummer steht: " ... einer hatís nicht geschafft!!!"

Es folgt eine mir erinnerliche Zickzack-Passage, mehrere Feldwege in Folge auf der Hochfläche über Geislingen, in Summe drei Kilometer. Erst bretteben, dann mit mäßiger Steigung, die im Trab zu nehmen ich mir zur "Ehrenrettung" auferlege. Auf diesen drei Kilometern rückt "Dame 1 von 2 überholten" mir immer dichter auf die Pelle. Im Felsental hatte ich Zeit gutgemacht und auf dem Plateau in anfänglich mehrere hundert Meter Distanz umgemünzt. Derweil wurde sie flinker und "droht" nun mich einzuholen. Wofür ich ihr dankbar bin. Weil ich beschließe mich nicht einholen zu lassen. Und will ich mich nicht einholen lassen, dann darf ich keine Sekunde erlahmen ... Mithin holt die Verfolgerin nicht nur auf, zugleich schiebt sie mich auch voran, dem Ziel entgegen. Danke für den Ansporn "Dame 1 von 2"!

Ein paar Wohnstraßen am oberen Rand des Albtraufs über Geislingen können mein Fortkommen diesmal nicht verzögern. 2019 war die Strecke weit schlechter markiert als heute. Ich erkenne die Straßenkreuzung, an der ich damals umkehrte, weil ich keinen Wegweiser fand, mich deshalb auf falschem Weg wähnte. Der ich mich in einem zweiten, schon halb verzweifelten Anlauf abermals näherte, sie überlief, danach bangte, bis mir ein Wegweiser endlich versicherte doch die korrekte Richtung gewählt zu haben.

Ich trabe wieder zurück in den Wald und im Wald hin zur Albtraufkante, gebe dabei schon einige Höhenmeter preis. Hier werde ich von meiner Motivation "Dame 1 von 2" ein- und flugs überholt. "Jetzt hab ich mir Kraft von dir genommen!" ruft sie mir feixend zu und entschwindet mit langen Schritten vorwärts abwärts. Lange Schritte? Unmöglich! Jeder einzelne, kurze Step meinerseits rumpelt durch Mark und Bein, runter bis ganz vorne in die Zehenspitzen. Und die jaulen auf wie Wölfe in dunkler Nacht ... Trotzdem empfinde ich keine Not, beklage nichts! Nur noch "da" runter und dann ist Schluss. Letztes Highlight des Tages: Ich quere eine Burgruine über Geislingen, von der nicht mehr viel mehr als ein paar Mauern stehen.

Ich lasse mir Zeit, beäuge ausgiebig das historische Gemäuer. Vor drei Jahren warís dunkel und von der spärlich beleuchteten Attraktion wenig zu erkennen. Über eine Treppe und viele Stufen (Aua!) strebe ich der Stadt zu. Überm Portal eines Gewölbes prangt ein erfreuliches Banner, das mir noch 1,3 km als kaum nennenswerte Reststrecke in Aussicht stellt. Ich nehme die Stufen im niedrigen Tunnel, tauche dahinter ein letztes Mal im dichten Wald des Steilhanges unter. Hundert Meter Pfad, technisch unschwierig, münden in einen gekiesten Wirtschaftsweg, alsbald vom Asphalt einer Straße abgelöst. Nach links und runter, übers Bahngelände per eisernem Steg, bis ich über Gitterstufen (wieder Aua!) und mehrere Meter tiefer meine Füße vorm Bahnhof Geislingen aufsetze.

Der Rest ist ein Kinderspiel; ein schmerzendes allerdings nach nunmehr 57 Kilometern auf längst komplett geschredderten Füßen. Durch die Stadt sanft bergab und schließlich - zweihundert Meter vorm Ziel - in den Park abbiegen. Ich tippele die letzten Meter unter Parkbäumen, final begleitet vom Beifall einiger Zuschauer. Dann, nach 8:39 als extrem hart empfundenen Stunden, überschreite ich die Ziellinie und empfange den Lohn meiner Tat, eine hübsche, hölzerne Finisher-Medaille.

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe meine Ausführungen von 2019.

Abweichend zu meiner Bewertung von 2019: Die Markierung der Strecke ließ diesmal keine Wünsche offen. Die Wahrscheinlichkeit sich zu verlaufen strebte gegen null. Ich unterstelle, dass das auch für die Strecke des langen Kantens Alb-Traum von 115 km galt.

 

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