14. November 2021

Nummer 301

oder:   Die Angst des Läufers vor dem Marathon

Da war dieser Herzinfarkt, Mitte Juli: Gänzlich unerwartet, zum Glück mit leichtem Verlauf. Er hinterließ keine bleibenden Schäden, weswegen ich keinen Gedanken an ein vorzeitiges Ende meiner Langstreckenambitionen verschwendete. Das "Comeback" schien mir lediglich eine Frage der Zeit zu sein. Ich stand felsenfest in der Überzeugung noch nicht das letzte Kapitel meiner Marathon- und Ultrageschichte erzählt zu haben. Minuten nach Abschluss der Herzkatheterbehandlung, noch wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegend, stellte ich dem behandelnden Arzt bereits die Frage aller Läuferfragen: Wann er glaube, dass ich meine Laufschuhe wieder werde schnüren können?

Von den in Aussicht gestellten zwei bis vier Wochen war ich zu diesem Zeitpunkt ehrlich überrascht. Andererseits fühlte ich mich nach dem Eingriff im Herzkatheter gesund und leistungsbereit wie eh und je. Noch im Krankenhaus wagte ich erste Belastungstests, stieg beispielsweise die acht Stockwerke zu meinem Krankenzimmer nonstop empor. Ein Kardiologe, der drei Wochen später die Nachuntersuchung vornahm, fasste das Ergebnis wörtlich so zusammen: "Sie sind nicht herzkrank!"

Letztendlich pausierte ich vier Wochen, bis ich mit einem 5 km-Lauf wieder ins Training einstieg. Die danach gefühlte Erschöpfung dokumentierte, was ich schon erwartet hatte, dass von meiner Ausdauer wenig mehr als nichts verblieben war. Die darauf folgenden Trainingseinheiten konfrontierten mich dann mit den eigentlichen Folgen des Infarkts: Die noch im Krankenhaus verordneten Medikamente - Gerinnungshemmer, Betablocker und Lipidsenker - bescherten mir dauermüde, elefantös schwere Beine. Ausnahmslos jeder Lauf geriet zur Qual. Vor allem auf den ersten Kilometern, bis mein Nervensystem jeweils Blutdruck und Herzfrequenz hochgefahren hatte, dem Einfluss in der Blutbahn zirkulierender "Drogen" zum Trotz.

Erst nach und nach, immer wieder auch von Rückschlägen gebremst, war mein Ringen um Ausdauer von bescheidenem Erfolg gekrönt. Vom Empfinden her leichter wurde die Aufgabe dadurch nicht, weil ich die Belastung wie gewohnt steigerte, dem jeweils Möglichen anpasste. Lange war unklar, ob ein Comeback noch in diesem Jahr möglich sein würde. Zumal erste längere Läufe von 20 bis 25 Kilometern zwar gelangen, mich jedoch in völliger Erschöpfung und mit vehement schmerzendem Bewegungsapparat hinterließen. Auch die Regeneration nach solchen "Tiefentladungen" benötigte nun viel mehr Zeit. "Früher" war mein Organismus bereits am Tag nach so einer Belastung wieder trainierbar, woran in jenen Wochen nicht zu denken war.

Solchermaßen verloren in der Trümmerlandschaft einstiger läuferischer Selbstgewissheit umher irrend erreichte mich die Einladung zum 8. Naabtal Ultra am 14. November. Im Naabtal hatte ich bereits im März und im April meine 50 km-Visitenkarte hinterlassen. Bis Mitte November würden noch mehrere Wochen samt langer Läufe ins Land gehen. Ich rechnete mir eine reelle Chance aus in der verbleibenden Zeit Marathonreife zu erreichen. Wobei "Marathonreife" für mich vor allem die Fähigkeit voraussetzt die komplette Strecke in Laufschritten abzumessen. Dem Veranstalter, Andreas Brey, übermittelte ich meine Absicht teilzunehmen, erläuterte jedoch bestehende Unwägbarkeiten, erbat deshalb das Zugeständnis einer kurzfristigen, endgültigen Zusage.

Mein Ziel "Marathon am 14. November" behandelte ich als "Geheime Kommandosache", ebenso den Point-of-no-return: Nach der Nagelprobe eines langen Laufes, zwei Wochen vor Tag X, würde ich mich entscheiden. Die für meine Verhältnisse ungewöhnliche Heimlichtuerei war den schwierigen Trainingsumständen geschuldet, meinen Zweifeln, ob ich die Starthürde "Marathonreife" rechtzeitig würde nehmen können. Zudem galt es jedweden Druck von mir zu nehmen. Ich wollte das Comeback-Projekt nötigenfalls geräuschlos beerdigen können.

Zum Glück verbesserte sich meine Ausdauersituation, nicht zuletzt infolge mehrmaliger Umstellung und Reduktion der Medikamente durch meinen kardiologisch erfahrenen Haus- und Sportarzt. 30 km-Läufe waren nun möglich, wenngleich sie mich noch in den Grenzbereich trieben. Nach dem "langen Entscheidungslauf" (31 km auf leicht profiliertem Geläuf am 30. Oktober) war ich davon überzeugt die geforderten 43,5 Kilometer des Naabtal Miniultra auf ganzer Strecke laufend absolvieren zu können. Fraglich blieb bis zuletzt, wie es mir am Naabufer ergehen und in welchen Zustand ich mich laufen würde. Ich hoffte inständig nicht schon nach wenigen Kilometern von zentnerschweren Beinen und Rückenschmerzen bedrängt zu werden, was bei Trainingsläufen keine Seltenheit war. Eingedenk meiner Leidensfähigkeit, die ich über die Jahre vielfach unter Beweis gestellt hatte (vor allem mir selbst), sollte ein Finish dennoch unter allen mir vorstellbaren Umständen gelingen.

Also bin ich wieder hier im Naabtal und seit einer Viertelstunde unterwegs. Bisher hatte ich nicht den Nerv meiner mutmaßlichen Tagesform nachzuspüren. Zu hektisch gestaltete sich der Beginn nach verspäteter Ankunft und großem Hallo. Die Veranstalter, Andreas Brey und seine Frau Kristina Hartung, nehmen selbst teil, wollen zwei Runden gemeinsam laufen. An ihrer Seite trabend entspann sich zum Auftakt - hinab zum Naabufer, auf einer Straßenbrücke drüber hinweg, anschließend dem Uferweg folgend - ein reges Gespräch. Rede und Gegenrede ließen die beabsichtigte Selbstfokussierung nicht zu. Mutmaßlich ein Segen, der mich von der üblichen initialen Schwächephase der ersten fünf Minuten ablenkte. Um genau zu sein: Zum ersten Mal seit Monaten (!) spürte ich überhaupt nichts von anfänglich bleischweren, wie mit Gummibändern gefesselten Beinen. Monatelang lernte ich diese ersten fünf Laufminuten zu hassen, in denen mein Körper mir weismachen will noch nie im Leben weiter als ein paar Meter gejoggt zu sein. Jene kurze Phase, in der mich jedes Mal der dringende Wunsch überwältigt sofort mit dem hässlich anstrengenden Unsinn aufzuhören und die Laufschuhe ein für allemal an den Nagel zu hängen.

Was hievte mich heute über diesen toten Punkt hinweg? Die paar Meter Höhendifferenz hinab zur Brücke vielleicht? Oder mich den beiden Menschen neben mir mit gebotener Aufmerksamkeit zugewandt zu haben? Irgendwann war alles ausgesprochen - das einstweilen Wichtige jedenfalls. Mit dem Hinweis mich auf mich selbst konzentrieren zu müssen, setzte ich mich ein paar Meter ab, wissend, dass Andreas mein Manöver nicht als Geringschätzung missverstehen würde. Immerhin ist er über mein jüngeres "Schicksal" im Bilde, weiß, wie hart ich mir den Weg hierher erarbeiten musste. Um mich dem Unwägbaren des Comeback-Versuchs nicht auszuliefern, muss ich nun dringend den Mitteilungen meines Körpers lauschen. Ein Vorgehen, das ich früher körperlicher Routine über-, im Bewusstsein mehr als ausreichender Ausdauer schon auch mal gänzlich unterließ - Routine, die mir nun nichts mehr nützt, und Ausdauer, derer ich mir zur Zeit alles andere als sicher sein kann.

Erstaunlicherweise fallen mir die Schritte leicht! Keine Anzeichen schwerer Beine, obschon ich, gemessen am gegenwärtigen Leistungsvermögen, mit etwa 6:30 min/km einigermaßen flott unterwegs bin. Lange werde ich mich des Gefühls unerwarteter Leichtigkeit nicht erfreuen können. Zweckpessimismus, da ich noch auf Asphalt dahin trabe, zudem flussabwärts, also minimal "bergab".

Die Veranstalter modifizierten den Streckenverlauf früherer Naabtal Ultras, mutmaßlich, um ihn ihren begrenzten organisatorischen Möglichkeiten anzupassen. Immerhin nimmt heute eine Rekordbeteiligung von über 30 Läuferinnen und Läufern die 7,25 km lange Pendelstrecke am Naabufer unter die Füße. Schon mit einer Runde kann man es in die Wertung schaffen, maximal sieben (50,75 km) sind möglich. Von mir selbst verlange ich sechs Runden, die sich zu den erwähnten 43,5 Kilometern des Naabtal Miniultras summieren und mir erlauben eine weitere, "Marathonkerbe", Nummer 301, in mein Zählholz zu schnitzen.

Überflüssig zu betonen, dass es mir aus tiefstem Ultraläuferherzen widerstrebt die maximal möglichen 50,xx Kilometer tatsächlicher Ultradistanz* nicht anzupeilen. Nur leider streikte ebendieses Ultraläuferherz vor nicht allzu langer Zeit, was ich als Aufforderung zur Mäßigung interpretiere. Wie dem auch sei: Niemanden wird es überraschen, dass nach unverhofft lockerem Auftakt die optionale "50" als verwegener Funke durch meine Hirnwindungen sprüht. Zu diesem frühen Zeitpunkt wische ich den Gedanken spielend leicht zur Seite. In zwei, drei Stunden wird mich die harte körperliche Wahrheit eingeholt und mir derlei abenteuerliche Ideen ausgetrieben haben.

*) Nach den Regeln der DUV (Deutsche Ultramarathon Vereinigung e.V.) finden Strecken erst ab 45 Kilometern Gesamtlänge Eingang in die Ultralaufstatistik.

Reizvoll wie eh und je begegnet das Naabtal dem voraus gerichteten Blick, wenngleich diesige Novemberstimmung die Bilder eintrübt. Bilder, die mich heute nicht wirklich erreichen oder anrühren. Nach meinen Eindrücken zur Strecke befragt werde ich das später so kommentieren: "Heute war mir die Strecke vollkommen egal. Notfalls hätte ich diesen Marathon auch um eine Telefonzelle kreisend absolviert ...!" Nicht der Herbstblues blockiert meinen Sinn fürs Schöne, sondern die Furcht vorm ungewissen Ausgang dieses Laufabenteuers. Nur selten verirren sich meine Augen zur träge dahin fließenden Naab. Weitgehend schon seines Blattkleides beraubt spiegelt sich Uferbewuchs in dunklen Fluten. Anders der Wald am jäh zu meiner Linken ansteigenden Hang, der mit jeder Schattierung von Grün über Braun und Gelb, bis hin zu Rot zu gefallen weiß. Mehrere Lagen welker Blätter säumen den Uferweg. Spätestens seit ich jene Stelle passierte, da mehrere Stolpersteine aus ansonsten ebenem Geläuf aufragen, meide ich tarnendes Laub wie der Teufel das Weihwasser ...

Zu geringem Abstand geschuldet, mithin zwangsweise, lausche ich einem Gespräch zu "Thema Nummer 1": Die vierte Corona-Welle rollt übers Land, das Infektionsgeschehen explodiert. Bereits nach wenigen Sätzen spüre ich Wut im Bauch aufsteigen, die mich seit kurzem häufiger befällt. Nicht auf die beiden Diskutanten vor mir, dafür auf die unsolidarische, uneinsichtige Minderheit der Ungeimpften. Eine Minderheit von derzeit etwa 15 Millionen erwachsenen (?) Bundesbürgern, die gerade dabei ist die Interessen der Mehrheit gegen die Wand zu fahren. Eine Tatsache, die ich inzwischen persönlich nehme, weil sich impfen zu lassen eben keine rein persönliche Angelegenheit ist. Es nie war und im eisernen Griff des ansteckenden, lebensgefährlichen, permanent mutierenden Coronavirus auch nie sein wird! - Alsbald überredet ein gnädiger Laufgott die Pandemie-Plauderer zu einem kleinen Zwischenspurt, rückt sie zügig außer Hörweite. Aus den Ohren aus dem Sinn, rasch blendet mein Kopf die leidige Thematik aus. Mein Hormonspiegel sinkt wieder auf für Langstreckler verträgliche Werte.

Die Wende kommt in Sicht, ungefähr in Höhe der Stelle, wo ich sie vermutete. Ich schlage einen Haken um den mit einem Vorrat an Wasserflaschen gedeckten Tisch und wende mich in Gegenrichtung. Zuvor flöße ich mir aus einer der Flaschen drei Schlucke Flüssigkeit ein, bediene mich dabei eines pandemisch sicheren Verfahrens: Flasche kippen und ohne Haut-/Lippenkontakt Wasser in den Mund rinnen lassen. Ohne Übung eine Technik, die nicht verlustfrei gelingen kann. Also nässe ich mir zusätzlich die Brust. Doch, was sollís, spätestens nach Vollendung dieser Runde werde ich ohnehin schweißnass von innen sein. Die Minidusche hätte ich übrigens durch Einsatz des in meiner Jackentasche mitgeführten flexiblen Bechers vermeiden können ... Faulheit treibt schon manchmal seltsame Blüten.

Trinken bereits nach 3,6 Kilometern gemäßigten Joggens an einem 4°Celsius-feuchtkalten Novembermorgen? Es ist nicht Durst der mich zum Trinken animiert. Zu oft wiederholte mein Doc seine Mahnung in den letzten Wochen: Viel Trinken beim Laufen! Dehydrierung und der damit einhergehenden Verdickung des Blutes nach Kräften vorbeugen! Zäh fließendes Blut begünstigt Gerinnsel und was Thromben in Arterien anrichten können, braucht mir niemand mehr erklären.

Mehr als dreißig Läufer bedeuten für die überwiegend durch Mundpropaganda beworbene Veranstaltung ein stattliches Läuferfeld. Auf gut drei Uferkilometer verteilt, bewegen sich dennoch nur vereinzelt Farbtupfer in der Flusslandschaft. Die meisten von mir weg, überwiegend außer Sichtweite. Einige wenige tippeln mir entgegen - eigentlich willkommene Fotomotive. Bisher stets Teil meiner Laufleidenschaft, heute eher Pflichtaufgabe: Lauffotos kreieren, Mitläufer vor reizvoller Kulisse in Szene setzen. Ein weiteres Glied in wachsender Indizienkette: Ich kann also laufen, mutmaßlich marathonweit, bin aber längst nicht wieder der, der ich einmal war. Furcht läuft mit. Nicht jene vor einer Wiederholung des "koronaren Shutdowns". Solcher Angst war ich nicht eine Minute ausgesetzt, nicht mal bei frühen "Treppenhaus-Belastungstests" über acht Stockwerke im Krankenhaus. Tatsächlich gilt meine Sorge, so merkwürdig sich das auch anhören mag, ausbleibendem Spaß. Die Freude am Laufen, die im Kern übrig bleiben sollte, schiebt man sonstige, individuelle Motive zur Seite, blieb mir in den vergangenen Wochen meist verwehrt. Dafür waren meine Bemühungen wieder in die Spur zu kommen schlichtweg zu hart, stets Kampf, oft Krampf. Nur ab und zu Lichtblicke, da und dort verirrte sich ein Sonnenstrahl ins Läuferherz. Schuld war all gegenwärtige, die Beine in kaum erträglicher Weise lähmende Schwäche. Verbündet mit orthopädischen Schmerzen, im Rücken, LWS-Bereich, von dort ausstrahlend ins Bein, vermutlich Ischias. Schmerzen nach zu langer Pause, auch als Folge von Kampf und Krampf. Davor fürchte ich mich: Weitgehend spaßbefreites Marathonlaufen nach sehr bald einsetzender Schwäche, anschwellende Ermüdung in böser Allianz mit Schmerzen.

Kein Wunder also, dass ich fast ohne Unterlass in mich reinhorche und wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange auf Attacken meines Körpers lauere. Immer wieder kontrolliere ich meine Pace, die sich auch auf dem Rückweg, flussaufwärts, kaum ändert. Die anfängliche Leichtigkeit bleibt mir einstweilen erhalten - überraschend genug. Ich schiebe es auf erfolgreiches Tapering und die Tatsache in "offizieller Mission" unterwegs zu sein. In Wettkämpfen erlebte ich meinen Körper meist in besserer, als vorangegangener Trainingsverfassung. Wappne dich vor dem Kommenden, Udo! Was sind schon fünf, sechs Kilometer gemessen an der noch fehlenden Distanz?

Zurück auf Asphalt, rasch wächst die Naabbrücke in die Höhe. Einer von zwei Buckeln, die mich noch von der Vollendung von Umlauf eins trennen. Zuletzt der gottlob kurze Steilanstieg vor Andreasí Behausung, der meine Schritte zwar verlangsamt, derzeit aber noch keine Herausforderung darstellt. Ich biege zum Carport vorm Haus hin ab, greife mir eine Flasche vom Verpflegungstisch, werfe ein Gel ein und spüle mit ausgiebig Wasser nach. Ein Gel nach jedem Umlauf soll den Kräfteverfall bremsen. Reichlich Gel, weit mehr, als ich vormals auf dieser Distanz auch nur in Erwägung gezogen hätte - ein weiterer Beleg für noch fehlendes Selbstvertrauen. Was für eine bizarre Situation: Mit 300 Marathon- und Ultrasiegen im Gepäck anreisen und sich fühlen wie ein Marathondebütant.

Auf zur zweiten Runde: Bergab in Richtung Brücke, darüber hinweg, nun wieder Kurs Wende. Einmal mehr nehme ich die Parade vereinzelt entgegen trabender Mitkämpfer ab. Jede Begegnung mündet zumindest in einen aufmunternden Blick, nicht selten eine Geste oder ein Wort zum Gruß. Wo wohl meine Frau Ines abgeblieben sein mag? Mit unserer Hündin Roxi irgendwo zum Gassi unterwegs oder auf Sightseeing-Tour? Zu sehen gibt es nahebei einiges. Das Kloster Pielenhofen etwa, flussabwärts gelegen, in dessen Höhe eine der Wenden vormaliger Naabtal Ultras angesiedelt war. Oder Naab-aufwärts, den von der gleichnamigen Burgruine überragte, verträumt romantische Marktflecken Kallmünz.

Vielfach wiederholte Blicke zur Uhr, ständiges In-mich-hinein-Spüren: Noch bahnt sich keine Veränderung an. Meine Beine halten das Tempo konstant. Erfreulich, dass mein körpereigener "Tempomat" die Zäsur viermonatiger Abstinenz vom Marathonlaufen schadfrei überstanden hat. Und noch erfreulicher, dass ich heute offenbar vom Effekt frühzeitiger Ermüdung und elefantös plumper Beine verschont bleibe. Vielleicht doch die "50" anpeilen? - Zu früh für solche Fantastereien. Doch immerhin fühle ich mich stark genug unsere Hündin Roxi auf eine der Runden mitzunehmen. Ein Satz der Erstaunen auslösen wird. Bei jenen Lesern jedenfalls, die Roxi und mich als harmonisches Laufduo kennen. Noch im letzten Jahr war Roxi stark genug, um unseren letzten gemeinsamen Marathon mit mir zu feiern. Mit jetzt 14 Lebensjahren, dazu ein bisschen schwerhörig, begleitet sie mich inzwischen nur noch selten im Training und dann auch nur auf vergleichsweise kurzen Strecken. Was mich vermehrt Kraft und Konzentration kostet, will ich sie sicher führen. Heute sollte das gelingen, zumal sich außer uns Läufern kaum eine Nase, vor allem keine von Radlern am Naabufer zeigt.

Kurz vor Erreichen der Wende erspähe ich Ines und Roxi. Ort der Übernahme wie auch der Zeitpunkt für eine Runde mit Roxi sind ideal gewählt. Nach nicht mal 15 Kilometern bin ich noch ausreichend frisch, um Roxi nicht nur sicher zu leiten, sondern die Zeit mir ihr auch genießen zu können. Außerdem gefährden wir in übersichtlichem Gelände niemanden als ich sie sofort von der Leine und ihrem von Kläffen begleiteten Ungestüm freien Lauf lasse. Trotz zahlreicher Läuferfährten, die sie zweifelsfrei in der Nase hat, kapiert sie rasch, dass wir weitgehend alleine unterwegs sind. Was ihre anfängliche Begeisterung rasch dämpft und sie alsbald nur wenige Meter vor meinen Füßen einher tippeln lässt. Vielleicht irritieren sie auch die Läufer auf Gegenkurs. Zuweilen bleibt sie kurz stehen, schnüffelt am Wegrand, holt aber immer wieder auf. Früher verlässlich, inzwischen bin ich stets darauf gefasst auch mal auf sie warten zu müssen. Insbesondere bei Begegnungen mit anderen Hunden, von denen sich jetzt eine anbahnt. Doch der fremde Border Collie verhält sich 1a-Border-Collie-typisch, legt sich abwartend seitlich des Weges ins Gras. Ideal für meine vorsichtige Hündin, die andernfalls schwanzwedelnde Friedfertigkeit demonstrierend stückweit vorher stehen geblieben wäre. Mit der Bemerkung "Die beiden regeln das schon!" kommentiere ich den hündischen "Geruchsaustausch", grüße das lächelnde Border-Collie-Herrchen und jogge langsam weiter ...

Erst kurz vor Andreasí Behausung, am Berg und vor unübersichtlicher Kurve, nehme ich Roxi an die Leine. Wasser und Gel für mich, nach kurzer Rast brechen wir wieder auf. Auf dem Radweg neuerlich sich selbst überlassen hängt Roxi abschnittsweise weit zurück. Verhalten, das ich von Trainingsläufen seit langem von ihr kenne und abseits Kfz-befahrener Verkehrswege meist toleriere. Heute scheint ihr das selbst zu missfallen: Kurz bevor ich mich entschließe auf sie zu warten holt sie mit einem Zwischenspurt auf und sucht meine Nähe. Ein weiterer Gassigeher nähert sich, diesmal mit Hund an der Leine. Ich "klemme" mir Roxi mit Kommando "Rechts!" ans Bein und wieder vollenden wir die Passage ohne merklichen Zeitverlust. An Roxi wird es jedenfalls nicht gelegen haben, sollte ich mein Tagesziel verfehlen!

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In Anbetracht meiner Krankengeschichte und dem daraus resultierendem Handicap mag es mir an Selbstvertrauen noch fehlen, mein Läufer-Ego angeknackst und Marathonreife unbewiesen sein. Dennoch mochte ich mich mit "irgendwie Marathon schaffen" nicht bescheiden. Wichtigste Zielvorgabe: Jeden Meter laufen! Nicht gehen! Darüber hinaus wäre ich glücklich, wenn es mir gelänge auf den 43,5 Streckenkilometern mindestens eine Sekunde unter fünf Stunden zu bleiben. Mit ziemlich genau diesem Wortlaut gab ich meine Absicht beim gestrigen Abendessen an Ines weiter. Als Anhaltswert für ihre Zeitplanung und nicht zuletzt, um mich selbst darauf zu verpflichten.

Noch immer - vielleicht auch: schon wieder - laufe ich leistungsorientiert. In bescheidenerem Rahmen versteht sich, bin aber nur zufrieden, wenn ich mich ernsthaft fordere. Solches Verhalten nur vier Monate nach einem Infarkt mag manche in Erstaunen versetzen, möglicherweise auch Kopfschütteln provozieren. Doch in meiner Haut und Lebenseinstellung steckend betrachte ich mich weiterhin zu fordern als lediglich folgerichtig. "Sie sind nicht herzkrank!" Dieser Satz aus dem Munde meines Kardiologen geht mir oft durch den Kopf. Die beiden Eingriffe im Herzkatheter befreiten mich körperlich vom Übel in meiner Brust. Der Kardiologenspruch enthob mich mental aller Bedenken, stellte so etwas wie eine Absolution dar: Läuferisch weitermachen wie bisher! Mein Haus- und Sportarzt haut seitdem bei jedem der zahlreichen Kontrolltermine in dieselbe Kerbe. Auch deshalb lege ich großen Wert auf die Überschrift dieses Laufberichts: Ich habe mich zu Marathonsieg Nummer 301 aufgemacht und nicht etwa zum ersten einer neuen persönlichen Zeitrechnung. Meine Laufgeschichte in ein kategorisches "Vorher-Nachher" zu gliedern hieße der Krankheit mehr Bedeutung beizumessen als ihr zukommt. Das lasse ich nicht zu.

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Ines hat Roxi wieder in ihre Obhut übernommen. Offensichtlich waren gut sieben Kilometer ausreichend weit, um Roxis Hunger auf "Bewegung mit Herrchen" zu stillen. Ohne sich noch mal nach mir umzudrehen, trollt sie sich Richtung Auto, während ich mich von Ines verabschiede. Reicht für Roxi, reicht auch mir. Im Herbst unseres Läuferlebens backen wir auch im Duo zunehmend kleinere Brötchen. Ich empfand es als bereichernd die beiden halben Runden mit Roxi zu bestreiten, nicht im Mindesten mühselig, wie oft im Training. Neben dem reinen Erlebniswert unterbrach auf Roxi Acht geben zu müssen die Schleife permanenter Selbstbeobachtung, in die ich nun umso intensiver wieder eintauche: Etwa 18 Kilometer liegen hinter mir. Eine Distanz, deren Abnutzungseffekt ich im Training stets deutlich spürte. An diesem Tag ist es ... anders. Noch keine spürbare Ermüdung, Tempo ungebrochen, lediglich ein Anflug von Rückenschmerzen in der Lendenwirbelgegend. Alles in allem eine blendende Tagesform. Überraschend, unerwartet, erfreulich.

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Die restliche Runde drei, wie auch Umlauf vier verstrichen weitgehend ereignislos. Am auffälligsten behalte ich den schleichenden Verlust an Mitläufern in Erinnerung, die nach und nach von der Strecke verschwanden, so sie ihr jeweiliges Tagesziel absolviert hatten. Das Naabufer belebte sich unterdessen kaum mit anderen Erholungssuchenden, obwohl High Noon bereits überschritten ist. Nur vereinzelt zischen Radler vorbei, da und dort macht eine Angelrute Jagd auf Flossenträger. Die akribisch unablässige Selbstbetrachtung, das fortwährende Lauern auf die befürchtete Ausdauerkatastrophe, hat sich inzwischen abgenutzt. Weil eingetreten ist, woran ich zweifelte, was ich lediglich ersehnte, um mein angeknackstes Selbstvertrauen zu kitten: Kein Tempoeinbruch, keine Schwächephase und die feste Überzeugung diesen Marathon erfolgreich abschließen zu können. Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert, sogar so erfolgreich zu beenden, dass ich mein Zeitlimit von fünf Stunden eindeutig unterschreiten werde.

Runde fünf, kurz nach der Wende: Die Rückenschmerzen sind kein Thema mehr, besetzen im Chor allgemeiner Abnutzungsbeschwerden nicht mal mehr eine Solostimme. Das erträgliche, wenngleich unausgesetzte Jammern aller Fasern der unteren Körperhälfte löst fast so etwas wie Glücksgefühle aus. Mein Körper lässt mich auf altbekannte Weise leiden, so wie es sich häufig nach immerhin schon 33 Kilometern anfühlte. Fast bin ich versucht zu denken: Wie es sich gehört! Auch wenn meine grundsätzliche Haltung kein "Vorher-Nachher" akzeptiert, komme ich nicht umhin aktuelle Wahrnehmungen mit jenen früherer Läufe zu vergleichen. Und sei es nur, um mir an dieser Stelle aufatmend, quasi vom Schmerz verbürgt zu attestieren, dass mein "Sportgerät" in der Schlussphase dieses Wettkampfs reagiert wie eh und je. Wochen der Skepsis nach quälendem Wiedereinstieg widerlegt vom erfolgreichen, nicht mehr aufzuhaltenden Finish! Durchaus wert ein Kürzel zu zitieren, das mir als Lieblingswendung eines meiner Mathe-Lehrer nach langem Rechengang im Gedächtnis blieb: "wzbw - was zu beweisen war!"

Mithin liegt es nicht allein am höheren Sonnenstand oder Ines Zugegensein und Roxis zeitweiser Begleitung, wenn mein Tag nun heller und bunter erscheint. Letzteres vor allem auf dem Kilometer dicht am Wasser, zwischen Uferlinie und herbstlich kolorierter Blätterpracht. Aufatmend stelle ich fest: Es gibt ihn noch in meinem von Kampf und Anstrengung beherrschten Bewusstsein, den kleinen Raum mit Panoramafenster, von dem aus ich die Welt und mein Tun mit einigem Genuss zu betrachten vermag. Ein Ort, den ich monatelang schmerzlich vermisste.

Auf dem asphaltierten Schlussstück der Runde wandert mir Ines entgegen. Ich winke ihr zu und freue mich auf die kurze Begegnung. Ihr strahlendes Lächeln begleitet von "spitzem Kuss" erwarten mich - emotionales Doping, wirkungsstärker als ein Pfund Energiegel. Dazu ein Satz, der mich für den Fall teilweisen Misslingens schadlos halten will: "Nicht traurig sein, wenn duís nicht unter fünf Stunden schaffst!" - Ohne Einblick in exakte zeitliche und Streckendimensionen muss ihr die verbleibende Zeit knapp vorkommen. In Wahrheit stellte ich mehrfach Hochrechnungen an, die mein rechtzeitiges Finish nicht in Gefahr sehen. Also ist es an mir, ihre Bedenken zu zerstreuen.

Großes Hallo unterm Carport: Andreas und andere Finisher bereiten mir einen lautstarken Empfang, der sogar einem Topathleten schmeicheln würde. Ich hielt mir immer zu Gute derlei mentale Unterstützung nicht zu brauchen, schlich auch meist unbeachtet über die Marathonstrecken dieser Welt. Dass Beifall gut tut, einem weiter hilft, dann und wann gar Brücken über emotionale Abgründe zu schlagen vermag, hätte ich allerdings auch nie geleugnet. Jetzt Gel, Wasser und mein Dank an die Umstehenden, dann blase ich zur Schlussoffensive ...

Es bleibt dabei: Heute sechs Umläufe, 43,5 Kilometer, einen Haken hinterm 301. Marathon setzen und Schluss. Den Verzicht auf die "50" habe ich bereits vorzeiten beschlossen. Obwohl Ultra, eine Runde mehr, ohne Gesundheitsrisiko möglich wäre. Als verlängertes Leiden natürlich, aber möglich. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, dann fühlte ich mich anlässlich meines ersten Auftritts hier im Naabtal, im März dieses Jahres, durchaus hinfälliger als heute. Und dennoch übe ich Verzicht, will den Bogen nicht überspannen, mich zudem mit einem ausschließlich positiv besetzten Finish schadlos halten. Ehrgeiz ist gut, aber nur wenn Demut ihn einhegt. Und bin ich nicht ein Glückspilz? - Vier Monate nach einem Herzinfarkt und im Alter von fast 68 Jahren belohnt mich mein Körper mit einem weiteren Marathonsieg. Heute noch mehr zu wollen, empfände ich als maßlos, undankbar und Herausforderung des Schicksals.

Nicht zuletzt erspare ich mit dieser Entscheidung meiner lieben Frau, die mich einmal mehr auf der Naabbrücke anfeuernd erwartet und auf die letzten Kilometer schickt, eine zusätzliche Wartestunde. So wickele ich die letzten sieben Kilometer meines Comebacks im Wissen ab heute alles richtig gemacht zu haben. Alles passt! Bedürfte es eines weiteren Beweises, führte ich die Fähigkeit an schon in der vorletzten Runde wie auch jetzt das Tempo noch einmal forcieren zu können. Hochstimmung also, die einstweilen lediglich von "wehklagenden Haxín" im Zaum gehalten wird. Mit Sehnsucht nach der letzten Wende fliege ich an den Anglern vorbei. Betreibe mein weitgehend einsames Handwerk, da sich nur noch wenige Läufer gleich mir abmühen, wettkampffremde Radler und Spaziergänger nach wie vor Raritäten darstellen.

Um die Wende und zurück, Vorfreude baut sich auf. Meine (Läufer-) Welt ist wieder in einiger Ordnung und dem Novembergrau zum Trotz sogar mit einem zart rosa Schleier überzogen. Nichts kann mich an diesem Tag mehr nerven oder beschweren - wachsendes Empfinden nur, kein klarer Gedanke. Es kommt wie es kommen muss: Ich verliere doch noch einmal die "Contenance". Die anhaltende Konfrontation mit Dummheit, Rücksichtslosigkeit und fehlender Solidarität während der Corona-Monate hat mich offenbar recht dünnhäutig hinterlassen. Was ist geschehen? - Just an der engsten Passage des Uferweges, wo der nahe Wald dicht ans Naabufer heranreicht und zwei Angler ihr stilles Geschäft betreiben, steht jetzt ein Auto. Eindeutige Situation: Zwei Kontrolleure überprüfen die Lizenz der Angler, einer im Gespräch, den Blick auf dargereichte Papiere gerichtet, der andere verblieb im Wagen. Im Grunde wäre auch so ausreichend Platz, um als Radler, Fußgänger oder Läufer unbeeinträchtigt das Hindernis zu passieren. Die weit offen stehende Fahrzeugtür erzwingt jedoch den Konjunktiv, weil sie weder links noch rechts auch nur einen Zentimeter läuferische Freiheit übrig lässt. Schon wieder jemand, dem die Belange anderer absolut gleichgültig sind. Gedankenlosigkeit? Nie und nimmer, der Kontrolleur ist hier häufiger unterwegs, erlebt die Situation nicht zum ersten Mal. Statt nun schimpfend über die Böschung zu krabbeln, entscheide ich mich für alternatives, ein Zeichen setzendes, überdies emotional befreiendes Handeln: Im Vorbeilaufen knalle ich die offen stehende Tür mit einer Wucht zu, dass der fällige "Rumms" in seismischen Messstationen zu deutlichen Zeigerausschlägen geführt haben muss. Allerorten rätselt man jetzt, was im tektonisch bisher unauffälligen Naabtal ein solches Erdbeben ausgelöst haben könnte ...

Die letzten Meter: Zwei Buckel checken abschließend meine körperliche Verfassung, die Naabbrücke und wenig später der steile Hang vor Andreasí Behausung. Die Beine sind rechtschaffen müde, ausgelaugt sogar, aber keineswegs der völligen Erschöpfung nahe. Ein Umstand, der mir mehr noch als die absolvierte Distanz von über 43 Kilometern, meine "Nummer Dreihundertundeins", tiefe Zufriedenheit beschert. Es geht also noch! Und wie es noch geht! Ohne jede Einschränkung und unterm Beifall der im Ziel Wartenden stelle ich für mich fest: Ich bin wieder zurück!

Laufzeit für 43,5 km: 4:52:55 Stunden (Marathondurchgangszeit: ca. 4:44 Stunden

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Laufbericht zum Naabtal Ultra vom 28. März.

 


Fotonachweis: Einige der Fotos wurden mir dankenswerterweise von Andreas Bettingen und Andreas Brey zur Verfügung gestellt. Übrige Fotos: Ines und Udo Pitsch

 

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