17. Oktober 2020

Steinreich  -  O-See-Ultratrail 50 km 2020

Alle Fasern jaulen im Chor. Knie, Waden und Füße darin als dissonante Solostimmen. Fühlt sich an als wäre meine untere Körperpartie zwischen Mühlsteine geraten. Mühlsteine gehauen aus den verfluchten Sandsteinfelsen, die hier überall in der Landschaft rumliegen. Eine wunderwunderschöne, märchenhafte, waldreiche Mittelgebirgslandschaft, die zu genießen mir leider Muße fehlt. Seit Stunden treibe ich mich voran; anfangs voller Zuversicht, inzwischen weitgehend erschöpft und einzig den Cut-off im Sinn. Sechseinhalb Stunden Zeit bis Cut-off, bis ... irgendwo. Irgendwo bei Kilometer 40 oder war es 42? Hätte ich nur genauer hingehört. Auf jeden Fall wird es knapp, verdammt knapp ...

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Der Herbst gilt als Jahreszeit der prächtigen Farben. Grün-, Gelb-, Rot- und Brauntöne in allen Schattierungen, von der Oktobersonne mit goldenem Glanz überzogen. Hätte ich mir derlei Impressionen im Vorfeld versprochen, ich stünde hier zutiefst enttäuscht. Eine fette Hochnebeldecke, ausgestattet mit himmlischer Lizenz den Tagesanbruch in die Länge zu ziehen, hängt über dem Kessel von Oybin. Lasst mich schätzen: Nahezu hundert Prozent der alt-bundesrepublikanischen Bevölkerung wüssten Ort und Felsen Oybin keinem Bundesland zuzuordnen. So du zu dieser Gruppe zählst: Keine Bildungslücke, die dich mit Schamesröte überziehen müsste, dafür aber dein Bedauern wecken sollte. Während Bilder vom Elbsandsteingebirge in vielen Köpfen wohnen, hat von der östlichen Fortsetzung dieses Höhenzuges, dem Zittauer Gebirge, kaum jemand eine Vorstellung. Ich war schon einmal hier, vor mehr als 25 Jahren. Deshalb glaube ich zu wissen, was mich an beeindruckenden Bildern auf den 50 Ultratrail-Kilometern erwartet. Wie ich gleichermaßen zu wissen glaube, was mir fußläufig bevorsteht: Eine zwar beinharte, nichtsdestotrotz aber lösbare Aufgabe. Zerklüftete Trails in Auf- und Abstieg, die sich mit brauchbaren Waldwegen abwechseln.

"Glauben" - so ein Bonmot - heißt wenig mehr als "nicht wissen". Es soll sich herausstellen, dass meine Vorstellungen weit abseits der Wirklichkeit siedeln ...

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7:50 Uhr: Ich stehe vor einer Art Bühne, fröstele und lausche dem verpflichtenden Briefing. Vortrag des Hygienekonzepts in Sachen Covid-19, die üblichen Appelle dies zu tun und jenes zu unterlassen, drei, vier Sätze zu Markierung und Zustand der Strecke. Resümee: Das hätte ich mir definitiv schenken können. Ich wandere unruhig hin und her. Einerseits in der Absicht in 6°C kalt-feuchter Luft nicht festzufrieren, zum anderen getrieben von düsterer Vorahnung. Trail-basierte 2.100 Höhenmeter schüchtern mich gewaltig ein. Ich stehe das durch! Davon bin ich überzeugt, sonst stünde ich nicht hier. Aber es wird hart werden und verdammt wehtun. "Ich bin kein Spezialist für solche Strecken" erläuterte ich vorhin in der Warteschlange vor der Startnummernausgabe dem "maskierten" Hintermann meinen Respekt vor der Strecke. Im Grunde eine ziemlich untertreibende Charakterisierung meiner Nichteignung für Läufe wie den bevorstehenden. Am Berg - rauf wie runter - bin ich schwach, auf Trails eine glatte Niete. Die Gründe liegen im Kerl: Zu groß, zu schwer, zu alt. Wobei Letzteres seine Wirkung nur vordergründig in Form schwindender Leistungsfähigkeit entfaltet. Altersgemäß größere Vorsicht, die Angst vorm Sturz, bremst mich mindestens im selben Maße.

"Joggst du noch oder läufst du schon?" - Ein seltendoofer, auf meterbreitem Transparent an der Bühneneinfassung plakatierter Spruch. Eingeschüchtert und frierend verzichtet mein Kopf auf den angesichts solch elitären Dünkels üblicherweise aufwallenden Ärger. Wann endlich werden Menschen darauf verzichten ihr persönliches Tun und Lassen als die bessere Lebensweise zu deklarieren? Warum andere klein reden, warum spalten? Warum sich nicht hinterm Ziel versammeln, das uns alle eint: Laufen!?

7:55 Uhr: Vortrag Ende, der Sprecher schickt uns zum Start. Ich schlendere zum hinteren Ende der Startzone und blicke hinüber zur rundknubbeligen, waagerechte Schichten aufweisenden Felswand des Oybin. Das von Wald gekrönte Haupt des mehr als hundert Meter hoch aufragenden Sandsteinmonolithen hüllt sich in wabernde Nebelschleier. Trotz Kälte und miserablen Licht-/Sichtverhältnissen bin ich keineswegs unzufrieden. Anders als in den vergangenen Tagen regnet es nicht und das soll auch so bleiben. Ich wende mich dem Starttor zu und suche mir einen Platz auf einem von zig auf den Boden gesprühten, gelben Punkten. Abstand von Punkt zu Punkt: Dreimal darfst du raten! Mit weit über die Nase gezogenem Schlauchtuch warte ich auf das Startsignal. Wie bitte? Schlauchtuch als Covid-19-Mund-Nasenschutz inmitten der Läuferherde, weil es so im Hygienekonzept vorgeschrieben ist? - Vordergründig: Ja. Tatsächlich: Sch... auf Corona! Mir ist einfach elend kalt im Gesicht!

Es geht los: Eine buntgefleckte Herde von etwa 130 Utratrailern setzt sich in Bewegung. Gemessenen Schrittes zumindest im letzten Viertel der Formation, eingedenk dessen, was uns erwartet und des gnadenlosen Beginns: Sofort Steigung, wenngleich moderat. Schon dieses zurückhaltende, vom Herdentrieb diktierte Tempo ist mir zu hoch. Sofort koppele ich mich ab: ‚Lass sie laufen! Setz kurze Schritte! Gib dir Gelegenheit zum Einlaufen! Verschwende keine Körner vorzeitig!’ Keine Minute später trage ich die rote Laterne, wie ein flüchtiger Blick über die Schulter zurück bestätigt. Das aufkeimende "Udo-ganz-hinten-das-geht-gar-nicht-Gefühl" ertrage ich mannhaft und mit stillem Vermerk: Einige von euch sehe ich bald wieder! Mehr noch: Hinten wird die Ente fett! - Nur ein paar Meter weiter und bergan, übergebe ich dann das rot glühende Schlusslicht an einen, der sich noch zögerlicher bewegt als ich. Und ehrlich gesagt ist mir schleierhaft, wie der augenscheinlich übergewichtige Mann diese Aufgabe lösen will. Um es noch einmal zu wiederholen: Vor uns liegen 50 Kilometer, mehr als 2.000 Höhenmeter und ganz sicher diverse schwierige Trails ...

... und wenn das so spektakulär weitergeht wie es beginnt, werde ich enorm viel Zeit auf Fotos verwenden! Keine tausend Meter gelaufen und schon erste malerische Felsformationen im Kasten. Knubbelig gerundet nach Vorlage des Oybins und wie von einer Riesenfaust hingekugelt ragen die Felskegel aus relativ flacher Umgebung auf. Drum herum wachsen hohe Bäume, vor allem Fichten, gewähren erst im letzten Moment freien Blick auf die Sandsteinkolosse. Ein bisschen wirkt die Szenerie wie einem Märchenbuch entlehnt, von fantasievollem Geist erdacht und gewiefter Hand gemalt. War ich vor 25 Jahren an dieser Stelle, betrachtete auch diese Naturwunder mit eigenen Augen? Vermutlich nicht.

Drei, vier vordem eingesammelte Mitläufer musste ich meiner Fotowut gehorchend wieder vorbeiziehen lassen. Damit im Halbdunkel des unvollkommenen Tages zwischen Bäumen halbwegs scharfe Aufnahmen gelingen, muss ich stehenbleiben und das Motiv mit ruhiger Hand anvisieren. Gut möglich, dass ich am Ende infolge Zeitüberschreitung aus der Wertung fliege, als bedauernswertes Opfer meiner Kamera. Scherzhaft gedacht, denn "never ever" werde ich volle acht Stunden bis Zielschluss ausschöpfen - nicht bei "nur" 50 Kilometern.

‚So übel und steil sind die Wege gar nicht ...’ Ein naiver Gedanke, mehr dem ängstlich unsicheren "Hallooo!?" beim Durchqueren eines finsteren Waldes entsprechend als zu erwartender Wirklichkeit. Ein Streckenposten schickt mich vom harmlosen Waldweg auf einen ersten, von Regengüssen tief ausgewaschenen Wanderpfad. Alles da, was des Trailers Herz höher schlagen und meines in die Hosen rutschen lässt: Steil bergan über Stock (= endlos viele Wurzeln) und Stein (= Felsbrocken jeder Form und Größe wild verstreut). Natürlich mühe ich mich redlich mein Gelübde auch heute zu verteidigen: Alles laufen, niemals gehen! Doch schon diese erste Prüfung bringt mich in Atemnot, will mich davon überzeugen, dass ich meinem Grundsatz heute nicht werde treu bleiben können. Einstweilen, und so lange "niemals gehen" das Überziel "Ankommen ist Pflicht" nicht gefährdet, tippele ich bergauf.

Oben angekommen - wo immer hier zwischen den Bäumen "oben" auch sein mag - hat das gelegentliche Frösteln infolge reichlich erzeugter Muskelwärme ein Ende. Der schmale, anspruchsvolle Pfad setzt sich dagegen ohne Pause fort; fordert volle Konzentration, um an keiner der gut getarnten, im oftmals nebligen Vierteldunkel schwer auszumachenden Stolperfallen ins Straucheln zu geraten. Unausgesetzt der Wechsel von Auf und Ab. Wobei mir "Ab" regelmäßig keinen Zeitvorteil verschafft. Ständig gilt es hohe Stufen zu überwinden und jeden Tritt sorgsam zu setzen. Einer Mitläuferin mit vergleichbarem Leistungsvermögen bleibe ich, belebter Fotos zuliebe, auf den Fersen. Schon bei guten Lichtverhältnissen wären Proportionen inmitten sich türmender Steinhaufen ohne Referenz schlecht einzuschätzen. Umso nötiger scheint mir Menschenmaß heute im oft nebligen Revier.

Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt, die Beine bewegen sich agil, allein der Kilometerzähler meiner Uhr scheint von einer Lähmung befallen. Ich sehne mich nach "guten" Wirtschaftswegen, um endlich mal raumgreifend laufen und Zeit gutmachen zu können ... doch mein Wunsch erfüllt sich nicht. Trail reiht sich an Trail. Nicht ein Pfadstück, auf dem ich auch nur für Sekunden unachtsam sein dürfte. In solchem Terrain auf einzelne Kilometer bezogene Tempobetrachtungen anzustellen wäre unsinnig. Deshalb erwarte ich einigermaßen gespannt das Ende der ersten Stunde, um eine grobe Einschätzung vornehmen zu können. Kurz davor schalte ich immer wieder zwischen Track-Darstellung* meiner Uhr und Zeit-/Streckenmessung um. Die abgelesene Distanz sät zusätzliche Zweifel im fruchtbaren Acker bisherigen Bangens: Lediglich mickrige 7,2 Kilometer Strecke konnte ich in einer Stunde erlaufen. In der ersten Stunde wohlgemerkt, auf noch ausgeruhten Beinen! Man muss kein Kopfrechengenie sein, um mir schon jetzt zu prophezeien: Das wird eine knappe Kiste werden!

*) Die Strecke ist (gut!) markiert. Zur Sicherheit lud ich mir trotzdem den vom Veranstalter bereitgestellten Track auf meine GPS-Uhr.

Mein anfänglicher Optimismus bröckelt, weicht wachsender Enttäuschung. Schuld an Letzterem tragen vor allem die Sichtverhältnisse. Just hier, von diesem felsigen Plateau aus, genießt der Betrachter eine überwältigende Aussicht auf Berg und Ort Oybin. Ich vertraue der hinweisenden Tafel, auch wenn die Nebelwand gegenwärtig den Eindruck erweckt, als wäre die Welt gleich hinterm Panoramafelsen zu Ende. Schon jetzt weiß ich eines ganz sicher: Ich muss wiederkommen! Um all das zu sehen, was mir heute verwehrt bleibt!

Ein paar hundert Meter volle Kraft voraus: Ein brauchbares Stück Weg abwärts, ein Bahnübergang, dahinter dem Radweg entlang der Straße folgen, diese überqueren und drüben auf flachem Weg am Waldrand weiter. Wie sehr mein Straßenläufer-Ich rasche Streckengewinne ersehnt, vermittelt es mir durch eine Wunsch-Vorstellung. Eine Art Tagtraum, in dem sich der "gute" Weg hinter der uneinsehbaren Linkskurve endlos fortsetzt; in dem munter trabende Füße auf komfortablem Geläuf rasch vorankommen ... immer weiter und weiter und wei ... Das war’s dann auch schon wieder: Scharf links ab, aufwärts, Wanderpfad, Steine, Schrunden, Wurzeln - achtgeben, schuften, wie gehabt ...

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Auf diese und ähnliche Weise verbringe ich die kommenden Stunden. Es wäre sinnlos, zudem überaus ermüdend im Folgenden die Begehung tausender Buckel und hunderter Felsformationen, darüber hinaus das mehrfache Nichterleben vom Nebel verwehrter Aussichten und meine wachsende Erschöpfung in epischer Länge auszubreiten. Tatsächlich besteht die Strecke zu einem hohen Prozentsatz aus der ununterbrochenen Aneinanderreihung von Wanderpfaden, die ein herrliches Stück Natur erschließen. Wanderpfade oder, um es in Läufersprache auszudrücken, anspruchsvolle Trails. Das Anspruchsniveau variiert ständig, von abschnittsweise harmlos, über elektrisierend bis stellenweise gefährlich. Fehlt das Risiko zu stürzen, bremsen nicht selten andere Erschwernisse; vor allem Morast, knöcheltiefe Pfützen oder mit Wasser vollgesogene Wiesen. Im Folgenden schildere ich schlaglichtartig Besonderheiten, die ich entlang der Strecke erleben darf (oder muss). Soweit es Panoramen betrifft, handelt es sich meist um - zugegebenermaßen grandiose - Nahsichten auf Sandsteinfelsen. Fernsichten, die sich vermutlich häufiger bieten, bleiben lange Zeit hinterm Hochnebel unsichtbar.

Viele der markanten Höhen und Formationen, von denen die Strecke gefühlt keine auslässt, tragen klangvolle Namen. Im Text erwähne ich sie nur, wenn sie mir unterwegs bewusst sind, was selten vorkommt. Notgedrungen klebt mein Blick überwiegend am Boden, da bleibt wenig Raum erläuternde Tafeln mehr als mit den Augen zu streifen.

Die Aufweichung meines Grundsatzes "Alles laufen, niemals gehen" geschieht "schleichend", durchaus schon während der ersten Stunde. Auf steinernen oder stählernen Treppenkonstruktionen, meterweise in "unbelaufbar" steilem Gelände, beim Überwinden hoher Tritte und abwärts, wo mir das Risiko zu stürzen spontan Angst einflößt. Im Verlauf des Wettkampfs infolge wachsender Ermüdung zählen dann mehr und mehr Passagen zu den genannten Kategorien.

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Der Riese Rübezahl wohnt standesgemäß im polnisch-tschechischen Riesengebirge, kaum mehr als Marathondistanz von hier entfernt. Was ist schon ein Marathon für die langen Beine eines Riesen? Meine Vorstellung diesem Rübezahl oder einem anderen Fabelwesen meiner kindlichen Bettlektüren in dieser Märchenwelt in Bälde, vielleicht schon hinter der nächsten Felskante, zu begegnen scheint mithin nur allzu berechtigt. Ganz ohne Märchen und Mystik: Dergleichen habe ich bisher nirgendwo auf der Welt gesehen! Felsschichten, vertikal gespalten, zwischen denen infolge tektonischer Verschiebungen begehbar enge Klüfte entstanden. Hohlwege, kaum mehr als zwei, drei Meter breit, zig Meter hoch von glattem Fels flankiert. Einmal auch mit eisernen Querstreben gesichert, offenbar, um drohendem Steinschlag vorzubeugen. Ich möchte stehen und staunen, beim ersten solchen Naturdenkmal und eine halbe Stunde später wieder. Fantastisch, wie kreativ Mutter Natur sich hier auslebte. Ansichten zwischen bizarr und romantisch, beeindruckend und geheimnisumwittert. Auf jeden Fall in einem Maße spektakulär, dass ich mir das im Sonnenschein noch einmal erwandern möchte.

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Je älter der Tag und je krasser der Weg, umso dichter der touristische Gegenverkehr. Mit so vielen Wanderern hatte ich bei dieser Witterung nicht gerechnet. Pandemisch vermag ich es mir dennoch unschwer zu erklären: Urlaub in Deutschland steht derzeit (noch) hoch im Kurs. Auch die Unterkünfte in diesem, vergleichsweise abgelegenen und wenig bekannten Teil der deutschen Mittelgebirge dürften gefüllt sein. Und was soll ein Urlauber machen, den mehrere Tage mit heftigen Niederschlägen "indoor" fesselten? Er will, er muss raus an die frische Luft. Und so vernehme ich mehrfach den Ruf "Geh mal auf die Seite, lass mal den Läufer vorbei!" In Tonfall und Lautstärke der jeweiligen Begegnungssituation und dem Alter des Angesprochenen angepasst. Bei Kindern dominiert Sorge die Intonation, als wäre ich sehbehindert und jeweils kurz davor den Steppke vom Weg zu katapultieren.

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Einige Kilometer ruhigeres, weniger anspruchsvolles Fahrwasser liegen hinter mir. Wobei der Streckenplaner gute Wirtschaftswege auf Teufel komm raus vermied und durch halbseidene Pfade ersetzte. Besagter Teufel war sich dann auch nicht zu schade auf den Trails zahllose Fußangeln auszulegen. Wäre doch gelacht, wenn ich diesen Udo nicht zu Fall brächte. Bisher mühte Beelzebub sich vergeblich - toi, toi, toi! Zuletzt meist entlang von Trails der "besseren" Sorte, auf denen ich schneller vorankam. Folge: Optimismus teilweise wieder restauriert! Ich werde es schaffen! In sechseinhalb Stunden bis zum angedrohten Cut-off, dessen genaue Position ich nicht kenne. Weil ich nicht genau hinhörte. Was juckt Udo der üblicherweise großzügige Cut-off heimischer Ultrawettkämpfe? Udo, der einer 246 Kilometer langen Serie halsabschneiderischer Cut-offs beim Spartathlon heldenhaft entrann? Zwischenzeitnahme bei Kilometer 40? Oder doch eher in Höhe der Marathondistanz? Egal, ich werde früh genug ankommen, um dem DNF-Sensenmann zu entgehen. Und danach bleiben mindestens üppige anderthalb Stunden für die letzten paar Kilometer. Zielschluss nach acht Stunden? Der wird mich definitiv vor keine Probleme stellen!

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Kilometer 32: Unglaublich, ich darf auf breitem Waldweg im Bestzustand traben! Blick zum Track auf der Uhr: Die Richtung stimmt. Fünfzig Meter voraus ein gehendes Läuferduo. In moderater Steigung trabe ich alsbald an den beiden vorbei. Eine Wonne dieser Weg, für die Füße vor allem, aber auch zur mentalen Entspannung. Wonne in Tateinheit mit nicht erforderlicher Trittachtsamkeit schläfert ein. Chillen jäh von lautem Rufen beendet: "Hier geht’s lang!" Ich stehe und gucke irritiert: Erst in die angewiesene Richtung, wo außer Wald nichts auszumachen ist. Dann auf die Uhr, die meine aktuelle Position unzweifelhaft abseits des Tracks verortet. Also überwinde ich ein paar Meter Unterholz, bis ich auf den vorgesehenen Pfad und just mit den beiden Gehern zusammentreffe. "Diskussion zwecklos!" meint der eine mit Schabernack in der Stimme "Vor dir steht der Markierer dieses Abschnitts!"

In der Absetzbewegung werde ich Ohrenzeuge eines Kurzvortrags, den der "Markierer" seinem offenbar körperlich bereits ermatteten Begleiter hält. Im Gemurmel verstehe ich allerdings nur ein Wort klar und deutlich: "Grenzweg". Wenige Schritte weiter erkenne ich, was er meint: Blendend weiß gestrichene, etwa 40 Zentimeter hohe Grenzsteine markieren ab hier den Laufweg. Bezeichnen mit einem "D" auf der einen Seite Heimat- und einem "C" auf der gegenüberliegenden tschechische Erde. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Abgesehen von ein paar Schlenkern zur deutschen und tschechischen Seite werde ich diesen Grenzweg auf den nächsten 13 Kilometern besichtigen. Mehr noch: Mich an ihm bis zur schieren Erschöpfung abarbeiten, ihn dabei zigfach verfluchen. Werde versucht sein Grenzsteine an sich als Ursache allen Übels in der Welt zu betrachten und mir wünschen mein ganzes Leben lang nie wieder so einen vierzig Zentimeter hohen, weiß getünchten Quader sehen zu müssen ... und wenn doch, dann mit einem Presslufthammer in Händen ...

Der Anfang gibt sich harmlos, bringt mich auf buntem Herbstlaub von Grenzstein zu Grenzstein vergleichsweise flott voran. Von mir aus könnte das bis Oybin so weitergehen. Tut es aber nicht. Die Grenzsteine bleiben, das Harmlose wird nur allzu oft von Gemeinheiten - rauf, runter, schrundig, steinig, wurzelig, pfützig, matschig, glitschig - abgelöst. Müßig zu fragen: Um wie viel schneller käme ich voran, hätte der viele Regen der letzten Tage nicht etliche Passagen aufgeweicht. Müsste ich nicht vielen Wasser- und Morastlöchern ausweichen, die den Laufrhythmus zusätzlich brechen. Jedes Mal eine Art Spitzentanz randseitig oder auch mal weit darüber hinaus vollführen. Selten hält sich die beim Anblick eines flaches Wegstücks aufwallende Freude, weil sich gerade dort das Wasser sammelt.

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Was ist dir lieber, Udo? Nasse oder bleischwere Füße? Vorläufiges Ende von Morast und Pfützen dafür ein Anstieg, der gefühlt tausendste. Ich nehme ihn gleichgültig in Angriff, geradeso wie man einer einzelnen unter hundert sich gleichenden Blüten im Garten keine exemplarische Beachtung schenkt. Doch dieses "Exemplar" eines Wanderweges ist anders: Steiler vor allem, dabei höher hinauf strebend und stärker frequentiert als jede Pfadspur zuvor. Man spricht Deutsch und Tschechisch. Meine Zuordnung des vernommenen slawischen Zungenschlags entspringt nicht Sprachkenntnis sondern logischer Schlussfolgerung. Polnisch, Slowakisch oder irgendwas anderes in der Art käme natürlich auch in Frage, wären nicht Pandemie-bedingt Reisebeschränkungen in Kraft. Außerdem jogge ich nun mal auf dem deutsch-tschechischen Grenzstrich.

Na ja, den letzten Satz sollte ich vielleicht präzisieren: Die spätere Auswertung des Tracks ergibt, dass ich den - wie sich nun Schritt um Schritt herausstellt - kapitalen Berg von seiner tschechischen Südflanke aus besteige. Und die zweite, eingedenk meines Allzeit-Gelübdes peinliche Unaufrichtigkeit: Ich "jogge" allenfalls noch meterweise in der Aufwärtsbewegung. Meist ist der Trail so steil und/oder ich bereits so schwach, dass ich mich verhasstem Gehen ergeben muss. Gehen, so schnell wie möglich, gejagt von zwei junggesichtigen Mitläufern, die ich eben joggend überholte. Die mir nun, da ich gehend zur Schnecke mutiere, wieder auf die Pelle rücken. Gehen, so schnell wie möglich, was wiederum meine Waden beleidigt. So oft und lange unter solchem Zug, das kennen die nicht.

Schon gehend arbeiten Herz und Lunge unter Hochdruck und erstmals an diesem Tag erreiche ich schweißgebadet den Gipfel. Gipfel von was?* Eine Art Turm (?) mit Aussichtsplattform steht hier oben, gelb-blau beflaggt. Gelb-Blau passt weder zu "D" noch zu "C". Ein Rätsel, das ich ungelöst mit ins Tal nehme. Ein Umstand, der mich während der paar Sekunden Stillstand für Fotos und umweht von eisigem Windhauch in jedem Sinne des Wortes kalt lässt. Ein Rundblick wäre möglich, die Hochnebel- entwickelte sich zwischenzeitlich zur Wolkendecke. Doch dafür müsste ich mir Zeit nehmen, die ich nicht habe. Also lasse ich meine Startnummer notieren und folge den Hinweisen der beiden Streckenposten - abwärts, sehr lange und schmerzhaft fürs Fahrgestell abwärts ...

*) Ich stehe auf dem Gipfel der Lausche (792 m), dem höchsten Berg im Zittauer Gebirge und damit auch auf dem höchsten Punkt der O-See-Trailstrecke.

Vorsichtig, zeitweise tastend abwärts. "Downhill" dasselbe herbe Profil wie vorhin "uphill", dazu technisch anspruchsvoll, zumindest in den ersten Minuten. Dann wird es besser, das Geläuf berechenbarer, doch lauern weiterhin Unebenheiten. Bis der Wald zurückbleibt und mein Blick über Skipisten streicht. Pisten, die zur Ortschaft Waltersdorf gehören. Kurzer Fotostopp, der auch einen Verfolger (eines der beiden Junggesichter) auf Null abbremst und sein Handy zücken lässt. "Gute Idee, so ein Foto!" lässt er sich ein, während ich stumm das Rennen fortsetze. Wortlos, denn heute gilt: Reden nur, wenn unbedingt erforderlich, also frühestenfalls anlässlich des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs! Der nächste Verpflegungspunkt, Kilometer 37, kostet mich mehrere Minuten. Trinken ginge schneller, aber Udo muss unbedingt noch einen mit Schokolade überzogenen, pappsüßen, infolge Kälte zähen Riegel mampfen und irgendwie auch runterwürgen. Warum macht der Depp so was? Dergleichen Verpflegung fasst er doch sonst nie an!?

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Schlanke Quader in Habachtstellung, neuerlich folge ich der Grenzlinie, abwärts, aufwärts, abwärts, aufwärts, über Stock und Stein, im Flachen um Pfützen und Morast Haken und Bogen schlagend ... Alles ignorieren, alles aushalten, nicht denken, nach Möglichkeit wenig fühlen, nur vorwärts, vorwärts, vorwärts ... Unbarmherzig rücken die Zeiger der Uhr voran. Digitale "Wecker" drohen nur mit Ziffern. Aber ich schwöre, ich sehe da Zeiger! und der große rückt immer weiter gegen Ultimo vor. Steht nun schon fünf vor Ultimo, vor den sechseinhalb Stunden des Cut-off! Der verschlafene Kilometerzähler lässt sich dagegen nicht aus der Ruhe bringen, summiert - demonstrativ gelangweilt - das bisschen Streckenzuwachs. Drei Minuten vor Ultimo überlaufe ich die 40 Kilometer-Marke. Längst bangen Herzens, weil ich nicht weiß, wo die Häscher lauern. Seit Waltersdorf keine Menschenseele mehr und das bleibt auch noch eine ganze Weile so.

Diese "ganze Weile" verbringe ich in ständiger Unruhe, ängstlich bangend, mich unentwegt antreibend. Eine Situation, die ich in solcher Zuspitzung noch nie erlebte. Nicht mal auf dem Weg nach Sparta. Auch nie erleben wollte, die vermeintlich ständige Gefahr von Offiziellen aus dem Rennen genommen zu werden. 40 von 50 Kilometern kenne ich nun und stelle auf Basis dieses Wissens den Cut-off in Frage. Wie kann man für eine derart anspruchsvolle Strecke so wenig Zeit einräumen? Ein weiteres Indiz für den schon vorm Start auf quietschgrünem Spruchband verewigten, elitären Dünkel: Joggst du noch oder läufst du schon? - Natürlich kämpfe ich weiter, versuche sogar meine Schritte zu beschleunigen. Bis ins Ziel fehlen nur noch 10 Kilometer und dafür bleiben mir anderthalb Stunden ... ‚Wenn sie dich nicht vorher wegen Zeitüberschreitung disqualifizieren!’ hallt die Stimme des furchtsamen Miesmachers in mir nach.

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Grenzsteine und kein Ende ... nach fast 6:45 Stunden und 42 Kilometern, wieder mal "downhill", bleibt der Wald zurück. Vor mir ein Doppelstreckenposten! Ein paar ängstliche Herzschläge weit scheint sich mein schlimmster Läuferalbtraum zu erfüllen: DNF! Bis ich begreife, dass die nur da stehen, um mich sicher über eine Straße zu geleiten und drüben auf einen kaum erkennbaren Trampelpfad zu schicken. Bisher war’s oft steil und steiler, jetzt isses am steilsten. Ich greife nach Ästen, um mich auf den erdigen, vielfach von Laub bedeckten Stufen zu sichern und mit Armunterstützung hochzuziehen. Gottlob nur etwa zwanzig Höhenmeter, dann verbuche ich auch diese Heimsuchung unter Wettkampfgeschichte. Hinab und hinaus in eine Wiese. Gäb’s keine Markierungsbänder, ich könnte mich allein am niedergetrampelten Gras orientieren. So etwas wie einen Weg suche ich vergeblich. Das von Wäldern allseits begrenzte Grasland steigt an. Moderat zwar, was mich ob des wiesenweichen Geläufs und infolge fortgeschrittener Erschöpfung dennoch abschnittsweise zum Gehen zwingt. Bis mich der im Läuferhirn implantierte Sklaventreiber wieder zum Tippeln nötigt: 'Lauf! Die Zeit verrinnt und du weißt nicht, was noch kommt!'

Zunächst "kommt" ein Verpflegungspunkt. Mein GPS verzeichnet fast 43 Kilometer. Ängstlich - und das ist nicht übertrieben formuliert - also: ängstlich blicke ich dem Helfertrupp hinterm Büffet entgegen. Suche DEN älteren, einschüchternde Schiedsrichterblicke wie Pfeile verschießenden Herrn, den Scharfrichter, der mein Urteil vollstreckt: "Did Not Finish" ... Ausnahmslos junge Konterfeis lächeln mir entgegen und spenden Beifall. Also auch hier keine Zwischenzeitnehmung? Wenn nicht hier, wo dann? - Jedenfalls macht keiner der Helfer Anstalten mich aufzuhalten. Im Gegenteil: "Die Kamera nicht wegstecken! Ein Aussichtspunkt kommt noch!" Es klingt aufmunternd und spöttisch zugleich, vor allem aber liefert es mir den endgültigen Beweis: Sie lassen dich weiterlaufen! Pure Erleichterung sprengt die Naht, die stundenlang meine Lippen versiegelte: "Das fürchte ich auch!"

Gras unter den Füßen. Weiches, teils von Matsch durchsetztes Gras. Das Gelände steigt an. Rechts ein markanter Grasbuckel, voraus eine Kuppe. Die Spur im Gras knickt ab, hält nun auf den Grasbuckel zu, dessen wahre Dimensionen ich unterschätzte. Jetzt, da ich drei winzige, mühsam die Schräge bezwingende Gestalten ausmache, bereite ich mich auf die nächste, herbe Prüfung vor. Stur und von der Uhr gehetzt tippele ich im wachsweichen Geläuf gegen die Steigung an. Steigung von der ganz gemeinen Sorte, die nach und nach steiler wird. Ich schufte nach Kräften, trotte schwer atmend bis mir die Kraft dazu ausgeht. Weiter mit raschen Gehschritten. Ob ich schon zum erwähnten Aussichtspunkt aufsteige, für den ich die Kamera bereithalten soll?

Ich stelle mir die Frage aus einer vagen Hoffnung heraus: Noch acht Kilometer, vielleicht der letzte ernsthafte Anstieg?? Erfahrung spricht: Wohl kaum, auf acht Kilometern lassen sich noch diverse Höhenschikanen unterbringen. Auch wenn ich keinen Stein den Hügel raufrolle, kann ich doch Sisyphos’ Strafe und Leiden nachempfinden. Sein Schicksal erfüllte sich im endlosen Besteigen des immer gleichen Gipfels. Mein Los scheint nicht minder hart, auch wenn die zu bezwingenden Buckel Gestalt und Höhe fortwährend ändern. Letzte Meter, steil in der Falllinie, so steil, dass ich fürchte in schmieriger Spur abzurutschen. Und dann bin ich oben. Nach Atem ringend bleibe ich kurz stehen und schieße ein paar Fotos. Verrichte dasselbe Geschäft wie der Mann, der die Fotofalle zu meinen Füßen aufstellte und parallel dazu aus langem Rohr eine Breitseite auf mich abfeuert. Offizielle Fotos, derer habhaft zu werden Geld kosten würde. Uninteressant, Mann und Fotos. "Wissen Sie, ob nach Ihnen noch andere Läufer kommen?" Ausschließlich dieser Frage wegen erwähne ich ihn, weil sie mich brüskiert. Entsprechend unwirsch, im Übrigen wahrheitsgemäß schleudere ich ihm deshalb entgegen: "Und ob da noch welche kommen!"

Weiter im guten Gefühl den frechen Kerl eine weitere Stunde an windig kalter Position fixiert zu haben. Weiter und wieder bergab. Weiter nach einem Blick auf die Uhr: Genau sieben Stunden um und noch sieben Kilometer bis ins Ziel! Eine Stunde für sieben Kilometer. Wie soll ich das schaffen? Bei mir leuchtet schon die gelbe Warnlampe: Treibstoff knapp! Egal! Abwärts jetzt und sogar ein Stück Asphalt unter den Füßen. Ich versuche erneut Tempo zu machen. Kein Grund zur Resignation, auch wenn man mich flugs wieder von der schnellen festen auf eine langsame holprige Piste schickt. Vorbei an ein paar Wanderern, weiter abwärts, geradewegs in Richtung eines bewaldeten Hanges. Mein Blick hangelt sich über Baumwipfel hinan und oben angekommen gefriert er: Hoch droben ein Turm. Was ich an Flüchen ausstoße ist nicht druckreif. Dafür meine Überzeugung: Ganz sicher will der Streckenplaner, dass ich auch diesen verdammten Berg und diesen blöden Turm besichtige!

Aufstieg im Wald. Der dringende Wunsch diese Heimsuchung könnte mir erspart bleiben hat sich längst zerschlagen. Rauf, immer weiter rauf. Kein Blick mehr zur tickenden Uhr. Ich mobilisiere, was ich noch habe. Kämpfe gegen das mutmaßlich Unabänderliche an. Nähre mich an der Hoffnung, dass sie das mit dem Zielschluss nach acht Stunden vielleicht nicht so eng auslegen ... Bestimmt nicht!

Laufen unmöglich. Zu steil, Weg zu schlecht. Muss gehen. Hohe Atemfrequenz, Herz pumpt mit aller Kraft. Ein fast flaches Stück am Hang: Wieder raffe ich mich auf, falle in beherzten Trab. Was halt noch geht ... Dann weist ein Pfeil nach links. Oh mein Gott: Irre steil auf irre ruppigem Pfad aufwärts. Wie gehabt Steine, Wurzeln, Rinnen, hohe Tritte. Hat das denn nie ein Ende? Ich steige empor, gebe alles. Keuche, schwitze. Waden tun weh, alles tut weh. Überlast. Es wird nicht flacher, ganz im Gegenteil. Vor mir erhebt sich himmelhoch ein gewaltiger Steinhaufen. Tritte wie für Rübezahl gemacht führen hinan. Ich schufte wie ein Berserker, ignoriere Schmerz und Pein, wuchte mich empor. Stufe um Stufe. Ein Wunder, dass ich meine Füße überhaupt noch heben kann. Dazu hoch genug, dass ich nicht stolpere. Was für eine Sch...idee von mir hier teilzunehmen. Ich beginne zu hassen, vor allem die Strecke und nicht minder mich ...

Natürlich komme ich oben an. Ohne Blick in die Weite sofort weiter. Wo ist eigentlich der blöde Turm? Kurz darauf löse ich auch dieses Rätsel: Der Turm steht ein paar hundert Meter abseits, davor die letzte Verpflegungsstelle. Ich trinke noch ein paar Schlucke Wasser, Durst befiehlt es. Danke und ab. Und während ich mich zum Gehen wende, will eine bemitleidenswerte Läuferin wissen: "Wie weit ist es denn wirklich noch bis ins Ziel?" - Mein Mitgefühl speist sich einerseits aus der Art, wie die Frau sich vorwärts bewegt: Sie hinkte stark, als ich eben an ihr vorbeilief. Noch größeres Bedauern empfinde ich allerdings, weil sie keine Startnummer mehr besitzt. Kann nur bedeuten: Sie hat aufgeben müssen! - Auch die Antwort auf ihre Frage nehme ich noch mit: "Fünf Kilometer und nur noch bergab!"

"Nur noch bergab!" - Ich will nicht übertreiben aber diesen Satz habe ich in meinem Marathon- und Ultraleben bestimmt schon zwanzig bis dreißig Mal gehört. Und nie, nie, nie entsprach er der Wahrheit. Das wird auch heute so sein. "Nur noch bergab!" - Bergab? - Und wenn schon, schrundig, steinig, wurzelig bergab bringt keinen Zeitgewinn. So denke ich und behalte zu meinem Leidwesen Recht. Zumindest einen Kilometer weit, dann mündet der Pfad in einen breiten Waldweg. Und was erwartet mich da? Ganz recht: Steigung! so weit das Auge reicht. Ich versuche die Gangart Laufen beizubehalten. Das gelingt mir ein-, zweihundert Meter, dann geht mir die Puste aus. Also marschiere ich ein Stück ... kann das aber nicht akzeptieren: Verdammt noch mal, ich will nicht gehen! Ein empfundener, kein gedachter Fluch. Also falle ich neuerlich in Trab ... trabe, tippele aufwärts voran. Ende der Rampe in Sicht. Die Piste wird flacher, tangiert den Zenit, senkt sich endlich dem Tal entgegen ...

Unzweifelhaft habe ich die Acht-Stunden-Latte bereits jetzt gerissen. Könnte auf die Uhr schauen, traue mich aber nicht. In mir halten sich Furcht und Hoffnung die Waage. Sie verlängern den Zielschluss, ganz sicher! Der viele Matsch, der schwere Boden, das muss man doch berücksichtigen! Vor mir ein gepflegter Waldweg. Der kommt mir nach all dem Mühsamen vor wie eine Fata Morgana. Aber das bildhübsche Geläuf ist real und es ist abschüssig. Letzte Reserven sind längst aufgebraucht, also greife ich nach den allerletzten. Renne den Weg mit Karacho runter als ginge es um mein Leben ... Ringe mir minutenlang ein Wahnsinnstempo ab. Peitsche mich voran, wenn die Beine rebellieren. Wetze, kämpfe, renne ... Vollende just in diesem Augenblick Kilometer 49! Also höchstens noch ein bis zwei Kilometer! Und nun überwinde ich meine Furcht und schaue auf die Uhr: 7:49 Stunden? Ich schaue ein zweites Mal hin: Dieselben Ziffern??!! Unfassbar! Mir bleiben tatsächlich noch elf Minuten, um "just in time" zu finishen!

Von Euphorie und Kampfgeist mit- und fortgerissen nehme ich keinerlei Rücksicht mehr. Nicht auf meine Knochen - Was sind schon Schmerzen? - und nicht auf dieses elend ziehende Gefühl der Erschöpfung. Ich akzeptiere es einfach nicht, leugne die müden Beine, kämpfe vehement dagegen an. Wo ich die Kraft dafür hernehme, weiß ich nicht. Einerlei, Hauptsache in der Zeit finishen!!! Über eine Straße, drüben wieder auf einen grässlich heiklen Pfad. Abwärts, immer weiter abwärts. Fluchen hilft mir Beine zu machen. Ich gehe jetzt ein immens hohes Risiko ein: 'Konzentrier dich, heb die Füße, bloß nicht hängenbleiben!' Jetzt nicht noch stürzen. Jetzt bitte, bitte nicht mehr! Vier-, fünfmal entging ich in den letzten Stunden einem Sturz jeweils nur um Haaresbreite. Alles ging gut, auch wenn das einem Wunder gleichkommt auf dieser Strecke ...

Ist das zu fassen? Die spektakulärste und formschönste von gefühlt einer Million Felsgestalten haben sie sich bis zum Schluss aufgehoben. Wie ein gigantischer Pilz mit überkragendem Schirm sieht das aus. Und wenn es mich das Finish kosten sollte: Stehenbleiben, anvisieren, Foto! Rasch weiter, dran vorbei und auf einen fein geschotterten Spazierweg. Blick zur Uhr: Noch sechs Minuten. Auf leicht abschüssigem Schotterband werde ich schneller und schneller ... überhole ein Läuferpaar, sie und ihn ... und dann - Hurra! - weiß ich plötzlich: Hier joggte ich heute Morgen schon einmal vorbei, in Gegenrichtung. Nicht mehr weit, nur noch ein paar hundert Meter. Noch fünf Minuten. Schneller und schneller in Richtung Ziel, mal um diese Biegung, dann um jene ... War das heut’ Morgen auch schon so weit? Und dann, endlich, endlich, endlich erspähe ich den Zielbogen. Höchstens noch zweihundert Meter, vier Minuten bis zur Vollendung der achten Stunde ...

Hinter dem Zielbanner stehen Zuschauer. Ich fixiere die Menge, kann aber niemanden erkennen, alle tragen Masken. Eine trägt keine Maske! Sie steht auf vier Beinen fixiert an einer Leine: Roxi, unsere Hündin. Und meine Frau Ines vollführt eine Art Triathlon: Hält die Leine, klatscht und zückt ihr Handy für ein Foto. Daneben Ines’ Eltern, die meinen Fanclub komplettieren. Nach 7:57:13 Stunden laufe ich ins Ziel.

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Die Strecke stellt höchste Ansprüche, sowohl an die Ausdauer als auch die koordinativen Fähigkeiten des Läufers. Meine auf Basis eines barometrischen Höhenmessers verlässliche GPS-Uhr ermittelte 2.270 und damit gut 150 Höhenmeter mehr als offiziell angegeben. Der Lauf erfreut das Auge fast pausenlos mit Naturschönheiten und vermutlich auch grandiosen Aussichten ins tiefer gelegene Land.

Dem Anspruch der Strecke werden weder Cut-Off (6:30 Stunden bei Kilometer 42,5?) noch Zielschluss (nach 8 Stunden) gerecht. Diese herbe Kritik will und kann ich dem Veranstalter nicht ersparen. Getrieben von der Angst aus der Wertung zu fallen, ging ich ab etwa zwei Dritteln der Strecke höhere Risiken ein, als ich sie unter normalen Umständen einzugehen bereit bin. Beide Zeitlimits um eine Stunde zu verlängern kostet keinen Cent, bewahrt dafür ältere und/oder weniger gut trainierte Läufer unter Umständen vor Schaden.

Alle organisatorischen Aspekte des Laufes, angefangen von der zügigen Abwicklung der Startnummernausgabe, über die Verpflegung, bis hin zur Markierung der Strecke sind ohne Abstriche mit Note eins zu bewerten. Pandemie-bedingte Hürden wurden mit Bravour genommen.

Fazit: Diesen Lauf sollten sich nur Trailspezialisten und/oder hochausdauertrainierte Läufer aussuchen. Allen anderen droht das Scheitern, zumindest aber der Verlust der Lauffreude. Für mich wird es aus diesen Gründen keine Wiederholung des O-See* Ultratrails geben.

*) Die Bezeichnung des Laufes rührt vom "O-See" her, einer Abkürzung für den Olbersdorfer See. Der Olbersdorfer See entstand durch Fluten eines ehemaligen Braunkohletagebaus nördlich des Zittauer Gebirges.

 

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