4. Juli 2020

" ... und wir dürfen spielen!"  -  Ultimativer Saar Ultra (USU) 2020

Ich komme läuferisch 'rum. Auch im "Jahr der Maske", nur schrittweiser Lockerung von Social Distancing und Lockdown zum Trotz. War bereits in Brandenburg "joggen" und zuletzt in MeckPomm. Heute nun im Saarland. Um genau zu sein in Saarbrücken, wo in ein paar Minuten 26 Läufer, mich eingeschlossen, eine hundert Kilometer lange Strecke entlang der Saar bis zu ihrer Mündung in die Mosel in Angriff nehmen werden. Und weil ich so viel rumkomme in verrückten Zeiten, begegnet mir Merkwürdiges. Gerade eben, nachdem ein langsam vorbeifahrender Streifenwagen der Polizei Wachsamkeit demonstriert hatte, schickte uns Veranstalter Hendrik zum mitternächtlich leeren Vorplatz der Kongresshalle. Weil wir dort die Abstandsregel besser einhalten können als auf schmalem Trottoir. Na klar, machen wir, selbstverständlich! Wer will schon Ärger provozieren? Ärger, der letztlich dazu führen könnte, den nächsten Bittsteller abzuweisen, wenn der seinen Wettkampf genehmigen lässt.

Trotzdem passt "es" nicht. "Es" umfasst die allgemeine und spezielle Lebenswirklichkeit des anhaltenden Umbruchs in Zeiten der Pandemie. "Es" begann beim USU (Ultimativer Saar Ultra) schon damit, dass eine Startnummer nur erhalten kann, wer per Formblatt seine "Seuchenunbedenklichkeit" erklärt. Wer mit Unterschrift bestätigt nicht verseucht zu sein, darüber hinaus mit keinem Verseuchten zuletzt in Kontakt gestanden zu haben. Du wirst noch von anderen hygienischen Vorkehrungen im Rahmen dieser Laufveranstaltung lesen, die behördlicherseits verfügt wurden. En masse et en detail** so umfangreich, dass man argwöhnen könnte Superspreader versteckten sich vorwiegend zwischen Ultraläufern. Und nirgendwo auf dieser Welt kann die Ansteckungsgefahr größer sein als in den kommenden Stunden am Saarufer! Aber egal, wir sehen uns vor, halten uns an die Regeln, tun, was getan werden muss. Getan werden muss, weil es so geschrieben steht und in Teilen auch sinnvoll ist.

"Es" zeigt nebenan, sozusagen gleich um die Ecke, ein viel entspannteres Gesicht. Ich möchte vorm Start (Mitternacht) noch ein paar Kalorien bunkern. Irgendwas, das nicht zu schwer im Magen liegt. Außerdem noch ein bisschen Koffein in meine Blutbahn injizieren. Schreite zu dem Zweck gegen 22 Uhr zügig die Saarbrücker Saarpromenade mit ihren zahlreichen Lokalen ab. Wie war das noch gleich, witzig und treffend zugleich formuliert? - Entlang der Promenade steppt der Bär! Covid-19? War da was? Abstände und Gesichtsmasken: Fehlanzeige. Einmal komplett hin, dann wieder her. Döner, Pizza und Co. verwerfend kommt mir eine verwegene, allen Prinzipien gesunder Ernährung hohnsprechende Idee: Warum nicht im italienischen Eiscafé einen doppelten Espresso trinken und dann mittels Mega-Erdbeerbecher ein zuckersüßes Kalorienfundament für Lauf und Nacht betonieren? Zugegeben: Früher hätte ich mit größtmöglicher Sorgfalt ... aber egal, inzwischen fröne ich dem Genuss, vor und nach der Ultraschlacht. Das kulinarische Dazwischen wird sich spartanisch genug gestalten.

Ziehe mir also wie selbstverständlich den mitgeführten "Fratzenschlüppi"* übers Gesicht (schon dieser Akt gibt mich der Lächerlichkeit preis) und betrete das Café. Flugs tritt mir Mademoiselle Serveuse entgegen und blinzelt mich betont liebenswürdig an: "Bei uns brauchen sie keine Maske mehr! Haben Sie’s noch nicht gewusst?" Geradezu panisch, als hätte ich §1 der strengen Saarbrücker Étiquette verletzt, reiße ich mir die Masque de protection wieder von der Visage** und hocke mich an einen Tisch ...

*) Ich neige zur Verniedlichung dessen, was ich nicht leiden kann.

**) Frankreich ist nicht weit weg, daher die gehäuften frankophonen Wendungen.

Und nun stehe ich hier auf dem Vorplatz der Kongresshalle gegen Mitternacht, Eis und Erdbeeren verdauend, halte Abstand und friere. Einsetzendes Frösteln rührt indes weder vom längst geschmolzenen Eis, noch vom Social Distancing her. Die bisher wärmende Fleecejacke steckt schon im Dropbag, das ich vorhin zum Transport nach Merzig (Kilometer 54) übergab. Am Leib trage ich meinem Vorhaben entsprechend eine äußerst dünne Schale, plus Armlinge und Halstuch für die Nacht. Zu wenig, um nächtlicher Temperatur und gelegentlichem Windhauch zu widerstehen. Die letzten Startnummern sind am Mann und an der Frau, es folgt eine kurze Streckeneinweisung, durchsetzt von mehrfachem Bitten sich an die Hygieneregeln zu halten.

Darauf der Start - ein schlichtes "Los geht’s", dem mein Zeigefinger durch Drücken der Starttaste und meine überraschten Beine mit ersten Laufschritten Folge leisten. OrgaBoss Hendrik macht anfänglich den Leitwolf, wendet sich auf leicht abfallender Strecke dem Saarufer zu und übergibt uns alsbald mit einem fröhlichen "Viel Spaß und kommt gut an!" dem Abenteuer der Nacht ...

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Auch die Macher des USU, des Ultimativen Saar Ultras, mussten ihre Planung der Pandemiesituation anpassen. Diesmal war nicht nur ein rigides Hygienekonzept, sondern auch eine Streckenänderung von Nöten. In "normalen" Jahren beginnt der USU jenseits der Deutsch-Französischen Grenze im Städtchen Sarreguemines (Saargemünd). Unbetreute, auf sich gestellte Läufer organisieren das wie folgt: Anreise nach Konz (Saarmündung und Ziel in Rheinland-Pfalz nahe Trier), fahren mit dem Zug nach Saarbrücken und steigen dort in die Saarbahn um, die sie zum Start nach Frankreich bringt. Zum Zeitpunkt der entscheidenden Planungsschritte war die Grenze nach Frankreich aber noch dicht.

Also entschloss man sich zur Streckenänderung. "Normale" 111 schrumpften auf "Covid-19-kurze" 100 Kilometer. Start in Saarbrücken, innerhalb der Stadt zunächst flussaufwärts, dann ans Gegenufer und endlich auf dem Saarradweg in Gegenrichtung, also flussabwärts. USU-Streckenmarkierungen gibt es grundsätzlich keine, der Saarradweg ist ausgeschildert. Ausnahmen: Am Ort des Uferwechsels und später, ungefähr bei Kilometer 36, wo infolge Sperrung des Radweges eine Umleitung zu laufen ist. Orientierungsprobleme, Verlaufen gar, scheinen ausgeschlossen. Was gibt es Einfacheres als ständig dem Ufer zu folgen? Der vom Veranstalter bereitgestellte und auf die Uhr geladene GPS-Track gewährt zusätzlich Sicherheit.

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Viel Licht am Kai der Saarbrücker Uferpromenade. Es nimmt der Nacht, was ich an ihr nicht mag: völlige Dunkelheit. Alle, die mich kennen, wissen: Udo läuft nicht gerne nachts. Und da ich mich selbst am besten kenne, erwarte ich durchaus ein paar unfrohe Stunden. Noch nicht auf der Wendeschleife in Saarbrücken; einer Großstadt haftet ein hohes Maß dessen an, was Umweltschützer als Lichtverschmutzung bezeichnen. Und vielleicht hält sich mein Verdruss danach, mit beinahe perfektem Vollmond am Himmel, auch in Grenzen. Wie dem auch sein wird: Ich schlucke die Kröte "Laufen im Finstern", da der Ertrag mutmaßlich den hohen mentalen Einsatz übersteigen wird. 100 km weit dem Lauf eines Flusses zu folgen belohnt einen überall auf der Welt mit landschaftlichen Reizen.

Vor den "Hellreizen" gilt es allerdings die "Dunkelreize" zu verarbeiten. So etwa das scharf umrissene Spiegelbild einer Stadt im Fluss. Vollkommen stilles Wasser, vermutlich infolge Rückstaus nicht im Fluss der Fluss. Unser Erscheinen als lockere Laufgruppe lässt den Freitagnachtamüsierschallpegel noch um einige Dezibel ansteigen. Da ist natürlich Alkohol im Spiel, der manchen sonst eher desinteressiert stillen Zeitgenossen enthemmt und schwerzüngige, mittel- bis schwachoriginelle Kommentare absondern lässt. Da und dort stehen Gruppen und Grüppchen beieinander, reden, lachen, tun, was sie wahrscheinlich schon immer in sommerlich warmen Nächten taten. Anscheinend - um es mit einem abgewandelten Filmtitel auszudrücken - gilt ihnen das Virus als "Das Virus der Anderen".

Ein paar Minuten, im Schein dicht auf dicht stehender Laternen, bleibt meine Stirnlampe noch aus. Batteriestrom sparen heißt die Devise. Ersatzbatterien habe ich zur Not dabei, möchte mir den ebenso lästigen wie zeitraubenden Wechsel aber gerne ersparen. Gegen vier Uhr dann sollte die nahende kosmische Lampe schon wieder ausreichend Licht spenden. Gute vier Stunden Brenndauer traue ich meiner Funzel durchaus zu. Eher als ich dachte wird mir das Saarbrücker Fünfsechsteldunkel dann doch zu haarig. Laternen fehlen hier oder bringen nur punktuell Licht ins Dunkel. Die Dichte der zu mitternächtlicher Stunde flanierenden oder sich anderweitig amüsierenden Menschen nimmt dagegen nur langsam ab. Hier ein Trinkgelage, dort ein Gesprächskreis, da unten, ufernah, vom Lampenschein nur schemenhaft dem Dunkel entrissen ein Paar. Nein, ich will nicht wissen, was die beiden dort unten, gaffendem Zugriff entzogen und sich nahe, einander zu geben haben.

In einer Straße parallel zum Uferweg vollzieht sich ein Spiel. Wahrscheinlich bolzt man einen Ball übern Asphalt. Keine gesicherte Erkenntnis, denn ich traue mich nicht den Blick vom Weg zu lösen. Liefe es blöd - und es lief für Udo in dieser Hinsicht schon mehrmals blöd -, dann reicht eine übersehene Kante, um ein paar Quadratzentimeter Knie- und Ellbogenfell dem Gott der Fallsucht auf dem Altar mangelnder Achtsamkeit opfern zu müssen. Wo ich sehen möchte, was es zu sehen gibt, bleibe ich folglich kurz stehen. Erstmals in Höhe eines echten Hinguckers: 177 Meter hoch und blau-violett illuminiert prägt der Schornstein des Heizkraftwerkes Römerbrücke die nächtliche City. Unweit hinter dem Kraftwerk, nach etwa 3,5 Laufkilometern wechseln wir die Uferseite.

Genau genommen wechsele nur ich noch die Uferseite. Fotomanöver brachten mich hoffnungslos ins Hintertreffen. Mit weiteren Schnappschüssen, von der Brücke und dem jenseitigen Ufer aus, hoffe ich den blau-violetten Spargel noch etwas beeindruckender, vielleicht samt seiner Spiegelung im Wasser einzufangen. Letzteres bleibt Wunschvorstellung. Die jeden Kirchturm überragende Höhe des Schornsteins überfordert die Weitwinkeleinstellung der Digicam. Stückweit voraus schwankt noch ein Kopflicht durch die Nacht, vielleicht fünfzig Meter entfernt. Der hatte vermutlich auch "zu tun", sonst wäre er längst enteilt ...

Saarbrücken by night nun vom Südufer der Saar aus betrachtet, das man als vergleichsweise menschenleer bezeichnen muss. Im Dämmerlicht aufgestellter Campingleuchten mache ich lediglich eine Runde junger Leute aus. Das Alter der Versammelten bleibt Spekulation bis eine jugendliche Stimme das Wort an mich richtet: "Hallo!? Darf ich Sie fragen, ob sie beim USU mitlaufen?" Manches hatte ich erwartet, dass mich nachts um halb eins aus trauter Runde "fachkundige" Nachfrage zum Stichwort "USU" erreichen würde ganz sicher nicht.

Alsbald endet das helle, muntere Saarbrücken, umfängt mich unvollkommene Stille. Einen meiner Mitläufer habe ich vorhin überholt, der blieb an seinem Rucksack herum hantierend zurück. Nun also nur noch das Tapptapp der eigenen Füße. Stimmen von Nachtschwärmern fehlen gleichfalls im Außenbezirk der Stadt. Stete Begleitgeräusche dringen lediglich von der nahen Autobahn A620 heran, die die Saarbrücker Innenstadt dem Saarufer folgend durchschneidet. Radweg und Autobahn werden noch für etliche Kilometer ein ungleiches Paar bilden und sich erst vor Merzig trennen. Also mag sich der werte Leser die nun folgende Schilderung meiner Erlebnisse vor dem steten Hintergrundgeräusch vorbei rauschender Fahrzeuge vorstellen. Es mag merkwürdig klingen, doch selbst um zwei, drei Uhr in der Nacht bleibt der Verkehr auf der Autobahn lebhaft. Wenn mich daran etwas stört, dann weniger die zumeist gedämpfte Geräuschentwicklung. Mehr als leises "Wuschhhhh und Schummm ..." bleibt davon kaum übrig. Da stört schon eher das Bauwerk an sich, die unmittelbar neben Ufer und Radweg, manchmal sogar auf Stelzen, verlaufende Fahrbahnkonstruktion. Auf diese Weise entzieht sie mir den erhofften nächtlichen Begleiter, lässt nur abschnittsweise Blickverbindung zur fingerbreit über dem Horizont stehenden Scheibe des Vollmondes zu.

Kilometer 11, 12, 13, ohne Mondschein bewege ich mich in stockdunklem Terrain. Schon nach wenigen Minuten tritt aktuelles Empfinden an die Stelle von überkommenem Wissen. Bis dahin erinnerte ich mich nur an diverse durchlaufene Nächte, daran, wie wenig sie vom Laufspaß übrig ließen. Wie tief sie mich bisweilen sogar runterzogen. Jetzt und fortdauernd jogge ich ohne Lauffreude, ansatzweise missgestimmt durch die Finsternis. Natürlich brütete ich aus solchem Anlass immer wieder über der Frage, warum das so ist. Mangels äußerer Eindrücke auch heute wieder. Also: Was geht da in mir vor? Weshalb schwärmen andere von nächtlichen Läufen, während sie mir bestenfalls ein "Ist okay, halte ich aus" entlocken? Ich empfand nächtens nie Furcht, auch nicht als Kind. Daran kann es also nicht liegen. Und Faszination, die von einem milliardenfach funkelnden Sternenhimmel ausgeht, ist mir auch nicht fremd. Also warum hasse ich das Laufen im Dunkeln?

Tausend Schritte, hundert völlig unbedeutende Gedanken oder auch nur Fragmente davon. Ich trage mein Bewusstsein durch die Nacht, hindere es daran in Schlaf zu verlöschen - viel mehr ist das nicht, was ich hier praktiziere. Hin und wieder eine Wahrnehmung. Die erwähnten Fahrgeräusche links, halbhoch bis hoch neben mir, blendet mein Hirn längst aus. Selten unbestimmbare, schwache Gerüche, zuweilen Licht irgendwo drüben am anderen Ufer. Ein paarmal appelliere ich an mich: Nimm hin wie es ist und halte es aus! Murren ist sinnlos, du wusstest, was auf dich zukommt!

Wenn ich mich dann später - so wie jetzt schreibbereit, mit den Fingern auf der Computertastatur - zu erinnern versuche, was in diesen Minuten und Stunden geschah, was genau ich dachte, welche Eindrücke mich bewegten, dann fällt mir kaum etwas ein. Dann scheint es, als schrumpfte diese elend lange Zeit auf die Dimension einer hässlichen Viertelstunde.

Na gut, ein bisschen was finde ich dann doch in meiner Erinnerung. Etwa das so genannte Völklingen Sign in Höhe von Kilometer 14. Der Schriftzug "VÖLKLINGEN" in mannshohen Buchstaben und von hellen Scheinwerfen angestrahlt auf der anderen Uferseite signalisiert Autofahrern das Überfahren der Gemeindegrenze. Völklingen ruft in mir widerstreitende Gedanken auf. Ursächlich einerseits meine Herkunft: Ich wurde im Saarland geboren, genauer in Homburg/Saar, das gar nicht an der Saar liegt. Unweit jenes Ortes allerdings, wo dieser Lauf in "normalen" Jahren seinen Anfang nimmt. Später wohnten wir in Saarbrücken, noch später nördlich davon. Auch meine Großeltern und die übrige Familie lebten hier im kleinen Saarland. Erst als Teenager wurde ich nach Bayern verpflanzt. Exodus ohne Wiederkehr. In meinen ersten Lebensjahren war das Revier an der Saar - und da besonders Völklingen mit seiner Eisenhütte - ebenso dreckig und verrußt, wie das Ruhrgebiet. Der Ortsname Völklingen lässt mich noch heute an frisch gewaschene Bettlaken denken, die meiner Mutter Verdruss bereiteten, wenn sie ein paar Minuten zu lange in rußiger Luft trockneten. Heute Teil der Industriegeschichte. Das Ruhrgebiet ist grün und gleicht einem Naturpark, Ähnliches gilt für die waldreiche Gegend um Saarbrücken. Die übelsten Luftverschmutzer wurden zu Industriedenkmälern, Steinkohlezechen wie auch die Völklinger Hütte, die sich sogar mit dem Titel "Weltkulturerbe" schmücken darf. Gestern Abend, anlässlich der Bahnfahrt zum Start, konnte ich ein paar Blicke auf das rostrote, gigantische Denkmals-Konglomerat aus Rohren, Zylindern, Kaminen und sonstigen unbestimmbaren Vorrichtungen werfen.

Nun darf aber nicht der Eindruck entstehen, die Saar, der Raum Saarbrücken/Völklingen, wäre frei von Schwerindustrie. Unter anderem die Saarstahl AG betreibt hier immer noch Stahlwerke, wovon ich mich am Ende meiner nächtlichen Völklingen-Exkursion mit eigenen Sinnen überzeugen darf. Eine sich endlos hinziehende Reihe miteinander verbundener Maschinenhallen* nährt schon optisch den Verdacht, dass drüben am anderen Ufer glühendem Stahl mit Walzengewalt zuleibe gerückt - besser: gedrückt - wird. Und gelegentlich übers Wasser herüber- und nachhallende "Klong-Geräusche" entstehen beim Aufeinanderprallen von Metall.

*) Auf GoogleEarth nachgemessen: Die Länge des Stahlwalzwerkes Nauweiler der Saarstahl AG beträgt ungefähr einen Kilometer.

Den Anfang von Völklingen markiert ein Schriftzug, für den Abschluss steht symbolisch das Walzwerk. Was geschah auf den acht Uferkilometern dazwischen? - Fast nichts natürlich um diese Zeit. Doch immerhin begegnete ich Menschen, die zu Fuß unterwegs waren. Just an einer grässlichen Stelle des Weges, wo sogar ich die Dunkelheit begrüße, unter der Fahrbahn der Schnellstraße. Ein unheimlicher Ort des Nachts? Für furchtsame Gemüter vielleicht. Vor allem, wenn drei junge Kerle, ihre Habe (Trinkbares?) in Tragetaschen mit sich führend, den Weg in voller Breite blockieren. Bin nicht ängstlich, obendrein öffnen die Burschen bereitwillig eine Gasse. Bin ja auch nicht der Erste, sondern beinahe der Letzte, der ihre Formation spaltet. Offenbar haben sie Übung im Ausweichen. Woher, wohin morgens um zwei im lichtlosen Völklinger Outback? Kann ich mir keinen Reim drauf machen; müsste die Jungs fragen, geht mich aber überhaupt nix an. Kurz verstummt ihr Gespräch, dessen Schall mich, vom Beton des Viadukts widerhallend, schon erreichte bevor ich sie sah, dann bin ich auch schon vorbei. Ungewöhnliche Begegnung? Mehr für die Drei, als für mich. Auf Streifzügen "zur finstren Unstund’" preschen sonst keine Laufritter in voller Rüstung vorbei ...

Mich irritiert da schon eher der Zeitgenosse - gleichfalls der Pubertät noch nicht lange entwachsen -, den ich keine Minute später mitten auf dem Radweg sitzend vorfinde. Die Beine in meine Richtung von sich gestreckt und zum "V" gespreizt, Rumpf aufrecht, Kopf erhoben, blinzelt er ins Licht meiner Stirnlampe. Wartet er auf die anderen drei? Meiner in voller Lebensgröße ansichtig entweicht seinem Mund ein leicht gelallter aber nichtsdestoweniger erstaunlicher Satz: "Ganz ehrlich, ich habe große Achtung vor dem, was ihr da macht!" In meinem chronisch unterbeschäftigten Geist überstürzen sich ob dieser Bemerkung die Gedanken. Nahe liegende wie die Frage, woher er wohl weiß, was wir "da machen". Aber auch mögliche Entgegnungen, von freundlich dankend bis intolerant abweisend: ‚Ganz ehrlich, vor dem, was du da machst habe ich so gar keine Achtung!’ Zum Glück bleibt mein Mund verschlossen. Gerade noch rechtzeitig kommen mir eigene pubertäre wie nachpubertäre Verfehlungen in den Sinn, nicht selten unter Alkoholeinfluss begangen. Trotzdem wurde aus mir ein akzeptables Mitglied der bundesdeutschen Gesellschaft - von meiner Macke mich auf Ultrawegen herumzutreiben mal abgesehen.

Noch häufiger in dieser Nacht ergehe ich mich in Selbstbetrachtungen, die auf geradezu idealem Nährboden wuchern: Wache Abgeschiedenheit kombiniert mit weitgehend eingeschränkter Wahrnehmung. Dazu kommt, dass der Ultimative Saar Ultra für einen gebürtigen Saarländer so etwas wie ein "Must-have" darstellt. Meine Wurzeln wurden dieser Erde früh entrissen. Also trage ich Kindheitserinnerungen durch die Nacht, nun nach und nach erneuert... Wer nicht hier lebt, wird die Orte kaum kennen: Geboren in Homburg, als Kleinkind in Saarbrücken aufgewachsen, später in einem Kaff namens Numborn in der Nähe von Heusweiler, alles unweit von hier, ein paar Kilometer nördlich von Saarbrücken. Eingeschult im Nachbarkaff Kutzhof, im Jahr 1960. Ebendort in nachmittäglicher Heimlichkeit vom katholischen Pfarrer dem protestantischen Glauben meiner Mutter mittels eines Kännchens Taufwasser entrissen. Möglich, weil mein Vater katholisch war und nötig, weil ich sonst die zu Fuß erreichbare katholische Grundschule nicht hätte besuchen dürfen. Vielleicht hat man das meinen gläubigen Eltern aber auch nur eingeredet!? Doch, ja, der Steppke wartete nach feucht esoterischem Akt schon gespannt auf eine Erleuchtung, die ihm bis dahin nicht zuteilgeworden war. Dass in den Tagen darauf so gar nichts geschah, oder, um es mit meinen heutigen Worten auszudrücken: sich einzig die folgenlose Austauschbarkeit der Konfessionen offenbarte, dürfte den Grundstein für meine spätere kritische Distanz zum Religiösen, mehr noch zu dessen irdischer Umsetzung, den Kirchen, gelegt haben.

Keine weiteren Überraschungen mehr, die meine Funzel dem fetten Dunkel entreißen würde, nichts geschieht. Gleichmaß der Schritte, fixiert der Blick, auf den fahlen Fleck zwei Meter vor meinen Füßen gerichtet. Nur selten und ultrakurz abgewandt gen Himmel oder zur Seite. Wozu auch, da ist nichts. Nicht zu dieser Stunde. Tags sicher Grün und Wasser. Jetzt sattes, undurchdringliches Schwarz. Als verschaffte sich Lichtlosigkeit über die Augen Einlass und vergiftete mein Bewusstsein, tappe ich unfroh einher. Nicht schlimm. Erfahrungsgemäß gut auszuhalten, wenn’s sein müsste auch viel länger. Ich wusste, dass die Nacht mir zusetzen würde. Wusste, dass ich die vorm Start geäußerte Begeisterung eines Mitläufers nicht würde teilen können: "Eine warme Nacht, kein Wind, dazu Vollmond und wir dürfen spielen! Was will man mehr?"

Im Anderen Vorfreude, in mir Ablehnung. Warum? Die Antwort auf diese Frage gehört zu den am besten vor mir selbst gehüteten Geheimnissen meiner Laufleidenschaft. Ich finde keinen Zugang zu diesem Teil meines Gemüts. In einem früheren Laufbericht zitierte ich als mögliche Erklärung lebensnotwendiges Verhalten unserer Urahnen, gewachsen in dunkler Vorzeit, genetisch vererbt über tausend Generationen. Als Jäger und Sammler suchte der Mensch bei einbrechender Dunkelheit Schutz in vertrauter Umgebung, vorzugsweise seiner Höhle. Wirkt da eine mangels tatsächlichen Gefahrenpotenzials längst obsolete Urangst in mir? Ganz sicher bedeutsam scheint mir jedoch ein anderer Umstand, der mit der Frage aller Läuferfragen gemeinsame Sache macht: Warum laufen wir? Einfache Antwort: Weil wir es können und weil es Spaß macht. Ersteres ist nur Voraussetzung aber nicht auslösender Antrieb. Und der Spaß stellt sich selbst infrage: Warum macht es Spaß? Das Laufen ist seinem Wesen nach zweckfreie, spielerische Beschäftigung mit sich selbst. Und bereitet nicht jegliches Spiel den Spielern Freude, gleichgültig was und in welchem Alter sie spielen? Doch ab hier wird es persönlich: Was dem einen Freude macht, kann den anderen anöden, ihm gar zuwider sein. Und mit mir ist es so: Das Spiel, das ich Laufen nenne, erfreut mich auf Basis sinnlicher Wahrnehmungen. Und genau da liegt der Hund begraben: Dem Licht der Stirnlampe folge ich durch einen spärlich beleuchteten Tunnel. Zu kläglich der verbliebene Rest der Welt, um meine Sinne zu erfreuen.

Das Malheur ist längst geschehen, nur weiß ich es noch nicht. Wahrscheinlich kurz nachdem ich "Mister Light" überholte. Ausgehend von leuchtstarker Kopflampe und einer zweiten Lichtquelle in Brust- oder Hüfthöhe verfolgte mich seine hell wischende Sphäre noch einige Zeit. Dann war ich wieder meiner LED-Funzel überlassen. Ausreichend Lumen für trittsicheres Laufen oder Kontrollblicke zur Uhr. Auf der bildeten Pfeil und Track über Stunden ein unzertrennliches Paar. Jetzt nicht mehr! Der Pfeil weist zwar in die vom Track vorgegebene Richtung, liegt aber deutlich daneben. Wie kann das sein? Ich spule den Film der letzten Minuten in Gedanken noch einmal ab: Da gab es definitiv keinen Abzweig. Zwar einen Pfad, gerade eben, jedoch ohne Beschilderung und zu schmal für Radler. Ich spähe zurück. Folgt mir jemand, "Mister Light" vielleicht? Fehlanzeige. Unsicheres Erwägen: Vielleicht doch nur ein aus GPS-Toleranzen resultierender Schabernack der Uhr? Manchmal liegt der Pfeil daneben, das ist normal. Ja, schon, nur nicht so weit!?

Verunsichert trabe ich weiter ... Der asphaltierte Weg legt sich in eine Linkskurve, gewinnt Höhe und bringt mich vor einen Wegweiser: Radweg nach links und rechts, (mich) verwirrende Ortsangaben auf den Schildern. Was nun? Ich entscheide mich für links, tippele unschlüssig fünfzig Meter weiter und stehe an einem Ortsrand. Neben mir ragt ein weiterer Wegweiser in den schwarzen Himmel, diesmal Radwege kreuzförmig in alle (!) Richtungen, unter anderem die Erkundung des Städtchens Saarlouis anbietend. Mit aufkeimender Verzweiflung studiere ich erneut Pfeil und Track, die jedoch mehr verwirren als helfen. Soll ich links abbiegen? Rein in die Siedlung, oder doch eher in die andere Richtung laufen? Was sich hier gerade vollzieht, ist mir nach Track laufend noch nie zugestoßen: Ich habe mich verlaufen UND völlig die Orientierung verloren UND weiß die GPS-basierte Symbolik meiner Uhr nicht mehr zu deuten. Rien ne va plus!

Ich biege links ab, hoffe in dieser Richtung Pfeil und Track wieder zu vereinen ... jogge durch helle Straßen ... und jogge ... und jogge ... Minute um Minute geradeaus ... an einer Kirche vorbei und weiter ... Ganz allmählich - will mir scheinen - nähert der Pfeil sich wieder der Spur ... und als ich schon fest daran glaube die Symbole auf der Uhr demnächst verschmelzen zu können, ist plötzlich Schluss. Ich stehe vor einer Häuserzeile, durch die ich eigentlich "hindurch" müsste. Schlagartig erkenne ich eine Kette falscher Entscheidungen, die mich hierher führten. Dass mir der ursächliche Fehler unterlief, noch bevor mich die Divergenz von Pfeil und Track erstmals alarmierte. Einzig sinnvolle Möglichkeit das zu beheben: Zurück auf dem Weg, der mich herführte, bis ich den korrekten Abzweig finde!

Rückweg: Bange Minuten in völliger Isolation. Da ist niemand, den ich fragen könnte. Und falls doch: Ich wüsste nicht einmal wonach ich fragen sollte. Nach dem "Saarradweg" vielleicht? Und wie verlässlich wäre eine Antwort? Die Situation erinnert mich fatal an meinen Orientierungs-Crash beim Kölnpfad 2016. Nachts um zwei stand ich in einem Kölner Stadtteil, Handy und Uhr ohne Strom, "absolutely lost in time and space". Hätte mir nicht ein Taxifahrer verlässlich den Weg gewiesen, mein Geist spukte noch heute durch Kölner Straßen. Wirklich grober Unfug diese Kölnpfad-Runde. Was ist heute Nacht anders? Mea culpa vor allem - ich habe den Abzweig verpennt. Darum wetze ich zurück ... wetze wirklich (= viel zu schnell!) ... wetze bis zum Radwegekreuz. Ich zögere kurz, vielleicht geradeaus? ... Nein, nach rechts zurück in die Dunkelheit! ... fünfzig Meter ... der andere Wegweiser. Von rechts kam ich her. Ich blicke auf die Uhr: Der Pfeil zeigt jetzt mit seiner Spitze genau auf den Track. Dem eingeblendeten Maßstab zufolge bin ich noch etwa 200 Meter vom rechten Weg entfernt. Soll ich es wagen? Geradeaus weiter, in der Hoffnung auf die Strecke zu treffen?

Ich habe es gewagt, fällte nach mehreren falschen endlich wieder eine richtige Entscheidung. Bog zwei Minuten später auf den Radweg an der Saar ein. Seitdem grübele ich darüber nach, wo ich den ersten, den eigentlichen Fehler begangen haben könnte. Sinnlos zu grübeln, die Lösung werde ich erst zu Hause, im Vergleich von vorgegebener und aufgezeichneter Strecke ermitteln können*.

*) Wie im Bild ersichtlich, verpasste ich den richtigen Abzweig schon etwa einen Kilometer, bevor mir die Abweichung auffiel. Danach verliefen meine falsche und die richtige Strecke nahezu parallel. Die Streckenteilung erfolgte in sehr spitzem Winkel. Eine Situation, in der ich mich schon mehrfach verlief, nur nicht in diesem Ausmaß. Eine Laufuhr ist kein vollwertiges Navi! Nachteilig wirkt sich vor allem aus, dass die Darstellung auf dem "Zifferblatt" nur aus drei Symbolen besteht: Pfeil, Track und Maßstab. Eine Karte zur Orientierung, auf der etwa die Saar erkennbar gewesen wäre, fehlt völlig.

Gleich wieder verunsichert und nach dem gerade Überstandenen auch spontan ängstlich: Am anderen Ufer, auf einem Hügel, eine nicht genau zu deutende Lichterscheinung. Vielleicht ein beleuchtetes Kreuz oder ein Gebäude? Weiß nicht, einerlei. Für mich so etwas wie der Stern von Bethlehem, dem ich minutenlang folge. Schräg hinter mir, dicht überm Horizont, die rötliche Scheibe des Mondes. Mond schiebt, Stern zieht und ich laufe. Laufe, laufe, laufe ... Irgendwann - lange klebte der Blick am Boden -, ist der Mond links vor mir. Und der Stern von Bethlehem rechts hinter mir. Was ist da faul? Weitere Verwirrung hieraus: Vorhin, beim Verlaufen, war ich doch schon in Saarlouis. Oder nicht? Dann wieder und noch immer am Ufer auf freier Strecke. Bewohnte Bezirke nur querab und weit entfernt. In Saarlouis wartet der erste Verpflegungspunkt. Habe ich den etwa verpasst? Habe ich mich nun völlig verfranzt? Ich bleibe stehen, schaue mich um. "Sehr lange links von der Saar laufen!" hieß es beim Briefing und genau das tue ich. Also alles in Ordnung. Warum ist dann plötzlich der Mond vor mir? Ist doch klar du Simpel: Der Fluss beschreibt eine Schleife, änderte unterdessen seine Fließrichtung um fast 180 Grad! Völlige Entspannung gewährt mir jedoch erst der Verpflegungspunkt. Wie angekündet bei Kilometer 35, als hätte mich die Extratour nicht grob geschätzt zwei Kilometer an der Nase herumgeführt*.

*) Tatsächlich beträgt meine Umwegstrecke 2,3 Kilometer.

Nicht Udo, pure Erleichterung spricht den Satz: "Habe ich euch schließlich doch noch gefunden!" Auf direktem Weg hier angekommen wäre Udo seiner Stimmung entsprechend einsilbig geblieben. Hätte sich mehr oder weniger stumm versorgen lassen, um abschließend mit sparsam herzlichem "Dankeschön" im Dunkel abzutauchen. Doch überstandene Unbill lockert seine Zunge. Dabei trinkt er Cola aus mitgebrachtem Becher und lässt seine Trinkflasche nachfüllen. Beides nachdem er seine Hände im keimtötenden Nebel aus einer Sprühflasche reibend desinfizierte. Beides dargereicht von behandschuhten Helfern, ganz so wie es im Hygienekonzept des Laufes geschrieben steht. Fertig. Nach Wünschen zum guten Gelingen aufgebrochen, holt ihn noch ein Hinweis auf die demnächst fällige "Umleitung" ein.

Schon beim Briefing erwähnte OrgaChef Hendrik die Umleitung. Nicht nur deren Erfordernis infolge Bauarbeiten, sondern auch die auf diesem Abschnitt ausgebrachten Markierungen. Und diese unübersehbar auf Asphalt gesprühten Anweisungen "in Pfeil und Schrift" finde ich nun vor. Beruhigend; sogar sehr. Es ist nicht das Verlaufen an sich, das mir noch immer nachhängt. Hilflosigkeit im Dunkeln, Totalverlust der Orientierung, eine Viertelstunde lang nicht ein noch aus zu wissen - eine hormonelle Giftmischung, die erst die aufgehende Sonne gänzlich neutralisieren wird. Während ich die unerwartet lange Umleitung - fern des Ufers und ständig in Hör- oder Sichtweite der Autobahn - abarbeite, macht die Geburt des neuen Tages Fortschritte. Schon vorm Verpflegungspunkt zeigte sich ein Lichtstreif am Horizont, inzwischen könnte ich die Lampe zur Not bereits löschen.

4:40 Uhr: Nach drei Kilometern Ausweichstrecke zurück am Saarufer, mit inzwischen ausreichend Tageslicht. Ich verstaue die Kopflampe im Rucksack und krame die Digicam hervor. Nun fehlt nur noch eine Stelle mit freier Sicht über den Fluss, um die zauberhaften Pastelltöne des anbrechenden Tages einzufangen. Der Zufall will es, dass ich mein Schussfeld kurz vor Marathondistanz finde. Zwei kleine Geschenke in kurzer Folge, zwei Schritte aus dem Schatten ins Licht ...

Und doch gelingt es mir nicht die Nacht abzuschütteln. Im Gegenteil: Je heller es wird, umso mehr verschleiern sich mir Sinne und physisches Befinden. Verständlicher weiß ich es leider nicht auszudrücken. Ich war auf Heftigeres gefasst, insofern bin ich nicht überrascht. Zweimal erlebte ich mich in meiner Wettkampfvergangenheit übernächtigt kurz vorm Einschlafen. War so müde, dass nur unablässiges Vorwärtsbewegen das Einschlafen verhinderte. Das erste Mal 2016 beim Kölnpfad und in noch ausgeprägterer Form beim Spartathlon im selben Jahr. Was ich in diesem Moment empfinde ist harmloser. Ja, doch, ich bin müde und irgendwie "total belämmert" in der Birne. Aber ich schliefe nicht ein, bliebe ich stehen. Es gibt auch keinen Grund sich zu sorgen. Die Müdigkeit wird weichen, wenn erst die Sonne am Himmel steht. So war es damals auch.

Nach wenig mehr als Marathon in kleinem Teilnehmerfeld rechne ich nicht damit Mitläufer einzuholen. Umso überraschender, dass da vorne, vielleicht 200 Meter voraus, einer geht. Verletzt? Erschöpft? Anscheinend weder das eine, noch das andere, wie könnte er sich mir sonst einladend lächelnd als Weggefährte andienen: "Na, Begleiter gefällig?" Was ich in meiner "untoten" Verfassung am wenigsten um mich haben möchte, sind Menschen. Trotzdem schlucke ich das brüskierend ehrliche "Nein!" runter, quetsche stattdessen ein sparsames "Wenn er still ist!?" zwischen den Zähnen hervor. Zustimmung und Verhaltensregel zugleich.

Seite an Seite am Saarufer, schweigend ... Der junge Kerl, sicher keine 30, hat so gut wie nichts bei sich. Schlussfolgern setzt Denken voraus, ohne Schlaf eine sehr zähe, bis zum schieren Stillstand verzögerte Angelegenheit. Irgendwann fällt der Groschen: Er ist Teil des Parallelwettkampfes, der in Merzig, bei Kilometer 54 endet. Da er mein Tempo sichtbar leichtfüßig mitgeht, schien ihm vorhin lediglich die Lauflust abhanden gekommen. Also wartete er auf jemanden, der ihm über den toten Punkt half. Laufen "Untote" mit mehr Umsicht, wenn sie solo unterwegs sind? Jedenfalls hindert mich die hellwache Eskorte zweimal daran den falschen Weg einzuschlagen. Danach habe ich meinen Weggenossen zwar nicht ins Herz geschlossen, begreife ihn aber als vom Schicksal gesandt und unentbehrlich.

Kilometer 50, halbe Strecke, 5:47 Stunden. Ich werde länger als 12:30 Stunden brauchen, so viel scheint sicher. Das gegenwärtige Tempo wird nicht mehr lange Bestand haben. Noch lullt mich nur "Schlafmüdigkeit" ein, hinter der lauert aber schon "Ausdauermüdigkeit". Ein, zwei Kilometer noch im Tandem, dann geht ein Ruck durch meinen Begleiter. Von einem Moment zum nächsten verschärft er kommentarlos die Pace. Ist rasch 30, bald schon 100 Meter in Front. Vermutlich riecht er sein Zielbier und mobilisiert nun Kräfte im Endspurt. Gelegenheit für mich die Schritte zu mäßigen.

Noch ein paar Minuten, dann wird sich die Sonne über die Bäume am gegenüberliegenden Ufer erheben. Schon jetzt blinzelt sie durchs Geäst. Ich schieße ein paar Gegenlichtaufnahmen. Kunstvolle Schnappschüsse, die allerdings die wahren Lichtverhältnisse grob verfälschen. Längst ist es taghell um mich her. Kilometer 53. Die Spannung wächst: Meine Extratour sollte eigentlich dazu führen, dass ich den Verpflegungspunkt mit meinem Dropbag erst bei etwa 56 km erreiche. Tatsächlich meldet das GPS-Zählwerk meiner Uhr lediglich 53,8 Kilometer, als ich vom Beifall einiger Beobachter begrüßt einlaufe. Mein zeitweiliger Begleiter - jetzt mit Medaille dekoriert - kommt gerade des Weges, Gelegenheit ihm zu danken.

Schwierig der Versuch mich auf Ver- und Entsorgen zu konzentrieren. Denken fällt mir noch schwerer als zuletzt Schritte aneinander zu reihen. Lampe, Armlinge und Halstuch bleiben im Dropbag zurück, zehn frische Gels verstaue ich in den Taschen des Rucksacks. Zuletzt die Flaschen auffüllen und zwischendurch trinken ... fahriges Hantieren und ständig das Gefühl irgendwas vergessen zu haben. Fertig, danke und los, aber nur bis hinter den nächsten Busch. An nun entblößten Armen und ungeschützter Halspartie im Fahrtwind fröstelnd drückt spontan die Blase. Eingelaufen kehrt die Körperwärme zurück, zudem schickt nun endlich (!) die Sonne erste, wärmende Strahlen herunter.

Ein allmählicher Prozess, der sich im Verlauf der nächsten paar tausend Schritte vollzieht: Wie erhofft, befreit sich mein Geist von lähmender Müdigkeit. Wachsein hält Einzug, das mich die bereits fortgeschrittene Beanspruchung meiner Ausdauer jedoch umso schonungsloser empfinden lässt. Entsprechend zurückhaltend gestalte ich von jetzt ab das Tempo. Die noch tief stehende Sonne überzieht die Ufer mit leuchtenden Farben. Und mit jedem Winkelgrad, den der Stern nun seinem Zenit entgegen klettert, verbessert sich meine Stimmung. Nach langen Stunden der Beklommenheit sprießt das Pflänzchen Freude. Obwohl ich das nicht zum ersten Mal erlebe, bin ich wieder überrascht wie schnell der Spaß an der Sache zurückkehrt. Und das, obwohl mir das Laufen nun nicht mehr leicht vom Fuße geht.

Kilometer 58: Ich wechsele die Uferseite. Ein paar anstrengende Höhenmeter, für die mich die Aussicht von der Brücke jedoch reichlich entschädigt. Schwarzblau und ohne jede Regung das Wasser zu meinen Füßen, Schleierwolken spiegeln sich darin, kräftige Gelb- und Grüntöne an beiden Ufern. Flussabwärts lassen bewaldete Höhen die Erwartung eines noch reizvolleren Flussverlaufes ins Kraut schießen. Ich krame nicht im Wortschatz, denke schlicht: Schön! Ein guter Kilometer rechts der Saar bis nach Besseringen. Dort hieve ich meinen Körper in steiler Gasse empor, jogge neuerlich auf eine Brücke zu, überhole kurz davor ein gehendes Läuferpaar; sie und er, die angesichts der kapitalen Steigung offenbar die Segel strichen. Wieder bekommt meine Kamera reichlich Arbeit, zu verlockend die Ausblicke von der Brücke aus.

Nach unterdessen mehr als 60 Kilometern verrichten meine Laufwerkzeuge ihre Arbeit noch völlig beschwerdefrei. Das und der nun von Sonne verwöhnte Morgen stimmen mich optimistisch und rechtfertigen den Satz: Es geht mir gut! Mein Lauf hat die Lockerheit der ersten Stunden eingebüßt, doch das ist nicht von Belang. Nicht mal mehr ein Marathon bis ins Ziel. Eine Distanz also, die ich auch in schlimmerer Bedrängnis durchstünde. Ich genieße die Ansichten, die beidseits der Saar ins Bild rücken: Mächtige Eichen entlang eines Feldweges, massenhaft blühende Stauden am Flussufer, bewaldete Anhöhen, zarte Schlieren in ansonsten azurblauem Himmel.

Mit jedem Kilometer wird das Saartal enger. Drüben laufen die bewaldeten Hänge bereits untermittelbar zum Fluss hin aus. Nur auf meiner Seite grenzen noch Wiesen ans Ufer. Ein breiter, etwa 200 Meter langer, mit übermannshohen Pollern bestückter Kai gibt mir zunächst Rätsel auf. Wer legt hier an? Und wozu? Der Anblick des sich zunehmend verengenden, in der Ferne einer Schlucht zustrebenden Flusslaufes nährt allerdings einen Verdacht, den ich mir von einem zufällig vorbei kommenden Jogger bestätigen lasse: "Ja!" ruft er mir kurz innehaltend zu "Hier fängt die Saarschleife an! Ist schön da hinten!" Also dient der Kai wie vermutet Ausflugsschiffen zum Anlegen. Wozu die allerdings ausgerechnet hier, an der Einfahrt zur Saarschleife, abseits jedweder touristischer Infrastruktur, anlegen, diese Frage bleibt ungeklärt.

Bestürmt von zauberhaften Eindrücken ist das Rätsel schnell vergessen. Reste von nächtlichem Dunst hängen noch über stillem Wasser, leuchten im Licht der Morgensonne. Früher Morgen noch immer, was mir, schon seit Stunden unterwegs, aber nicht so vorkommt. In der Folge darf ich die berühmte Saarschleife in voller Länge auskosten und hoffe, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht werden. Wahrscheinlich hast du, lieber Leser, schon einmal ein spektakuläres Bild der Saarschleife gesehen, wie der Fluss hufeisenförmig eine Landzunge umfließt. Allerdings von der Höhe aus fotografiert und ich laufe am Fluss entlang. Erwarten mich ähnlich aufregende Ansichten auf diesem Weg?

Zwanzig Minuten später habe ich vollkommen vergessen wie anstrengend es ist zu laufen. Alles Wahrnehmen, Fühlen, Denken ist erfüllt von Begeisterung und auf die in voller Breite von der Saar durchflossene Schlucht gerichtet. Immer wieder meine ich die aufregendste aller aufregenden Perspektiven, das zauberhafteste aller zauberhaften Bilder schon erblickt und im Foto festgehalten zu haben. Nur, um ein paar Schritte weiter neuerlich wie angewurzelt und überwältigt stehenzubleiben. Wie schön Natur sein kann! Nichts weiter als Wasser, bewaldete Höhen, da und dort ein bisschen von gelben Flechten besiedelter Fels, blauer Himmel und Sonne. Natürlich wünsche ich mich auch für ein paar Augenblicke nach dort oben, wo man eine Aussichtsplattform erkennt, um die Schleife an diesem herrlichen Morgen wenigstens einmal in voller Ausdehnung zu sehen. Aber das kann ich nachholen, irgendwann ...

Die Gnade des frühen Morgens. Zweifellos in der Region schon anwesende Urlauber krabbeln gerade erst aus den Betten. Die Saarschleife gehört mir fast allein. Mal ein frühsportelnder Mountainbiker, ein einsamer Wanderer und dann auch noch zwei ältere, munter einher schreitende ältere Damen. Einzige "Störung" bleibt die Neugier der Frauen. Inzwischen ungeahnt auskunftsfreudig lege ich eine kurze Pause ein und beeindrucke die Fragstellerinnen mit hundert Kilometern, mit zu diesem Zeitpunkt schon bewältigten 66 und weiteren 34, die noch vor mir liegen.

Wo die Saarschleife beginnt, konnte ich noch mit einiger Verlässlichkeit bestimmen. Wo sie endet, ungefähr in Höhe der Schleuse Mettlach, nach wundervollen acht Kilometern, erschließt sich mir erst bei häuslicher Nachbetrachtung. Ein Kilometer Mettlach schließt sich an. Ein Ort den viele kennen, obwohl sie wie ich noch nie hier waren. "Saarschleife bei Mettlach" sind einschlägige Bilder oft untertitelt. Und wer sich auch nur wenig mehr als gar nicht mit Porzellan beschäftigte, dem wird schon der Firmenname "Villeroy & Boch" begegnet sein. Ein weltweit tätiges Porzellanimperium, dessen Hauptsitz sich nach wie hier in Mettlach befindet - irgendwo da drüben, jenseits der Saar.

Hinter Mettlach endet der Asphalt. Wie schon entlang der Saarschleife knirscht feiner Schotter unter meinen Füßen. Obendrein gewinnt der Weg an Steigung. Muss er zwangsläufig, weil das Ufer hier steil zur Saar hin abfällt. Für eine ziemliche Strecke nun aufwärts. Ich verkürze die Schrittlänge extrem. Weil ich müde bin und trotzdem jeden Meter laufen will. Kein Spleen von mir, nicht mal Verbohrtheit. Es ist Prinzip, von dem abzuweichen mich erst unzufrieden, anschließend übellaunig machen würde. Ich verstehe mich als Läufer. Und Läufer kommt von laufen. Gehen gestatte ich mir nur zur Not. Schwäche ist keine Not, also tippele ich hinan ... Andere drückt solch Gelübde nicht. Wie etwa die beiden, die gehend voraus in Sichtweite kommen. Unser Abstand schwindet und als ich wieder einmal bergwärts linse, steht einer der beiden mitten auf dem Weg, den Blick unverwandt zu Boden gerichtet.

War mir je vergönnt einen Hirschkäfer zu sehen? Möglicherweise in meiner Kindheit, als Erwachsener sicher nicht. Und nun sitzt da ein prächtiges Exemplar mitten auf dem Weg. Körper aufgerichtet, den geweihartig, als Zange ausgebildeten Oberkiefer zur Verteidigung erhoben. Will sich der zwei Riesen erwehren, die ihn anstarren. Von denen einer ihm erst ein silbern glänzendes Kästchen, anschließend einen Stock hinhält. Und schon packt er zu, was dem Riesen namens Udo erlaubt, das seltene Tier samt Stock behutsam am Wegrand und damit in Sicherheit abzulegen ...

Die aus dem roten Sandstein der Gegend erbaute Lutwinuskapelle markiert das vorläufige Ende der Steigung. Sie erinnert an die Stiftung eines Klosters in Mettlach durch den heiligen Lutwinus Ende des 7. Jahrhunderts. Damit legt sie Zeugnis von der reichen Kirchengeschichte des Saarlandes ab. Mich erinnert das kleine Gotteshaus an meine eigene Kirchengeschichte als Kind saarländischer Eltern. Es war tatsächlich einst für das Leben in diesem Land von Belang, welcher Konfession ein Mensch angehörte. Im Großen führte das über Jahrhunderte zu Kriegen, im Familiären häufig zu Konflikten. Ob bei der Eheschließung - Vater Katholik, wie heute noch 63 Prozent der Saarländer, Mutter protestantischen Glaubens (19 %) - ist mir nicht bekannt. Dafür aber anlässlich meiner Einschulung, wie bereits geschildert. Das ist gerade mal 61 Jahre, nicht mal ein Menschenleben lang, her. Klingt unglaublich, ist aber wahr ...

Abwärts und bald wieder aufwärts. Die beiden Geher habe ich zwischenzeitlich hinter mir gelassen. Meine Befürchtung, die Achterbahn könnte sich im engen, von steilen Hängen dominierten Saartal fortsetzen, bewahrheitet sich gottlob nicht. Alsbald schmiegt sich der Radweg wieder flach ans Ufer. Eine hübsche Ansicht folgt der anderen. Im Großen, wie im Kleinen. Auf diesem malerischen Abschnitt musste sich der Fluss sein Bett durch Sandsteinformationen graben, wovon vielerorts zu Tage tretende Felswände künden. Auch was am Wegrand blüht, von dem ich einzig den Fingerhut zu benennen vermag, weiß mich zu begeistern. Mal um Mal bleibe ich stehen, um das herrliche Purpur, Gelb und Weiß abzulichten. Verhalten, das zunehmend auch meine Beine diktieren, die nach jeder kleinen Pause lechzen.

Ich seh’s locker, frage mich natürlich dennoch, weshalb ich heute über deutlich weniger Ausdauer verfüge als vor drei Wochen auf noch längerer Runde an der Ostsee. Neben "schlechter Tagesform" - stets wohlfeile Begründung, da nicht überprüfbar - bieten sich fehlender Nachtschlaf und mangelnde Vorbereitung an. Tatsächlich habe ich das Training in den letzten Wochen etwas schleifen lassen ... Inzwischen sehne ich den nächsten Verpflegungspunkt herbei. Es ist wärmer geworden und meine Trinkflaschen sind leer. Immerhin schon 22 Kilometer weit mussten sie meinen Durst stillen. Die bezeichneten 77 Kilometer bis zur Tränke in Taben-Rodt sind um und kein VP in Sicht. Ereilt mich jetzt doch noch der Fluch der bösen Tat? Zwei Kilometer Umweg in der Nacht ... Kilometer 78: Immer noch kein VP, dafür steil überm gegenüberliegenden Ufer aufragende rote Felswände. Offensichtlich ein noch betriebener Steinbruch, die neu aussehenden Aufbereitungsanlagen am Fuß der Wände ergäben sonst keinen Sinn. Minuten später stehe ich vorm steilsten bisherigen Anstieg. Schweißtreibende 200 Meter, unter üblichen Umständen nicht der Rede wert, mit bald achtzig Kilometern in wachsweichen Beinen aber durchaus heftig ...

Am Ende der Rampe geht der Radweg in einer Straße auf, die mich bald darauf zur durstig erwarteten Tränke bringt ... Sieben Minuten opfere ich meinem Durst und den lahmen Beinen. Zeit genug, um die Trinkflaschen nachzufüllen und mich zum Verlauf des Wettkampfs zu erkundigen. 22 seien schon durch und nach mir werden nur noch jene zwei erwartet, die ich vorhin überholte. Na wenigstens bin ich nicht letzter, denkt es in mir. Ein bisschen irritiert breche ich auf. Nur zwei noch hinter mir? Was ist mit dem Läuferpaar, dass ich vor der Saarschleife auf der Brücke überholte? Aufgegeben? Oder waren das zufällige Jogger, die mit unserem Wettkampf nichts zu tun hatten?

Sieben Minuten Pause waren zu lange. Gut und gern zehn Minuten brauche ich, bis es wieder "rund" läuft. In dieser Zeit, gleich hinterm VP, überquere ich erneut den Fluss und eiere mit mäßigem Tempo zwischen Ufer und Bundesstraße dahin. Wasserweg, Radweg, Bundesstraße und dahinter auch noch der Damm der Bahnstrecke Trier-Saarbrücken. Mehrfach rauschen Züge vorbei, Autos ohnehin pausenlos. Unschön und langweilig sollte man denken. Empfinde ich aber nicht so. Der Blick über den Fluss bleibt kurzweilig, findet immer wieder neue, überraschende Bilder. So etwa die ersten Weingärten, des Anbaugebietes "Saar". Und wild wachsende Blumen. Massenhaft Blumen auf dem vielleicht zwanzig Meter breiten Uferstreifen. Abschnittsweise stehen Gräser und Stauden mannshoch, verwehren die Sicht zur Saar. Ich beginne wieder damit die purpur-gelb-weißen Pflanzenwunder mit der Kamera einzufangen ... noch 15 Kilometer.

Fragte mich jemand wie’s mir geht und bliebe ich eine ehrliche Antwort nicht schuldig, ich redete von Qual. Zugleich läge ein Lächeln auf meinem Gesicht, weil es mir nichts ausmacht mich zu quälen. Dass ich mir inzwischen jeden Schritt abringen muss, wird meist von den reichlich auf mich einströmenden Eindrücken überdeckt. Jetzt vom Städtchen Saarburg, dessen idyllische Kulisse am jenseitigen Ufer schrittweise ins Bild rückt. Von dieser Seite der Saar, aus der Distanz betrachtet, macht das Panorama mit historischen Häusern, Kirchen und Burgruine am meisten her und meine Kamera bekommt viel Arbeit ... noch 12 Kilometer.

Hinter Saarburg werden die zwei Zusatzkilometer meines nächtlichen Umweges zur unabänderlichen Gewissheit. Für Kilometer 89 war der letzte VP versprochen, die Uhr zeigt 91 km als ich ihn endlich ansteuere. Will nur kurz rasten, nur trinken und die Flaschen nachfüllen, brauche jedoch geschlagene sechs Minuten, um mich vom gastlichen Ort wieder zu lösen. Dass ich mich dabei auf Gespräche mit den Helfern und einem rastenden Mitläufer einlasse, erwähne ich jetzt nur als Stimmungsbarometer. Ich bin zwar schon weitgehend erschöpft, aber supergut drauf. Wäre dem nicht so, ich bliebe von "Hallo" und "Danke" abgesehen stumm wie die Fische nebenan in der Saar.

Unterdessen feiere ich jeden absolvierten Kilometer wie einen kleinen Sieg. Uneins bin ich mit mir nur über die Zählweise. Soll ich die nominellen 100 oder die wahrscheinlichen 102 Kilometer zugrunde legen? Kilometer 94 dann 95 auf meiner Uhr. Vorhin meinte ich schon die im Briefing erwähnte Überquerung der Saar an einer Schleuse stünde bevor. Ab da fehlten laut Einweisung nur noch fünf Kilometer bis ins Ziel. Tatsächlich überquerte ich nur einen Altwasserarm der Saar, um dann meinen Weg am Saarkanal entlang fortzusetzen. Während ich mühsam einen Schritt vor den anderen setze, überfällt mich neuerlich kindliches Erleben. Es war anlässlich eines Schulausfluges mit dem Bus. In der Nähe von Saarburg hielten wir an und durften in der Saar baden. An einer Stelle die nur wenig Wasser führte, so wie eben der Altwasserarm. War es dort, wo ich mich nur mit Unterhose bekleidet vom kühlen Nass umspülen ließ? Schon seltsam, an was man sich nach 60 Jahren erinnert. Ich weiß noch genau, dass ich weder Handtuch noch Badehose dabei hatte, weil das Bad gar nicht vorgesehen war. Undenkbar in der heutigen Zeit. Kein Lehrer ließe seine Kids an ungesicherter Stelle und in unziemlicher Bekleidung ins Wasser steigen.

Fühle mich kraftlos, schlapp, ausgelaugt. Kilometer 96 auf der Uhr, endlich kommt die Schleuse in Sicht. Kilometer 97 genau in Höhe der sicher zwanzig Meter hohen Schleusentüren. Und dann bin ich drüber ... nach kurzem Aufenthalt drüber, nachdem ich das Einschleusen zweier Freizeitkapitäne im Bild festhielt.

Die verbleibenden fünf Kilometer verbringe ich mit aushalten. Heftige Überlastschmerzen aushalten, wenn es - wie hinter der Schleuse - auf jaulenden Beinen abwärts geht. Kraftlosigkeit aushalten, die mich Minute um Minute mehr übermannt und ständig zum Stehenbleiben überreden möchte. Ab und an gebe ich dem Drängen nach. Gründe finden sich genug: Noch ein Gel schlucken - das letzte von 21. Zwei-, dreimal auch zum Trinken, dann sind meine Flaschen leer. Oder um völlig sinnlose Schnappschüsse von meiner Uhr anzufertigen, bei Kilometer 99 und schließlich 100 ... Schon deswegen sinnlos, weil das Ziel erst weitere zwei Kilometer entfernt auf mich wartet. Aber das ist gleichgültig. So unsagbar und herrlich gleichgültig. Rein gar nichts könnte meine Freude nun noch trüben. Nicht die zäh wie Honig tropfenden Sekunden, das eingerostet unbewegliche GPS-Zählwerk schon gar nicht. Voraus rückt die bekannte Silhouette einer Brücke über die Saar ins Blickfeld. Dort steht mein Auto und höchstens 300 Meter dahinter wartet das Ziel ... Der letzte Kilometer bricht an, auf dem ich, von Euphorie und dem Ehrgeiz unter 13 Stunden zu bleiben getragen, noch einmal schneller werde. Beifall empfängt mich und dann ist es endlich vollbracht.

Laufzeit: 12:59:15 Minuten

Platzierung: 14. von 25 Teilnehmern

(Kurze Erläuterung zur unerwartet guten Platzierung: Eine langsamere Gruppe startete bereits um 22 Uhr. Von diesen Läufern erreichten mehrere vor mir das Ziel, benötigten absolut jedoch mehr Zeit für die 100 Kilometer.)

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Der Ultimative Saar Ultra (USU) punktet mit einer wunderschönen Strecke - sobald es hell wird. Zwischen Saarbrücken und Saarlouis rahmen reichlich Schwerindustrie und eine lärmende Autobahn die Strecke ein. Vermutlich will man diese Bezirke gar nicht sehen, so dass die fehlende Sicht beim Nachtlauf eher als Vorteil zu werten ist. Zumindest für Wettkämpfer, denen nächtliches Laufen nichts ausmacht. Die zweite Streckenhälfte entschädigt für alles - insbesondere die Saarschleife und die Kilometer danach.

Die Veranstaltung verlangt den teilautonomen Läufer, der mit nur vier VP auf 100 Kilometer (in "normalen" Nicht-Covid-19-Jahren 111 Kilometer) und einem Dropbag etwa zur Hälfte der Strecke auskommt. An heißen Sommertagen, mit wenig nächtlicher Abkühlung, sollte man auf den Abschnitt zwischen Merzig und Taben-Rodt ausreichend Flüssigkeit mitnehmen, um 23 Kilometer überstehen zu können.

Hendrik Dörr und seine Crew haben mir den USU zum unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Selbst angestrengtes Nachdenken fördert keine Verbesserungsvorschläge zu Tage. Alles war gut vorbereitet und wurde souverän durchgeführt. Und das unter misslichen, von Covid-19 diktierten Umständen.

Fazit: Der USU gehört zu den Läufen über ungefähr 100 Kilometer, die ich wärmstens empfehlen kann. Hinfahren und genießen!

 

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