13. Oktober 2019

Mille grazie Andrea!  -  Ticino Ecomarathon Ultratrail 2019

Wie plant man einen Italienurlaub? - Ganz sicher gibt es da mehrerlei zielführende Methoden. Die einfachste geht so: Du legst eine Karte vom italienischen Stiefel vor dich hin, schließt die Augen und zeigst mit dem Finger auf einen beliebigen Punkt. Öffnest sodann die Augen, notierst den Namen des Ortes und buchst eine Unterkunft ebendort in der Nähe. Einen Reinfall wirst du auf diese Weise kaum erleben. Beinahe jedes italienische Dorf oder Städtchen besitzt einen malerischen, antiken Kern rund um eine Piazza. Und wunderschöne Landschaften mit überaus netten Menschen findet man auch überall, sogar in der eher eintönig flach daherkommenden Poebene.

Dass und warum wir Italien lieben, ist nun kein Geheimnis mehr. Der kleine Exkurs „Italienurlaub planen für Anfänger“ nimmt aber auch der Wahl unseres Urlaubsziels das Bizarre und den Hauch von Wagnis. „Such dir einen Lauf in Italien aus! Dort verbringen wir dann unseren Herbsturlaub!“ forderte meine Frau Ines mich irgendwann im Sommer auf. Nichts leichter als das, dachte ich bei mir. Irgendwo in Autoreichweite wird Mitte Oktober ganz sicher ein Marathon stattfinden. Pustekuchen! Nicht an den infrage kommenden beiden Wochenenden in der Nordhälfte des Stiefels. Also durchforstete ich den Veranstaltungskalender der DUV (Deutsche Ultramarathon Vereinigung) nach Ultraläufen. Nachdem mehrere Bewerbe mit kriminell vielen Höhenmetern oder zu langer Strecke verworfen waren, blieb der Ticino Ecomarathon Ultratrail übrig - 60 km und lediglich 350 offizielle Höhenmeter. 60 Kilometer? - ziemlich weit für meine gegen unterirdisch tendierende Herbstform. Und das Wörtchen „Trail“ formte eine weitere Sorgenfalte auf meiner Stirn. Andererseits gehen 350 Höhenmeter auf 60 Kilometer „umgelegt“ durchaus noch als flach durch.

Wie dem auch sei - nun sind wir hier: Start und Ziel auf dem Gelände des Ruderclubs Pavia (Canottieri Ticino Pavia), der zugleich als ausrichtender Verein fungiert. Pavia sagt dir wahrscheinlich nichts, ebenso wenig wie Ines und mir, bevor wir uns lauf-gedrungen mit dem Städtchen befassen „mussten“. Pavia* liegt am Fluss Ticino*, einem Abfluss des Lago Maggiore. Der am Unterlauf recht breite Ticino mündet wenige Kilometer südöstlich von Pavia in den schon an dieser Stelle mächtigeren Po. Unser Urlaubsquartier schlugen wir eine Dreiviertelstunde südlich von Pavia in den von endlosen Weingärten überzogenen Hügeln des Alto Oltrepò auf. Etwa eine Stunde - und damit viel zu früh - parken wir das Auto vorm Ruderclub. Zu früh ist allerdings relativ, immerhin hasse ich nichts mehr als Hektik vorm Lauf.

*) Pavia ist mit ca. 70.000 Einwohnern eines der vielen außerhalb des Landes unbekannten italienischen Mittelzentren. Zu Unrecht unbekannt, wie wir anlässlich mehrerer Spaziergänge feststellten. Beeindruckende Baudenkmäler in einer weitgehend erhaltenen Altstadt erwarten den Besucher und das nicht nur entlang einer Fußgängerzone, die diejenige vergleichbarer deutscher Städte um ein Vielfaches (!) übertrifft.

Ticino heißt übersetzt Tessin. Der Fluss gibt dem Schweizer Kanton Tessin seinen Namen, weil er in den Tessiner Bergen entspringt und in den nördlichen Lago Maggiore fließt.

Die erste Stunde: Notgedrungen ehrgeizig

Unaufgeregt und mit ein paar Minuten Verspätung schickt Veranstalter Andrea Bazzo* die knapp 100 Teilnehmer gegen 7:38 Uhr auf die Reise. Möglicherweise geht die Verspätung auf mein Konto, weil mir Andrea vor ein paar Minuten noch eine Einzeleinweisung auf Englisch angedeihen ließ. Ein bisschen behandelt er mich als wäre ich ein deutscher Spitzenläufer und das nicht erst seit heute Morgen …

*) „Andrea“ ist im Italienischen ein männlicher Vorname

Ich bin aber kein Spitzenläufer, lediglich ein alternder deutscher Ultra, der sein Training in den zurückliegenden Wochen schleifen ließ. Dass ich mich auf den ersten Kilometern dennoch auf streng überwachte 6:20 min/km eingroove, ein Tempo, das unmöglich auf 60 Kilometer Bestand haben kann, liegt am Cut off. Als ich mir das Reglement vor ein paar Tagen Zeile für Zeile aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzte, stieß ich auf zwei Cut-off-Zeiten, von denen die erste durchaus zum Stolperstein werden könnte: Nach maximal vier Stunden muss ich den Checkpoint bei Kilometer 35 erreicht haben. Brettflach auf der Straße auch mit abklingender Herbstform kein Problem. Neben ein wenig Asphalt und etlichen Kilometern Feldwegen werde ich jedoch auch bremsende Trails vorfinden. Um Cut-off Nummer zwei (Kilometer 45) und den Zielschluss sorge ich mich dagegen nicht: Bis zum zweiten Zwischenziel werden weitere anderthalb, für die komplette Distanz sogar 10 Stunden eingeräumt.

Ein bisschen erinnert mich der „anfängliche Tempozwang“ vorm ersten Checkpoint an die Verhältnisse beim Spartathlon: Survival of the Fittest … Folglich plane ich auch meine Renntaktik wie seinerzeit in Griechenland: Forsch beginnen, um in der Zeit zu bleiben, nach dem Checkpoint Tempo rausnehmen, um zu überleben (und den Lauf in aller Beschaulichkeit zu Ende bringen) …

Gleich hinterm ticino-seitigen Tor des Ruderclubs betrete ich den Uferweg. Die Altstadt von Pavia erstreckt sich am jenseitigen Nordufer, hüllt sich in morgendlichen Dunst. Ich würdige die reizvolle Stadtsilhouette keines Blickes, weil der Pfad nicht ohne Tücken ist: Unebenheiten auf Beton, zwischen Platten, abschnittsweise auch im Gras oder in einer von Fahrrädern hinterlassenen schmalen Rinne. Aufpassen Udo! Ich ermahne mich zur Aufmerksamkeit und - so viel sei vorweggenommen - werde das vielfach wiederholen. Alsbald führt unser Weg entlang des südlichen Stadtteils Borgo Ticino. Wir passieren malerisch bunte Häuschen, die ihre Fassaden dem Fluss zuwenden. Ich schieße ein paar Erinnerungsfotos, mache mir allerdings wenig Hoffnung hinsichtlich der Verwertbarkeit der Aufnahmen … Im Zwielicht des trüben Morgens operiert die Digicam mit langen Belichtungszeiten. Und mit der Cut-off-Faust im Nacken werde ich nicht stehenbleiben und einer verwacklungsfreien Fotostrecke x mal y Sekunden opfern.

Abrupt endet die Straße, geht in einen Feldweg über. Auwald nimmt mir die Sicht zum Fluss. Kein Kilometer bis sich die Laufrichtung umkehrt. In Form einer sich vom Fluss zunächst entfernenden Schleife halten wir wieder auf den Ausgangspunkt zu (Link zur Strecke). Längst hat sich das Feld mit roten und blauen Startnummern weit auseinander gezogen. „Rote“ laufen bis zum ersten Checkpoint, also 35 Kilometer weit, „Blaue“ peilen die gesamte Strecke an. Unvermittelt finde ich mich auf schmalem Asphaltband wieder. Ein Sträßchen, das die gesamte Breite der Krone eines Flussdeiches einnimmt. Befahrbare Deichkronen sind hierorts Teil des Verkehrskonzepts, wovon wir uns gestern anlässlich einer elend langen Umleitung bereits überzeugen „durften“.

Unablässig kontrolliere ich meine Pace. Auf mehrmals wechselnden Untergründen liegt sie mal etwas über, dann wieder unter 6:20 min/km. Passt. Zufrieden registriere ich, dass mir diese Geschwindigkeit zumindest anfänglich „locker flockig“ vom Fuß geht. Lauernd registriere ich jeden Mucks, der mich aus Richtung „rechtes Bein“ erreicht. Die Patellasehne meutert bereits seit etlichen Wochen. Einer unvorsichtig überzogenen Einheit Lauf-ABC verdanke ich eine Verschlimmerung der Beschwerden. Darüber hinaus nervt mich seitdem ein Ziehen in die Pobacke bis - wenn ich länger unterwegs bin - ins rechte Bein. Im Moment muckert das Knie ein bisschen, kaum der Rede wert. Meine Bedenken erwachsen aus der Dauer von vier Stunden, für die ich das (eigentlich über-) fordernde Tempo beibehalten muss. Ich hoffe einfach, dass sich „da rechts unten“ nichts zusammenbraut, was mir a) den Spaß verderben und mich b) womöglich das Finish kosten wird.

In der ersten Zeit meiner Marathon- und Ultra-„karriere“ rätselte ich bisweilen, wie es sein würde als Läufer zu altern. Langsamer würde ich werden, so viel war klar. Auch mit raffiniertestem Training wären bestimmte Ausdauerleistungsgrenzen nicht mehr zu knacken. Etwas anderes konnte (wollte?) sich meine Fantasie nicht ausmalen. Inzwischen weiß ich, dass der „Alterungsprozess eines Langstreckenläufers“ nicht nur von Leistungseinbußen geprägt ist. Alle Zipperlein, die mich in der Vergangenheit nervten, geben immer mal wieder unerwünschte Gastspiele. Manchmal massiver, häufiger als früher auf jeden Fall. Neue Blessuren in einem zunehmend anfälligeren Bewegungsapparat treten hinzu. Was nicht heißt, dass man sich hartes Training, insbesondere Tempotraining, gänzlich versagen müsste. Wie bei Laufeinsteigern gilt es jedoch sprunghafte Belastungsänderungen zu vermeiden. Nicht unvermittelt mit hohen Umfängen oder brutaler Tempoarbeit in einen Trainingsplan einsteigen. Intervalle beispielsweise mit längeren Pausen zur Erholung trennen und deren Wiederholungszahl altersgemäß reduzieren. Ungewohnte Übungen - Dehnen, Krafttraining, usw. - moderat beginnen und steigern. Nicht so sorglos unvorsichtig (= dumm) ranklotzen wie Udo nach längerer Pause bei seiner ersten Einheit Lauf-ABC.

Hinter mir plappert jemand. Ohne Punkt und Komma. Erst leise, weit entfernt. Lauter mit den Schritten, näher rückend. Ich mag nicht nur die Italiener, ich liebe auch den wunderbar melodischen Klang ihrer Sprache. Über die Maßen sogar, wenn ich es recht bedenke. Normalerweise. Offenbar aber nicht beim Laufen. Die weibliche Stimme wird lauter, belästigend laut. Schließlich wird mir klar: Es ist nicht der Redefluss an sich, der stört. Ich könnte das nicht: Scheinbar mühelos, ohne Anzeichen von Kurzatmigkeit trabend aufholen und dabei unablässig plaudern. Dio mio! Das ist so … ungerecht! Endlich zieht die Dame mit ihrem Begleiter vorbei und … beide sitzen auf Fahrrädern, tragen signalrote Uniformen und ein Kreuz auf dem Rücken. Sanitäter des Croce Rossa Italiana, die vorm Start hinterm Feld auf ihren Einsatz warteten …

Zurück in den Gassen des Stadtteils Borgo Ticino bei mittelprächtigem Wetter. Wenn die Vorhersage eintrifft, wird es trocken bleiben, bei 20°C in der Spitze aber ohne Sonnenschein. Hochnebel, entsprechend trüb gestaltet sich der Morgen. Die Kuppel des Domes von Pavia lugt im Morgendunst über die Dächer. Ein paar hundert Meter Straße,wenige Richtungsänderungen nur, dann laufe ich aufs „finstere Maul“ der Ponte Coperto zu. Die überdachte Brücke verbindet Borgo mit der Altstadt jenseits des Ticino. Leider nur als - nach meinem Geschmack - mäßig gelungene Rekonstruktion ihrer im zweiten Weltkrieg zerstörten, gotischen Vorgängerin. Im Halbdunkel unterm Brückendach und in leichter Steigung erreiche ich den Brückenscheitel. Nach ebensolchem Gefälle „spuckt“ die Ponte mich schließlich ans Gegenufer, wo Ines auf mich wartet: Fotos, Abklatschen und ein weiteres Mal wünscht sie mir einen guten Lauf.

Stadtnah im Auwald auf ebenem, mal mehr, mal weniger schmalem Pfad: Nur selten begegnen mir Passanten zu sonntäglich früher Stunde, Gassigeher mit Hund und ein paar Jogger. Ich halte das Tempo mühelos, hatte bislang noch keine wirklichen Hindernisse zu bewältigen. An waldfreiem Uferstreifen, nach 55 Laufminuten, erwarten mich die erste Tränke und eine Überraschung: Zur Pflichtausrüstung gehört ein Trinkbecher, den ich flugs aus einer Tasche des Laufrucksacks ziehe, gleichermaßen flugs aber wieder verstaue. Die Getränke werden in Plastikbechern angeboten!? Nach „Grazie!“ und „Ciao!“ mache ich mich wieder auf den Weg, zerbreche mir neuerlich den Kopf über die Liste der Pflichtausrüstung: Wozu ein Becher, wenn ich ihn nicht brauche? Später vielleicht?* Noch größeres Unverständnis erregt die gleichfalls zwingend im Gepäck mitzuführende Stirnlampe. Wozu eine Stirnlampe? Selbst wenn ich den Zielschluss voll ausreizte (was infolge sportlichen Cut-Offs im Grunde ausgeschlossen ist), käme ich gegen halb sechs Uhr ins Ziel und damit eine Stunde vor der Dämmerung. Weitere Pflichtgegenstände: Winddichte Jacke, Trillerpfeife und Rettungsdecke.

*) An allen Verpflegungstellen - bei 8, 18, 28, 35, 43 und 52 km - wurden Getränke in Bechern oder kleinen Flaschen angeboten.

Noch immer ambitioniert: Stunde zwei

Bin jetzt zwei Stunden unterwegs und laufe auf den zweiten Verpflegungspunkt am Rande einer Straße zu. Mein GPS dokumentiert mit zurückgelegten 18,6 km, dass ich das 6:20er Anfangstempo nicht ganz halten konnte, was aber auch nicht zu erwarten war. Auf zwei anstrengenden Trailabschnitten, zusammen vielleicht vier Kilometer, musste ich einen Gang zurückschalten, um meine Ressourcen nicht frühzeitig zu erschöpfen. Kurvige Pfade im Auwald, der nur selten einen Blick zum ruhig dahin strömenden Fluss gestattet. Gemeine Trails mit einer endlosen Folge von großen und kleinen Buckeln, also versteckten Höhenmetern. Gemein auch, weil der Laufrhythmus auf solchem Geläuf dauerhafter Zerrüttung unterliegt. Will man nicht in jede Vertiefung treten, muss überdies Ästen, Wurzeln und Steinen ausweichen, dann geht das nur über ständiges Variieren der Schrittlänge.

Bisher hatte ich das Glück mich nach den Trails auf gutem Geläuf wieder erholen zu können. Feldwege zumeist, aber auch zwei Kilometer Straße waren dabei. Der erste markante Anstieg fiel mit dem Wechsel auf Asphalt zusammen. Die Wortwahl „markant“ darf allerdings nicht überbewertet werden. Nicht mehr als 20 Höhenmeter galt es zu überwinden. Dass ich diese Steigung überhaupt registriere, liegt einerseits an der Kürze der Rampe, vor allem aber am fordernden Tempo.

Dankbar begrüße ich den Asphalt, weil er meine Chancen den Cut off zu schaffen weiter erhöht. Dankbarkeit, die augenblicklich in Verwirrung umschlägt, als ich plötzlich hinter einem Pavillon am Waldrand keine Markierungen mehr ausmache. Abrupt bleibe ich stehen und schaue mich um. Nichts: Kein Flatterband, nirgendwo Sprühpfeile auf dem Boden, auch keine der jeweils in Kniehöhe angebrachten Hinweistafeln. Zum Glück lud ich mir den Track auf meinen „GPS-Knecht“ und der zeigt nur eine minimale Abweichung an. Ich umrunde den Pavillon und folge einer Läuferin, die eben noch 50 Meter hinter mir war. Track und Pfeil auf der Uhr decken sich nun wieder, geben als Richtung „geradeaus“ vor. An einem Abzweig bleibt die Frau unschlüssig stehen. Noch immer keine Markierung. Gab es nie eine oder wurde sie entfernt? Im sportverrückten Italien scheint Letzteres nahezu ausgeschlossen. „This way!“ rufe ich der Dame zu und deute zunächst auf meine Uhr, dann geradewegs voraus. Hinter der sich anschließenden Wegbiegung endlich eine Tafel. Ich deute darauf und beruhige meine Mitstreiterin: „There’s a sign! Correct Direction!“ Von zwei Fragen - 1) Ist das richtig formuliert und 2) versteht die Frau überhaupt Englisch? - klärt sich eine sofort: „Thank you very much!“ schallt es hinter mir her …

Ein paar Kilometer weiter stelle ich dann ein zweites Mal meine Pfadfinderqualitäten unter Beweis. Das an einen Ast geknotete Stück Trassenband spricht eine eindeutige Sprache: Rechts abbiegen, dem Waldrand folgen! Mein Vordermann, höchstens dreißig Meter entfernt, muss es übersehen haben, lief geradeaus weiter, droht gerade im Dickicht unterzutauchen. Spontan brülle ich hinter ihm her: Lediglich ein kräftiges „He!“ - weil es eilt und mir spontan nichts Passenderes einfällt. Keine Reaktion, der Angerufene trottet weiter. Ich schreie ein zweites Mal, um einiges lauter. Diesmal dreht er sich um. Mit eindeutiger Gebärde signalisiere ich die abweichende Route. „Grazie! Grazie!“ ruft er mir kurze Zeit später hinterher. Natürlich bedankt man sich in so einem Fall. Auch wenn Selbstverständliches eigentlich keiner Dankesformel bedurfte. Wie oft hat man mich schon aus dem Nirwana zurückgeholt und vor größeren Zeitverlusten bewahrt!

Stunde drei

Das war’s in den ersten, an Ereignissen armen zwei Stunden. Rasch fülle ich meinen Magen an der Tränke mit Wasser, deponiere leere Gelbeutel im Abfallsack und mache mich mit nur ein paar Sekunden Verzug wieder auf die Socken. Radweg neben der Straße, asphaltiert, bestmögliches Geläuf, um meine Kräfte zu schonen. Leider nur ein paar Minuten, dann biegen „wir“ auf einen Feldweg in Richtung Flussufer ab. „Wir“ bezeichnet nicht mal eine Handvoll Läufer, obwohl ich momentan, im offenen Gelände, mehrere hundert Meter Strecke im Blickfeld habe. Brauchbarer Feldweg … passt. Seit einiger Zeit schon bewerte ich den Boden unter meinen Füßen fast ausschließlich danach, ob er mich in Sachen „Cut off“ aufhält oder flott vorankommen lässt. So oder so wird das eine relativ „knappe Kiste“ werden. Sollten sich mir - wie bisher - keine außergewöhnlichen Hindernisse in den Weg stellen, werde ich etwa eine Viertelstunde (plus/minus) vor der Frist am Checkpoint eintreffen. Knapp genug, um mit Sekunden und Minuten zu knausern, jedoch als Puffer ausreichend, um sich nicht gehetzt zu fühlen.

Der Genuss bleibt dabei allerdings weitgehend - in einem sehr wahren Sinne des Wortes - auf der Strecke. Strecke, die mir einiges zu geben hätte. Selbst unter wolkenverhangenem Himmel, der dem auch in Norditalien farbenfrohen Herbst das Prädikat „golden“ heute vorenthält. Aber Glanz ist nicht alles. Die Natur und agrikulturell rührige Menschen komponierten aus Feldern, Wäldern, Auen und Fluss ein reizvoll grünes Potpourri. Und das milchig schattenlose Licht des dunstigen Morgens wäre vermutlich geeignet eine zauberhafte Stimmung zu entfalten. Im Auge des laufenden Betrachters, also in mir. Doch dazu müsste ich strikt zielgerichtetem Wollen und steter Tempokontrolle entsagen. Nur so wäre es mir möglich meine Sinne dem Naturerlebnis zu öffnen. Na ja, vielleicht gelingt mir das später, hinterm Cut off. Dort wird das Zeitpolster komfortabel genug sein, um die Uhr zu ignorieren …

Bis dahin treibe ich mich an, zwinge mich ungute Signale aus dem rechten Bein zu ignorieren. Bisweilen meckert das Knie und das Ziehen durch die Pobacke in den Oberschenkel bringt sich in Erinnerung. Dabei gilt: Je höher ich das Bein heben muss, etwa beim Überwinden einer Bodenwelle, umso intensiver das Ziehen. Insgesamt jedoch nichts Besorgniserregendes, da die Symptome nicht schlimmer werden, sich überdies meist ausblenden lassen.

Der Radler nervt. Vermutlich begleitet er einen der Läufer, wenngleich er auf seinem MTB-Drahtesel meist solo unterwegs ist. Irgendwann pausierte er am Streckenrand, hantierte am Gepäck, ließ sich von mir überholen. Holte alsbald wieder auf, pedaliert nun seit Minuten hinter mir her. In geringem Abstand auf schmalem Pfad, der Überholen ausschließt. Ich ertappe mich bei zu hohem Tempo, gehetzt von Radgeräuschen hinter meinen Fersen. Zwinge mich verhaltener zu laufen. Zeit verschwenden wäre fatal, Tempo überziehen aber fataler … Der Radler nervt. Stehenbleiben und ihn vorbeilassen bringe ich aber auch nicht über mich. Ich bin im Wettkampf, er nicht. Der Cut-off-Block im Hirn verhindert die einfache, völlig selbstverständliche Lösung: Ein paar Sekunden investieren und den Mann vorbeilassen. Dann hätte ich meine Ruhe. Also nerve ich mich eigentlich selbst …

Wie erwartet zieht sich die Route meist abseits vom Ticino durchs Gelände. Wenn sie den erstaunlich breiten Fluss wieder einmal touchiert, vermittelt der einen Eindruck von Ursprünglichkeit. Sandbänke, Altwasserarme und dicht bewachsene Ufer scheinen weitgehend unberührt. Andrea wird mir später den Fluss als weitgehend sauber darstellen. Noch in Höhe Pavia, kurz vor der Mündung in den Po, so gering keimbelastet, dass die Jugend der Stadt darin badet und sogar Tauchgänge unternimmt.

Stunde vier bricht an, die Stunde der Vorentscheidung …

Das minütlich anwachsende Rauschen stammt nicht vom Ticino. Der fließt träge dahin und beschränkt sich - wenn überhaupt - auf ein vornehmes Gurgeln. Alsbald bestätigt sich mein Verdacht auf eine Fernstraße (A7, Mailand-Genua) zuzulaufen. Nachdem ich sie in kurzem, aber stockfinstrem Tunnel unterquert habe, wartet Labsal an unbemannter Tränke. Wasser in Flaschen auf einem Campingtisch und ein Abfallsack. Zu einhundert Prozent das - und nur das -, was ich brauche. Um meine leeren Gelhüllen zu entsorgen, zu trinken und den Wasservorrat im Rucksack aufzufüllen. Dankbar bin ich auch für den Campingtisch - wie wohl jeder, der nach stundenlangem Joggen den Schmerz beim Bücken scheut. Nicht mal eine Minute Unterbrechung und weiter … Der Blick zur Uhr beseitigt letzte Zweifel: 55 Minuten bleiben für die restlichen sechs, maximal sieben Kilometer. Selbst Unvorhergesehenes wird meinen Cut-Off-Erfolg kaum mehr verhindern können!

Schwieriges Geläuf hemmt mein Fortkommen nur noch auf kurzer Etappe. Lediglich ein halber Kilometer Buckelpiste in dichtem Auwald, die mich jedoch heftiger fordert als ihre Vorgänger. Objektiv heftiger, weil es ungeahnt viele, teils meterhohe Bodenwellen zu überwinden gilt. Aber auch subjektiv heftiger, weil 29 Kilometer in den Beinen mäßig trainierter Opas unüberfühlbar Spuren der Abnutzung hinterlassen. Während dieses Trails reift die Einsicht, das bisherige Tempo tatsächlich nur bis zum Cut off halten zu können. Und mehr noch als bei der Planung und auf dem Weg hierher schießen Bedenken ins Kraut: Im letzten Drittel der 60 Kilometer komplett einzubrechen schließe ich als Möglichkeit nun nicht mehr aus.

Zunächst am Waldrand, dann über Feldwege entferne ich mich vom Fluss. Behauptet mein Orientierungssinn, bestätigt von topografischer Logik. Etwa dreißig Höhenmeter einer natürlichen Bodenwelle gilt es zu überwinden, um das Urstromtal des Ticino zu verlassen. Ein Vorhaben, bei dem ich mich bereits mächtig ins Zeug legen muss. Zwei Mitstreitern geht es offenbar ähnlich. Sie ziehen es vor im steileren Teil des Anstieges zu gehen. Mit einiger Freude darf ich mir selbst attestieren von der Notwendigkeit zu gehen noch weit entfernt zu sein. Abgesehen von der (für mich) allzeit gültigen Maxime „Gehen geht nicht!“, stimuliert das Einsammeln von Gehern schlicht meine Zuversicht: Ich werde das Abenteuer „Ticino Ecomarathon“ mit der ersehnten Medaille um meinen Hals beenden!

Guter Feldweg, flach, zügig voran. Pace 6:20 min/km, von mehreren Kontrollblicken bestätigt. Dass strenges Tempomanagement nun nicht mehr nötig wäre, muss ich nach über drei Stunden Cut-off-Fokussierung erst noch lernen. Stückweit voraus waltet ein Streckenposten mit roter Flagge seines Amtes: Autos stoppen, Läufer überqueren eine Straße, der Posten - wie ich inzwischen erkenne weiblichen Geschlechts - hebt die Straßensperre wieder auf. Anlässlich meiner eigenen Straßenquerung bleibt die Dame mangels motorisierten Verkehrs arbeitslos, wünscht mir stattdessen einen guten Lauf. Immerhin reicht mein leider nur rudimentär vorhandenes Italienisch, um den erteilten „Segen“ zu verstehen und mich „Grazie!“ dafür zu bedanken.

Weiter zwischen Äckern auf breitem Feldweg. Der Status „Feldweg“ bröckelt indes mit jedem der zahlreich auf der Piste vorbei tuckernden Autos. Darunter teils hochkarätige Limousinen deutscher Nobelmarken. Wo wollen die alle hin, hier im Ticino-Outback? Wie ein Tunnelportal öffnet sich vor mir eine Allee aus Laubbäumen - hierzulande häufiger Hinweis auf ein bedeutendes Anwesen. Ich überhole einen Jogger mit Hund. Ohne Startnummer, mithin ein „freischaffender Künstler“ der Spezies „Läufer“. Bemerkenswert ist nicht der Jogger. Auch nicht der zugehörige Kampfhundverschnitt, irgendwas zwischen Pit Bull und Staffordshirre Terrier. Kopfschütteln verursacht mir die fehlende Bindung zwischen beiden. Animiert von Automobilen und unbeirrt einher trabenden Menschen zischt die Fellkugel vor und zurück, schlägt dabei zuweilen nach Hasenmanier unvorhersehbare Haken. Dass sich fußläufige Menschen vor dem „Untier“ ängstigen könnten, kümmert seinen Besitzer offenbar nicht. Auch am Überleben seines Vierbeiners scheint ihm wenig gelegen. Nur mit Vollbremsung verhindert der Lenker eines heranrollenden Autos ein hündisches Blutbad. Irgendwer hat mal behauptet Herrchen und Hund glichen einander in Aussehen und Wesen. Ich finde die beiden untermauern diese These in mustergültiger Weise - vor allem hinsichtlich Lauffreude und IQ.

Am Ende der Allee löst sich das Rätsel um den Aufgalopp der vielen Autos teilweise auf: Gegenüber eines provisorischen, bereits gut gefüllten Parkplatzes öffnet sich der Eingang zu einem bäuerlichen Anwesen*. In dessen Hof tummelt sich bereits allerlei Volk - wozu auch immer … Weiter auf flacher Piste. Maximal noch zwei Kilometer bis zum Cut Off und die Uhr meldet 3:35 Stunden. Schon jetzt könnte ich die von meinem Körper längst eingeforderte Temporeduzierung vornehmen. Doch taktische Flexibilität scheine ich heute nicht gefrühstückt zu haben. Keine Ahnung was ich mir beweisen will, halte stur die Pace. Selbst in Höhe eines einsam gelegenen Hauses noch, wo der Übergang Piste-Straße die Ortschaft Zalata ankündigt. Keine Minute später passiere ich die ersten Häuser des Dorfes. Über ihnen erhebt sich der Kirchturm, in dessen Nähe meine Streckenrecherche den Checkpoint vermutet. Irritierend auch mein Empfinden in dieser Phase: Als wär’s ein Finish überhole ich noch schnell einen Kontrahenten.

*) Azienda Agricola Biodinamica Cascine Orsine

Dass ich Ines gleich wiedersehen werde, beflügelt vermutlich meinen Lauf. Vorbei an der Kirche, ein paar Schritte noch, dann liegt der Verpflegungspunkt vor mir, bei ziemlich genau 34,5 Kilometern. Ich begrüße meine Frau und wende mich erst einmal der Tränke zu. Schlucke ein Gel, trinke … bis Ines mich erinnert: „Registrier dich doch erst einmal!“ - Also gehe ich die paar Schritte bis zur Messschleife und stoppe meine Zwischenzeit: 3:46:33 Stunden. Mit der Zwischenzeitnahme besiegele ich für heute das Ende des rein tempoorientierten Laufens. Ab jetzt will und werde ich mir Zeit lassen und die Sache mehr genießen. Keine konkreten Gedanken, einfach ein Gefühl, das mich in diesen Sekunden beherrscht. Wären es Gedanken, ich müsste relativierend hinzufügen: ‚Genießen, soweit noch möglich!’

Im Zauberwald

Nach vier Minuten verlasse ich die gastliche Stätte - zuversichtlicher denn je. Cut-off-Erfolg und Gewissheit mir nun alle Zeit der Welt lassen zu können bereiten dafür den Boden. Dass ich mich von meiner Supporterin Ines mit warmen Gefühlen aufladen lassen durfte, lässt die Pflanze Optmismus jedoch erst ins Kraut schießen. Apropos Support: Materiell beschränkte sich der auf fünf Gels, die Ines mir übergab.

Laut Reglement (nur in Italienisch verfügbar) ist Unterstützung jedweder Art lediglich an Verpflegungspunkten erlaubt. Die absolut entspannte Atmosphäre, in der dieser Lauf ausgetragen wird, lässt mich mittlerweile allerdings vermuten, dass keine der kategorisch formulierten Regeln gnadenlos exekutiert wird. Weder wurde mein Gepäck (mit diversen überflüssigen Pflichtutensilien) kontrolliert, noch scheint der Cut off ernst gemeint zu sein. Dennoch halte ich unbeirrt daran fest, alle Vorschriften buchstabengetreu einzuhalten. Weil’s die Fairness gebietet!

Ich solle immer darauf achten den Fluss zu meiner Linken zu haben, dann könne ich mich nicht verlaufen, meinte Veranstalter Andrea Bazzo anlässlich seiner Einweisung. Ausnahme: Im Forst hinter dem ersten Checkpoint. Immer tiefer dringe ich in dichten, dschungelartig verfilzten Auwald vor, bekomme folglich den Ticino nur selten zu Gesicht. Doch wenn, dann rechts von mir, wie es laut Andrea sein soll. Sicherheitshalber lasse ich dauerhaft den Track auf der Uhr mitlaufen, checke beinahe minütlich, ob der Pfeil sich noch mit der Route deckt. Ein anspruchsvoller und stellenweise tückischer Pfad zieht sich durch diesen Urwald. Dass der mich härter fordert als alle Trailetappen zuvor, bezeugt schon die schiere Länge von fast vier Kilometern. Auf denen immer wieder meterlange Sandkuhlen, scharfe Richtungsänderungen, Windwurf, den es zu übersteigen oder unwegsam zu umgehen gilt, dazu die gewohnten Buckel und Wellen. Längst liegt mein Tempo eindeutig über sieben min/km, was aber auch fortgeschrittener Ermüdung geschuldet ist.

Den Unbilden zum Trotz genieße ich die Natur um mich her. Auch Einsamkeit und Stille, die mein Vorwärtsdrängen begleiten. Seit dem Checkpoint keine Läuferseele mehr und das wird noch eine ziemliche Weile so bleiben. Nur die Strecke und ich - jene Form von Zweisamkeit, in der ich Ultrawettkämpfe am liebsten bestreite. Natürlich kämpfe ich bereits, schufte, arbeite mich an inneren und äußeren Widerständen ab. Doch das schmälert mein Erlebnis nicht, ist Teil davon, bereichert mich. Unter anderem dafür bin ich unterwegs. Da verzeihe ich der italienischen Sonne sogar, dass sie mich heute komplett ignoriert, mich den Großteil meines Wasservorrats umsonst den Ticino rauf und runter schleppen lässt …

Hoppla! fast hätte es mich erwischt! Fädelte mit dem Fuß in eine arglistig geschlungene Ranke ein. Der Ruck am Fuß hätte mich fast von den Beinen geholt und ins dichte Unterholz katapultiert. Konnte mich gerade noch abfangen … Eine Welle adrenalinen Schreckens durcheilt meinen Körper, lässt mich für Sekunden wie angewurzelt in innerem Alarmzustand verharren. Dann berappele ich mich wieder und gehe ein paar Schritte. Runterkommen, tief durchatmen, neu fokussieren, wieder antraben, weiter …

Dem verfilzten Dickicht ringsumher haftet etwas unergründlich Geheimnisvolles an. Pure Magie. Oder welche Erklärung fällt dir dazu ein, wenn ein Gedanke genügt, um einen gerade noch reklamierten Mangel in Sekundenfrist zu beheben? Mein Gedanke: ‚Komisch, ich höre hier gar keine Vogelstimmen!?’ - Und als hätt’ ich mit einem Zauberspruch à la „Sesam öffne dich“ den Bann gebrochen, trillern umgehend ein paar Piepmätze um die Wette …

Dass es so etwas noch gibt!?

Reichlich Kurzweil also im Dschungel am Ticinoufer. Trotzdem verspüre ich eine gewisse Erleichterung, als einer der seltenen freien Blicke flussabwärts die Konturen der erwarteten Autobrücke einfängt. Mehr als Konturen vermag ich im Dunst des Tages und mit notgedrungen flüchtigem Blick von der Brücke nicht zu erhaschen. Ein paar Minuten, dann wird es leichter werden für meine Beine. Wenn sie wieder soliden, ebeneren Boden unter den Sohlen spüren. Schließlich wird der Pfad breiter und hinter einem letzten grünen Vorhang erspähe ich das Geländer der Brückenauffahrt. Mit ein paar anstrengenden Schritten erklimme ich die Brüstung, wende mich der Brücke zu und …

… bleibe wie vom Donner gerührt stehen … Wie aus der Zeit gefallen wirkt diese Brücke! Ich hätte nicht gedacht, dass es dergleichen im Italien des 21. Jahrhunderts noch gibt. Massive Holzbohlen bilden die Fahrbahn, wo ich eigentlich Asphalt oder Beton erwartet hätte. Aus weniger groben Balken wurde der erhöhte Fußweg gezimmert, im Gegensatz zur Fahrbahn teilweise verrottet. Auch Italien ist Autoland, in dem PS-Ritter mehr zählen als Fußvolk. Die Bedeutung der Mehrgliedrigkeit, das mehrfache Auf und Ab der Konstruktion bis rüber ans andere Ufer erschließt sich mir zunächst nicht. Vorsichtig trabe ich weiter, darauf bedacht in keines der Löcher zu treten. Mein Blick fliegt hin und her, rauf und runter … bis ich endlich die Bauweise der Brücke verstehe: Im Flussbett ruhen die Brückenabschnitte auf Pontons, beidseits der Fahrbahn wie der Bug von Schiffen ausgeformt. Bei Hochwasser schwimmen die Pontons auf, heben den Brückenkörper in die Höhe, halten ihn passierbar … *

*) Es handelt sich um die Ponte delle barche di Bereguardo, eine der wenigen mit dem Auto befahrbaren Bootsbrücken. Seit 1449 sind Lastkahnbrücken an dieser Stelle in historischen Quellen belegt. Die aktuelle Konstruktion stammt aus dem Jahr 1913. Wegen des häufig zu niedrigen Wasserstandes liegen die Pontons zumeist auf dem kiesigen Grund des Flusses, wodurch vermehrt Bauschäden an der Brücke entstehen, zu deren Behebung ausreichende Finanzmittel fehlen. Die kuriose Brücke wurde von mehreren italienischen Regisseuren als Drehort für ihre Filme ausgewählt (Quelle: https://www.quatarobpavia.it/ponte-delle-barche-bereguardo/ ; hier ein Link zu einem Videodokument, die „Ponte“ bei Hochwasser).

Zweimal halte ich kurz für Fotos inne. Versetze mich auch in die Haut meiner Frau, die hier mit dem Auto rüber muss. Ob sie schon durch ist oder das Brückenabenteuer noch vor sich hat? Mehrmals rumpeln Fahrzeuge an mir vorbei, erbringen den Beweis, dass das „Ding“ tatsächlich befahrbar ist. Dennoch: Unvermittelt mit der teilweise schwimmenden Berg- und Talfahrt konfrontiert, rutschte mir am Steuer meines stinknormalen Pkw (= Bodenfreiheit endlich!) garantiert das Herz in die Hosen …

Alles gut! Auf der anderen Brückenseite steht Ines, die Spiegelreflexkamera im Anschlag. Also ist sie schon drüben. Und sie lächelt mir entgegen! Also scheinen weder unser Auto, noch ihr Autofahrer-Selbstbewusstsein - was durchaus bedeutender wäre - Schaden genommen zu haben … Ein Kuss, ein paar Sätze zur skurrilen Brücke, dann verabschiede ich mich von Ines. Vermutlich werde ich sie erst im Ziel wieder sehen. Ich schaue zur Uhr: Viereinhalb Stunden sind um, in denen ich 40 Kilometer hinter mich brachte. Noch 20 Kilometer …

Unvermutetes

Als hätte sie hinter Büschen nur auf eine passende Gelegenheit gelauert, springt mich Panik an: Habe ich den zweiten Checkpoint verpasst? Bald eine halbe Stunde folge ich nun schon dieser breiten Piste auf der Krone eines Hochwasserdammes. Kam auf brauchbarem Geläuf gut voran, hakte die Kilometer 41, 42 und 43 ab. Und nichts deutet auf jenen Schlenker hin, der mich von der Piste zu einem einsam gelegenen Gehöft bringen wird und auf derselben Route wieder zurück. Ein kurzer Abstecher nur, höchstens drei-, vierhundert Meter. Aber so markant, dass er mir seit dem Streckenstudium ständig vor Augen steht. Längst habe ich auf die Trackdarstellung meiner Uhr umgeschaltet, in der Hoffnung diesen „Zacken“ dort abgebildet zu sehen. Nichts. Minutenlang nichts. Die Darstellung auf dem winzigen „Zifferblatt“ kennt auch nur drei Modi: Komplette Route, Maßstab 500 und 100 m. Erstere könnte ich anwählen, würde allerdings mangels Auflösung nichts erkennen können. Die beiden anderen Modi wechselt die Uhr automatisch, je nach augenblicklicher „Kurvigkeit“ der Strecke. Eine „Vorausschau“ entlang des Tracks ist mir nicht bekannt. Und deshalb sehe ich auf meiner Uhr … nichts.

Ich überlege umzukehren. Die „zwingende Offensichtlichkeit“ Route auf dem Damm hält mich davon ab. Und beinahe hundert Prozent Gewähr, dass ich einen etwaigen Abzweig bei ständig freier Sicht unmöglich übersehen konnte. Oder vielleicht doch … ? Hat die Achse Auge-Sehnerv-Hirn nicht schon früher „unmögliche“ Orientierungsirrtümer verschuldet? Die Ungewissheit setzt mir zu. Ich bekämpfe sie mit „energetischer Selbstgewissheit“: ‚Okay!! Falls tatsächlich fehlgeleitet, dann kehre ich eben um! Stark genug dafür bin ich! Schaffe es auch dann noch ins Ziel! In der Zeit sowieso!’

Ich lasse den Track auf der Uhr kaum noch aus den Augen. Spähe gelegentlich voraus, nur kurz zu Boden. Von dort droht keine Gefahr, Stolpern so gut wie ausgeschlossen. Also wieder voraus, wo in einiger Entfernung die Piste nach rechts abknickt und ein Wäldchen touchiert. Vielleicht dort? Und dann - endlich! - bildet sich der Schlenker auch auf der Uhr ab. Als winziges „Häkchen“ auf dem Display. Alles gut! Alles passt! Und eine warme Welle aus Zuversicht pulsiert durch meine Adern. Ich erreiche das Wäldchen, die Piste legt sich in eine Rechtskurve und stückweit voraus erkenne ich zwei am Wegesrand aufgepflanzte Tafeln: „Ristoro a 500 mt“ steht auf der einen und der blaue Pfeil der anderen zeigt rechtwinklig ins Wäldchen …

Zwei junge Männer schicken mich durchs Tor eines gepflegten, offenbar aber unbewohnten Anwesens. Auf dessen Terrasse, unter vorspringendem Dach ideal vor Wetterkapriolen geschützt, finde ich nach 44,5 Kilometern das „Ristoro“ (Verpflegungspunkt). Meine Startnummer wird notiert, eine elektronische Zeitnahme findet - wie erwartet - an diesem Checkpoint nicht statt. Strenge und Autorität der postulierten Cut-off-Zeiten nehme ich längst nicht mehr ernst. - Ich zähle die restlichen Gels in den Taschen meines Rucksacks. Überreich der Vorrat, also schlucke ich zur Sicherheit gleich zwei. Noch gut 15 Kilometer. Ich fühle mich nicht wirklich schwach, aber auch weit davon entfernt auf der Schlussetappe noch Großtaten vollbringen zu können. Also zwei Gels auf einmal. Eklige Süße im Mund lenkt meinen Blick auf die Köstlichkeiten des Büffets. An einer Schale mit in kleinen Würfeln geschnittener Mortadella bleibt er hängen. Spontan im Munde zusammenfließendes Wasser lässt mich wie ferngesteuert danach greifen, einmal, zweimal, ein letztes Mal. Ich kippe noch einen Becher Cola hinterher - weil’s so schön prickelt - und bedanke mich für die Wohltaten. „Grazie!“ gefolgt von „Ciao!“ und „Arrivederci!“

Einen Kilometer später zwingt mich die Markierung die „lieb gewonnene“ Dammpiste in Richtung Auwald zu verlassen. Schade eigentlich, weil damit das zügige Vorankommen (ca.6:45 min/km) ein Ende hat. Aber ich darf nicht klagen, wenn „Trail“ drin ist, wo „Trail“ draufsteht. Außerdem schmeißt mir die Piste auch auf den nächsten vier Kilometern kaum Schwierigkeiten vor die Füße. Ein bisschen ruppiger die Wege insgesamt, mal bremst am Feldrand eine schmale, von MTB-Reifen geformte Rinne, kurz stolpere ich durch filziges Gebüsch - das war’s dann auch schon. Danach darf ich mich auf breitem Feldweg wieder erholen. Etwas, das ein paar Mitläufern, die ich auf meinem Weg einsammele, anscheinend nicht mehr gelingt. Diese Überholmanöver sind selten aber wichtig. Körperlich empfange ich jetzt nur noch Warnsignale: Es reicht! Aufhören! Keinen Bock mehr! et cetera. Trotz solcher Hinfälligkeit einige andere, allesamt jüngere Mitläufer hinter mir lassen zu können, relativiert mein körperliches Empfinden. Und es verleiht mir zusätzlichen Schub …

Von wegen Schub: Schon mal eine Silvesterrakete erlebt, die nach dem Anzünden der Lunte kurz am Boden zischt, sich dann als Fehlzünder entpuppt und schlussendlich kläglich verlischt? In etwa so komme ich mir gerade vor … Nicht mal einen halben Kilometer durften meine Füße den Asphalt eines Dammsträßchens genießen, dann schickte mich ein blauer Pfeil jäh hinab ans Ufer eines breiten Baches. Nun quäle ich mich auf selten begangenem Pfad in tiefem Gras voran und spüre wie das weiche Geläuf mir in Windeseile den „Saft aus Akkus saugt“. Schweiß schießt aus allen Poren. Der rann in der letzten Stunde ohnehin vermehrt, weil an den vorhergesagten 20°C nicht mehr viel fehlte. Doch nun bin ich binnen Minuten klatschnass am ganzen Körper. Seltsamerweise kommt mir nicht in den Sinn die Armlinge abzustreifen. Scheine mit meiner Ausrüstung derart „verwachsen“, dass ich sie nicht mehr wahrnehme. Nebenbei bemerkt gilt das auch für den Laufrucksack, zu dessen Anschaffung ich mich nach mehrjährigem Herumärgern mit dem unpraktischen Vorgängermodell entschloss.

Ich fluche. Zwar laut- dafür aber absolut hemmungslos. Wer rechnet schon im monatelang heißen Italien mit knöcheltiefem, sattgrünem Gras, das jeden Schritt dämpft als wäre man auf Sprungfedermatratzen unterwegs? Mehr als acht Minuten verbrate ich auf dem nächsten, dem 51. Kilometer, bis ich endlich wieder trittfestes Geläuf unter den Sohlen spüre. Mein heimliches Ziel, den Lauf unter sieben Stunden zu beenden, rückt stückweit in die Ferne. Eben noch, bei Kilometer 50, nach 5:46 Stunden, schien ich auf dem besten Wege die Marke zu unterbieten … Ich entschließe mich erst fünf Kilometer vorm Ziel darüber zu befinden, ob das (selbstverständlich belanglose) Zeitziel „Sub7“ erreichbar ist. Nach derzeitiger Kalkulation wird es knapp werden. Und ob ich - falls nötig - noch einen Zahn werde zulegen können ist ungewiss. Im Moment jedenfalls, auf zwar wieder festem aber „trailigem“ Pfad unweit des Ticinoufers und wachsweichen Beinen …

Der letzte Verpflegungspunkt bei Kilometer 52, bedient von zwei blutjungen Kerlen. In ihnen erkenne ich zwei aus jener Gruppe wieder, die von Andrea Bazzi eine Einweisung erhielt, als ich gestern meine Startnummer abholte. Sie mühen sich nach Kräften, kommen mir ein Stück entgegen, bieten Cola und Wasser an. Mit noch reichlich Wasser im Vorrat beschränke ich mich auf einen Becher Cola, bedanke mich herzlich und mache mich neuerlich auf den Weg.

Kilometer 53, jetzt 54, langsam wird es spannend … Der Weg ist weder gut noch schlecht. Irgendwas dazwischen, „trailig“ jedoch nur auf kurzen Abschnitten. Unwillkürlich werde ich schneller und merke das auch. Der Vernünftige in mir will bremsen, der Ehrgeizige weiter beschleunigen. Innere Uneinigkeit, aus der eine Pace von etwa sieben Minuten pro Kilometer resultiert. Langsam tickt das GPS-Zählwerk auf den „Punkt der Entscheidung“ zu … dann ist es so weit: 55 Kilometer nach 6:24 Stunden. Mir bleiben 36 Minuten für fünf Kilometer, wenn das Ziel wirklich dort steht, wo mein GPS es verortet … Rasche Kalkulation: 5x7 ergibt 35 Minuten. Kann klappen … Muss klappen, weil ich es jetzt unbedingt will!

Etwa einen Kilometer halte ich den Ehrgeizigen noch unter Kontrolle, dann gibt es kein Halten mehr. Ich werde schneller und schneller … selbst ruppige Abschnitte können mich nun nicht mehr aufhalten. Ich bin mir des höheren Risikos bewusst und rufe mich energisch zur Ordnung: ‚Aufpassen Udo! Konzentrier dich! Jetzt kein Fehltritt!’ - Die Strecke fliegt geradezu vorbei - Zwischenzeiten: 6:41, 6:29 am Ende sogar 6:21 Minuten pro Kilometer. Unter einer Autobahnbrücke hindurch, auf die bekannte Silhouette der Eisenbahnbrücke zu … unweit dahinter liegt das Gelände des Ruderclubs, mein Ziel. Schlussendlich kommt das Finale früher als vermutet. Die Uhr zeigt 58,8 km an, als ich wieder den Boden des Ruderclubs betrete und nach genau 58,99 km stoppe ich meine Uhr hinter der Ziellinie.

Ergebnis: 6:49:56 Stunden, Platz 23 von 36 Finishern.

 

Fazit zur Veranstaltung

Der Ticino Ecomarathon Utratrail 60 km (weitere Wettbewerbe: 35 und 10 km) glänzt mit einem sehr reizvollen Parcours. Reizvoll für Naturliebhaber, die meist abseits von Straßen eine in Teilen noch ursprüngliche italienische Flusslandschaft kennenlernen wollen. Dazu ein paar spektakuläre Sightseeing-Höhepunkte, wie etwa die Reihe antiker Häuschen am Ticinonufer im Stadtteil Borgo gleich zu Beginn. Oder die überdachte Ponte Coperto in Pavia und das Kuriosum der schwimmfähigen Ponte delle Barche.

Der Kurs bietet sich auch für Ultratrail-Einsteiger an, weil er kaum mit Höhenmetern* fordert und zu (grob geschätzt) zwei Dritteln auf Pisten und Straßen immer wieder Gelegenheit zur Erholung einräumt.

*) Meine von einem barometrischen Höhenmesser unterstütze GPS-Uhr zeigte schlussendlich lediglich 120 Höhenmeter an.

Andrea Bazzo und seine Mannschaft mühten sich nach Kräften und mit großem Erfolg eine reibungslose Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Italienische Gastfreundschaft vom Feinsten war stets zu spüren. Dankbar begrüßte ich auch die kurzen Wege: Parkplatz, Startnummernausgabe, Start/Ziel, Duschen, Essen nach dem Lauf - alles im Radius von nicht Mal hundert Metern. Italienisch üppig und schmackhaft auch die Zielverpflegung: Zwei warme Gänge, Nachtisch und Getränk. Startgeld, das alle Leistungen einschließt: 40 Euro.

Besonders hervorzuheben ist das Engagement von Andrea Bazzo, der mir schon im Vorfeld mehrfach, sozusagen „postwendend“ per Email Rede und Antwort stand, mir darüber hinaus vorm Lauf eine in Englisch gehaltene Einweisung angedeihen ließ. So bleibt mir nur zu sagen:

Mille Grazie Andrea! für ein rundum erfüllendes Lauferlebnis.

Fazit: Jederzeit und mit Freuden wieder!

 


Bildnachweis

Einige der Fotos im Bericht wurden freundlicherweise von Andrea Bazzo, Ticino Ecomarathon zur Verfügung gestellt. Sie sind entsprechend gekennzeichnet. Alle übrigen Bilder: Ines und Udo Pitsch. Das Bild von der Ponte Coperto ganz oben, im zweiten Textabschnitt, entstand abends an einem anderen Tag.

 

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