Sonntag, 2. September 2018

Wenn ihr einig seid und treu!  -  Koblenz Marathon 2018

„Du fährst von Augsburg bis nach Koblenz, um Marathon zu laufen?“ - Mein „Na klar!“ schallt dem Zweifler im Brustton der Überzeugung entgegen. Dass ich schon in weit entlegenere Gefilde aufbrach, um die klassische Langdistanz zu laufen, liegt mir auf der Zunge. Doch das klänge nach Aufschneiderei und ich schlucke es runter. Außerdem steht „Na klar!“ ganz allgemein für meine Bereitschaft lange Anreisen in Kauf zu nehmen. In Koblenz, vor allem an diesem Sonntag, hätte man mir die Frage sicher nicht stellen können, läge es nicht „am Weg“ zum morgigen Termin in der Nähe von Aachen. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen spart Geld. Ein paar Tropfen Baldrian zur Beruhigung, wenn sich mein Herzschlag beim Überschlagen der jährlichen Reisekosten für meine Laufleidenschaft mal wieder beschleunigen sollte …

Mitteleuropa gilt nicht gerade als Region anhaltend schönen Wetters. Durchwachsen ist die Witterung, pendelt meist zwischen Sonne und Niederschlag, mehr oder weniger „hochfrequent“. Sommer wie dieser - wochenlang warm, sogar heiß und wenig Regen, vielerorts gar keinen - gab es zwar schon immer, sie bilden jedoch die absolute Ausnahme.* Und dann planst du den nächsten Ultra- oder Marathonstart, starrst wieder mit Skepsis auf die Wettervorhersage: Irgendwann muss der Himmel doch mal auf Mistwetter umschwenken!? Das fürchtete ich bereits mit Blick auf die 100 Meilen in Berlin am vorletzten Wochenende und vor Koblenz war es nicht anders. Und nun spannt sich ein nicht mal von Morgendunst getrübter, azurblauer Himmel übers Rheintal. Windstille im Koblenzer Stadion, etwa 16°C Lufttemperatur zur Startzeit um 9 Uhr und angenehm wärmender Sonnenschein. Keine Sekunde brauchte ich über meine „Rüstung“ nachzudenken: Oben kurz, unten sowieso, möglichst wenig Stoff auf dem Leib.

*) Meine Feststellung darf nicht als Leugnung des menschengemachten Klimawandels missverstanden werden! Sommer mit langen Hitzeperioden gab es immer schon, die hohen, inzwischen erreichten Durchschnittstemperaturen jedoch nicht. Ebenso wenig witterungsbedingte Naturkatastrophen in einem Ausmaß und einer Häufung, wie sie den Planeten in den letzten Jahren heimsuchten.

Ich stehe weit vorne in der Startaufstellung. Eigentlich zu weit für meine zu erwartende Zielzeit. Normalerweise achte ich aus Fairnessgründen peinlich genau darauf mich leistungsgerecht zu platzieren, heute nicht. „Schuld“ haben Scharen von Halbmarathonläufern und -läuferinnen, die gleichzeitig zu ihrem Bewerb aufbrechen werden. Auf einen von uns Marathonis kommen vier oder mehr von ihnen. Wettkampferfahrung - über die verfüge ich in jeder Hinsicht reichlich - lehrt, dass „Positionsdisziplin“ gerade unter „Halben“ nicht sonderlich ausgeprägt ist. Die Enge der ersten Kilometer zwänge zu gehäuften Ausweichmanövern und Tempoverschleppung. Möchte ich nach Möglichkeit heute vermeiden. Dergleichen kostete eine bis zwei Minuten Laufzeit, die unwiederbringlich verloren wären.

Klingt, als hätte ich ‘was vor. Schon möglich, schau’n mer mal - würde ich auf eine entsprechende Frage antworten. Abwarten, wie ich heute drauf bin … Immerhin musste ich meine Energiespeicher für die 160 Kilometer in Berlin bis auf einen „Überlebensrest“ entladen. Bleibt abzuwarten, ob zwei Wochen Regeneration für einen flotten Marathon reichen. Obschon ich mich vielfach in ähnlichen Situationen befand, lässt sich das nicht vorhersagen. Denn ähnlich heißt nicht gleich! Außerdem spielt die Tagesform eine nicht geringe Rolle. Letztere lässt sich noch weniger abschätzen. Entsprechende Versuche, als ich noch voll austrainiert nach Marathonbestzeiten strebte, zeitigten nicht mehr Erfolg als hätte ich die Frage einem griechischen Orakel gestellt …

Start vor der Haupttribüne des Stadions, anschließend eine Dreiviertelrunde auf der Tartanbahn und durch eins der Tore hinaus Richtung Innenstadt. Schon auf diesen paar Metern finde ich mein Tempo, trabe unbedrängt und behindere auch niemanden. Relativ weit vorne und kaum jemand überholt? Bin ich vielleicht zu schnell unterwegs? - Nein, sagt mein Gefühl und dem vertraue ich, wie meist in den letzten Jahren. Eine lange, gerade, durch Wohngebiete der City zustrebende Straße bringt mich voran. Die verfügt - von alten Alleebäumen abgesehen - über denselben Reiz wie jede andere Wohnstraße in Deutschland: Nämlich gar keinen. Fehlende optische Ablenkung ist mir im Augenblick aber ganz recht. Bin ohnehin mehr auf innere Wahrnehmungen, aus dem - hoffentlich gut geschmiert arbeitenden - Getriebe biologischer Zahnräder fokussiert. Zwischenstand: Einstweilen scheint einem zügig gelaufenen Marathon nichts im Wege zu stehen.

Ich vertraue meinem Laufgefühl aber nicht blind: Die Zwischenzeiten für die ersten zwei, drei Kilometer bestätigen meine Erwartung, liegen zwischen 5:30 und 5:35 min/km. Am Ende bliebe ich in diesem Tempo knapp unter vier Stunden. Um Sub4Stunden zum Ziel zu erheben, das ich, wie es meine Art ist, anschließend auf Biegen und Brechen zu erreichen trachte, ist es noch zu früh. Letzte Trainingsresultate und die jüngere Wettkampfhistorie abwägend rechne ich durchaus mit schweren Beinen nach 15 oder gar schon 10 Kilometern. Muss nicht so kommen, kann aber. Bis dahin vertage ich die Entscheidung, nehme es mir zumindest vor. Der Mensch denkt, der Körper lenkt: Statt zu „entscheiden“ werde ich vermutlich allmählich in den ehrgeizigen Wettkampfmodus finden oder - infolge wachsenden physischen Widerstandes - peu à peu davon ablassen.

Natürlich entgeht mir die allenthalben gestellte Sinnfrage nicht: Warum macht er es sich so schwer? Warum trabt er nicht einfach verhalten einher und genießt seinen erklärtermaßen letzten Marathon* des Laufjahres 2018 in vollen Zügen? - Leidenschaftliche Ultra und Marathonsammler, vielleicht sogar Läufer allgemein, schreiben ihre Laufplanung stetig fort. Ihre Gene lassen ihnen gar keine andere Wahl. Die Sehnsucht nach erfüllenden Lauferlebnissen lässt sich allenfalls für Tage und Wochen - mithin vorübergehend! - stillen. In dieser Hinsicht bekenne ich eindeutig Suchtverhalten. Aber eines, das - so die gewählte Belastung zur Leistungsfähigkeit passt - der Gesundheit zuträglich ist. Der mentalen ohnehin, wie auch der körperlichen, wenngleich dieses Faktum angesichts meiner Wettkampffrequenz Außenstehenden nur schwer zu vermitteln ist.

*) Warum der Koblenz Marathon meine Wettkampfserie in diesem Jahr beenden soll, werde ich am Ende dieses Laufberichts erläutern.

Wie dem auch sei: Auf meiner Agenda 2019 steht der Comrades Marathon in Südafrika, die wohl älteste und weltweit größte Ultralaufveranstaltung überhaupt. Etwa 20.000 (!) Teilnehmer brechen alljährlich auf, um die 90 Kilometer lange Strecke zwischen Pietermaritzburg und Durban in maximal 12 Stunden zu bewältigen. Für mich seit unserem letzten Urlaub in Südafrika 2015 und dem Two Oceans Marathon in Kapstadt ein unabweisliches „ToDo“. Südafrikanische Veranstalter gehören zu jenen in der Welt, die das Reglement strikt - um nicht zu sagen: gnadenlos - einhalten. Das weiß ich vom Two Oceans, weil ich dabei war und vom Hörensagen bezüglich Comrades. Wer eine Sekunde nach Cut off das Ziel erreicht, wird nicht mehr gewertet! Ähnliche Konsequenz gilt auch für die Einteilung der Startblöcke. Um sich weiter vorne einreihen zu dürfen, muss man entsprechende Leistungen vorweisen können. Und das ist der Punkt: Mit einem Marathon unter vier Stunden im Gepäck, rücke ich vom letzten Startblock zwei Kategorien nach vorne … Sollte mir diese Qualifikation bereits heute gelingen: Umso besser!

Der Übergang vom Reizlosen zum Spektakulären vollzieht sich nach gut drei Kilometern. Eben dem „Tal“ einer Unterführung entstiegen, biegen wir zum Koblenzer Schloss hin ab. Im (nicht ganz vollständigen) Quadrat umlaufen wir den schmucklosen, lediglich seitlich von mächtigen, alten Laubbäumen gesäumten Vorplatz. Rein gar nichts soll den Blick von der imposanten, klassizistisch anmutenden Schlossfassade ablenken. Deren in grau-weiß gehaltene Symmetrie hat etwas Abweisendes; atmet Strenge, von acht mächtigen, eine Aussichtsterrasse tragenden Säulen betont.

Vermutlich dreht sich der erzbischhöflich-kurfürstliche Erbauer des Chateaus just in diesen Minuten im Grabe um. Muss er doch mitansehen, wie ein nicht enden wollender Zug quietschbunt gekleideten, schweißfeuchten Pöbels den distinguierten Ort - seine Residenz! - massenhaft entweiht. Nicht genug damit! Das vor den Säulen platzierte Werbetor einer regionalen Gazette schändet Würde und Harmonie des Gebäudes. Und schlimmer noch: Ein Vertreter jener übel beleumdeten Zunft, von gemeinem Volk kurz „DJ“ gerufen, wagte sich aus dem Dunkel verrufener Katakomben ans Licht, lässt die Schlossfassade unter ordinären, teuflisch dröhnenden „Bassbeats“ erbeben. Oh mon Dieu! C’est terrible!

Keinen Gedanken an die Not eines verblichenen Blaublütigen verschwendend verlassen wir den Vorplatz des Schlosses, wenden uns mit mehrfachen Richtungswechseln der Innenstadt zu. Die spärliche Bebauung mit Gebäuden historischen Ursprungs, dafür überwiegend mit solchen jüngerer Entstehung, weist auf massive Luftangriffe im zweiten Weltkrieg hin. Vermutlich wurde auch das alte Koblenz zu einem hohen Prozentsatz eingeäschert.* Alsbald biegen wir in enge Gassen ab, die wenigstens da und dort ein wenig (originales?) Altstadtflair erschließen. Meine Aufmerksamkeit gilt allerdings mehr den abschnittsweise am Wegrand stehenden Zuschauern, bis ich meine Frau Ines schließlich entdecke, in der Gasse mit dem mutmaßlich originellsten Namen, im Entenpfuhl.

*) Die Koblenzer Innenstadt wurde durch Luftangriffe 1944 und 1945 zu 87 Prozent zerstört.

Nur Sekunden des auf vier Stunden ausgelegten Wettkampfes verstreichen, in denen mich das Lächeln meiner Frau und ihr Applaus begleiten. Eine ultrakurze Spanne, die ich keinesfalls missen möchte; unter anderem, weil sie mich den Unterschied spüren lässt. Den Unterschied zwischen Wettkämpfen, zu denen ich alleine aufbreche und solchen, bei denen ich sie in meiner Nähe weiß. Letztere bestreite ich von Beginn an mit „breiterer Brust“. Ich unternahm nie den Versuch zu ergründen, warum das so ist. Mir genügt, dass es ist, wie es ist.

Ein paar hundert Schritte auf Pflastersteinen nähren Altstadt-Feeling. Statt meine von der tiefstehenden Sonne geblendeten Augen schweifen zu lassen, schieße ich ein paar Gegenlichtfotos. Die kommen im Laufbericht immer gut. Außerdem ergötze ich mich gerne selbst daran, wenn sie denn gelingen. Das Sightseeing haben Ines und ich bereits gestern Nachmittag „abgehakt“, als wir das historische Koblenz kreuz und quer durchstreiften. Mit etwas über 100.000 Einwohnern gilt Koblenz als Großstadt. Eine Eigenschaft, auf die man im Altstadtviertel allerdings kaum Wetten abschließen würde. Dessen Ende nähert man sich in jeder Himmelsrichtung nach jeweils ein paar hundert Metern. So wie jetzt dem Rhein, auf den wir geradeaus zuhalten. Auf abschüssiger Straße sieht das aus, als wolle sich der Zug der Lemminge direkt in die Fluten stürzen … bevor er an der Uferpromenade nordwärts abbiegt, in Richtung des unbestrittenen Höhepunktes …

Dem Rheinufer folgend arbeiten wir touristische Infrastruktur ab. Neben Üblichem wie Gaststätten, Cafés oder Imbissstuben auch die anlässlich der Bundesgartenschau vor ein paar Jahren erbaute Talstation der Seilbahn. Sie verbindet das Rheinufer mit der Festung Ehrenbreitstein, drüben am anderen Rheinufer, auf dem gleichnamigen Berg thronend. Die Festung war nur kurz zu sehen, wo die Augen der fürs Tragseil geschlagenen Schneise folgen konnten. Bis auf weiteres halten Kronen hoher Uferbäume sie verborgen. Von hier bleiben nur wenige Minuten, um sich auf jenen Ort einzustimmen, den vermutlich die meisten Bürger dieses Landes reflexhaft mit Koblenz in Verbindung bringen.

Überwiegend in den Köpfen erscheint ein Bild des Deutsche Ecks aus der Vogelperspektive, aufgenommen vom Ehrenbreitstein aus, auf der anderen Rheinseite. Wir Läufer nähern uns dem „deutschnationalen Heiligtum“ am Rheinufer. Linkerhand schiebt sich ein Denkmalsockel ins Blickfeld, den zu passieren einige Sekunden in Anspruch nimmt. Was nicht meinem Schneckentempo geschuldet ist. Sockel samt Reiterstandbild darauf haben schlichtweg gigantische Ausmaße. Kaiser Wilhelm I. zu Pferde blickt von dort oben seit 1897 mit Wohlgefallen über sein Reich. Wer die Leidensgeschichte der Entstehung Deutschlands nach Jahrhunderten der Kleinstaaterei auch nur in Grundzügen kennt, versteht das Monumentale, Gigantomanische, irrsinnig Überhebliche dieser Stein gewordenen Stätte deutschen Triumphes. Erst 1871 hatten sich die deutschen Länder unter preußischer Führung zu „einig Volk und Vaterland“ vereinigt und ihren Kaiser gekrönt. Freilich zum Preis zweier Kriege gegen den Nachbarn Frankreich, den anschließend zu demütigen nicht nur die Keimzelle einer Völkerfeindschaft bildete, sondern auch eine der Ursachen für zweifaches, weltumspannendes Inferno. Gerade mal 17 Jahre sollten vergehen, bis zu den Schüssen in Sarajevo und dem Zuschnappen der Falle wechselseitiger Bündnisse ... Aber halt, ich irre ab!

Nüchtern betrachtet traben wir hier unweit des Zusammenflusses zweier Ströme, von denen keiner sein Bett ausschließlich in deutscher Erde grub. Von denen der Rhein - Inbegriff des deutschen Stromes - seine fremdländische Herkunft über hunderte Flusskilometer zunächst leugnet. Schließlich, von Scham ergriffen, über die Grenze ins Niederländische flieht, um sich dort der Nordsee zu ergeben. Schon diese kurze geografische Notiz liefert Anhaltspunkte wie alles mit allem verbunden ist. Dass Lokales, Regionales, Nationales nie den Blick aufs Ganze verstellen darf.

Nüchtern betrachtet ist das Deutsche Eck eine aufgeschüttete und befestigte Plattform, die verhindert, dass das aberhundert Tonnen schwere Denkmals-Konglomerat aus Stein und Metall nicht im Ufermorast versinkt. Sub4Stunden hin oder her: Ich verharre kurz und etwas abseits der Strecke, mit dem Rücken dem Fluss zugewandt, um ein scharfes Foto des Reiterstandbildes mit Läufern davor einzufangen. Weitergehende „Betrachtungen“ schenke ich mir, eingedenk meines Vielleicht-schaffe-ich-es-Zeitzieles. Außerdem unterzog ich den deutschesten aller deutschen Orte, bereits gestern, beim Stadtrundgang mit Ines, einer eingehenden „Untersuchung“.

Schwelgte: Oh, wie gerne wäre ich von Herzen national! Wie gerne trüge ich den Stolz auf Volk und Vaterland einem Schild gleich vor mir her! Spürte: Die von solchem Sinnen ausgehende Kraft der Verführung. Noch als ich las, welchen Auftrag die Gestalter der Gedenkstätte den Deutschen, mitgegeben hatten. Zu Füßen des Reiters in Stein gemeißelt steht: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.“ - Fuhr auf in Zorn und Verachtung: „Ihr“ meint alle Deutschen. Die an der Spitze, wie auch die übrigen Millionen: Uns! Und alle gemeinsam versagten mehrfach über vier, fünf Generationen. Einig waren sie vielleicht aber beileibe nicht treu. Treue ist ein inhaltsschwerer, oft entsetzlich missdeuteter Begriff. Die an der Spitze verspielten das ihnen anvertraute Reich, das deutsche Haus, veruntreuten es, Zug um Zug. Und Millionen Untertanen ließen sie gewähren. Folgten ihnen willig, trugen sie mit unkritischer Begeisterung, gaben dem Bösen sogar an der Wahlurne ihre Stimme, kurz vor der letzten Runde barbarischen Schlachtens. Statt „Volk und Vaterland“ treu zu dienen, verwechselten unsere Vorfahren Treue mit falscher Loyalität bis hin zum Kadavergehorsam. Unser vor 28 Jahren wiedervereinigtes „Reich“ ist heute kleiner. Besonders im Osten ging massenhaft „Lebensraum“ - ein gut klingendes Wort mit widerlichem Nachhall! - verloren. Das ist überwunden. Nehmen wir’s als Lektion und halten fürderhin uns selbst die Treue. Deutschland hat sich der Welt geöffnet und dafür Sympathie erfahren. Bleiben wir dabei, bitte! Lasst uns nicht wieder denselben Fehler begehen und ein weiteres Mal den verfluchten nationalen Rattenfängern Glauben und Gefolgschaft schenken. Oder sind wir überwiegend - als „Volk“ - tatsächlich unfähig zu begreifen, wohin das führt? Unfähig zu begreifen, dass und wie alles mit allem zusammenhängt?

Gestern hatte mich die deutsche Vergangenheit wieder mal gepackt. Und das nur zwei Wochen nachdem mir die 100 Meilen-Runde ums ehemalige Westberlin die drastischen Folgen falsch verstandener teutonischer Treue sehr plastisch vor Augen führte. Heute Morgen im hellen Sonnenschein und in Laufschuhen lasse ich‘s nicht an mich ran. Am Moselufer trabend bleibt der düstere Reiter hinter meinem Rücken zurück. Auf den nächsten Kilometern werden wir der Mosel die Treue halten. Einstweilen auf der Innenstadtseite mit hübschen Uferansichten, die ich Stück für Stück mit der Kamera einfange. Teile der Stadtsilhouette mit ihren Kirchtürmen, Balduinbrücke über die Mosel, den Kai mit Schiffsanlegestellen und mehr. Wie schon erwähnt: Im Kern ist Koblenz eine Kleinstadt, entsprechend rasch lasse ich diesen Uferabschnitt hinter mir zurück. Unter der Moselbrücke, nach knapp acht Kilometern, passiere ich die erste „Engstelle“, das Trottoir zwischen Brückenpfeiler und Straße. Vor zwei Engstellen hatte der Veranstalter ausdrücklich gewarnt und seinem Bedauern Ausdruck verliehen, dass die Stadtverwaltung der Bitte nach einer Straßensperre nicht nachgekommen war. Welche Enge sollte hier aufkommen? - Mit der Vokabel „Feld“ würde niemand die lockere Läuferkette vor mir bezeichnen. Und, dass es hinter mir noch zu „Läuferknäueln“ kommen könnte, kann ich mir ebenso wenig vorstellen.

In ganzer Breite wehrt eine Staumauer den Fluten der Mosel. Davor und dahinter Mosel in ihrer breitesten Ausdehnung. Weiter auf dem zum Ausruhen und Flanieren gestalteten Uferstreifen, zwischen und unter Bäumen und nie mehr als einen Steinwurf weit vom Wasser entfernt. Keine zehn Minuten, dann kommt eine weitere, schmucklos moderne Brücke in Sicht, über die wir gleich die Moselseite wechseln werden. Nach 10 Kilometern wende ich mich der Brückenauffahrt zu. Von der Steigung erhoffe ich mir weiteren Aufschluss, wie es heute um mich bestellt ist. Bislang fiel es mir nicht schwer das Tempo zu halten. Nicht „locker vom Hocker“ ging’s voran, aber auch nicht in einem Maße angestrengt, dass ein Einbruch alsbald zu befürchten stünde.

Mit erhöhter Atemfrequenz um die Kurve und endlich auf die Brücke, stückweit noch vom Scheitel entfernt, bereits wieder Tempo zulegend … Ich spüre in mich hinein, versuche Körpersignale zu lesen. Hmm, ja, okay … geht und nicht mal schlecht … nur wie weit mit dieser Geschwindigkeit, das ist nicht abzusehen. Ich krame eine der vor Jahren am eigenen Leib erfahrenen Marathon-Weisheiten aus meinem Gedächtnis. Aus einer Zeit stammend, da ich noch um Bestzeiten rang: Nicht einmal war ich fähig nach einem Viertel der Distanz eine verlässliche Prognose aufs Finish abzugeben. Weder fulminantes Ende nach zähem Beginn, noch hoffnungsvoll leichtfüßiger Aufgalopp gefolgt von qualvollem Sterben hinter der 30er-Marke hätte ich vorhersagen können. Dass einige meiner mit vollem Einsatz absolvierten Marathonläufe so endeten, wie es sich nach nur 10 Kilometern ankündigte, hat statistisch betrachtet keine Relevanz. Dito heute: Ob es mir gelingt unter vier Stunden zu bleiben, wird sich erst auf der Schlussetappe entscheiden. Hier, auf dem Brückenscheitel, mit reizvollem Blick moselaufwärts, darf ich lediglich vorentscheiden: Weiter wie bisher, Chance offen halten.

Va banque! also und deshalb mit Elan die Brücke hinab. Ich nehme den Schwung mit ans andere Moselufer. An der Tränke gönne ich mir noch rasch zwei Becher Wasser, natürlich in voller Bewegung. Ein etwa anderthalb bis zwei Meter breiter, asphaltierter Radweg bringt mich voran. Die parkähnliche Ufergestaltung, wie drüben am stadtkernnahen Ufer, fehlt hier völlig. Und das, obwohl sich auch auf dieser Flussseite Stadtviertel aufreihen wie Perlen einer Kette. Zuweilen kehrt der Radweg der Mosel den Rücken, um nach kurzem Schlenker durch ein Wohngebiet wieder zum Ufer zurückzukehren. Einem Mitläufer wird so eine Schleife fast zum Verhängnis: Keine zwanzig Meter vor mir stolpert der Mann und stürzt … rappelt sich jedoch sofort wieder auf und signalisiert den unmittelbar Folgenden „Alles okay!“

Vor Wehr und Schleuse dann die zweite „angedrohte“ Engstelle. Links ein bewachsener Hang, rechts ein massiver Zaun, dazwischen der asphaltierte Weg. So breit, dass notfalls drei Leute nebeneinander laufen oder gehen könnten. Also massenhaft Platz für die nach mehr als 13 Kilometern recht lückenhaft einher trabende Läuferschlange und ein paar Passanten. Ein französisches Passagierschiff wartet vor der Schleuse auf freie Fahrt. Gestern hatte derselbe „Kahn“ drüben, kurz hinterm Deutschen Eck, festgemacht. Wie es scheint, stand heute eine Stippvisite moselaufwärts auf dem Plan der Kreuzfahrer …

Die Besichtigungstour geht weiter. Mal wenig berauschend durch eine Wohnstraße, dann wieder zurück zum Fluss mit Blick hinüber zum Deutschen Eck oder geradeaus, zur jenseitigen Rheinseite und der Festung Ehrenbreitstein. Mittlerweile macht von Osten her eine dünne Wolkendecke dem herrlich sonnigen Morgen den Garaus. Statt in kraftvoller Sonne zu leuchten, dümpeln Fluss und Ufer nun in mattem Zwielicht. Schon seltsam, wie sich wandelnde Lichtverhältnisse den Charakter einer Gegend binnen weniger Minuten verändern. Natürlich ist das noch immer dieselbe Landschaft, nur meine Wahrnehmung redet mir anderes ein. Was ich sehe, empfinde ich wie einen Übergang vom entschiedenen „Ja!“ zum Zweifel streuenden „Vielleicht!?“

Das Wetter schwächelt, meine Ausdauer dagegen scheint ungebrochen. Besser so als umgekehrt, denke ich mir. Und: Nur in den seltensten Fällen passt wirklich alles, Hauptsache kein Regen! Der Streckenplaner schickt uns durch ein Betriebsgelände und vorbei an einem Hafenbecken mit Stichkanal zur Mosel. Wer hat da festgemacht? - Ein Polizeiboot kann ich identifizieren, die Funktion der restlichen Kähne entzieht sich der Bestimmung. Durchs Tor hinaus, zurück auf die Straße und nach zweimaligem Abbiegen geht’s erneut empor. Diesmal auf die Balduinbrücke, die uns zur Innenstadt zurückbringen wird.

Ich sehe uns laufen, da unten. Mich natürlich nicht mehr, die Straße unter der Brücke passierte ich schon vor einigen Minuten. Die anfänglich durchaus fordernde Steigung der Brückenauffahrt verflacht zusehends. Langsam, Schritt für Schritt, gewinnt die City auf der Gegenseite Kontur. Erst in Höhe des Brückenscheitels sind Mosel und Stadtpanorama in voller Breite zu erfassen. Leider nur noch in stumpfen Farben, weil die Wolkendecke der Sonne inzwischen kein Schlupfloch mehr einräumt. Ein paar Schritte durch die Altstadt, weitere in einer breiten Shoppingmeile, frontal dem Schloss entgegen. Wenig auszumachen, was Auge und Kameralinse magisch anziehen würde. Vielleicht ist das aber auch den sich häufenden Signalen von „Kämpfenmüssen“ und dem wachsenden Bemühen um Tempoerhalt zuzuschreiben. Innere lockert äußere Fokussierung, so war das noch immer.

Vorm Schloss wenden wir uns gen Süden, laufen nun auf der Route der Startkilometer zurück. Nichts Neues von „draußen“, also ausreichend Zeit sich mit inneren Wahrnehmungen und möglichen Entwicklungen zu beschäftigen. Unzweifelhaft muss ich auf diesem Rückweg zum Stadion mehr Willenskraft aufbieten, um das Tempo zu halten. Nach nun 18, 19 Kilometern bereits in einem Maße, das es aussichtslos erscheinen lässt das anvisierte Ziel zu realisieren. Doch von solchem Empfinden lasse ich mich nicht täuschen, noch ansatzweise runterziehen. Es ist einer der Momente, wo Wissen, basierend auf Erfahrung, den Ausschlag geben kann. Weil ich anlässlich „scharf“ gelaufener Marathons mehrfach Aussichtslosigkeit in Erfolg ummünzen konnte. Erlebte, wie mein Körper die Daumenschrauben von Kilometer zu Kilometer schmerzhafter anzog, ich letztendlich aber nicht kapitulieren musste.

Vereinzelt begegnen mir Läufer. Minutenlang auch mal wieder niemand. War der führende Marathoni dabei? Weiß nicht, hab nicht drauf geachtet. Das Geschehen auf der Gegenseite nehme ich als Einstimmung auf die „Einsamkeit“, die mich in Runde zwei erwartet. Inzwischen halten sich Überholen und Überholtwerden wieder die Waage. Das war auf den ersten 10 bis 15 Kilometern anders. Da fühlten sich die halben Marathonis und Marathonas noch stark, zogen unwiderstehlich vorbei. Inzwischen werden vielen die Beine schwer. Angesichts des plötzlich anschwellenden Stroms von Läufern auf Gegenkurs springt mich kurzzeitig Verwirrung an. Ein paar Schritte weiter des Rätsels Lösung: In den Rückweg wurde ein Wendeabschnitt „eingebaut“, nicht mal hundert Meter, um die nötige Streckenlänge zu justieren. Kehrt Marsch! auch für mich, um Sekunden später in Richtung Stadion abzubiegen … „Hallo Udo!“ Die Stimme schallt von einem Pulk herüber, der die Wende noch vor sich hat. Ich bin gleichermaßen erfreut und besorgt ausgerechnet von dieser(!) Stimme gegrüßt zu werden. Sie gehört einem von zwei Pacemakern, die ihre Schützlinge unter vier Stunden ins Ziel bringen sollen.

Ich winke Dirk zu, den ich in diesem Sommer beim Füssen Marathon kennenlernte, wo er gleichfalls als Hase eingesetzt war. Dort outete er sich als eifriger Leser meiner Laufberichte. Das erklärt die Freude ihn in Koblenz wieder zu sehen. Meine Sorge gilt dem geringen, offenbar schrumpfenden Abstand, höchstens noch 200 Meter, mit dem mich der Sub4-Pulk verfolgt. Meine anfängliche Pace bedenkend, die ich später nur noch sporadisch kontrollierte, sollte ich mehr Abstand zu den Pacemakern haben. Eine hastig angestellte, notwendigerweise ungenaue Kontrollrechnung bestätigt, dass sich meine Wettkampfsituation nicht verschlechtert hat. In ein paar Minuten, wenn ich im Stadion die Halbmarathonmarke passiere, werde ich es sekundengenau wissen …

Die gestiegene physische Beanspruchung hat meine Aufmerksamkeit zum Glück noch nicht beschädigt. Folglich gerate ich nicht in Gefahr mit entgegen kommenden Läufern zu kollidieren. Das liegt kurz vorm Stadion und Minuten später beim Auftakt zum zweiten Umlauf, wo sich die Ströme der Läufer kreuzen, durchaus im Bereich des Möglichen. Wer dann die Tartanbahn in Höhe der Tribüne betritt, hat eine kleine Denksportaufgabe vor sich. Jene jedenfalls, die in Sachen Marathon zum zweiten Umlauf starten und es im Vorfeld unterließen sich über den verwirrenden „Stadion-Parcours“ Klarheit zu verschaffen: Da Halbmarathon eins und zwei von der Strecke her bis aufs i-Tüpfelchen identisch sind, muss man den Zielstrich vor der Tribüne überschreiten( = Ende 1. Halbmarathon, zugleich Beginn 2. Halbmarathon). Erst eine Dreiviertelrunde auf der Tartanbahn später - wie nach dem Start - darf man das Stadion durch das Nordtor verlassen. Das ergibt summa summarum etwa anderthalb Stadionrunden. Damit sind einige Mitläufer - was ich vor allem leidenschaftlich geführten Diskussionen unter der Dusche entnehmen werde* - überfordert. Überfordert ist nicht zuletzt auch der Streckenposten an der entscheidenden Stelle des Parcours. Unentwegt wiederholt er sein Sprüchlein, um die Läufer zu sortieren. Binnen Sekunden muss man sich hier entscheiden: Auf der Innenbahn weiter zum Zieltor oder rechts am Streckenposten vorbei und wieder hinaus …

*) Wegführung im Stadion, wie auch unklare Ansagen des Streckenpostens an der „Weiche“ wurden heftig kritisiert. Zwei meiner Mitläufer verließen das Stadion beim ersten Passieren des Streckenpostens. Damit fehlten ihnen 400 Meter Strecke und die Halbmarathonzwischenzeit. Einer der beiden, Frank, den ich schon länger kenne, bemerkte den Irrtum stückweit hinterm Stadion, kehrte um und holte das Versäumnis nach. Der andere wurde mutmaßlich disqualifiziert.

Ich schenke dem Streckenposten kein Gehör, weil mir die Laufwege klar sind. Beim ersten „Rendezvous“ links an ihm vorbei zum Ziel, dann die Tartanbahn komplett ablaufen, schlussendlich den sprechenden Wegweiser rechts passieren und das Stadion verlassen. Unmittelbar hinter dem Stadiontor biege ich rechts ab, werde aber von Zurufen umgehend korrigiert: „Halt! Hier geht‘s lang!“ - Inmitten der dicht an dicht flutenden Läuferschar war mir nach dem Start das zweite Tor, der Zugang zum Stadiongelände, entgangen … Entgangen ist mir auch meine Halbmarathondurchgangszeit*. Im Bemühen keinen Fehler zu begehen versäumte ich den Blick zur Uhr. In diesem Augenblick überspringt die Anzeige gerade die Zwei-Stunden-Marke. Folglich dürfte ich den Halbmarathon nach etwa 1:58 Stunden vollendet haben. Das entspricht meiner Erwartung. Heftige Bedenken verhindern jeglichen Anflug von Zufriedenheit: ‚Wie schnell sind zwei Minuten aufgebraucht, wenn dir die Kraft ausgeht?!‘

*) 1. HM: 1:58:14 Stunden

Ich mache mir nichts vor: Unter vier Stunden zu bleiben, wird mich ans Limit treiben. Und das recht bald. Empfindungen wie „Genuss“ oder „Spaß“ werden dann keinen Platz mehr haben. Blieben schließlich schon auf den letzten Kilometern regelrecht auf der Strecke … Entsprechend viele Fotos schoss ich während des ersten Umlaufs. Wenn’s richtig hart wird, fehlt mir dafür der Antrieb. Hier vielleicht noch eines, vom dunklen Schlund der Bahnunterführung, aus dem die Läufer mir entgegen und dem Licht zustreben … Als ich die Kamera absetze, blicke ich selbst in eine auf mich gerichtete Linse und ins lachende Gesicht eines guten Bekannten: Wolfgang ist für marahon4you auf der Strecke. Spätes Erkennen, daher nur ein flüchtiger Gruß. Vielleicht begegnen wir uns später im Ziel noch einmal.

„Du fährst von Augsburg bis nach Koblenz, um Marathon zu laufen?“ - Mein „Na klar!“ schallt dem Zweifler im Brustton der Überzeugung entgegen. Dass ich schon in weit entlegenere Gefilde aufbrach, um die klassische Langdistanz zu laufen, liegt mir auf der Zunge. Doch das klänge nach Aufschneiderei und ich schlucke es runter. Außerdem wäre ein Dialog das letzte, was ich jetzt, heftig gegen innere Widerstände anrennend, gebrauchen kann. Der Mann ist hartnäckig. Brabbelt ein bisschen was vor sich hin, unverständlich, fährt verstehbar fort, erhofft sich offensichtlich Wortbeiträge meinerseits. Mit „Hmm!“ oder „Ja“ oder „Nein“ bleibe ich absichtlich einsilbig, bis er versteht und völlig unbeschwerten Schrittes enteilt. - Gibt es etwas Nervigeres als einen ausgeruhten Mitläufer, der dir „ein Ohr abkaut“, während du auf Leistung fokussiert und bereits am Limit unterwegs bist?

Schloss, die Zweite. Wieder nutze ich die schmale Rasenumrandung aus Steinplatten, um mir auf dem fein geschotterten Weg des Vorplatzes kein Steinchen im Schuh einzufangen. Jeder längere Halt könnte meine Zielzeit torpedieren. Vor der von Säulen gestützten Balustrade des Schlosses müht sich eine Cheerleader-Gruppe die Marathonis zu unterhalten. Bei vielen sicher vergebliche Liebesmüh. Wo waren die Mädels beim ersten Umlauf? - Als alle noch bei besten Kräften und die Läuferschlange fünf- bis sechsmal so dick war wie jetzt, wären ihre akrobatischen Darbietungen mit lauterem Echo belohnt worden.

Vor nicht mal zwei Stunden passierte ich diese Straße neben dem Schloss, horchte, meiner mutmaßlichen Tagesform nachspürend, in mich hinein. Alle Bilder und Empfindungen sind noch frisch. Umso eindeutiger der krasse Gegensatz: Frische und Lockerheit sind aufgebraucht. Noch immer mit annähernd gleicher Pace unterwegs zu sein kommt mir unwirklich vor. Ähnlich unwirklich wie Ines mit unserer Hündin Roxi stückweit voraus am Straßenrand zu sehen. Oh ja! Exakt die Form von Aufmunterung, die ich jetzt brauche. Roxi erkennt Herrchen, zerrt an der Leine, beginnt zu bellen. Ines schafft es noch kurz vorher ein paar verwacklungsfreie Bilder einzufangen, müht sich dann die „Bestie“ zu bändigen, zugleich feuert sie mich an. Vor allem aber lächelt sie mir entgegen! Der explosivste Treibstoff für meine Brennkammer …

Dirk, der Pacemaker, inzwischen auf Rufweite hinter mir, kommentiert den Familien- und Rudeltreff. Der genaue Wortlaut geht in Roxis Kläff-Tirade unter. Es hört sich an wie: „Das geht aber gar nicht! Den Hund zurückzulassen!“ - Als Leser meiner Laufberichte hat er Ines und Roxi längst erkannt. Weiß auch, wie gerne ich unsere Hündin auf verkehrsfernen Routen dabei habe. Trifft mit seiner Bemerkung ins Schwarze, offenbart den „hundetiefenpsychologischen“ Grund für Roxis infernalisch laute Beschwerde: Mein Rudelführer jagt und ich darf nicht mit!

Altstadtgassen. Minuten nur, dann hinunter zum Rhein. Ich achtete kaum noch auf Ansichten und Szenen am Streckenrand. War zuletzt bestrebt das Tempo etwas zu forcieren. Pacemaker im Nacken nähren die Furcht vorm Tempoeinbruch. Dabei ist die - zumindest derzeit - unbegründet. Noch stottert der Motor nicht, und die Kilometerzwischenzeiten liegen alle im grünen Bereich. Die Letzte sogar bei 5:20 Minuten. Zu schnell! Wieso machen die Pacemaker dermaßen Dampf?

Am Rheinufer, kurz vorm Deutschen Eck, ist es dann so weit: Dirk und sein „Mithase“ kommen längseits. Dem nun folgenden Wortwechsel kann ich nicht entkommen und kaum, dass er begonnen, fange ich an ihn zu genießen. Zumal überwiegend Dirk das Wort führt und mich hören lässt, was das Herz eines laufberichteschreibenden Ultraläufers höher schlagen lässt. Sogar den Spartathlon - meinen Spartathlon - bringt er zur Sprache. Ein Weile vergesse ich meine physische Not und schwebe - vorbei am Denkmal, das ich keines Blickes mehr würdige, entlang der Mosel, bis kurz vor die steinernen Bögen der Balduinbrücke. Hier verabschiedet sich Dirk und schließt zu seinem „Ko-Schrittmacher“ auf, der ein paar Meter enteilt war …

Mein von Lobhudelei eingelullter Kopf braucht ein Weilchen, bis sich Unverständnis einmal mehr zur Frage formt: Warum sind die so schnell unterwegs? Ich halte eindeutig Kurs auf Sub4Stunden. Jede Zwischenzeit bestätigt es aufs Neue. Dann fällt der Groschen: Sie sind inzwischen ohne „Kundschaft“ unterwegs. Tempokontrolle überflüssig. Anfängliche Versuche ihnen auf den Fersen zu bleiben gebe ich rasch auf. Meldungen meiner inneren Sensorik lassen es an Eindeutigkeit nicht fehlen: Das wird heute eine ganz knappe Kiste! Bereits minimal das Tempo zu überziehen hieße das Ziel zu gefährden.

Moselufer city-nah, Kilometer 30 und 31: Ich fokussiere alle Sinne aufs Laufen, melde mich im Grunde schon hier in den Tunnel ab. Wie das Kaninchen vor der Schlange warte ich auf die jeweils nächste Kilometerzwischenzeit. Mal knapp im grünen, dann wieder im roten Bereich. Wenn „rot“, dann aber nur minimal. Ich kann es schaffen! Ich werde es schaffen! - Brückenauffahrt: Ich habe erwartet, dass es weh tut. Es tut weh. Und nicht zu knapp. Egal. Muss so sein. Passt.

Flott hinab und ans Moselufer, city-fern. Drei, vier Sekunden Stehzeit an der Tränke lassen sich nicht vermeiden. In der Bewegung zu trinken erfordert ein Maß an koordinativer Genauigkeit, das mich bereits überfordert. Weiter, bald direkt am Ufer laufend, häufiger weit Entferntes anvisierend, als könnte ich es auf diese Weise zu mir heranholen. „Beamen“ wär‘ geil! Das Raum-Zeit-Kontinuum in Sprüngen überwinden, „x Meter“ Strecke in „nullkommanull“ Zeit. Genau genommen kein bisschen „geil“. Wär‘s erstmal erfunden, irgendwer schrumpfte die Apparatur auf Westentaschenformat und dann wär’s das mit Marathon gewesen. Der Todesstoß für (faire) Laufwettbewerbe, Dopingersatz durch Technik.

Ich komme auch so voran, stetig, kann mein Tempo halten. Im Großen und Ganzen jedenfalls. Ein paarmal reiße ich die Latte, brauche ein paar Sekunden länger als die magischen 5:40 Minuten. Die Steigung vor der Balduinbrücke frisst einiges an Zeit und Körnern. Dafür trennen mich jetzt aber nur noch fünf Kilometer vom Erfolg! Wieder und wieder stelle ich Überschlagsrechnungen an. Wenn die offiziellen Kilometertafeln korrekt stehen, bliebe ich nun auch mit einer Pace von nur noch 6 min/km unter vier Stunden. Wichtiger ist aber, was ich spüre, ganz unzweideutig und verlässlich spüre: Ich werde nicht einbrechen. Die Kraft wird bis zum letzten Meter reichen!

Weder vom Zeitpuffer noch vom sicheren Gefühl des nahen Sieges lasse ich mich verführen! Irgendwas kann immer passieren. Ein Sturz - wäre nicht mein erster auf völlig unkritischem Terrain! - mit der Notwendigkeit sich wieder aufzurappeln und anschließend reduziertem Tempo. Oder wahrscheinlicher: Falsch platzierte Kilometertafeln. Wer’s nicht erlebt hat, wird nicht glauben, was für hanebüchene Abweichungen ich schon erlebte. Am aberwitzigsten war’s vor ein paar Jahren beim Obermain Marathon in Bad Staffelstein. Da fehlten nach der „41“ noch über zwei Kilometer zum Ziel, was mich die schon sicher geglaubte Zielzeit unter vier Stunden kostete.

Unterdessen bin ich Dirk mit Ko-Pacemaker wieder dichter auf den Fersen. Der Abstand verkürzt sich, langsam aber stetig. Noch zwei Kilometer. Das nahe Ziel mobilisiert Reserven. Erneute Kontrollrechnung: Für mein „Sicherheitsdenken“ steht es Spitz auf Knopf … Wenn die verbleibende Distanz stimmt, bleibe ich ungefähr zwei Minuten drunter. Wenn sie stimmt! Wenn nicht … Die Parole „no risk no fun“ fand ich schon immer einfältig. Ziert zu viele „Grabsteine“, an denen ich vorbei trabte. Die „41“ warte ich ab, mehr als einen Kilometer Schlussoffensive stehe ich nicht durch. Als es soweit ist, ziehe ich meinen Schlussspurt an. Natürlich käme kein Beobachter auf die Idee meine Tempoverschärfung als „Sprint“ zu bezeichnen, würde sie mutmaßlich nicht mal bemerken. In der Endabrechnung wird sie mir kaum mehr als vielleicht 20 Sekunden Zeitvorteil einbringen. Laufen ist aber Kopfsache und als Beruhigungspille - Sollte es schiefgehen, hab‘ wirklich nichts unversucht gelassen! - wirken die beschleunigten Schritte ganz ausgezeichnet!

Das Stadion ist nah und die Uhr wiegt mich in Sicherheit. Sagt: Viiiel Zeit, rast zugleich aber unaufhaltsam gen vier Stunden. Ich lasse mich nicht beirren, vermag verbleibende Strecke und Zeitbedarf nicht abzuschätzen. Mit „Spitz auf Knopf“ habe ich so gut wie keine Erfahrung. Außen entlang am Stadion, komplette Gegengerade, fast die gesamte Südkurve. Spüre Lunge, Herz, Muskeln, Beine, Füße, … alles. Endlich rein und auf die Bahn … noch dreihundert Meter. Blick zur Uhr: Gut fünf Minuten Zeit. Nun kann nichts mehr schiefgehen. Ich lasse die Zügel schießen, die Pferdchen trudeln aus, schnauben ein bisschen … Zeit sich zu freuen. Im Grunde hatte ich, mein läuferisches Vorleben der letzten Wochen und Monate resümierend, nicht erwartet tatsächlich unter vier Stunden zu bleiben. Gerade deshalb ist es mir besonders wichtig. Wenn’s drauf ankommt, hat mich mein Körper noch jedes Mal bereitwillig unterstützt! Warum hielt unser Pakt bis heute? Warum „ward er nicht zerstöret?“ - Weil Geist und Körper einig sind im Ziel. Und: Weil ich meinem Körper gebe, was er fordert, ihm treu zu dienen letztlich über den Ehrgeiz stelle.

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Der letzte Wettkampf in diesem Jahr

Das Schlusswort ist nicht nur Lippenbekenntnis, auch wenn es - meine Verletzungsgeschichte über all die Jahre zitierend - so aussehen könnte. Nicht zuletzt die Zahl von inzwischen 239 Wettkämpfen über Marathondistanz und (manchmal viel) weiter in vergleichsweise kurzer Periode scheint geeignet mich zumindest der Schönfärberei zu überführen. Tatsächlich habe ich immer darauf geachtet Saisonziele mehr als nur ausreichend oder befriedigend vorzubereiten. Dazu wird beifällig nicken, wer beispielsweise meine Serie an Aufbauwettkämpfen vorm Spartathlon 2016 bedenkt. Damals absolvierte ich mehr als 1.500 km zur Vorbereitung in Wettkämpfen, von jenen im Training unter der Woche nicht zu reden.

In den letzten Jahren machten mir verschiedene Einflüsse zu schaffen. Allen voran das Älterwerden. In M65 kommen mir die mit 50, 55, ja sogar mit 60 Jahren noch erzielten Leistungen manchmal vor, als hätte sie ein anderer errungen, der mir verblüffend ähnlich sieht. Derzeit bin ich, was meine Tempobandbreite angeht, auf einem Tiefpunkt angelangt. Ich kann (konnte) sehr weit, aber eben nicht mehr „schnell“ laufen. Ein Tempo von vielleicht 5:20 bis 5:30 min/km strengt mich bereits an. Das ist nicht allein dem Alter geschuldet. Auch die vielen überaus langen Kanten der letzten vier Jahre drückten das Tempo. Sie zwangen mich unendlich viele Trainingskilometer zu laufen, weil ich nur mit solchem Fleiß meine Chance wahre einen Spartathlon oder Olympian Race zu finishen. Tempotraining war, von Ansätzen abgesehen, in all der Zeit nicht möglich.

Begleitet wurde diese Entwicklung von „orthopädischen Baustellen“, allen voran der Achillessehne links, die sich - obwohl sie auf ewig befriedet schien - nach dem Spartathlon wieder übel zu Wort meldete und noch immer meldet. Dazu traten andere Zipperlein, kamen und gingen, meckern immer mal wieder. Dass ich dennoch immer noch längste Distanzen, beispielsweise 100 Meilen auf dem Mauerweg rund ums ehemalige Westberlin, laufen kann, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Rückt aber zugleich meine Absicht ins Blickfeld lange Distanzen möglichst lange in Angriff nehmen zu wollen. Im Klartext: Mit 70 will ich noch Ultra und möglichst bis Ultimo Marathon* laufen können. Das wird nicht funktionieren, wenn ich den Raubbau der letzten Jahre mit derselben Vehemenz und ohne „Runderneuerung“ fortsetze.

*) Mein persönliches „Ultimo“ für Marathon ist klar definiert: Mein letzter Marathon wird derjenige sein, dessen flache Strecke ich nicht mehr komplett laufend absolvieren kann. Gehenmüssen ist für mich keine Alternative. Und ich möchte auch keine der bemitleidenswerten, greisen Gestalten abgeben, deren Sich-Dahin-Schleppen ich gelegentlich bei Langdistanzwettkämpfen erlebe. Jene haben sich für ein zeitweise bis überwiegend Gehenmüssen-Schicksal entschieden, ich dagegen. - Noch das: Es versteht sich von selbst, dass langes Laufen - Laufen überhaupt - bis ins hohe Alter kein Selbstläufer ist. Es können immer gesundheitliche Umstände eintreten, die die Laufkarriere vorzeitig beenden.

Aus diesen Gründen ist es an der Zeit meinem Körper mehr Zuwendung zu schenken. Zuwendung in Form länger andauernder, nachhaltigerer Regeneration. Ihm Zeit einzuräumen die in den letzten Jahren häufiger und intensiver aufgetretenen Blessuren bis zu einem gewissen Grad zu reparieren. Zugleich werde ich am Tempo arbeiten. Ich vergleiche das immer mit dem Autofahren - ein Vergleich, der selbstverständlich hinkt, jedoch erläutert, worum es geht: Ein schnurrender Sechszylinder mit 250 PS wird die Distanz vom Nordkap bis Süditalien wesentlich besser verkraften und seine Insassen mit einigem Komfort ans Ziel bringen. Wohingegen den Passagieren einer schlecht gewarteten, überdies mit nur 50 PS angetriebenen Klapperkiste die Fahrt zur kleinen Hölle geraten wird. Zudem ist fraglich, ob sie ihr Ziel überhaupt erreichen …

Maßnahme: In 2018 kein Wettkampf mehr, vorerst keine Trainings, die die 20-km-Marke überschreiten. Stattdessen vermehrt Tempoarbeit (auch wenn ich Übungen wie Intervalle und Tempodauerläufe inzwischen als Instrumentarium aus dem Folterkeller für Läufer empfinde). Unterstützt werden soll das von regelmäßigem Krafttraining, Dehnprogrammen und einer „Rekultivierung meines Laufstils“*, etwa mit Übungen des Lauf-ABC. Nach Weihnachten dann Einstieg in ein Marathontraining und Neuaufbau der Fähigkeit lange Distanzen zu laufen.

*) Sehr langes, sehr langsames Laufen ruiniert auf Dauer den Laufstil. Das vollzog sich an mir in einem Maß, dass ich tatsächlich selbst spüre/wahrnehme. Leider ist ein „verhunzter“ Laufstil eine der Ursachen für orthopädische Probleme, die sich nach gewisser Zeit zwangsläufig einstellen.

 

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Herzlichen Dank!

Aus den vorstehend beschriebenen Gründen wird es natürlich auch einstweilen keine Laufberichte mehr von mir geben. Jedenfalls keine zu absolvierten Wettkämpfen. Ich möchte deshalb die Gelegenheit hier nutzen, um allen Lesern - in Sonderheit jenen, die sich jeden meiner ellenlangen Berichte „antun“! - für ihr Interesse und die vielfach positiven, manchmal sehr persönlichen und berührenden Kritiken zu danken.

 


 

Fazit zum Wettkampf

Die Organisation vermag infolge einiger Schwächen nicht zu leugnen, dass dies erst die zweite Auflage des Koblenz Marathons war. An folgenden Stellschrauben sollte noch gedreht werden:

Die Strecke des Koblenz Marathons hat ein paar Höhepunkte zu bieten, darf insgesamt und vergleichsweise als reizvoll beschrieben werden. Nicht zuletzt die Passagen am Fluss „unterhalten“ den Läufer. Auch das Faktum zweier identischer Runden empfand ich nicht als Belastung. Wer hart kämpft, dem sind Ansichten auf dem zweiten Halbmarathon ohnehin nicht mehr so wichtig. Und Genussläufer finden in Runde zwei Muße für Detailbetrachtungen.

Fazit: Bei Gelegenheit durchaus wieder.

 

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