Ein Wochenende zur Regeneration: Teil 2, Sonntag, 6. Mai

Endbeschleunigung  -  Salzburg Marathon 2018

Als ich an diesem Sonntagmorgen meine Startbox betrete, weiß ich bereits, wie es mir beim Salzburg Marathon ergehen wird. Nicht, welches Tempo ich werde realisieren können, noch könnte ich weissagen, was mir auf zwei Halbmarathonrunden an Bemerkenswertem begegnen wird. Vorm ersten Laufschritt steht jedoch bereits fest, dass ich ankommen und schmerzfrei unterwegs sein werde!

Das mag für die meisten der etwa 7.000 halben und ganzen Marathonis in der Startaufstellung selbstverständlich sein, für mich ist es das keineswegs. Nicht nach dem traumatischen Geschehen beim, mehr noch vorm „Welschlauf“, dem gestrigen Marathon in der Steiermark. Obwohl ein stechender Schmerz im Knöchel es auszuschließen schien, wagte ich von Angst begleitet den Start. Über etliche Kilometer war das „Phänomen“ noch spürbar, trat aber nicht mehr als jäh aufschießender Schmerz beim Auftreten mit dem rechten Fuß in Erscheinung. Die zweite Hälfte des „Welschlaufs“ empfand ich als eine Art „Freilaufen“: Was meine Laufwelt am Morgen beinahe hatte einstürzen lassen, war spurlos verschwunden.

Zweifel blieben natürlich und ich sah den bevorstehenden Stunden der Erholung mit Sorge entgegen. Vor allem dem Moment des Aufstehens nach stundenlanger nächtlicher Ent- und erster Belastung des Fußes. Meine Sorge war begründet aber überflüssig. Nach erholsamem Schlaf stehe ich völlig (!) beschwerdefrei auf beiden Füßen. Schon die Schritte ins Bad schalten die Ampel auf hell leuchtendes Grün. Kurze Wege zum Frühstück, der viertelstundenweite Fußmarsch zum Start - nicht der geringste Hinweis, dass da gestern „etwas“ war. Und so bin ich schon beim Betreten des Startblocks sicher, dass mein Marathondoppel dieses Wochenendes einen versöhnlichen Abschluss finden wird.

Beim Abholen der Startnummer (Sonntagfrüh nur ausnahmsweise und auf „Vorbestellung“ möglich) trafen sich die „üblichen Verdächtigen“ zum Stelldichein. Wer hat stichhaltige Gründe nicht schon am Tag vor dem Marathon rechtzeitig anzureisen? - Zu vorderst natürlich jene, die gestern noch irgendwo anders ihre Laufschuhe schnürten und zu spät in Salzburg eintrafen. Die „Laufjunkies“ also, oder wie ich sie nenne: Die „üblichen Verdächtigen“. Mein steiermärkischer Freund Kraxi gehört natürlich dazu, der heute den Pacemaker geben wird. „Crazy Kraxi“ - trotz seines gestrigen dritten Platzes beim „Welschlauf“ und dem damit verbundenen Substanzverlust, will er heute seine Schäfchen unter 3:30 Stunden ins Ziel treiben. Er weiß, dass er das kann und ich weiß es natürlich auch …

Von Kraxi abgesehen, durfte ich mich über eine Art „Vollversammlung“ meiner österreichischen Laufbekannten freuen. Manche hatte ich gestern beim Welschlauf bereits getroffen, andere an den Wochenenden zuvor, einige wenige schon Monate nicht mehr. Ich zähle nicht auf, nenne keine Namen, zu groß die Gefahr einen der vielen liebenswerten Verrückten zu vergessen.

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Da stehe ich also in meiner Startbox und warte. Kein Bekannter um mich her, was mir ganz recht ist. Innere Einkehr bevor es losgeht, Gelegenheit mit sich und dem was war ins Reine zu kommen. Ich fühle mich wohl. Vermutlich ist mein Bewegungsapparat von den gestrigen knapp 1.000 Höhenmetern noch müde. Entsprechende Signale beim Treppensteigen legen den Schluss nahe. Außerdem ein bisschen Spannung in der Muskulatur, sonst nichts. Alles gut. Ich fühle nicht die mindeste Aufregung vor dem Marathonstart. Was sollte denn auch nach so vielen Marathonwettkämpfen meinen Puls noch beschleunigen? - Dass ich ankomme, steht fest. Wie ich mich dabei im Grundsatz fühlen werde, weiß ich von ähnlichen Doppel-Unternehmungen zuvor. Vermisse ich den Thrill früherer Jahre, das Kribbeln, das Prüfungsgefühl im Bauch? - Nein, nicht im Mindesten. Stattdessen gebe ich mich der Freude hin unter Gleichgesinnten zu stehen, dazu zu gehören, einer derjenigen zu sein, die einen Marathon durchstehen können … und nicht nur den einen.

Meditativ solchermaßen in sich versunken leidet die Wahrnehmung. Meine Verblüffung ist deshalb vollständig, als sich ein bekanntes Gesicht in mein Blickfeld schiebt und mir aus dem dazu gehörigen Mund ein „Hallo Udo! Grüß dich!“ entgegen schallt. Für gewöhnlich habe ich Schwierigkeiten Gesichter zuzuordnen. Bei Günter, einst Teilnehmer an einem Halb- und Marathonseminar, das ich für meinen Verein leitete, fällt der Groschen sofort. Eine Verkettung von Zufällen und annähernd dieselbe Vorstellung von der heute möglichen Endzeit, haben uns zusammengeführt. Ich freue mich wirklich Günter zu treffen, aber noch mehr darüber, dass er unserer Leidenschaft „Marathonlauf“ die Treue gehalten hat.

Plaudernd vergehen die letzten Sekunden. Plötzlich erkenne ich „draußen“, vor den Absperrgittern, eine unverwechselbare, unter tausenden jederzeit auszumachende Gestalt: Gerhard Wally. Ich stelle ihn Günter als Österreicher mit den meisten gelaufenen Marathons vor (derzeit 642). Doch wieso steht er „da draußen“, wieso nicht mitten unter uns? - „Wetten, er ist verletzt? Andernfalls könnte ihn nichts davon abhalten mitzulaufen!“ - Sage es, nachdem bereits der Startschuss fiel und wir endlich in verhaltenen Trab der Startlinie zustreben. Mein Blick hält Gerhard Wally fest: Er macht ein paar Schritte auf dem Trottoir und zieht dabei das linke Bein minimal nach. Ich hab's gewusst: Gerhard Wally „hat Knie“.

Bereits kurz hinterm Startbereich vor Schloss Mirabell, das euphorisch laute Tamtam des Aufgalopps noch im Ohr, beginnt die Sightseeing-Tour durch die Salzburger Altstadt. Im engen Kanal der Dreifaltigkeitsgasse staut sich die menschliche Flut, ergießt sich danach in abschüssigem Bogen Richtung Staatsbrücke. Ich laufe, schaue und halte mit der Digicam einfach drauf. Weitwinkel - die Linse wird einfangen, was ich brauche. Läufer auf der Brücke, Stadtansichten, geprägt von historischen Gebäuden und felsigen Erhebungen. Hüben wie drüben in der Mozartstadt, geteilt von der heute trüb und grüngrau dahinrauschenden Salzach.

Apropos grau: Mit dem Wetterverantwortlichen für dieses Wochenende hätte ich durchaus ein Hühnchen zu rupfen. Sonne erhoffte ich mir. Gestern, in der Steiermark, nach halbseidener Prognose, ließ sie sich nur sporadisch und zum Abend hin sehen. Für heute war jedoch Sonne satt vorhergesagt. Ein Versprechen, das der Himmel einstweilen leugnet: Zähe, graue Wolken hängen über der Stadt und dem Umland.

Hinter der Staatsbrücke folgt die Route dem Salzachufer südostwärts. Ein Weg, den ich kenne. Seit meinem ersten Auftritt beim Salzburg Marathon, anno 2011, mehr noch vom Ultra-Kracher „Mozart100“*, den ich mir 2014 meinte antun zu müssen. Drehe ich den Kopf nach links und erhebe den Blick, dann bleibt er jenseits der Salzach am grünen Haupt des Kapuzinerberges hängen. 200 Höhenmeter bewaldeter Fels, die ich mir damals über unzählige Stufen auf- und abwärts erkämpfen musste. Und das auf zwei Runden, die sich zu 100 Kilometern ergänzten, gleich zweimal. Muss ich betonen, dass mich mit ebendiesem Kapuzinerberg eine höchst intensive, jedoch keinesfalls herzliche Beziehung verbindet?

*) 2014 war ein „Trail-Gelegenheitsdieb“ wie ich durchaus noch in der Lage die zwei Runden des „Mozart100“ zu bewältigen. Schon damals setzten mir ca. 2.500 Höhenmeter mächtig zu. Mit derlei laschen Bedingungen lockt man jedoch keinen Trail-Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Unterdessen plagen den Läufer des „Mozart100“ harsche 4.600 Höhenmeter auf nur noch einer, mit Singletrails gespickten Runde. Härter, höher, gefährlicher - ein unguter Trend. Läufern ohne ausgesprochene Trail- und Berglaufbegabung, zumal älteren Semesters, die das erhöhte Sturzrisiko scheuen, müssen sich derlei Wettkämpfe versagen.

Im spitzen Winkel entfernen wir uns vom Fluss, traben binnen weniger Schritte unter Bäumen dahin. Einstweilen noch auf Asphalt und in weit gezogener Linkskurve, kurz darauf schnurgeradeaus auf fein geschotterter Piste. Steinalte Laubbäume - Linden, Buchen, Kastanien - flankieren und beschirmen die „Hellbrunner Allee“*. Jenseits des grünen Tunnels erstrecken sich Wiesen, grasen Pferde auf Koppeln, reicht der Blick bis zu den felsigen Gipfeln des Salzburger Landes. Unterm Baldachin der Allee fällt es mir leicht die bunte Masse Mensch um mich her auszublenden. Und ist das vollbracht, rollen Kutschen vorbei, Einspänner, Mehrspänner, Gefährte aus längst verflossenen Jahrhunderten … Ich höre das Schnauben der eingespannten Pferde, dann und wann ein Knallen der Peitsche, vom Kutschbock Hüh und Hott. Erspähe schemenhaft distinguierte, womöglich blaublütige Damen und Herren von diskretem Dämmerlicht im Wageninneren wie unter einem Schleier verborgen. Diener in prachtvoller Livree begleiten die Tour auf Trittbrettern oder zur Rechten des Kutschers. Die Magie alter Bäume. Bäume, die schon unendlich viel sahen und erlebten. Für Sekunden schickten sie mich auf eine Zeitreise.

*) Die Hellbrunner Allee wurde bereits 1615 angelegt und gilt heute als älteste erhaltene herrschaftliche Allee weltweit.

Mein Körper gewährt mir heute das seltene Erlebnis eines vollkommen beschwerdefreien Laufes. Nach nur fünf Kilometern nicht mehr als ein vorläufiger Befund. Um keine weiteren Worte an dieses Thema mehr verschwenden zu müssen, greife ich vor: Es wird so bleiben! Dass das Fußgelenk beschämt ob seiner gestrigen Unbotmäßigkeit keinen Mucks von sich geben würde, hatte ich erwartet - siehe oben. „Es“ ist weg, was immer „es“ auch gewesen sein mochte. Dass aber auch der Chor der anderen Nörgler, vor allem die stets rüpelhaft vorlaute Achillessehne, auf jede Form der Untermalung verzichten würde, das überrascht mich dann doch. Eigentlich sollten sich diverse Stimmen infolge gestriger, von Höhenmetern geprägter Belastung wehklagend erheben. Tun sie aber nicht. Vielleicht auch nur, um mir einmal mehr ihre Unberechenbarkeit zu demonstrieren.

Dennoch hätte ich Grund zu stöhnen, weil es mir an Kraft gebricht. Ich laufe rund aber auf sehr schweren Beinen. Investiere Energie in gebremstem Maß, von dem ich glaube es bis zum Schluss gleichmäßig leisten zu können. Zähe Schritte, wie gegen muskuläre Widerstände. Das ist mühsam, fühlt sich unschön an, entlockt mir aber nicht mehr als ein Schulterzucken. Müde zu sein geht in Ordnung, Hauptsache es tut nix weh! Bislang hoffte ich, die Schwäche würde sich noch geben. Eine Art verlängertes Einlaufen. Mit jeder Minute schwindet diese Hoffnung. Nach den ersten vollen Kilometern checke ich jeweils mein Tempo. Es entspricht dem zähen Beginn: 6 Minuten pro Kilometer plus ein paar Sekunden. Damit peile ich eine Schlusszeit zwischen 4:15 und 4:30 Stunden an. Ich erwähne den Umstand mühsamen Fortkommens, weil ein Laufbericht die sportliche Dimension nicht verschweigen darf. Im Übrigen schenke ich meiner Schlappheit kaum Beachtung, fühle mich auch nur minimal belästigt. Ein Marathon ohne Beschwerden! Nur das zählt, nach der Knechtschaft härtesten Trainings und vielen Rückschlägen. Udo setzt drei Ausrufezeichen in seinem Laufkalender!!!

Mehr als zweieinhalb Kilometer weit genieße ich den Schirm der Hellbrunner Allee, dann endet sie abrupt vorm Portal von Schloss Hellbrunn. Zwischen gelb gestrichenen Mauern und Wirtschaftsgebäuden strömen die Läufer geradewegs auf die im selben warmen Gelbton gehaltene Schlossfassade zu. Wie seinerzeit 2011 hat man für uns einen Teppich ausgelegt. 250 in grellem Orange leuchtende Meter weit. War er seinerzeit nicht rot? Der sprichwörtliche „rote Teppich“, den man zu Ehren willkommener oder wenigstens wichtiger Gäste ausrollt? - Ich frage mich, wer ihn wohl auslegte und zu welchem Zweck. Der Untergrund ist fest, besteht aus feinem Schotter. Will man verhindern, dass abertausend scharrende Läuferfüße tiefe Furchen hinterlassen? Oder geht es doch nur um den Gag des zitierten „roten Teppichs“?

Laufen im Grünen schließt sich an, mehr als drei Kilometer weit. Wald und Wiesen, sogar Felder südlich der Salzburger City. Häufig schweift der Blick weit hinaus, bleibt in einiger Entfernung an den Flanken umliegender Berge hängen. Schließlich die Rückkehr in bebautes Stadtgebiet. Straßen in Wohngebieten - wie anderswo auch die optisch eher „reizarmen“ Kilometer eines Stadtmarathons. Und doch ist Salzburg anders: Einerseits musst du nie weit laufen, bis die Route dir die nächste Attraktion feilbietet. Außerdem ist die Stadt „dreidimensional“. Ihr Häusermeer umfließt diverse Felsriegel, das historische Zentrum zwängt sich gar dazwischen. Zentral liegt der Mönchsberg mit der weithin sichtbaren Festung Hohensalzburg. In urbanem Einerlei unterwegs, fängt nicht selten die mächtige Burganlage den Blick magnetisch ein.

Die nächste Schlossbesichtigung steht an. Sie kann jedoch nur gelingen, wenn man zum geeigneten Zeitpunkt den Kopf weit nach links verdreht. Dann blickt man über den Wasserspiegel des Leopoldskroner Weihers, bis zum gleichnamigen weißen Schloss (in unseren Tagen ein Luxushotel). Der idyllische Weiher samt ihn umgebenden Park, wie auch das Treiben der vielen Wasservögel ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Bestimmt waren schon viele Ortsfremde auf dieser Route unterwegs, die am Ende leugnen würden Schloss Leopoldskron je passiert zu haben.

Von den nächsten Kilometern weiß ich wenig zu berichten. Anscheinend sammle ich unweit des Salzburger Flughafens Schritte, weil mehrfach die Lärmschleppe startender und landender Flugzeuge, wenn auch nicht sehr laut, heran brandet. Eine große Brauerei liegt an der Strecke. Der im Kern mutmaßlich historische, nach Modernisierung aber nur noch durch seine Größe auffallende Gebäudekomplex vermag allerdings nichts zum vielerorts spürbaren Salzburger Flair beizutragen.

17 km liegen hinter mir und ich fühle mich noch immer gut, zu hundert Prozent beschwerdefrei. Überdies „lockerer“ in und auf meinen Beinen. Wie genau diese teilweise „Entmüdung“ sich auf die Pace auswirkt, weiß ich nicht. Bewusste Tempokontrollen habe ich längst eingestellt. Eine grobe Vorausberechnung meiner Halbmarathonzeit lässt jedoch vermuten, dass ich inzwischen eindeutig und konstant unter 6 min/km bleibe.

Auch am Himmel vollzog sich eine erfreuliche Wandlung. Nach und nach lockerten die Wolken auf. Zaghaft zunächst, dann häufiger und nun bereits mit gewisser Verlässlichkeit wärmt die Sonne aus überwiegend blauem Himmel. Was mir den Tag noch mehr versüßt, wird etlichen meiner Mitläufer zusetzen. Meine Konsequenz lautet: Mehr trinken und häufiger Schweiß von Stirn und Schläfen wischen. Beides lästige „Opfer“, die ich jedoch wie immer mit Freuden bringe …

Kollisionskurs Richtung Mönchsberg, als wollte man uns an seiner felsigen Front zerschellen lassen. Unmittelbar davor nach links und am Fuß des Berges entlang. Ein paar (eher unbedeutende) Höhenmeter gilt es auf diesem Abschnitt zu überwinden. Absolut flach ist die Salzburger Strecke nicht, dennoch auch für Marathoneinsteiger sehr gut geeignet. Die Dunkelheit einer Bahnunterführung verschluckt die Läuferkette, speit sie zweihundert Meter weiter und einigermaßen runtergekühlt wieder ins Sonnenlicht. Alsbald steht die Überquerung der Salzach auf der Lehener Brücke an, die den Schlusskilometer der ersten Runde einleitet. Mit dieser Brücke verknüpfen sich Erinnerungen an einen Sechsstunden-Lauf, an dem ich 2012 teilnahm, der jedoch seither nicht mehr ausgetragen wird. „Leider“ hätte ich hinzufügen sollen, weil die „eckige Runde“ in keiner der 6 x 60 Minuten Langeweile aufkommen ließ: Über die Lehener Brücke, dann am Westufer der Salzach entlang Richtung Innenstadt, per Fußgängerbrücke „Müllner Steig“ das jenseitige Ufer wiedergewinnen und am Fluss entlang zur Lehener Brücke zurück. Ergab etwa 1,5 Kilometer. Dabei hatte man ständig den Fluss, stadtwärts laufend zudem ein attraktives Salzburg-Panorama vor Augen.

Drei weitere Richtungswechsel beschließen die ersten 21,0975 km, bringen mich zurück zum Start-/Zielbereich vor Schloss Mirabell. Was ich seit geraumer Zeit spüre und überschlägiges Kalkulieren objektiv stützte, bewahrheitet sich jetzt: 2:07:30 Stunden für Runde eins. Da ich lange Zeit auf Kurs „4:20 Stunden plus“ unterwegs war, müssen meine Beine unterdessen einen weitaus flotteren Takt auf Salzburgs Straßen trommeln. Vokabeln wie „locker flockig“ wären fehl am Platze, doch wie „von Fesseln befreit“ fühlt es sich schon an. Und das ohne störende Begleitmusik aus meinen Stelzen. Im Innern Wohlgefühl, äußerlich umfangen von Sonne und Wärme - mein Laufwetter! - In Euphorie verfalle ich nicht. Die gestrige „Watsch’n“ - ich spüre sie noch immer. Zudem weiß ich mich längst nicht in Form und Verfassung, die ich meiner ursprünglichen Planung zufolge hätte erreichen wollen. Um sich aber riesig zu freuen, dazu reicht es allemal. Endlich mal wieder ungetrübten Laufspaß genießen, ohne sorgenvolle Gedanken, die sich um die weitere Vorbereitung drehen. Angenehm angestrengt den Augenblick leben und laufen …

Zum zweiten Mal durch die Salzburger Altstadt, über die Salzachbrücke, ufernah südostwärts. Der Kapuzinerberg, die Fußfolter des „Mozart100“, winkt nun hellgrün leuchtend und viel einladender herüber. Ich mag dich immer noch nicht, nicke dir aber freundlich zu … Weg vom Fluss und im weiten Bogen unter Bäumen dahin. Erst zuletzt, als ich bereits zum Überholen ansetze, erkenne ich Gestalt und Konterfei meines einstigen Eleven Günter. Bisher war er mir voraus, muss sich aber nun meiner „inneren Entfesselung“ beugen. „Endlich scheint die Sonne und lässt mich schneller laufen!“ scherze ich und ziehe davon.

Die Hellbrunner Allee erlebe ich auf dieser Runde intensiver und ganz im Hier und Jetzt. Registriere kühlen Schatten unter uralten Bäumen, von Licht geflutete Wiesen rechts und links davon. Weit und flach ausgreifende Wiesen, aus denen sich in einiger Entfernung Höhen und Gipfel erheben. Ein wunderschöner Landstrich dieses Salzburger Land. Der Teppich vorm Hellbrunner Schloss verströmt nun grelles Orange, lässt mich geblendet die Augen zusammenkneifen. Kurzer Blick zur Schlossfassade, ein Foto mit Läuferin davor und weiter …

Landstraße, Allee, Wald, jetzt alles mit Lauflust und Sonne. Bin um einiges flotter unterwegs. Will mich selbst auf die Folter spannen, verkneife mir darum jeden Blick zur Uhr. Nun flotter laufen zu können, mein Tempo sogar nochmals gesteigert zu haben und dabei weniger Anstrengung zu empfinden als anfangs - dieser Prozess ist nicht neu. Manchmal platzt der Knoten eben erst spät. Oh, ich wüsste schon gerne, was genau dabei in meinem Körper vorgeht. Welche Blockade ihn erst lähmt, sich dann verflüchtigt und Energie freigibt, auf die ich zunächst keinen Zugriff hatte. Power von außen kann es nicht sein. Lediglich ein Gel nach 15 Kilometern geschluckt, lächerliche 100 kcal sorgten für energetischen Nachschub.

Will nicht grübeln. Nicht jetzt, nicht heute. Zu dringend brauche ich diese Erfahrung unbeschwerten Laufens. Sie triumphiert über die Zweifel der vergangenen Monate, die vielen Rückschläge. Endlich Lohn und Entschädigung für ach so viele Trainings, in denen Spaß zum Fremdwort wurde, bei denen ich meist nur der Pflicht des selbst auferlegten Trainingsplans gehorchte. Wann und wo ist mir egal, Hauptsache ich erlebe sie, die Lust am Laufen!

Der Leopoldskroner Weiher beschert mir auf diesem Umlauf eine putzige Begegnung: Vor etwas mehr als Zweistundenfrist paddelten Eltern und Nachwuchs noch auf dem See herum, jetzt watscheln die Wildgänse mit ihren Küken durch die Wiese unmittelbar am Wegrand. Völlig angstfrei im Übrigen, was ich ausnutzte und mit meiner Kamera aus der Nähe dokumentiere. Ein paar Kilometer Genusslauf später trabt die nächste Kuriosität vor die Linse meiner Kamera. Ein Pferdewagen der unweit gelegenen Brauerei kutschiert zu Werbezwecken Besucher durch die Stadt …

Ich sammle Mitläufer ein. Vermutlich eine erkleckliche Anzahl musste meinem erhöhten Tempo bereits Tribut zollen und sich überholen lassen. Jetzt, da die 30 km-Marke längst hinter mir liegt, steigt auch die Zahl derer, die sich überschätzten und dem Zielstrich gehend zustreben. Selten verhielt ich mich auf Marathonpfaden so „planlos“ wie heute. Keinerlei Vorgaben. Einfach loslaufen und schauen was geht. Ohne Vorgaben bedeutet aber auch ohne Verpflichtung zur Tempomäßigung. Es mag ein wenig nach Effekthascherei klingen, entspricht aber der Wahrheit: Quasi zwiegespalten schaue ich mir derzeit beim Laufen zu. Lasse mich gewähren die Schritte umso rascher zu setzen, je näher das Ziel rückt. Lass es zu! Du spürst doch, dass dir heute nichts Übles zustoßen kann. Das ist dein Tag, dein Lauf! Einer der seltener gewordenen Läufe, bei denen sich alles wie von selbst zum wunderbaren Erlebnis fügt!

Zur Halbzeit - sagt die Statistik des Zeitnehmers - lag ich noch auf Position 788, beim Finish schließlich auf 547. Also mehr 240 Mitläufer auf Halbmarathon zwei überholt. Was könnte meine furiose zweite Runde besser wiedergeben als dieser Wert? Obschon es für objektive Betrachter gewiss nicht so aussieht - auf den letzten Kilometern habe ich das Empfinden durch Salzburg zu fliegen. Auf den Mönchsberg zu, vor ihm nach links, über die Brücke, am Ufer der Salzach entlang und dann die letzten Meter bis ins Ziel. Doppelt wunderbar: Kein Pieps von unten, der mir die Freude vergällen würde und hinterher nicht mal ausgepumpt!

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In Salzburg endete die Serie meiner Vorbereitungswettkämpfe. Auf eine Weise, die mich hoffnungsfroh hinterlässt; die meinen Optimismus nährt für den Olympian Race in knapp zwei Wochen wenn schon nicht „gut“, dann doch wenigstens „ausreichend“ vorbereitet zu sein. Auch diese harte Prüfung werde ich erfolgreich bestehen …

 

Fazit zum Wettkampf

Für einen Stadtmarathon besitzt Salzburg eine ausgesprochen attraktive Strecke. Zeitweise hält sich das Gefühl stadtfern im wunderschönen Salzburger Land unterwegs zu sein. Allerlei historische Gebäude und Ansichten lassen nie Langeweile aufkommen. Selbst die Tatsache zweimal dieselbe Runde absolvieren zu müssen empfand ich als angenehm. Beim zweiten Umlauf schaut man genauer hin, entdeckt Feinheiten, ist weniger abgelenkt vom Heer der Halbmarathonis, die zu dieser Zeit längst ihr verdientes Zielbier genießen.

Organisatorisch vergebe ich eine glatte Eins. Alles perfekt, alles geboten, Verpflegung mehr als ausreichend, häufig nach zwei, drei Kilometer bereits die nächste Möglichkeit zu trinken.

Fazit: Immer wieder gerne!

 

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