Samstag, 17. Juni 2017

(Kein) Feuer gefangen   -   Fidelitas Nachtlauf 80 km 2017

Als ich in die Welt der Marathons und Ultras eintauchte, vor jetzt bald 15 Jahren, verstand ich wenig und kannte niemanden. Beides hat sich unübersehbar verändert, wobei ich den Grad meines Verstehens deiner Beurteilung nach einem Besuch unserer Laufseite überlasse. Der Umfang meiner Laufbekanntschaften stieg in dieser Zeit stetig an, so dass ich mittlerweile im deutschsprachigen Raum nirgendwo mehr völlig anonym unterwegs sein kann. So auch heute: Lange vorm Start begegne ich Franz auf dem Parkplatz. Franz ist 67 Jahre alt und in diesem Jahr um einiges leistungsfähiger als ich. Zumindest entnehme ich das seinen Ergebnissen der letzten Zeit, soweit sie mir bekannt wurden. Von Franz wird noch zu schreiben sein …

Und dann begegne ich Ramin, der seine Startnummer abholt. Ramin muss man einfach mögen. Unkompliziert, offen und ungemein herzlich. Und ein pfeilschneller Läufer. Für sich betrachtet stellt das zwar keinen Grund dar jemanden zu mögen, verleiht seinen sonstigen Eigenschaften aber noch mehr Gewicht, vor allem seiner Bescheidenheit. Nicht zum ersten Mal gibt er mir in seiner Gegenwart das Gefühl, seine wahre Leistungsstärke nicht wirklich zu begreifen. Wir posen für ein gemeinsames Foto, dann gibt der Sprecher Punkt 17 Uhr das Startkommando und Ramin fliegt davon. Am Ende wird er die elftschnellste Zeit laufen - das nur, um meine Einschätzung zu untermauern und weil ich ihn im Rahmen dieses Wettkampfes nicht wiedersehen werde.

Ein Rasengeviert - gemeinhin als Bolzplatz bekannt und vom Moderator hochtrabend mit Stadion bezeichnet - ist Schauplatz der Auftaktrunde. Wahrscheinlich muss die sein, damit sich die Meute vorm schmalen Ausgang der Sportanlage nicht staut. Unmittelbar darauf verschluckt uns der Wald. Bis auf weiteres nun ebene, fein geschotterte Spazier- und Radwege unter den Füßen und ein komplett geschlossenes, die Kühle bewahrendes Blätterdach über dem Kopf. Ich mag Wärme und auch die heute Nachmittag gemessenen 29°C schrecken mich nicht. Zu Beginn eines 80 km-Trips bin ich dennoch froh, wenn Bäume die Begegnung mit meiner strahlenden Freundin ein wenig hinausschieben.

Reinrollen und Tempokontrolle auf den ersten Kilometern. Auf keinen Fall überziehen, was heute bedeutet die Kilometer allesamt mit mehr als 6 Minuten zu absolvieren. Ich muss und ich will und ich werde mir Zeit lassen! Nach diesem Lauf bleiben mir noch genau vier Tage, um vor den „10 Marathons in 10 Tagen“ bestmöglich zu regenerieren. Mag sein der eine oder die andere zweifelt nun an meinem eingangs zitierten Sachverstand: Wie kann einer so kurz vor einem Mega-Event mit 10 Marathons in Serie noch 80 Kilometer laufen? - In der Tat gehe ich ein Wagnis ein. Und letztlich fehlt mir im Hinblick auf einen sich über 10 Tage erstreckenden Wettkampf jegliche Erfahrung. Dennoch sagt mir mein Gefühl, dass heute hier zu laufen richtig ist. Meine Physis braucht unendlich viele Trainings- und Wettkampfkilometer, um ausreichend vorbereitet zu sein. Ein Wettkampf über ungefähr 60 Kilometer wäre mir für heute zwar lieber gewesen, dummerweise richten sich die Veranstalter jedoch nicht nach meiner Trainingsplanung …

Wie erwartet bin ich auf dem ersten Kilometer zu schnell und packe ein bisschen mehr Blei in meine Schritte. Es ist so verdammt schwer sich zu disziplinieren, wenn die Sonne scheint, einen kühler Wald umfängt und gefühlt eine Million Mitläufer flott überholen als gäb’s kein morgen … Aber ich bezähme mich und werde langsamer. Franz schreckt aus beginnender Versunkenheit hoch, als er langsam vorbei trabt und ich ein paar aufmunternde Worte an ihn richte. Er hat mich en passant nicht erkannt. Das dürfte manchem heute schwerfallen, weil ich in ungewohntem Habit unterwegs bin: Ohne Vereinskleidung, deren Aufschriften unterm Laufrucksack ohnehin nicht zu sehen wären.

Nach einer knappen halben Stunde unterqueren wir die Autobahn A5 und blicken zum ersten Mal über freies Feld bis zu den ersten Hügeln des Kraichgaus im Osten von Karlsruhe. Ortsfremde bekommen auf diesen Metern eine Einweisung in den hiesigen Landbau. Offensichtlich finden Gemüse und Salate auf diesen Äckern beste Bedingungen vor. Vorbei an Kisten mit Schößlingen, die wie vergessen und baldigem Verdorren anheim gegeben am Wegrand stehen. Im spitzen Winkel nach links und in annähernd Gegenrichtung zurück. Erneut vorbei an aufgestapelten, diesmal leeren Kisten, die offenbar die Ernte aufnehmen sollen. Entgegenkommende Radfahrer haben ihre liebe Mühe und Not den Läufermassen auszuweichen, die hier den linken, von einer Baumreihe beschatteten Wegrand bevorzugen.

Nur Laufdress und sonst nichts!? Bislang verschwendete ich keinen Gedanken daran, wer da so um mich herum joggt. Bei der im wahrsten Sinne des Wortes „unbeschwert“ trabenden Läuferin steht unter der Schnapszahl „333“ als Startnummer noch das erläuternde Wörtchen „Staffel“. Ein bisschen beneide ich die Dame, sich nicht mit „Gepäck“ belasten zu müssen. Das hält sich bei mir an diesem Tag aber auch in Grenzen: Stirnlampe, Ersatzakku, LED-Taschenlampe, Papiertaschentücher und sieben Portionen Gel, pro 10 km eine. Auf Wasser meine ich angesichts der vielen Verpflegungs- und Wasserstellen verzichten zu können.

Die erste Wasserstelle nach dem zugleich längsten Intervall von 8 km wurde schattig unter Bäumen errichtet. Vor einigen Minuten und nach neuerlichem Unterqueren der A5 sind wir wieder - irgendwo - im Karlsruher Forst angelangt. Nicht wissend, was mich an schweißtreibenden Umständen heute erwartet, fülle ich ohne Hast vier Becher Wasser in meine Eingeweide. Übrigens ganz bewusst ohne Eile, weil mir heute jede Art von Verzögerung willkommen ist. Ich darf und will mich nicht verausgaben. ‚Langsam, langsam, bloß nicht überziehen!‘ - Ein Mantra der leistungsfeindlichen Sorte, das ich mit solcher Inbrunst noch nie vor mich hin „betete“.

Weitere Kilometer in schattigem Forst ... 2008 nahm ich erstmals am Nachtlauf teil. Der Auftakt wurde seither erheblich verändert. Den Karlsruher Stadtwald ließ man seinerzeit alsbald hinter sich und eine lange, öde Tour durch Gewerbegebiete begann. Erst auf der Brücke über einen Karlsruher Autobahnzubringer bin ich sicher, dieselbe Route wie damals unter den Füßen zu haben. Und just auf dieser Brücke geschieht Unerwartetes: „Udo!? Wie soll ich dich erkennen, ohne deinen Hund und ohne das übliche Trikot?“ Ich bin ein bisschen verdattert, denn da hat offensichtlich jemand auf mich gewartet, der mich kennt, den ich aber noch nie zuvor sah. Dergleichen passierte manchmal, doch bislang hatte noch niemand zu diesem Zweck einen Fotografen aufgeboten, der die Begegnung im Bild festhält*. Wäre ich weniger irritiert, bliebe ich stehen, denn Zeit habe ich heute mehr als genug. So aber trabe ich langsam weiter, Seite an Seite mit „ihm“ über die Brücke. „Warum hast du deinen Hund nicht dabei? Sind 80 km zu weit für ihn?“ - Oh mein Gott! Einfache Fragen, auf die es nur leider keine kurze Antwort gibt. „Erstens ist es zu weit …“ setze ich zu einer Entgegnung an. Will noch hinzufügen, dass bei Nachtläufen eine Begleitung durch eine freilaufende Roxi aus Sicherheitsgründen (zu ihrer, meiner und vor allem der anderen Teilnehmer Sicherheit) nicht in Frage kommt und die Nachtlauf-Strecke einen zu hohen Anteil an Straßen aufweist ... Doch so weit komme ich nicht. Der herzliche Unbekannte bleibt am Brückenkopf zurück und wünscht mir gutes Gelingen. In letzter Sekunde scheint ihm zu dämmern, dass ich ihn vermutlich keiner Begebenheit in meinem Gedächtnis zuordnen kann. Also ruft er mir abschließend noch den Anlass unseres einstigen Mailkontaktes zu …

*) In Wahrheit gehören Ernst und der Fotograf zur LSG Karlsruhe, standen also hauptsächlich auf der Brücke, um ihre Läufer anzufeuern und abzulichten.

Bahnanlagen prägen die folgenden Kilometer, Bilder, derer ich mich gleichfalls entsinne: Unüberschaubare, auf mehreren Gleisen parallel abgestellte Kesselwagen. Schließlich ein Bahnübergang, vor dem ein Mitläufer ängstlich zögert. Er scheint den Signalanlagen nicht zu trauen, sichert in beide Richtungen, bevor er seinen Fuß auf die Schienen setzt … Was folgt, ist abwechslungsreich und trotzdem langweilig: Läufer neben Kleingartenanlagen, Läufer in Wohnstraßen, Läufer entlang einer Friedhofsmauer, wieder Läufer in Wohnstraßen, Läufer auf einer Brücke über eine vierspurige Bundestraße, jenseits der Brücke spiralig abwärts trudelnd, dem Drehwurm nahe. Läufer zwischen Gärten und wieder Läufer in Wohnstraßen. Mal ein Stück Brachland, dann wieder Wohnstraßen, Gärten und so weiter und so weiter … Von Brückenauffahrten oder -rampen abgesehen ist dieser lange Streckenabschnitt brettflach. Auf diese Weise langweile ich mich gar nicht so ungern, hügelig wird’s früh genug. Nur zweimal keimt Interesse hinter schweißnasser Stirn: Beim ersten Mal überqueren halbwüchsige Mädels im Bikini die Straße und werfen damit die Frage auf, wo in dieser wasserlosen Ödnis die drei sich erfrischen wollen!? In Laufrichtung auf einem Hügel, vielleicht einen Kilometer entfernt, erhebt sich der zweite Blickfang. Reste eines Schlosses oder einer Burg? Aussichtsturm? Irgendwas in der Art?

Bei Kilometer 19 und abrupt beenden gleich zwei Umstände das wenig aufregende, dafür gemächliche Dahintraben. Der Weg gewinnt am Stadtrand von „Grötzingen“ an Höhe, steuert folglich unzweifelhaft die Hügel des Kraichgaus an. Zugleich rückt dichter, pechschwarzer Qualm ins Sichtfeld, der voraus zwischen Bäumen aufsteigt. Spontan unterstelle ich eine böse Umweltsünde, bis ich an aufgeregt hin und her wieselnden Anwohnern vorbeikomme. Tatsächlich scheint da „etwas“ brennend außer Kontrolle geraten. Zwei Minuten später passiere ich die Brandstelle mit geringem Abstand und sehe hohe Flammen auflodern, die offensichtlich einen Baum erfasst haben. Was tun? - Gar nichts außer Fersengeld geben, ich habe nicht einmal ein Handy dabei. Außerdem wurde die Feuerwehr unter Garantie schon von den Anwohnern verständigt.

Einigermaßen beschwerlich aufwärts auf steiler werdendem Geläuf. Eine Art Hohlweg, der uns Läufern durchaus entgegenkommt, weil dichter Baumbestand einen grünen Tunnel bildet und die Sonne fernhält. Außerdem scheint das Blattwerk die Luft zu filtern, da mir nur schwacher Brandgeruch durch die Nase zieht. Als ich gerade einen gehenden Mitläufer überhole, knallt es mit Urgewalt. „Da ist wohl eine Gasflasche in die Luft geflogen!“ schmunzelt der Mann neben mir. Okay, könnte sein, denke ich mir. Vielleicht ist ein Wochenendhäuschen, ein Verschlag oder eine Stallung in Brand geraten. Irgendwas in der Art. Ein Wohnhaus war an der dicht bewachsenen Brandstelle nicht zu erkennen. Kurz nach der Explosion höre ich Martinshörner, rasch lauter werdend. Unglaublich wie schnell die Feuerwehr anrückt!? Keine fünf Minuten vergingen, seit ich an den aufgeregten Anwohnern vorbeilief …

Auf und ab im Wald und steter Zweifel, vor 9 Jahren diesen Boden schon mal betreten zu haben. An den Hohlweg erinnere ich mich, an den Wald nicht. Dann wieder Erkennen, als der Wald zurückbleibt und wir zwischen Feldern auf markante, einzeln stehende Bäume zuhalten, noch immer in minimaler Steigung. Dann wird der Blick frei auf die Hügel des Kraichgaus. Wunderschöne Ansichten, die mich damals, gleichfalls im Licht der Abendsonne, begeisterten. Heute entzündet der Anblick kein Feuer in mir. Warum? Eigentlich braucht es weder geologische Sensationen noch Atemberaubendes, um meinen Enthusiasmus anzufachen. Zudem fühle ich nach 20 km beinahe noch anfängliche Frische und mich dem Bevorstehenden in jeder Hinsicht gewachsen. Meine Reserviertheit trotz bester Bedingungen muss andere Ursachen haben. Möglicherweise laufe ich zu wenig im hier und jetzt. Denke zu viel an das, was am Freitag nächster Woche beginnt. Befürchte womöglich doch und insgeheim, mir heute zu viel Strecke zuzumuten …

Höher geht’s im Kraichgau nicht, immerhin genoss ich eben einen wunderschönen Rundblick. Also wieder runter. Mäßig steil und tempofördernd. Bremsen verschwendete unnötig Ressourcen, ich steigere das Tempo, suche den energiesparendsten Schritt. Die nächste, für mich namenlose Ortschaft nimmt mich auf, bringt mich entlang der Hauptstraße voran und beinahe unmerklich wieder höher. Noch erinnere ich mich nicht: Auf den folgenden ungefähr 40 Kilometern werden sich Anstiege und Gefälle ständig abwechseln. Nie wirklich steil, dafür aber über jeweils lange Distanz, manchmal mehrere Kilometer hinan oder hinab …

Das Dorf bleibt zurück. Auf asphaltiertem Feldweg aufwärts, trotz anhaltender Steigung in wenig ermüdendem Trab. Getreidefelder in einer Mulde, da und dort wie versprengt stehende Bäume, auch dieses Bild kenne ich. Dieselben kräftigen, von tief stehender Sonne intensivierten Farben wie anno 2008. Nächster Verpflegungsstand, etwa bei Kilometer 28,5. Ich zwinge mich Zeit zu haben, trinke reichlich, gönne mir ein Stück Kuchen und wasche mir das verschwitzte Gesicht. „Hallo Udo! Bist du bis jetzt alles gelaufen?“ - Mein zögerliches „Ja“ muss die leichte Verwirrung ob dieser Frage irgendwie transportiert haben, weil er gleich noch ein „So wie immer halt“ hinterher schiebt. Offensichtlich jemand, der aufmerksam meine Laufberichte liest und meine Manie kennt möglichst ohne Gehschritte auszukommen. Tatsächlich fügt er noch ein Lob für unsere Laufseite an, bevor er den Wettkampf fortsetzt.

In langen Wettkämpfen kommt mir manchmal die Zeit abhanden. Von Bedeutung scheinen im Wettkampf nur Stunden und Minuten auf der Stoppuhr, ohne Bezug zur Tageszeit. Bisweilen wähnte ich mich noch im Vormittag, musste aber irritiert feststellen, dass High Noon längst überschritten war. Auch heute „verirre“ ich mich ansatzweise in Zeit und Raum, addiere einige Male die aktuelle Laufzeit zur Startzeit: Ach ja, Abend! Vielleicht liegt es daran, dass mir Übung fehlt, weil meine Liste in diesem Jahr noch keine wirklich langen Ultraläufe verzeichnet!? Auf dem langen Teilstück zwischen Kilometer 28 und 35, wo sich ausschließlich Wald und Felder abwechseln, lässt der Effekt aber nach. Der Abend wird sicht- und fühlbar: Bäume werfen immer längere Schatten und wo die Sonne noch hinkommt, überzieht sie die eigentlichen Farben mit rotgoldener Patina. Im Schatten empfinde ich gar schon den ersten kühlen Hauch der nicht mehr fernen Nacht.

Abend. Samstagabend. Familienabend. Zeit für einen gemeinsamen Spaziergang: Vater mit Hund, Mutter mit Hund, Tochter zu Pferde, Sohn zu Fuß hinterdrein und den herannahenden schweißnassen Fremdling neugierig beäugend. Ich schieße ein bisschen planlos mit der Kameralinse auf alles, was ein interessantes Motiv zu werden verspricht. Interessant weniger vom Inhalt als vom Effekt her. Mit 0815-Digicam ausgestattet und stets in Bewegung bleiben die Resultate allerdings hinter den Hoffnungen zurück ... Abwärts nun für drei Kilometer, durch die Ortschaft „Singen“ und nach kurzer Zeit am Gegenhang des Tales empor und in den Wald. Empor und alsbald auch wieder hinab nach „Mutschelbach“. Die hiesige Tränke fungiert zugleich als Wechselstelle, entsprechend reges Treiben umgibt den Platz. Trinken, verpflegen und zurück in den Wettkampf. Entlang der Hauptstraße geht’s weiter und - dreimal raten dürfen wäre zweimal zu viel -, richtig: Leicht bergan …

40 Kilometer, Strecke halbiert, Laufzeit bisher 4:27 h. Am Ende wird sich herausstellen, dass tatsächlich 80,5 km zu bewältigen sind, so dass ich für die halbe Strecke ziemlich genau viereinhalb Stunden brauchte. 2 x 4,5 = 9 … Wer wäre nicht versucht seine mutmaßliche Laufzeit durch schlichtes Verdoppeln abzuschätzen. Was die Uhr am Ende tatsächlich anzeigen wird, lässt sich auf diese Weise allerdings nicht seriös abschätzen. Nicht für mich und nicht heute und nicht für eine Strecke, an die ich mich nur vage erinnere. Im Moment verfüge ich noch über ausreichend Körner. Möglicherweise unterliege ich bereits jetzt einer Tempoverschleppung, was ich allerdings nicht weiß. Seit dem ersten Anstieg nehme ich keine Zwischenzeiten mehr, tippele gemütlich voran, will schließlich nur laufend ankommen - irgendwann. Wenigstens mein Fahrgestell hält mich bei Laune, wenn schon der Funke der Begeisterung heute so gar nicht überspringen will - absolut kein Mucks seitens meiner Problemzonen!!

„Mutschelbach“ wandert langsam achtern aus, zuletzt verfolgt mich von einem Dorffest ausgehendes Getöse. Samstage im Juni, das sind eben die Zeiten zu denen Menschen Feste feiern. Lediglich ein paar zwielichtige, im Geiste fehlgeleitete Gestalten meinen stattdessen den lauen Abend joggend und schwitzend verbringen zu müssen … Weiter auf einem Radweg. Ich erinnere mich ziemlich genau an diese Passage. Erst unter der Autobahn A8 hindurch. Wenn ich in den vergangenen 9 Jahren zu denjenigen gehörte, die ich über meinem Kopf vorbeidonnern höre, also ebendiese Stelle der A8 passierte, was recht häufig vorkam, meist auf der Fahrt zu Wettkämpfen, dann musste ich jedes Mal an den „Nachtlauf“ denken. Mittlerweile geht mir das vielerorts in Deutschland so, was niemanden wundern wird. Heute laufe ich zum 196. Mal Marathon und Ultra. Erstens. Und zweitens kennt jeder die Dichte des Autobahnnetzes „In diesem unserem Lande“ *…

*) Die Floskel stammt vom großen, kürzlich verstorbenen Europäer und ehemaligen Bundeskanzler, Helmut Kohl, vor dessen Cleverness und Weitsicht ich mich mittels dieses Zitats verneige. Er war nicht unumstritten aber unzweifelhaft ein bedeutender Politiker im Nachkriegsdeutschland.

Laufen über weite Strecken ist Kopfsache: Du musst es unbedingt wollen. Und wenn du es willst über ausreichend Leidensfähigkeit verfügen, um den eigenen Wunsch zu realisieren. Ein wenig Geschick und Methode mit der Not des Körpers umzugehen wird helfen. Mantras etwa, sich selbst anspornen, Teilziele nacheinander abhaken oder sich Aufgaben stellen. „Bevor ich die Stirnlampe einschalte, will ich 50 Kilometer geschafft haben!“. Diese Vorgabe ist vielleicht anderthalb Stunden alt und Ergebnis einer beiläufig angestellten Kalkulation, wie weit ich es bis zur völligen Dunkelheit schaffen könnte. Ob mir die Aufgabe mental hilft ist fraglich, dass ich mich damit einem ziemlichen Risiko aussetze, dagegen sicher. Zwischen 22:30 und 23 Uhr werden Unebenheiten unter freiem Himmel noch sicher ausgeleuchtet. Im Wald sehe ich dagegen die Hand vor Augen nicht mehr. ‚Ebene Wege. Was soll da schon passieren?’ Eine gedankliche Beruhigungspille, um Bedenken zu unterdrücken, mehr nicht. An einer taghell erleuchteten Verpflegungsstation mache ich dem Russisch Roulette ein Ende: Kopflampe aufsetzen, Reflexionsbänder anlegen.

Wie weit ich tatsächlich zu diesem Zeitpunkt gekommen war, willst du wissen? - Ich hab nicht nachgesehen, könnte es anhand des GPS-Tracks und der Streckenkarte nachvollziehen. Doch wozu? - Gottlob fiel ich nicht auf die Nase, ansonsten hat der Job seinen Zweck erfüllt und mich vorwärts getrieben. Zweck erfüllt, Erfüllungsgrad ohne Bedeutung - also wozu nachsehen?

Nun also mit Licht. An allen Gliedern bibbernd und schlotternd mit Licht. Die Pause zum Verpflegen, Aufsetzen der Lampe, Umpacken des Rucksacks und schlussendlich noch Austreten war eindeutig zu lang. Ausgekühlt und schweißnass passierte mir das zuletzt beim „Triple Marathon“, im vorigen Jahr. Am Abend, gleichfalls beim Verpflegen, während Marathon Nummer drei von drei. „Jetzt geht das wieder los!“ schimpfe ich vernehmlich vor mich hin. Unter Schüttelfrostanfällen stakse ich einige Minuten voran, bis mein Stoffwechsel endlich genug Wärme produziert. Entschluss: Keine langen Pausen mehr. Denn: Im Vertrauen auf die warme Sommernacht birgt mein Rucksack nicht den mindesten Fetzen Stoff, in den ich mich hüllen könnte …

Schemenhaft erkenne ich auf einer Hochfläche meine Umgebung, kann zumindest erahnen, in weitem Umkreis von Wiesen umgeben zu sein. Deutlicher als sehen kann ich es riechen. Intensiver, köstlich aromatischer Heuduft kitzelt meine Riechsensoren. Der Randschein der Lampe streift eine kürzlich gemähte Wiese, von der her verbliebene trockene Halme diesen unvergleichen Duft ausströmen. Ich habe den Gedanken schon einmal geäußert, wiederhole mich aber gern: Zieh diesen Duft auf Flaschen und ich bin der Erste, der einen Riechflakon für teures Geld ersteht! - Ob mit oder ohne Heuduft: Hier war ich schon mal und damals war es noch hell. Ob das ausschließlich dem heutigen Schneckentempo geschuldet ist, kann ich infolge der Streckenänderungen nicht einschätzen.

Einen Kilometer weit Heuduft in der Nase, dann der nächste Ort. Welcher? Weiß nicht. Schon im Hellen interessierten mich Dorfnahmen nicht sonderlich und nun liegt dazu noch Dunkelheit über dem meisten, was Augen dir mitteilen können. Durch Wohnstraßen hin, durch Wohnstraßen her, in Wohnstraßen hinab. Die Wegführung habe man seit dem letzten Jahr geändert, bemerkt ein Mitläufer, mit dem ich ein paar Meter auf gleicher Höhe trabe. Früher sei man oben am Waldrand entlang gelaufen, das hätte ihm besser gefallen. Ich schweige dazu. Wenn mein Läuferhirn kein Tageslicht mehr sieht, dann ist ihm so was von egal, welchen Kurs es steuert … Immerhin liefern die Feuerwehrleute am Verpflegungspunkt eine mögliche Erklärung für die Streckenänderung: Die Landschaft dort „oben“ soll vor kurzem zum Naturschutzgebiet erhoben worden sein. Ich begreife schon jetzt nicht, welche Relevanz das für Fußgänger haben soll - verkehrsrechtlich sind wir das nunmal. Als meine Lampe irgendwann später in dieser Nacht ein auf der Spitze stehendes, grün umrandetes Dreieck mit der Silhouette eines Adlers und der Aufschrift „Naturschutzgebiet“ aus dem Dunkel schält, wird das mit dem Verständnis erst recht nicht besser …

Hinterm Dorf noch ein paar hundert Meter abwärts, schließlich wieder hinan und irgendwann „charakteristisch“ nach rechts. Ist es möglich, dass menschliche Gehirne neben optischen auch andere Sinneseindrücke zur Orientierung speichern? Vielleicht Richtungswechsel oder Abfolgen von Rauf und Runter in Verbindung mit Richtungswechseln. Ich hebe mit dieser Frage nicht auf Esoterisches wie „Verdichtungen des Erdmagnetfeldes“ oder „Störungen der einfallenden kosmischen Strahlung“ ab und will auch keine paranormalen Kräfte bemühen. Aber woher weiß ich in stockdunkler Nacht, bei einer Sichtweite von ein paar Metern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass hier vor 9 Jahren ein Verpflegungspunkt aufgebaut war? Wie kann ich sicher sein, genau an dieser Stelle, genau wie jetzt, von einem Feldweg nach rechts auf ein Sträßchen eingebogen zu sein, das mich dann zwar moderat aber elend lange bergauf führte? Meine Lampe war zu diesem Zeitpunkt trotz fortgeschrittener Dämmerung noch aus. Auch dieser Umstand steht mir zweifelsfrei vorm inneren Auge … Alles nur ein Irrtum? - Doch wenn’s tatsächlich so war, dann liegt (meiner) Orientierung anscheinend mehr als nur ein Erinnerungsbild zugrunde.

Sanft aufwärts, drei Kilometer weit und zwei Ortschaften berührend. Dass ich schon mal hier war, daran hege ich unterdessen keine Zweifel mehr. Als gleichermaßen gesichert gilt mir, dass hinter der zweiten Ortschaft die Strecke geändert wurde. Die vormalige Streckenvariante ist mir deshalb in „plastischerer“ Erinnerung als der Rest, weil die Überwindung einer holprigen Niederung mich zwang die Stirnlampe aufzusetzen. Und ebendieser Abschnitt fehlt heute … Ich stimme dir zu: Diese Information ist ungefähr so wichtig, wie der berühmt berüchtigte Sack Reis, der im Hafen von Hongkong umfällt (oder war’s ’ne andere Stadt?). Wenn ich es erwähne, dann nur damit du einschätzen kannst, womit so ein Läufergehirn sich beschäftigt, wenn es nichts mehr sieht, über das Gedanken zu machen sich lohnen würde. Und, um Einsicht für den Umstand zu wecken, dass ich inzwischen die Lust am Laufen verloren habe. Leider, denn mehr als 20 km liegen noch vor mir …

Zwar ohne Lust aber zumindest völlig beschwerdefrei trabe ich talwärts in dichtem Wald. Lichtlos und schier endlos. Es gibt da in meinem Kopf einen Kerl, der das Dunkel nicht mag. Ich habe dieses Individuum mal als Abbild des Urmenschen beschrieben, dessen Instinkte in mir noch leben und wirken. Verhalten aus einer Zeit, als Menschen in der Dunkelheit schützende Winkel oder Höhlen aufsuchen mussten. Dieses Urmenschliche habe ich im Verdacht meine Wahrnehmung zu verzerren. Zum Beispiel alle nächtlich zurückgelegten Wege länger und beschwerlicher erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich sind. Drei Kilometer zählt mein GPS real, surreal buche ich mindestens das Doppelte auf mein Konto … Lange, sehr lange Zeit nichts, dann ist Licht. Ein Dorf. Wiederkennen setzt ein: Scharfe Spitzkehre, ein Stückchen durch den Ort, rechts abbiegen und kurz darauf über eine Brücke unter der es rauscht. So war’s auch damals …

„Jetzt hangelt man sich wirklich nur noch von Verpflegungsstelle zu Verflegungsstelle“ - Der Gelbgekleidete mit dem nachtbleichen Konterfei stöhnt es vor sich; vermutlich in ungleichen Teilen für mich, die Helfer am Stand, nicht zuletzt aber auch für sich. Inneren Nöten Luft verschaffen, sie ins Reich der Finsternis entlassen, neue Kräfte freisetzen. Wie ist das bei mir? - Zu wirklich tiefschürfenden Analysen bin ich nachts um eins, mit bald 70 Kilometer in Körper und Birne, nicht mehr fähig. Dass ich mich etwas anders vorwärts „hangele“ als der Mitläufer steht aber fest. Die Tränken sind mir natürlich willkommen. Ein Grund stehenzubleiben, etwas anderes tun können, tun müssen, als nur stoisch vor sich hin trotten. Abwechslung. Gelegenheit auch, um die Stirnlampe abzusetzen und die schweißnasse „Rübe“ einmal komplett mit erbetenen Haushaltstüchern trockenzureiben (Eine „Rübe“, die fünf Minuten nach dem Restart wieder genau so nass sein wird wie vorher). Als Teilziele dienen mir aber Entfernungsmarken. Die erste Ernsthafte war Kilometer 38, als ich mir mit „Jetzt nur noch ein Marathon“ Mut machen durfte. Nach und nach hakte ich die halbe Strecke, den Marathon selbst, 50 und 60 Kilometer ab. Und zwischen längeren Intervallen immer wieder Ansporn in Form unterschiedlicher Additions- und Subtraktionsergebnisse. Etwa so: „Gerade erst 50 und nun bist du schon bei 52!“ - Oder: „Schon 57! Jetzt nur noch 3, dann hast du endlich die 60 voll, dann sind es keine 20 Kilometer mehr!“ - Solche zigfach angestellten Betrachtungen bringen mich über die Distanz und durch die Nacht …

Die Nacht, die ich noch immer nicht mag und - laufend - auch nie mögen werde. Sie schubst mich nicht mehr ins Schlangenloch depressiver Verstimmungen. Das nicht. Dafür trotzte ich ihr inzwischen zu oft und auch weitaus länger als nur die für heute veranschlagten vier Stunden. Aber seit sie mich umfängt wünsche ich mir das Ende des Laufes mit Inbrunst herbei. Besonders jetzt, da ich am Hang dieses Tals in steter leichter Abwärtsbewegung unterwegs bin. Am Hang und im Wald. Rechts und weiter unten rauscht ein Bach. Vermutlich jene „Alb“, die ich kurz vorm Einbiegen in diesen endlos scheinenden Waldweg überquerte. Für autofahrende Fremde stand vor der Brücke eine Tafel mit dem Namen des Bachs. Ab und zu hebt sich der Weg für ein paar Meter, insgesamt aber geht es abwärts. Mehr als 10 km nun schon. Völlige Lichtlosigkeit, sieht man von seltenen Lichtpunkten zwischen Bäumen, im Talgrund oder am jenseitigen Hang einmal ab. Zwei Verpflegungstationen habe ich schon passiert und dieser nervige Weg scheint sich bis Sankt Nimmerlein fortzusetzen. Eigentlich isser ziemlich eben, dankenswerter Weise überwiegend abschüssig, lässt mich also rasch vorankommen. Warum nervt der Weg mich dann? - Weil da nix ist, außer mir und dem Lichtkegel meiner Lampe. Weil mich im Dunkeln laufend fast alles nervt, vor allem Wege, die einfach kein Ende nehmen wollen …

In scheinbarer Endlosigkeit suche ich Zuflucht am Handgelenk. Mein GPS war bisher verlässlich und es zählt unbeirrt vorwärts … 67, 68, 69, 70 … Zehn Kilometer bleiben noch, als ich entlang eines Bahndammes und erster Häuser aufatmend feststellen darf, dass außer Wald und einem Kiesweg auf diesem Planeten noch anderes existiert. Eine Stadt in der Nähe von Karlsruhe. Vorstadt? Oder doch nur ein großes Dorf? Wer aus ungewissem Nichts kommt, dem erscheint alles riesig. Immerhin verbringe ich vier Kilometer von den Anfängen bis hinter die letzten Häuser in dieser Ansiedlung, von der ich nicht mal weiß, wie sie heißt (Ertappt! Es interessiert mich tatsächlich nicht.).

Mit zwei letzten Bechern Wasser im Bauch gehe ich den Rest der Strecke an. Das Wasser dient einem therapeutischen Zweck, Durst verspüre ich schon lange keinen mehr. Mir ist unwohl im Bauch. Vielleicht habe ich meinem Magen über die Stunden hinweg ein zu „zähflüssiges Gemisch“ angeboten. Alle 10 Kilometer ein Gel, da und dort auch mal ein paar Salzstangen oder einen Happen Kuchen und dazu Iso und Limonade. Kein Wasser. „Je mehr Zucker, umso läuft“, so meine vordergründig sicher richtige Überlegung … Der hohe Zuckergehalt der Ernährung senkt zwar die Rehydrierungsrate, aber die spielte seit dem frühen Abend ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle. Mit verdünntem Mageninhalt einen weiteren Kilometer bergab, dann geht es nicht mehr. Nicht mehr weiter bergab, meine ich damit, mein Magen beruhigt sich gottlob. Nicht mehr weiter bergab, weil ich im flachen Umland von Karlsruhe angekommen bin. Felder und Wiesen jenseits meines Lichtkreises, mehr nehme ich nicht wahr. Noch fünf Kilometer.

Plötzlich Verunsicherung vor einer Barriere: Eigentlich ist der Weg für jedermann - auch Fußgänger, das Schild ist eindeutig - gesperrt. Der Streckenmarkierer hat aber vor und seitlich der Absperrung mehrere Pfeile aufgesprüht. Botschaft: Sch … drauf, du musst da durch! Danke Streckenmarkierer! Kurz darauf ärgere ich mich über denselben (?) Streckenmarkierer, weil ich erneut vor einer Absperrung stehe, hinter der es tatsächlich nicht mehr weitergeht. Sandhaufen und ein Monster* von einem Bagger blockieren die Route. Links zweigt zwar ein Weg ab, auf den jedoch kein Pfeil hinweist. Erst als ich einige zaudernde Schritte in diese Richtung hinter mich gebracht habe, stoße ich auf den weißen Beruhiger. Zeugen sind nicht zugegen, also wird auf ewig mein Geheimnis bleiben, was ich an verbalen Entgleisungen in den sternenklaren Nachthimmel entlasse …

*) In Wahrheit war’s ein Kleinbagger. Doch gelegentlich, wie oben schon dargestellt, bläht ein urmenschlicher Teil meines Bewusstseins Wahrnehmungen auf …

Auf den letzten Kilometern werden meine Beine richtig schwer. Dass diese Empfindung nur den raschen Verbrauch letzter Reserven anzeigt, einen Ultralauf-Hammermann sozusagen, mag ich nicht glauben. Wahrscheinlicher ist der mentale Effekt, mir so kurz vorm Ziel eingestehen zu dürfen, wie erschöpft ich tatsächlich bin und schon seit Längerem war. - Wieder zurück im Karlsruher Stadtwald. Lange geradeaus joggend und noch einmal überholt. Diesmal von einem gemischten Duo. Die beiden zischen so granatenschnell an mir vorbei, dass es sich nur um Staffelläufer handeln kann … Mit Franz lieferte ich mir übrigens ein „Duell“ über 80 km: Etwa bei Kilometer 30, an einem der steileren Berge, ließ ich ihn hinter mir. Weil Franz in solchen Anstiegen geht (was sinnvoll ist, und nur von wenigen verbohrten Subjekten anders praktiziert wird). Vor einer Stunde, an einer Verpflegungsstation, war er dann plötzlich wieder da und ist mir seither voraus. Später werde ich der Rangliste entnehmen, dass er ein paar Minuten vor mir das Ziel erreicht … Du erinnerst dich? - Der Mann ist 67 Jahre alt!

Ins Ziel darf ich nun endlich auch laufen … Oh, doch noch nicht! Zwar trabe ich längst auf dem Sportgelände und die 80 km-Marke überschritt ich bereits vor ein paar Minuten. Aber weil’s zu Anfang so schön war, darf ich das Auftaktgeviert auf dem Bolzplatz noch einmal genießen. Nicht zum ersten Mal in einem Wettkampf frage ich mich, ob der Streckenplaner marathon- oder gar ultraweite Lauferfahrung hat … Sei's drum, dann eben eine Schlussrunde: Rasen kurze Seite, Rasen lange Seite, Rasen kurze Seite und schlussendlich auf der langen Seite über Rasen ins Ziel …

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Es ist vollbracht und im selben Moment fällt alles weniger Schöne der letzten Stunden von mir ab. Nur noch das Finish zählt, das Gefühl es einmal mehr geschafft zu haben, obwohl ich darum kämpfen musste. Eine umfassende, befriedigende Antwort auf die Frage, warum ich mir immer wieder zumute Marathon oder noch viel weiter zu laufen, fand ich nie. Dieses wunderbare Gefühl, das mich im Ziel überkommt, ist sicher Teil dieser Antwort. Es verliert sich nur leider und dann drängt alles nach Wiederholung …

In Erstaunen versetzt mich die Tatsache, dass ich mit meiner bescheidenen Über-neun-Stunden-Zeit als 44. der Gesamtwertung angekommen bin und sogar noch Platz zwei in der Altersklasse belege. Ein i-Tüpfelchen auf meiner Freude über das Finish. Und einen mehr oder weniger hübschen Staubfänger fürs heimische Devotionalien-Kabinett darf ich auch noch mitnehmen …

 

Ergebnisse:

Ramin: 7:46:24 h; Gesamtplatz 11 (119), M40-50: Platz 6 (29)

Franz: 9:09:27; Gesamtplatz 42 (119); M60 - 70 Platz 1 (16)

Udo: 9:14:09 h; Gesamtplatz 44 (119), M60 - 70 Platz 2 (16)

 

Fazit zur Veranstaltung

Nach 38 Nachtläufen gibt es nicht mehr viel neu zu erfinden und zu verbessern. Wenn Fehler passieren, dann liegt ihre Ursache nicht im Grundsätzlichen. Soll nicht so klingen als hätte ich Fehler bemerkt. Nach meiner Beobachtung lief alles rund und die Bedürfnisse der Läufer in einer Veranstaltung von dieser Streckenlänge waren gut erfüllt.

Die Strecke beginnt mit 9 überwiegend schattigen Kilometern im Wald. Darauf folgen mehr oder weniger eintönige 11 Kilometer durch Karlsruher Schlafvorstädte. Ab dem Aufstieg zu den Hügeln des Kraichgaus hat der Weg schöne Landschaftsansichten zu bieten, fordert aber auch mit etwa 800 Höhenmetern. Etwa ab Kilometer 61 beginnt der langsame Abstieg, kaum noch von kurzen, ohnehin moderaten Anstiegen unterbrochen. Ungefähr gegen 22:15 Uhr sollte man die Stirnlampe einschalten, sofern man gerade durch eines der ausgedehnten Waldgebiete läuft …

Fazit: Warum nicht mal wieder?

 


Bildnachweis:

Aufnahme "Ernst und Udo": Ekkehard Gübel (siehe Bildbeschriftung)

Alle anderen Fotos: Udo Pitsch

 

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