Samstag, 21. Mai 2016

Unkown flying objekt identifies as: „Udo” - Supermarathon am Rennsteig 2016

Ein wunderschöner Samstagmorgen. Das Wetter ist schön, die Landschaft auch und ich habe die Haare schön. Ansonsten habe ich gar nix schön. Halt! Vielleicht noch das Outfit, in den Augen jener zumindest, die auf meine weiß-blau-schwarze Kombination abfahren. Was meine Tagesform und den gegenwärtigen Trainingsstand angeht, so würde ich darüber am liebsten den Mantel des Schweigens breiten und diesen Laufbericht ungeschrieben lassen. Aber das lassen weder Läuferehre, noch Chronistenpflicht zu. Außerdem liegt mir viel an einer lückenlosen Dokumentation aller meiner Marathons und Ultras.

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Eine Stunde bin ich bereits unterwegs und etwa neun Kilometer liegen hinter mir. Neun Kilometer, die im Vertikalen beinahe ausschließlich einer Orientierung folgten: Aufwärts. Meist sanft hinan und ausgedehnt lange, typisch für den Rennsteig. Zuweilen aber auch für zwei, drei Minuten fordernd. Natürlich lässt sich der Anteil, den andauernde Steigung am Gefühl unverhältnismäßig schwerer Beine hat, nicht ohne weiteres herausrechnen. Doch selbst wenn ich dafür in die Gleichung einen großzügig bemessenen Wert einsetze, steht inzwischen fest, dass ich a) einen rabenschwarzen Tag zu beklagen habe und b) unter fehlender Regeneration leide.

Rechtfertigungen bezüglich a) entfallen, weil die Tagesform dem Biorhythmus unterliegt und damit einzig Gnade oder Ungnade des Läuferschicksals. Schon anlässlich der Trainingseinheiten der letzten Tage spürte ich überdeutlich: Das ist nicht meine Woche!

Verzögerte Regeneration hinwiederum ist ein Umstand, den Trainer und Athlet (Udo + Udo) allein zu verantworten haben. Umso mehr, wenn sich beide einig sind nach zweieinhalbwöchiger Zwangspause mittels Aufbauwettkämpfen im Wochentakt möglichst rasch wieder in Fahrt kommen zu wollen. Möglich, dass mir der am Limit gelaufene Dämmermarathon in Mannheim noch immer nachhängt. Dieses Risiko brockte ich mir bewusst ein und muss nun die überwürzte Suppe auslöffeln. Denn eines ist sicher jedem meiner „Abonnementleser“ klar: DNF* ist für mich keine Option! - außer infolge völligen „Kontrollverlusts“ oder Verletzung.

*) DNF = Did not finish / Abkürzung die in Ergebnislisten jene bedauernswerten Läufer kennzeichnet, die zwar starteten, jedoch abbrechen mussten oder nicht in der vom Veranstalter eingeräumten maximalen Laufzeit das Ziel erreichten.

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Die sanitären Vorkehrungen am Startort in Eisenach lassen nur ein Prädikat zu: Beschämend. Das raunze ich einfach mal frank und frei in den Cyberspace - es wird ohnehin meine einzige Negativkritik bleiben. In einem jährlich wiederkehrenden Akt unverhohlener Dreistigkeit gehen die Herren vom Rennsteiglaufverein anscheinend davon aus, dass knapp 73 Kilometer Thüringer Wald zum Entsorgen menschlicher Stoffwechselendprodukte ausreichend Gelegenheit bieten. Nach abschätzenden Blicken auf die Endlosschlange vor den Toilettenhäuschen und die bis zum Start verbleibende Zeit, ersetze ich Erleichterung durch stramme Haltung. Zum Glück muss ich „nur für kleine Jungs“. Dieser sonst eher femininen Notlage lässt sich in Eisenach leider in keinem marktnahen Park mit wunderschönen Palmen* oder hinter sonstiger Gründeckung abhelfen (oder etwa doch?). Folglich reihe ich mich nach dem Startschuss um sechs Uhr unter ziemlichem Druck in den Strom der vorwärts drängenden Ultralemminge ein.

*) 2005 nahm ich am Monaco Marathon (den es leider nicht mehr gibt) teil und befand mich dort in ähnlicher Notlage. Der Startbereich lag unmittelbar vorm Park des weltberühmten und piekfeinen Casinos von Monte Carlo. Mit hunderten anderen beging ich das Sakrileg den heiligen Rasen zu betreten und mich am Stamm einer der sicher gepflegtesten Palmen dieses Planeten urinierend zu vergehen. Um die Stämme aller Palmen hatten sich Ringe von Läufern gebildet, allesamt starr nach unten blickend. Noch heute lässt mich die Erinnerung an diesen „Tabubruch“ schmunzeln.

Zum Aufwärmen reicht der flache, halbe Kilometer im Zentrum Eisenachs nicht. Also werden mehrere tausend Beine vom beginnenden Anstieg kalt erwischt. Augenblicklich schalte ich einige Gänge zurück, um nicht zu Beginn schon wertvolle Kohlenhydrate in Anfängermanier zu verschwenden (Und um eine trockene Hose zu behalten!). Um mich her scheint es allerdings auch sonst keine Ausdauer-Hasardeure zu geben, da sich meine Position im dichten Gewusel des Feldes kaum verschiebt. In Serpentinen und unterm Schirm ausladender alter Laubbäume gewinnen wir an Höhe.

„Hallo Udo!“ - Ausnahmsweise gelingt es mir, Stimme, Gesicht und formalige Kontakte ohne Verzögerung zur Deckung zu bringen. Kurz (und mit Pein im schrittnahen Gebein) gebe ich Josef über meine aktuelle Entwicklung Auskunft, dann trennt uns eine Kurve. Alsbald geht die Straße in einen Waldweg über und von nun an - kurz vor der Katastrophe - spähe ich ausschließlich nach wegnaher Deckung. Wahrscheinlich hätte ich mich zu schlechterletzt doch noch eingenässt, führte mir nicht ein Leidensgenosse vor, wie piepegal es ist, wenn bei dieser Verrichtung hunderte LäuferInnen hinter dem eigenen Rücken vorbei defilieren ... - Erfahrene Kämpen unter den Lesern mögen mir den Ausflug in die biologischen, in aller Regel totgeschwiegenen Niederungen des Wettkampfgeschehens nachsehen. Doch erstens hoffe ich auch auf Einsteiger als Leser und zweitens dokumentiert dieser halbseidene Einstieg, dass mich heute von der Startlinie weg Nöte belästigen …

Denn die sind mitnichten Geschichte, nachdem ich mich wieder in den Zug der Ultraverrückten einordne. Zwei, drei Minuten mit entspannter Blase genügen, um zu realisieren, was vormalige Not überdeckte: Meine Beine sind schwer wie Blei! - Gerade verlassen wir den Wald und genießen die von Frühsonne durchtränkte Aussicht über grüne Höhen und hinaus ins flache, hinter Dunst verborgene Land. Zwei lichte Minuten, bis uns wieder dichter Wald verschluckt. - Einstweilen gehe ich noch davon aus, dass fehlende Spritzigkeit großenteils dem ansteigenden Terrain und der frühen Stunde geschuldet ist. Früh morgens, zumal wenn ich relativ kurz vor dem Start erst aufstehe, bin ich nur ein Schatten meiner selbst - nicht nur läuferisch. Wird sich schon geben. Habe ich nicht im Training vielfach erlebt, dass nach zähem Beginn der Knoten recht spät erst platzte?

Nahe Kilometer sechs stehe ich vor der ersten Läufertränke, sichte die Auswahl und entscheide mich - dem heutigen Verpflegungskonzept gehorchend - für Cola mit Wasser. Hintergrund: Ich bin ohne jede Eigenverpflegung unterwegs, will mich vom gewohnt üppigen Büffet der „Rennsteigler“ bedienen. Was ich brauchen werde ist zunächst ungemein viel Flüssigkeit, weil die Temperatur endlich wieder die 20°C touchieren soll. Zudem lacht mich die Sonne ungefiltert aus blauer Kuppel an. Dazu natürlich Kohlenhydrate, vor allem in Zuckerform. Wasser schütte ich in die Cola, damit die Zuckerkonzentration nicht zu hoch ist, was die Rehydrierungsrate senken würde. Später werde ich - so viel sei vorweg genommen - auch zweimal vom „Rennsteig-Special“ naschen, dem so genannten „Schleim“. Schmeckt Udo-subjektiv genauso widerlich, wie es der Begriff suggeriert. Doch um Lauferfolge abzusichern, bin ich noch ganz anderer Selbstkasteiungen fähig ...

Erst nach etwa sieben Kilometern entert der Rennsteiglauf tatsächlich den nicht zu verfehlenden, da tausendfach mit dem auf Baumstämme gesprühten „R“ oder Wegweisern gekennzeichneten Rennsteig. Der Rennsteig ist Kult. Nicht nur für Läufer. Auch Urlaubern und einheimischen Wanderern gelten seine insgesamt 169,3 km als so etwas wie die „Mutter deutscher Wanderwege“. Unter Läufern, übrigens nicht ausschließlich Ultras, da auch ein Marathon und ein Halbmarathon angeboten werden, scheint am Rennsteig zu laufen zwischenzeitlich als „Muss“ zu gelten. In diesem Jahr meldet der Veranstalter einen neuen Rekord von sage und schreibe 17.000 Teilnehmern. Die Anmeldung für den Halbmarathon musste wegen „Überfüllung“ schon vor Monaten geschlossen werden ... 17.000 Menschen, die nach und nach in das winzige Dorf Schmiedefeld einrücken. Wo sich sonst eher Senioren auf Wanderstöcke stützen, trifft sich für einen Tag das Who is Who der (Ultra-) Läuferwelt. Um den Ansturm zu bewältigen, werden auf einer dorfnahen Wiese gewaltige Installationen vorgenommen. Duschgebäude wurden vorzeiten sogar fix errichtet. 364 Tage im Jahr teilen sie den Schmiedefelder Dornröschenschlaf, um dann für wenige Stunden wunderbar warmes Wasser über erschöpfte Häupter zu sprühen. Aber unter der herrlichen Dusche stehe ich natürlich noch lange nicht ...

Acht Kilometer von 72,7 kann ich abstreichen und bewege mich unter herrlichem altem Buchenbestand … bergauf, was sonst. Das wird bis zum Großen Inselsberg, bei Km 25, so bleiben. Weder die vorhin lautstark in Höhe der Einmündung anfeuernden Zuschauer, noch die frühlingsfrische Kathedrale des Laubwaldes ringsum, dringen tiefer als bis kurz hinter meine Sehnerven. Nehme nur wahr, was in mir vorgeht und bin beunruhigt! Das ungelenk Schwerfällige im „Fahrgestell“ will sich einfach nicht geben. Wann endlich springt der Motor an? - Gar nicht, lautet die einfache Erkenntnis, die ich auf den nächsten Kilometern an mich heranlasse; häppchenweise, um mein Selbstbewusstsein nicht völlig zu untergraben. Entsprechend zögerlich forsche ich nach Ursachen, gelange irgendwann zu den bereits dargelegten Erkenntnissen und endlich zur entscheidenden Frage: Was nun? Selbstverständlich kommt die Vokabel „aufgeben“ in der fälligen Antwort nicht vor. Wer mich kennt, weiß, dass mir Entsetzliches widerfahren und einige Zeit zusetzen muss, bis dieses Unwort Gedanke wird. Und einstweilen droht lediglich Entsetzliches. Noch laufe ich mit Reserven stetig vor- und unausgesetzt aufwärts.

Ebene Abschnitte, mehr noch kurze Gefällestücke schenken physische Entlastung, nerven in der heutigen Verfassung jedoch eher, als mental aufzubauen. Jeder Schritt abwärts geschieht im Bewusstsein dabei verlorene Höhe alsbald mit drei Tippelschritten aufwärts wieder erkämpfen zu müssen. Mit den 25 km bis zum Großen Inselsberg ist eine mögliche Vorentscheidung über das spätere Schicksal des Supermarathonis verknüpft. Dieses erste Streckendrittel fordert mit nahezu der Hälfte der gesamten Steigung. Und sie begegnet einem überwiegend in Form langer, moderater Steigungen, „die einen nicht wirklich bremsen“. So formuliert es Jörg, das Thüringer-Ultra-Urgestein, der mich unterwegs erkennt und in einen Wortwechsel um gegenseitiges Wohl und Wehe verwickelt. Im Anlauf auf den Gipfel des Großen Inselsberges besteht die konkrete Gefahr sich im Überschwang anfänglicher Stärke „abzuschießen“! Genau dieser Fehler unterlief mir 2013, als ich meinen Trainingsstand überschätzte. Der Energieraubbau war derart dramatisch, dass ich bald nach dem Gipfel eine der (für mich) schlimmsten Demütigungen hinnehmen musste: In Anstiegen gehen müssen.

Das darf nicht noch einmal passieren! Also runter mit dem Tempo. Gleich gruppenweise überholen mich Mitläufer auf langen, flachen Rampen. Nach und nach sammele ich sie auf steileren Abschnitten wieder ein, wo fast alle ins Gehen wechseln. Frag nicht nach rationalen Argumenten! Letztlich entspringt die Selbstverpflichtung jeden Meter laufen zu wollen, den unergründlichen Tiefen meines Läuferegos. Und dort drin finde nicht mal ich selbst mich zurecht ...

Thüringer Wald: Laubwald, Nadelwald, Mischwald. Thüringer Wald: Hohe betagte Stämme, mittelalte Bestände, dann und wann auch grüner Nachwuchs. Thüringer Wald: Grün gedeihend, meist die Sicht begrenzend, grüne Lunge, Sauerstoff satt. Rohstoff aus dem Thüringer Wald: Geschlagen, in Stücke gesägt, aufgeschichtet und den Duft von Harz verbreitend, würzig intensiv von Fichtenstämmen, pastellig schwach von gesägtem Laubgehölz. Thüringer Wald: Wenngleich nur für Sekunden, jedoch häufiger als meine Erinnerung es mich glauben machen wollte, öffnen wechselnde Geländeformationen Sichtschneisen, erlauben Ausblicke ins nordöstlich oder südwestlich vorgelagerte, von hier oben flach aussehende Land. Ein Genuss für jeden Besucher, Labsal für Körper und Geist.

Hört sich gut an, ist aber wenig mehr als ein Allgemeinplatz, gut geignet für Werbeprospekte - „Labsal für Körper und Geist“. Mir entlarvt sich mein Sprüchlein als dummes Geschwätz. Wie sich an Eindrücken erfreuen, wenn man physisch und mental zunehmend in eine Art Ausnahmezustand schliddert? - Erneut ein recht steiler, dazu noch geröllig unebener Abschnitt. Ich kämpfe hart. Kein Witz. Kilometer 23, 24, erst ein Drittel der Gesamtstrecke um und ich stehe kurz davor, dass mich dieser Sch…berg zur Strecke bringt. Kurzes Verharren für Fotos. - Fotos? Ja, hat sie der noch alle? - Denke es nur, aber bedenke zugleich, dass die 5 bis 8 Sekunden für Aufnahmen in beide Richtungen - steil auf- und gleichermaßen steil abwärts - eine winzige Entlastung bedeuten. Vielleicht „habe ich sie ja doch noch alle“ und fotografiere hauptsächlich des Päuschens wegen!? Zumindest hege ich diesen Verdacht gegen mein unbewusstes Selbst. Weiter aufwärts und das heißt: Weiter tippeln. Gehen, wie ALLE anderen, darf ich nicht. Siehe oben!

Tiefe Empfindung von Kraftlosigkeit und - hätte ich doch nie rechnen gelernt - fast noch 50 Kilometer bis zum Finish! Hatte ich bisher Bedenken, dann taufe ich sie jetzt auf den Namen Sorgen. Wie soll ich unter diesen Umständen das Ziel erreichen? Eine Frage, auf die ich mir die Antwort schuldig bleiben muss. Mit Ausnahme eines schwachen „Irgendwie wird’s schon gehen“. Eine schier ausweglose Situation, auf die eigentlich Mutlosigkeit und alsbald Resignation folgen sollte. Doch das geschieht nicht. Nicht mir. Weil ich um meine Fähigkeit weiß endlos lange leiden zu können. Und vor allem, weil ich mir genau das mehrmals bewiesen habe. Ich bin jetzt knapp drei Stunden unterwegs, verbeiße mich wie ein tollwütiger Köter in die steile Flanke des Großen Inselsberges und habe wenigstens noch weitere fünf Stunden vor mir … Noch fünf Stunden diese Not ertragen? - Ja und? Sch… drauf! Ich kann das und wenn’s sein muss auch noch länger. - Ich sollte Verzweiflung empfinden. Ich sollte darüber trauern, die zahllosen Schönheiten am Wegrand nicht wertschätzen zu können. Ich sollte mich grämen, dass ich wieder einmal dabei bin mir mein geliebtes Hobby dermaßen zu verleiden. Doch aus solcherlei Maschen bin ich nicht gestrickt, so fühle ich nicht. Ich will kämpfen, will den Erfolg, will das Finish. Wieder einmal muss Wille ersetzen, wo es mir an physischer Stärke gebricht.

Laufen auf müden Beinen: Dann hasst Udo Steine, Wurzeln sowieso. Hassen, ganz hässlich hassen, setzt Energien frei und die hieven ihn rauf. Langsam, langsamer, am langsamsten und doch unaufhaltsam. Endlich liegen die ekelhaft steilen Abschnitte hinter mir, flacht der Weg zusehends ab. Durch die Bäume voraus lugen schemenhaft die auf der Bergkuppe platzierten Türme und Antennen. ‚Erst mal den Inselsberg, dann liegen schon fünfzig Prozent der Anstiege hinter dir, danach wird’s einfacher…’ - schon vorm Start machte ich mir mit dieser Formel Mut. Großer Inselsberg, Schwerstarbeit, wichtiges Teilziel und gleich … nur noch ein paar Meter … jetzt! … setze ich einen Haken dahinter - bildlich gesprochen, indem ich Bilder vom Gipfel einfange.

Großer Inselsberg: Zwei Minuten weit kein Wald, dafür Gebäude, Zäune, Sendeanlagen und eine grandiose Fernsicht. Nicht Grund genug zum Verweilen, Verpflegung wird erst nach dem „Sturzflug“ gereicht, 200 Höhenmeter tiefer am Verpflegungspunkt „Grenzwiese“. Mit einer holprigen Treppenkonstruktion aus kantigen Holzschwellen beginnt die Schussfahrt, setzt sich auf durchschnittlich (!) 14 Prozent steilem, gottlob asphaltiertem Gehweg fort und endet mit puddingweichen Oberschenkeln vor den Verpflegungsständen am Parkplatz „Grenzwiese“. Instinktiv hatte ich Manschetten vor dieser „Abbruchkante“ und während der nächsten Minuten, auf sogleich wieder ansteigendem Terrain, spüre ich auch wieso: Kraftloser als nach dem Gipfelsturm, zugleich wackelig, als hätte ich sie kaum noch unter Kontrolle, so nehme ich meine Stelzen jetzt wahr. Körperliches Déjà-vu: So war das letztes Mal auch … und einige Zeit später schaffte ich es nicht mehr aufwärts zu laufen. Tolle Aussichten!

Langstreckenlaufen basiert auf körperlicher Ausdauer und der mentalen Fähigkeit Widerstände gleich welcher Art - zunehmende Ermüdung, schmerzende Beine, üble Begleitumstände - auszuhalten. Innere und äußere Antriebe - Motivatoren! - können dem Durchhaltewillen auf die Sprünge helfen. Bereits durch „geschicktes Denken“ lassen sich dann und wann frische Kräfte freisetzen. Zum Beispiel, indem man aufkeimender Mutlosigkeit angesichts des fernen Finales immer wieder nahe Teilziele als Riegel vorschiebt. Der Große Inselsberg war so ein Fixpunkt und nun richte ich meine ganze Entschlossenheit auf das Teilziel „halbe Distanz“. Von „Halbzeit“ zu sprechen wäre Selbstbetrug. Der Kräfteverfall wird sich fortsetzen und den Zeitbedarf für Hälfte zwei erhöhen. Also her mit dem „Halben“! … in etwa gleichzusetzen mit dem Verpflegungspunkt „Ebertswiese“, ungefähr noch 10 Km bis dorthin …

Was erzähle ich nun von diesen 10 Kilometern, ohne mich ausschließlich zu wiederholen? Im Grunde wäre die Berichtspflicht erfüllt, wenn ich den Abschnitt weiter vorne in diesem Laufbericht, der mit „Thüringer Wald: Laubwald, Nadelwald, Mischwald …“ beginnt, hier „1:1“ rein kopiere. Zeitweise will mir scheinen, als habe die Schöpfung das Verfahren „Copy and Paste“ lange vor dem Computerzeitalter im Thüringer Wald erfunden und mit großflächigem Erfolg angewandt.

Damit ist erzählt, was mir die Etappe an optischen Reizen zu bieten hat. Jedoch nur dann, wenn ich es wage die Augen vom Weg zu lösen, was immer seltener vorkommt. Zum Einen infolge des fortschreitenden „Tunneleffektes“: Je weiter Ermattung von mir Besitz ergreift, umso mehr verengt sich mein Blickwinkel. Immer häufiger reißt aber auch schlechte Wegbeschaffenheit alle Aufmerksamkeit an sich. Vom Regenwasser ausgewaschene Rinnen, mit dem Untergrund verwachsene Stolpersteine und Wurzeln wollen Udo fliegen sehen. Und wenn die Füße ohnehin schon wehklagen, will man auch nicht auf lose Steine von Murmel- bis Eiergröße latschen. - Was ist denn das? Ein Geschenk des Himmels! Die Betonpiste mitten im Wald, noch dazu leicht abschüssig, beschert mir ein paar Minuten sorgloses Traben auf brettebenem Geläuf. Fast wie „Schweben“ zwischen Bäumen, wenngleich das allenfalls auf meinen Geist zutrifft.

„Eben dahin“ - dieses Attribut dürfen allenfalls kurze „Wegschnipsel“ entlang des Rennsteigs für sich in Anspruch nehmen. Gefühlt bin ich ohnehin ständig auf- oder abwärts unterwegs; seit dem Inselsberg allerdings weniger steil und auch nicht mehr so lange. Zucker in literweise Cola und der „Genuss“ von „Schleim“ konnten die schleichende Entkräftung bremsen, sie aufzuhalten vermochten sie nicht. Möglicherweise geht mir das gerade durch den Kopf, wahrscheinlich irgendein anderer, nichtigerer Gedanke … UFO überm Rennsteig: Kante (Stein?), Fuß bleibt hängen (da vor Schwäche kaum gehoben), stolpern, straucheln, der Länge nach hinschlagen, seitlich abrollen - Unknown flying object identifies as: „Udo“! - Sofort stürzen drei, vier Mitläufer herbei, kümmern sich. Zwei reichen mir die Hände, helfen mir auf. Erst Schreck, jetzt Check …, dann: „Nichts passiert, alles gut!“ beruhige ich meine Samariter. Leichte Abschürfungen am linken Knie, ansonsten bin ich glimpflich davon gekommen. Gehe ein paar Schritte, um den Schock des Sturzes abzuschütteln, dann trabe ich wieder an …

Kurz darauf, am Verpflegungspunkt „Ebertswiese“, fülle ich das übliche Cola-Wasser-Gemisch in meinen Magen-Darmtrakt ein - bis sich die Bauchdecke wölbt. Ein Stück Banane verstärkt das Völlegefühl. Energie muss rein, selbst auf die Gefahr von Übelkeit und Schlimmerem hin. Schlussendlich wasche ich mir noch das Blut vom Knie. Schließlich muss nicht gleich jedem in Form eines blutverkrusteten Knies ins Auge stechen, was für ein Held ich bin! - Halbe Distanz geschafft, Zeit für eine vorläufige Bilanz: Grottenschlechte Zwischenzeit (ca. 4:10 h), hundemüde, bereits einmal auf die Schnauze gefallen und die Schwäche verschärft sich. Nicht zu ändern. Wenn das „Können“ abnimmt, muss ich eben mehr „Wollen“ mobilisieren. Also los jetzt, neuerlich aufwärts … Die erste Hälfte ist Vergangenheit, ich visiere ein neues Teilziel an. Eins das sich aufdrängt, dessen Position ich allerdings nicht markiert vorfinden werde: Der Marathon - Rennsteig gib mir den Marathon!

Zu viert oder fünft bleibt die Gruppe eisern beisammen. Keine Ahnung, wie lange wir uns schon wechselseitig überholen - sie mich auf flacheren Wegen, ich sie in steileren Etappen hinan, wenn sie gehen. Gefühlt seit mehreren Stunden geht das so. Unvermeidlich zeitweise ihre Gespräche mitzuhören. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus, kein gedankliches Echo. Längst ist mein Interesse an allem erloschen, was nicht dem fortwährenden inneren Kampf um den nächsten Schritt in Richtung Erlösung dient. Das ändert sich zwangsläufig als man das Wort an mich richtet: „Ein Augsburger ganz allein unterwegs!“ - Spontanität ist meine Sache nicht, schon gar nicht, wenn es mir so mies geht wie heute. Umso überraschender die prompte Retourkutsche: „Ich bin nicht allein, ich habe doch den Wald mit all den Bäumen für mich!“ - Mein Bonmot (vielleicht auch „Mal“mot, kommt auf die Sichtweise an) entwaffnet ihn und er gibt es sogar zu … Ende des Wortwechsels. Die Gruppe strebt in Zeitlupe davon und ich ziehe mich wieder in mein Schneckenhaus zurück. Mit einem Mal lässt sich einer der Gruppe zurückfallen, dockt an meiner Seite an und lädt unerwartet meinen Akku mit ein paar Kilowattstunden Extraenergie: Irgendwer muss ihm von meinen Laufberichten erzählt haben. Wo man die denn lesen könne, will er wissen; ergänzt, dass es sich ja meistens nicht lohne dergleichen zu lesen … Besonders Letzteres beflügelt meine Schritte, impliziert es doch, dass sein Informant meine schriftlichen Ergüsse dem „Lesenswerten“ zurechnet.

Der Mann bekommt seine Auskunft, bedankt sich und schließt wieder zu seinem Rudel auf. Für ein Weilchen kommen mir die Steine weniger steinig und meine Schritte nicht mehr so mühsam vor. Leider nur für ein klitzekleines Weilchen, dann ist der Zauber des Wortes aufgebraucht und der Rennsteig wendet erneut alle Härte gegen mich. Nächste Gemeinheit: Irgendwie schmuggelt er einen Stein in meinen Schuh, den ich bei passender Gelegenheit loswerden muss. Wie aus dem Boden gewachsen trabt Jörg wieder an meiner Seite, fragt, ob sich meine Schwierigkeiten gegeben haben. Während ich das wortkarg verneine, erreichen wir die nächste Tränke. Auf einer Bank sitzend entferne den lästigen Fremdkörper. Kameradschaft oder Mitleid? Beides vielleicht? Jedenfalls serviert Jörg dem sichtbar angeschlagenen Mitkämpfer einen Becher Cola (Danke Jörg!), schnappt sich dessen Kamera und hält die Szene im Bild fest.

Den Marathon hole ich mir an reizvoller Stelle ab: Dichter Nadelwald zu meiner Linken, rechts streifen die Augen über eine ausgedehnte Wiese, umrandet von Fichten. Dem Schauplatz haftet etwas Märchenhaftes an, ohne es konkret benennen zu können. Nun wissen aber bereits märchenkundige Fünfjährige, dass auch in scheinbarer Idylle das Böse haust. Ein Wolf zum Beispiel, der dem liebreizenden Rotkäppchen den Weg verlegt. Ohne rote Kappe zwar und an Liebreiz mangelt es gewaltig, doch ebendies widerfährt dasselbst auch mir: Erst unzählige Wackersteine, die mir den Weg verlegen. Ihnen auf Ideallinie auszuweichen bleibt infolge gehäuft dahinstöckelnder Walker/Wanderer pure Wunschvorstellung. Zu allem Überfluss foltert alsbald die nächste „Steilwand“ meine Füße: 150 Meter Höhe gilt es binnen zwei Kilometern zu erklimmen. Im Laufschritt versteht sich, wenngleich der dadurch erzielte Raumgewinn nur minimal oder gar nicht über dem der Geher liegt. Es nützt auch nichts, die eigene Sturheit aus tiefster Seele zu verfluchen. Ein Schwur verlangt nach Einlösung, gleich in welche Hölle er einen wirft.

Oben, endlich oben und wieder flacher, auch mal wieder runter. Bis hierher brauchte ich kein weiteres Teilziel, die Kletterpartie war Teilziel genug. Und nun kommt mir kein anderes in den Sinn als die Station „Grenzadler“ in Oberhof. Dort, bei Kilometer 54, besteht die Möglichkeit den Lauf abzubrechen und trotzdem in einer Ergebnisliste als Ultraläufer gewertet zu werden. Natürlich startet kaum ein Supermarathoni in Eisenach, um in diesem „Verzeichnis der Gescheiterten“ zu enden. Aber im Fall der Fälle geht man wenigstens nicht völlig leer aus. Was mich angeht, so ist der „Grenzadler“ wie kein zweites meiner Teilziele zur Selbsttäuschung geeignet. Obwohl ich in keiner noch so qualvollen Sekunde auch nur ansatzweise in Betracht zöge aufzustecken, gelingt es mir diesen baldmöglichen Abbruch ständig zu beschwören. Klingt widersinnig, ist aber so. Eine Art Bewusstseinsspaltung, die mir - Gipfel der Verrücktheiten - tatsächlich ein wenig Erleichterung verschafft.

Zehn lange Kilometer bringe ich solchermaßen gespalten zu. Im Thüringer Wald, wo sonst. Nicht mal „Paste und Copy“ bemühe ich noch zur Darstellung. Fichten links, Fichten rechts. Steine und Wurzeln im Weg. Reicht schon. Lieber ein paar Besonderheiten erwähnen, mit denen der grüne Tunnel mich überrascht: Plötzlich steht da ein alter, verwitterter Holzstuhl neben dem Rennsteig. Irre ich mich, oder gab’s dieses Unikum auch schon beim letzten Mal? Und: Wie kommt der hierher? Und: Warum räumt ihn keiner weg? Müll oder Kunst? Skulptur oder Waldfrevel? - Wieder plötzlich: Der Rennsteig verzweigt als Trampelpfad im spitzen Winkel, verlässt den breiten Wirtschaftsweg. Natürlich ist die Stelle mit Wegweiser und mehreren Plaketten unübersehbar markiert. Trotzdem scheint Verlaufen möglich, wenn man den Abzweig ohne Vorderleute passiert. Schauderhafte Vorstellung! - Weniger plötzlich, eher herbei gesehnt, die Tafel mit der „50“. Nur noch 23 Kilometer! Ich bleibe nicht der einzige, der die höchst fotogene Tafel im Bild festhalten möchte. Dreieck aus Mitläufer, einsamem Zuschauer und mir. Ein Lächeln springt von einem Gesicht zum anderen. Auch das hilft und sei es nur ein paar Schritte weit. - Gleichfalls nicht plötzlich, da lange vorher kaum zu überhören: Lauthals und mit ansteckendem Frohsinnn skandiert die Dame in der weißen Fleecejacke aufmunternde Sprüche. Stand sie nicht schon vor Stunden an der Einmündung zum Rennsteig, bei Kilometer 7? Geschieht sicher selten, dass ich einer Lüge so bereitwillig Glauben schenke, wie hier und von ihr: „Ihr seht gut aus!“ - Und dann, erschreckend plötzlich, aus erhöhter Position die neue Szenerie um den „Grenzadler“ erfassend: Verblüffung angesichts der Wirklichkeit des Jahres 2016, die das Bild meiner Erinnerung ersetzt. Oder genauer: Verblüffung angesichts monströser Hässlichkeit!

Ein wahrer Alptraum aus Beton und Asphalt. Schwärende Wunde im Antlitz der ringsum so intakt wirkenden Mutter Natur. Ich bin Sportler und habe ein Herz für andere Sportler. Und ich verstehe, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen, will man Weltcup oder (inter-) kontinentale Meisterschaften in den Thüringer Wald holen. Aber doch nicht so!? So, so … rigoros naturzerstörend, Grünflächenfraß im ganz großen Stil für ein Skistadion, für Biathlon und Langlauf. Straßen die herauf führen, in riesige Parkflächen münden. Je näher ich komme, umso weniger vermag ich das ganze Ausmaß der Betonwelt zu erfassen - und will es auch nicht. Trinken, Fotos und ab, noch 19 km.

Anlauf nehmen für die letzte Zwischenstation, den „Großen Beerberg“. Dort oben, am höchsten Punkt der Strecke, fehlen immer noch etwa 10 km bis ins Ziel. Aber dann geht es fast nur noch bergab! Schaff ich es bis dorthin, gehört mir das Finish! Noch sechs bis sieben Kilometer trennen mich von dieser Verheißung und - du ahnst es sicher - einiges an Steigung. Der Betonwüste „Grenzadler“ zeige ich meine Hacken, dem steilen Buckel vor mir stures Beharren: ICH-WERDE-NICHT-GEHEN!! Jetzt erst recht nicht mehr. Meine Kräfte bröckelten seit Eisenach mit jedem Teilziel. Doch inzwischen stagniert die schleichende Auszehrung, obschon auf niedrigem Niveau. Meine Kohlenhydratdepots verbrauchten sich nach und nach, bis die vergleichsweise unerschöpflichen Fettsäurereserven nur noch minimales Tempo erlaubten. Und da kommt der Zucker ins Spiel. Der Zucker in literweise Cola, die ich bereits konsumierte. Der Zucker wird mich laufend ins Ziel tragen. Ein paar in den Muskeln verbrannte Zuckermoleküle und haufenweise Wille.

Selfie bei Kilometer 55. Ein in meiner Situation ziemlich irrationaler Akt. Nimm es als Beweis bekräftigter Entschlossenheit - nein, inzwischen sogar der Gewissheit: Schmiedefeld, ich komme! Rauf und wieder runter, Wald links, Wald rechts (Copy and Paste), dann Fußgängerbrücke über eine Bundesstraße nahe Oberhof. Nächster Anstieg vor mir - Bangemachen gilt nicht! - erwarte nichts anderes - kämpfen, durchhalten und rauf - tippeln, ultralangsam aber stetig - leiden - aushalten - weiter, weiter, immer weiter - und wieder trinken. Durst spüre ich keinen und wirklich wohl ist mir im Magen schon lange nicht mehr. Egal: Zucker muss rein. Also Cola. Inzwischen pur, ohne Wasser. Rehydrierungsrate schlecht. Ja, stimmt, aber Sch… drauf. Ist jetzt nicht mehr weit …

Was in aller Welt ist das für ein Drecksweg? Eine Variante, nie und nimmer der Original Rennsteig! Es beginnt mit harscher, kurzer Schussfahrt, danach über gefühlt eine Million Bodenwellen wieder aufwärts. Rubbelig, knubbelig, zerfurcht, Stock und Stein, mit gigantischen Maschinen in die Flanke des Berges gebrochen, getrieben, gefressen, gerissen. Eine Tortur sonders gleichen. Kilometerschild „60“. Hier??? Vergiss es! Mein GPS-Lügner am Handgelenk erzählt von 59-Komma-Und Kilometern. Und der ist der Wirklichkeit immer deutlich voraus. Endlich hat mich der Rennsteig wieder. Oh, nett! Gleich wieder Steine … und immer noch aufwärts. Gib mir den Beerberg! Ich will diesen verdammten Beerberg!

Die Schinderei scheint kein Ende zu nehmen, rauf, rauf, immer weiter rauf … Schritt folgt auf Schritt, zwei, drei, vier … viele. Aneinandergereiht fressen sie Strecke. Noch mehr Schritte. Kämpfen. Bald, bald bin ich … Wurzel im Halbdunkel. Ein Moment der Unachtsamkeit. Neuerliches UFO überm Rennsteig: Fuß fädelt ein. Stolpern, hinschlagen, seitlich abrollen, hilflos, wie ein Käfer, auf dem Rücken liegenbleiben. - Unknown flying object also identifies as: „Udo“! - Wieder stellen mich zwei Mitläufer zurück auf die wackeligen Beine. „Ja, ja, die Wurzeln!“ seufzt schicksalsergeben eine weibliche Stimme. Ich bedanke mich für die Hilfe. Nichts passiert, nicht mal eine zusätzliche Schramme. Ein paar Sekunden lang gehen, Schock verdauen, wieder antraben, als wäre nichts geschehen.

„Das Profil am Rennsteig habe ich als nicht so schlimm in Erinnerung!“ - Irgendwann einmal, mit der Überheblichkeit des seinerzeit Gutausdauertrainierten habe ich einem Lauffreund gegenüber diesen blöden Satz abgelassen. „Nicht so schlimm!“ - Wie oft habe ich mir für diese Aussage heute bildlich in den Hintern getreten? Wie dir eine Strecke begegnet ist relativ. Relativ freundlich und harmlos, wenn du gut drauf bist. Relativ hart und vernichtend an einem schlechten Tag. - Und dann, fast übergangslos, spielt das keine Rolle mehr. Da steht sie, die Tafel der Tafeln: „Höchster Punkt Großer Beerberg 980 üNN. Geschafft!“ Ich lasse mich davor ablichten, was nicht in Frage käme, ginge es um Minuten. Inzwischen denke ich eher in Viertelstunden … Auf irgendwas um die 8 Stunden hatte der Verblendete gehofft und nun darf er sich glücklich schätzen, unter 9 Stunden zu bleiben …

Ein paar Fakten: Auf dem Großen Beerberg, dem höchsten Punkt der Strecke, trennen mich ziemlich genau 10 Kilometer vom Ziel. Von 980 runter auf etwa 700 Meter Seehöhe in Schmiedefeld. Alle Supermarathonis, mich eingeschlossen, lassen sich von diesem Zahlenmaterial - so sie es denn kennen - irreführen. Sie verkennen, dass auf dem höchsten Punkt zu stehen nicht bedeutet keine Steigungen mehr überwinden zu müssen. Doch genau das widerfährt dem Supermarathoni weiterhin. Überwiegend runter, ja das schon. Aber auch zweimal mit letzten Reserven aufwärts. Ein weiterer Faktor wird im „Endkampf“ gerne übersehen: Runter geht schneller. Aber nur „etwas“ schneller, wenn du dich mittlerweile fühlst, als wäre ein Panzer mehrfach über deine Beine gerollt. Die sind Pudding, Matsch, weiche, wehe Masse. Bevor ich es vergesse: Copy and Paste, Ausschnitt Fichtenwald! Auch mal über eine Straße, auf grasigem Pfad an ihr entlang, über eine Wiese hinab, trinken, wieder über die Straße, noch 6 Kilometer …

Mein Kopf ist ein Fotoalbum. Darin kleben Aufnahmen aller finalen Abschnitte. Nur die Dimensionen und Relationen stimmen nicht. Ich erwarte den allerallerletzten Anstieg, höchstens zwei Minuten bis dahin, sagt meine Erinnerung. Leicht abschüssig, erträglich. Und dann dauert es viermal so lang, bis mich der finale Buckel auffängt. Dieses habe ich länger, jenes kürzer in Erinnerung. Warum? Nachdenken geht nicht mehr. Alles blockiert von Wollen und Aushalten. Endlose Rampe, so kleine Schritte habe ich zuletzt als Einjähriger beim Laufenlernen gesetzt … Schweiß rinnt, Nase läuft (Warum?), Beine schmerzen, Kraft fehlt, Sturheit siegt … Oben! Eben dahin. Nur noch drei Kilometer oder so … Freier Blick auf Schmiedefeld links voraus, vielleicht 100 Höhenmeter tiefer gelegen. Nicht mehr weit Udo. Nicht mehr weit.

Ich wappne mich fürs Finale. Vom letzten Mal habe ich in Erinnerung behalten, dass sich das endlos in die Länge zieht. Bereits in Höhe des ersten Hauses wähnst du dich kurz vorm Ziel. Dann liegt aber noch knapp ein Kilometer Dorfrand vor dir. Überall Menschen, Applaus, vom Straßenrand, aus Gärten, Streckenposten klatschen, feuern an. Endlich Asphalt unter den Füßen. Denkste! Noch mal hinten rum, über einen gerölligen Feldweg, dem Ziel entgegen. Keine Reaktion werde ich zeigen: Nicht die Arme heben, nicht jubeln und Freudestrahlen schon gar nicht … es tut so weh, so weh … Auf die Straße, nach rechts, noch 400 Meter. Zielkanal … Oh mein Gott! ich habe es tatsächlich gepackt … Beifall, Jubel, mein Name wird gerufen und mir ist nach fliegen … Noch 50 Meter, 20, 10 und dann bleibe ich - einem Anfall von Glückseligkeit anheim fallend - stehen, kehre dem Ziel den Rücken zu und schieße noch ein Selfie: Udo beim Zieleinlauf. Was für eine Show! Und sie gefällt den Leuten, woran aufbrandender Beifall und Kommentare keinen Zweifel lassen. Die letzten Meter … Ich wollte es nicht, kann aber nicht wider meine Natur: Arme hoch und dann ist Schluss! Nach 8 Stunden, 45 Minuten und 30 Sekunden brachialer Gewalt gegen den eigenen Körper, unter Einsatz aller physischen und mentalen Ressourcen, ist endlich, endlich Schluss.

 

Fazit zur Veranstaltung

Die Verhältnisse beim Rennsteiglauf ändern sich über die Jahre nicht, wenn man von Startgebühren, dem Wetter und Streckenverläufen (nicht Supermarathon!) einmal absieht. Daher verweise ich an dieser Stelle auf mein Fazit von 2013 und die ausführlichere Darstellung anlässlich des Laufberichts 2008.

 

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