Laufen, leiden, lachen, leben   –   Dresden Marathon 2015

Ich jogge durch die Dresdner Innenstadt. Wirklich sehr langsam. Um flotter vorwärts zu kommen, fehlt mehrerlei. An erster Stelle ein unversehrter Körper, denn noch ist mein Ermüdungsbruch nicht ausgeheilt. Ferner fesseln mich Steifheit unter drei textilen Schichten und obendrein ein kapitaler, prallvoller Rucksack auf dem Rücken. Hitze staut sich unter dieser Panzerung und nach nur zehn Minuten rinnt die Brühe auf Brust und Bauch talwärts. Also Reißverschlüsse auf, so weit Becken- und Brustgurt des Rucksacks es zulassen. Nein, nein, keine Sorge: So verzweifelt leide ich nicht unter „Laufentzug“, dass ich mit solchem Ballast einen Marathon liefe. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, was würde ich nicht alles klaglos hinnehmen, was dafür geben, dürfte ich jetzt, in diesem Augenblick, an Ines' Seite Meter um Meter der Dresdner Marathonstrecke genießen … Ma-ra-thon lau-fen!!! und nicht als trunkener Käfer durch die City stolpern.

Vor zwanzig Minuten startete meine Frau Ines zu ihrem vierten Marathon. Leider ohne mich. Aber auch ohne meinen Lauffreund Reno. Reno fing sich zum unguten Marathontrainings-Finish eine Erkältung ein und blieb vernünftigerweise gleich daheim. Nur selten lief mir ein Laufprojekt dermaßen aus dem Ruder wie dieses. Am Anfang stand eine Idee: Der Dresden Marathon als Geschenk zu Renos 50. Geburtstag; samt Begleitung durch mich, worauf er Wert legt – warum auch immer. Die 42,195 km Dresdner Asphalt spendierte ich Reno nicht ohne Hintergedanken. Ines ist in Dresden geboren und nicht nur deswegen von der Stadt begeistert. Prompt erfüllte sich meine Hoffnung, sie könnte sich wieder einmal zu einem Marathontraining durchringen. Als Trio durch Dresden lautete der geschickt eingefädelte Plan. Doch erst musste ich verletzt Verzicht üben und nun auch noch Reno.

In diesen Sekunden zuckele ich an der „Gläsernen Manufaktur“ vorbei, am VW-Werk mitten in der City (siehe Streckenskizze weiter unten), lediglich eine stramme Gehviertelstunde von der Altstadt entfernt. Der mehrere Stockwerke hohe, aus meiner Perspektive wie ein überdimensionales Gewächshaus anmutende Kubus grenzt an den „Großen Garten“, Dresdens größte Parkanlage. Unter den Augen neugieriger Besucher und auf edlem Holzparkett schrauben hier sächsische Monteure in weißen Overalls die VW-Luxusklasse zusammen. Nötige Teile karrt eine blaue Lasten-Straßenbahn – die „CarGoTram“ – „just in time“ vom VW-Logistikzentrum am Bahnhof Dresden-Friedrichstadt herbei. Was für ein Aufwand und was für eine Show! Ich tippele über die autofreie, heute Läufern vorbehaltene Stübelallee. Mutterseelenallein. Bis die schnellen Kenianer hier entlang schweben wird noch eine gute halbe Stunde vergehen. Zwei Kilometer gejoggt, mit kurzen Unterbrechungen vor roten Ampeln …

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Noch fünf Minuten bis zum Start. Jenseits der Absperrgitter blicke ich in hunderte erwartungsfroh gelöste bis konzentriert verkniffene Gesichter, sehe aber nur das eine. Bin in heller Aufregung. Wann verursachte mir ein Marathonstart zuletzt solches Herzklopfen? Auch Ines im leuchtend rosafarbenen Two-Oceans-Halbmarathon-Shirt vermag ihre innere Anspannung nicht zu leugnen. Bammel und Vorfreude in raschem Wechsel – seit Tagen geht das schon so. Ines ist glücklich und Ines hat „Schiss“, denn Laufen macht Spaß, doch auf 42.195 Metern ist irgendwann Schluss mit lustig. Ein vielköpfiger Familien-Fanclub eilte heute Morgen herbei, um Ines auf den Weg zu bringen. Die Vollversammlung ihrer Lieben zaubert ihr immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Aber in fünf Minuten und ein paar Schritte weiter wird sie allein sein. Allein mit sich und der Strecke … Ich weiß so verflucht genau, was sie jetzt fühlt und es macht mir feuchte Augen. Gebe mich extrem optimistisch und unbeeindruckt, lache sie an, signalisiere mit jeder Faser: Du wirst Erfolg haben! Ein paar Fotos noch, dann fällt der Startschuss. Ines geht langsam Richtung Startlinie. Wir tauschen einen letzten Blick, in den ich alle guten Wünsche lege. Dann verliere ich sie zwischen nachdrängenden Läufern aus den Augen …

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Ines' vierter Marathon – in mehrerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Lauf für sie. Faktum eins: Zunächst freut mich, dass sie sich nach dem „schwarzen Loch“ mangelnder Motivation – eine Folge des Münster Marathons 2013 – überhaupt wieder zu einem Marathontraining aufraffen konnte. Was ihr damals zusetzte, waren weder Dauerregen noch die heftigen Darmprobleme unterwegs, es war grundsätzlicher Natur: Sie hatte sich eher halbherzig zu Münster entschlossen und litt bereits in der Vorbereitung unter fehlendem Antrieb …

Faktum zwei: Zum ersten Mal stehe ich nicht in derselben Startaufstellung wie Ines. Santa Barbara 2012 (unser „New York Ersatz Marathon“) und Münster 2013 bestritten wir Seite an Seite. Bei ihrem Marathondebüt, 2006 in Venedig, stand ich ein paar Startblöcke vor ihr. Zur Premiere verzichtete ich ganz bewusst darauf Ines zu begleiten. „Du schaffst das alleine!“ – lautete die unausgesprochene Botschaft. Der Nachweis läuferischer Souveränität als Investition in die Zukunft. Wer es einmal alleine packt, traut es sich immer wieder zu.

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Ich biege in die Fetscherstraße ab, weg vom „Großen Garten“, der noch losen Kette schneller (Halb-) Marathonis entgegen, jogge ein paar hundert Meter weiter bis zum Fetscherplatz (siehe Streckenskizze). Hier stoppe ich meinen Kilometerzähler und schlage einstweilen Wurzeln – mitten auf der für den Verkehr gesperrten Kreuzung. Ein günstiger Standort! Zum einen verfinstert kein Alleebaum den ohnehin trüben Morgen. Außerdem stehen auf dem Mittelstreifen weniger Zuschauer. Also gute Voraussetzungen für gelungene Läuferfotos. Und nicht nur von Ines. Demnächst erwarte ich die kenianischen Spitzenläufer vor meiner Linse. Die werden dann die Schleife um den „Großen Garten“ bereits hinter sich haben. Ich schaue auf die Uhr: In einer Viertelstunde wird Ines vorbei laufen und damit den Viertelmarathon abhaken – oder auch zwei, drei Minuten später, falls sie die Absicht eines möglichen Unter-vier-Stunden-Abenteuers verworfen haben sollte …

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Ines in „ihrer“ Stadt! In Dresden wurde sie geboren und mit dieser Stadt fühlt sie sich auf besondere Weise verbunden. Das spüre ich jedes Mal, wenn von Dresden die Rede ist. Und gerade in jüngerer Zeit sorgt Dresden häufiger für Schlagzeilen. Üble Schlagzeilen. Seit wir hier sind nirgendwo auch nur eine Spur von ihnen zu sehen: Wo verstecken sich die fremdenfeindlichen Spinner, die so genannten „besorgten Bürger“? Gehört dieser ältere Mann dazu oder die jüngere Frau auf der anderen Straßenseite? Schwafelt der gut gekleidete Herr, der im Café an seiner Tasse nippt, hin und wieder von der „Islamisierung des Abendlandes“? Oder etwa unser Kellner? Vielleicht die Dame an der Hotelrezeption? Wenn keiner von diesen, dann möglicherweise das Pärchen, Arm in Arm durchs Einkaufszentrum schlendernd? Wer von ihnen wird morgen Abend durch die Straßen ziehen, wie jeden Montag und in die unerträglichen Hasstiraden einstimmen? Wird zu abgrundtief dummen, rechten Parolen wie „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ zustimmend nicken? Man sieht es ihnen einfach nicht an. Oder sind die Dresdner in der Menge etwa in der Minderheit? Reist die Majorität aus dem Umland oder von noch weiter her an? – Erhebt sich die Frage und ich stelle sie mir: Gehört das in einen Laufbericht? Unseligerweise: Ja! Im Abscheu vor rechter Hetze und menschlicher Kälte finde ich mich mit meiner Frau vereint und zumindest mir verleidet der wöchentliche Aufmarsch rechter Demagogen den Aufenthalt in dieser Stadt. Einer wunderschönen Stadt, im wirtschaftlichen und städtebaulichen Aufwind, die ich eigentlich mag und deren Reize bereits dreimal meine Begeisterung bei Läufen entfachte (Zweimal Oberelbe und einmal Dresden Marathon).

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Immer dichter wird das Defilee der Läufer am Fetscherplatz. In Vier-Minuten-Abständen hake ich die Pacemaker ab, beginnend mit dem ansehnlichen Pulk hinter dem Drei-Stunden-Hasen. Plötzlich Blaulicht auf der anderen Fahrbahnseite und in Gegenrichtung. Schnelle Kenianer werfen ihren Tross voraus: Schwere Motorräder der Polizei, dahinter das Vorausfahrzeug und schließlich huscht der führende Halbmarathoni vorbei. Rabenschwarze Haut, die das Tageslicht aufzusaugen scheint. Was für ein göttlicher Laufstil, was für ein Athlet. Im Angesicht traumhafter Leichtigkeit komme ich mir noch schwerfälliger, noch verletzter vor als ohnehin schon. Und der Eindruck wiederholt sich, als wenig später die Traube der Marathonspitze vorbeizischt. Sehnsuchtsvoll schmerzendes Ziehen im ganzen Körper: Ich will endlich wieder richtig laufen, kämpfen, mich erschöpfen. Nicht wie diese begnadeten Schwarzen. Nur so wie ich. So, wie ich es bis vor ein paar Monaten noch mit Hingabe konnte …

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Ein weiterer Umstand verleiht diesem Marathon für Ines besonderes Gewicht: Sie war noch nie so gut vorbereitet! Vor Münster kriselte ihr Training mangels Motivation so dahin. Außerdem zwang sie eine Darmkatastrophe auf Münsteraner Wegen mehrfach zu minutenlangen Toilettenpausen. Santa Barbara, unser „Verlegenheitsmarathon“ nach der Absage in New York, kam eine Woche und etliche Fast-Food-Mahlzeiten zu spät. Und vor ihrem bisher schnellsten Marathon in Venedig (4:19:38h) kappte eine 10 Tages-Laufpause infolge entzündeter Nebenhöhlen einiges an Ausdauer. Zwar fehlt ihr auch diesmal eine Trainingswoche wegen Erkältung. Doch die datiert in eine frühe Phase der Vorbereitung, so dass sie den Trainingsausfall kompensieren konnte. Fraglich allein, ob ihr das zu hundert Prozent gelang. Wahrscheinlich nicht, aber meine Trainingspläne sind nicht auf Kante genäht. Ihrer visierte als Zielzeit 3:59 h an und ich hatte bis zuletzt den Eindruck, dass sie heute Ernst machen wird …

Das Marathonziel Dresden machte Ines bereits in den heißen Sommermonaten Beine, brachte es zu Wege, sie frühmorgens vor der Arbeit aus dem Bett zu scheuchen. Am Wochenende absolvierte sie sogar die langen Läufe zu vergleichsweise nachtschlafener Zeit und saß mir jedes Mal stolz wie Oskar beim anschließenden Frühstück gegenüber. Zu unchristlicher Zeit aufstehen, den süßen Kissen entsagen, vom Bett unmittelbar auf die Laufpiste? Für mich unvorstellbar und kein noch so heeres Laufziel könnte das ändern. Die Gerneausschläferin Ines hat es gepackt – für Dresden!

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Jeden Moment müssen die 4-Stunden-Pacemaker, kenntlich an ihren „Rückensegeln“ mit der Aufschrift „4:00“, im Strom der Läufer auftauchen … Mein Herz klopft als böge ich gerade auf eine Zielgerade ein ... Dabei weiß ich nicht einmal, was ich mir für Ines eigentlich wünschen soll. Im Grunde ihres Läuferherzens ist sie eine Genussläuferin: Laufen, lachen, leben! Von sportlichem Ringen um (persönliche) Glanzleistungen, für mich ein zentrales Motiv, lässt sie sich seltener in die Pflicht nehmen. Das Streben nach individuellen Bestmarken nötigt zu fortwährendem Kampf, erfordert mitunter zu leiden, wie ein Hund. Also nichts für Genussläufer. Und trotzdem mutete sie sich in den drei zurückliegenden Monaten etliche harte Trainings zu. Sie musste um ihre Form kämpfen und sie litt. Hat sie also vielleicht doch den kompletten Reigen des finalen Marathonerlebnisses im Visier? Laufen, lachen, leben und … leiden?

Die beiden 4-Stunden-Hasen nähern sich und in meinem Magen bläst jemand einen Luftballon auf. Dann rollen sie vorbei und von Ines keine Spur. Was nichts heißt. Pacemaker sind meistens zu früh dran. Viele orientieren sich an der Bruttozeit oder haben ihren Job nicht voll im Griff. Das zu beobachten hatte ich oft Gelegenheit. Außerdem verordnet Ines die Zeittabelle am Handgelenk bereits auf den ersten vier Kilometern einen Zeitmalus von 4 x 15 Sekunden = 1 Minute. Wieso ein Zeitmalus? Erklär ich dir später, bin jetzt zu aufgeregt, mein Herz pocht bis zum Hals! … Da kommt sie! Keine hundert Meter mehr. Ich lege an und schieße Dauerfeuer … Längst hat sie mich erkannt, lächelt mir entgegen. Fließende, entspannte Bewegungen, also alles in Butter … Abklatschen, irgendwas Anspornendes loswerden, damit endet unser erstes Rendezvous auch schon wieder.

Fotohinweis: Alle bei Sonnenschein und blauem Himmel aufgenommenen Dresden-Lauffotos auf dieser Seite entstanden bereits 2011, anlässlich Udos Dresden Marathon. Die damalige Streckenführung unterscheidet sich von der in diesem Jahr. Deshalb streben die Läufer auf den Schönwetteraufnahmen nur scheinbar in die falsche Richtung!

War sie nun in der Zeit? Keine Ahnung. Ganz bewusst verzichte ich auf die genaue Überwachung ihrer Zwischenzeiten. Deshalb trage ich auch kein Duplikat ihrer Zeittabelle bei mir. Wollte sie mit solchen Vorkehrungen nicht unter Druck setzen. Was mir übrigens nicht gelingen konnte, weil Ines mit völliger Selbstverständlichkeit davon ausgeht – ich erfahre es später beim Abendessen –, dass ihr „Coach“ eine Kopie der Tabelle in der Tasche hat.

Fürs Protokoll: Zu diesem Zeitpunkt liegt Ines exakt in der geplanten Zwischenzeit.

Vorsichtig überquere ich die Kreuzung, um keinem der schnellen Läufer aus Richtung „Großer Garten“ ins Gehege zu kommen. Ich starte die GPS-Aufzeichnung und „wälze“ mich in Richtung zweiter Treffpunkt. Wie „Wälzen“ fühlt sich meine Fortbewegung jedenfalls an. Metapher gefällig? Wie wäre es mit „Walross an Land“? oder noch besser: „Schildkröte rennt zum Salatblatt“? Das Bild von der „Schildkröte“ passt auch gut zum fetten Rucksack auf meinem Rücken. In diesen Minuten verabschiede ich mich endgültig von der ursprünglichen Absicht Ines auf den letzten Kilometern zu begleiten. Nie und nimmer würde ich ihr in meiner Unbeholfenheit folgen können.

Zurück zum „Großen Garten“, zurück in Richtung „Gläserne Manufaktur“. Stetige, kleine, immerhin schweißtreibend anstrengende Tippelschritte. Immerhin. Dieses Gezuckel ist heute mein „Training“. Bis zu 6 km darf ich inzwischen, alle zwei Tage. Hat mein Sportarzt so festgelegt. Und ich halte mich dran. Hab eine Sch … angst, die Verletzung könnte wieder aufbrechen. Auch das ein Grund, auf den finalen Gewaltakt einer Begleitung von Ines zu verzichten. Was ich vollführe ist kein „Training“ im eigentlichen Sinne. Eher Bewegungstherapie. Training hieße: Weiter, schneller, von Woche zu Woche. Einstige Ausdauer zurückgewinnen. Doch von dieser „Lizenz zur Selbstgeißelung“ scheine ich derzeit noch weit entfernt. Wie weit? Ich weiß es nicht und ich frage nicht. In zehn Tagen will mein „Doc“ das Becken-MRT wiederholt wissen. Das dritte dann in dieser Sache. Gibt’s ab drei MRT pro Halbjahr schon Mengenrabatt?

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Ach ja, Aufklärung in Sachen Zeitmalus auf den ersten vier Marathonkilometern hatte ich versprochen. Ich versuche es kurz zu machen: Die Energie zum Laufen kommt aus Kohlenhydraten und Fettsäuren, die in den Muskelzellen verbraucht werden. Nur leider sind die Vorräte an Kohlenhydraten begrenzt. Bei höherem Tempo reichen sie keine 30 km weit. Unglücklicherweise verschleudern unbedachte Marathonis in den ersten Minuten nach dem Start unverhältnismäßig viel der wertvollen Kohlenhydratreserven. Das hat zwei Gründe: Zu schnelles Anlaufen, weil das Tempo auf frischen Beinen anfänglich krasser Fehleinschätzung unterliegt und jene etwa 20 Minuten, die der Fettsäurestoffwechsel braucht, um voll in Schwung zu kommen. Die von mir ersonnene Zeittabelle verpflichtet den Läufer auf den ersten vier Kilometern zu betont langsamem Tempo. Er spart Kohlenhydrate, deren Fehlen auf den letzten Kilometern einen empfindlichen Tempoeinbruch erzwingen könnte („Hammermann“). Die anfänglich eingebüßte Zeit, ungefähr eine Minute, je nach Zeitziel, lässt sich auf verbleibenden 38 Kilometern spielend wieder aufholen (nur etwa 1,5 s pro km!).

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Marathonkilometer 16: Ich stehe am Straßenrand, zwischen „Gläserner Manufaktur“ und Ausgang des „Großen Gartens“ (siehe Skizze), etwa 100 Meter vor einer Verpflegungsstelle. Von der habe ich en passant zwei Becher Iso für Ines gemopst. Seit einigen Minuten wärme ich einen Gelbeutel in meinen Händen auf, knete die Masse durch, um sie dünnflüssiger – handhabbarer – zu formen, klemme mir das Beutelchen zuletzt unter den Bund meiner Lauftight. Wieder nehme ich die Parade der Tempohasen ab und neuerlich rumort die Spannung in meinem Magen. Da hilft auch kein über Jahre geschulter Läuferverstand, denn selbstverständlich wird ihr nach nur 16 Kilometern noch nichts zusetzen. Die 4h-Pacer ziehen vorbei. Höchstens noch ein, zwei Minuten. Reiße den Beutel vorsichtig auf und deponiere in am Boden neben den Bechern. Kamera schussbereit? Warten, bangen, warten … warten … warten, dann leuchtendes Pink: Ines! Verlässt den Park, biegt auf die Straße ein, noch 200, 150, 100 Meter … Ich winke wild, um sie auf meinen Mini-Verpflegungsposten aufmerksam zu machen. Winkt kurz zurück, hat mich gesehen. Fotoserie mit langer Brennweite. Kurzer Stopp bei mir. Gel einverleibt, zwei Schlucke Iso, mit besten Wünschen weiter …

Fürs Wettkampfprotokoll: Auch in Höhe von Kilometer 16 liegt Ines genau im Zeitplan.

Ich raffe meinen Abfall zusammen, vergrößere damit den Bechermüllberg rund um den Verpflegungsstand und „schnecke“ weiter Richtung Treffpunkt Nummer drei. Drei Kilometer misst die Schleife für Ines, weil ich abkürze nur ein paar hundert Meter für mich. Zunächst beziehe ich mitten auf einer Kreuzung Posten, sammele fotografische Eindrücke vom Treiben an einem Verpflegungsstand. Plötzlich ein Klatschen hinter mir, dem ich zunächst keine Bedeutung beimesse. Nach zufälliger Drehung sehe ich, wie sich ein gestürzter Läufer mühsam wieder aufrappelt. Er scheint glimpflich davongekommen, weist keine äußerlichen Blessuren auf und trabt auch sofort wieder los. Ich gehe dem Läuferstrom ein paar Schritte entgegen. Rumms und klatsch! Der nächste Läufer macht unliebsam harte Bekanntschaft mit Dresdner Asphalt. Ich schaue genauer hin: Offensichtlich blieb auch er mit der Fußspitze an den hier quer zur Laufrichtung und gefährlich hoch aus dem Straßenbelag ragenden Straßenbahnschienen hängen.

Wo bleibt Ines?? Die Vier-Stunden-Hasen passierten meinen Standort schon vor einer (?), zwei (?) Minuten. Sorge mit Tendenz zur Panik macht sich breit: Was ist da passiert? Ist sie gestürzt? Angestrengt fokussiere ich auf jedes Fleckchen Pink in der nun schon aufgelockert vorbeiziehenden Läuferschar. Keine Ines auszumachen auf weithin einsehbarer Straße. Verdammt! Was ist da los? … Da verdeckt von anderen Läufern, sehe ich sie erst im letzten Augenblick, zu spät für Fotos. Und auch Ines nimmt mich erst wahr, als ich warnend rufe: „Pass auf die Schienen auf! Da sind schon einige gestürzt!“ Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Schrittfolge – alles ganz normal und noch immer entspannt. Falls sie ihrem Zeitplan hinterher läuft, dann höchstens zwei Minuten. Also absolut kein Grund mir Gedanken zu machen …

Inzwischen bereue ich meinen Entschluss keine Zeittabelle mitzunehmen, wüsste ich doch zu gerne, wozu sie sich entschlossen hat: So lange wie möglich genießen oder unabwendbar frühes Leiden?

Vermerk im Protokoll: Ines' Zwischenzeiten entsprechen ihrer Zeittabelle, die 4h-Pacer waren einfach zu früh dran.

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Wir sitzen nach dem Frühstück noch ein paar Minuten zusammen. Reichlich zwei Stunden Zeit zum Umziehen und um sich im Startbereich nahe dem „Dresdner Zwinger“ einzufinden. Mir liegt etwas auf dem Herzen, das ich unbedingt noch loswerden muss: „Nicht, dass du meinst, dich für mich verausgaben und unter vier Stunden laufen zu müssen!“ leite ich meine Rede ein. „Wofür auch immer du dich entscheidest – es ist richtig! Und du tust es ausschließlich für dich!“ Wahrscheinlich sind solche Rede gewordenen Bedenken unbegründet. Dennoch will ich sicherstellen, dass sich Ines nicht durch meine Anwesenheit und Mitwirkung bedrängt fühlt. Immerhin bin ich Urheber ihres Trainingsplans, begleitete sie zwölf Wochen lang mit Rat und Tat durchs Training und werde sie auch nachher „coachen“. Von gewisser psychologischer Brisanz sicher auch das: Sie darf laufen, während ihr Mann verletzungsbedingt zum Zuschauen verdonnert ist.

Außerdem bin ich läuferisch in den Augen anderer nicht irgendwer. Mein Ehrgeiz bescherte mir in diesem Jahr den zweiten deutschen Seniorentitel im 24-Stundenlauf. Strikte Leistungsorientierung treibt mich nach wie vor an. Und da soll mir ausgerechnet das Marathonergebnis meiner Ehefrau gleichgültig sein? So stimmt das natürlich nicht. Ich würde mir über eine schnelle Ines ein Loch in den Bauch freuen. Das Wichtigste am Laufen ist jedoch auch für mich die Freude daran. Und die Überzeugung in gegebener Situation richtig zu entscheiden. Das „läuferisch Richtige“ muss jeder für sich festlegen. Also werde ich mich über Ines’ Finish freuen, gleichgültig welche Zeit am Ende zu Buche steht.

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Am gegenüberliegenden Elbufer will ich Ines das nächste Gel anbieten. Höchstens eine Viertelstunde gemütlicher „Schneck-Jogg“ bis dorthin für mich, harte viereinhalb Kilometer für Ines. Dann und wann sieht es danach aus, als wolle sich die Sonne ihr Recht verschaffen, bis sie die nächste hohe Wolkenschicht (Hochnebel?) zum Aufgeben zwingt. Ich tippele über die Albertbrücke, wende den Kopf nach links (verdrehe mir fast den Hals dabei!) und genieße das Dresdner Elbpanorama: Brühlsche Terrasse, Kuppel der Frauenkirche, daneben die Türme des Schlosses und der Hofkirche. Das hast du womöglich schon hundert Mal gesehen und doch haut es dich beim hundertundeinen Hinsehen neuerlich weg! Trotz diesigen Zwielichts aus unentschlossenem Himmel und obschon Elbkurve sowie die nahe gelegene Carolabrücke einiges verbergen ein fantastischer Anblick.

Meine Gedanken fliegen zu Ines, die die Altstadtsilhouette in diesen Minuten aus der besten aller Perspektiven genießen darf. Nur die träge dahinfließende Elbe trennt sie von all den baulichen Herrlichkeiten gegenüber. Für mich markierte diese Passage entlang des Elbufers seinerzeit den optischen Höhepunkt des Dresden Marathons. Und Ines wird mir hinterher gestehen, den berauschenden Anblick „ihrer“ Stadt mit tränenfeuchten Augen erlebt zu haben …

Das Wummern von Sambatrommeln wird intensiver. Hinterm jenseitigen Brückenkopf wende ich mich nach rechts unten, dem Elbufer zu. Eine Warntafel mit der Aufschrift „Sportveranstaltung!“, dahinter ein absperrendes Trassenband, mahnen Radler und Fußgänger zur Vorsicht. Ich jogge noch ein paar Meter auf dem Elbuferweg, bis mir keines der jungen Alleebäumchen mehr den Blick zur „Lärmquelle“ verstellt. Und Sehenkönnen ist in diesem Falle von Belang, weil ein sächsischer Paradiesvogel die einpeitschenden Rhythmen der „Bateria quem é“ in geschmeidig damenhafte Tanzschritte transformiert. Ja, richtig, eindeutig kein brasilianischer Import, unzweifelhaft europäische Gesichtszüge von einem Dauerlächeln verschönt.

Rucksack runter, Gel auspacken und zum Aufwärmen unter den Hosenbund schieben, Trinkflasche aufschrauben und bereitstellen, Kamera schussbereit halten. Countdown der Pacemaker, Vorbeitröpfeln der Läufer, unablässiges Wummern, Trommeln, Trillern, Klappern der Bateria. Blickfang am Rande: Oma mit Enkel auf dem Arm. Der nicht mal Zweijährige wippt mit den Füßen im Takt. Schaukelt ihn Oma oder schafft er das schon von alleine?

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Bei Wikipedia steht unter dem Stichwort „Adrenalin“:

"Adrenalin ... ist ein im Nebennierenmark gebildetes und ins Blut ausgeschüttetes Stresshormon. Als solches vermittelt Adrenalin eine Herzfrequenzsteigerung, einen Blutdruckanstieg, … eine schnelle Energiebereitstellung durch Fettabbau (Lipolyse) sowie die Freisetzung und Biosynthese von Glucose. ... Adrenalin … schafft … die Voraussetzungen für die rasche Bereitstellung von Energiereserven, die in gefährlichen Situationen das Überleben sichern sollen (Kampf oder Flucht)."

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Obwohl abgelenkt und im Überleben nicht im Mindesten gefährdet, spüre ich wieder das rasche, vehemente Klopfen meines Herzens infolge diverser Adrenalinschübe. Jeden Moment sollte sie (muss sie, bitte, bitte!!) am Ende der Allee auftauchen. Der gewaltige Rest der Welt, Dresden um mich rum, Samba im Ohr, Oma mit Enkel im Augenwinkel, versinkt kurzzeitig in Bedeutungslosigkeit. Wo bleibst du Ines? Nur einmal muss ich in Gedanken flehen, dann trabt Ines auf mich zu. Schon durchs Kameraobjektiv betrachtet scheint alles in Butter. Manchmal kommt der blödeste Läuferspruch der Wahrheit am nächsten: Ines, du siehst gut aus!

Verpflegungs- und Mutmachritual, schließlich reiht sie sich guten Mutes wieder in die Kette der Läufer ein. Wirklich guten Mutes? Ich konnte nur Zuversicht an ihr ablesen und gesagt hat sie auch nichts. Doch zu dieser Zeit plagt sie ein schmerzhaftes Ziehen in der Gesäßmuskulatur rechts …

Dem Wettkampfprotokoll entnommen und Udo nicht bekannt: Auch zwischen Kilometer 23 und 24 erfüllt Ines sekundengenau ihre Zwischenzeiten.

Ich wende mich dem fünften Treffpunkt zu. Ziel ist erneut der Fetscherplatz, wie beim ersten Mal. Anfänglich trabe ich ein paar Meter, falle dann aber ins Gehen. Trotz „elefantöser“ Selbstwahrnehmung unter winterfester Verpackung und Gewicht des Rucksacks würde ich lieber laufen. Allerdings tadelt mich der GPS-Empfänger bereits für mehr als sieben gejoggte Kilometer. Mehr als erlaubt. Nun mach’ ’mal halblang, das ist so weit noch okay, schließlich bewegtest du dich ausschließlich im Schneckentrab. Zugegeben. Für mehr fehlt mir allerdings der Mut. Einmal im Jahr das Schicksal herausfordern und einen gewaltigen Tritt in den Hintern empfangen reicht mir. Also zügig gehen. Zügig wäre gar nicht erforderlich. Viel zu früh finde ich mich zum letzten Rendezvous kurz vor Kilometer 32 ein. Mehr als zwanzig Minuten Zeit meinen unruhigen Gedanken nachzuhängen …

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Vor allem in den letzten Tagen beherrschte mich mit Blick auf Ines’ Dresdenmarathon ein merkwürdiger emotionaler Mischmasch. Freude und Bangen, Wehmut und Aufbruchstimmung, mal mehr, dann wieder weniger optimistische Gedanken. Selbstverständlich habe ich mir davon nichts anmerken lassen. Denn auch bei oberflächlicher Betrachtung scheint klar: Ein Großteil dieser zwiespältigen, teils gegensätzlichen Empfindungen ist rein der Tatsache geschuldet, als Marathoni zum Zuschauen verdammt zu sein. Aber das ist es nicht alleine, was mich umtreibt. Nicht dabei zu sein bedeutet auch Ines nicht wirklich unterstützen zu können. Vor allem nicht als persönlicher Pacemaker. Objektiv sicher unsinnig, aber ein bisschen fühlt es sich an, als hätte ich sie im Stich gelassen. Und dann musste ich vorhin sogar die Absicht aufgeben, sie wenigstens auf den letzten, den brutalsten Kilometern zu begleiten.

Zumindest auf einem Teil der ersten Runde hatte sie einen Begleiter. Stilles, gegenseitiges Einvernehmen gemeinsam zu laufen. Wiedererkennendes Lächeln, wenn man sich infolge Verpflegung kurz aus den Augen verlor. Von dieser „Liaison“ hätte ich ohne den späteren Eintrag von Holger in unser Gästebuch nie erfahren. Zumal sie recht bald endete, weil Holger Ines’ Tempo nicht mehr halten konnte und sie mit Bedauern ziehen ließ.

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Während ich vor Kilometer 32 warte, bange, warte, wieder bange und noch länger warte, während folglich mein Hormonhaushalt wieder der Übersättigung anheimfällt, erwäge ich mehrmals, Ines vielleicht doch auf einem Stück des Schlussabschnitts zu begleiten. Wenigstens ein, zwei Sch…kilometer!? Wenn ich alles mobilisiere, dann müsste das doch möglich sein!? – Gel bereit, Wasser bereit, Kamera (schuss-) bereit. Die 4h-Pacer, erst der eine, stückweit zurückhängend der zweite, zuckeln mit ihrer schon arg dezimierten Truppe auf mich zu. Die Warterei macht mich fertig. Wenn ich doch nur laufen könnte … Angestrengt spähe ich den Läufern entgegen. „Pink“ will ich sehen! Wo bleibt „Pink“! Weit hinten ein winziger, leuchtend rosa Fleck. Ist sie das?

Marternde Sekunden, dann Gewissheit: Äußerlich unbeeindruckt und scheinbar immer noch mühelos verkürzt Ines den Abstand. Ein Impuls von Stolz durchzuckt mich. Obwohl ich weiß, dass sie das kann, können muss, nach so erfolgreichem Training. Dann ist sie heran, greift nach dem Gel, verzichtet aber auf Wasser: „Mehr geht nicht mehr rein! Mir ist unwohl im Magen!“ Ich lege alle verbale Kraft und Zuversicht in ein, zwei beschwörende Formeln und Ines macht sich wieder auf den Weg … zehn Kilometer noch. Zehn, die sich manchmal ziehen wie hundert. Zehn, die einem aussichtslos weit vorkommen können. Vor allem, wenn irgendwas nicht stimmt. Wird sie das Magenproblem behindern? Von Schwäche hat sie nichts gesagt. Nur gestöhnt. Aber wer würde nicht stöhnen, wenn er seit über 30 Kilometern am Limit läuft? Ich schaue ihr mit feuchten Augen hinterher und knirsche mit den Zähnen: Mach es Ines! Beiß dich durch! Quäl dich! – Denken darf ich das, auch wenn mir solche „Wortknüppel“ mit Ines als Adressat kaum jemals hörbar über die Lippen kämen.

Aus dem Wettkampfprotokoll und bis hierhin schon eine fantastische Leistung: Entgegen meiner Vermutung folgt Ines zu diesem Zeitpunkt noch immer sekundengenau ihrem Zeitplan!

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Vom Ziel trennen mich gute drei Kilometer. Unwillkürlich falle ich auf dem Fetscherplatz in meinen Schneckentrab … und lasse es auch sofort wieder sein. Dieses kurze Aufbäumen hat mir noch einmal gezeigt, wie unrealistisch (und risikoreich) jeder Versuch wäre, mit Ines' Lauftempo mithalten zu wollen. Ihr könnte ich nicht nützen und mir schadete ich unter Garantie. Verdammt nochmal! Finde dich endlich mit dem Unabänderlichen ab!

Gehen am Streckenrand, die Kuppel der Frauenkirche in Sichtweite aber weit voraus. Passiere Kilometer 40, applaudiere dann und wann den vorbei schnaufenden Läufern, sammele noch Schnappschüsse an einem Verpflegungspunkt und denke an Ines. Formuliere lautlos ein paar Durchhalteparolen. Wie? Nein, ich besitze keine telepathischen Fähigkeiten und glaube auch nicht an Übersinnliches. Ihr hilft das wuchtig Gedachte nicht die Bohne. Aber mich beruhigt es ein bisschen. Nur noch ein paar Minuten, dann ist sie am Ziel (all?) ihrer Träume. Inzwischen wird sie schon das Mantra der Schlusskilometer beten: „Nur noch 7, nur noch 6, nur noch 5 … Kilometer! Bald geschafft!“

Die Straße wendet sich abschüssig zur Elbe hin und alsbald halte ich unweit des Ufers auf die Altstadt zu. Fotos. Dies und das. Auch rückblickend unterm flach geschwungenen Brückenbogen hindurch. Links von mir und ein paar Meter oberhalb erstreckt sich die Brühlsche Terrasse, das prächtige Dresden. Ein Buckel hievt mich auf Stadtniveau, öffnet den Blick zur barocken Hofkirche, übern Opernplatz und auf das prächtigste deutsche, jedem Tatort schauenden Biertrinker bekannte Opernhaus. Und wie empfindet es der Marathoni im finalen Kampf? Saublöder Buckel, 500 Meter vor dem Ziel! Du bist fix und fertig und dann noch mal 100 Meter Schräge, die einem so steil vorkommen wie die Eiger Nordwand.

Nach unruhigem Hin und Her suche ich mir einen Standplatz, von dem aus ich den Anstieg teilweise einsehe. Noch qualvolle 20 Minuten bis … bis Ines am finalen Buckel in Sicht kommen muss. Ja, „muss“, wenn sie es unter vier Stunden schaffen will. Wie es ihr wohl ergeht in diesem Augenblick?

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Ines kämpft. Drei Stunden lief sie mit Freude und Verblüffung über die eigenen Fähigkeiten. Sie schafft es tatsächlich dieses stramme Tempo zu halten! Immer wieder sieht sie sich unter vier Stunden ins Ziel laufen. Eine „3“ ganz vorne – der Wahnsinn. Ich schaffe das, sagt sie sich, immer und immer wieder. Trotz Ziehen im Gesäßmuskel, trotz Unwohlsein: Ich schaffe das! 33 Kilometer, dann 34 und jetzt der Dämpfer: Die Beine werden schwerer und Ines kann das Tempo nicht mehr halten. Enttäuschung erfasst sie. Ja, inmitten all der körperlich bedrängenden Wahrnehmungen vor allem das: Enttäuschung. So lange durfte sie hoffen auf die „3“ ganz vorne und nun das. 35 Kilometer, 36, sie kann dem Zeitdiktat der Tabelle nicht mehr folgen und verschwendet ab jetzt keinen Blick mehr daran …

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Noch zehn Minuten. Mindestens. Ausnahmslos müde aber über die Maßen glückliche Läufer und Läuferinnen ziehen an mir vorbei. Ein ausgesprochen schönes Erlebnis und doch finde ich nicht zur Gelassenheit mich mit ihnen zu freuen. Die Warterei macht mich fertig. Ines schien zuletzt, bei Kilometer 32, nicht mehr in der Zeit, aber auch nicht entscheidend drüber. Eine persönliche Bestzeit wird sie sich auf jeden Fall erlaufen – wenn ihr nichts zustößt! Blöde Unkerei, hör auf damit! Was soll ihr schon zustoßen? Weh tut’s zum Schluss, schweineweh! Kennst du doch! Sonst nix! Das Bild von gefährlich aufragenden Straßenbahnschienen erscheint vor meinem geistigen Auge: Aber sie könnte stolpern, stürzen, sich verletzen? Wird sie nicht! Sie ist gut trainiert, hat noch immer Kraft. Auch jetzt und gerade in diesen Sekunden! Lauf Ines! Lauf!

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Als hässlich empfindet Ines die Umgebung nicht auf diesem Abschnitt. Sie ist aber auch nicht Teil der über viele Kilometer zum Heulen schönen Ansichten. Nichts zieht vorbei, was sie von ihrem Leiden ablenken würde. Nichts, was letzte Reserven freimachen könnte. Die gibt es. Es gibt sie immer, auch wenn du noch so kaputt bist. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass da etwas passieren muss im Kopf, etwas, das den Schalter umgelegt. Bisweilen fand ich den Schlüssel zum Allerletzten. Provoziert von äußeren Reizen, Mitläufern oder einem bestimmten Gedanken. Begeisternde Ansichten einer Stadt oder Landschaft können es auslösen, eine plötzliche Konkurrenzsituation oder … keine Ahnung … irgendwas halt. Niemand ist an Ines’ Seite, der sie vielleicht noch einmal aufrichten, an den sie sich anhängen könnte. Und „ihre“ Stadt verhält sich jetzt eher neutral, abwartend, verweigert ihr Unterstützung durch Ansehnliches. Lediglich Wohnblocks. Nachkriegsbauten. Schmucklos. Auferstanden aus … nein, nicht mal Ruinen. Hier stand überhaupt nichts mehr, nach dem verheerenden Feuersturm. An den denkt meine Ines jetzt sicher nicht. In ihr tobt ein ganz eigener Sturm: Sie leidet. Und wie sie leidet … Aber den Schlüssel, den findet sie leider nicht.

Leiden verengt die Wahrnehmung und deshalb straft sie die Zeittabelle mit Missachtung. Leider, denn da steht: „Ziel: 3:59:00 h“ Also eine Minute Reserve und bis jetzt hat sie auch nur diese eine Minute liegen lassen! Vielleicht wäre das der Schlüssel. Doch unter der Knute schwerer Beine und unsäglicher Schmerzen hat sie ihre Zielvorstellung längst korrigiert: Nur ein paar Minuten über vier Stunden sollen es jetzt werden …

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Noch fünf Minuten. Fünf Minuten bis sie 400 Meter hinter mir über die Ziellinie laufen könnte, sollte, müsste … Die 4h-Pacer kommen vorbei. Erst der Eine, ganz alleine, mit großem Abstand der zweite, gleichfalls solo. Sie sind zu früh dran. Haben sie ihre Kunden durch falsche Taktik verschlissen?

Die Uhr rast … wertvolle Sekunden verrinnen. Jetzt, oder jetzt, spätestens jetzt, müsste ich sie sehen, wenn sie noch … Nichts! Kein Pink, keine Ines. Okay dann klappt es halt nicht. Eine weitere Minute versickert im Rinnstein neben mir … Immer noch nichts! Alles in mir verkrampft sich. Jetzt bleiben nur noch drei Min … INES!!! Da kommt sie! Ich drehe am Rad! Ich werde irre! Ohne Vorwarnung schießen mir Tränen in die Augen. Sie hat noch drei Minuten. Das ist der Hammer. Ich winke, boxe mit meiner Faust den Himmel, recke mich und sie sieht mich. Für ein Lächeln reicht es noch … „Super! Toll! Klasse! Du bist der Wahnsinn!“ nun ist sie nah genug, dass ich es aussprechen und sie es hören kann. Noch zwei Minuten. Wird nicht mehr ganz reichen, wird aber auch nur knapp drüber sein …

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Überglücklich genießt Ines die letzten Meter Marathon in „ihrer“ Stadt. Alles war dabei, alles hat sie erlebt. Alles, was vier schicksalhafte Wörter auf dem Laufshirt eines Mitläufers zusammenfassten, hinter dessen Rücken sie eine Weile her trabte: Laufen, leiden, lachen, leben! Alles tut ihr weh, sie ist völlig erschöpft, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Auf der Zielgeraden fliegt sie noch einmal, wird schneller, gibt alles, strahlt beim Überqueren der Ziellinie. Ines finished ihren bisher schnellsten Marathon in fantastischen 4:00:53 h!

 

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