Überlebt!   –  100 km del Passatore, Florenz – Faenza 2015

Für ein paar Minuten schlägt das Herz von Florenz in der Brust von über 2.000 quietschbunten Gestalten. Zwischen Palazzo Vecchio und Duomo, in der Via dei Calzaiouli, hält das ganzjährig florierende Geschäft mit dem Tourismus den Atem an. Malen geht nicht mehr, verkaufen schon gar nicht, Läufer umringen seine Staffelei. Der Straßenmaler hockt bewegungslos auf seinem Stühlchen und starrt mit ausdruckslosem Gesicht vor sich hin. Schicksalsergeben wartet er darauf, dass die sich jährlich wiederholende elfte, in der Bibel eigenartigerweise nicht erwähnte Plage verzieht.

Apropos verziehen: Vor einer halben Stunde, bevor unsere Hündin Roxi den Braten riechen und ihre übliche Vorstart-Neurose ausleben konnte, hat sich Ines vom Ort des Laufgeschehens entfernt. Die beiden sind bereits auf dem Weg zur Parkgarage. Ines wird von Florenz nach Faenza mit dem Auto vorausfahren. Das bedeutet im Klartext: Zunächst der verkehrsreich hektischen florentinischen Innenstadt ostwärts entkommen, anschließend über enge, kurvenreiche Bergsträßchen die Toskana verlassen und Faenza in der Emilia Romagna ansteuern. Knapp drei Autostunden liegen vor ihr. Auch mit funktionierendem Navi ein Herzklopfen verursachendes Vorhaben, wenn man praktisch null Fahrpraxis in Bella Italia auf dem Konto hat. Soweit zunächst zu Ines, meiner ganz persönlichen Heldin des Tages!

Was sind dagegen 100 km zu Fuß von Florenz nach Faenza? Eine reine Frage der Ausdauer. Orientierung ist nicht gefordert. Immer der Herde nach, und falls die sich später in der Dunkelheit verliert, einfach auf der Straße bleiben. Denn hinter Borgo San Lorenzo gibt es nur noch diese eine. Der Moderator quatscht ohne Punkt und Komma. Sein Redeschwall rauscht durch die enge Via dei Calzaiouli und hallt von den hohen Mauern der Palazzi wider. Ich schaue mich um und richte die Digicam auf alles, was mir interessant erscheint. Drei machen ein bisschen „Conversazione“, einer steht in sich versunken, andere scharren mit den Hufen. Vor mir dreht jemand den Helm mit seiner Helmkamera im Kreis herum. Für sich genommen nicht spektakulär. Dass er den Helm dann aufsetzt allerdings schon. Will der 100 km unterm Helm absolvieren? Bei etwa 26°C im Schatten?

Die Bambina balanciert auf einem Geländer und stützt sich dabei auf Papas Kopf. Wird sie runterfallen, wenn er in etwa drei Minuten losläuft? Zwei Herren, der eine leicht geschürzt, der andere im wallenden Gewand, betrachten das Laufvolk aus gehobener Position. Ersterer von der obersten Treppenstufe mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht: Zum Glück muss ich da nicht mitlaufen! Der zweite aus seiner Wandnische, unbeeindruckt wie stets, denn sein Konterfei ist aus Stein gehauen. Vor mir ein Begleitradler, neben mir eine Radlerin. Wann immer Begleitradler zugelassen waren, durften sie bei großen Ultraläufen erst viel später zu ihren Schützlingen stoßen. Aber Ultra in Bella Italia ist anders. Wie anders, soll ich erst noch erfahren …

Der Startschuss zum „100 km del Passatore“ halt durch die Via dei Calzaiouli, beantwortet vom vielstimmigen Freudenschrei aus zweitausend Kehlen. Dann recken sie wie auf Kommando (wahrscheinlich gab’s auch eins) die Arme hoch und zögerlich setzt sich die Karawane in Bewegung. Ich verschaffe mir erst einmal seitliche Distanz zu den Radlern. Sicher ist sicher. Wie sich zeigen wird ein Grundsatz, den ich nicht über 100 km durchhalten kann … Mit gleichermaßen suggestiven wie aufpeitschenden Sätzen verabschiedet der Moderator die Läufermenge. Man muss kein Italienisch können, um sich leicht wie eine Feder zu fühlen … Für eine halbe Minute schalte ich die Digicam auf Video um, will mir das akustische Ambiente der Startphase bewahren. Das Starttransparent rückt langsam näher. Wir traben an, gewinnen hundert Meter und stehen wieder. Zu eng der Kanal für 2.300 Läufer …

Was die Zahl der Teilnehmer angeht, hielt ich bisher Biel für das Non-Plus-Ultra der Hunderter in Europa. 2007 stand ich dort am Start zusammen mit über 1.100 späteren Finishern. In dieser Hinsicht schlägt der „100 km del Passatore“* die „Lauftage von Biel“ um Längen. 2.309 Wagemutige nehmen in diesen Sekunden den Kampf gegen die Strecke auf. Davon werden leider 415 das hundert Kilometer entfernte Ziel in Faenza nicht erreichen. „DNF“ steht später in der Ergebnisliste hinter ihren Namen: Did not finish! Eine erschreckende Quote von 18 % Laufabbrechern. Da dieser Laufbericht existiert, gehöre ich offensichtlich nicht zu den bedauernswerten Opfern der „Schlacht“. Gründe ein „Did not finish“ zu erleiden wirst du allerdings ausreichend zu lesen bekommen.

*) Der „100 km del Passatore“ ist nach dem im 19. Jahrhundert hingerichteten und post mortem zum Volkshelden aufgestiegenen Gauner und Dieb „Il Passatore“ benannt.

… Der Stau so kurz vorm „Duomo“ – genauer gesagt vor der Kathedrale „Santa Maria del Fiore“ – kommt mir gelegen. So kann ich in aller Ruhe scharfe Fotos von der Läuferschlange vor der gewaltigen Kathedrale aufnehmen. Nicht irgendeine Kathedrale. Für mich eine der prächtigsten wenn nicht gar die prächtigste aller Kirchen weltweit. Beeindruckender als der Petersdom in Rom, wofür sich ein Gotteshaus schon mächtig anstrengen muss. Überladen mit grünem und weißem Marmor, den einstigen Reichtum der Stadt widerspiegelnd, ruht der Dom im Mittelpunkt der Stadt. Es gibt keine Richtung aus der man die Kirche „in einem Stück“ fotografieren könnte. Entweder verstellen irgendwelche Palazzi die Sicht oder das noch ältere, vorgelagerte Baptisterium (Taufkirche). Dennoch haut einen der Anblick glatt aus den Laufschuhen. Selbst einen wie mich, den ein gnädiges Schicksal bereits zum vierten oder fünften Mal in diese wunderschöne Stadt und vor den Duomo führt …

15:10 Uhr: Was der Dom nicht vollenden konnte, schafft die schwüle Nachtmittagsluft in den Straßen von Florenz: Mich aus den Laufschuhen hauen. Von überall her strahlt Wärme und kein Lüftchen kühlt. Nach fünf Minuten bin ich klatschnass. Oh Udo! Was für eine Schnapsidee, sich aus dem unterkühlten, sonnenarmen Süddeutschland ins Mediterrane zu beamen, um dort – natürlich ohne jede Akklimatisation – einen Hunderter zu laufen. An unbehindertes Laufen ist auf den ersten beiden Kilometern nicht zu denken. Zu eng die Gassen, zu mächtig der Strom der Athleten. ‚Gut so!’ denke ich. ‚Auf diese Weise kann ich zu Beginn nicht überziehen!’ Ich fühle mich entsetzlich schlapp und hoffe mein Motor möge bald anspringen. Das muss er sehr bald, denn zumindest der erste, kürzere von zwei Anstiegen (450 m Höhendifferenz) beginnt noch in Florenz, unter praller Nachmittagssonne.

Ein erster Verpflegungspunkt markiert den Beginn dieses Anstieges. Tumultartige Szenen spielen sich ab, um an ein, zwei Becher Trinkbares zu gelangen. Stell dir einen Tapeziertisch vor, dann kannst du die Größe der „Tafel“ ermessen. Das gibt’s doch nicht: Die lassen mehr als 2.000 Menschen auf eine winzige Tränke los!? Unwillkürlich lässt mich das Chaos an eine Orga aus Anfängern denken. Nur scheidet diese Variante aus, der „Passatore“ windet sich in diesem Jahr zum 43. (!!) Mal von Firenze nach Faenza …

Ohne Blessuren der Schlacht um drei Becher Wasser entronnen und sofort bergan. Sanft bergan auf dem ersten Kilometer, dann immer steiler. Einige gehen, die meisten tippeln gleich mir aufwärts. Glücklicherweise geht das ganz gut. Die Schlappheit fällt immer mehr von mir ab. Nicht zuletzt deshalb passen sich Zuversicht und Stimmung dem Wegverlauf an. Die An- und Aussichten besorgen den Rest. Herrliche Villen, von schattigem Grün umrahmt, thronen an den Hängen über mir. Säulen-Zypressen säumen den Weg, der mehr und mehr an Höhe gewinnt. Alsbald bietet sich eine wirklich fantastische Aussicht über das Tal des Arno. Kuppel der Kathedrale und Turm des Palazzo Vecchio überragen das Häusermeer von Florenz.

Selten berichte ich von Wettkampf-Beobachtungen, die zu erklären ich mich absolut außerstande sehe: Wir tippeln gerade durch die Ortschaft Fiesole als einer aus dem Pulk der Läufer zum Straßenrand hin ausschert. Er hält eine Ziege an den Hörnern fest!?? Für halluzinatorische Wahrnehmungen bin ich noch nicht erschöpft genug. Wahrhaft eine Ziege! Wo kommt die Ziege her mitten in der Ortschaft? Und warum hält der Läufer sie fest? Dann: Worauf wartet er jetzt? Dass er wartet, auf irgendwen oder irgendwas, steht außer Frage. Dann bin vorbei und lasse das Rätsel für immer ungelöst zurück …

7,5 km, noch immer in Fiesole, vorbei an einer malerischen, mit Zinnenturm wehrhaft wirkenden Kirche. Kurz danach erreiche ich den zweiten Verpflegungspunkt und schlage neuerlich die Schlacht am nassen Buffet. Also kein einmaliger Ausrutscher, der Tapeziertisch, sondern schlicht organisatorische Dummheit. Um mich nun nicht 21 Mal wiederholen zu müssen, gleich hier das Fazit zur Versorgung unterwegs: Note ungenügend! Und zwar alleine des Gedrängels wegen. Anzahl der Versorgungsstellen und Vielfalt des Angebots lassen nämlich nichts zu wünschen übrig. Wasser, Iso, Cola, Tee und anderes Flüssige, ergänzt durch zig verschiedene feste Nahrungsangebote stehen der Versorgung bei heimischen Ultraveranstaltungen in nichts nach. Auf das Verpflegungsangebot unterwegs war ich doppelt gespannt, denn italienische Marathons erzogen mich in dieser Hinsicht zum Spartaner.

Ich laufe und fotografiere. Laufen geht vollautomatisch, die Suche nach Motiven im Prinzip auch. Was taugt mir als Motiv? Schöne Perspektiven, tolle Aussichten, interessante Menschen, Begebenheiten, Vorkommnisse, die dokumentiert werden müssen. Ohne mir dessen bewusst zu sein, suche ich nach Bildern wie ich laufe: Ununterbrochen. Und plötzlich streift mein Blick einen Bekannten. Es war im Herbst 2013, nicht einmal weit von hier entfernt, beim „Maratona del Mugello“, dass ich mir exakt diesen Menschen einprägte. Wie sich jetzt zeigt so intensiv einprägte, dass ich ihn schon von weitem und von hinten an seinem Laufstil erkenne. Das glaub’ ich jetzt nicht! Da rennt mir doch tatsächlich „Guidotti 1955“ vor die Linse. Gestalt, kahler Schädel, Bewegungen. Er isses! Aber wenn er es ist, dann gibt es ein noch untrüglicheres Erkennungsmerkmal. Die bunte Designerbrille auf seiner Nase! Überhole ihn und falle fast vom Hocker. Dieselbe Brille: Schreiend gelbe Bügel, schwarze Einfassung der Gläser.

Fotografiere ihn, was er natürlich bemerkt. Nun muss ich was sagen, ob ich will oder nicht: „Do you speak English?“ Seine vage Handbewegung ist Antwort genug. Also nicht, dennoch: „I saw you two years ago! In Mugello!“ Mugello scheint das einzige Wort meiner Rede zu sein, dass er versteht. Also radebreche ich ein wenig auf Italienisch: „Due anni. Maratona del Mugello!“ – Hat er das kapiert? Würde ich das kapieren? Er klopft mir leicht mit der Hand auf den Rücken und lächelt. Kann alles und nichts bedeuten … Ich erinnere mich übrigens nicht nur an sein ungewöhnliches Äußeres. Damals lieferte ich mir mit „Guidotti 1955“ einige Kilometer weit ein kleines Laufduell und verewigte die Begebenheit im Laufbericht. – Soviel Vorschau sei erlaubt: Claudio Guidotti, Startnummer 792, Altersklasse M60, wird morgen früh nach 13:28:04 h als 772. Mann das Ziel erreichen …

Der Kurs windet sich durch die Hügel nördlich von Florenz, immer weiter aufwärts, aber mit erträglicher Steigung. Auch das Klima setzt mir hier oben weit weniger zu. Es weht ein leichter Wind, zudem nutze ich jedes Fleckchen Schatten unter Bäumen, neben hohen Mauern oder Gebäuden. Die Zwischenzeit für 10 km ist besser als ich erwartet habe: 1:08 h. Ich empfinde Zufriedenheit, fürchte jedoch etwas zu verschwenderisch mit meinem Ausdauervorrat umgegangen zu sein.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach meinem heutigen Zeitziel. Sie ist einfach zu beantworten: Ich habe keins. Falls ich eins hatte, dann löste es sich heute Morgen, während der Autofahrt von Faenza nach Florenz über die insgesamt etwa 1.300 Höhenmeter des „100 km del Passatore“, in toskanische Luft auf. Der illusionäre Rest verdampfte vorhin in den warmen florentinischen Gassen. Ines habe ich keine Zeit genannt. 10 km vor dem Ziel werde ich sie anrufen. Wie es jetzt aussieht, ist das „Ding“ unter zehneinhalb Stunden nicht zu machen. Folglich werde ich Ines frühestens um halb zwei nachts in die Arme schließen können.

„Hab’ Spaß und genieß’ die schöne Landschaft!“ wünschte mir Ines zum Abschied. Bei Traumwetter in traumhaft schöner Umgebung gelingt mir das bisher spielend. Harmlose Haufenwolken dekorieren den azurblauen Himmel und die mediterrane Vegetation inszeniert einen Rausch aus Grün. Möglich machte das sintflutartiger Regen, der in den Vorwochen über Teilen des italienischen Stiefels niederging. Zum Glück scheint diese Wetterperiode Geschichte zu sein …

Ich orientiere mich am Höhenmesser meines GPS: Aktuell 470 Höhenmeter, der erste Sattel liegt laut Streckenkarte 518 Meter hoch. Weit kann es nun nicht mehr sein. Weiter vorne versprüht ein Helfer am Straßenrand Wasserschwaden zur Abkühlung. Ich weiche zur anderen Seite hin aus. Meine Poren liefern reichlich Flüssigkeit und nasse Schuhe sind das Allerletzte, was ich zig Stunden vom Ziel entfernt gebrauchen kann … Wir biegen rechts ab und passieren eine lange Schlange wartender Autos. Was das bedeutet, kapiere ich erst viel später. Im Moment bin ich zu sehr auf das Erreichen der Passhöhe fixiert. Schließlich erreiche ich den Scheitel und staune über die seltene Genauigkeit meines GPS: 519 Höhenmeter in der Anzeige, also nur ein Meter Abweichung …

Abwärts jetzt und Energie sparen! Von der Schwerkraft treiben lassen heißt das, aber nicht ungehemmt. Laufe ich zu langsam, verschwende ich Körner durch unnötiges Bremsen. Renne ich zu ungestüm müssen Waden und vor allem Oberschenkel zu viel Kraft beim Abfangen der Schritte aufwenden. Den bestmöglichen Mittelweg zu justieren überlasse ich meinem Laufgefühl.

Dann und wann parken Fahrzeuge am rechten Straßenrand, Warnblinker an, Heckklappe offen. Bei einem klebt ein Zettel im Fenster, der ihn als Begleiter von Startnummer soundso ausweist. Hat der Typ ’nen Knall? Mit dem Auto „coachen“, auf engem Bergsträßchen, wo zig Läufer, Begleitradler und … zzzipppp! zischt er vorbei … dann und wann auch Handbiker unterwegs sind? Ist das laut Reglement überhaupt zulässig? Was, wenn ein paar hundert der Teilnehmer dieselbe Unterstützung bekämen? Dann ginge hier gar nichts mehr. Renne abwärts und kapiere es immer noch nicht. Ein Licht geht mir erst auf, als mehrere Autos aus Richtung Tal bergwärts zuckeln … Bis kurz vorm Pass war die Straße gesperrt! Jetzt nicht mehr!

Autos, Motorräder, großvolumige Roller, Lieferwagen, ein Lkw, einmal sogar ein Bus quälen sich aufwärts, eben so viele Gefährte abwärts. Dazwischen wieseln Läufer, sirren Radfahrer mit halsbrecherischem Tempo downhill, rollen Handbiker – rücklings in ihrem Wettkampfgefährt liegend und damit kaum wahrnehmbar – um ihr Leben! Unglaublich, unerträglich, unmöglich! Aber leider wahr. Wie kann eine Lauforganisation, wie kann die zuständige Aufsichtsbehörde dergleichen zulassen???

Ich renne weiter abwärts, oft im Schatten, bei sehr angenehmen Temperaturen, fünf Kilometer, sechs, sieben … Ein bisschen fühlt sich dieser Ritt nach Flucht an, als wären die Motorisierten darauf aus mich erlegen. Ob das noch Spaß macht? Mir nicht wirklich, wenngleich ich gerne einräume, dass es mir nicht nur um Fragen der Sicherheit geht. Bei mir hört der Spaß auch dann auf, wenn mir Mal um Mal Abgasdüfte durch die Nase ziehen. Die konkurrieren übrigens zunehmend mit Heuduft, der von benachbarten Wiesen herüberzieht. Könnte alles so schön sein. Einmal tief einatmen, dann röhrt schon der nächste Stinker heran. Meine speziellen Freunde sitzen in fetten SUV oder dicken BMW. Wozu Abstand halten? Der blöde Jogger wird schon ausweichen …

Noch ein paar Kilometer bis Borgo San Lorenzo, einem Kleinstädtchen im „Mugello“**. Die engen Altstadtgässchen von Borgo San Lorenzo markieren den tiefsten Punkt vor dem „Mörderanstieg“. In welligem Auf und Ab – bisschen mehr „ab“ als „auf“ – folge ich einer breiten, mir gut bekannten Straße. Im Herbst 2013, anlässlich des „Maratona del Mugello“, war ich kurz nach dem Start in Gegenrichtung unterwegs. Unterschiede zu damals: Die Straße war gesperrt und ich ausgeruht. In diesen Minuten, sie entsprechen den Kilometern 29 bis 32, erwehre ich mich einer ausgeprägten und – bedenke den Kilometerstand – höchst beunruhigenden Schwäche. Woher zum Teufel kommt dieses frühe Tief? Konnte mich bergab doch ausruhen!? Hab deshalb auch kein Gel geschluckt. Ist das der Grund oder die hier „unten“ auf allem lastende, spätnachmittägliche Wärme?

**) Mit „Mugello“ bezeichnet man die Landschaft nördlich von Florenz.

Borgo San Lorenzo: Noch über die Brücke, dann trennt uns ein Streckenposten von allen rollenden Verkehrsteilnehmern. Ich lasse mich von den historischen Gassen „aufsaugen“ und bemühe Erinnerungen: Dort lief ich in Richtung Ziel, in diesem Café schleckte Ines tags zuvor ein Eis, das kleine Stadttor hat mir schon damals gefallen und das schwarze Zieltor erreichte ich mit letzter Anstrengung gerade noch unter vier Stunden. Damals stand es allerdings an anderer Stelle. Unter besagtem Zieltor, bei Kilometer 31,5, liegen heute die Matten der Zeitmessung. Für mich halten sie fest:

Zeit: 3:14:44 h (brutto), Position: 553. bei den Männern.

Auf das (Referenz-) Tempo von 6 min/km habe ich im Moment ziemlich genau 4 Minuten Rückstand. Ich behalte diesen Rückstand im Auge, um den Wettkampfverlauf einschätzen zu können. 10 km/h lassen sich halt sehr einfach im Kopf kalkulieren. Diese Pace bis ins Ziel auf Biegen und Brechen durchzufechten ist definitiv nicht mein Ziel. Mit dieser Aussage belüge ich nicht mal mich selbst, noch mein stets lauerndes, hochehrgeiziges Ego. Denn gleich hinter Borgo warten teils steile 720 Höhenmeter darauf meine Oberschenkel in eine wabbelige Masse zu verwandeln …

Trinken und zwei Portionen Gel einverleiben. Das war von vorneherein so geplant, um den Anstieg zum „Colla di Casaglia“ auf 913 m bestmöglich zu verkraften. Ebenso an jeder weiteren Tränke ein Gel zu schlucken, bis ich den Scheitelpunkt des Passes unter meinen Füßen habe … Der Kurs führt uns auf kürzestem Wege durch Borgo San Lorenzo und bergwärts wieder hinaus. Auch diese Ausfallstraße kenne ich. Sogar nachdrücklicher als mir lieb ist. Auf Gegenkurs bergab versuchte ich damals in höllischem Tempo Boden gutzumachen; in grob fahrlässiger Verkennung meiner Tagesform, was mir eine höllische Schlussphase bescherte …

Die erste Rampe, noch in Borgo, gehört leider zu den steileren. Deshalb schmore ich nach Sekunden bereits im eigenen Saft. Sonne von schräg oben und warmer Asphalt leisten gleichfalls ihren Beitrag. Trotzdem kein Sehnen nach Sonnenuntergang, eher das genaue Gegenteil. Ich bin nun mal ein „Sonnentyp“. Will heißen: Sonnenschein = Gute Laune! Auch wenn ich unter Hitze leide, wie andere – vielleicht sogar mehr als andere –, verabscheue ich Mistwetter, vor allem Kälte.

Die Straße beschreibt eine S-Kurve, um die Bahnlinie zu unterqueren. Vor Erreichen der Unterführung fährt ein Zug vorbei. Bei uns streiken die Lokführer gerne und ausgiebig, in Bella Italia grüßen sie lieber Sportler mit ihrem Signalhorn – lange, in Intervallen, immer wieder, bis der letzte Waggon hinter den Bäumen verschwindet. Ist dergleichen in Deutschland vorstellbar? Sicher enthalten die Vorschriften einen humor- und freudlosen Paragraphen, der Lokführern den unsachgemäßen Gebrauch des Signalhorns verbietet …

Wieder nerven Autos, das stete Sich-Vorsehen-Müssen ebenso, wie Lärm und Gestank. Nicht selten prescht einer forsch heran, sieht sich erst im letzten Moment dem Gegenverkehr gegenüber, jetzt ohne Möglichkeit noch zu bremsen oder mir auszuweichen. Im festen Vorsatz diesen Lauf zu überleben steppt dann eben das weichere Material zur Seite und aus dem bestehe nun mal ich. Dennoch rasieren Außenspiegel mehrmals nur um Haaresbreite an meinem Arm vorbei …

Der Anteil der Geher im Feld wächst, vor allem auf den noch seltenen Abschnitten anspruchsvoller Steigung. Will ich nicht, darf ich nicht! Der Gläubige entsagt der Sünde, spricht lautlos sein Bekenntnis: Bin Läufer, kein Geher. Erst gehen, wenn ich nicht mehr laufen kann! Aber: Wann wird schwaches Fleisch den willigen Geist brechen? Oder ohne verdrehte Bibelzitate zu bemühen: Werde ich bis zum Pass durchhalten? Von Borgo bis dahin geht es 16 km fast unablässig aufwärts. Davon die letzten sieben bis acht Kilometer in einem Winkel, der mir bei der Herfahrt ein kleinlautes „Ich bin beeindruckt!“ entlockte. Wie entwickelt sich die vorhin gefühlte Schwäche? Hier am Berg, der mich ohnehin ständig fordert, kann ich das nicht einschätzen. Ich bin bereit zu kämpfen und fokussiere mich ganz und gar auf die jetzt noch fehlenden zehn Kilometer bis zum „Colla di Casaglia“ …

… danach wird alles viel leichter. Lasse die ersten Häuser von Ronta hinter mir. Zwischen Alleebäumen regiert der Schatten schon seit Stunden, entsprechend angenehm die Temperatur. Trinkpause: Wasser plus Gel plus ein weiterer Becher Iso. Und weiter, noch 8 Kilometer. Gleich hinter Ronta renne ich auf eine Wand zu. Ist natürlich keine, sieht aber so aus. Jetzt wird’s steil und hart. Verkürze den Schritt und fühle in mich hinein. Nicht zu forsch, nicht zu langsam, Rhythmus halten. Weiter, immer weiter. Noch 7 Kilometer bis zum „Colla“, dahinter geht’s bis ins Ziel stetig bergab. Ein Kinderspiel. – Obwohl ich die Wahrheit hinter der Selbsttäuschung ahne, hilft es sich zu belügen. Die Wahrheit ist: Dort oben liegen noch 52 km auf ausgelaugten Beinen vor mir. Eine Tortur. Daran ändert auch Gefälle nichts.

Es bedeutet nullkommanull. Rein gar nichts. Dennoch freue ich mich über die Tafel und drücke auf den Auslöser der Digicam: „42,195“. Der Marathon. Mein 151. Marathon übrigens. Um ihn fix auf der Habenseite buchen zu können, muss ich aber „da“ rauf! Von „da“ trennen mich immerhin noch 6 Kilometer …

Ich habe mich „in der Plackerei eingerichtet“, für Anstrengung und Schmerz ein erträgliches Maß gefunden. Das halte ich noch eine Weile durch. „Razzuolo“ steht auf dem Ortsschild. „Razzuolo! Das klingt schon so gefährlich!“ kommentierte ich das Gefälle vor und im Ort gegenüber Ines. Mehr als ein „Hmmh ja!“ konnte ich ihr nicht entlocken. Wahrscheinlich wollte sie wortkarg verhindern, dass meine vollen Hosen überlaufen … Aber es geht. Sicher auch, weil kühle Luft schon die bevorstehende Nacht verheißt. Weiter oben, auf den bewaldeten Kuppen des Mugello liegt noch goldener Sonnenschein. Trinken in Razzuolo plus ein Gel. Die vorerst letzte Labsal. Bis zum „Colla“ wird es keine Verpflegung mehr geben. Nur noch fünf Kilometer bis zur Erlösung …

Serpentine auf Serpentine und steil aufwärts. Schuften und Schwitzen, Schwitzen und Wischen. Nur noch vier Kilometer. Immer wieder gilt es sich vor Autos in Acht zu nehmen. Das sage ich nicht einfach so dahin. Manche donnern den Berg runter, als wären wir keine Menschen, sondern Schablonen aus Pappmaschee. Rücksichtslos, unverantwortlich, abgrundtief dumm. Einer kommt mir so nahe, dass ich ihm mit der Faust aufs Blech donnere. Hoffentlich ist der Heini jetzt aufgewacht! Kein richtiger Wutanfall, dafür fehlt mir die Kraft, nur ein kurzes Aufwallen von Unmut.

Nur noch drei Kilometer. Den Verkehr bergab kapiere ich: Nach Arbeit oder Ausflug nachhause fahren, wo auch immer das liegen mag. Aber wohin wollen die zig Fahrzeuge bergauf? Viel mehr Autos übrigens als bergab. Da oben ist NICHTS! Auch auf der anderen Bergseite gibt es keine Ziele, die man abends um halb acht ansteuern könnte. Lediglich ein paar armselige Bergdörfer mit dreieinhalb Einwohnern. Also warum verpesten die hier die Atemluft? Dabei hatte ich gehofft im einsamen Bergland des Mugello ohne erwähnenswerte Verkehrsbelästigung laufen zu können … Die Herzfrequenz ist hoch, entsprechend viel Blut schleust meine Pumpe durchs Gehirn. Mag sein, dass sich deshalb ausgerechnet hier am Berg die Erleuchtung einstellt: Begleitfahrzeuge! Massenweise Betreuer, die ihre Schützlinge Stück für Stück begleiten.

Hunderte von Läufern und Läuferinnen belästigen, um einen zu betreuen! Mein Unmut richtet sich auf die Insassen der Autos, Motorräder und Roller. Ich begreife sie aber nur als Stellvertreter. Stellvertretend zum einen für die organisatorisch Verantwortlichen. Warum wird dieser Unfug nicht per Reglement abgestellt? Stellvertretend aber auch für die auf diese Weise unterstützten Läufer. Wie kann ich als Athlet so hirnlos egoistisch sein, meinen Mitläufern die Karre eines Betreuers zuzumuten? Zumal das logistisch absolut überflüssig ist. Wer Betreuung braucht, engagiert einen sportlichen Radler. Im Radsportmekka Italien nun wahrlich kein Problem. Und wer keinen findet, kann sich zu zwei Verpflegungspunkten frische Klamotten, Stirnlampe, Futter – was auch immer – transportieren lassen.

Noch zwei Kilometer bis zum Scheitelpunkt der Verheißung … „Prudenza Podisti in transito“ steht auf der Tafel. Nicht die Erste und nicht die Letzte. „Vorsicht Läufer unterwegs“ heißt das übersetzt. Hier oben noch in irgendeiner Weise Sinn stiftend? Wer’s bis hier nicht bemerkte, hat sicher schon ein paar platt gewalzt … Noch mal Brille ab, Schweiß wischen, Brille wieder auf. Durchhalten. Nur noch ein Kilometer. Vorbei an einem dem Verfall überlassenen Gebäude. In besseren Tagen eine Unterkunft: „Hotel Pensione Gran Fonte dell’Alpe“ kann man noch über dem Eingang entziffern. Foto? Zu dämmrig bereits unter den Bäumen. „Gran Fonte?“ Bedeutet das nicht „großer Brunnen“? Tatsächlich plätschert fünfzig Meter weiter ein Wasserstrahl aus steingefasster Wand. Zwei Läufer erfrischen sich mit dem köstlichen Nass. Soll ich? Die höchst unwahrscheinliche Aussicht auf kontaminiertes Wasser und dessen Folgen hält mich dann aber doch davon ab.

Autos parken am Straßenrand. Massenhaft und lückenlos. Betreuer, was sonst. Gleich bin ich oben bedeutet das und korrespondiert mit der jetzt reduzierten Steigung. Rechtskurve und dann sehe ich das kleine Café vor mir, in dem Ausflügler hier oben einen Espresso genießen können. Café, nächste Läufertränke und die Matten der Kontrollmessung. Sie registriert für mich nach 48 km:

Zeit: 5:20:10 h (brutto), Tempo am Berg durchschnittlich: 7:36 min/km, Position: 370. Mann.

Die Zeit sehe ich auf meiner Uhr, alles andere kann ich nur vermuten. Laufend habe ich dutzendweise gehende Kontrahenten überholt. Dass es 553 minus 370 gleich 183 Männer waren, kann ich nicht mal schätzen. Bezieht man weibliche Teilnehmer mit ein, sieht die Rechnung so aus: 714 minus 438 ist gleich 276. So weit so gut. Nur fühle ich mich nach diesem läuferischen Kraftakt ausgelaugt – bin es wahrscheinlich auch. Die Geher werden mich folglich talwärts haufenweise überholen.

Ich trinke Iso, zwei Becher. Verzichte auf Energiegel. Muss sparen. Hatte 15 im Vorrat, wie viele noch übrig sind, weiß ich nicht. Überblick verloren. Nicht mehr viele jedenfalls. Wende mich wieder der Straße zu und beginne schlagartig zu frieren. Wie ein Eispanzer pappen die nassen Klamotten auf der Haut. Hätte nicht so lange stehen bleiben dürfen. Mehrere hundert Meter weit reiht sich Auto an Auto, Motorrad an Wohnmobil. Sende neidvolle Blicke Richtung Straßenrand, wo sich vor geöffnetem Kofferraum da und dort einer aus nassen Sachen pellt.

In zahllosen Kurven suche ich die Ideallinie und verliere rasch an Höhe. 50 km abgehakt! Dann sausen wieder mal drei, vier, fünf motorisierte Betreuer vorbei. Die Suche nach der Ideallinie wird vom Trachten nach Unversehrtheit abgelöst. Nicht viel weniger bedrohlich empfinde ich die mit Karacho zu Tal zischenden Radbegleiter. Da soll in 43 Jahren „100 km del Passatore“ noch nie jemand ernstlich zu Schaden gekommen sein? Oder zog nur niemand Konsequenzen daraus? Künstlerpech also. Dumm gelaufen. Musst halt aufpassen. Ich konnte es nicht verstehen und hatte auch nicht den Nerv die beiden langen Texte zu übersetzen. Hab sie aber unterschrieben, bevor mir die Startnummer ausgehändigt wurde. Nun kann ich mir gut einen Reim darauf machen, was unter anderem da zu lesen stand …

Langsam weicht das Gefühl einzufrieren. Hier unten ist es wärmer, außerdem heize ich wieder von innen. Viertel vor Neun, die Dämmerung schreitet rasch voran. Noch sehe ich jede Unebenheit. Augenempfindlichkeit wird die schwindende Helligkeit noch eine Weile ausgleichen. Mehr Sorgen mache ich mir über das Gesehenwerden. Nach hinten reflektieren Gürteltasche und Schuhe das Scheinwerferlicht ausreichend (hoffe ich jedenfalls). In Laufrichtung muss ich eben aufpassen. Jedenfalls so lange ich die Stirnlampe noch nicht nutze.

Wir laufen auf „Casaglia“ zu. Höchstgelegenes und zugleich kleinstes aller Dörfer diesseits des Passes an der Strecke nach Faenza – etwa dreieinhalb Einwohner, wie bereits angedeutet. Ein Ordner steht auf der Straße und winkt alle Läufer nach links. Wozu das denn? Dann ist die Reihe an mir und … Toll! Ich darf Casaglia besichtigen, muss dazu aber erst mal wieder rauf. Steil rauf! Verpflegen, weiter und – war ja klar – steil bergab, zurück auf die von rechts kommende Straße. Tafel 55 km, ein Foto, unscharf im Halbdunkel, egal, weiter. – Soll ich die Stirnlampe aufsetzen? Lieber noch nicht. Wer weiß, wie lange sie durchhalten muss. Ich sehe noch passabel und von vorne kommen hier oben kaum Autos.

„Strada del Marrone“. Man muss kein Italienisch können, um die Schrift auf der Tafel zu verstehen: „Die Straße der Esskastanien“. Vorstellung ersetzt fehlendes Licht: Wunderschöne Wälder beidseits der Straße, durchsetzt von Kastanienbäumen. Mal dicht an dicht, mal vereinzelt. Das hatten wir schon in Italien, anlässlich eines Urlaubs in den Marken (Provinz zwischen Umbrien und der Adria). Beim Herbstspaziergang gesammelt, abends angeritzt, mehrere in Alufolie eingewickelt und in der Glut das Kamins geröstet. Fantastisch!

58 km, ungefähr jedenfalls. ‚Jetzt nur noch ein Marathon!’ Auch heute muntert mich die Formel kein Jota auf. Vielleicht hat sich diese Wunderdroge mit der Zeit abgenutzt. Möglicherweise habe ich aber auch Schiss vor der langen Strecke im Dunkeln. Wer mich kennt, weiß, dass Laufen in der Dunkelheit nicht so mein Fall ist. Da entbehre ich einfach des für die Motivation wichtigsten meiner Sinne. Und es fehlt der zentrale Beweggrund, wieso ich überhaupt Spaß am Laufen habe: Laufen, um die Welt zu sehen und sich an ihren Schönheiten zu erfreuen!

Bin in „Crespino del Lamone“. Hier leben sogar viereinhalb Einwohner und es gibt wieder Verpflegung. Ich habe nachgezählt (nee, nicht die Einwohner) und festgelegt mir nun nur noch jede zweite Tränke mit einem Gel zu versüßen. Dazu zwei Becher Wasser und ein Becher Iso. Ziemlich volle Becher jeweils. Seltsamerweise verbraucht mein Körper die viele Flüssigkeit komplett. Dabei schwitze ich kaum noch. Meine Klamotten sind weitgehend getrocknet. Wenn ich schon in Sachen Körperausdünstungen lamentiere: Ich schwitze jetzt selektiv und an einer Stelle überaus lästig. Am Rücken unter der breiten Gürteltasche, was mir völlig egal ist. Leider aber auch unterm Stoffband der Stirnlampe! – Wie? Ach so. Ja, die habe ich vor ein paar Minuten aufgesetzt: Angst essen Seele auf! Ich will Faenza lebend erreichen! – Also ich schwitze unterm Stirnband. Nicht eben wenig, so dass mir Schweißtropfen in die Augen liefen, würde ich nicht alle paar Minuten über den schmalen Streifen Stirn unter der Lampe wischen. Klingt einfach, isses aber nicht. Dazu muss ich die Brille abnehmen und die Lampe hochschieben. Ziemlich nervig das Ganze, vor allem weil es stundenlang so weiter geht. So viel erst mal zu einem der Nebenkriegsschauplätze eines 100 km-Laufs …

Häufig unterqueren wir Viadukte der Eisenbahn. Ich erinnere mich an zwei Bahnübergänge, vor denen wir heute Morgen halten mussten, aber nicht an die vielen Eisenbahnbrücken. 60 km geschafft und ich beginne eine neue Zeitrechnung: Noch 30 Kilometer bis ich mit Ines telefonieren darf. Kilometer 65 beschert mir etwas sehr Willkommenes: Licht aus zahlreichen Straßenlaternen in „Marredi“. Zehn Uhr vorbei und auf der Piazza herrscht reges Treiben. Kinder wollen abklatschen, Erwachsene feuern an: „Bravo! Bravissimo! Forza!“ Tut gut nach der nächtlichen Einsamkeit auf der „Strada“ ein paar Minuten unter Menschen zu sein. Auftanken: Wasser, Licht, Leben. Und weiter.

Ich bin erschöpft. Was nicht heißt, dass ich nicht mehr laufen könnte. Das kann ich noch eine Weile und werde es tun, bis ich umfalle. Oder bis der Widerstand – ein Mix aus Müdigkeit und Schmerzen – mich besiegt. Ich bin wirklich erschöpft. Habe ich nicht erwartet, nach erst 66, 67 … Kilometern, auch wenn es dafür Gründe gibt. Siehe oben. Alle traben irgendwie dahin, also trabe ich auch. Da geht einer, dort auch. „Flasche leer!“ hätte Trappatoni gesagt. Jetzt kommt mir mein Credo zugute: Gehen erst, wenn ich nicht mehr laufen kann. Das heißt ins Deutsche übersetzt: Gehen ist absolut keine Option. Folglich gerate ich nicht in Versuchung es zu tun. Genial. Oder?

Zu laufen fällt mir auch deshalb jetzt schwerer, weil die Unterstützung durch markantes Gefälle fehlt. Seit Marradi, spätestens jedoch seit Kilometer 70 ist das Geschichte. Gegenwart und Zukunft werden bestimmt von sanftem Auf und Ab. Überwiegend abwärts gottlob, denn etwa 200 Meter Höhenguthaben darf ich noch investieren. Allerdings martert nach einer Distanz von 70 km selbst der lächerlichste Furz von Anstieg die Beine.

Ein paar Minuten vor Kilometer 75 überschreite ich die Grenze der „Toskana“ und betrete die „Emilia Romagna“. Das blaue, im Licht meiner Stirnlampe grell aufleuchtende Schild liefert diese Information allerdings nur indirekt: „Firenze“ ist durchgestrichen, darüber steht „Ravenna“ und noch eine Zeile höher „Provincia di Ravenna“. Nur noch 15 Kilometer Ines, dann darf ich endlich mit dir telefonieren!

Ich schleppe mich vorwärts. Würde mich jemand beobachten, sähe es wahrscheinlich nicht nach „schleppen“, „schlappen“ oder „schlurfen“ aus. Leider fühlt es sich so an. Und leider tut es weh. Aber was soll’s: Gehen ist – ich wiederhole mich vor allem für mich selbst – … also Gehen ist keine Option!

Um mich herum regiert Dunkelheit. Manchmal will mir scheinen als dränge sie in mich ein, wollte mich zur Gänze ausfüllen. Tapfer funzelt mein Stirnlämpchen dagegen an. Keine Erinnerung an die letzte Stunde. Da waren die Tafeln 80 km und 85 km. Da war der klar gedachte Satz: Noch 10 (noch 5) km bis ich endlich – endlich!!! – telefonieren darf. Da war auch Bedauern für Ines, die so elend lange auf mich warten muss. Inzwischen steht felsenfest, dass ich Faenza nicht vor zwei Uhr erreichen werde. Ansonsten perlen eine Menge Überlegungen durch meinen Kopf in anderthalb langen Stunden. Rein mengenmäßig betrachtet. Selbst wenn meine Hirnströme, so wie jetzt, im Zustand weitgehender Erschöpfung extrem langsam fließen. Sicher dachte, denke, werde ich nur Belangloses denken. Und sicher streicheln, hätscheln, besänftigen viele Impulse den mehr und mehr in Selbstmitleid badenden Teil meines Egos. Aber was konkret denke ich? Weiß nicht. Nichts davon ist es wert gespeichert zu werden.

Ich schimpfe. Lautlos oder, wenn ich mich allein weiß, halblaut. Schimpfe, wenn sie wieder und wieder vorbei tuckern, meine Vorsicht einfordern, vor sich hin stinken. Immer dieselben blöden Karren. Autos, Motorräder, Roller und ein Wohnmobil. Ja besonders das röhrende, alte, Dieselabgase en masse ausströmende blöde Wohnmobil. Alle paar Kilometer nervt mich dieser doofe Möbelwagen. Groß, breit, laut, lästig. Auch gefährlich? Sie werden schon aufpassen. Wer, wenn nicht die Fahrer dieser Fahrzeuge, weiß dass wir Läufer auf der Straße sind …

Dann endlich ein Silberstreif am Horizont. Eine prächtige Burg, hell erleuchtet, weit oben am Hang. Sie steht über „Brisighella“, auf dessen hübscher Piazza ich eine Viertelstunde später trinke und kurz raste. Will aber rasch weiter. Nur noch zwei Kilometer und dann telefonieren …

Zweimal habe ich Ines angefunkt, zweimal meldete sich die Mailbox. Beunruhigt mich nicht, denn bei der Gelegenheit las ich ihre anfeuernde SMS mit dem Schlusssatz, dass sie in Faenza auf mich wartet. Also gut angekommen, wie erwartet. Ich behalte das Handy in der Hand. Links. Denn mit der Rechten trage ich ja die Digicam seit 90 km spazieren … Wenn sie meinen Anruf registriert, wird sie sich melden. Das passiert einen Kilometer weiter und wieder einmal bin ich überwältigt vom Auftrieb, den mir der bloße Kontakt mit meiner Frau vermittelt. Allein ihre Stimme ... köstlichstes Ambrosia! Es tut noch genauso weh, wie vorher, ich bin noch genauso zerschossen, wie davor, aber es fühlt sich nicht mehr schlimm an.

Weiter, weiter, immer weiter. Bin bis hierher gelaufen – gelaufen! Nicht gegangen! – also kann ich auch noch weiter laufen – nicht gehen! Noch 7, 6 Kilometer bis Faenza und absolute Dunkelheit um mich her. Einmal meinte ich den Lichtschein der Stadt am Horizont zu sehen, kurz und danach wieder schwarzes Nichts. Brille ab, wischen, Brille wieder auf. Mal wieder aufwärts. Wie oft denn noch. Und wieder sanft bergab, so könnt’ es bleiben. Tut es aber nicht. 95 Kilometer. Über 96 schon in meiner GPS Anzeige, die inzwischen mehr als einen Kilometer vorauseilt.

Ob die letzten Kilometer beschildert sind, wie sich das für einen 100 km-Lauf gehört? Das brächte ein wenig Abwechslung, weil ich jedes Tausend der Meter einzeln „abhaken“ könnte. Ich schleppe mich vorwärts und begegne der „96“. Foto. Werde von jeder Tafel eins machen. Wieso? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wegen der verlockenden Aussicht dafür 3 Sekunden stehen bleiben zu dürfen. „97“ und die Straße zieht sich endlos. Ich leide wie ein Tier. Wirklich animalisch. Wieso „animalisch“? Weil mich in diesem Zustand nicht mehr viel von einem Tier unterscheidet. Denken auf Sparflamme, minimalistisch, leidensbezogen. Überwiegend fühlen. Alles Sinnen und Trachten auf Aushalten programmiert. Auf Leiden und Durchhalten. „98“. Foto. Weiter.

Brille ab, wischen, Brille auf. Reflexhaft. Traben. Traben. Traben. Weit voraus ein Mitleidender. Vorhin, kurz vor 95 km, hat mal einer was gefragt, den ich überholte. Hab’s nicht verstanden. Aber was wird der schon gefragt haben. Hab einfach „Cinque“ geantwortet. Fünf. Noch fünf Kilometer. Genau das wollte er wissen. Brummte irgendwas. Keine Ahnung was, aber, dass er genau das wissen wollte, hörte ich raus.

Spannung baut sich auf – na ja, ein bisschen. Die Tafel aller Tafeln kommt in Sichtweite. „99“. Die bekloppteste Schnapszahl, die ich kenne. Und bekloppt bin auch ich. Spontane Idee: Ein Selfie mit der „99“. Ist doch geil, kann ich ‘ne halbe Minute stehen bleiben bis das klappt. 11 Stunden sind eh schon um, versäume doch nix. Also ein Selfie … Sieht doof aus mit Mund offen. Noch eins. Ja gibt’s das: Wieder Mund offen. Also zum Dritten – und diesmal bin ich zufrieden …

Der letzte Kilometer. Schon eine Weile in Faenza. Licht. Trabe die Meter runter und fühle neben Erschöpfung und Schmerzen etwas für heute Neues: Zufriedenheit. Dann laufe ich auf die „Piazza del Popolo“ ins Helle und freue mich. Ines sehe ich nirgendwo. Aber sie ist da, das fühle ich. Noch ein paar Meter. Arme hoch, so früh wie noch nie. Hoch erhobenen Hauptes durchs Zieltor. Geschafft. Die Messeinrichtung verbucht für mich:

Zeit: 11:07:52 h (netto), Gesamtplatz 292 bei den Männern

 

Fazit zur Veranstaltung

Zum ersten Mal war ich von einem Marathon (oder weiter) in Italien enttäuscht. Wesentliche Minuspunkte aus meiner Sicht in der Reihenfolge ihrer Bedeutung:

Hinweise:

Die Strecke bis zum „Colla Pass“ hat einiges an Reizen zu bieten. Genießen kann die aber nur, wen der starke Verkehr nicht stört. Je nach Tempo wird man aber auch schon vorm „Colla Pass“ wegen Dunkelheit nichts mehr sehen. Leider, denn die Strecke jenseits des Passes ist ebenfalls wunderschön.

 

Wir über uns Gästebuch Trekkingseiten Ines' Seite Haftung
logo-linkslogo-rechts

zum Seitenanfang