Die volle Dröhnung   –  Saar-Hunsrück-Supertrail, 66 und 62 km

Es gibt Väter und Väter. Die einen ziehen am Vatertag mit einem Bollerwagen voller Bier grölend durch maigrüne Auen, holen sich auf diese Weise die volle Dröhnung. Andere verbringen ihren „Jubeltag“ auf der Autobahn, fahren zu einer verrückten Laufveranstaltung. Doch, doch, schon ein wenig „verrückt“. Oder findest du es etwa „normal“ an zwei Tagen insgesamt 128 km weit zu laufen und dabei 3.400 Höhenmeter zu überwinden? Verrückt oder nicht, jedenfalls eine ziemlich aufreibende Methode, um sich den Genuss der vollen Dröhnung zu verschaffen.

Als Gute-Laune-Garant auf härteren Trailphasen begleitet mich unsere Hündin Roxi nach Nonnweiler-Braunshausen. Die mit dieser Namensnennung wahrscheinlich aufgedeckte geografische Wissenslücke braucht dich nicht beunruhigen. Das Dorf kennt kaum ein Mensch jenseits Saarländischer und Hunsrücker Wälder. Ungefähr dort liegt Braunshausen: Nördliches Saarland, Kreis St. Wendel, an den rheinland-pfälzischen Hunsrück grenzend und somit nahe dran am Saar-Hunsrück-Steig. Und um diesen Steig geht es. Von insgesamt über 410 Kilometern Wanderweg greifen die beiden Etappen des „Saar-Hunsrück-Supertrails“ zwei attraktive Abschnitte heraus. Welche und auf welche Weise attraktiv erfährst du in den beiden Laufberichten.

 

Freitag: Von der Wildenburg nach Braunshausen (66 km/2.000 Hm)

Unser Laufabenteuer beginnt mit Busfahren. Mit der ersten Läuferwelle (Start 7:00 Uhr) lasse ich mich durch den Hunsrück schaukeln. Für Roxi ist die Sache doppelt aufregend, weil einige Handbreit von ihr entfernt ein Weißer Schäferhund mitfährt. Die beiden Vierbeiner hatten sich allerdings bereits gestern, anlässlich einer kurzen Schnupperbegrüßung, wenig zu sagen. Hüben wie drüben kein Hauch von Aggressionspotenzial. Als Hund riecht man so was und hat Vertrauen. Ziel der frühen Fahrt ist die Wildenburg, nahe Idar-Oberstein, eine der Sehenswürdigkeiten auf dem Saar-Hunsrück-Steig. Der Blick aus dem Fenster ist wenig verheißungsvoll: Nebelschwaden hängen über der Landschaft und die Hunsrückhöhen verstecken sich in dunkelgrauen Regenwolken. Regnen wird es, wie schon vorhin bei der Abfahrt. Kommt nur drauf an wie lange und intensiv.

6:50 Uhr: Unterhalb der Wildenburg steigen wir aus und bekommen eine kurze Einweisung. Anschließend werden unsere Namen auf der Startliste abgehakt. Beides vollzieht sich unter unangenehmen Begleiterscheinungen: Regen und Wind lassen mich erbärmlich frieren. Und Roxi nervt mit unablässigem Bellen. Aus unerfindlichem Grund versetzte noch jede Vorstart-Phase Roxi in helle Aufregung, in einen von Adrenalinschüben provozierten explosiven Zustand. Natürlich ist da Freude mit im Spiel. Roxi wurde zum Laufen geboren! Doch diesen Spaß lebt sie beinahe täglich mit Frauchen oder Herrchen aus und bleibt dabei vergleichsweise „cool“. Wie dem auch sei: Ich sehne das Startsignal herbei, Roxis wegen und um dem Mistwetter in den Wald zu „entkommen“.

Los geht’s, infolge bescheidener Witterung ganz unfeierlich und zunächst sachte bergab. Roxi verschwindet mit rasantem Auftaktsprint im Halbdunkel des Waldes. Kein Problem. Straßen sind zunächst nicht zu erwarten. Wenn sie ihr „Mütchen gekühlt“ hat, wird sie umkehren, um zu sehen, wo ich bleibe. Einstweilen gehe ich in Gedanken noch einmal meine Lauftaktik durch, praktiziere sie zugleich vom ersten Schritt an: Extrem vorsichtig laufen! Der Saar-Hunsrück-Steig besteht zu einem sehr großen Teil aus anspruchsvollen Trails. Wie die in einem deutschen Mittelgebirge beschaffen sind, weiß jeder Wanderer: Steine und Wurzeln, außerdem Wurzeln und Steine. Neben der Stolper- droht heute zusätzlich erhöhte Rutschgefahr. Nicht nur von Wurzeln und Steinen, auch Herbstlaub, Gras und schmierig weiche Böden wollen mit Bedacht betreten werden. Also jeden Schritt kontrolliert setzen!

In Tempo übersetzt bedeutet das: Sehr langsam laufen. Im Grunde kommt mir das entgegen, weil ich mich auf keinen Fall verausgaben darf. Morgen ist auch noch ein Tag und was für einer … Bereits die Auftaktkilometer fordern mit allen Schwierigkeiten, stellen einen ausgeruhten Körper und wachen Geist allerdings vor keine Probleme.

Unvermittelt stehe ich vor den Mauern der ... Wildenburg!?. Schon ein bisschen verwirrend, wähnte ich mich doch inzwischen fast sechs Kilometer von hier entfernt!? Wie einige andere, kann ich nicht widerstehen und steige die Stufen zur Burg hinauf. Wenigstens einen Blick in den Burghof werfen. Kostet Zeit und Kraft zusätzlich, doch wer weiß, ob ich je wieder hierher komme. Ein paar Schritte Gefälle später passieren wir das Startbanner und schlagen nun tatsächlich Richtung Braunshausen ein …

Wie oft in den vergangenen Jahren, wenn nur der Trainingsumfang eines Wettkampfs im Fokus steht, kenne ich nicht mehr als seine Eckdaten: Streckenlänge, Höhenmeter, ungefähre Beschaffenheit der Wege; weiß mithin nicht, was im Detail an Schwierigkeiten auf mich wartet. Vielleicht bin ich deshalb trotz des bescheidenen Wetters (himmlische Brause gerade abgedreht, Brille bereits einmal trocken gewischt) so gut gelaunt. Seit ein paar Minuten folge ich Serpentinen in den Hängen der „Rosselhalde“ auf unschwierigem Pfad abwärts. Immer wieder wird der Blick talwärts über großflächige Geröllhalden frei. Denke unwillkürlich an Abraumschüttungen eines Bergwerks, quere jedoch eine auf natürliche Weise entstandene Bergflanke. Über die Jahrtausende sprengte der wechselweise Einfluss von Regen, Frost und Sonne Felsstücke ab, die dann talwärts kullerten.

Letzte Kehre vor Erreichen der Talsohle und Überqueren einer Straße: Mit harschem Befehl hole ich Roxi an meine Seite. „…und Vorsicht beim Überqueren der verschiedenen Autostraßen ist sehr angebracht!“ Der Satz steht in der schriftlichen, gestern ausgehändigten Einweisung und geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Sekunden später zischen zwei Autos vor unseren Nasen vorbei, als flöhen sie vor irgendwelchen Verfolgern. Und es wird heute nicht das einzige Mal bleiben, dass ich um Roxis und meine Unversehrtheit fürchte. „…und Vorsicht beim Überqueren der verschiedenen Autostraßen ist sehr angebracht!“ Autos, Laster, vor allem aber Rudel tempogeiler Biker donnern durch den Hunsrück als gäbe es ganz sicher kein Hindernis hinter uneinsehbaren Kurven.

Ich gewinne am Gegenhang wieder Höhe. So wird es heute häufiger sein. Stelle ich mir jedenfalls vor. Irgendwie müssen sich die angedrohten 2.000 Höhenmeter schließlich addieren. Die technischen Anforderungen wechseln ständig. Im Grundsatz ein Teppich aus altem Laub, häufig durchsetzt mit kantigen Steinen, über Wurzeln, dann und wann ein paar sehr steile Schritte in blockigem Fels und immer weiter empor. Ich zuckele an einem älteren Läufer vorbei. Alles relativ. Wenn ich von einem „älteren“ Läufer spreche, heißt das zwangsläufig noch älter als ich. Er geht. Altersweisheit. Die hat mich noch nicht durchdrungen. Mein läuferisches Glaubensbekenntnis lässt nicht zu, dass ich gehe. Nicht so lange genug Energie in mir ist. Nicht zum ersten Mal frage ich mich: ‚Passt das selbst auferlegte Gebot noch zu meinem Alter?’ Die Antwort kann ich mir nur selber geben, aber in mir drin herrscht Schweigen. Also laufen. Genauer gesagt tippeln. Dabei die Füße hoch genug heben, um nicht zu stolpern. Vor mir eine Serie von Stufen, gesetzt aus vor Ort gefundenen Blöcken. Also ungleich hohe, keineswegs plane Tritte. Da findest du keinen Rhythmus. Schweiß tropft von der Stirn. Zwei Stufen, drei, … hoch, höher und plumps liege ich auf dem Rücken wie ein havarierter Maikäfer.

Schrecksekunden: Stehe unbeholfen wieder auf. Kein Schmerz. Keine Blessuren. Bei praktisch null km/h Vortrieb auch kaum zu befürchten. Ausrüstung? Trinkgürtel okay. Kamera mit nassen Laubresten verdreckt. Wische ich an der Hose sauber. Hadere mit mir, verpflichte mich zu noch sorgfältigerem Setzen der Schritte. Beschwöre zur Warnung die Urangst jedes Läufers: ‚Wenn du auf die Schnauze fällst und dich verletzt, dann war’s das mit der Saison!’

Tiefe Mulde unterhalb des Weges im felsigen Hang, die sich als enger Höhleneingang fortsetzt. Der ist allerdings mit einem Gitter aus Eisenträgern verschlossen. Natürliches Loch oder alter Bergwerksstollen? Das Schild beantwortet zwar diese Frage nicht, weist aber auf Fledermäuse hin: „Fledermaushöhle beleuchtet (über Lichtschalter), 15.04. – 15.10.“ Soll ich? Entscheide mich dagegen, will nicht unnötig Energie verschwenden. – Ein reizvoller Pfad dieser Saar-Hunsrück-Steig. Auch bei diesem Mistwetter. Regnet es augenblicklich oder nicht? Schwer zu sagen unter beständig vor sich hin tropfenden Bäumen. Bisher musste ich meine Brille zweimal trocken reiben und schon wieder kreist dieser blöde Werbespruch in meinem Kopf: „Gutes Sehen nützt, gutes Sehen schützt!“ Zum Glück haben die Werbestrategen insofern versagt, als ich dem Satz keine Marke zuordnen kann. Aber sie haben recht: Ich kann es mir nicht leisten im Halbdunkel des Regenwaldes eine Unebenheit zu übersehen. Technisch-taktische und Fotostopps bringen den älteren Läufer wieder in Front.

„Zwischen den Wäldern“ heißt dieser etwa vier Kilometer lange Wiesenabschnitt nahe der Ortschaften Sens- und Wirschweiler. Bei Sonnenschein bestimmt was fürs naturverliebte Herz mit tollen Aussichten auf umliegende Waldeshöhen. Jetzt einfach nur mühsam und widerlich. Gras dämpft die Schritte und nässt. Die Dämpfung saugt mir Kraft aus den Beinen und die Nässe steht nach ein paar Minuten schmatzend in den Schuhen. Damit nicht genug. Hier unter freiem Himmel bin ich dem kalten Wind und den gerade heftigen Regenschauern schutzlos ausgeliefert. Roxi natürlich auch, aber die trägt wenigstens keine Brille … Wir holen den älteren Läufer wieder ein, der anscheinend häufiger Orientierungsprobleme hat. In dieser Hinsicht kann ich mich nicht beklagen. Bisher führten mich die kleinen blau-grünen Täfelchen mit dem „SH“ sicher durch Tann und Wiese.

Der Ältere folgt Roxi in einen Seitenweg und ich setze den beiden nach. Das an dieser Stelle etwas zurückgesetzt angebrachte Markierungstäfelchen scheint die Richtung zu bestätigen. Pustekuchen: Sackgasse! Später wird sich der Ältere mir gegenüber als Hundebesitzer outen, der häufig mit seinem Vierbeiner läuft. Und dass man sich eigentlich auf die Nase der Hunde verlassen könne, die der Spur der vorderen Läufer folgen. Im Prinzip ist das richtig. Roxis Interesse gilt allerdings nur so lange der Schweißspur irgendwelcher Vorkämpfer, bis ihr Fährten von Hase, Reh und wer weiß was sonst noch, verführerisch durch die Nase ziehen.

Verpflegung unterm Partyzelt. Roxi reiche ich zwei Kekse vom reich gedeckten Tisch. Für solchen Lohn würde sie notfalls den Erdball umrunden. Mir selbst nehme ich nur Wasser und bediene mich aus meinem Gelvorrat. Einmal mehr reibe ich meine Brille trocken. Das dauert und ich kühle aus. Dank an die Helfer und ab mit staksigen Schritten. 20 Km und bereits zweieinhalb Stunden Laufzeit liegen hinter mir. Das sagt einiges über Beschaffenheit der Strecke und sonstige Bedingungen aus. „Zwischen den Wäldern“ ist mir der Spaß ziemlich abhanden gekommen. Kann man auch an meinen fotografischen Aktivitäten ablesen. Eine Stunde lang kein Bild! Ab in den Wald und zwischen Bäumen taue ich langsam wieder auf. Körperlich und mental.

Wir bilden eine Interessengemeinschaft, der ältere Läufer und ich. Allerdings macht jeder sein Ding. Er fällt zurück, wenn ich aufwärts laufe, holt dafür bergab wieder auf. Vor dem „Ortelsbruch“, einem Moorgebiet, das auf einem mehrere hundert Meter langen, verwinkelten Holzsteg besichtigt wird, lege ich einen „biologisch bedingten“ Halt ein. Natürlich reibe ich danach einmal mehr meine Brille trocken und verliere darüber meinen Mitkämpfer aus den Augen. Am Ende des Stegs holen Roxi und ich ihn wieder ein. Er rutschte auf den glitschigen Planken aus und muss den Schock des Sturzes erst einmal verdauen. Zum Glück scheint er unverletzt, klagt lediglich über Prellungsschmerzen an der Hüfte.

Vier Augen sehen mehr als zwei. Deshalb bleibt uns Verlaufen lange Zeit erspart. Als es dann doch passiert folgen wir der logischen Route – dem Forstweg – bergab. Der Saar-Hunsrück-Steig folgt indes seiner eigenen, „unlogischen“ Orientierung, schlägt sich seitwärts in die Büsche. Wenig später stehen wir an einer Weggabelung bar jeglicher Kennzeichnung: Verlaufen! Also zurück, nicht weit aber leider bergauf, bis zum korrekten Abzweig. Die Markierung des Saar-Hunsrück-Steigs ist unmissverständlich, auch an dieser Stelle, nur leider furchtbar leicht zu übersehen.

Asthmatische Attacke aus nicht umzäuntem Neubaugrundstück: Der herbei spurtende Mops hat es nicht auf Läuferbeine abgesehen. Roxi erregt seinen Unmut, vielleicht auch nur seine Neugier. Das wohl eher, wenn ich Roxis gelangweilte Reaktion richtig deute. Sie ignoriert den röchelnden Wichtigtuer. Aufregung verursacht der Vorfall nur bei der völlig aufgelösten, von Mopsens Ausbüchsen peinlich berührten Besitzerin. Als sie ihn schließlich eingefangen hat, bedankt sie sich und ich weiß nicht mal wofür. Abschluss des Vorfalls: Ich zeige auf den hinter ihrem Grundstück abzweigenden Wiesenpfad und frage: „Da runter zum Saar-Hunsrück-Steig?“ – Die nassen Wiesenwege sind gottlob gemäht, so dass nicht noch mehr Wasser in meine Schuhe schwappt. Apropos Wasser: Seit einiger Zeit hat es nicht mehr geregnet und ich bin guter Dinge, dass es so bleibt.

Auf Wiese folgt wieder Wald und alsbald ein beeindruckendes, in meinen Augen bildschönes Bauwerk, das „Hoxeler Viadukt“; eine aus dunkelrotem Sandstein 1903 errichtete Eisenbahnbrücke. Wir passieren eine der schlanken, 16 Meter breiten und 40 Meter hohen Bogenöffnungen, so dass sich meiner Kamera atemberaubende Perspektiven bieten. Ein paar Minuten später wiederholt sich die Ansicht, weil der Steig eine Wende vollzieht und am Gegenhang die enge Schlucht wieder verlässt. Furiose, in unseren Tagen völlig nutzlos gewordene Architektur. In den 1990er Jahren wurde die Strecke über das „Hoxeler Viadukt“, die „Hunsrückquerbahn“, endgültig stillgelegt. Pläne zur touristischen Wiederbelebung scheitern am fehlenden Geld. Woran wohl sonst …

Bei einem der seltenen Blicke auf Uhr und GPS-Anzeige erwische ich zufällig mein Halbzeitergebnis: 4:13 h für 33 km. Ich hatte keine Vorstellung, wie lange ich für die 66 km heute brauchen würde. Jetzt ist klar, dass an neun Stunden im Ziel wohl nicht mehr viel fehlen wird. Technisch einfacher wird der Steig kaum werden und ein Großteil der Höhenmeter fehlt auch noch. Halbzeit markiert auch den rechten Moment zum Jammern: Meine Füße tun weh. Fußsohlen, Zehen, Knöchel, alles. Wen’s wundert, dem empfehle eine kleine Wanderung auf dem Saar-Hunsrück-Steig – am besten in Laufschuhen …

Sanft aber länger aufwärts jetzt, erst über Gras, dann auf einem Forstweg. Wie es scheint kann mir der ältere Läufer nicht mehr folgen. Nach und nach verliert sich das Geräusch seiner Schritte hinter mir. Und vor mir – Wegweiser lassen keinen Zweifel aufkommen – droht demnächst die „Besteigung“ des „Erbeskopfs“. Die dauert und sie kostet Körner. Wie es scheint, muss ich den Weg nun alleine finden. Willkommen zurück im Trainingsalltag: Nahezu hundert Prozent meines Trainings bestreite ich solo, begleitet von Roxi. Furcht vor weiterem Verlaufen will sich keine einstellen. Markierungen folgen dicht auf dicht. Falls ich einen Irrweg einschlage, werde ich nach wenigen Metern kein Täfelchen mehr sehen und umkehren …

Eine weitere sinnlos gewordene Eisenbahnbrücke liegt auf unserem Weg zum Erbeskopf. Nicht so kühn und ansehnlich errichtet wie die vorherige, doch immerhin eine willkommene optische Abwechslung. Als solche betrachte ich auch den kleinen verwunschenen Weiher, zu dem uns der Steig ein paar Minuten später schickt. Roxi hat keinen Durst. Sie steht am Ufer und schaut mich an. Diesen Blick kenne ich: „Schmeiß mir was ins Wasser, damit ich hinterher springen kann!“ Ein Wunsch, den ich ihr auf Trainingsrouten nicht selten erfülle. Für Roxi steht dabei der Mordsspaß im Vordergrund: Schwimmen, Fangen, Jagen. Für mich zählt eher die Möglichkeit die „Schwarzfellige“ abzukühlen. Braucht’s heute nicht. Keine Sonne und zu kalt. Also weiter …

Auch wenn ich noch nie oben war, ist mir der Erbeskopf mit seiner Radaranlage ein Begriff aus meinem früheren, soldatischen Leben. Die mit 816 m höchste Erhebung des Hunsrücks (zugleich von Rheinland-Pfalz) wurde demnach schon vor Jahrzehnten erschlossen. Als ich den Wurzelpfad zwischen Zufahrtsstraße und riesigem Parkplatz verlasse bietet sich mir derselbe trostlose Anblick wie in Skigebieten der Alpen: Liftanlage, Schneekanonen, Restaurantbereich, diverse Einrichtungen zum Ausleben anderer Lustbarkeiten. Das alles auf vielen Hektar nachhaltig zerstörter Natur. Bereits die Beschreibung impliziert eine Wertung, auch wenn das nicht meine Absicht ist. Vielleicht muss das so sein: Das eine oder andere Gebiet aus wirtschaftlichen und Freizeitinteressen komplett ruinieren, damit der überwiegende Rest einigermaßen unangetastet bleibt. Dennoch werde ich mich an autobahnbreite Kahlschläge für Skipisten, auf denen sommers lediglich Gras gedeiht, wenn überhaupt, in diesem Leben nicht mehr gewöhnen … und will es auch nicht.

Verpflegung vorm hypermodernen Hunsrückhaus. Wie gehabt: Kekse für Roxi, Wasser und Gel für mich. Und nix wie weg. Zunächst durch ein handtuchschmales Karree verbliebener Fichten, die den Kahlschlag überlebten. Dabei steppe ich über cirka eine Million Wurzeln, hätte darob aber nicht in Fluchen verfallen sollen. Die alsbald folgende Alternative – am Rand der Skipiste steil, steiler, am steilsten bergan –, erweist sich als viel unangenehmer. Zunächst mache ich dem Schnellsten der heutigen Konkurrenz Platz, der auf mittlerweile 40 km bereits unglaubliche anderthalb Stunden aufgeholt hat. Als er den gnadenlos steilen Buckel vor uns erblickt, meint er nur: „Na, da rauf gehen wir jetzt aber mal!“ Stimmt so nicht. Wir gehen nicht. Er geht, ich tippele. Dass er schneller geht als ich tippele, versteht sich von selbst. Dass die Gangart „Laufen“ beizubehalten eine Torheit darstellt, auch. Aber dazu verpflichtet mich nun einmal die mir selbst auferlegte Regel. Zwei-, dreimal bleibe ich schwer atmend für ein Foto stehen, verfluche meine Sturheit und denke Sätze ähnlich diesem: „Warum nur tue ich mir so was an?“. In ein paar Minuten wird diese „temporäre Geisteshaltung“ als das entlarvt und abgehakt werden, was sie noch jedes Mal war: Stresskompensation.

Ein Wanderer kommt mir entgegen und erläutert ungefragt die Wegführung auf dem nahen Gipfelplateau. Offensichtlich wussten einige meiner Vorgänger dort oben nicht weiter. Was ich, oben angekommen und endlich wieder flache Schritte setzend, nicht nachvollziehen kann. Auch wenn auf der Gipfelglatze des Berges, eine Menge Merkwürdigkeiten herumstehen, zur Wegführung des Saar-Hunsrück-Steigs kommen mir keine Zweifel. – Was ich mit „Merkwürdigkeiten“ meine? Zwischen die schon erwähnte Radaranlage, die Bergstation des Lifts und einen Gitterturm mit Funkantennen verirrten sich diverse Kunstwerke. Ein ziemliches Monstrum das erste, an dem ich vorbei schleiche, die Skulptur „Windklang“. Sie ist sogar als Aussichtsplattform begehbar. Später passiere ich eine mehrere Meter hohe, quadratische Säule, mit schwarz-weißem Oberflächenmuster und einen rostroten, kantigen Zweiteiler namens „Dialog“.

Ein Teil der militärischen Nutzung des Gipfels endete mit dem Kalten Krieg. Jetzt ist Platz für anderes. So weit, so gut. Ein von Menschenhand irreparabel verschandelter Berg kann durch das Aufstellen von Kunst nur gewinnen. Wenn ich solche Beobachtungen am Laufweg mache, dann schreit das natürlich nach einer Internetrecherche. Bei Wikipedia lese ich von einer beabsichtigten „landschaftsplanerische(n) Wiederherstellung des Erbeskopfgipfels“, für die ein Architekturbüro verantwortlich zeichnet. Wer verfasst dermaßen unsinnige Formulierungen? Wie kann man einen Gipfel „wiederherstellen“? Dazu müsste man zunächst alle Zeugnisse menschlicher Zivilisation beseitigen. Was gar nicht geht, weil unser technik-basiertes Leben nun einmal Antennen zur Datenübertragung und Radaranlagen zur Flugüberwachung erfordert (und wahrscheinlich auch die Skipiste). Weil das aber noch nicht reicht, klotzt man ein Kunstwerk mit Aussichtsplattform daneben, statt das Geld in die Renaturierung dessen zu stecken, was sich renaturieren lässt. Ich will nicht als Pharisäer auftreten, der verdammt, was er letztlich selber nutzt. Durch blumige Formulierungen darf die Wahrheit jedoch nicht verschleiert werden: Eine aufgegebene Nutzung des Gipfels wurde durch eine andere (Kunst) ersetzt. Der Natur hilft das nicht.

Es folgen zehn Kilometer frisches, helles Grün, zumeist Laubwald im „Naturwaldreservat“ auf den Kämmen des Erbeskopfs. Dieser (zumindest für die Augen eines Laien) völlig intakte, großenteils sich selbst überlassene Forst hebt meine Stimmung gewaltig. Verstehen kann das nur, wer weiß, dass ich einen Teil meiner Kindheit am und im Wald spielend verbrachte. Der Wald war zeitlebens mein Freund. Im Wald empfand ich immer ein Gefühl von Geborgenheit. Die Nachmittagssonne macht dem kläglichen Rest Regenwolken zunehmend den Garaus. Wo ihre Strahlen den grünen Schirm durchdringen, leuchtet der Waldboden braunrot und kleinwüchsige Flora, Moospolster und Farne, setzt sich effektvoll in Szene. Baumpilze, unregelmäßig wie Klettergriffe an abgestorbenen Buchenstämmen verankert, werben um des Fotografen Gunst. Wer kann sich all diesen optischen Reizen entziehen? Ich jedenfalls nicht und deshalb bekommt meine Digicam nun wieder mehr Arbeit.

Meine schon arg beanspruchten Ausdauerakkus leeren sich auf diesem Abschnitt langsamer, es geht tendenziell immer weiter abwärts. Zwischen überwiegend Buchen scheut der Saar-Hunsrück-Steig keinen Schlenker. Wo immer möglich zerrt er mich von festen Forstwegen auf unsichere Pfade. Hetzt mich über Wurzeln, manchmal durch steinige Passagen und über Bodenunebenheiten jedweder Größe. Stunde um Stunde prüft dieser Wanderweg meine Konzentration.

Roxi und ich unterwegs auf einem unbewohnten Planeten. Die meiste Zeit jedenfalls. Höchst selten begegnen uns Wanderer. Läufer? Fehlanzeige auf diesem Abschnitt. Kilometer 50: Vor uns breitet sich eine von der Nachmittagssonne durchflutete Wiesenmulde aus. Weiter talwärts künden ein paar wie hingewürfelt wirkende Häuser von einer Ansiedlung. Muss ein wunderbares Wohnen sein im Wiesengrund, umgeben von scheinbar endlosen Wäldern. Natürlich nur so lange man nicht gerade den Einkauf erledigen möchte, zur Schule oder Arbeit muss und sich die Sonne blicken lässt … Roxi mag Sonne und Wiesen: Sie wirft sich ins hohe Gras, wälzt sich mit Wohlgefallen und lässt dabei ein genussvolles Brummen hören.

Keine zehn Minuten später tauchen wir erneut in dichtem Wald unter. Der Weg fordert plötzlich wieder mit Steigung. Die nehme ich schicksalsergeben hin, werde die letzten 15 plus X* Kilometer schon irgendwie überstehen. Ich bin insgesamt langsamer geworden. Zwischenzeiten habe ich keine abgelesen, aber mein Laufgefühl lässt da keinen Zweifel aufkommen. Langsamer nicht nur infolge Ermüdung. Oft auch ganz bewusst langsamer, um jeglichen Fehltritt auszuschließen. Ich habe eine Heidenangst vor den Folgen eines etwaigen Sturzes.

*) „15 plus X“, weil ich infolge Verlaufens, Ungenauigkeiten der GPS-Messung, eventuell auch ungenauer Längenangaben des Veranstalters sicher mehr als 66 km werde zurücklegen müssen.

Wir folgen bereits seit mehr als einem Kilometer einer Forststraße. Höchst ungewöhnlich auf dem „Wurzel- und Steinesammler“ Saar-Hunsrück-Steig! Für meine geschundenen Füße fühlt sich das paradiesisch an, in meinem Kopf schürt es den Argwohn. Bloß nicht verlaufen! Mein Blick sucht den Abzweig im Waldsaum, wie der Strahl der Taschenlampe die Schmuckschatulle im nächtlichen Einbruchhaus. Findet ihn aber nicht, dafür eine willkommene Verpflegungsstelle. Flaschen auffüllen, Roxi mit Keksen belohnen, Wasser trinken, Gel schlucken und um ein Foto bitten: Mann mit Hund. Zwei Helfer, zwei Klienten – wir werden umsorgt wie die Fürsten. Wie immer streicht mein Blick mit großem Bedauern über das opulente Buffet. Es würde reichen, um mitten im Wald eine wilde Party zu feiern. Wenigstens Roxi bekommt ihren Anteil und dann machen wir uns wieder auf den Weg …

Ein Weg der im Grunde dieselben Bilder vermittelt wie all die Stunden zuvor; dieselben „Bildfragmente“, doch immer wieder anders, originell, bisweilen überraschend arrangiert. Wald. Dem natürlichen Werden und Vergehen überlassener Wald, beidseits des jetzt wieder schmalen Pfades. Lichtungen gestatten ab und an einen Blick auf benachbarte Höhen: Auch dort Wälder, so weit das Auge reicht (und es reicht weit an diesem mittlerweile sonnigen Nachmittag). Notwendigerweise spaltet sich mein Bewusstsein. Der naturverbundene Genießer wird nicht müde all die frühlingsschwangeren Eindrücke mit Begeisterung aufzunehmen. Jammern und Wehklagen überlasse ich dem Geschundenen. Lasse ihn zwischen heimtückischen Wurzeln fluchen und innerlich jaulen, wenn er gerade mal wieder auf einen kantigen Brocken latscht. Nicht nur mental eine Darbietung zwischen Langsamem Walzer und Eiertanz …

Leuchtend helles Grün allüberall, dann und wann idyllisch von Mutter Erde arrangierte Steinhaufen, Felsbrocken, züchtig in ein Kleid aus Moos gehüllt, reichlich Zunderpilze auf Totholz – das alles und mehr beidseits des Pfades mitten im Wald. In einem Wald, der jedem Forstexperten die Freudentränen in die Augen triebe. Wald, wie er natürlicher nicht wachsen könnte. Nadel- und Laubbäume gemischt und in allen Wachstumsstufen. Wo Altersschwaches abstirbt, schließlich verfault, sprießt junges Grün kraftvoll nach. Außer Vogelstimmen und den von mir selbst verursachten Geräuschen ist nichts zu hören. Keine Wanderer, nur hin und wieder ein Vertreter der „schnellen Truppe“, der überholt. Kurzer Wortwechsel, wenn überhaupt. Danach wieder Stille.

Freudige Überraschung: Der Ort unterscheidet sich durch nichts von denen kurz davor oder danach. Mir kommt er nicht einmal herausgehoben vor. Andererseits wird das Schild kaum lügen: „Dollberg, höchste Erhebung des Saarlandes, 695,4 m ü. NN“. Du willst das mit der „freudigen“ Überraschung erklärt haben? – Ich wurde in einem Haus, 42,1 km Luftlinie von hier entfernt, als Saarländer geboren und verbrachte – wie schon erwähnt – einen Teil meiner Kindheit als Saarländer in einem anderen Haus, nur 41,7 km weit weg (Km-Angaben gemäß Google Earth). Heimat- und Erdkunde waren damals meine Lieblingsfächer. Ob ich vom höchsten Berg meiner Heimat jemals hörte, weiß ich nicht. Aber nun – mehr als 45 Jahre nachdem meine Familie dem Saarland endgültig den Rücken kehrte – stehe ich drauf und noch dazu am höchsten Punkt. Kurios.

Und kurios geht es weiter. Keine Viertelstunde später stehe ich vorm „Ringwall“, den gewaltigen Resten einer keltischen Festung. Einst erhob sich die Mauer 25 Meter über diesen Höhenrücken**. Heute türmt sich der Wall immerhin noch 10 Meter hoch auf und misst an der breitesten Stelle 40 Meter. Kein Mensch in der Nähe für einen Größenvergleich. Also stoppe ich Roxi, die bereits munter die für Wanderer geschaffenen Stufen erklimmt und schieße ein Foto. Dann arbeite ich mich selbst zum Scheitelpunkt empor – Vorsicht! Unterschiedlich hohe Tritte! – begleitet vom enervierenden „Zzzzsssss“ einer in der Nähe schwebenden Drohne. Ich kann mit Schießprügeln zielgenau umgehen. „Zzzzssss“. Hab ich gelernt und jahrzehntelang immer wieder geübt. „Zzzzssss“. Würde ich einen auf die … „Zzzzssss“ … Drohne anwenden, wenn ich … „Zzzzssss“ … jetzt einen geladenen in der Hand hielte? „Zzzzssss“. Doch halt! Eventuell dient das lästige Rieseninsekt der Forschung, Vermessung, Untersuchung, erfüllt also einen noblen Zweck!? Vielleicht … „Zzzzssssssssssssssssssssssss …“

**) Die typische Konstruktionsweise keltischer Festungsmauern basierte auf einem hölzernen Rahmengerüst aus Baumstämmen. Die Baumstämme waren mit langen Eisennägeln miteinander verbunden. Die Außenseite der Mauer war mit Trockenmauerwerk verblendet, das Innere mit Erde und Geröll verfüllt. Die genaue Konstruktion der in den Bildern gezeigten Hauptmauer (Nordwall) konnte bis heute nicht geklärt werden. Man hat berechnet, dass sie eine Breite von etwa 25 m und eine ebensolche Höhe aufwies. Das entspricht der Höhe eines achtstöckigen Gebäudes!

Steil abwärts jetzt, mehrfach zwischen den mutmaßlichen Resten der keltischen Burg. Steinernen Resten, die es meinen Füßen heftig besorgen. Von fleißigen Wanderern geschichtete Steinmännchen markieren die Stelle für einen attraktiven Talblick. Zwischen hohen Buchen erhasche ich einen Blick auf einen Stausee. Vor dessen Staumauer werden Roxi und ich den Saar-Hunsrück-Steig verlassen und die letzten Kilometer bis zum Ziel in Braunshausen einschlagen. Nicht mehr weit! Oder doch? Beim Einschätzen von Entfernungen beweise ich gewöhnlich wenig Talent.

Weiter abwärts, ziemlich „haarig“ abwärts. Vor Beginn meiner Marathonzeit hätte ich jeden für komplett verrückt erklärt, der solche Wege in anderen als festen Bergschuhen betritt. Ein-, zweimal muss ich sogar die Hände zu Hilfe nehmen, um schwierige Felspassagen zu meistern. Hier geht’s einzig um orthopädische Unversehrtheit, alle anderen Belange stehen hintan. Nachträglich in meiner GPS-Aufzeichnung recherchierte 12 (!!) Minuten für diesen Kilometer bezeugen die Höchstschwierigkeiten. Adrenalinschauer jagen über meine Haut, mobilisieren noch einmal (hoffentlich zum letzten Mal) höchste Konzentration …

Geschafft: Nicht gestürzt, nicht umgeknickt, keine Blessuren. Ich setze mit Roxi über eine der gefährlichen Straßen und gönne mir eine Pause am letzten Verpflegungspunkt. Übliches Verpflegungsritual. Zwei schnellere Läufer, die mich kurz zuvor überholten, brechen bereits auf, im Gefälle abwärts, einen Parkplatz querend. Ich trinke noch meinen Becher aus und frage: „Wie geht’s weiter?“ Eigentlich unmissverständliche Auskunft: „Runter bis zum See und dann links, am Ufer entlang!“. Na dann los und die letzten paar Kilometer runterreißen. Mein Blick verirrt sich nach längerer Zeit mal wieder zur Uhr: 8:15 h um. Da ich laut GPS nun nur noch fünf, wenn’s hoch kommt sechs Kilometer vor mir habe, sollte ich eindeutig unter neun Stunden bleiben …

Ich hole die beiden schnelleren Läufer ein. Unschlüssig stehen sie in Höhe einer Baustelle, vor einer Weggabelung. Links oder rechts? Ich halte rechts für korrekt, lasse mich allerdings von einem Absperrgitter der Baustelle verunsichern. Dennoch versuche ich die beiden von meiner Richtung zu überzeugen: „Wir sollen bis zum Stausee laufen und dann links!“. Dummerweise mache ich nebenan, durch Sträucher ein Gewässer aus. Ist das der Stausee? Also vielleicht doch hier schon links? Woher soll ich auch wissen, dass es sich bei Pfütze hinter den Büschen lediglich um einen kleinen Weiher handelt. Die Draufsicht von Google Earth habe ich leider nicht zur Verfügung, noch irgendwelche Karten. Ärger wabert in mir hoch. Es kann doch nicht angehen, dass hier eine Markierung fehlt. Eine die eindeutig sagt: „Lauf an dem Absperrgitter vorbei!“ oder „Nimm den linken Abzweig!“.

Auf mich alleine gestellt hätte ich wahrscheinlich das Absperrgitter umlaufen und – du ahnst es – den korrekten Weg eingeschlagen. So aber gehorche ich dem Herdentrieb und folge meinen gleichfalls desorientierten Mitläufern. „Seid ihr sicher?“ rufe ich den beiden hinterher und erhalte eine Antwort, die letzten Widerstand schmelzen lässt: „Die Richtung stimmt!“ – Ein paar hundert Meter weiter scheint die Richtung dann doch nicht so ganz zu stimmen. Ein Laufrucksack liegt im Gras, eine Streckenkarte wird ausgepackt und studiert. Ergebnis: Verlaufen! Der Weg wird uns jedoch (so die Karte nicht lügt) zum originären zurückbringen.

Abwärts auf einem Waldweg. Minuten des Bangens. Die beiden Schnellen verschwanden mit flotten Schritten um zwei Wegbiegungen. Nun muss ich mich wieder alleine orientieren. Vielleicht auch besser so. Dann stehe ich an einer Straße und weiß instinktiv: Alles andere als nach rechts und die ersten Häuser eines bereits erkennbaren Dorfes gewinnen wäre falsch. Im Dorf abwärts auf viel befahrener Straße. Ich scanne jeden Quadratzentimeter Straße und Bürgersteig. Schließlich erkenne ich die weißen Pfeile und atme auf. Ich hab’s bei Google Earth nachgemessen: Das Verlaufen kostete mich lediglich etwa 100 Meter Umweg.

Zum Rest der Strecke – Straßenränder – fallen mir nur zwei bedeutsame Bemerkungen ein: Um einiges weiter als mir der Kilometerstand meines GPS vorgaukelte und zum Schluss noch einmal brutal steil hinauf zum Sportcenter von Braunshausen. Erst nach neun Stunden und elf Minuten laufe ich mit Roxi durchs Ziel … müde natürlich aber nicht völlig erschöpft. Mein GPS meldet 68,86 gelaufene Kilometer.

Ergebnis des ersten Tages:

Laufzeit: 9:11 h, Platz 20 von 52 Männern

 

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