Gut gegen Nordwind   –   50 km-Lauf Ebershausen 2015

„Letztes Jahr hab' ich mir hier einen Sonnenbrand geholt!“ – Dass Sybille sich vor Jahresfrist den Teint ruinierte, wäre schon übel genug. Von ihrer Überdosis Sonne in winterlicher Vermummung – Laufjacke, Longtight, Mütze, Handschuhe – und unter dem tristesten aller möglichen Märzhimmel zu erfahren, schickt den Frühling 2015 dann doch zum Schämen in die Ecke. Kälteschauer jagen über meine Haut und lassen das mickrige Pflänzchen „morgendliche Lauflust“ im Keim erstarren. Einziger Trost: Ich warte und friere nicht allein dem Start entgegen. Etwa 60 LäuferInnen sind angetreten, um die zehn Runden des 50 km-Laufs in Ebershausen zu absolvieren. Die mit Abstand weiteste Anreise musste Kraxi in Kauf nehmen: Von der Steiermark in Österreich nach Bayerisch-Schwaben, in ein ansonsten unbedeutendes Dorf, reichlich dezentral im Dreieck Augsburg-Ulm-Memmingen gelegen. Geografisch unbedeutend, jedoch nicht läuferisch, wie sich noch zeigen wird.

Zwei flinke Damen meines Vereins, der TG Viktoria Augsburg, stehen in der Startliste: Die bereits erwähnte, heute nicht sonnenbrand-gefährdete Sybille und Dorit. Dorits Zittern ist nicht allein der Kälte geschuldet, sondern vor allem der durch ihre Adern pulsenden Überdosis Adrenalin. Ihr erster Ultralauf überhaupt! Wie an allen, die läuferisch Neuland betreten, nagen auch an ihr massive Zweifel: Kann ich das schaffen? Na ja, schaffen bestimmt. Aber wie werde ich mich zum Ende hin fühlen? Niemand möchte auf den letzten Kilometern dem Ziel „entgegen sterben“ und doch wissen wir alle, dass genau das geschieht, wenn man Ausdauerpotenzial und Tagesform falsch einschätzt … Sybille hat auf der Herfahrt sicher schon Seelenmassage betrieben. Jetzt muss sich Dorit auch noch von mir ein paar aufbauende Sätze anhören, obschon ich weiß, wie wenig gutes Zureden ausrichten kann. Letztlich gibt es nur ein Mittel, um Bedenken zu beseitigen und Ultraselbstvertrauen zu errichten: Loslaufen, Spaß haben und erfolgreich finishen!

Der Startschuss fällt mit einigen Minuten Verzögerung gegen 9:35 Uhr. Beinahe augenblicklich koppele ich mich läuferisch von den Lauffreunden ab. Ein Kraxi in Bestform wäre in der Lage im Wettstreit um die ersten Plätze zu bestehen, Sybille hat in diesem Jahr – im wahrsten Sinn des Wortes – einen Lauf und auch Dorits geplante Pace liegt jenseits meiner Möglichkeiten. Wieder möchte ich die Laufwoche mit über 90 Kilometer Wochenumfang beschließen. Erneut habe ich in den vergangenen Tagen hart trainiert (Donnerstag ein Intervalltraining) und ähnlich der Situation vor einer Woche, beim 6h-Lauf in Fürth, schleppe ich einen Rattenschwanz unerledigter Regeneration hinter mir her. Deshalb meine Taktik: Anfangs im 6er-Tempo traben und das so lange wie möglich halten. Aber offen und ehrlich: Ich rechne nicht damit diesen Rhythmus über volle 50 km durchzuhalten …

Tempofindung: Langsam ziehen Freund und „Feind“ davon. Zu langsam, was nur heißen kann, dass ich zu schnell unterwegs bin. Nicht den Kardinalfehler aller unerfahrenen Marathonis begehen und schon in den ersten Minuten massenhaft Kohlenhydrate verbraten! Doch gute Tempovorsätze zu fassen ist leicht, sie umzusetzen viel schwieriger. Es dreht sich, auf den Kilometer gerechnet, nur um ein paar Sekunden. Kein Unterschied, den ich in anfänglicher Ausgeruhtheit spüren könnte. Demnach auch keine Differenz, die durch willkürliches Verlangsamen der Schritte aufzuheben wäre. Schon gar nicht im „Sog“ des Feldes, wo optische und akustische Reize mitreißen. Also Rücken und Beine der Vorderleute ausblenden, stattdessen die Umgebung wahrnehmen. Weitere Entkopplung durch selektives Hören: Bewusst auf Geräusche jenseits des vielfüßigen Getrappels achten. Kommentare oder Musik aus Lautsprechern, Beifall von Passanten, ein bellender Hund, schließlich auch Vogelstimmen. Und nach erfolgreicher Entkopplung das gewünschte Tempo einfach herbei denken …

Der fünf Kilometer lange Rundkurs (siehe Bild) ist weder flach, noch weist er ernst zu nehmende Höhenunterschiede auf. Sanfte Wellen gilt es zu überwinden. Der Eindruck flacher Abschnitte entsteht nur, weil Wellenberge und Wellentäler sich über mehrere hundert Meter erstrecken. Lediglich ein markanter Buckel, nicht länger als 30 Meter, liegt im Laufweg. Meine Sohlen traben ausnahmslos auf guter Asphaltdecke, frei von Schlaglöchern. Hundert Meter hinter dem Starttor biegt man erstmals ab und lässt sich 20, 30 Meter im stärksten Gefälle des Kurses treiben. In dieser Nebenstraße überschreiten wir erstmals den Dorfbach, danach geht es sanft aufwärts und alsbald wieder rechtwinklig nach links. Weitere zweihundert Meter sehr moderat hinan, dann bleibt das Dorf zurück. Beinahe flach an Kilometer 1 vorbei, parallel zum Bach und kurze Zeit später scharf links ab. Der Bach wird neuerlich überquert und eine Senke durchschritten, die mit besagtem Buckel und Rechtsabbiegen auf die Wendestrecke endet. Folglich darf ich die nächsten, grob anderthalb Kilometer pro Runde zweimal besichtigen, erst gen Süden hin, dann nordwärts zurück. Aus leicht erhöhter Position schwenkt der Blick frei nach Westen, über den idyllisch in der Senke mäandernden Bach und die gegenüberliegenden Kuppen. Linker Hand begleiten mich Wald und Wiesen. Vorbei an Kilometer 2 und einer kleinen Kapelle, bevor die Straße vollends im Wald verschwindet und an Steigung gewinnt. Nach leichter Linkskurve endet das Waldstück und die Wende kommt in Sicht.

Im Halbkreis um die Wendemarkierung zirkeln, dann auf den Waldrand und das Täfelchen mit der „3“ zuhalten. Wieder durch den Wald, nun abwärts und die Wendestrecke rückwärts „aufrollen“, wobei ich am Waldrand Kilometer 4 abhake. An der Einmündung mit dem Buckel geradeaus, eine letzte sanfte Bodenwelle überwinden, die Ortstafel „Ebershausen“ rechter Hand liegen lassen und knapp hundert Meter später erstmals durchs Zieltor laufen …

Wie dir dieser Kurs „begegnet“, ist eine Frage des Temperaments. Du magst ihn als langweilig oder gar öde wahrnehmen, vielleicht schließt du dich aber auch meinem Empfinden an: Wenn schon zehnmal kreisen, dann lieber inmitten reizvoller Natur. Manchen wird die hundertprozentige Abwesenheit von Zuschauern zu schaffen machen. Die paar Nasen im Zielbereich haben entweder Helferfunktion oder gehören zu den Läufern.

Die Zwischenzeitnahme beunruhigt mich in zweierlei Hinsicht: Meine persönliche, weil ich die Runde mit etwa 50 Sekunden Vorsprung auf Sollzeit beende. 5:50 min/km führen mich, meiner Selbsteinschätzung zufolge, geradewegs ins Verderben. Allerdings erschüttert die offizielle Zeitnahme meine Überlegungen, weil sie volle fünf Minuten mehr anzeigt!? Meinem GPS-Knecht von Garmin traue ich schon lange nicht mehr über den Weg. Zu oft hat er mich mit digitalen Missfunktionen verwirrt. Mal spinnt die Herzfrequenzmessung, hin und wieder weigert er sich die Strecke zu messen und lässt sich in diesem Zustand auch nicht mehr auf Null setzen. Tickt dieser Elektronik-Strolch nun mit zu flotter Zeitbasis??? Das halte ich weder technisch, noch von meinem Tempogefühl auf der ersten Runde her für möglich.

Am Verpflegungsstand schnappe ich mir den ersten Becher Iso und starte zum zweiten Umlauf. Schon hier will ich ein Loblied auf die Helfer anstimmen: Es wird nicht nur ein geeignetes, isotonisches Getränk* angeboten, zumindest anfänglich war die Labsal auch noch gut temperiert. Ein Geschenk für die Läufer bei sicher nicht mehr als 4°C.

*) Unangenehme Erinnerungsrülpser und Magenprobleme verknüpfe ich mit Läufen, bei denen bedenkenlose Veranstalter Iso mit Kohlensäure ausschenkten, was nicht selten der Fall war.

Runde 2: Ich kann tun, was ich will, mein Tempo bleibt durchweg unter 6 min/km. Natürlich wäre ich fähig den Schnitt genau zu treffen. Zwei Sätze, ein Widerspruch? Nur scheinbar. Einerseits diktiert Vorsicht den Sechserschnitt als Prophylaxe gegen spätere Quälerei und Misserfolg. Wie jeder Läufer weiß, nehmen aber auch andere innere Stimmen Einfluss auf die Tempotaktik. ‚Vielleicht geht ja doch ein bisschen mehr!’ meint eine und eine andere fährt fort: ‚Außerdem sind ein paar Sekunden Polster pro Runde nicht verkehrt. Falls ich mal muss oder auf den Schlussrunden das Verpflegen länger dauert!’ Die Einflüsterungen gewinnen die Oberhand, weil ich mich in mein Schicksal ergebe: Was kann mir schon passieren? – Natürlich ist mir die Gefahr des Kräfteverfalls samt bitterster Begleiterscheinungen auf den finalen Kilometern bewusst. Diese Situation habe ich allerdings zu oft erlebt und überstanden, als dass von ihr noch Schrecken ausgehen könnte. Klartext: Dann quäle ich mich eben!**

**) Ich hoffe eigentlich immer, dass kein Psychologe meine Laufberichte liest und analysiert …

Runden 3 und 4: Ich halte mich bei Laune. Dazu gehört weniger an das zu denken, was noch vor mir liegt, dafür jede absolvierte Runde als willkommenen Freund in trauter Runde zu begrüßen: ‚Schon 15 Kilometer und nichts tut weh!’ – ‚Jetzt 20 Kilometer! Da hattest du manchmal schon schwere Beine und heute ist alles paletti!’ – Auch die Begegnung mit den Lauffreunden auf dem Wendeabschnitt hilft: Kraxi und Sybille traben Seite an Seite. Lachen und Gute-Laune-Kommentare fliegen hin und her.

Sybille legt das erwartet flotte Tempo vor. Nur Kraxi gibt mir Rätsel auf: Der läuft gewaltig unter seinen theoretischen Möglichkeiten. Schont sich ganz offensichtlich, was einen grundsätzlich nicht Wunder nimmt, kennt man sein Trainingsprogramm. Trotzdem: Selbst unter diesem Aspekt betrachtet, hält er sich auffällig zurück. Beschwerden? Kann nicht sein, dazu ist er bei jeder Begegnung zu gut drauf. Auch Dorit trabt diszipliniert und eisern ihren „Stiefel runter“. Augenfälligster Ausdruck ihrer optimistischen Körpersprache: Ein strahlendes Lächeln. Da scheint heute alles zu passen …

Nur ein Störenfried macht zunehmend Front gegen die allseits positive Entwicklung: Böiger Nordwind weht einem auf dem Rückweg eiskalt ins Gesicht. Wie letzten Sonntag in Fürth friere ich nicht wirklich, empfinde die Kälte aber als unangenehm bis leistungsfeindlich. – „Ideales Laufwetter heute!“ Der Streckenposten an der Wende liegt mit seiner Interpretation meines als Dankeschön gemeinten Lächelns Lichtjahre daneben. Ich schnappe mir ein Beutelchen Gel von seinem Verpflegungstisch und kann mir eine Richtigstellung nicht verkneifen: „Also mir ist es erheblich zu kalt!“

Der Griff nach dem Gel war ein spontaner Entschluss. Trage zwar eigene Gelbeutel in der Jackentasche spazieren, aber warum soll ich mir die Mühe machen sie raus zu nesteln. Zumal ich beim nächsten und jedem weiteren Griff nach den sorgsam ausgelegten Beuteln ein zustimmendes, geradezu dankbares „Jawoll!“ zu hören bekomme. Gut so! Bestätigung und Dank sind einziger Lohn der Ehrenamtlichen. „Bei so einem Wetter bedauere ich die Helfer“ meinte Dorit vor dem Start. „Bei so einem Wetter bedauere ich nur mich!“ konterte ich gespielt egoistisch, pflichtete ihr dennoch bei. Ausharren in Wind und Wetter für andere. Keine Laufveranstaltung wäre ohne den Idealismus der Helfer durchführbar!

Runde 5: Die offizielle Zeitmessung tickt meiner eigenen weiterhin und konstant besagte fünf Minuten voraus. Juckt mich nicht mehr. Stimmte mit meinem GPS-Klötzchen etwas nicht, dann hätte sich der Wert vergrößern müssen.

Kraft fließt stetig, also gibt es keinen Grund den Schritt zu mäßigen. Von den führenden Männern wurde ich längst überholt. Auch die Rückenansicht von Pamela Veith, der Frau an der Spitze der Damenkonkurrenz, durfte ich bereits einmal studieren. Leider fehlen mir Zeit und wohl auch das nötige Interesse, um in der Laufszene auf dem Laufenden zu bleiben. Wahrscheinlich bin ich deshalb der Einzige im Feld, dem ihr Name keine Ehrfurcht einflößte. Die amtierende Deutsche Meisterin im 100 km-Lauf, 6h-Lauf und Ultracross wird auch die heutige Konkurrenz überlegen für sich entscheiden. Der spätere Sieger der Männerwertung, ein „Gewächs“ des ausrichtenden Vereins FC Ebershausen, scheint dagegen keine überregionale Aufmerksamkeit zu genießen, setzt aber mit 3:24 h eine fantastische Marke. In diesem Zusammenhang sollte man erwähnen, dass auch die Männer auf den Plätzen zwei und drei dem FC Ebershausen angehören. Und alle drei kämpfen bereits in Altersklasse M50!

Mein Rundengedächtnis ist löchrig wie ein Schweizer Käse. War’s im vierten oder jetzt im fünften Umlauf, dass mir Kraxi unerwartet solo entgegen stürmte? Sybilles Tempo war ihm dann doch zu langsam. So weit verständlich. Allerdings sticht ihn in den nächsten Runden dermaßen der Hafer, dass er zunächst mich (eher eine leichte Übung) später aber auch Sybille einholt; folglich das Ausdauerkunststück zuwege bringt ihr binnen weniger Runden 5 km abzunehmen!! Damit auf Gesamtplatz 8 vorrückend gibt sich Crazy Kraxi schließlich zufrieden und beschließt den Wettkampf an Sybilles Seite. Weitere Symptome gefällig, um die Diagnose „Ultrawahnsinn in fortgeschrittenem Stadium“ zu untermauern? Bitte sehr: Ans eigene Finish hängt er noch einen Umlauf zur „Abrundung“ seines Wochenpensums dran. Fürs Pensum und um als Pacemaker Sybille zu einer Klassezeit unter 4:25 h zu peitschen!

Runde 6: Nach der Halbzeit eines Marathons oder Ultras wird es physisch – so ist der biologische Zellhaufen „Mensch“ nun Mal gestrickt – von Minute zu Minute härter. Mental empfinde ich es oft gegensätzlich. So auch heute: Das Ding ist im Sack! Objektiv eine gewagte Denke, weil noch viel passieren kann. Subjektiv eine Gleichung ohne Unbekannte und mit so viel Wahrscheinlichkeit, dass hinter dem Gleichheitszeichen definitiv „You got the Finish!“ stehen wird. Es fühlt sich einfach gut an heute. Daran kann auch mein unausgesetztes Frösteln nichts ändern. Für eine oder zwei Runden droht der Himmel mit Wetterverschlechterung, schickt minimalen, hauchfeinen Niesel. Wetten, den haben nicht mal alle bemerkt? Als Brillenträger verfügt man nun Mal über einen zusätzlichen Indikator … Widerlich gebärdet sich auch der böige, mit fortschreitender Tageszeit auffrischende Nordwind. Sei’s drum: Das miesepetrige Nicht-Frühlingswetter wird mir den Erfolg nicht versauen!

Selbst der Schwächephase in Runde 7 gelingt das nicht. Vielleicht zeichnet sich das Tief in meinem Gesicht ab. Messbar wäre es jedenfalls nicht, da ich die Schrittfrequenz unbeirrt durchhalte. Für ein paar Kilometer fühlt es sich um einiges schwieriger an genügend Energie für dieses Tempo freizusetzen. Folgerichtig gehe ich davon aus, dass sich meine Probleme von nun an viertelstundenweise verschärfen werden. Doch das geschieht nicht. Im Gegenteil: In Runde 8 verflüchtigt sich der Spuk …

Runde 9: Fast wäre ich an der Tafel mit der „1“ vorbei getrabt, ohne den bereitliegenden Motivationsschub einzusammeln: Nur noch 9 Kilometer, jetzt bin ich einstellig! Was sind schon neun Kilometer? – Das mit der Motivation klappt allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: Du darfst dich nicht zu ausgelutscht fühlen und dir auch nicht klar machen, wie weit neun Kilometer tatsächlich noch sind. Dann und wann ein kleiner Selbstbetrug hilft dem Ultra auf die Sprünge und ins Ziel …

„Jetzt nur noch einmal …“ Vorletzte Runden hake ich gerne, Stück für Stück, mit diesem Mantra ab. Jetzt nur noch einmal den blöden Buckel hoch – Jetzt nur noch einmal den Anstieg im Wald – Jetzt nur noch einmal den böigen Nordwind aushalten. Das Mantra ist gut gegen Nordwind! Der ist mir in diesen Minuten so was von egal!

Die Strecke leert sich zusehends. Immer häufiger, wenn ich niemandes Rücken mit den Augen folge und hinter mir keine Schritte vernehme, kommt es mir vor, als wäre ich der letzte Mohikaner auf der Strecke. Als gäbe es nur noch mich und den Streckenposten an der Wende, der sicher ungeduldig auf mein Finale wartet … Kommen Mitläufer in Sicht verpufft die leicht surreale Vorstellung augenblicklich, um sich mir wenig später und klammheimlich wieder aufzunötigen …

Noch 400 Meter bis zum Zieltor, dann bricht die letzte Runde an. Zum neunten Mal erfasst mein Blick das dreiteilige Verkehrsschild. Maximal 70 km/h sind ab hier zulässig, jedoch nur von 18 – 7 Uhr. Darunter auf einer weiteren Hinweistafel ein sprungbereiter Frosch. Zum neunten Mal versuche ich mir jetzt einen Autofahrerreim auf diese Schilderkombination zu machen. Weshalb eine Geschwindigkeitsbegrenzung ab dieser Stelle, ganzjährig, abends und in der Nacht? Sicher nicht um Anwohner vor Verkehrslärm zu schützen, denn auf den nächsten paar hundert Metern bis zur Ortstafel von Ebershausen gibt es keine. Geht es um Frösche auf ihrer Wanderschaft zum Laichen? Überqueren die nur in der Dunkelheit die Straße? Und wieso ganzjährig? Oder wurde das Schild nur provisorisch aufgepflanzt? Dafür spräche die Lattenkonstruktion des Verkehrszeichens …

Runde 10: Etwa vor Stundenfrist verdächtigte mich ein unerhörter Gedanke diesen Fünfziger „zu billig einzufahren“, folglich nicht – wie es sich nun einmal gehört – „angemessen“ für den Sieg zu leiden. Eine groteske Idee, deren Entstehung mutmaßlich der Minderversorgung gewisser Hirnwindungen während langer Ausdauerleistungen entspringt. Wie dem auch sei, die letzten Minuten belehrten mich bereits eines Besseren: Ich muss kämpfen! Erstmals verzichte ich aufs Trinken, will den Abschlussorbit so rasch wie möglich hinter mich bringen. Die Schlusskilometer eines so langen Wettkampfes sind ohne Ausnahme hart. Aber es gibt Unterschiede. Vor Wochenfrist in Fürth war der Akku wirklich leer und ich wurde stetig langsamer. Vor drei Wochen beim Bienwald Marathon konnte ich das Tempo auf wachsweichen Beinen konservieren, musste dafür allerdings noch das letzte Joule Muskelenergie mobilisieren. Anders heute: Durchhaltewillen ist natürlich gefragt und der „süße“, alle Körperzellen gleichermaßen erfassende Finalschmerz besteht auf einem Rendezvous. Ein physisches Limit kündigt sich dagegen nicht an. Im Gegenteil. Auf den letzten drei Kilometern kann ich sogar noch zulegen und glaube auch zulegen zu müssen …

Wieso „zulegen müssen“ fragst du? Da ich doch mein Soll, diesen Lauf im 6er-Tempo zu absolvieren, übererfüllen werde? Als ehrgeiziger Läufer passt man seine Ziele der Tageswirklichkeit an. Heute besteht die unter anderem aus drei Teilnehmern in Altersklasse M60. Wie immer kenne ich meine Konkurrenten nicht. Will auch gar nicht wissen, wer sie sind, weil es mich zu verfrühtem „Laufen um die Wette“ anstiften könnte. Und undiszipliniertes Verhalten dieser Art stört den systematischen Trainingsaufbau. In erster Linie dient dieser Wettkampf als ziemlich langer Trainingslauf. In der Schlussphase und wenn es unerwartet gut läuft, darf sich mein Ehrgeiz dann aber doch ausleben. Kurz vor der Wende scanne ich ein Gesicht mit Gebrauchsspuren, wie sie 60 bis 65 Lebensjahre durchaus hinterlassen können. Der Träger dieses Konterfeis liegt noch etwa 400 Meter in Front und kämpft unübersehbar ums läuferische Überleben. Also aufholen – wofür ich etwa anderthalb Kilometer brauche –, überholen und davon ziehen … … Was den Wettbewerb angeht, ein vollkommen überflüssiges Manöver übrigens. Zu diesem Zeitpunkt liege ich bereits mit komfortablem Vorsprung von mehr als einer halben Stunde auf Platz eins meiner Alterklasse …

Zum Glück erfüllt eine solche Schlussoffensive aber noch einen weiteren Zweck: Sich selbst beweisen, dass man nach fast 50 Kilometern noch Reserven hat. Tempo machen, statt einbrechen. Das lohnt den Schmerz, weil es einem signalisiert auf dem richtigen (Trainings-) Weg zu sein. In diesem Sinne (aber nur in diesem) genieße ich die verbleibenden Minuten bis Ebershausen. Genießen und leiden zur selben Zeit. Ist das der Stoff, der meine Ultralaufsucht befeuert?

Noch hundert Meter und der Versuch einen weiteren Kontrahenten vor der Ziellinie abzufangen. Wozu? Einfach so. Weil er vor mir läuft … … … Nicht zu schaffen, dem macht das nahe Zieltor Beine. Dorit erwartet meine Ankunft, feuert mich an. Wie könnte ich da zurückstecken. Die letzten Meter, schließlich durchs Ziel und nur ein Gedanke: Geschafft! – Die wilde Schlusshatz fordert ihren Tribut. Ein paar kurzatmige Sekunden, dann geht es wieder. Wir gratulieren uns gegenseitig, Dorit und ich. Dann sagt Kraxi auch schon „Tschüss!“, weil dem Crazy Steiermärker noch sechs Stunden Heimfahrt bevorstehen.

Ein für meine drei Lauffreunde, wie für mich, erfolgreicher Wettkampf ist zu Ende. Wie erfolgreich wir waren, drücken Zeiten und Platzierungen aus:

  Zeit Rang Rang AK
Sybille 4:24:56 h W: 3 W30: 1
Dorit 4:39:36 h W: 4 W50: 1
Kraxi 3:58:48 h M: 9 M40: 1
Udo 4:53:06 h M: 28 M60: 1

 

Fazit zur Veranstaltung

Die Mannen des FC Ebershausen geben sich jedwede Mühe, einen organisatorisch und atmosphärisch gelungenen 50 km-Lauf auf die Beine zu stellen. Da gibt es nichts zu kritteln, auch wenn sich die Siegerehrung aus unerfindlichen Gründen verzögerte. Die Versorgung an der Strecke ist vorbildlich. Das wird unter anderem durch das ausgeschenkte isotonische Getränk deutlich, das diese Bezeichnung wirklich verdient.

Der 5 km-Rundkurs ist zwar wellig, schont aber durch glattes Geläuf die Kräfte. Zuschauer fehlen, dafür gibt es idyllische Natur zu sehen. Ob man den Kurs mag oder nicht, ist eine Temperamentsfrage und sicher auch von der Tagesform abhängig.

 

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