Auf Unwegen und Umwegen  –  Sachsentrail 66,8 km

oder:   ‚Ich hatte eigentlich so „Tiere“ erwartet …’

Wie sind Ultraläufer drauf? Körperlich und mental? Manchen Ultra wird es nicht interessieren, wie er auf Anderslebende oder Anderslaufende wirkt. Mich beschäftigt die Frage dann und wann. Zum Beispiel, wenn man mir applaudiert. Wenn ich glaube in Gesichtern eine Mischung aus Bewunderung und riesigem Fragezeichen zu erblicken: Toll! Aber wie geht das? Wie schafft der das? – Bereits vorm Start zum Sachsentrail, beim Frühstück, mit diesem Randthema konfrontiert zu werden, hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Die junge Frau – sicher keine 25 Jahre alt – unterhält sich mit der Begleiterin eines anderen Ultrakämpen: „Ich wollte im Team unbedingt mithelfen. Mich interessiert, wie Leute aussehen und drauf sind, die so was machen. Ich hatte eigentlich so … „Tiere“ erwartet, aber die sehen alle ganz normal aus!?“

Wahrscheinlich sehe ich auch einigermaßen „normal“ aus, aber bin ich noch ganz „normal“ im Kopf? Ohne Koketterie: Es kommt vor, dass ich das in Frage stelle. Ich schinde mich Woche für Woche und habe nicht immer Spaß dabei. Ich prügele mich durch Wettkämpfe, auf die andere ein ganzes Jahr hinarbeiten und nenne es Training. Training für mein großes Ziel in diesem Jahr, die 100 Meilen von Berlin. Ich quäle mich stundenlang durch Zustände wachsender Erschöpfung und – das bleibt auf längsten Strecken nicht aus – Anflüge von Verzweiflung. Sachliche Feststellung: Das geht nur mit einem unbeugsamen Willen und großer Leidensfähigkeit. Sachliche Frage: Ist das noch normal? Und: Wo führt das hin?

Ich stehe ziemlich am Ende eines an Köpfen armen Feldes, vielleicht 60 Ultraläufer. Schon wieder das Wörtchen „normal“: Keine „normalen“ Ultras, sondern Trail-Enthusiasten. Also jene Langstreckler, die gerne einsam auf „Knochenbrecherstrecken“ unterwegs sind. Viele schultern einen Laufrucksack und die meisten tragen spezielle Trailschuhe. Wenn ich wieder mal einen bockharten Lauf durchgestanden hab, weiß ich: Das geht, ich kann das. Jetzt, um fünf Minuten vor sieben Uhr morgens, mitten im Erzgebirge, unter grauem Himmel, aus dem es vor einer Viertelstunde noch ergiebig regnete, weiß ich wenig. Und ich fühle mich klein, schwach, unterlegen. Welche Dreistigkeit, sich unter Spezialisten zu mischen, für die „nicht normale“ Strecken „normal“ sind? Welche Vermessenheit, das als „normaler“ Straßenläufer 66,8 km weit und 1.600 Höhenmeter up- and downhill überstehen zu wollen! „Nicht normal“ oder? Was niemand der Umstehenden weiß, das Vorhaben jedoch vollends fragwürdig erscheinen lässt: Ich trete den Sachsentrail ohne Regeneration an, nach bereits 5,5 Stunden Lauftraining* in dieser Woche. Und nach Aufbauwettkämpfen, Woche für Woche, die mich allesamt in die Erschöpfung trieben (siehe Laufberichte der Vorwochen).

*) Um die Belastung einer Trainingswoche realistischer einschätzen zu können, bin ich von „Gesamtwochen-km“ auf „Gesamtwochenstunden“ übergegangen. 10 km flach sind nun einmal weit weniger hart, als 10 km auf Trailpfaden oder stark profilierten Strecken.

Wie dem auch sei: Es geht los. Da von einem professionellen Veranstalter inszeniert, zwischen dröhnenden Lautsprechern. Musik und aufmunterndes Geplauder eines Moderators sollen uns anschubsen. Ein paar Helfer und drei, vier Läuferfrauen klatschen Beifall, ansonsten klammheimlicher Startvollzug inmitten erzgebirgischer Wälder. Nebenan, im Sportpark Rabenberg, meinem Obdach der vergangenen Nacht, nächtigen zwar viele, vor allem jugendliche Besucher. Doch wen interessiert schon ein Häufchen merkwürdiger Zeitgenossen, das nun für einige Stunden zwischen Milliarden von Fichten abtauchen wird? Und wenn doch Interesse, dann sicher nicht um sieben Uhr morgens. Das Erzgebirge versucht gleich mal mir den Schneid abzukaufen. Womit? Mit Steigung natürlich. Ein „Hügelchen“ nur, aber herzfrequenzsteigernd in nicht eingelaufenem Körper. Ein paar Minuten feiner Weg und dann der erste wirkliche Trailabschnitt … Oh mein Gott! Auf was lasse ich mich da ein?

Sachdarstellung: Viele Trailabschnitte der nächsten Stunden entsprechen so genannten „Mountainbike-Trails“. Das sind künstlich geschaffene Pfade in den Wäldern rund um den Sportpark Rabenberg, die man nur mit (kostenpflichtiger) Erlaubnis des Trailcenters Rabenberg nutzen darf. Die Pfade werden vom Trailcenter unterhalten und gepflegt. Abwärts, aufwärts, mal mehr, mal weniger Gefälle oder Steigung, in weiten Schleifen und Serpentinen durch ansonsten nicht erschlossene Waldstücke.

Jetzt verstehe ich, was bei der Streckeneinweisung um 6:30 Uhr gemeint war, als es hieß: „Gleich am Anfang aufpassen, dass niemand stürzt! Es geht runter bis ins Tal, steinig, viele Wurzeln, sehr anspruchsvoll!“ Hinter jedem der Sätze setzt die Stimme des Streckenverantwortlichen ein unheilschwangeres Ausrufezeichen! ‚Oh mein Gott! Auf was habe ich mich eingelassen?’ Ehrlich gesagt: Ähnliches habe ich erwartet, aber gehofft, es möge weniger fuß- und koordinationsfordernd abgehen. Rauf, runter, rauf, runter … links, rechts, links, rechts, … alle paar Meter, manchmal früher, ändern sich vertikale und horizontale Orientierung des Pfads. Schon auf den ersten paar hundert Metern alles, was einem Läufer das Laufen erschwert: Steine, Geröll, Wurzeln, Matsch, Pfützen und Abbruchkanten in jedweder Gestalt. Das kann doch unmöglich über mehr als 60 Kilometer so weiter gehen!? Das hielte niemand durch, gleich ob Spezialist oder frecher Herausforderer.

Ich arbeite, schufte, passe auf, setze um, was ich mir vorgenommen habe: So langsam und vorsichtig wie irgend möglich!!! Mein Ziel für heute: Ankommen, dabei nicht gehen und vor allem nicht stürzen. Gegenwärtig noch kein Problem. Ich bin ausgeruht und kann meine Füße hoch genug heben, um an keiner der zahllosen Stolperfallen ins Straucheln zu geraten. Der Pfad endet nach … keine Ahnung, wie lange ich dafür brauchte. Ein Stück auf Asphalt und dann ein Forstweg. Denke: ‚Ah! Anscheinend war’s das einstweilen.’ Kaum zu Ende formuliert, schickt uns die Markierung auf den nächsten Trail, diesmal durch eine Schonung, kleine Fichten, hüft- bis brusthoher Pflanzenbewuchs, immer weiter abwärts ... Ende Trail zwei, ein paar Meter Forststraße, dann Beginn des nächsten Pfades. Oder ist es noch derselbe? Serpentinen leiten mich mal mehr, mal weniger steil nach unten. Eine Gruppe schnellerer Läufer rückt mir dicht auf die Pelle. Das mag ich in schwierigem Gelände absolut nicht. Also stehen bleiben, die Gelegenheit zu einem Foto nutzen und die wilde Horde passieren lassen …

Ruhe ist eingekehrt. Unter den Füßen und damit auch im alarmierten Kopf. Nach einigen hundert Metern Höhenverlust traben wir im Talgrund und finden uns vorm ersten Verpflegungsstand wieder, an dem es nur Wasser gibt. Der Verstand befiehlt: „Trink!“. Ausschließlich bergab in kühler Morgenluft, ohne Sonne, habe ich kaum geschwitzt. Der Weg bleibt technisch anspruchslos, steigt aber an. Breite Forstwege, zuletzt ein Stück Asphalt zum Sammeln: Kilometer 7, 8, 9 … Der mit Rucksack bewehrte Rücken eines Vordermannes weist mir den Weg. Irgendwann biegt er links ab. Ich folge ihm Sekunden später, mustere aber die Umgebung … Nirgendwo ein Flatterband! Keine Tafel mit Pfeil! Keine Markierung! Nichts! Ich laufe ein paar Meter zurück und erspähe den Abzweig im dicht bewachsenen Waldrand. „Halt! Zurück!“ schreie ich dem bereits mehr als hundert Meter Enteilten hinterher. Um ein Haar verlaufen! Also besser aufpassen Udo und auf niemanden verlassen!

Weiter aufwärts, zunächst unschwierig. Ohne Vorwarnung kündigt mir die Strecke den Waffenstillstand auf: Schwere Maschinen hinterließen Morast und Wasserlöcher, so weit das Auge reicht. Wo drauf soll ich meinen Fuß setzen? Welcher Fleck wird mich tragen? Wo werde ich ausrutschen, wo versinken? Mal eher am Rand, mal in der Mitte, arbeite mich tänzelnd voran. Aber langsam, extrem langsam. Fünfzig Meter etwa geschafft … peile über den Brillenrand voraus … tapse weiter durch weichen Brei … hundert Meter … noch ein Stück … dann ist es geschafft, verlässlicher Boden trägt mein Gewicht.

Aufwärts, wieder in einer Art Rinne, die sonst nur Biker nutzen. Anstrengend zwar, als „oberlahme“ Ente gehe ich aber kaum ein Risiko ein. Außerdem hat sich meine Steuerzentrale im Hirn inzwischen an die „Anarchie des Untergrunds“ gewöhnt. Um diese Pfade mountainbike-tauglich zu bekommen, wurde eine Menge Aufwand getrieben. Sogar Kurvenüberhöhungen erfreuen Bikers Herz an vielen Stellen. Natürliche, zumeist mit vorhandenem Erdreich befestigt, an diversen Stellen auch mit Split aufgefüllt. Doch auch aus Holzlatten gezimmerte Konstruktionen finden sich mitten im Nichts. Sie sind mit Drahtmatten überzogen, um das Wegrutschen der Reifen zu verhindern. Rauf, runter, rauf, runter … tendenziell bergwärts … hin und her, her und hin. Hatte ich je so wenig Orientierung entlang einer Laufstrecke?

Nächster Verpflegungsstand und der ist ausgestattet, als wären wir zum opulenten Dinner geladen. Alles, was ein Läufermagen begehren könnte, in flüssiger und fester Form. Süß und herzhaft, jede Geschmacksrichtung wird bedient. Für mich: Zwei Beutelchen Gel, zwei Becher Wasser und … man glaubt es kaum: Alkoholfreies Weizenbier. Das garantiert mir lästige „Bäuerchen“ in den nächsten Laufminuten, doch wenigstens tilgt der herbe Biergeschmack die widerliche Süße im Mund. Genau diese „Speisen- und Getränkefolge“ gebe ich mir künftig an jeder Tränke. Und jede ist gleichermaßen üppig bestückt. Dafür vergebe ich „Note 1 mit Sternchen“!

Fichten, Fichten und noch mal Fichten, so zahlreich wie Sandkörner in der Sahara. Erzgebirge eben. Von einem Forstweg in den nächsten, dann verwirrend: ‚Wo ist denn hier der Weg!?’ Seltsam, aber die Orientierung stimmt, unübersehbar weisen Flatterbänder die Richtung. Über Moospolster und zwischen Heidelbeersträuchern moderat aufwärts. Quasi weglos. Menschen waren hier wohl schon, aber sicher selten. Meine Vorgänger hinterließen in dichtem, knie- bis hüfthohem Gras eine Schneise. Ich lasse ein Läufergrüppchen passieren, um meine Fotos mit Menschen zu beleben und um meinen eigenen Trabrhythmus halten zu können. Die anderen praktizieren eine Mischung aus Laufen und Gehen. Ich bleibe meiner Gangart treu, nun allerdings mit noch mehr Vorsicht. Selten weiß ich im Vorhinein, auf was ich meinen Fuß setze. Hohes Gras verbirgt Tückisches: Angefaulte Stöcke oder Steine, Vertiefungen und Knubbel. Rechts neben mir verrät ein ungefähr ein Meter tiefer, V-förmig ausgehobener, vollständig überwucherter Graben den Aufenthaltsort: Es handelt sich um den beim Briefing erwähnten Grenzgraben. Zusätzlich markieren alte, vierkantig schlanke Betonpfähle den Verlauf der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien. Die Pfähle sind höchstens ein paar Jahrzehnte alt, der Graben – Ergebnis einer Internetrecherche – stammt dagegen aus den Jahren 1842/43. Wozu man damals meinte sächsischen und böhmischen Wald auf diese Weise voneinander abgrenzen zu müssen, bleibt mir allerdings schleierhaft.

Der Graben zieht eine schnurgerade Linie durch den Wald. Leider gilt das nicht für meinen Laufweg. „Nachwuchsfichten“, dann und wann ein gähnendes Loch (nicht übertrieben!) und kniehohe Bodenunebenheiten müssen irgendwie umkurvt werden. Mehrmalige Blicke auf den Kilometerzähler am Handgelenk drücken die Stimmung: Zeit verrinnt in sattem Strom, Länge sammelt sich dagegen kaum an … Unerwartet etwas fürs Auge: Ein alter, restaurierter Grenzstein aus dem Jahr 1672. Diesseits das sächsische, jenseits das böhmische (?) Wappen. Fotos und weiter. Alsbald auf den Grund des Grabens, weil der jetzt einzig die Möglichkeit zum Vorwärtskommen bietet. „Hier unten“ passen durchweg keine zwei Füße nebeneinander. Auf butterweichen Moospolstern federn meine Sohlen. Mehr eiern als laufen, dabei das Gleichgewicht halten. Nasses Gras verschenkt reichlich, was es hat: Binnen einer Minute sind meine Schuhe geflutet. Immer noch schnurgeradeaus. Kämpfen! Wippender Boden, arhythmisches Aufsetzen der Füße und anhaltende Steigung fressen meine Kraft. Der Graben nimmt und nimmt kein Ende. Das ist kein Pfad für Wanderer, noch einer für Biker. Die Rinne ist überhaupt nicht für die Fortbewegung menschlicher Wesen gedacht. Lenkt man seine Gedanken zurück nach 1842/3, dann hatte dieses Bauwerk lediglich den Sinn zu trennen. Es war nicht als Weg irgendwo hin und schon gar nicht aufeinander zu gedacht. Der Graben ist ein Nicht-Weg, besser: ein Unweg! Mir erklärt das den Wortstamm der Wörter „unwegsam“ oder „Unwegsamkeit“. Wie so oft, entstehen beim Aufdecken eines gleich wieder neue Rätsel: Warum steht der Begriff „Unweg“ nicht im Duden?

So überfallartig mich die Grabenpassage vorhin aufsog, so übergangslos spuckt sie mich nach mehr als vier Kilometern wieder aus – auf einen glatten Waldweg. Paradiesisch fein geschottert, Streicheleinheiten für meine Beine. Ein klitzekleines bisschen Steigung … aber was ist schon Steigung? Himmlisch sozusagen, wie die „Himmelswiese“, vor der ich jetzt für Fotos wie angewurzelt stehen bleibe. Wie? Bitte nicht so geringschätzig. Das ist nicht einfach nur eine Wiese. Zwei Tafeln – auf einer steht „DeHimmelswies“, auf der anderen „Flächennaturdenkmal“ – verweisen auf den Rang des Biotops. Und selbst Wikipedia ist die Wachstumsgemeinschaft von brusthohen Gräsern, Kräutern und Blütenpflanzen einen Eintrag wert!

Himmelswiese plus ein paar Schritte und schon stehe ich vorm Grenzübergang nach Tschechien. The eagle has landed: “That’s one small step for man… one… giant leap for mankind.” Oder auf das Europa nach zwei verheerenden Weltkriegskatastrophen und Jahrzehnte kalten Krieges übertragen: „Für Udo ein müheloser Schritt aber eine Riesensache und ein Segen für die europäischen Völker.“ Man vergisst rasch, hält Unerhörtes für selbstverständlich. Dabei liegt die Aufhebung der EU-Binnengrenzen erst ein paar Jahre zurück. Und es ist auch noch nicht sooo lange her, dass man an dieser Stelle von der DDR in die CSSR wechselte. Vor einem Vierteljahrhundert fand der Irrsinn zweier waffenstarrender, sich gegenseitig belauernder Staatenblöcke ein unerwartet rasches und friedliches Ende. Und heute? Ein kümmerlicher Rest „Infrastruktur“ mitten im friedlichen Wald, nur noch informierend, ansonsten zweckfrei. Ich übertrete den unsichtbaren Strich formlos und unfeierlich. Der früher dafür nötige Verwaltungsakt flog auf den Müllhaufen der Geschichte. Landete auf einem gewaltigen Berg Abfall, in dem massenhaft andere Dummheiten der Menschheitsgeschichte vor sich hin modern; Dummheiten sind aber nicht das Übelste: Was da fault und stinkt sind auch viele Unmenschlichkeiten und Verbrechen … You know, what I mean?

Auf den Kilometern 20 und 21 beginne ich Tschechien zu lieben: Sanft abwärts auf einer Schotterpiste, schließlich auf Asphalt; ein kurzer Halt an der nächsten Tränke und weiter. Ein Asphaltsträßchen macht Mut, lockert die Schlinge fortschreitender Ermüdung um mein Läuferherz – selbstverständlich zu früh einsetzende Ermüdung. Unausgeruht loslaufen und früh müde werden ist für mich der (Trainings-) Normalfall, insofern nicht beunruhigend. Sorgen macht mir der Raubbau meiner Kraftvorräte infolge bisheriger Unwegsamkeit. Darum danke ich einem gnädigen Schicksal fürs gemütliche Kilometersammeln auf unschwierigem Boden. Gemütlich natürlich nur, wenn man es am Bisherigen bemisst. Eine ewig lange, wenngleich erträgliche Steigung pickt auch Körner vom Asphalt. Dazu die Sonne. Richtig gelesen! Ende des bislang wolkenverhangenen Tages und Übergang zu Wärme und Schwüle.

Wer noch nie hier war, stellt sich das Erzgebirge samt seiner tschechischen Fortsetzung sicher anders vor. Hat vielleicht Schroffheit im Sinn, steile Hänge oder Fels. Davon begegnete mir bisher wenig und hier oben, auf fast 1.000 Metern Seehöhe, dominieren sanft gewölbte, ausgedehnte Rücken. Wald und Wiesen teilen sich den Lebensraum, was dem Wanderer Blicke bis zum Horizont eröffnet. Ein mutmaßliches Eldorado für Langläufer in schneereichen Wintern. Wald und Wiesen kennt jeder. Also wozu ins Erzgebirge? Ohne dass ich Worte fände, es vorm inneren Auge erstehen zu lassen: Wald und Wiesen findest du hier „anders“ arrangiert als sonstwo auf der Welt. Auf seine Weise einzigartig. Die Zone „geschenkter“ Kilometer setzt sich fort, auch über den nächsten Verpflegungsstand hinaus, mittlerweile sogar wieder abwärts. Mehr als eine Stunde frei von Fußfolter nähren die Zuversicht das Erzgebirgsabenteuer ungeschoren zu überstehen …

Ohne Vorwarnung links abbiegen, abwärts auf verwildertem, beinahe mannshoch verkrautetem Pfad?, Forstweg? oder doch nur Waldstück? Mit aufgestellten Nackenhaaren tippele ich superlangsam und tastend vorsichtig nach unten. Bin jederzeit darauf gefasst, den Fuß auf Loses, Bewegliches – also haltlos – zu setzen. Als „grenzwertig“ wird ein erfahrener Trailläufer hinterher diesen und andere Abschnitte des Wettkampfs bezeichnen. Ist das noch grenzwertig oder spielt man hier leichtfertig mit unserer Unversehrtheit? In diesem Jahr liegt einiges an Herausforderungen hinter mir, was die Streckenbeschaffenheit angeht. Doch man konnte jederzeit sehen, worauf man den Fuß setzte und dem Untergrund vertrauen. Geht hier nicht. Also Vorsicht! Nichts ist trauriger als ein Läufer, der laufen will, wegen Verletzung aber nicht laufen kann …

Zu den üblichen Widrigkeiten sommerlicher Wettkämpfe gesellt sich eine weitere Plage: Ein lästiger Schwarm Fliegen surrt unablässig um meinen Kopf. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. „Ich laufe vor den Fliegen davon!“ konterte ich vorhin die scherzhafte Bemerkung zweier gehender Mitläufer, als ich sie am Berg überholte. „Die lasse ich bei euch!“ setzte ich noch eins drauf und erntete amüsiertes Gelächter. Aber es gibt reichlich Fliegen für alle und nur im schattigen, kühlen Wald werde ich sie los. Den mögen sie offenbar nicht.

Asphaltiertes Sträßchen, ein Auto mit tschechischem Kennzeichen zuckelt vorbei. Vor mir zwei Kontrahenten im Zwiegespräch, nächste Steigung, die beiden gehen. Ich hole auf und trabe vorbei. Kein Wort des Grußes – wie auch nach mittlerweile 30 Kilometern – nur Seitenblicke. Aber Blicke sprechen und sie fragen: „Wie lange willst das durchhalten?“ Bis zum hoffentlich guten Ende denke ich und bin dann mal weg … Das darf jetzt aber echt nicht wahr sein!?? Wieder ein Unweg und was für einer. Nicht mal die Spur meiner Vorläufer ist hier zu sehen, weil offensichtlich ein jeder seinen persönlichen Kurs einschlug. Wie gehabt über Moos, Gras und alles, was man in Fichtenwald so findet. Neue Zutat: Quer liegende Bäume. Ja bin ich denn ein Military- oder Springpferd, dass ich hier über Oxer, Ricks und Cavaletti hüpfen soll. Klar, ich kann hier zum mehr oder weniger erbaulichen Waldspaziergang wechseln, wie wahrscheinlich die meisten anderen auch. Aber was hat das dann mit Laufen zu tun? Es heißt doch „Trailrunning” und nicht „Trailwalking” oder „How to survive the environmental risk?”. Bisherige Trailpfade sahen mich alarmiert, konzentriert und gefasst. Die Zwischenstufe „genervt“ überspringe ich mühelos und bin jetzt schlicht sauer. Was soll der Quatsch? Nun auch noch knöcheltiefer Morast und faltig von einem Fahrzeug zusammengeschobene Erdschollen. Wo laufen? Rand geht nicht, da wächst Gestrüpp. Irgendwie im Spitzentanz über das knollig, bollig Aufgeworfene.

Im Schlepptau einer Läuferin, die sich den Widrigkeiten des letzten Kilometers gehend entzog, entkomme ich dem Wald. Wir finden uns am Rand einer baumfreien, von reichlich Sonne durchfluteten Hochebene wieder. Dankbar nehmen meine Füße das Geschenk eines ebenen Forstweges an. Der Groll der letzten Minuten ist vergessen. Fotos in alle Richtungen. Die „Dame in blau“ trabt fünfzig Meter voraus … … … und ist plötzlich verschwunden. Das kann nur eins bedeuten! Und richtig: An einer Stelle mit ungeschickt angebrachten Flatterbändern, die ich mutmaßlich übersehen hätte, geht’s einmal mehr durch Weglosigkeit. Nicht so dramatisch wie eben, doch auch hier will jeder Schritt bedacht sein. Unmengen von Zeit lasse ich auf solchen Abschnitten liegen und im Zählwerk des Entfernungsmessers hinterlassen sie kaum Bewegung … Raus aus der Unwegsamkeit, wieder festen Forstweg unter den Füßen. Von rechts nähern sich jene beiden Läufer, die ich vorhin stumm überholte. Verstehe: Der Forstweg führt in einer Schleife um dieses Waldstück herum. Die beiden haben den Abzweig verpasst und sich einiges an Knochenbrechermetern erspart …

Tschechien bietet auf den nächsten 12, 13 Kilometern Kurzweil und – soweit nach etwa Marathondistanz noch möglich – Gelegenheit zur Erholung. Kurzweil durch hübsche Landschaften oder witzige aus gewachsenem Holz geschnitzte Figuren. Pilze mit menschlichen Zügen und die Karikatur von Vögeln. Ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen, Fotos ohnehin nicht. Das mit der Erholung klappt nicht wirklich. Immerhin hält sich der Kräfteverschleiß auf etwa 400 Höhenmetern abwärts in Grenzen. Mental setzt mich dieser lange Abschnitt sogar einem Wechselbad der Gefühle aus. Jeder der „billig“ erworbenen Kilometer stärkt meine Zuversicht. Dagegen werfen mich die hyperselten angebrachten Flatterbänder alle paar Minuten in tiefe Unsicherheit: Habe ich einen Abzweig verpasst oder sparte man wegen Eindeutigkeit an Bändern? Aufatmen, wenn nach Minuten wieder ein Band in Sicht kommt, rasch wachsendes Unbehagen, wenn die rot-weiß flatternde Gewissheit länger ausbleibt. Es wäre echt kein Spaß, einen dieser steileren Abschnitte wieder hoch laufen zu müssen …

Noch eine Tränke auf tschechischem Boden, dann bin ich zurück in der Heimat. Kenntlich am spiralförmig in Schwarz-Rot-Gold bepinselten Grenzpfahl, dem das Schild mit Bundesadler fehlt. Vermutlich haben es Souvenirjäger mitgehen lassen. Ein paar flache Meter auf Asphalt, dann beginnt, woran ich mich aus kurzem Studium des Streckenprofils noch erinnere, ein längerer Anstieg. Der fordert meine Ausdauer, dank der Unmenge zwischenzeitlich konsumierten Gels allerdings noch nicht am Limit. Das erreiche ich nur kurzzeitig. Wodurch? Dreimal raten braucht da niemand: Flatterbänder befehlen mich auf einen Unweg, steil nach oben. Jetzt missrät die Sache endgültig zur Durchschlageübung. Die Krone eines umgefallenen Baumes versperrt den Weg. Klettern, Steigen und Hangeln. Dahinter arbeite ich mich schuftend, keuchend, schwitzend auf federndem Untergrund nach oben, stehe cirka 200 Metern später wieder auf einem Forstweg. Nur um das klarzustellen: Dieser querwaldein gewählte Abschneider war ebenso wenig zwingend erforderlich, wie andere zuvor. Aber dieses „Ding“ heißt Sachsentrail und da schien dem Streckenverantwortlichen jede Gelegenheit recht, um Aufgaben in der Unwegsamkeit zu stellen. Ob man dort laufen kann oder nicht, wen kümmert’s?

Verpflegen. Mit 50 Kilometern in den Beinen lasse ich mir Zeit dabei. Gel schlucken, trinken. Trinken, bis der Bauch sich bläht. Ja, okay, auch von der Kohlensäure im alkoholfreien Bier. Das nehme ich in Kauf, denn mein Durst wächst. Wann spürte ich zuletzt bei einem Marathon oder weiter so einen Durst? Macht das die Schwüle? Eine wohlfeile Erklärung will sich nicht einstellen, denn weder Temperatur noch Luftfeuchte empfinde ich als belastend. Außerdem war ich die meiste Zeit in Deckung der Bäume unterwegs. Seltsam. Bin hier unerwartet auch von mehreren Läufern umringt. Wo kommen die alle her? Ein Blick auf die Startnummer schafft Klarheit: Dort fehlt das „U“ für Ultratrail. Also Läufer eines der anderen Wettbewerbe, „Halftrail“ oder „Quartertrail“. Weiter. Kurzer Stopp an einem malerisch von Bäumen umrahmten Weiher. Kurz darauf holt mich ein Biker-Trail vom festen Waldweg. Was soll mich hier noch schocken? Rauf, runter, hin, her, Steine, Wurzeln, Kurvenüberhöhungen, wie gehabt. Bestens, da sehe ich wenigstens wohin ich trete, alles paletti! … … … Alles paletti? Nix is’ paletti! Wohin jetzt? Nach links, dem Forstweg folgen? Ja, nach links. 50 Meter weiter bin ich ganz Fragezeichen. Kann nicht stimmen! Auf Sichtweite rechter Hand im Wald ein Flatterband. Also Böschung hoch und richtig … ich finde einen Bikerpfad. Glück gehabt, nicht verlaufen. Weiter, 100 Meter, 200. Dann ein Schild, dass einen Moment lang meinen Herzschlag aussetzen lässt, denn da steht: „Alle Trails“ und der dazugehörige Pfeil zeigt genau in die Richtung, aus der ich komme … Etwa eine halbe Minute lang stehe ich völlig ratlos vor dem Wegweiser, überlege fieberhaft: Kann irgendein Witzbold den Pfeil umgedreht haben? Hier mitten im Wald? Wenig wahrscheinlich. Also zurück laufen und hoffen … Tatsächlich führt mich der Pfad nach kurzer Zeit in eine andere Richtung (aufwärts übrigens), von der ich nur hoffen kann, dass es die richtige ist …

Ich vertraile weitere Minuten, finde weitere Pfeile und dann auch noch Läufer, die sich in die dieselbe Richtung bewegen. Also mach dich locker Udo, das wirklich heftige Verlaufen ist dir erspart geblieben. Ende Trail, kurzes Stück Forstweg, ein Streckenposten – endlich mal Sicherheit. Er steht bei etwa Km 52, wo man offiziell abkürzen kann. Statt knapp 67 kämen dann „nur“ 60 km zusammen. Kommt nicht in Frage für mich, auch wenn diverse, innere Weicheier ein wildes Heulkonzert anstimmen, um meinen Willen zu brechen. Versteht mich ihr Sehnen und Muskeln! Haltet durch ihr Gelenke und Bänder! Ich kann nicht aufgeben, bevor Schwäche mich zwingt. Das wisst ihr doch … Ein bisschen Zickzack im Wald, auch mal wieder ein Stück überkrauteter Unweg, dann auf Asphalt abwärts. Das Aufatmen hat keinen Bestand: Nach rechts aufwärts, nächster MTB-Trail. Überflüssig zu sagen, dass ich die Erfindung des Mountainbikes immer mehr als einen der dunkelsten Momente der Sportgeschichte empfinde …

Aufwärts, verfolgt von einer ganzen Kompanie Läufer. Half- oder Quartertrailer, also noch frisch und entsprechend schnell. Ich weiche gerne zum Rand aus, verharre dort ein paar Sekunden, lasse sie vorbei. Schwäche frisst sich seit einigen Minuten wie Gift durch meine Adern. Wieder antraben, Stückchen tippeln, neuerlich stoppen, Leute vorbei lassen und umschauen. Wie Lemminge trailen sie hintereinander her. Doch weit und breit kein Fetzen Flatterband, der ihnen beipflichten würde. Einer verlässt sich blind auf den anderen. „Ob die Richtung stimmt?“ pflanze ich Zweifel ins Gesicht eines Überholenden. „Stimmt, keine Markierung mehr!“ pflichtet der mir bei, geht aber trotzdem weiter. Suchende Blicke, vielleicht was übersehen? Nichts. Nirgendwo rot-weiße Erleuchtung. Trotzdem folge ich den Lemmingen, weil weiter oben am Hang jemand einen Weg erreicht hat. Ich tappe kurzatmig aufwärts, ein bisschen wie auf einem Trampolin, über liegen gelassene Äste eines Holzeinschlags. Mühsam quäle ich mich den steilen Hang empor, erreiche endlich einen Schotterweg. Keine 20 Meter abseits plätschert ein Bach und zieht mich unwiderstehlich an. Will nur ein bisschen Gesicht und Arme waschen und kühlen. Als ich jedoch die Hände ins Wasser tauche, überwältigt mich das nach Atmen elementarste aller Bedürfnisse: Trinken! ‚Viehwirtschaft gibt’s hier keine. Zivilisation in der Nähe sicher auch nicht. Wovon also sollte das Wasser verschmutzt sein?’ Flugs füge ich die mir von der Natur geschenkten Halbschalen zu einer, schöpfe Wasser und trinke. Kalt, erfrischend, das Köstlichste, was seit Langem durch meine Kehle rann … Mehr davon!!!

Über den Forstweg finde ich rasch zurück auf den Bikerpfad, habe also wieder nur wenige Minuten infolge Verlaufens eingebüßt. Unangenehmer ist da schon die nicht abreißen wollende Kette schnellerer Mitläufer, mit denen ich mir Buckel, Rinnen, Steine und Wurzeln teilen muss. Alle paar Meter fährt der lahme Trecker rechts ran, um die quirligen Pkw vorbei zu lassen. Meine müden Beine heißen die Zwangspausen willkommen. Weitschweifige Schlingen beschreibt der Weg im Wald, manchmal nur wenige Meter voneinander getrennt. Fünf, sechs unerlaubte Schritte und man hätte etliche Meter gespart … Ich könnte es nicht, selbst wenn mich die Versuchung mutterseelenallein heimsuchte. Den Selbstbetrug ertrüge ich nicht … Als Kind mogelte ich einmal beim Schulsportfest. Erschlich mir eine kleine, unbedeutende Belohnung. Langte in die Kiste mit Werbegeschenken, aus der sich jeder etwas nehmen durfte, der eine gute Platzierung erreichte oder Helfer war. Beides traf auf mich nicht zu, was nicht überprüfbar war. Ich ergatterte ein Paar aus Kunststoff nachgebildete, winzige Laufschuhe. Im Bücherregal gut sichtbar abgelegt, frischten sie über Monate mein schlechtes Gewissen auf. Keine Predigt oder Strafe hätte korrekten Sportsgeist nachhaltiger formen können, als diese ständige Selbstanklage …

Der Pfad führt uns aus dem Wald in eine weithin, einsehbare Schneise, windet sich in ihr aufwärts. Zwischen jungen Fichten, Büschen und allerlei Kraut staut sich die Hitze. Trockener Mund, Zunge klebt am Gaumen, Durst. Woraus resultiert das ungewohnt quälende Durstgefühl? Ein Grund liegt sicher in den langen Abständen zwischen den Verpflegungspunkten (etwas mehr als 7 km im Schnitt). Die will ich dem Veranstalter allerdings nicht vorwerfen. Immerhin empfiehlt er die Mitnahme eines Trinkgürtels. Mein Körper sendet immer drängender Schwächesignale. Ich muss meinen ganzen Willen aufbieten, um auch diesen, objektiv nicht steilen Pfad laufend zu bewältigen. Dabei ist jeder Fotostopp willkommen. Noch willkommener ist allerdings die Tränke, die mich am Rand einer Forststraße erwartet … Gel, drei Becher Wasser und alkfreies Bier hinterher …

Noch ’ne Bikerpiste, eeeewiiig lang, aber abwärts und schattig. Geht. Langsam, sehr langsam, vor allem im Halb- bis Dreivierteldunkel dicht an dicht stehender Fichten, deren Kronen vom Waldsterben noch nie etwas gehört haben. Ich ermahne mich mehrmals lautlos zu Konzentration, zu langsamem, vorsichtigem Setzen der Schritte. ‚Du bist müde! Heb deine Füße hoch, sonst bleiben sie hängen! Schlappen geht hier nicht!’ Die Entfernungsanzeige am Handgelenk scheint von einer entsetzlichen Lähmung befallen, nur die Uhr tickt munter weiter. „Ich dachte, du wärst längst im Ziel!?“ ruft mir die „Dame in blau“ von hinten zu. Vor 30 km hab ich sie überholt, jetzt unterbricht ihr Satz mein apathisches Dahintrailen für kurze Zeit. Ich schweige, bis sie auf gleicher Höhe ist – lautes Reden kostet zu viel Kraft –, antworte dann: „Ich bin müde und habe Angst zu stürzen! Also lieber sehr langsam laufen!“ Ein, zwei Minuten später verliere ich sie aus den Augen.

Letzte Tränke am Rand von Breitenbrunn. Zum ersten Mal seit Stunden weiß ich wirklich, wo ich bin. Hier kam ich gestern bei der Anreise mit dem Auto vorbei. Noch vier Kilometer. Ein Stück die Straße entlang. Kann mich mit beinahe berstendem Bauch nicht wirklich gut bewegen. Was ist schlimmer? Durst oder Schwäche? Lächerlich wenig Steigung und sie bringt mich ins Schwitzen. Aber ich gebe nicht auf, will alles laufen, will nicht so kurz vorm Ziel noch gehen. „Kurz“ vorm Ziel? Nur ausgeruht ist „kurz“ wirklich „kurz“ aber nicht in meiner Verfassung. Ich wische den Gedanken zur Seite, tippele weiter. Streckenposten, schickt uns nach links. Runter, immer weiter runter. Ich stöhne aus tiefster Seele, wissend, dass ich jeden Höhenmeter gleich wieder werde erkämpfen müssen. Immer noch runter. Stöhnen reicht nicht mehr, fluchen macht es erträglicher. Und jetzt wieder rauf. Gute Forststraße, glatt, fein geschottert, wenigstens das. In mir die Ahnung: Ein Trail kommt da sicher noch … ganz sicher … Einstweilen auf Glatt und Fein. Aber aufwärts, immer steiler aufwärts. Noch dazu geradeaus. Will nicht enden diese blöde Rampe. Ich erkämpfe mir Meter um Meter. War’s heute schon mal hart? Kann sein, aber jetzt bin ich absolut am Limit. Schweiß rinnt, Atem geht schnell und tief. Ende der Rampe, nach links. Oh nein! Noch eine steiler werdende Schräge, noch länger, entsetzlich lange. Fotos. Jeder Fotostopp bringt ein paar Sekunden Linderung. Alle gehen. Natürlich gehen alle. Nur ich wieder nicht. Jetzt erst recht nicht mehr!

Ein letzter vermaledeiter Bikertrail. Ein letztes Mal rechts, links, rauf, runter, hin, her, über Steine, tausend Wurzeln … Tendenz aufwärts, auch das noch. ‚Kämpfe! Heb die Füße hoch! Fall jetzt bloß nicht mehr auf die Schn …!’ Wieder in Schlingen durch den Wald. Dreißig Meter links von mir verläuft die Straße. Dann und wann rauscht ein Auto vorbei. Noch zweimal was für die Augen: Ich passiere einen Klettergarten. Kinder und Erwachsene turnen darin herum. Höre von oben: „Kannst du kurz an der Stelle warten, dann klettern wir vorbei?“ Bin dann auch vorbei, erreiche die kapitalste aller bisherigen Steilkurven. Zwei, drei Meter hoch wird sie schon manchen Biker zu übermütigem Sausen verführt haben. Bild und weiter. Hab’s doch gewusst! Vor mir kürzt einer ganz ungeniert ab, erspart sich dreißig Meter einer ausufernden Schleife. Soll er doch, was kümmert’s mich. Noch ein bisschen müdes Hin, ein wenig schlappes Her, samt fußlahmem Rauf und Runter. „Gleich hast du’s geschafft“ meint die Frau zu mir und applaudiert. Durch ein fett aufgeblasenes Werbetor betrete ich den Sportpark Rabenberg. Noch dreihundert Meter geradeaus, bergan natürlich, aber das ist mir jetzt so was von egal. Nach 8:39:09 h trabe ich ins Ziel.

Ergebnis: 8:39:09 h, Platz 16 von 42, Platz 1 von 2 in M60

 

Fazit zur Veranstaltung

Der Sportpark Rabenberg bietet gute und preiswerte Unterkünfte (Einzelzimmer € 40,- pro Nacht). Auch Vollverpflegung kann man dort für wenig Geld erhalten (Frühstück € 6,-, Abendessen € 7,-). Damit lohnt die Anreise von weit her, vor allem für mehrere Tage. Die Bikertrails sind hart, bieten aber eine gute Grundlage zum Traillaufen. Ein weiteres Plus liefert die Landschaft des Erzgebirges, die es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Vorläufiges Fazit: Eine gute Idee, an einem ideal dafür geeigneten Ort umgesetzt.

Allerdings litt die Durchführung unter zwei schwerwiegenden Schwächen. Zum einen die an diversen Stellen mangelhafte Markierung der Strecke. Es reicht einfach nicht aus, den Download einer GPS-Datei und die Mitnahme eines entsprechenden Geräts auf die Strecke zu empfehlen. Traillaufen nur mit Technik am Handgelenk? Inakzeptabel.

Wer an einer Laufveranstaltung teilnimmt, weiß, dass er das auf eigene Gefahr unternimmt. Selbstverantwortung enthebt Veranstalter aber nicht der Pflicht unnötige Risiken und absehbare Gefahren für die Gesundheit der Läufer zu minimieren. Es wird immer mal ein paar Meter Strecke geben, auf denen sich Stolperfallen (zum Beispiel im Gras) verstecken können. Beim Sachsentrail wurden jedoch bewusst sehr lange Abschnitte ausgesucht, die man nur gehend sicher bewältigen kann; auf denen man Schritt um Schritt nicht weiß, worauf man seinen Fuß setzt. Darüber hinaus wurden nahezu krampfhaft weglose Abschnitte gewählt, um nur ja den Trailcharakter zu wahren. Ich schließe mich der Wertung eines trailerfahrenen Teilnehmers an: „Grenzwertig“. Nach seiner Aussage hat er bei noch keinem Lauf so viele Läufer stürzen sehen.

Vielleicht ist die Mehrheit „echter“ Trailläufer scharf auf solche, von mir als „Unwege“ bezeichneten Abschnitte. Kann sein. Die kritischen Wegstücke jedoch in der Internetpräsentation nicht ausdrücklich anzukündigen, sie ggf. in Wort und Bild eindeutig zu beschreiben, ist nach meiner Ansicht fahrlässig. Denn Trail ist nicht gleich Trail. Beispielsweise entsprechen die 72 km des Super Elm Trails (Niedersachsen, siehe Laufbericht aus diesem Jahr) einem Spaziergang, vergleicht man sie mit den Anforderungen das Sachsentrails.

Fazit: Idee gut, Ort gut, Umsetzung dringend verbesserungsbedürftig.

 

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