Artgerechte Haltung – Maratona del Mugello 2013

Zu meinen Leidenschaften zählt neben dem Laufen auch Urlaub in Italien. Was liegt da näher, als beides miteinander zu verbinden? Italien vereint wunderschöne Landschaften, herrliche alte Bausubstanz noch in den kleinsten Dörfern, liebenswerte Menschen und nicht zuletzt eine atemberaubend gute Küche. Wer noch nie hier war, unterliegt in unseren Tagen der Gefahr über Nachrichtenmedien ein ziemlich schiefes Bild von Land und Leuten zu gewinnen. Berichtet wird über die schwächelnde Wirtschaft, eine galoppierende Staatsverschuldung und einen Hanswurst, ehedem Ministerpräsident, jetzt überführter Krimineller in Sachen Steuerbetrug, gegen den auch wegen anderer, delikaterer Verdächtigungen ermittelt wird. Man hört und liest von der politischen Instabilität des Staates, seiner schieren Unregierbarkeit und natürlich immer wieder von der Mafia. Alle diese Auswüchse gibt es in Italien. Aber mal Hand aufs Herz: Was alles war und ist in Deutschland nicht in Ordnung, und welches oft als verzerrt empfundene Bild zeichnen ausländische Berichterstatter von uns?

Aber ja, es stimmt, Italien begreife auch ich als ständige Gefahrenquelle. Allerdings nicht für mein oder Ines Leben, sondern einzig für unsere schlanke Linie … Deshalb lautet die erste Frage, auf die ich heute eine Antwort finden werde: Kann man nach neun Tagen Italienurlaub, in dem wir ausnahmslos „molto bene“ und viel zu viel gespeist haben, überhaupt noch einen Marathon laufen? Hin und wieder kommen in meinen Laufberichten auch Späße zu ihrem Recht, doch diese Frage stellt sich vor ernstem Hintergrund. Einen Ernährungswissenschaftler muss ich nicht bemühen, um Unordnung in Energiestoffwechsel und inneren Organen nach neun Tagen Völlerei nachzuweisen. Ein wenig Verständnis der Materie und vor allem Selbstwahrnehmung genügen dafür.

„Menschen laufen seit 3,2 Millionen Jahren!“

Wann, wo, was: Samstag, 14:15 Uhr, eine Viertelstunde vorm Start. Ich sitze im Stuhl einer geschlossenen Bar unter schattigen Bäumen auf der Piazza Dante in Borgo San Lorenzo. Die Kleinstadt liegt in einer weiten Talmulde, etwa 30 Kilometer nördlich von Florenz und damit gerade noch in der Toskana. Nicht die typische, die Postkarten-Toskana: Borgo San Lorenzo gilt als Zentrum des so genannten „Mugello“, einer im Norden und Westen von bis zu 1.000 Meter hohen, bewaldeten Bergen eingefassten Region. Ackerbau und Milchwirtschaft stehen landwirtschaftlich im Mittelpunkt. Als wir gegen 12:30 Uhr einen Parkplatz ansteuerten, meldete das Display des Autos sagenhafte und sonnige 27°C. Völlig normal für Italien Ende September, aber ganz sicher nicht leistungsfördernd. Ebenso wenig wie die insgesamt 400 Höhenmeter des Maratona del Mugello – etwa 300 davon auf nur 17 Kilometern Teilstrecke.

Bevor ich noch mehr dunkle Wolken überm erhofften Erfolg im 116. Marathon quellen lasse, will ich dann doch erst mal in den Wettkampf starten. Leichter gesagt als getan, denn ich muss noch mal. Mit fast 60 Lenzen hast du einfach Hemmungen in den (von allen Seiten gut einsehbaren) Park auf der Piazza zu pinkeln; allerdings keine unüberwindlichen. Als es mir die Ureinwohner vormachen, darf ich mein Sakrileg als Beitrag zu Integration und Völkerverständigung betrachten. Aber jetzt: An einer Ecke der Piazza Dante stehen sie zu hunderten startbereit herum. Doch wo genau ist der Start? Ich frage einen Läufer: „La Partenza?“ (Der Start?). Der deutet vor seine Füße und meint lapidar: „Qui!“ (Hier!). Ich fühle mich nicht vollständig aufgeklärt und hake nach: „Que direzione?“ (Welche Richtung?). Er antwortet wortreich, was ich nicht verstehe (weil ich außer ein paar Brocken kein Italienisch spreche), zeigt aber auf einen fett aufgeblasenen Bogen, den ich ohnehin als Starttor im Verdacht hatte. Allerdings ist der Weg dorthin mit Absperrungen verstellt …

„Laufen ist keine Option – Laufen ist eine biologische Notwendigkeit!“

Ines macht sich mit Roxi an der Leine auf den Weg, um mich ein paar hundert Meter in mutmaßlicher Laufrichtung zu erwarten. Ihre Wünsche für gutes Gelingen nehme ich im sicheren Gefühl entgegen, sie heute brauchen zu können. Plötzlich kommt Bewegung in die bislang abwartende Läuferschar. Vor der Absperrung staut es sich wegen kurzer Sichtkontrolle. Was die beiden Helfer überprüfen bleibt unklar. Vermutlich nur, ob jeder eine Startnummer trägt. Ich suche mir ein schattiges Plätzchen etwa zwanzig Meter hinter der Startlinie. Zu weit vorne für meine heutigen Absichten, doch weiter hinten müsste ich die verbleibenden fünf Minuten in praller Sonne zuwarten. Schweigend in sich versunken, still lächelnd, munter plaudernd oder italienisch überschäumend scherzend – die komplette Palette an Vorstartverhalten ist um mich her vertreten. Jenseits der Startlinie schwingt man Fahnen, untermalt von dumpfen Trommelwirbeln. Genaueres kann ich weder hören noch sehen, versuche aber die ab und zu durch die Luft fliegenden Fahnen zu fotografieren. „Alles klar?“ – Deutsche Laute dringen aus dem Hintergrund italienischen Gemurmels an mein Ohr. Es dauert ein paar Augenblicke bis ich das Deutsche realisiere und weitere, um zu kapieren, dass es mir gelten könnte. Drei Reihen hinter mir steht ein „Südtiroler“ (erkenntlich am Shirt-Aufdruck, so wie mein Rücken mich als Tedesco ausweist), daher die deutsche Sprache. Mein Zögern lässt ihn die Anfrage wiederholen: „Alles klar?“ „Gewaltsam“ in meinem Gedankenkokon aufgescheucht reicht es nur zu einer verdatterten Bestätigung und einem – hoffentlich – netten Lächeln, dann verkrieche ich mich wieder in mir selbst.

Zweimal rücken wir ein Stückchen in Richtung Startlinie vor, bis endlich ein Schuss durch die Gasse peitscht und die bunte Masse Mensch auf ihren langen Weg entsendet. Die ersten paar hundert Meter gehören den engen Sträßchen von Borgo San Lorenzo. Nach zwei Minuten passiere ich die fotografierende Ines. Mit einer nie an ihr beobachteten artistischen Perfektion gelingen ihr scharfe Fotos und zugleich die Bändigung der wie im Wahn bellenden Bestie Roxi. „So wild hat sie sich noch nie am Rand einer Laufstrecke gebärdet!“ erzählt mir Ines später. Zur Erklärung und Ehrenrettung unseres Rudels: Laufen gehört zu Roxis Grundbedürfnissen und sie begleitet uns bei jedem Trainingsjogg. Ihr Instinkt sagt ihr, dass Herrchen inmitten der eilig vorbei drängenden Horde steckt und da will sie hin …

„Dabei ist die Gehfähigkeit des Menschen bis ins hohe Alter (…) zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und Heimunterbringung von herausragender Bedeutung.“

Borgo San Lorenzo liegt hinter mir, ebenso die Brücke über das Flüsschen „Sieve“. Auf gutem Asphalt und breiter Straße laufe ich mich ein. Von allen auf mich einstürmenden Körpersignalen interessiert mich nur eines, die Befindlichkeit im Bereich des Gesäßes links, bis runter in den Oberschenkel. Selbstdiagnose: Reizung des Ischiasnervs. Ursache: Kauern und Knien bei häuslichen Reparaturarbeiten und tätiger Mithilfe am Bau von Freunden. Wie erwartet muckt der Nerv während der ersten Minuten minimal, um sich dann völlig abzumelden. Lange und intensive Läufe, wie etwa das harte norddeutsche Wochenende mit 92 km in zwei Tagen, konnte ich zwar unbehindert bestreiten, sie blieben jedoch nicht folgenlos. Sie fachten die Reizung erheblich an. Beim Bücken und nachts in Ruhe stellen sich starke Schmerzen ein. Ich bin stur und ein Kämpfer, infolge der letzten, anderthalb Jahre langen Verletzungspause aber nicht mehr gedankenlos. Im Oktober stehen noch zwei Marathontermine an. Wenn es mir nicht gelingt die Beschwerden in dieser Zeit einzudämmen, muss ich mir eine Laufpause verordnen …

Auf welligem Profil von Nebenstraßen erarbeite ich mir Kilometer und schöne Aussichten. Die Digicam sammelt fleißig Bilder. Jedenfalls hoffe ich das. Sehen kann ich es nicht, weil der Monitor als Folge des vielen Regens beim norddeutschen Wochenende nun endgültig seinen Geist aufgegeben hat. Ich drücke noch häufiger als sonst auf den Auslöser. Die Weitwinkeleinstellung des Objektivs wird dafür sorgen, dass auf einigen Aufnahmen der gewünschte Bildausschnitt zu sehen ist …

„Menschen in den westlichen Industrieländern verlieren heutzutage bis zu ihrem 80. Lebensjahr beinbetont bis zu 50% ihrer Muskulatur! Ursache ist (…) ein weitgehend sitzender bewegungsarmer Lebensstil (…)“

Marathon in Italien ist anders. Zwänge man mich den Unterschied zu beschreiben, bliebe es bei Indizien: Anfeuerung auf Italienisch, buntere Trikots*, typisch mediterrane Landschaften und Ortschaften, Düfte wie nirgendwo sonst, mildes Klima und mittendrin der teutonische Sonderling. Was das besondere Flair des Laufens unter italienischer Sonne ausmacht, kann ich dennoch nicht in Worte fassen. Es ist mehr als die Summe andersartiger Details und sicher auch von meiner allgemeinen Italien-Schwärmerei geprägt.

*) Was Tagesgeschehen und Modefarben betrifft, sind Läufer in Italien offensichtlich auf der Höhe der Zeit. Man beachte das Beispiel links (Übersetzung: „Vorwärts Franziskus! Bringe deine Kirche in Ordnung!“).

Von der leicht drückenden Nachmittagsschwüle in Borgo San Lorenzo ist hier draußen nichts zu spüren. Dann und wann saugt ein kühlendes Lüftchen den Schweißfilm von der Haut. Ich bin in meinem Laufelement, genieße Wärme und Sonnenschein. Aber mein Mund ist ziemlich trocken und deshalb kommt der erste Verpflegungstand nach bereits dreieinhalb Kilometern wie gerufen. Zwei volle Becher Wasser rinnen durch die Kehle, erst dann erspähe ich die gelbe Flüssigkeit in den Bechern am Ende der Tafel. Iso! Das habe ich nicht erwartet, vor allem nicht in Italien, wo mir in flüssiger Form bisher meist nur Wasser angeboten wurde. Dankbar leere ich einen dritten Becher mit süßem Blubberlutsch. Geschmack: Indifferent, irgendwo zwischen Frucht und Chemie.

„Der Durchschnitt der Mitteleuropäer läuft weniger als 1.000 Schritte (630 – 730 m) am Tag! Über 99% unserer Vorfahren sind hingegen 20 – 40 km am Tag gegangen.“

Zu behaupten ich hätte dieses Tempo bewusst gewählt, wäre eine glatte Lüge. Mehrmalige Kontrollen ergeben einen Schnitt von etwa 5:20 bis 5:30 min/km. Vorab habe ich keinen Gedanken an eine bestimmte Pace verschwendet. Selbstverständlich will ich unter vier Stunden das Ziel erreichen und dafür liege ich gut im Plan. Vielleicht setzt eine unbewusst steuernde Automatik nach so vielen Marathonläufen Wünsche in motorische Aktivitäten um. Im Augenblick bin ich für meine Absicht natürlich zu schnell. Ich baue vor, weil die zu erwartenden Höhenmeter noch einige Zeit kosten werden.

Mehrmals auf diesen Kilometern kommt mir der Ausdruck der „artgerechten Haltung“ in den Sinn. Was will er denn jetzt damit? wirst du sicher fragen. Wir Menschen sind seltsame Wesen. Viele von uns denken mit Skrupeln an das, was wir unseren Haustieren antun. Manche kämpfen sogar in Tierschutzorganisatoren für die „artgerechte Haltung“ von Hühnern, Schweinen, Kühen, usw. Liegt mir genauso am Herzen. Ich greife – wenn möglich – nur noch zu Bio-Eiern, Bio-Wurst, Bio-Fleisch. Nicht weil es gesünder für mich wäre, sondern weil ich unterstelle, dass die Spender dieser Nahrung auf eine Weise gehalten wurden, die ihrer Natur eher entspricht. Wie ich, denken inzwischen viele (die es sich leisten können). Doch wie gehen wir Menschen mit uns selber um? Wie steht es um unsere „artgerechte Haltung“? Wir betreten diese Welt mit Eigenschaften, die denen der Jäger und Sammler von vor 10.000 Jahren entsprechen. Seitdem sind nur 500 Generationen vergangen; viel zu wenig, als dass die Evolution unserem Erbgut die Lebensweise der Sesshaftigkeit hätte aufprägen können. Von der zivilisatorisch verschärften Immobilität der letzten Jahrzehnte ganz zu schweigen. Gestern las ich einen Satz von solcher Wucht und Unmissverständlichkeit, dass ich fast aus meinem bequemen Stuhl gerutscht wäre: „Laufen ist keine Option – Laufen ist eine biologische Notwendigkeit!“*

*) Das Zitat entstammt dem Büchlein „42 Tipps für 42 Kilometer“, das Ines und ich in der Tüte beim Münster Marathon fanden (Siehe auch die Erläuterung am Ende dieses Laufberichts). Schon das erste Kapitel, aus dem alle in diesem Laufbericht zitierten Passagen stammen, ist geeignet Augen zu öffnen. Der Mensch kommt als Läufer auf die Welt, nicht als Sitzender vor Computer und Fernseher, nicht als Autofahrer oder als Kind sonstiger Untätigkeit. Wer nicht läuft – viel läuft! – und auch sonst keine Ausdauer erzeugenden Tätigkeiten verrichtet, geht das Risiko gesundheitlicher Schädigungen ein … Laufen ist eine biologische Notwendigkeit, um den Organismus funktionsfähig und gesund zu halten. Laufen ist damit unser artgerechter Lebensstil.

Ich schwimme im Strom quietschbunter Uniformen, lese Vereinsnamen oder Parolen auf Italienisch, lasse den Blick zu grünen, bewaldeten Anhöhen schweifen oder zu den talwärts sanft abfallenden Feldern. Die Getreideernte wurde längst eingefahren, hellbrauner Boden wartet umgepflügt auf neue Bestellung. Nur Mais- und unansehnlich verblühte Sonnenblumenfelder harren noch dem finalen Schnitt. Wir nähern uns der ersten Ortschaft „San Piero a Sieve“. Ein paar stimmgewaltige Schlachtenbummler begleiten unseren Weg durch die schmalen Gassen des Ortes. Die lärmen wie tausend und doch bin ich mehr Publikum von früheren Italo-Läufen gewöhnt. Nach fünf Minuten und einer zweiten Trinkpause liegt das Dorf schon hinter uns.

(…) unsere heutigen Gene entsprechen noch immer denen eines Jägers und Sammlers! 500 Generationen seit Beginn von Sesshaftigkeit (…) sind in genetischen Dimensionen betrachtet ein Wimpernschlag und reichen nicht aus, um genetische Anpassungen an eine sich verändernde Lebensweise zu ermöglichen.

Eine der wichtigen Verkehrsadern bringt uns dem nächsten Zwischenziel, der Ortschaft Scarperia, näher. Die Bedeutung der Straße belegen lange Autostaus, die wir passieren. Kaum einer dieser unfreiwilligen Zaungäste wird sich ausgerechnet für den Laufsport interessieren. Dennoch warten sie geduldig, verweigern sich sogar dem gängigsten aller italienischen Autofahrerklischees: Kein einziges Hupen zerreißt den nachmittäglichen Frieden. Sport ist Sport und der hat in Italien einen sehr hohen Stellenwert. Fußball vor allem, dann natürlich Rad- und Motorsport. Laufbewerbe rangeln mit anderen Disziplinen um hintere Plätze. Geradlinig und mit minimaler Steigung geht es weiter Richtung Scarperia. Irgendwann erhascht man einen ersten Blick auf den hübschen, auf einer Kuppe gelegenen Ort. Ein Schild bringt in Erinnerung, dass wir jetzt auf einem Abschnitt der „Milchstraße“ unterwegs sind: „La Via del Latte“. Sie verbindet viele der Milch erzeugenden und verarbeitenden Betriebe des Mugello und lässt auch gastronomische Betriebe zur Verkostung nicht aus.

Seit längerem wechsele ich mich mit dem schlanken Glatzkopf im roten Laufshirt und mit Designerbrille auf der Nase in der „Führungsarbeit“ ab. „Guidotti 1955“ steht auf seinem Rücken. Vorname und Jahrgang? Ein „Guidotti“ ist mir in vielen Italienbesuchen zwar noch nie untergekommen, aber was heißt das schon*. Der Jahrgang könnte stimmen. „Veterani“, alle Läufer mit 50 Jahren oder älter, wie zum Beispiel mich, erkennt man an der grün unterlegten Startnummer. So eine trägt „Guidotti 1955“ auch auf der Brust. In der langen Steigung vor Scarperia ziehe ich mehrmals an ihm vorbei. Das liegt vor allem an Fotopausen und dem ausgesprochen guten Laufgefühl nach 10 Kilometern, das mich zu einer zügigen Pace animiert. Entweder geht „Guidotti 1955“ mein unstetes Gehabe auf den Wecker oder er kann allgemein nicht ertragen, wenn jemand an ihm vorbei zieht. Jedenfalls verbeißt er sich in meine Waden, um jeweils nach kurzer Zeit seinerseits zu überholen – relativ angestrengt bereits, wenn ich sein Atemgeräusch richtig deute. Und wenn ich schon beim Deuten bin: Ein zufällig eingefangener Blick aus haarlosem Schädel und sein leises, irgendwie ärgerlich klingendes Gemurmel, scheinen zu signalisieren, dass er den Tedesco nicht kampflos wird ziehen lassen …

*) In der Ergebnisliste finde ich „Guidotti 1955“ später wieder. „Guidotto“ ist der Familienname.

Die ersten Häuser und schmucklosen Zweckbauten der Ortschaft Scarperia ziehen vorbei. Ein bisschen Spannung baut sich in mir auf. Scarperia haben Ines und ich uns vor ein paar Tagen bereits angesehen. Ein Dorf mit romantischen Gassen, einer winzigen aber schmucken Piazza und einem wehrhaften Palazzo, dessen Turm weithin sichtbar ist. Die schnurgerade Hauptgasse von Scarperia wirkt heute noch reizvoller und ist mir viele Fotostopps wert. In Höhe des mächtigen Palazzo bilden Trommler – links – und Fahnenschwinger – rechts – ein Spalier. Vermutlich handelt es sich um dieselbe Formation, die uns schon den Start zelebrierte.

Die Evolution hat den Menschen über Jahrmillionen (…) als Jäger und Sammler mit einer Laufleistung von bis zu 40 km am Tag wie ein „Lauftier“ designed.

Weiter geradeaus, noch immer in Scarperia, noch immer in steter, kaum fordernder Steigung. Bald darauf sind die 125 Höhenmeter des längsten Anstieges Vergangenheit, ohne Spuren von Ermüdung in meinen Beinen hinterlassen zu haben. Mein Optimismus wächst und animiert den Spieltrieb. Ich versuche meinen Schatten fotografisch einzufangen. Meinen Schatten und die seit 14 Kilometern richtungweisende, grüngelbe Marathonlinie. Nach einem Rechtsschwenk nehme ich wieder Tuchfühlung zu „Guidotti 1955“ auf, den ich zwischenzeitlich aus den Augen verlor. Das schon vor Scarperia zeitweilig und entfernt hörbare Sägen hochtourig gequälter Motorräder wird lauter. „Ingresso Palagio“ steht über dem für uns geöffneten Nebeneingang des „Autodromo Mugello“, einer relativ jungen, Motorsportmuffeln wie mir völlig unbekannten Rennstrecke. „Imola“ sagt mir was, aber vom „Autodromo Mugello“ hatte ich noch nie etwas gehört.

Die Rennstrecke wurde in eine Talmulde gebaut, an deren oberem Rand wir nun das Areal betreten. Offensichtlich findet gerade ein Motorradrennen statt. Dafür spricht nicht nur der enervierende Lärm immer wieder beschleunigter Rennmaschinen, sondern auch ein gut besuchter Parkplatz und die aus zig Lautsprechern hallende, sich in enthusiastischen Worten überschlagende Stimme eines Kommentators. Außer den auf einsehbaren Teilstücken der Piste dann und wann vorbei huschenden dunklen Flecken ist vom Rennverlauf nichts auszumachen. Unsere breite, asphaltierte Piste windet sich in weit geschwungenen Serpentinen den Hügel hinab. Der kurz geschorene Rasen verleitet die meisten Wettkämpfer abzukürzen und keine der Kurven auszulaufen. Ich fixiere die grüngelbe, stur dem Asphaltband folgende Linie und damit ist die Sache entschieden. Abzukürzen bringe ich nicht über mich. Noch weniger als die damit verbundene Unsportlichkeit ertrüge ich den Gedanken, am Ende doch keinen Marathon gelaufen zu sein. 42.195 Meter ergeben einen Marathon und eben keine 42.000 oder 41.935. Auch „Guidotti 1955“ wird am Ende keinen Marathon weit gelaufen sein und deshalb kündige ich ihm in diesen Sekunden die einseitig erklärte Freundschaft auf. Ein paar Kilometer später werde ich den „Betrüger“ überholen und ihn bis zum Finish nicht mehr wieder sehen …

Das „Allerheiligste“ der Rennstrecke ist mittels hohem Zaun – Palisaden alter Römerkastelle konnten wehrhafter nicht sein – vom schmalen Rundweg abgetrennt. Der eigentliche Zweck dieses etwa fünf Meter breiten Asphaltstreifens bleibt mir verborgen. Er umrundet die Rennpiste in einer parkähnlich angelegten Zone, reiht dabei einen Hügel an den anderen. Kurze, brachiale Steigungen wechseln sich mit ebensolchen Gefällestücken ab. Zu allem Überfluss regt sich in diesem Taleinschnitt absolut kein Lüftchen. Zum ersten Mal sengt die Sonne auf der Haut. Rauf, steil rauf, runter, steil runter. Wieder rauf, wieder runter und so weiter. Die meisten meiner italienischen Mitstreiter gehen aufwärts. Darf ich nicht, will ich nicht, brauch ich auch nicht. Als ich dann den letzten, zugleich höchsten und steilsten Buckel erklimme, erteilen mir meine Beine eine unzweideutige Rüge: „Ist schon in Ordnung, dass du jeden vermaledeiten Anstieg laufend nimmst. Aber du hättest zumindest das Tempo reduzieren müssen!“ Den Fehler nachträglich zu erkennen sollte mir helfen keine weiteren mehr zu begehen! Denn erst 17 Kilometer liegen hinter mir.

„Laufen ist unsere ursprüngliche und natürliche Bewegungsform.“

Derweil hat sich über der Rennstrecke eine unwirkliche Stille gelegt. Das „Sägen“ hat abrupt aufgehört und der Sprecher schweigt seit Minuten. Gerade als ich mich frage, ob und wie es „da unten“ weitergeht, inszeniert man die Siegerehrung. Kurz darauf jagen noch einmal zwei, drei Motoräder mit aufheulenden Motoren vorbei – eine Ehrenrunde, wie ich kurzer Hand unterstelle. Für mich endet das ungemein kraftraubende Intermezzo „Autodromo Mugello“ am Haupteingang, den wir über eine vom offiziellen Fotografen belauerte Gasse verlassen.

Auf einer ebenen, jetzt wieder von Landwirtschaft gesäumten Straße erholt sich mein Körper. Mir geht durch den Kopf, wie wenig veröffentlichte Streckenprofile über die tatsächlichen Anforderungen aussagen. Der erste Zacken, mehr als hundert Höhenmeter, schien mir das Haupthindernis zu sein, erwies sich jedoch als völlig harmlos. Die zweite, viel kürzere Spitze, lächerliche vierzig Höhenmeter total, verbirgt nicht nur die ihr innewohnende Achterbahn, sie gibt auch nichts von der Steilheit der Buckel preis. Nun steht mir noch ein Anstieg, insgesamt fünfzig Höhenmeter bevor, „per Strada“ zu einer Ortschaft hin. Also tippe ich auf einen geruhsamen Anstieg.

„Laufen ist ein Ganzkörpermedikament“

Ich behalte recht. Mühelos aufwärts, auf diesem Teilstück auch wieder von einer angenehm kühlenden Brise umweht. „Luco di Mugello“ steht auf dem Ortsschild. Wie sich während der nächsten fünf Minuten erweist, ein unbedeutender, auch baulich kaum erwähnenswerter Ort. Eine Verpflegungsstelle erzwingt einen Halt. Von der anderen Straßenseite dröhnen laute Beats und eine breit gefächerte Gruppe Frauen unterhält das Publikum mit einem Showtanz. Gut gemeint, für vorbei tröpfelnde LäuferInnen aber wenig hilfreich. Bei derlei „Einlagen“ habe ich immer das Gefühl, dass die Akteure sie mehr für sich als für andere zelebrieren. Völlig in Ordnung übrigens. Wir Läufer sind doch auch ausschließlich in eigener Sache unterwegs und lassen uns dabei gerne applaudieren und bestaunen.

Ich hefte mich an zerbrechlich wirkende Fersen. „Die ist ganz schön schnell angezogen!“ hatte ich Ines vor dem Start auf die zierliche, nur in engen Shorts und Top angetretene Amazone aufmerksam gemacht. Kleider machen Leute: Tatsächlich hätte ich ihr die weibliche Führungsrolle in diesem Laufdrama zugetraut. Offenbar musste sie im hügeligen Abschnitt mehrere Gänge zurückschalten. Nun geht’s jedoch bergab und sie nimmt die Beine in die Hand. Dranbleiben? Die nächsten vier Kilometer könnte ich Boden gut machen. Warum sich nicht mal von einer leichtfüßigen Gazelle ziehen lassen? Also bilden wir ein Paar, wovon sie natürlich nichts merkt. Um nicht aufdringlich zu wirken, gehe ich auch mal in Führung oder lasse mich ein paar Meter zurückfallen. Ideal, um sie bei ultrakurzen Fotostopps als Model durchs Bild fliegen zu lassen …

„Bewegungsmangel spielt vor Fehlernährung die Hauptrolle bei der Entstehung vieler Zivilisationserkrankungen und ist damit für die Haupttodesursachen in den westlichen Industrieländern verantwortlich.“

Noch ein paar Minuten Gefälle. Mich von weiblichem Ehrgeiz mitreißen zu lassen war keine gute Idee. Ich spüre den Substanzverlust in allen Fasern und bis ins Ziel fehlen noch fast 17 km. Wieder ein Fehler … Die ersten Häuser von Borgo San Lorenzo fliegen vorbei, wenig später renne ich Ines vor die Linse. Flott bergab, lächelnd und mit zum Gruß erhobenem Arm übermittele ich meiner Frau garantiert ein falsches Signal: „Tutto bene!“ Was soll’s? Es reicht, wenn ich mich zu sorgen beginne …

Wir – die leicht geschürzte Amazone und ich – passieren den Zielbereich auf der Piazza Dante und wählen den rechten, mit „Maratona“ markierten Kanal. Etwa die Hälfte aller gestarteten Läufer biegt dagegen links ab und begnügt sich mit einem langen Lauf von gut 26 km. Ersatz für den klassischen Halbmarathon, der hier nicht angeboten wird. Jubel brandet auf. Er gilt natürlich der vor mir her tänzelnden Signora. Daheim könnte ich mir einbilden: ‚Die meinen dich!’. Italiener sind da leider unzweideutig: Statt dem maskulinen „Bravo!“ erschallt mehrfach das feminine „Brava!“ und mit dem „A und O“ am Ende italienischer Vokabeln kenne ich mich leider hinreichend aus. Am Verpflegungspunkt hinter der Piazza verliere ich Zeit, in der meine Zugläuferin Vorsprung gewinnt. In enger, schattiger Gasse versuche ich dran zu bleiben. Glocken läuten. Erst von weiter her, mit jedem Schritt lauter werdend. Ich möchte sie für mich vereinnahmen, als Gruß oder gutes Omen. Die Umstände verhindern es, denn die Straße ist objektiv eben, fühlt sich aber wie eine Steigung an …

Die Glocken rufen zum Nachmittagsgebet und ich sehe mehrere Gläubige das Gotteshaus betreten. Ich entferne mich, verlasse Borgo durch Außenbezirke, schließlich über eine Brücke. Das „Objekt meiner Begierde“ – was ich ausdrücklich nur in läuferischem Sinne verstanden wissen will – setzt sich immer weiter ab. Ich kann ihr nicht folgen und darf es auch nicht. Ich habe schon genug Fehler auf dem Kerbholz: Forsch die lange Gerade nach Scarperia hoch gerauscht, siegesgewiss durch die Schikanen des „Autodromo“ gesaust und schließlich mich in die Hacken der Signora verguckt … Das reicht für ein quälendes Finale. Und seit ein paar Minuten spüre ich, dass das Leiden sehr bald beginnen wird.

Irgendwo hinter Bäumen und diesem Deich fließt wohl die „Sieve“. Blöder Deich. Es sind keine zehn, dafür steile Schritte hinauf und sie offenbaren meine bereits erschreckend weit voran geschrittene Ermüdung. Gleich wieder runter und auf asphaltiertem Radweg dahin. Wunderschöne Landschaft in wärmender Nachmittagssonne. Würde ich genießen, wenn ich es noch könnte. Der Weg schlägt einen Haken, 29 Kilometer geschafft. Ich setze alle Hoffnungen in die Tafel mit der „30“. Die gibt mir normalerweise einen gutartigen mentalen Schubser. Heute bleibt er aus, weil ich die Marke auf wachsweichen Beinen passiere. Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt bei Kilometer 30 schon so müde war.

„Für die Marathonvorbereitung lässt sich festhalten, dass ein an die Gesundheit und die Fitness des Läufers angepasstes regelmäßiges Lauftraining einen der effektivsten und wertvollsten Wege selbstmotivierter Gesundheitsprävention darstellt. Der gesundheitliche Nutzen regelmäßigen Lauftrainings übertrifft die möglichen Risiken bei weitem.“

Kilometer 32: Ich erreiche eine breite Straße. Wir – zwei, drei Mitkämpfer und ich – laufen hin, die (viel) schnelleren im Feld schon längst wieder her. Eine lange Wendestrecke – körperlich leidvoll, mental grausam – nimmt ihren Anfang. Jeden verdammten Meter Richtung Osten werde ich wieder zurück laufen müssen. Auf langer Gerade blicke ich etwa einen Kilometer weit voraus … ein Ende ist nicht abzusehen. Reizvolle Landschaft, sogar schon mit dem leicht goldenen Schimmer des späten Nachmittags überzogen. Aber wirklich Augen habe ich nicht mehr dafür. Zu Fotos kann ich mich kaum mehr durchringen, was bei mir schon einiges heißen will.

Linkskurve. Weiter, immer weiter Richtung Osten und ich fühle mich elend ausgelaugt. Kilometer 34, noch acht … Acht verflucht weite Kilometer und ich bin erschöpft wie sonst nur im Marathontor. Verzweiflung empfinde ich keine. Weiß nicht warum. Vielleicht, weil Verzweiflung unnötig Kraft kostet, aber nichts ändert. Ich muss ins Ziel. Und das laufend. Alternative nicht zugelassen. Gute Gedanken fassen: Ich war schon häufiger erschöpft und lief immer weiter. Hab’ nie aufgeben müssen. Das ist eine Frage des Willens. Ich will und ich werde ankommen. Irgendwann wird es mal so sein, dass ich will und nicht mehr kann. Der Tag wird kommen. Aber dieser Tag ist nicht heute!

An der Wende habe ich zur noch locker wirkenden Signora das letzte Mal Sichtkontakt, einseitigen allerdings. Warum hätte sie auch zu mir herüber sehen sollen? Sie kann nicht wissen in welcher Weise sie in mein Läuferschicksal für ein Stündchen verwickelt war. Kilometer 35, dann 36. Die Sonne steht tief überm Horizont. Dennoch belastet mich die Wärme jetzt mehr als zuvor. Schweiß perlt auf meiner Stirn. Einen „artgerechten Lebensstil“ praktiziere ich nun nicht mehr. In meinem gegenwärtigen Zustand hätten sich unsere jagenden und sammelnden Ahnen ganz bestimmt in ihre schützende Höhle zurückgezogen, auf ein weiches Fell gebettet und ausgeruht. Mehr laufen, viel laufen, sehr viel laufen mag der menschlichen Natur, die die Jahrtausende in den Genen überdauerte, entsprechen und nachhaltiger Gesundheit förderlich sein. Doch was ich hier unternehme ist eindeutig ein Anschlag auf kreatürliche Vernunft und Unversehrtheit. Dergleichen darf ungestraft nur tun, wer sich ausreichend vorbereitet und seinen Körper in Zuständen eskalierender Erschöpfung gut kennt.

Kilometer 37: Gewissheit ersetze ich durch Glauben: Ich werde es schaffen! Lauferfahrung bekämpft Zweifel: Auch auf so schwachen Beinen kann ich noch fünf Kilometer weit laufen. Zunehmend schleppender allerdings und dagegen darf ich mich nicht wehren. Für ein paar Schritte ist mir, als wollte sich ein Schwindelgefühl einstellen. Schwanke ein wenig, aber es geht vorbei. Ebenso vorbei, wie vorhin der Anflug von Übelkeit. Mit „Acqua“ pur statt Iso habe ich meinem Magen Erleichterung verschafft. Will mich nicht übergeben müssen. Das kostet Zeit und die wird knapp. Wer kann verstehen, dass ich voll am Limit laufend (oder schon jenseits?) noch auf die Uhr schaue? Einerseits bin ich bereit eine Schlacht zu verlieren, um den Krieg zu gewinnen. Wenn es sein muss, gebe ich das Ziel „Sub4Stunden“ auf, um laufend ins Ziel zu kommen. Aber nur, wenn es sein muss. Noch kann ich es schaffen. Sogar eine Minute Zwangspause zum Übergeben wäre mutmaßlich noch drin … Unappetitlich bizarre Zeitrechnung.

Kilometer 39: Hochrechnung. Kann klappen. Nein: Wird klappen! Du schaffst es. Wund in allen Zellen schleppe ich mich weiter. Wo bleibt das verfluchte Borgo San Lorenzo? Noch drei Kilometer. Ich stelle mir einen bekannten Streckenabschnitt gleicher Länge daheim vor. Lächerlich geringe Distanz, hundertfach gelaufen. Das hilft. Weiter. Kein Kirchturm, kein „Campanile“, erhebt sich über den Bewuchs des Tales. Der könnte mich weiter befeuern, wenn ich ihn als Ziel anvisiere. Aber diese Gnade wird mir heute nicht zuteil.

Kilometer 40: Wie sich das zieht. Wie weh das tut. Alles schreit. Natürlich die Beine. Normal. Aber auch alle Innereien. Wille entreißt den Organen immer mehr Lebensenergie. Wille zwingt die Biomaschine auszuhalten. Weiter! Ich will! Ich muss! Alternative nicht zugelassen! Langsamer? Dann leide ich länger. Will nicht mehr leiden, will ins Ziel. Weiter! Sonne steht tief, alles Vertikale wirft lange Schatten. Fünf Sekunden Stehpause für zwei Fotos voraus und zurück? Verlockender Gedanke, der sich unmittelbar selbst ausführt. Klick und klick. Weiter.

Kilometer 41: Nun ist es sicher. Ich komme laufend an und das unter vier Stunden. Alles wird leichter. Leiden verliert an Bedeutung, wenn sein Ende absehbar ist. Nur noch ein paar Minuten! Ein bisschen wie das Gefühl, wenn man unter Wasser lange die Luft anhalten musste und nun wieder atmen kann. Außer dem Voraus lässt der Kopf jetzt auch wieder ein Rechts und Links gelten. Auf der Brücke über die „Sieve“ erhasche ich einen zauberhaften Blick: Unbewegter Wasserspiegel, blaugrau glänzend bis gespenstisch schwarz. Die untergehende Sonne überzieht das Ufergrün mit goldgelbem Schimmer. Ich bringe dem Herrlichen das gebührende Fünf-Sekunden-Opfer.

Hinter der Brücke öffnen sich die Gassen von Borgo San Lorenzo. Ein paar hundert Meter noch. Nur Ältere oder Liebhaber solcher Oldtimer werden sich erinnern, wie man bei frühen VW-Käfern auf den Reservetank umschaltete. Da gab es einen winzigen Hebel über dem Gaspedal. Den legte man um und hatte weiteren Sprit zur Verfügung. Die Gewissheit es zu schaffen hat meinen Reserveschalter umgelegt. Von Mühe kann nun keine Rede mehr sein. Genauso habe ich es oft erlebt. Langes Laufen ist Kopfsache. Gute Ausdauergrundlagen alleine bringen dich nicht ins Marathonziel.

In den engeren Sträßchen von Borgo San Lorenzo dämmert es bereits. Viele Hände klatschen Beifall. Laute, anspornende Stimmen schieben mich Richtung Piazza Dante. Kurze Formeln der Anerkennung, die ich nicht übersetzen muss, um sie zu verstehen. Viel zu schnell vorbei die Schritte im eigenen Triumph. Ein letzter Blick der Rückversicherung zur Uhr. Passt! Hundert Meter vor der Einlaufgasse wartet mein größter Fan mit der Kamera. Für Ines bringe ich wenigstens die Arme in die Luft. Ein Lächeln ist nicht mehr drin. Damit endet ihr Fiebern, denn natürlich hat sie mich eher erwartet und musste dann zittern, ob ich es noch unter vier Stunden schaffe. Nach ihrem Verständnis schmälert ein etwaiges Überschreiten des Vierstundenlimits die Leistung zwar nicht. Aber sie verbringt den Abend natürlich lieber in Gesellschaft eines durch und durch zufriedenen Finishers …

 

Ein paar Daten zu meinem „Auftritt“ beim Mugello Marathon

Finisher Männer: 326
Davon „Veterani“ (M50 und älter): 123
Finisher Frauen: 43
Mein Ergebnis: 3:57:48 h , Platz 127, Platz „Veterani“: 29

 

Persönliches Fazit

In Folge eines nach tagelanger Völlerei in Tateinheit mit ungewohnt hohem Alkoholgenuss (Vino Rosso e Vino bianco) nur eingeschränkt funktionstüchtigen Ausdauerstoffwechsels und den im Bericht beschriebenen taktischen Fehlern darf ich mich glücklich schätzen, meine Ziele doch noch erreicht zu haben. Die Wärme des Nachmittags empfand ich nicht als leistungshemmend. Sie muss sich dennoch so ausgewirkt haben, weil mein Trinkbedarf nach Zielankunft für eine hohe Dehydrierungsrate sprach. Und das, obwohl ich an jeder Verpflegungsstation drei Becher Flüssigkeit (etwa 0,3 l) trank. Trotz der wirklich grenzwertigen Quälerei auf den letzten zehn Kilometern wird dieser Lauf als schöne Erinnerung in meiner Sammlung Platz finden. Das liegt nicht zuletzt am Ort der Veranstaltung unter südlicher Sonne ...

 

Fazit zum Maratona del Mugello

Der Maratona del Mugello ist ein gutes Beispiel für eine Marathonveranstaltung mit verhältnismäßig geringem Aufwand. Alles wirkt ein bisschen improvisiert, wie in letzter Minute erledigt. Manches scheint es auch tatsächlich zu sein, wie etwa die per Hand geschriebenen Hinweisschilder. Wenn ich überhaupt etwas zu bekritteln habe, dann die fehlende Duschmöglichkeit, was in Italien aber dem Normalfall entspricht. Das war zum Beispiel auch in Rom und Venedig so. Dass es hin und wieder wartende oder auch dahin schleichende Autos zu umkurven galt, bin ich zwar nicht gewöhnt, wird von Italienern aber sicher kaum registriert. Manche Dinge sehen unsere Miteuropäer südlich der Alpen eben lockerer.

Die Strecke hat ihre Reize, landschaftlich und in kleinen Ortschaften, kann natürlich mit dem baulichen Augenschmaus großer Marathons in Italien (etwa Rom, Florenz, Venedig) nicht mithalten.

Eines jedoch kann dem Maratona del Mugello kein anderer Marathon in Italien streitig machen: Ich nahm an der 40. Auflage des ältesten Marathons in Italien teil …


Alle Zitate in obigem Text stammen aus der Broschüre „42 Tipps für 42 Kilometer: Die Lauffibel“ des Sportarztes Dr. med. Ralph Schomaker (Erschienen im Zfs-Verlag, ISBN 978-3-944646-00-8). Das Heft lag dankenswerter Weise dem Startpaket beim Münster Marathon bei. Nicht alle vom Autor vertretenen Ansätze, Vorschläge und praktischen Hinweise finden meinen Beifall. Kritisch betrachte ich vor allem die im Text vorgenommene Verquickung von Laufeinstieg und Marathon. Zwar wird darauf verwiesen, dass dem Marathontraining ein mehrjähriges Lauftraining voraus gehen sollte, im Heftaufbau entsteht jedoch mehrmals der Eindruck als könnten Laufeinsteiger zügig bis zum Marathon durchtrainieren. Dennoch konnte ich dem Heft wichtige Hinweise entnehmen und gerade die Alternativlosigkeit von Lauftraining für den modernen Menschen wird in dieser Arbeit beeindruckend verständlich und kompakt zusammengefasst dargestellt.

Hier noch zwei Kostproben bzw. Zitate:

„Sind Marathonläufer ‚Sportverrückte’?

Marathonläufer gelten in ihrem Umfeld nicht selten als sportsüchtig und besessen. Erhebungen der Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie an der Sporthochschule Köln zeichnen ein anderes Bild: Marathonläufer in Deutschland trainieren im Jahresdurchschnitt wöchentlich 3 – 4 x und absolvieren dabei insgesamt 40 km Laufstrecke. Dies bedeutet 4 – 5 Stunden Trainingszeit pro Woche (…). Mit diesem Trainingsumfang ist knapp das vom American College of Sports Medicine empfohlene tägliche Minimum an Bewegung erreicht (…). Auch wenn es Ausnahmen geben mag, der Durchschnitt der Marathonläufer in Deutschland kann nicht als ‚exzessiv sporttreibend’ gelten.“

Die Broschüre zitiert Prof. Dr. Wildor Hollmann (u.a. Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention), der den gesundheitlichen Einfluss von Lauftraining in folgendes Gleichnis fasste:

„Gäbe es eine Pille, welche die folgenden Eigenschaften in sich vereinigen würde:

  • Senkung des Sauerstoffverbrauchs des Herzmuskels bei gleicher Pumpleistung
  • Hemmung der Gefäßalterung und Gefäßverkalkung
  • Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes und damit Senkung des Thrombose- und Embolierisikos
  • Senkung von Übergewicht
  • Begünstigung einer optimalen körperlichen und geistigen Entwicklung in der Jugend
  • Verringerung altersbedingter körperlicher und geistiger Leistungseinbußen

– mit welcher Dramaturgie würde wohl ein solches Medikament weltweit gefeiert?“

 

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