The Spirit of Kraxi   –   Münster Marathon 2013

Es gibt Zeiten, da steigt man in Münster nicht gerne aus dem Auto. Vorgestern, zum Abholen der Startnummern, weil hochsommerliche Bullenhitze jenseits 30°C ihre Keule schwang. Und heute, am Marathonsonntag, steht das Thermometer bei lausigen 14°C und der Himmel hat seine Schleusen geöffnet. Es gibt kein falsches Wetter, nur unzweckmäßige Kleidung, heißt es. Leider tragen Ines und ich genau diese unzweckmäßige Kleidung auf dem Leib. In meinem Fall doppelt unverzeihlich, da ich doch in Wort und Schrift die lückenlose Marathonvorbereitung predige. Und die packt nun mal alle Ausrüstungsvarianten ins Köfferchen, wenn man quer durch die Republik zu einem Marathon fährt. Natürlich gibt es Gründe, warum Langärmliges zu Hause in der Truhe blieb. Das zu erläutern läse sich allerdings wie Ausflüchte und die gestehe ich mir nicht zu. Basta! Nehmt meine Dummheit in Sachen Bekleidung anlässlich Marathon Nummer 115 einfach als schlechtes Beispiel, dann ist sie wenigstens dazu nütze.

Wir müssen jetzt da raus. Wieso „müssen“? Ihr tut das doch aus freien Stücken, keiner zwingt euch dazu! Stimmt schon und doch verweist „müssen“ auf einen nur allzu verständlichen Zwiespalt. Wer zu einem Marathon antritt, erträumt sich ein von Freude und schönen Erlebnissen geprägtes Laufspektakel. Umso mehr, wenn er dergleichen nur selten, in Ines' Falle höchstens einmal pro Jahr, unternimmt. Spätsommer steht im Kalender. Wer fürchtet da schon Kälte und Dauerregen? Dann ist es endlich so weit und du siehst deine Felle davon schwimmen – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch selbstverständlich sind unwirtliche Verhältnisse kein Grund zu kneifen und genau deshalb „müssen“ wir jetzt da raus ...

Was funktioniert heute voll und was nur eingeschränkt? Eckard „Rumläufer“ hatte mich zum Geburtstagslauf eingeladen: Gestern fünfzig Kilometer zum Fünfzigsten. 50 Kilometer hinterlassen deutliche Spuren im Körper, zumal bei einem, der das Training in den Vorwochen hat schleifen lassen. Zweifel der nachfragenden Ines (und natürlich eigene) verscheuche ich wie gewöhnlich mit einem lockeren Spruch: „Sitzen und Gehen kann ich, ob laufen wird sich gleich zeigen!“ Auch eines meiner wichtigsten „Marathonwerkzeuge“ hat gestern funktionell gelitten. Der Monitor der Digicam soff im stundenlangen Dauerregen ab und hat sich noch nicht wieder vollends erholt. Und nun schüttet es erneut. Mich selbst kann ich nur unzureichend vor Kälte und Nässe schützen, dafür stopfe ich die Digicam in eine kleine Plastiktüte.

Auch Ines hat sich in eine Plastiktüte gestopft, genauer gesagt einen gelben Müllsack. Wer's nicht glaubt, kann's nachlesen, auf dem Kopf stehend aber mühelos zu entziffern: „Der Gelbe Sack“. Kopf, Arme und Beine lugen zwar hervor, den Rumpf schützt das modische Kleidungsstück jedoch gegen Nässe und Wind. Ein vollkommen einzigartiges, wenn auch ausgeliehenes Accessoir vervollständigt ihr trendiges Outfit. Eines, das sie auf dem Kopf trägt und in das sie heute alle ihre Hoffnungen setzt: Eine Schirmkappe. In Kappen stecken Zauberkräfte. Kennt man doch. Etwa von Tarnkappen mit der Eigenschaft ihre Besitzer den Blicken Sterblicher zu entziehen. Und ihre ist besonders! Schon das aufgedruckte Logo des Supermarathons am Rennsteig sollte Ines beflügeln. Wahre Wunderdinge in Sachen Ausdauer erwartet Ines allerdings von Kraxi, dem rasenden Ultra aus der Steiermark, denn ihm gehört die dunkelrote Kopfbedeckung. „The Spirit of Kraxi“ wird helfen ...

Nach unausweichlichem Rendezvous mit Dixie-Häuschen verspäten wir uns in der Startaufstellung. Rasch ein Vorstartfoto und die Laufschuhe enger schnüren. Allgemeiner, in Anbetracht der Verhältnisse allerdings gedämpfter Beifall verweist auf den Start. Derweil nestele ich noch an meinen Tretern herum. Als sich der Tross um uns her in Bewegung setzt, kauere ich mich innerlich fluchend an den Straßenrand, um dort meine Vorbereitungen mit fahrigen Bewegungen abzuschließen. Heute scheine ich alle Paragraphen der rechten Marathonlehre zu verletzen. Also dann los: Wir wünschen uns gegenseitig einen guten Lauf. Ein bisschen unterkühlt allerdings, als wären wir beide vom Gelingen nicht so recht überzeugt. „Der Appetit kommt beim Essen!“ oder „Bist du erst mal richtig nass, spielt der Regen keine Rolle mehr!“ Dergleichen Parolen leiere ich innerlich herunter. Ziel: Gute Laune bewahren. Wirkung: Gleich null. Aber ich laufe Seite an Seite mit Ines einen Marathon, wozu sich nur selten die Gelegenheit bietet und das hilft.

Auch sie fotografierend und einem Trabanten ähnlich umkreisen hilft. Vor allem weil ich mangels Sehkraft nicht erkenne, dass fast alle anfänglichen Fotos im Dunkelgrau des verregneten Morgens misslingen. Wegen Unschärfe nicht zu gebrauchen. Zum Auftakt drehen wir eine Runde durch die Innenstadt. Zu meiner Enttäuschung tangiert sie kaum fotogene Bausubstanz. Dennoch versuche ich mich für City und Lauf zu begeistern, allein schon, um Ines die Aufgabe nicht durch Miesepetrigkeit zu erschweren. Echte Sorgen mache ich mir nicht um sie. Ihr Training blieb zwar von Misserfolgen nicht verschont, doch in viereinhalb Stunden sollte die Runde zu schaffen sein, ohne dabei gehen zu müssen. Die größte Sorge – die Hitze der vergangenen Tage – schwimmt bereits in der Nordsee ... Somit sollte ihr Selbstvertrauen ausreichend gefestigt sein, um den Anfechtungen der kommenden Stunden standzuhalten.

Im wilden Zickzack durchkreuzen wir die unbekannte Innenstadt von Münster und verlieren nach wenigen Richtungswechseln die Orientierung. Ein Gefühl der Verlorenheit stellt sich ein, vor allem als sich der Regen binnen weniger Minuten zum wahren Wolkenbruch entwickelt. Im Nu steht das Wasser in den Schuhen, tropft aus den Haaren, rinnt über jede Körperpartie. Wenigstens habe ich (vorerst?) keine Mühe das Tempo von etwa 6 bis 6:15 min/km mitzugehen. Die 50 km von gestern konnte ich über Nacht nicht völlig wegstecken, aber weh tut mir nichts. Jetzt noch mehr als 35 Kilometern unter diesem Wasserfall laufen? Daran will ich nicht denken! Lieber daran, dass uns der Start in Münster geschenkt wurde. Hundert derer, die in New York 2012 nach Wirbelsturm Sandy und Flutwelle nicht zum ersehnten Finish kamen, erhielten in Münster einen Freistart. Kurzer Hand meldete ich Ines und mich an; ohne damals zu wissen, dass sich der Termin mit dem 50 km-Einladungslauf zu Eckards fünzigsten Geburtstag in idealer Weise verbinden ließ.

Man mag mir die Ausdrucksweise „in idealer Weise verbinden“ nachsehen, wenn zwei mindestens Marathon lange Strecken an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu bewältigen sind. Aber Ultraläufer legen nun mal andere Maßstäbe an. Außerdem: Wenn ich mich hier im grauen, regenverhangenen Münster so umschaue, dann verliert das mit der „idealen Weise“ schon auch seinen Sinn. Das „Ding“ spule ich ab. Basta! So dächte ich sicher, wäre ich allein unterwegs. Nicht der erste Marathon, den ich einigermaßen freudlos abhakte. Je häufiger man läuft, umso wahrscheinlicher werden witterungsbedingte Reinfälle. Den Spaß am Laufen und die Faszination Marathon bedroht mir das nicht. Allerdings bereue ich, Ines mit der unbedachten Anmeldung zu diesem Abenteuer „genötigt“ zu haben. Erst trainierte sie bei (für sie) schier unerträglichen Hitzegraden, und nun muss sie im kalten Dauerregen zum Finish „schwimmen“.

„Bei Sonne laufen kann jeder!“ raunt eine Mitläuferin ihrem Nebenmann zu. Wahrscheinlich nur ein Spruch, der aufkeimende Unlust verscheuchen soll. So wie Pfeifen im dämmrigen Wald Furcht überdeckt. Eine von vielen äußeren Wahrnehmungen, mit denen ich mich fortwährend beschäftige. Willkommene Ablenkung von inneren Signalen, etwa dem Frösteln, wenn der Wind wieder einmal nasskalte Schauer auf die ungeschützten Arme klatscht. Zudem fühle ich mich nach knapp 10 Kilometern bereits in einem Maße angegriffen, wie sonst vielleicht zwischen Kilometer 25 bis 30. Am erfolgreichen Finish lässt mich das nicht zweifeln. Aber es ist natürlich hart, die restlichen drei Viertel des Marathons mit müden Beinen zu laufen.

Ines scheint das alles nichts anhaben zu können. Immer wieder überzieht ein Lächeln ihr Gesicht. Den Grund für ihre gute Laune, die vielen, trotz des miserablen Wetters mitgehenden Zuschauer, erfahre ich erst später. Im Moment ist mir nur wichtig, dass ihr Lächeln sich möglichst lange hält. Nichtsahnend erkundige ich mich nach ihrem Befinden. Superpsychologisch gedacht: Frag in ein lächelndes Gesicht, dann hörst du was Positives! Und Positives erzeugt seinerseits positive Empfindungen, die dann ihrerseits ... „Ich hab Seitenstechen!“ Einen Moment bin ich sprachlos, wie sie mir meine „Superpüschologie“ mit drei Wörtern einfach so um die Ohren haut. Nach kurzer Zwiesprache steht fest, dass die Beschwerden sie derzeit nicht beim Laufen behindern. Also bleibt Hoffnung, dass das Zwicken im Unterleib wieder verschwindet.

Ein hübscher Straßenzug hier, ein historisches Gebäude da, meist zu spät erkannt, um die Digicam rechtzeitig von ihrer schützenden Hülle zu befreien. Das gilt auch in den Sekunden, da wir uns dem späteren, bunt bewimpelten Ziel, dem Prinzipalmarkt, nähern, davor jedoch im spitzen Winkel abdrehen und stadtauswärts laufen. „... Ines Pitsch ... „ Den Namen meiner Frau kann ich verstehen, was der Sprecher sonst noch zum Besten gibt nicht. Wasser in den Ohren? Oder gar in den Lautsprechern? – 10,5 Kilometer gelaufen. Zum ersten Mal werfe ich einen ernst gemeinten Blick zur Uhr und vervierfache den abgelesenen Wert: Bliebe es bei diesem Tempo (durchaus realistisch bei der kühlen Witterung), wären wir ungefähr nach 4:20 h im Ziel ...

Hohe, Schatten spendende Bäume am Aasee. Sicher ein Segen an heißen Sommertagen. Heute verbreiten sie Düsternis und hühnereigroße Tropfen fallen aus ihrem Geäst, zerplatzen auf Kopf und Schultern. Du meinst ich übertreibe? Kann sein die Wasserbomben sind kleiner. Vielleicht bläht sie das viele Wasser in meinen Augen optisch auf ... Der Aasee vermag in diesem trüben Licht nichts von seinem Zauber zu entfalten, mit dem er an sonnigen Tagen ganz sicher geschäftigen Münsteranern aufwartet. Wie wohl der stoisch neben mir einher trabende Gelbe Sack diese Ansicht empfindet? Entgegen üblicher Gepflogenheit hat sich Ines den Müllbeutel nicht beim Start vom Leib gerissen. Trocken hält er sie zwar nicht, schützt aber den Oberkörper ein wenig vor Auskühlung. „Guck mal Mama, die Frau hat eine Mülltüte an!“ Ines schmunzelt, hört den Spruch zum ersten, aber nicht zum letzten Mal aus einem Kindermund.

Das Lächeln hat sich aus Ines' Gesicht verabschiedet. Da ich die Ursache zu kennen glaube, warte ich ab. „Ich muss dringend aufs Klo!“ presst sie Minuten später zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Alarmstufe rot! Fieberhaft suche ich fortan den Straßenrand nach einer Toilette ab. Einerlei, ob eine vom Veranstalter aufgepflanzte Dixie-Zelle oder irgendwas Öffentliches. Doch eher findet ein Verdurstender in der Wüste die Oase, als wir das ersehnte Gelass in Münster. „Es hat sich wieder beruhigt“ raunt mir Ines einige Zeit später zu. Also schalte ich auf „Alarmstufe Gelb“ zurück und hoffe ihr Unterleib möge sich eines Besseren besinnen. Verpflegungsstelle: Meine Frau verschwindet in einem der zwei „einladenden“ Kunstoffgehäuse. Ich kippe einen Becher Iso runter, öffne einen Gelbeutel für Ines und halte Wasser für sie bereit. Mit Unheil verheißender Diagnose kehrt sie zurück: Durchfall! Sie schiebt es auf das bereits vorm Start genossene Gel, auch wenn mir eine so rasche Wirkung nicht einleuchten will. Wie dem auch sei: Hoffentlich war's das jetzt.

Vor einer halben Stunde undenkbar: Der Regen hat aufgehört! Zunächst mustere ich den Himmel misstrauisch im Minutentakt. Da jedoch die Wolken Form annehmen, bin ich optimistisch, dass es eine Weile trocken bleiben wird. Tag und Stimmung hellen sich auf, deshalb bekommt die Digicam Arbeit. Sie fängt nicht wirklich attraktive Bilder meiner Frau ein: Nass wie ein begossener Pudel, mit angespanntem Konterfei (rumort's schon wieder in der nahrungsverwertenden Abteilung?) trabt sie im „kurzen Gelben“ durch Münster.

Der Zufall führt Regie und ich schwöre jeden Eid diese Konstellation nicht künstlich herbei geführt zu haben! Tatsächlich dauert es sogar einige Zeit, bis ich die sich anbahnende bizarre Konstellation erfasse! Kurz entschlossen nehme ich meine – Aua! – schmerzenden Beine in die Hand und wetze zehn Meter voraus. Im Laufen Kamera einschalten, stehen bleiben, umdrehen und ... Foto! Kontrollblick auf den nur teilweise funktionstüchtigen Monitor: Hat geklappt und scharf scheint die Aufnahme auch zu sein. Ob auf ihr gut zu erkennen sein wird, was ich sehe? Gelber, Blauer und Roter Sack rennen um die Wette!

Alarmstufe Rot: „Ich muss schon wieder!“ Ich brauche ihr nicht ins Gesicht sehen, das stark gedrosselte Lauftempo spricht Bände. Diesmal hält sie nicht lange durch, schlägt sich kurz vor der Katastrophe in die Büsche. Ich warte und fotografiere die bunte Schar vorbei strömender Läufer. Zum Glück haben wir mittlerweile Münsteraner Wohngebiete verlassen und das von Landwirtschaft geprägte Umland erreicht. Nicht auszudenken, wenn diese zweite Leibesattacke irgendwo in der Stadt ... Zwei (drei?) Minuten später melden wir uns im Wettbewerb zurück. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt, etwa bei Kilometer 19, werfe ich jeden Gedanken an eine gute Laufzeit über Bord. Wenn der Körper nicht kooperiert, geht es einzig darum in Würde anzukommen.

Immer wieder zischen Läufer an uns vorbei. Natürlich Staffelläufer. Nervig. Auch Ines zeigt sich irritiert: „Da fällt es schwer, sich an jemandem zu orientieren! Das finde ich nicht gut.“ Ohne Nachfragen verstehe ich, was sie meint. Inzwischen hat sich das Feld entzerrt und es kommt wenigstens zu keinen Remplern mehr, wie in der Anfangsphase. Ich überdenke die möglichen Alternativen. Vielleicht ein um zwei Stunden verzögerter Start der Staffelläufer? Die Zahl teilnehmender Staffeln dürfte etwa derjenigen der Einzelläufer entsprechen. Ein gewaltiger finanzieller Brocken, ohne den der Münster Marathon kaum lebensfähig wäre. Auffallend die vielen jungen Staffelteilnehmer, was sicher daran liegt, dass Münster eine Universitätsstadt ist. In dieser Altersklasse ist der Anteil Läufer mit Willen und Fähigkeit zum Marathon eher gering. Warum bietet man keinen Halbmarathon an? Eine beliebte Langdistanz und mit viel weniger Trainingsaufwand zu realisieren. Also genau das Richtige, um den Anteil der Staffeln zu reduzieren.

Halbzeit auf der Autobahnbrücke über die A1. Etwa 2:16 h sind um, keine schlechte Zwischenzeit bedenkt man die Verzögerungen. Hinter der Autobahnbrücke kurven wir durch die Straßen von Nienberge, einem Vorort von Münster. Wieder überrascht uns der Zuspruch der Bevölkerung. So viele Zaungäste an einem verregneten Sonntag? Ines bringt es auf den Punkt: „Wie viele Leute stünden hier erst bei gutem Wetter?“

Zehn Minuten Dorf, Beifall und Jubel, dann wieder Land. Felder, viele mit bereits mannshohem Mais bepflanzt, Wiesen, Buschgruppen, hie und da ein Hain, versteckt liegende Häuser. Die Strecke bedient sich in diesem Bereich meist asphaltierter Feld- oder Radwege. Mein innigster Wunsch der letzten halben Stunde erfüllt sich leider nicht: Alarmstufe Rot! zum dritten Mal. Ines taucht irgendwo neben der Strecke unter, und ich vertreibe mir die Zeit mit Fotos. „Vorsicht Kinder!“ steht auf der Warntafel. Einer der vorbei trabenden Marathonis versteht den Witz und lacht, als ich Verkehrsschild und Läufer nebeneinander aufnehme.

Kaum wieder zurück im Feld passieren wir die erste (und einzige) wirklich idyllische Stelle der Strecke. Handelt es sich dabei um ein Wasserschloss, wie ich Ines gegenüber voreilig urteile, um einen prachtvollen Bauernhof oder ein Herrenhaus? Ein Teich umschließt das Gemäuer an zwei Seiten. Insgesamt fehlt ein wenig der Prunk, um den Eindruck vom Schloss zu festigen. Die nächsten Kilometer verlaufen mehr oder weniger parallel zur Autobahn A1. Mal hört man das Rauschen der Fahrzeuge nur, oft sieht man sie in einiger Entfernung vorbei sausen. Ines hat eine weitere Hiobsbotschaft für mich: „Im linken Oberschenkel zieht's gewaltig!“ Dergleichen entwickelt sich erfahrungsgemäß auf zweierlei Art. Entweder verzieht sich der Spuk nach einer Weile wieder, oder die Beschwerden werden stärker. So oder so stellen sie ein erfolgreiches Finish nicht unbedingt in Frage. Oft stellt man erst im Nachhinein fest, unter welch misslichen Umständen man immer noch laufen konnte ...

Keine hundert Meter mehr vom Verkehrsgetöse der A1 entfernt, wendet sich die Strecke plötzlich ab und bringt uns nach Roxel, einem weiteren Münsteraner Vorort. Auch hier dasselbe Bild: Viele Zuschauer, engagierter, manchmal sogar frenetischer Beifall. Wenn nicht auf der Straße, dann stehen sie irgendwo am Fenster und sei es im x-ten Stock. Alles, was irgendwie Klänge produziert, wird zur rhythmischen Untermalung missbraucht. Plastikeimer, Töpfe, Kisten, Flaschen und anderes mehr. Während du als Läufer mancherorts den Eindruck gewinnst nur den sonntäglichen Frieden zu stören, nicht zuletzt die Nutzung des geliebten fahrbaren Untersatzes einzuschränken, wird der Münster Marathon beinahe in jedem Haus willkommen geheißen. Selten, dass mal ein Auto auf Weiterfahrt wartet. Ungeduld: Fehlanzeige. Viele nutzen das Lauffest auf ihre Weise, haben den Grill angeworfen und dazu Nachbarn oder Freunde eingeladen. Aus geöffneten Fenstern und Türen dröhnt Musik, man fühlt sich von Stimmungsnest zu Stimmungsnest weitergereicht. Ines saugt den Spaß in sich auf, klatscht gerade ein paar Kinder ab. Ihr hilft solches Spektakel über Tiefen und qualvolle Minuten hinweg. Ich brauche es nicht, wie ich von vielen einsam verbrachten Marathons oder Ultras weiß. Um ein Vielfaches lieber bewege ich mich ohne Zuschauer und Anfeuerung, dafür in wunderschönen Landschaften. Dieser Gedanke drängte sich mir irgendwann heute Morgen auf, im rauschenden Regen, der von meiner Lauflust cirka null Prozent übrig ließ (Jetzt, da sie wieder auferstand, kann ich es mir ja eingestehen).

Ein bisschen Karneval hat der Münster Marathon auch zu bieten. Damit meine ich jetzt nicht die offiziell angeheuerten Fabelwesen; bunte, glitzernde, auf Stelzen sich wiegende Gestalten, an mehreren Stellen das sonntägliche Grau konterkarierend. Eher den Kerl im Saurierkostüm, der seinem Auftritt den Anschein gibt, als ritte er auf dem Urzeitmonster die Straße entlang. Manch einer lässt sich von solchen Kunststückchen beeindrucken. Hab's selbst nicht gesehen, mir aber von Ines erzählen lassen: Ein zweiter, kleiner Saurier tanzt Furcht einflössend vor einem Kinderwagen herum, dessen Insasse Zeter und Mordio schreit.

30 Kilometer gelaufen, dann Ortsausgang Roxel, über die A1 und weiter. Fast zwei Kilometer bewegen wir uns nun durch eine flache Senke. Mehr als fünf bis zehn Meter Höhe gehen dabei nicht verloren, brauchen demnach im Anstieg auch nicht wieder erobert werden. Aber bereits diese geringe Distanz spürt man als Läufer, zumal jenseits der 30 Kilometer-Marke. In der Mulde passieren wir die Tafel mit der 32 und Ines stellt fest: „Training vorbei, jetzt beginnt der Marathon!“ Damit hebt sie auf die längste im Training absolvierte Strecke ab, eben jene 32 km. „Mein Oberschenkel macht immer mehr zu!“ Schmerzsignale extrem strapazierten Körpergewebes auf dem finalen Streckenabschnitt sind „normal“, doch zehn Kilometer vor dem Ziel scheinen mir dafür zu früh. Besorgt und verstohlen beobachte ich Ines von der Seite, erspähe allerdings keine Veränderung ihres Laufstils.

Kilometer 33 in einem Vorort von Münster: „Jetzt sind wir einstellig!“ Nur noch neun Kilometer soll das heißen und: Halte durch! Beim Anblick der „33“ entsteht die Formel vollautomatisiert in meinem Kopf, selbst wenn sie nicht für ex- oder internen Ansporn benötigt wird. Das ist Kraxis Schuld: Im Herbst 2010, nach anderthalb Jahren verletztungsbedingter Marathonpause, begleitete mich der Steiermärker bei meinem Comeback. Nach zu forschem Auftakt quälte ich mich dem Ziel entgegen und bei Kilometer 33 half mir Kraxi mit jenem Satz weiter, der sich mir seitdem einbrannte: „Jetzt sind wir einstellig!“

Ines kann sich über den erreichten Meilenstein nur kurzfristig freuen, dann rumort es neuerlich im Unterleib. Ausgerechnet hier! Kilometerweit nichts als Wohnstraßen ... Jede Menge Zaungäste jubeln und immer wieder stehen Haustüren offen. Warum eigentlich nicht? „Frag doch jemanden, ob du die Toilette benutzen darfst!“ schlage ich vor. Eine aufs erste Hinhören sicher bizarre Lösung ihres Problems, also lehnt sie ab. Doch was dann? Aushalten? Wir traben weiter, um einiges langsamer jetzt. Immer wieder halte ich Ausschau nach Menschen vor offenen Hauseingängen. Mehrfach bin ich versucht Ines die Entscheidung abzunehmen. Noch eine Straße und noch eine. Die Scheu vor dem Unangenehmen schwindet mit wachsender Not. Wir sind schon fast vorbei, als Ines abrupt stoppt, auf eine offene Haustür zeigt und der davor stehenden Gruppe zugewandt fragt: „Wohnt irgend jemand in diesem Haus?“ Perplexe Gesichter starren sie an, weil sie den Satz in ihrer Not geradezu herausschreit. Eine Frau gewinnt als erste ihre Fassung zurück: „Ja ich!“ – Binnen Sekunden hat Ines ihren Wunsch geäußert und verschwindet im Eingang ... Alarmstufe Rot, zum vierten oder fünften Mal, inzwischen habe ich den Überblick verloren.

Ich warte mit den Hausbewohnern auf Ines' Rückkehr. Ein kleines Mädchen bietet mir erst Wasser, dann Schokolade an. Erst lehne ich ab, empfinde aber ihre Enttäuschung und greife dann doch zu einem Stück Schokolade, schließlich auch nach dem Wasser. Bei heute nasskalter Witterung konnte sie sicher noch keinen Becher voll an den Mann oder die Frau bringen. „Geht's denn noch?“ will eine der Frauen wissen. Ich sondere ein paar Durchhalteparolen ab, von denen ich glaube, dass sie nicht laufende Zeitgenossen von „beinharten Marathonis“ erwarten. Dabei greife ich nach dem zweiten Stück der angebotenen Schokolade und weiß spätestens jetzt, womit man kleine Mädchen glücklich machen kann. Gottlob kehrt Ines zurück, bevor mir der Rest der Tafel Schokolade die Futteröffnung endgültig verklebt. Nach herzlichem Dankeschön und einem Foto von unseren begeisterten Wohltätern geht's zurück auf die Straße ...

Ein Regiefehler, ganz eindeutig und unverständlich, nachdem doch der Münster Marathon bisher mit gewaltiger Zuschauerunterstützung aufwarten konnte. Auf den Kilometern 36 bis 41, den härtesten also, wo jedes klatschende Händepaar und jedes aufmunternde Wort ungemein hilfreich wäre, herrscht nahezu Grabesstille. Eine Bemerkung von Ines, die ein wenig Remmidemmi reklamiert, um sich die Schritte zu erleichtern, macht mich auf das Manko aufmerksam. Keine Band beschallt die Gegend, kein rhythmisches Trommeln reizt die Beine, keine geprochene Motivation tönt aus Lautsprechern und kaum Zuschauer säumen den Straßenrand. Das liegt mutmaßlich nur zum kleinen Teil am Wetter, wohl eher an der Streckenführung entlang minder belebter Straßen. „Wird sicher gleich besser!“ verspreche ich Ines, vermag aber mein Versprechen nicht einzulösen. Wer stellt sich schon an einem Sonntag vor die lange Mauer einer Kaserne, den Komplex der Fachhochschule oder in die Nähe des Zentralfriedhofs, um ein paar Beispiele aufzuzählen?

Und wenn schon! Ines kämpft und das erfolgreich. Natürlich frage ich nach und bekomme die erwartete Antwort: Vergessen das Jaulen im linken Oberschenkel. Der ist im infernalisch tönenden Konzert finaler Schmerzen längst nicht mehr als Solist auszumachen. Ich weiß wie weh das jetzt tut. Und doch wird sie noch einmal schneller. Das nahe Finish beflügelt, macht Kräfte frei, die sie nirgendwo mehr in ihren Zellen vermutet hätte. Für ein paar selige Minuten ist mir völlig wurscht was war und wie es war. Sie wird ins Ziel laufen und sich ihre dritte Marathonmedaille umhängen lassen. Und nur das zählt. Mein eigenes Finish empfinde ich als unbedeutend, ebenso meine quengelnde Orthopädie, gemartet mit nun über 90 Kilometern in zwei Tagen. Der letzte Kilometer. Die Zuschauerdichte steigt und ich hoffe sie kann es genießen. Ich sause voraus, fotografiere, bleibe zurück, fotografiere, hole mit flinken Schritten wieder auf. Nur kurz das Erstaunen über die mir verbliebene Ausdauer. Noch ein Foto vom Prinzipalmarkt, keine hundert Meter vor der Ziellinie. Mit einem letzten Sprint schließe ich zu ihr auf. Wir reichen uns die Hände, erheben sie in den grauen Münsteraner Himmel und laufen gemeinsam durchs Marathontor.

Nach 4:37:20 h bleibt die Uhr für uns stehen. Ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis, wenn man 10 bis 15 Minuten Zeitverlust für die Notdurften abzieht. Ines' Vorbereitung verlief alles andere als glatt, und deshalb ist dieser Erfolg doppelt wichtig. Künftig wird es ihr leichter fallen Selbstzweifel in Schach zu halten.

Fazit zum Münster Marathon

Ganz sicher eine stimmungsvolle Veranstaltung. Für eine Stadt dieser Größenordnung darf der Zuschauerzuspruch mit Recht als fantastisch bezeichnet werden. Das gilt sogar bei schlechtem Wetter, wie wir es vorfanden. Man trifft nicht einfach nur auf stille Zaungäste. In der Mehrzahl säumen begeistert mitgehende Fans des Laufsports den Streckenrand.

Von der Strecke habe ich mir mehr erwartet. Mehr bauliche Höhepunkte vor allem. Als enttäuschend möchte ich sie jedoch nicht bezeichnen, weil Regen und trüber Himmel diverse Reize wohl nicht zur Geltung kommen ließen. Die Streckenführung der Kilometer 36 bis 40 sollte allerdings noch einmal überdacht werden. Ausgerechnet auf dem so harten finalen Abschnitt gab es so gut wie keine Unterstützung durch Zuschauer oder vom Veranstalter organisierte Motivation. Der Ablauf gestaltete sich reibungslos, obwohl nahezu 10.000 Teilnehmer (vor allem Staffelläufer) durch die Stationen geschleust werden mussten.

 

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