Fünfzig zum Fünfzigsten – von der etwas anderen Art einen Geburtstag zu feiern

Für Eckard,

der sich einen Herzenswunsch erfüllte und mir ein schönes Lauferlebnis schenkte.

Wie könnte ein Läufer seinen fünfzigsten Geburtstag sinn- und stilvoller begehen als laufend? Allerdings braucht es zuvor einige Laufjahre Erfahrung und Hektoliter vergossenen Schweißes, um bei diesem Jubiläum so viele Kilometer wie Lebensjahre aneinander zu reihen. Fünfzig Kilometer zum fünfzigsten Geburtstag sollen es werden und ein paar (lauf-) verrückte Ultras sollen ihn dabei begleiten. Eckard rief und mehr als ein Dutzend kamen; nach Rieste, das liegt in Niedersachsen, nicht mal eine halbe Autostunde von Osnabrück entfernt. Per pedes zieht sich diese Distanz, doch davon später.

Kraxi, der Steiermärker Ultra, musste mit seiner Familie die längste Anreise in Kauf nehmen. Platz zwei in dieser Sonderwertung belegen Ines und ich. Dicht gefolgt von Jörg mit Frau aus Thüringen und Wolfgang aus dem Westerwald. Die anderen trudeln nach einer Sternfahrt aus dem norddeutschen Umfeld in Rieste ein. Klingt nach monatelanger Vorbereitung. Tatsächlich können ambitioniert trainierende Ultras ihre Teilnahme nur sicher zusagen, wenn die Einladung schon vor der Jahresplanung erfolgt. Ansonsten wäre ein Septembertermin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr lauffrei. Genauer besehen ist mein Wochenende auch nicht lauffrei: Es fügte sich allerdings geradezu schicksalhaft, dass Eckards großer Tag auf den Samstag fällt. So bietet sich die Gelegenheit morgen, gemeinsm mit Ines, beim Münster Marathon anzutreten, lediglich eine Fahrstunde von Rieste entfernt.

Um kurz vor neun, nach einem ersten Gruppenfoto, marschieren wir die paar Meter von Eckards Behausung zum Bahnhof von Rieste und steigen in den Zug nach Osnabrück. Kraxi ist leider nicht dabei, weil ihn eine akute Entzündung der Achillessehne plagt. Er wird mit vier weiteren Laufkameraden bei Kilometer 17 zu uns stoßen und auf diese Weise seinen Haxen ein wenig schonen. Am Bahnhof Osnabrück-Altstadt gibt Eckard das Signal zum Aussteigen. Mittlerweile zeigt die Uhr halb zehn und ich empfinde mich als „ziemlich wach“. Das gilt aber nur für meinen Geist, dem ungewohnt viele Gespräche – überwiegend in Läuferlateinisch geführt – auf die Sprünge halfen. Die Beine können das auf den ersten Kilometern nachholen. So weit meine Vorstellung. Nun sind jedoch Ultras nicht einfach nur Läufer, die lange genug für überdimensionale Strecken trainiert haben. Zu ihnen zählen auch ehemalige Marathonis, die in ihrer Vorbereitung von Mal zu Mal schlampiger und nachlässiger werden. Läufer, immerhin so weit von sich eingenommen, dass sie meinen beinahe alles und unter fast allen Umständen abspulen zu können. Kurzum: Hätte ich das von Eckard übermittelte Streckenprofil nicht ignoriert, dann könnte mich dieser erste Anstieg kurz hinterm Bahnhof jetzt nicht so kalt erwischen.

Der guten Stimmung, von der wir wohl ausnahmslos ergriffen sind, tut das keinen Abbruch. Auf der Basis einer bisher – und wie sich herausstellen wird bis zum Finale – exzellenten Vorbereitung entwickelt sich binnen Minuten Wir-Gefühl. Und das in einer mir als Läufer bisher nicht geläufigen Art. Dazu steuert sicher auch das von Eckard zu diesem Anlass spendierte Laufshirt seinen Teil bei (grob skizzierter Streckenplan auf dem Rücken, Anlass des Laufes auf der Brust abgedruckt). Als ehemaliger Uniformträger hätte mir klar sein müssen, welche Wirkung so ein „Fummel“ entfaltet …

Der Anstieg hievt uns auf das Niveau des so genannten Bürgerparks von Osnabrück. Tief atme ich die morgendlich kühle Luft und mit ihr die herrlichen Gerüche von Laubbäumen. Mein heimischer Wald hat in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten. Überwiegend Fichten, dann und wann Buchenwälder und nur solitär die von mir so geliebten Eichen. Und gerade deren Geruch empfinde ich als ähnlich – pardon für die schwelgende Vokabel – betörend, wie beispielsweise Heuduft von Bergwiesen. Kurze Unsicherheit bei Eckard ob der korrekten Richtung, begleitet von diversen Scherzen zum möglichen Verlaufen. Meiner kommt bei der Preisverleihung für originelle Sprüche kaum in die Endwertung, drängt sich dafür aber so was von auf: „Eckard denk dran, dass ich morgen früh um neun in Münster am Start stehen muss …“ – Du läufst auch morgen in Münster?“ fragt Günter. Also bin ich nicht der Einzige, der sich für morgen ein längeres „Auslaufen im organisierten Lauftreff“ vorgenommen hat.

Auf den ersten Kilometern begegnet uns Osnabrück in Form von Wohnvierteln, Sportanlagen, aber auch ländlich bäuerlichen Überbleibseln. Wie in anderen Städten dieser Größenordnung, scheinen die Vororte gut mit dem Umland verzahnt. Grüne Flächen zur Erholung bietet die Stadt ihren Bürgern auf dieser Nordseite jedenfalls reichlich.

Der Läufer in mir ist jetzt vollends wach, bewegt sich aber nicht im Gefühl heute Bäume ausreißen zu können. Kein Grund zur Beunruhigung, wenngleich morgen ein beinahe ebenso langer Weg ansteht. Nach einer Erklärung suche ich allerdings schon und finde sie auch rasch. Methodisch ausgefeiltes Training verzeichnet mein Laufbuch in den letzten Wochen kaum. Da blieb vieles dem Zufall überlassen. Der letzte, wirklich relevant weite und harte „Trainingslauf“, der Allgäu Panorama Marathon, liegt drei Wochen zurück. Zu lange für einen, der sich Ausdauer hart erarbeiten muss, um sie dann – genetisch bedingt – schneller als andere wieder zu verlieren.

Überraschend stoßen wir auf den mobilen Verpflegungsposten, den ein Sportfreund von Eckard betreut. Als Helfer wird er von Kraxis Söhnen Marcel und Kevin unterstützt. Das üppige Angebot findet auf dem Campingtisch kaum Platz. Ein Trinkgefäß mit meinem Namen drauf hatte ich noch nie! Erzeugt weniger Abfall und ist sicher auch nicht nennenswert aufwändiger als der Umgang mit Wegwerfbechern. Als wir in den Zug stiegen schien noch die Sonne, mittlerweile lassen die Wolken keine Lücke mehr. Angenehme, vielleicht 20°C sind eigentlich ideal für unser gemächliches Lauftempo, weder zu warm noch zu kalt. Dafür kann man die Schwüle geradezu mit Händen greifen. Ihretwegen klebt mein Shirt schon jetzt an Brust und Rücken. Also trinke ich und trinke und gieße sogar ein drittes Mal Wasser in meinen Becher. Dazu gibt’s Bananenstücke. Die schmecken besser als Gel und der „entschleunigte“ Austragungsmodus dieses Jubliäumslaufs lässt dem Magen-Darmtrakt genügend Zeit, um die Kalorien bereitzustellen. Nach achtfachem Dank an die fleißigen Helfer machen wir uns wieder auf den Weg.

Der führt uns ins landwirtschaftlich geprägte Umland Osnabrücks. Felder, Viehweiden, einzeln stehende Bauernhöfe, einmal auch einen im Fachwerkstil, vortrefflich restauriert und zum Wohnhaus umgebaut. Und immer wieder gilt es moderate Steigungen zu überwinden. Nicht eine, die mir ein Stöhnen entlocken könnte, also wahrhaft nichts Anspruchsvolles. In der Summe beanspruchen sie einen dann aber doch. Schließlich, nach nicht mal einer Stunde Laufzeit, stehen wir vorm ersten, in diesem Fall romantischen Höhepunkt des Tages, der Wassermühle im Nettetal. Wie viele hundert Jahre mag das Wasserrad hier schon seine Dienste verrichten? In unserem Jahrtausend lediglich noch zum Gaudium von Wanderern, Ausflüglern und Gästen eines nahen Restaurants. Zum Broterwerb wird hier sicher seit Generationen nicht mehr gemahlen. Für uns bildet die Idylle einen tollen Hintergrund für den zweiten Fototermin. Ein hilfreicher Passant bedient die gereichten Kameras. „Nun lacht doch mal!“ fordert er uns auf. Und pflichtgemäß überziehen alle ihr Konterfei mit Lachfalten.

Kurz hinterm Nettetal besprenkelt uns der Himmel mit ersten, feinen Tropfen. Zunächst glaube ich an eine Sinnestäuschung, werde in meiner Wahrnehmung jedoch von dunklen Punkten auf dem Asphalt bestätigt. An Regen habe ich bisher keinen Gedanken verschwendet und nehme den feuchten Auftakt auch nicht ernst. Im Hinblick auf den Marathon morgen kommt mir der verhüllte Himmel ganz recht. Nicht auszudenken, wie mir die gestern noch herrschenden 30°C mitspielen würden! Und die paar Regentropfen empfinde ich zusätzlich als angenehm.

Die Gegend verändert ihren Charakter kaum. Die im Wald gelaufenen Abschnitte nehmen zu, ansonsten dominieren weiterhin Landwirtschaft und viele verstreut liegende Anwesen. Das stete, niemals wirklich fordernde Auf und Ab in welliger Umgebung setzt sich fort. Immer wieder traben zwei nebeneinander her, tauschen sich aus. Bei mir hat sich inzwischen die angeborene Mundfaulheit durchgesetzt. Vielleicht habe ich auch schon meine 1.000 zu sprechenden Wörter für diesen Tag verbraucht. Laufen und Schweigen gehören für mich zusammen. Mag sein, dass Eckard mich aus diesem Grund fragt, ob das Tempo so für mich passt. Eventuell lässt ihn aber auch mein üblicher, reservierter Gesichtsausdruck zweifeln, ob mir die Veranstaltung wirklich Freude bereitet. Ich bin der ich bin – las ich kürzlich in einem Roman als mögliche Deutung des alttestamentarischen Wortes „Jahwe“. „Jahwe“ steht auch für Gott. Keine Bange, das wird weder ein theologischer Exkurs, noch mache ich mich der Gotteslästerung schuldig, wenn ich die Deutung kurzerhand vereinnahme. „Ich bin der ich bin“ – also immer derselbe und stelle beim Laufen überwiegend dasselbe, eher verdrießlich anmutende Gesicht zur Schau. Mein Augenblicksempfinden lässt sich daraus nicht ableiten.

Aber wenn er schon fragt, dann brumme ich erst einmal Zustimmung, um danach ernsthaft über die Erkundigung nachzudenken. Meist pendelt der Tacho irgendwo wenig oberhalb der 6 min/km und ich spüre dieses Lauftempo nach nur 15 Kilometern bereits in den Knochen. Zweifelsohne werde ich das 50 Kilometer durchhalten. Aber was wird morgen sein? Auf diese Frage gibt es keine Antwort und deshalb suche ich Zuflucht im Gedanken „Es hat bisher immer geklappt, also wird es auch morgen so sein!“

Kilometer 17: Endlich wird die Frage beantwortet, was man hierzulande als „Dicken Stein“ bezeichnet. Der „Dicke Stein“ entpuppt sich bei Annäherung als ein großer, auf steinernem Sockel stehender Felsen. In dieser Anordnung nicht natürlich gewachsen, sondern ein Gedenkstein, was jedoch erst die spätere Internetrecherche zu Tage fördert. Die Bewohner des nahe gelegenen Dorfes Evinghausen errichteten das Denkmal 1828, um an ihre Mitwirkung in der Völkerschlacht bei Leipzig – mit „Haken und Sensen“, wie es heißt – zu erinnern. Für uns hat der „Dicke Stein“ mehrfache Bedeutung: Verpflegung wird gereicht, weitere vier Läufer und eine Läuferin mit Hund stoßen dazu – Grund genug für den dritten Fototermin vorm „Dicken Stein“.

Erst einmal bergab. Endgültig bergab. Lange bergab. Sagenhafte hundertundzwanzig Höhenmeter bergab. Hätte ich nicht dereinst in Meck-Pomm den anspruchsvollen Tollensesee Marathon absolviert – den „Härtesten im Norden“, wie man dort um Respekt heischend wirbt – diese markanten Berge am Rande der Norddeutschen Tiefebene versetzten mich wirklich in Erstaunen. Aber damit ist es ja nun vorbei, verspricht jedenfalls Eckard. „Willkommen in Kalkriese“ steht auf rustikalem, braun gestrichenem Brett. Schon die Wahl altertümlicher Lettern für diese Begrüßung soll den Besucher auf ein geschichtliches Großereignis einstimmen und wohl auch davon überzeugen, sie habe wirklich hierorts stattgefunden, die Varusschlacht. Im Teutoburger Wald reklamiert man das Geschehen allerdings für sich, spricht eher von der „Hermannsschlacht“ oder – mir am geläufigsten – von der „Schlacht im Teutoburger Wald“. Wo der Cheruskerfürst Arminius („Hermann“) um 9 nach Christus die drei Legionen des römischen Feldherrn Varus tatsächlich vernichtend schlug, ist nicht genau überliefert. Schon möglich, dass wir nun über blutgetränkte Erde traben. Und wenn schon. Davor wurde sie schließlich tausendfach beackert, später auch eingeebnet, betoniert, asphaltiert oder in anderer Weise genutzt.

Der Jungbulle hat noch einiges zu lernen. Vor allem sprachlich muss er sich verbessern, klingt doch sein kehliges Blöken wie im Stimmbruch. Außerdem jagt man einer Gruppe vorbei trabender Jogger nicht würdelos und quer über die komplette Wiese hinterher. Denn spätestens der Zaun offenbart dann die lächerliche Begrenztheit solchen Tuns. Schließlich reißt auch noch einer dieser Zweibeiner einen Witz und alle lachen! „Ecki, hast du noch ein Trikot für den Kerl übrig?“ wird da gefragt und „Leider nicht in dieser Größe!“ geantwortet.

Auf Wasserläufe stoßen nichts ahnende Läufer inmitten (inzwischen) brettflacher Landschaften ziemlich überraschend. Hinter einer langen Hecke, einer Reihe von Bäumen oder diversen Buschgruppen erwarten sie nichts anderes als das zuvor Gesehene, weitere Wiesen, Felder, Wald. Stattdessen spannt sich eine Brücke über einen breiten Kanal. Auf dem tuckert gerade ein beladenes Binnenschiff vorbei. Ein gefundenes Fressen für meine Kamera. Der Mittellandkanal ist mit 325 Kilometern Deutschlands längste künstliche Wasserstraße und verbindet den Elbe-Havel- mit dem Dortmund-Ems-Kanal. Kurz zischt ein Funke schulischer Assoziation durch mein Hirn. Doch wie gestern schon, als wir den Kanal auf der Autobahn A1 überquerten, will sich keine Erinnerung an Daten und Fakten einstellen. Erdkunde war über viele Jahre mein Lieblingsfach und der Mittellandkanal definitiv Gegenstand einschlägigen Unterrichts. Der blaue Einband meines geliebten, bebilderten Erdkundebuchs steht mir noch vor Augen aber sonst: „Kein Anschluss unter dieser Nummer …“

Mit ausreichend Bildern im Kasten eile ich dem Tross hinterher. Der hat über Brücke und Böschungsweg längst das jenseitige Ufer erreicht, ist mir beinahe hundert Meter voraus. Eckard lässt sich ein Stück zurückfallen. Er hat mein von Dokumentationspflicht befohlenes Manöver wohl nicht mitbekommen und macht sich wieder Sorgen: „Dir geht’s gut?“ Wieder signalisiere ich Zustimmung – Plötzlich verwehrt ein Bauzaun das Weiterkommen. Eckard lässt sich von diesem Hindernis nicht beeindrucken. Seinem Beispiel folgend winden wir uns nacheinander – nur fußbreit vom Wasser entfernt – um die Absperrung. Eine schwimmt: Es scheint als habe Retriever Fanny nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um ein Bad zu nehmen. Samstags stehen die Bagger still. Also joggen wir zwischen ihnen hindurch, passieren die von Schaufeln und Ketten aufgewühlte Baustelle. Welchen Zweck das werktägliche Baggern verfolgt, erschließt sich mir leider nicht.

Eckards Planung klappt wie am Schnürchen: An einem Zufahrtsweg wird uns einmal mehr zur Stärkung aufgetischt. Außerdem ist es ihm gelungen einen Binnenschiffer zu engagieren, der just in diesen Minuten mit seinem Kahn langsam und würdevoll vorbei schippert … Wie? Was? Doch, doch, Alles Kulisse. Das Schiff hat keinen Tiefgang, demnach keine Ladung an Bord. Welchen Grund sollte diese Leerfahrt sonst haben, wenn nicht die unseren Boxenstopp kurzweilig zu untermalen ...

Es regnet. Anfänglich sporadisch sprühende Schauer sind zum konstanten Landregen verkommen. Wirklich störend ist zunächst nur die Suche nach der Ideallinie zwischen mehr oder weniger großen Pfützen auf dem Asphalt. Wenngleich erfolgreich, kann diese Taktik quatschnasse Füße nur verzögern, auf Dauer aber nicht verhindern. Der Regenvorhang überzieht die nach wie vor reizvolle bäuerliche Umgebung mit grauer Tristesse. Ich reagiere mit der üblichen "mentalen Verkapselung" auf das unwirtliche Wetter. Ich laufe in einer Art persönlichem Tunnel, in dem ich es mir zum Aushalten einrichte und mich auf Wahrnehmungen in unmittelbarer Nähe beschränke. Mehrfach beobachte ich Fanny die Retrieverhündin. Über eine Laufleine ist sie mit Frauchen Marita verbunden. "Wo würde Fanny laufen, wenn sie jetzt nicht an der Leine wäre?" fragt einer. Frauchen ergeht sich zunächst in Spekulationen, um es schließlich testweise heraus zu finden. Aller Fesseln ledig setzt sich Fanny sogleich vor das Feld, läuft mal am linken Rand, dann wieder rechts, schnüffelt auch mal. Eben ganz Hund. Was für ein Herrchen wäre ich, versetzte mir dieser Anblick keinen Stich in der Herzgegend? Unsere Roxi musste leider zu Hause bleiben. Mein Bedauern, sie auf diesem Lauf nicht dabei zu haben, hält sich allerdings in Grenzen, weil wir uns überwiegend auf Landstraßen bewegen.

Der anfängliche Eindruck einer heute nicht eben berauschenden Form hat sich verfestigt. So bin ich froh, dass die Gruppe das mäßige Tempo beibehält. Regengrau plus zurückgelegte Strecke lassen mein „Büßergesicht“ vermutlich um einiges leidender aussehen als noch vor Stundenfrist. Ein weiteres Mal erkundigt sich Eckard, ob die Pace für mich passt, wo ich doch morgen einen weiteren langen Kanten vor mir habe. Gäbe ich es offen zu, wenn dem nicht so wäre? Jedenfalls übermittle ich ihm auch diesmal das Gefühl alles richtig zu machen.

Von diesem Punkt ostwärts erreicht man Eckards Heim binnen weniger Minuten. Uns stehen mit der Umrundung des Alfsees noch etwa 13 Kilometer bevor. Kraxi und ein anderer in Höhe des „Dicken Steins“ eingestiegener Läufer verabschieden sich von uns. Kraxis Achillessehne wehrt sich vehement gegen Lauftraining, und so hat er beschlossen sich zu schonen. Der andere Laufkamerad ist einfach am Ende seiner Kräfte angekommen. Nach „nur“ etwa 17, 18 Kilometern wirst du fragen. Das ist ein langer, sogar ein sehr langer Weg, wenn man eigentlich gar kein Läufer ist. Wenn man die Ausdauer für diesen Jubiläumsjogg ausschließlich auf dem Rennrad, also in einer völlig anderen Disziplin erworben hat ...

Ich rufe und renne hinter Kraxi her, um ihm meine Kamera zu übergeben. Der Dauerregen hat Wasser in den Monitor eindringen lassen, und ich will nicht noch eine Digicam auf diese Weise verlieren, wie zuletzt beim Liechtenstein Marathon 2011. Dann also keine eigenen Bilder mehr, die die Alfseerunde dokumentieren. Bei diesem Wetter kommt da kein großes Bedauern auf ...

Wo ist der Alfsee? Rechts erstreckt sich flaches, von Büschen, Bäumen, Wiesen bedecktes Land. Zu meiner Linken erhebt sich ein gewaltiger Damm. Das ist doch ein Damm? Von vorne dringt der Begriff "Hochwasserrückhaltebecken" an mein Ohr. Ergo unterstelle ich Milliarden Kubikmeter Wasser hinter dem monströsen Wall. Kurz verwirrt mich ein idyllisch und querab zwischen Bäumen schimmernder Weiher. Doch diese winzige Pfütze kann kaum der Alfsee sein!? Immer weiter am Wall entlang, im Regen, schließlich der vorletzte Versorgungsstopp. Ich gönne mir ein paar Schlucke Cola, verzichte auf Bananen. Bis mein Körper sich deren Kalorien einverleibt hätte, stünde ich längst unter der Dusche. Ach ja, eine warme Dusche. Von Ankommen einmal abgesehen wünsche ich mir augenblicklich nichts sehnlicher. Der unaufhörliche Regen nervt inzwischen. Nicht nur mich, wie ich einer Bemerkung Eckards entnehmen kann. Ich kühle langsam aus, fühle mich inzwischen steif und unbeweglich.

Wir sind wieder unterwegs, noch immer entlang des Deichfußes und ich habe eine Aufgabe übernommen. In Bälde werden wir die Marathondistanz erreichen und ich soll dann Signal geben. Natürlich kann ich den Punkt nur schätzen, weil mein GPS-Knecht heute doppelt ungenau anzeigt. Zu seiner üblichen Großzügigkeit (+1 %) addiert er den von langen Stehpausen herrührenden Fehler. Insgesamt schätzungsweise ein Kilometer zu viel. Als die Anzeige auf 43,2 springt rufe ich „Marathon!“ Sofort vollzieht sich das von Wolfgang vorgeschlagene Ritual mit einer Präzision, als hätten wir es im Kasernenhof drillmäßig geübt: Die zwei zu ehrenden Läufer bleiben stehen. Eckard baut sich ein Stück in Laufrichtung mit der Kamera auf und wir anderen bilden ein Spalier. Dann holen sich die beiden Glücklichen ihre verdiente Jubelwelle für das erstmalige Überlaufen der Marathondistanz ab. Mit anderen Worten: Man(-n) kann auch einen Ultra laufen ohne zuvor ein Marathonfinish gefeiert zu haben ...

Meine – in eine aufgehellte Zone am westlichen Himmel investierten – Hoffnungen haben sich erfüllt, der Regen hat aufgehört. Befristet oder dauerhaft? Wir sprechen ein letztes Mal Wasser, Cola, Bananen oder der Rosinen-Erdnuss-Mischung zu, tanken Energie für die verbleibenden sechs Kilometer. Wo ist der Alfsee? Und wo ist Eckard? Den Alfsee kann man nur ahnen. An dieser Stelle überspannt eine Brücke die deichbewehrten Ufer des Zuflusses. Über diese Brücke verschwand Eckard im jenseitigen Wald. Seine baldige Rückkehr verwandelt zehn Fragezeichen in Verstehen. Und einen Alfsee-Blick verspricht er uns auch noch.

Zehn Minuten später blicken wir von der Deichkrone auf den lange herbei gesehnten See. Genauer gesagt auf eine ausgedehnte Schlickfläche, ähnlich Nordseewatt bei abgelaufenem Wasser, nur hie und da von seichten Tümpeln bedeckt. Einen See mit reichlich Wasser gibt es dann aber doch noch zu bestaunen, nicht eingedeicht und heftig von Wassersportlern frequentiert. Mehrere Wasserskifahrer drehen darauf ihre Runden. Dabei hängen sie in festen Abständen am Seil einer Zuganlage. Wasserskifahren bei dem Wetter? Vermutlich lässt der Anblick nur Sonnenhungrige wie mich erschaudern. In wärmende Neoprenanzüge verpackt spielt das Wetter für Wassersportler eine untergeordnete Rolle und nass werden sie ohnehin.

Der letzte Kilometer. In der Ferne, am Dorfrand von Rieste, erkenne ich schon Eckards Haus. Müde und abgekämpft trotte ich inmitten Eckards Gratulantenschar. Wenige Minuten noch, dann wird das eigentliche Geburtstagsgeschenk „abgeliefert“ sein, und für mich wird sich einmal mehr der Wunsch erfüllen Marathon oder weiter zu laufen. Die heute dafür erforderliche Leistung fühlt sich grenzwertig an. Unterhalb der Gürtellinie könnte ich auch keine Faser benennen, die jetzt auf Wehklagen verzichtet. Mache ich mir Sorgen mit Blick auf den morgigen Marathon? Eigentlich nicht. Ich setze die üblichen Fragezeichen: Wie wird es mir ergehen? Was wird alles noch oder alsbald nach dem Startschuss wieder schmerzen? Für gravierende Zweifel reicht es jedoch nicht. Woraus sollten die sich auch rekrutieren? 114 mal bin ich erfolgreich durchgekommen und musste in keinem Fall aufgeben. Und den Dressurakt „Zwei Marathons oder weiter in zwei Tagen“ habe ich auch schon mehrmals zum Besten gegeben.

Wir sammeln uns: Gemeinsam starten und zusammen ankommen lautet die Devise. Nach etwas mehr als 6 Stunden (reine Laufzeit irgendwo bei 5:15 h) biegen wir in Eckards Straße ein und werden erwartet. Kameras klicken und unsere Arme heben sich zum Zeichen des Sieges. Einen Sieg erringt immer, wer so weit gelaufen ist; auch wenn gar kein Wettkampf ausgeschrieben und die Teilnahme nur mit persönlicher Einladung möglich war. Viele nicht oder nicht so weit laufende Zeitgenossen fragen sich, warum wir Marathonis und Ultras so weit oder so lange laufen. Darauf gibt es keine wohlfeile Antwort. Bei jedem von uns bildet sich ein individueller Mix von Motiven und Antrieben. Eines dürften jedoch alle auf dem finalen Abschnitt oder spätestens im Ziel ähnlich empfinden: Den Sieg über sich selbst.

Dem Zielbier in durchgeschwitzter Runde folgen weitere in Eckards Garten, inzwischen geduscht und „landfein“ rausgeputzt. Der Duft von Gegrilltem liegt in der Luft, zusammen mit guter Laune; nicht die laute, überschäumende, von Alkohol enthemmte, eher die glücklich zufriedene. Unterwegs gesponnene Fäden werden wieder aufgenommen. Man erzählt sich laufend Erlebtes, entwirft Zukunftspläne. Harte und erfolgreiche Knochen hat sich Eckard zu seinem Jubiläum eingeladen. Stellvertretend seien einige genannt: Crazy-Kraxi aus der Steiermark muss ich meinem Leser ganz sicher nicht mehr vorstellen, Ultra-Jörg aus dem Thüringer Wald wohl auch nicht. Den Wolfgang lesen viele bei Marathon4you, wo er seine zahlreichen Lauferlebnisse einer breiten Läuferöffentlichkeit präsentiert. Dann sitzt da noch Günter, mit 155 Marathons und Ultras ein „schwerreicher“ Mann. Auch er wird bereits morgen früh in Münster zum nächsten langen Kanten antreten … Last but not least die einzige mitgelaufene Frau: Marita, eine Frau mit ungewöhnlicher Lebensgeschichte und Ironman Teilnehmerin auf Hawaii*. Dieser illustren Runde anzugehören erfüllt mich mit Dankbarkeit und Stolz …

*) Marita Ritter hat ihren Lebensweg, den allgemeinen, wie auch den sportlichen, in einem Buch zusammengefasst: „Schritt für Schritt: Mein langer Weg nach Hawaii“, Taschenbuch.

 

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