Extratour  –  Allgäu Panorama Marathon 2013

Sich spontan für einen Marathon anmelden? Wie viele aus dem unermesslichen Heer namenloser Läufer kämen auf so eine Idee und wären dann auch noch fähig sie mit Aussicht auf ein gedeihliches Lauferlebnis umzusetzen? Zumal, wenn es sich um einen anspruchsvollen Bergmarathon mit 1.500 Höhenmetern im Allgäuer Bergland handelt? Ich zähle mich zur eher kleinen Schar jener, die dergleichen jederzeit angehen können. Nicht elitärer Stolz treibt mich das zu erwähnen, noch erwarte ich Schulterklopfen oder ehrfürchtige Blicke. Schließlich wäre manch anderer auch dazu fähig, bliebe ihm die Zeit für den erforderlichen hohen Trainingsaufwand. Eigentlich erzähle ich es auch nicht dir, dem unbekannten Leser meines Laufberichts. Im Grunde richte ich das Wort an mich selbst. Im Schwitzen, Leiden und Hadern des anstrengenden Trainingsalltags verliere ich manchmal der Blick für die eigene, höchst privilegierte Situation. Wie glücklich ich mich schätzen darf, dies und anderes – eben auch spontan – laufen zu können. Nicht jammern, dass es mir jedes Jahr schwerer fällt meinen Körper auf Ausdauer zu trimmen. Nicht beklagen, dass die schnellen Zeiten den Jüngeren vorbehalten bleiben. Stattdessen das Glück ermessen, mit fast sechzig Lenzen noch immer stundenlang über Berge rennen und dabei sogar etliche hinter sich lassen zu können. Mein Glas ist eben noch halb voll und nicht schon halb leer ...

Letztes Jahr ging ich mit unserer Hündin Roxi hier an den Start. Heute hat Frauchen den Vierbeiner „gebucht“, nicht zum Laufen, sondern für eine Ausbildungsstunde nach dem so genannten „Rudelkonzept“*. Das verschafft dem Rudelchef einen freien Sonntag, die Voraussetzung für die Spontanmeldung zum Allgäu Panorama Marathon. Ein prüfender Rundblick über die Bergspitzen des Oberstdorfes Tales zeitigt dasselbe Ergebnis wie vor einem Jahr: Azurblauer, wolkenloser Himmel begleitet vom Versprechen auf tolles Bergwetter. Der Wettergott will heute dennoch Gnade walten lassen und uns nicht mit Rekordhitze martern. Letztes Jahr fand die Veranstaltung am heißesten Tag des Jahres statt, was mir heftig zusetzte. Außerdem ging viel Zeit verloren, weil ich an jeder Tränke Roxis schwarzes Fell anfeuchten musste. Meine vierbeinige Trainingsgefährtin sollte keinen Hitzeschaden erleiden. Werde ich demnach heute deutlich früher das Ziel erreichen, als bei meinen 5:13:33 h vom letzten Jahr? Möglich, aber nicht sicher. Denn im letzten Jahr war meine Ausdauer sechs Wochen nach dem 100 km Thüringen Ultra auf besserem Niveau. Dennoch werde ich alles daran setzen, heute unter fünf Stunden zu finishen.

*) Uli Köppel, ein bekannter Buchautor, hat die Erkenntnisse des schon verstorbenen Hundeverhaltensforschers Eberhard Trumler in ein Trainingskonzept umgesetzt. Es sieht den Menschen als Führer des Rudels, der dem Tier zum Wohle aller Grenzen aufzeigt und Sicherheit gibt.

Startschuss und los: Meine Laufbegeisterung liegt noch im Tiefschlaf. So spät wie möglich aufgestanden und in gut einer Stunde hierher gedüst, wird mein Kreislauf nun höchst unsanft geweckt. Binnen Minuten Herzfrequenz hochfahren, Blutdruck aufbauen, müde Beine beleben. Ekelhaft. Meine indifferente Gefühlslage zwischen Wollen und Müssen können nur extreme, körperliche Morgenmuffel verstehen. Ich trabe durch Sonthofen, wenig später über die Illerbrücke, dann am jenseitigen Ufer entlang ohne jeden Funken Lauflust. Gut, dass mir das niemand ansehen kann. Mit jedem Lebensjahr komme ich morgens langsamer auf Touren. „Senile Bettflucht“ oder auch nur Schlafstörungen sind mir so fremd wie chinesische Schriftzeichen. Meist empfinde ich die Nacht auf der Seite des neuen Tages als zu kurz.

Auf ziemlich genau zwei flachen Kilometern springt erst der Motor an, dann dreht meine Stimmung von Müssen auf Wollen. Vielleicht geben auch die strahlend schönen Bilder den Ausschlag: Richtung Iller ein stahlblauer See, kurz darauf sattgrüne Hügel, dahinter die im Morgendunst verschwimmenden Allgäuer Berggipfel. Ohne jede Einschränkung und mit ganzer Kraft zu wollen, käme ich diesen Berg auch nicht rauf. Jedenfalls nicht auf die einzige für mich akzeptable Art: Laufend! Wie immer nehme ich mir vor keinen Meter zu gehen. Während der zwei Minuten des anfänglich sanften Anstieges fühle ich mich mit diesem Vorsatz pudelwohl. Dann setzt der Berg ein erstes – pardon – sausteiles Ausrufezeichen. Ach, höchstens 50, 60, 70 Meter, aber die fühlen sich an wie eine schallende Ohrfeige. Schlagartig zirkuliert körperliche Erinnerung an barbarische Anstrengungen wie Gift durch meine Adern. Zu „wissen“, dass es hart werden wird ist etwas ganz anderes als es dann unmittelbar zu spüren …

Wie im letzten Jahr begeistert mich das Bild des bunten Lindwurms, der sich in der grünen Wiesenflanke aufwärts windet. Bedächtig bis zäh, in den meisten Fällen gehend, schon jetzt. Ich tippele vorbei, schieße dann und wann ein Foto. Was mögen sie halten von dem sturen Kerl, der ihre Vorsicht nicht teilt, meint, er könne in dieser Frühphase ungestraft Energie verschwenden? Beinahe kommt es mir vor, als müsste ich mich für diesen Frevel entschuldigen: „Tut mir leid Leute! Ich unterliege nun mal der dummen Selbstverpflichtung nicht zu gehen … Ich kann nichts dafür, dass ich mich quäle, wo ihr froh gelaunt wandert.“ Irgendeiner Dame kommt die Situation unangemessen vor. „Sieht aus wie ein Massenausflug des Alpenvereins!“ kommentiert sie das Geschehen.

Es ist kühl und ich schicke einen Dank himmelwärts. Und die Gnade noch kühleren Schattens wird uns auch immer wieder für ein paar Sekunden, längstens ein, zwei Minuten zuteil. Dennoch bricht mir das Wasser vom ersten Schritt bergwärts an aus allen Poren. Ströme von Schweiß nässen das Trägershirt, kleben es binnen einer Viertelstunde an Brust und Rücken fest. Die linke Hand wischt im Minutentakt über die Stirn, bevor die Brühe in die Augen rinnt. Ich weiß, was das heißt: Trinken, trinken und noch mal trinken! Mehr als andere, viel mehr.

Mit jedem überwundenen Höhenmeter wird die Sicht freier, die Aussicht berauschender. Es bedeutet eine verfluchte Viecherei, den eigenen Körper auf diese Allgäuer Hörnerkette hochzuwuchten. Unablässig gegen die Schwerkraft ankämpfen, der Müdigkeit wehren und tief die frische Luft in die Lungen saugen. Aber die Mühe lohnt sich. Bilder wie diese werden mir dort unten, wo die Spielzeughäuschen stehen, nicht geboten. Nur von hier oben erkenne ich hinter den Allgäuer Gipfeln weitere Bergmassive und hinter jenen wieder andere. Je höher du kommst, umso großartiger wird die Welt. Vielleicht will der Mensch deswegen so hoch hinaus, sich mit Raumschiffen sogar den allumfassenden Überblick verschaffen …

Asphalt unter meinen Füßen. Meistens. Selten mal ein Stück Wiese, einen Kiesweg oder – höllisch! – einen mit Wurzeln gespickten Steilpfad im Wald. Asphalt unter meinen Füßen. Meistens. Höchst komfortabel für einen Bergmarathon, also nicht jammern Udo, wenn’s mal steil wird. Genieße es! Immer wieder bleibe ich kurz stehen, drehe mich um, schieße ein Bild. Die Aussicht ist es wert und sie bleibt einem verborgen, bewegt man sich stur voran. Im Nordosten greift der Blick an der wuchtigen Berggestalt des Grünten vorbei und weit hinaus ins Voralpenland. Wiesen und Wald verschwimmen im Dunst des jungen Morgens. Hoch am Himmel fährt ein Heißluftballon, nicht mehr als ein Punkt in diesigem Blau. Noch hetzen die Läufer ihre langen Schatten, noch steht die Sonne tief über dem Horizont, noch schwitze ich ausschließlich der Anstrengung wegen. Wie ergeht es den Ultras? Sybille und Dennis, die laufenden Lebenspartner aus meinem Verein, befinden sich darunter. Meine Aufgabe ist überschaubar, verglichen mit den Anforderungen des um 6 Uhr bereits gestarteten Ultralaufs: 3.000 (!) Höhenmeter verteilt auf 70 Kilometer Strecke. Da ich daran denke, fallen mir drei, vier steile Schritte deutlich leichter … bis die Empfindungen der heftig kämpfenden Beinabteilung wieder durchschlagen. Auf dem Mond müsste man laufen. Da wiegt man nur ein Sechstel – war es nicht so?

Endlich wieder trinken! Nur vier Kilometer liegen zwischen den beiden Verpflegungsstationen aber 500 Höhenmeter und fast 40 Minuten. Ich tanke vier Becher Iso und füge den vorhandenen Plagen eine neue hinzu: Feistes Völlegefühl in der Magengegend. Ja, damit kann ich laufen und nein, aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich mich nicht übergeben müssen. Lauferfahrung sagt: Das geht. Druckbetankung habe ich erstmals 2007 in der Bieler 100 Kilometer-Nacht geübt. Wahnsinniger Durst ließ mich unvorsichtig viel einfüllen und erstaunlicherweise konnte ich damit laufen …

Die Verpflegungsstation an der so genannten „Weltcup-Hütte“ bleibt hinter mir zurück. Noch keine acht Kilometer geschafft und schon eine Stunde um. Stückweit geht’s noch bergauf, nicht mehr so steil, dann ist Erholen auf einer mäßig welligen Hochalm angesagt. Man(-n) gibt sich buchstäblich das Türchen in die Hand – das erste von ungezählten Viehgattern ist überwunden. Kurortflair: Bänke laden zum Verweilen ein, gepflegte Wege mit fein geschotterter Oberfläche, kommodes Vorwärtskommen garantiert. Auf diese Weise genießen kann es allerdings nur, wer mit der Bergbahn die Höhe bezwingt. Ich könnte jetzt ein wenig aufs Tempo drücken, weiß aber, dass ich genau das nicht darf. Die übelsten Abschnitte liegen noch vor mir. Buchstäblich über Stock und Stein, nicht mehr von bequemem Asphalt getragen.

Ich schlüpfe für zwei Minuten in den Schatten von Bergwald. Ein Wirtschaftsweg bringt uns rasch in Sichtweite einer Alphütte. Malerisch hockt sie im Sattel zwischen zwei bewaldeten Bergkuppen. Da stoppt er schon wieder, hebt den Arm und speichert weitere zig tausend Pixel im Speicher seiner Kamera. Die Rede ist von einem drahtig-sehnigen Mann im Laufshirt der Internetseite „Marathon4you“. Offenbar ein Allgäuer, einer mit unverwechselbar kantigem Konterfei, der seit Jahren des öfteren meine Marathon-Wege kreuzt. Zuletzt saß ich ihm frühmorgens im Zug von St. Anton zum Start des Montafon-Arlberg Marathons gegenüber. Der fotografiert einfach alles. Jetzt die Zaungäste auf den Holzbänken vor der Alpe, mit denen er ein paar gut gelaunte, stark dialektgefärbte Sätze wechselt. Wie schon oft, stellt auch diese Szene mein eigenes Verhalten auf den Prüfstand: Warum trabe ich an Gott und der Welt meist sprachlos vorbei, provoziere so gut wie nie derlei Begebenheiten, gebe mich auch Mitläufern gegenüber wortkarg? Liegt es an der psychischen Last im Wettkampf, der Notwendigkeit alle mentalen Kräfte als zielgerichteten Willen zu konzentrieren? Dem Willen dieser, der nächsten und allen weiteren Anfechtungen zu widerstehen? Um sich greifender Ermüdung ebenso, wie dem Zwicken und Zwacken im nicht mehr jugendlichen Bewegungsapparat? Ja, schon, aber ich bin auch eher ein Schweiger, der seine Stimme nur erhebt, um mitzuteilen oder nachzufragen – von Ausnahmen abgesehen.

Dergestalt grübelnd arbeite ich mich bereits wieder an der nächsten Steigung ab. Zunächst einigermaßen mühelos über besagten Wirtschaftsweg mit freiem Blick nach Osten, hinunter nach Sonthofen und hinüber zum Grünten. Freier Blick ist relativ: Dunstschleier radieren an Konturen und bleichen Farbe aus dem Bild. Weiter aufwärts, schließlich in den Wald und vom Fahr- auf einen Wanderweg. Diesmal bin ich auf den über rotbraune Erde, ebensolche Steine und hinterhältige Wurzeln holpernden Pfad vorbereitet. Also nicht murren, sondern möglichst konzentriert abarbeiten! Zuweilen kurz abwärts, generell hinauf, mehrmals auch steil. Es ist nicht einfach diese Passage komplett laufend zu bewältigen, aber ich habe schon Schlimmeres erlebt. Hier finde ich für jeden Schritt ein paar feste, ebene Quadratzentimeter, stolpere nicht, kann sogar so etwas wie einen Laufrhythmus beibehalten. Allerdings bei deutlich höherem Verbrauch von Muskelenergie und Körperwasser …

Ein Drehkreuz markiert das Ende der anspruchsvollen Passage und den Eintritt zu einer weiteren Alm. Auf harmlos buckligem, insgesamt die Höhe haltendem Geläuf normalisiert sich meine Herzfrequenz. Hinsichtlich des Lauftempos übe ich Zurückhaltung, machen sich doch inzwischen erste Anzeichen bleibender Ermüdung bemerkbar. Außerdem wird der nächste Berg nicht lange auf sich warten lassen. Und richtig: Keine drei Minuten stoischen Trotts später stehe ich vor der nächsten Prüfung. Ach erstmal harmlos, sandig und sanft ansteigend zwischen Almwiesen, vorbei an einer Viehtränke, an der sich gerade ein Läufer erfrischt. Vorbei? Wieso eigentlich vorbei? Auch ich halte Einkehr benetze Arme, Gesicht und Haare mit dem kühlen, vom Berg gespendeten Nass. Ist es wichtig, ob „das was bringt?“ Auf jeden Fall fühlt es sich gut an und die 20 Sekunden Pause sind auch nicht übel …

Aber jetzt: Immer steiler aufwärts und kein Ende in Sicht. Der Pfad wird schlechter, besteht zuletzt nur noch aus groben Steinen und Furchen. Es tut weh … weher … am wehesten. In diesen Sekunden bekomme ich die Antwort auf eine im Mai beim Rennsteiglauf gestellte Frage. Damals entschied ich mich zu gehen, noch ohne Not, weil ich einen absolut miesen Tag erwischt und noch 40 Kilometer Strecke vor mir hatte. Ich empfand das als Niederlage, die mich jedoch weniger drückte als die Sorge, ob mich wohl künftig in harten Anstiegen der Wunsch zu gehen häufiger heimsuchen würde. Und urplötzlich ist sie da, die Versuchung klein beizugeben, die Not in den Beinen zu beenden. Vor einiger Zeit wäre das so nicht passiert. Da war Gehen keine mögliche Alternative. Ich bin nahe dran … ganz nahe … Aber alles in mir bäumt sich dagegen auf: Ich WILL nicht gehen! Und ich muss auch nicht! Weiter tippeln auf Zehenspitzen, Stück für Stück und irgendwann ist auch das überstanden …

Wirklich flach wird der Weg nicht, setzt sich aber unschwierig über diverse Buckel fort. Langsam, langsam! Erholen! Das war noch lange nicht alles. Die Anweisung dient lediglich der Rechtfertigung, meine schweren Beine wollen gar nicht schneller. Tolle Aussicht Richtung Allgäuer Hauptkamm! Wuchtig reiht sich Gipfel an Gipfel, allesamt Berühmtheiten der Oberstdorfer Bergwelt. Ich erkenne den Großen Krottenkopf, daneben Kratzer und die charakteristischen Zinken der Mädelegabel. Buckel um Buckel bleibt hinter mir zurück. Der Weg windet sich zwischen locker stehenden Fichten, die den Blick in Laufrichtung begrenzen. So erkenne ich das bisher steilste Hindernis, den Gipfelhang des Weiherkopfes, erst sehr spät. Die Distanz ist lächerlich, zwei-, höchstens dreihundert Meter, aber die an einem etwa 30° steilen Hang. Wieder springt mich die Versuchung an: Komm schon, mach’s dir leichter. Alle gehen, warum nicht auch du? Wieder wehre ich mich, tippele zentimeterweise hinauf. „Was soll das?“ keucht es in meinem Ohr. „Du läufst und bist um keinen Deut schneller als viele, die gehen!“ Mag sein, aber ich WILL nicht gehen und ich muss auch (noch) nicht gehen. Kurzer Halt auf halber Höhe: Fotos. Wieder antraben. Die Beine klagen mich an in ihrer Not. Nur noch ein Stück! Bald geschafft, 30 Meter, 20, 10 … und oben!

Keine Muße zum Schauen, denn der Weg senkt sich rasch wieder hinab. Steil hinab, noch steiler. Vorsicht jetzt! Nicht überziehen, die Füße nicht auf lockerem Geröll platzieren, den Schwerpunkt etwas nach vorne verlagern, kurze, superkurze, schnelle Schritte. „Hier geht‘s verdammt steil runter!“ meint der Marathon4you-Mann … „Lieber runter als rauf!“ antwortet ein anderer postwendend. Ich gehe mit dem Tempo an die Grenze des Vertretbaren, schieße zügig die Serpentinen hinab. Und dann bin ich doch zu schnell, drohe die Kontrolle über meine Beine zu verlieren. Das Drahtseil links erspähen und danach greifen sind eins. Gerade noch rechtzeitig! Langsam weicht der Schreck aus meinen Gliedern und dann ist die gefährliche Schussfahrt endlich vorbei.

Auf asphaltiertem, sich kräfteschonend senkendem Weg arbeite ich aus der Erinnerung an meinem Optimismus: Nur noch ein mäßig fordernder Anstieg liegt jetzt vor mir. Ein letztes Joch, das es zu erobern gilt. Gleich noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Erster Abschnitt auf Asphalt und alle gehen. Na ja, fast alle … Verpflegungsstation: Eine Portion Gel, dann drei Becher Flüssigkeit hinterher. Praller Bauch und ab. Buckliges Zwischenspiel: Rauf, runter, rauf, hin und her. Eingeständnis: Meine Beine fühlen sich müde an. Einen Großteil meiner Reserven habe ich bereits investiert. Werde ich auf den letzten Kilometern ähnlich einbrechen wie im letzten Jahr? Schlussanstieg zum Joch, einmal mehr über Stock und Stein. Jetzt auch zwischen frischen Kuhfladen. Helles Geläut schallt von den Hälsen zahlreicher Rindviecher herüber. Eine Kuh grast nahe am Weg. Einen Moment Aug' in Aug' mit dem Tier. „Na, wer von uns beiden hat nun das schönere Leben?“ scheint ihr Blick zu fragen. Groteske Situation: Stellenweise gestattet der enge Pfad kein Überholen. Also trabe ich quasi auf der Stelle hinter Gehenden her. Und dann stehe ich endlich oben. Etwa 19 Kilometer liegen hinter mir und bereits 2:25 Stunden sind verstrichen … Durch Gatter Nummer x verlasse ich die Alm und sofort geht’s wieder runter.

Der Weg ist breit, nirgendwo zu steil, teilweise asphaltiert. Zwei, drei Kilometer Gefälle stehen mir jetzt bevor und die muss ich nutzen. Ohne Rücksicht auf Sehnen und Gelenke mache ich Tempo. Zeit über Zipperlein zu reden. Ein nicht mehr taufrischer, auf Leistung getrimmter Läuferkörper kommt ohne sie nicht in Schwung. Zumindest kann ich mir keinen Marathoni oder Ultra meines Alters vorstellen, der völlig beschwerdefrei bliebe. Zu Beginn heute meckerte mein Fußballen rechts, ein kleines Andenken an die vier Kilometer Steinwüste beim Montafon-Arlberg Marathon. Dann meldeten sich die Kniescheiben. Die scheinen sich jedes Mal abzusprechen, welche von ihnen jeweils lauter protestieren darf. Heute hatte die linke das längere Hölzchen gezogen. Und nun, da mindestens drei Viertel der Anstiege und ruppigen Pfade hinter mir liegen, meldet sich das Gelenk der Großzehe rechts. Mal was Neues. Bin ich damit unglücklich auf einen spitzen Stein gelatscht? Ich reagiere wie immer in solcher Situation: Gar nicht. Was sollte ich auch tun? Der Schuh sitzt gut und fest, Nachschnüren nicht erforderlich. An ihm liegt’s nicht. Also weiter. Ich bin auch nicht im Mindesten beunruhigt oder alarmiert. Schon oft stellten sich unterwegs Wehwehchen ein. Und keines davon zwang mich je zum Abbruch. Meist hielt der Knochenprotest nicht mal bis ins Ziel durch.

Immer noch runter, vorbei an der Talstation der Grasgehrenlifte, dann über die Riedbergpassstraße und schließlich auf das raue Felsmassiv des Besler zu. Als der Weg in Höhe einer Alm schließlich wieder in eine Steigung mündet, habe ich mich einigermaßen erholt. Halbkreisförmig, dabei beständig auf- oder abwärts laufend, umrunde ich die felsigen Flanken des Besler. Plötzlich ein Rattern von hinten begleitet von Rufen: „Achtung!“ und „Vorsicht!“ Zwei Mountainbiker mischen sich unters Laufvolk, rauschen kurz darauf vorbei. Weit kommen sie nicht: Der nächste Weidezaun zwingt sie zum Absteigen und schon gehe ich wieder in Führung. Der Pfad wird eng und schwierig. Konzentriert laufen! Hinter mir nähern sich die Radler, kämpfen hörbar mit den Tücken des knorrigen Untergrunds, erreichen mich nicht. Noch ein paar Höhenmeter, einige davon auf gefährlich griesigem Geröll, dann hat mich die feste und weitgehend ebene Erde wieder.

Kilometer 22 steht auf der Tafel. Auf die Uhr schaue ich nicht. Wozu auch? Erst auf den folgenden acht Kilometern kann ich wirklich damit beginnen Zeit aufzuholen. Dieser Streckenteil verläuft durch eines der vielen für den allgemeinen Verkehr gesperrten Seitentäler im Oberstdorfer Land, ist aber in voller Länge asphaltiert. Ich betrete das schmale Band der Straße just in Höhe der Streckenteilung. Nach rechts, Richtung Kleinwalsertal, verzweigten vorhin die Ultras. Ich laufe geradeaus, als ein Glied in der sehr losen Kette der Marathonis. Zwei-, dreimal hebt sich die Straße noch, ziemlich lange, dafür nur minimal. Doch selbst das überfordert die meisten meiner Mitläufer und so beginne ich sie, einen nach dem anderen, einzusammeln. Das Tal hat seine Reize, erfreut immer wieder mit hübschen Ausblicken. Erstaunlicherweise fühle ich mich noch kräftig und komme zügig voran. Die Großzehe schmerzt. Na und? Soll sie halt, so lange sie mich nicht behindert. Unterdessen entscheidet sich das Sträßchen unwiderruflich für Gefälle. Läuferfreundliches Gefälle!! Die zuvor erarbeiteten Höhenmeter werden in gut verträglichen Dosen aufgegeben, geradeso, dass man sie vollends in Tempo umsetzen kann …

Kilometer 25 und 26: Ich halte meine forsche Geschwindigkeit. Immer wieder stehen Läufer am Wegrand, massieren oder dehnen ihre schmerzenden Gliedmaßen. Ich schätze mich glücklich, das Fegefeuer der Hörnerkette schadlos und in noch brauchbarer Konstitution überstanden zu haben. Kilometer um Kilometer abwärts Tempo zu machen ist allerdings auch kein Honigschlecken. Eine andere Art körperlicher Bedrängnis stellt sich ein. Ich riskiere einen Blick auf die Uhr und beginne zu rechnen … könnte klappen unter fünf Stunden, aber nur, wenn ich nicht irgendwann einbreche … Das Gefälle nimmt zu. Demnächst wird die Straße in steile Serpentinen übergehen und die Knochen gewaltig fordern.

Bitterböse Überraschung! Der Straßenbelag fehlt, komplett abgetragen. Die kiesige, gottlob feste Trasse des einstigen Sträßchens wartet auf den neuen Asphalt. Zeit kostet das wenig, dafür aber Konzentration, um für die Füße den jeweils besten Tritt zu finden. Und die ohnehin geschundenen Gelenke werden weiter gemartet. Zwei Kehren, drei, vier, … etliche. Dann bin ich unten, steuere auf eine Straße zu und labe mich erst einmal mit Gel und mehreren Bechern Flüssigkeit. Rasch weiter: Ich biege auf einen Radweg ein und begegne alsbald der Kilometertafel mit der „30“. Vermutlich absolut flach, denke ich, meine damit den Radweg, unterliege aber dem Eindruck bergauf zu laufen. Diese Empfindung verdeutlicht die fortgeschrittene Ermüdung und ein fordernder Anstieg steht mir noch bevor …

Straße und begleitender Radweg scheinen eine Bresche in den Fels geschlagen zu haben. Ich trabe auf das Felsentor zu, um unmittelbar dahinter auf einen Wanderweg abzubiegen. Ein paar hundert Schritte im kühlen Wald sind uns vergönnt, dann geht’s wieder hinaus in die Wiesenlandschaft des Oberstdorfer Tals. Und in die Sonne, die nun merklich heißer vom Himmel sticht. Sofort rinnt der Schweiß wieder in Strömen, was ich als gutes Zeichen nehme. So lange ich noch so extrem schwitze, hält sich die Dehydrierung in Grenzen. Ich nehme gedanklich den Schlussanstieg vorweg, wappne mich gegen jede Art der Anfechtung. Ich werde nicht gehen! Jetzt sicher nicht mehr! Nur noch dieser eine Hügel! Das wird hart, aber es ist der letzte Anstieg!

Es ist mehr als hart. Ein üble Quälerei und zudem auf den ersten zwei Dritteln unter praller Sonne. Erst sanft, dann steil auf Asphalt, ein Spazierweg. Danach über eine gemähte Wiese, erst heftig, schließlich heftiger … Es geht! Ich tippele aufwärts. Alles nur eine Frage des Willens. Der Waldrand kommt näher und erlöst mich schließlich mit kühlem Schatten. Doch darin immer wieder gefordert: Rauf, runter, rauf … zuletzt eine Treppe, die Treppe ins Licht. Geschafft! Schöner Ausblick übers Oberstdorfer Tal. Schwer atmend verharre ich für die Dauer zweier Fotos und wende mich dann wieder Richtung Tal.

Die Berührung mit Straßen, Verkehr und Wohngebieten in Obermaiselstein währt zum Glück nur kurz. Rasch verlassen wir den Ort, um entlang eines Bergbachs die nächsten Kilometer abzuspulen. In der schattig dichten Uferbewaldung, ohne Sicht auf irgendwas, reduziert sich das Abenteuer Marathon auf puren Kampf. Jetzt schon der finale Kampf, den ich mit ungebrochenem Optimismus führe. Wider Befürchten fühle ich mich stark genug das nunmehr straffe Tempo durchzuhalten. Noch 9, 8, 7 Kilometer. An jeder Kilometertafel kalkuliere ich meine mutmaßliche Zielzeit und komme immer wieder zum selben Schluss: Wenn ich das Ding so durchziehe, werde ich unter fünf Stunden finishen. Auf dem langen Weg dahin sammele ich Läufer um Läufer ein. Von jedem Überholten springt ein Funke zu mir über und verlängert meine Kraft. Manche meiner Mitläufer sind am Ende oder diesem Zustand zumindest sehr nah. Alle Phasen der Erschöpfung sind zu beobachten: Von langsamem Trab über qualvolles sich Dahinschleppen, auch Gehen, Hinken und Stehen. Schwer atmend stützt sich einer auf seine Oberschenkel. Nichts geht mehr. Dann bin ich vorbei und frage mich, ob er sich doch noch ins Ziel retten oder aufgeben wird.

Noch ist nichts entschieden: Am Illerufer gibt es kaum noch Schatten, die Hitze steht und der Stern brennt erbarmungslos auf mich nieder. Noch fünf Kilometer, noch genug Zeit dem Hammermann zu begegnen. Dass ich ihn in zuvor 112 Marathons und Ultras nie mit der in Laufliteratur beschriebenen Unmittelbarkeit kennen lernte, will nichts heißen. Viele Negativerfahrungen musste ich erst nach etlichen Marathonjahren hinnehmen. Einmal ist immer das erste Mal. Ich schwitze, ich leide, ich ringe mit den körperlichen Unbilden, die jede Schlussphase eines langen Wettkampfs begleiten. Aber über allem obsiegt die Zuversicht bis ins Ziel durchzuhalten. Kilometer 38. Wieder liegt das Rechenergebnis unter fünf Stunden. Ein Henne-Ei-Problem: Ist es wirklich so, dass mein Ehrgeiz so viel Energie freisetzt, um dieses Ziel zu erreichen? Oder hilft mir die Sub5Stunden-Chance die Pein der letzten Kilometer besser zu ertragen?

Wo bleibt die „39“? Laut GPS-Anzeige ist sie längst überfällig. Vielleicht hab ich sie übersehen? Weiter. Halt durch, nur noch 20 Minuten leiden. Ich nehme die Flusslandschaft um mich her noch wahr. Beim Überqueren der Iller drücke ich sogar noch einmal auf den Auslöser meiner Kamera. Doch im Grunde interessiert mich nur noch das (erstaunlich rasche!?) Schrumpfen der Distanz zum Ziel. Ein bisschen vielleicht auch die hinfälligen Gestalten, die ich auf diesem Weg passiere. An manchen schieße ich einem D-Zug gleich vorbei, was weniger an meinem Dampf und mehr an deren Erschöpfung liegt. Oft streift mich ein müder, resignierter Blick. Oder bilde ich mir das nur ein? Auch die 40 Kilometer-Tafel finde ich nicht. Das gibt’s doch nicht!? Natürlich spricht das Messdings an meinem Handgelenk eine klare Sprache. Aber ein Funken Unsicherheit bleibt so lange ich das Ziel nicht ausmachen kann … noch zwei laaange Kilometer.

Schließlich noch anderthalb und Fetzen von Lautsprecherdurchsagen dringen an mein Ohr. Längst bin ich sicher heute nicht einzubrechen und mein Tagesziel zu packen. Weit kann’s nicht mehr sein. Und dann sehe ich zum Zielbereich rüber, kann den restlichen Weg abschätzen. Ich lege noch ein paar Kohlen nach, brauche nun keine Reserven mehr zu schonen. Es beginnt die Schlussphase eines sicheren Erfolges: Ich spüre keine Hitze mehr, die mich bedrängt und nichts tut mehr weh. Letzte Energien zu mobilisieren fällt jetzt leicht. Sie fließen wie von selbst. Ich fliege. Für etwaige Beobachter sieht es garantiert angestrengt aus, aber ich fühle, dass ich fliege. Dem Ziel entgegen und glücklich über einen gelungenen Marathon. Alles hat gepasst: Zeitpunkt, Wetter und vor allem meine Krafteinteilung. Kein Dahinsiechen auf dem letzten Abschnitt entlang der Iller wie im letzten Jahr … „Noch 300 Meter, gleich geschafft!“ schreit einer und schubst mich damit dem Finish entgegen …

Tagesziel geschafft: Mit 4:53:55 h (Platz 4 in M60) und mehr noch der Tempostabilität nach harter Gebirgsroute auf den finalen Kilometern bin ich sehr zufrieden. Sybille und Dennis, die Ultras, erreichten übrigens auch das Ziel. Dennis sichtlich angegriffen und höchst unzufrieden, weil er einen rabenschwarzen Tag für so eine harte Prüfung erwischt hatte. Dafür trabte seine Lebensgefährtin Sybille überglücklich und erstaunlich locker ins Ziel. Sie blieb dabei unter 10 Stunden und belegte Platz 8 im Gesamtklassement der Frauen. Spontan oder Vorsatz? Jedenfalls gönnte sich Sybille auf der Ziellinie noch einen Liegestütz, nach 70 Kilometern Distanz und 3.000 auf- und abwärts überwundenen Höhenmetern!

Fazit zum Allgäu Panorama Marathon

Wer eine der schönsten Strecken Deutschlands unter die Füße nehmen will, sollte gut vorbereitet und mit reichlich Marathonerfahrung ausgestattet sein. Vier Fünftel der Wegstrecke sind vom Untergrund her risikofrei zu bewältigen. Dafür hat es das verbleibende Fünftel in sich. Auf steinigem, gerölligem, oft steilem Untergrund, auf- wie abwärts, lauern diverse Möglichkeiten zu stolpern.

Die Veranstaltung lief wie im Vorjahr reibungslos und ohne Beanstandung ab. Dass die letzten drei Kilometertafeln fehlten, war vermutlich irgendwelchen Spaßvögeln zuzuschreiben, die die Markierungen wegnahmen.

 

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