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Was ist Glück?    –    Montafon Arlberg Marathon 2013

Die Frage prangt auf einem Wandtäfelchen im Frühstücksraum meiner Pension. Morgens um halb sechs mag ich von derlei Schicksalsfragen eigentlich nicht belästigt werden. Eine meinem Denken und Fühlen gerecht werdende Antwort fände ich ohnehin erst, wenn mir Geist und Herz zu hundert Prozent gehorchen. So in zwei, drei Stunden vielleicht? Glücklicherweise lässt der Fragesteller die Antwort nicht offen. Sie erzählt vom Älterwerden in erfüllter Zweisamkeit, also von der Liebe. Reflexhaft fliegen meine Gedanken weit, weit weg, lassen ein von Freude und Wärme begleitetes Bild in meinem Kopf entstehen. Quasi prompte Bestätigung dessen, was ich nun – an meinem heißen Kaffee nippend – ein zweites Mal entziffere. Weil aber in der Tiefe meines Gedächtnisses auch andere Motive an eine (noch) verschlossene Pforte hämmern, verdächtige ich den Autor der unzulässigen Verkürzung. „Glück = Erfüllte Liebe“. In dieser Formel scheinen ein paar wichtige Größen zu fehlen. Mal sehen, was der Tag so bringt. Vielleicht drängen sich ein paar Ergänzungen auf!?

Ich stehe vor der Entscheidungsschlacht meines Feldzuges gegen den Frust. Vielleicht gelingt es mir heute, den angeschlagenen Feind zu besiegen. Vor einer Woche im Pitztal konnte ich ihn bereits entscheidend schwächen und beim Montafon Arlberg Marathon will ich ihn endgültig zur Strecke bringen. Wie im letzten „Kriegsbericht“ erläutert, musste ich meine ehrgeizigen Ultrapläne für dieses Jahr mangels ausreichender Form beerdigen. Die Folgen solcher Schicksalsschläge kennt man von krankhaft Süchtigen: Von gefährlichen Drogen zu lassen, gelingt oft nur über „medikamentösen Ersatz“ …

Wie der Name sagt, führt die heutige Marathonstrecke aus dem Montafon zum Arlberg. Damit verbunden sind eine Grenzüberschreitung vom Bundesland Vorarlberg nach Tirol, etwa 1.300 Höhenmeter aufwärts und nicht ganz so viele wieder runter. Ein Bergmarathon also, von dem ich mir schöne Ausblicke auf hoffentlich nicht zu schwierigem Geläuf erhoffe. 90 Prozent der Wege – die Einschätzung scheint mir auf Grund meiner Bergwanderer-Vergangenheit verlässlich – sind unkritisch, da auch von Fahrzeugen nutzbar. Die etwa vier Kilometer lange Passage über das Winterjöchle (1.945 m, höchster Punkt der Strecke) auf einem Wanderweg dürfte es allerdings in sich haben. Typische Bergpfade zeigen jedem einen Vogel, der sich mit anderem als festem Bergschuhwerk in solche Regionen traut. „Trail“ nennen Berglaufspezialisten so etwas. Ein ziemlich verharmlosender Begriff für manchmal durchaus risikoreiche Abschnitte und eher nicht mein Ding. Aber da ich die Berge liebe und dieser Streckenteil nicht ewig währt, bin ich bereit das Wagnis einzugehen.

Gegen 6:15 Uhr schlendere ich durch St. Anton am Arlberg in Richtung Bahnhof. Um diese Uhrzeit samstagfrüh wirkt der Ort so tot, wie jedes andere Dorf auf dieser Welt. Prüfende Blicke gen Himmel beruhigen zwar, dämpfen aber meine Wettererwartungen. Noch umklammern dicke Wattebäusche die Gipfel der im Stanzer Tal extrem steil aufragenden Berge. Da und dort lugt Blau durchs Hellgrau, der versprochene, sonnige Tag steht also in den Startlöchern. Am Bahnhof warte ich in einer recht überschaubaren Schar Gleichgesinnter auf den offiziellen Transport zum Start, der übrigens zweimaliges Umsteigen erfordert! Was dann superpünktlich auf Gleis 2 einfährt ist der Nachtzug Wien-Bregenz; erst die Lok, danach reihenweise Schlaf- und Liegewagen, schließlich zwei Waggons mit normalen Abteilen. Mein derweil wacherer Geist findet die Transportlösung ziemlich gewagt. Was wäre, wenn der Nachtzug sich verspätet und der Anschluss nicht mehr klappt? Hält die ÖBB um so viel verlässlicher Fahrpläne ein, als die Deutsche Bahn? Ich kann mir keinen Veranstalter in Deutschland vorstellen, der sich auf einen von Schleswig-Holstein nach Bayern laufenden Nachtzug verließe. Kaum eingestiegen wird es dunkel, weil die Bahn in der zehn Kilometer langen Arlberg Tunnelröhre verschwindet. Als es wieder hell wird, rollen wir durchs Montafon und ich springe auf die nächsthöhere Stufe der Glückseligkeit: Blauer Himmel von Gipfel zu Gipfel und nicht der Hauch eines Wölkchens!

Pünktliche Ankunft in Bludenz, dort umsteigen in die lokale Bimmelbahn. Das etwas versteckt gelegene Abfahrtsgleis schafft keine Verwirrung, denn irgendwer kennt sich immer aus und dem rennen alle hinterher. Die Lokalbahn klappert dann alle Milchkannen ab, die bis Schruns an der Strecke stehen. Doch auch dieser Anschluss funktioniert präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Ankunft Schruns und Umsteigen in den Bus. Wirklich erstaunlich, denn nun fährt auch noch der Bus zur vorgesehenen Minute los und setzt uns gegen 8:15 h im Startbereich „Silbertal“ ab. Klappen Anschlüsse in diesem Teil der Welt immer so reibungslos oder hatten wir einfach nur Glück?

Die Gemeinde Silbertal besteht aus einer Ansammlung versprengt an den Hängen errichteter Häuser. Vor und im ausgeräumten Feuerwehrhaus hat sich heute die Lauforganisation breit gemacht. Langsam füllt sich das Areal mit gut gelaunten Menschen. Ich passe dazu, auch wenn mein Gesicht das ganz sicher nicht widerspiegelt. Zu groß ist der Respekt vor der Aufgabe, die mich erwartet. Es wird hart werden. Mein Ehrgeiz, der lange Anstieg, das Terrain und nicht zuletzt die hemmungslos lachende Sonne werden mir alles abverlangen. Startvorbereitungen. Sofern ich mich dazu bewegen, auch mal hinter Büsche verziehen muss, wähle ich leichten Trab, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Mit regelrechtem Einlaufen hat das wenig gemein. Zuletzt schmiere ich eine dicke Schicht Sonnenmilch auf Hautpartien, die mir besonders gefährdet scheinen.

Im Schatten des Feuerwehrhauses warte ich auf den Start. Ich mache kein Aufhebens davon, auch vor mir selbst nicht, aber immerhin begehe ich heute ein Jubiläum der lustigen Art: Schnapszahl! 111 mal Marathon und weiter, wenn ich das Ziel erreiche. Woran ich keine ernsthaften Zweifel hege, auch wenn man das Fell des Bären erst nach dem Erlegen verteilen sollte. 42 Kilometer sind mordsweit. Für einen, der sich häufiger über weit längere Distanzen getrieben hat, so weit aber auch wieder nicht. Gespannte aber zufriedene Erwartung erfüllt mich: Anspruch der Veranstaltung, Umgebung, Wetter, Stimmung, körperlicher Zustand – alles scheint heute zu passen, um den „Einhundertelften“ gebührend zu begehen!

Es beginnt auf Asphalt, zwei Kilometer talwärts, um letztlich die volle Streckenlänge zu erreichen. Ich fühle mich … eingerostet. Sichtbar leichtfüßig und scharenweise werde ich auf diesen zwei Kilometern überholt. Zu viele Kilometer Schleichfahrt in den letzten Monaten haben mich aller Spritzigkeit beraubt. Entschluss: Ich muss den Fokus im Training wieder mehr auf Anteile mit hoher Schrittfrequenz legen. Intervalle, Fahrtspiele, Steigerungsläufe. Nach dem Wechsel der Bachseite findet der leichte Aufgalopp im Gefälle sein abruptes Ende. Immer noch auf Asphalt, jetzt eines Fuß- oder Radweges, streben wir zurück in Richtung Start. Nur diesmal am Hang und deshalb in stetem, teilweise steilem Auf und Ab. Im Nu bricht mir Schweiß aus allen Öffnungen. Ein erstes Scharmützel, nicht mehr, aber schon ein Vorgeschmack auf den Knochenjob der nächsten Stunden.

Vor und hinterm Starttor hat eine Phalanx aus Dreikäsehochs zum Abklatschen Aufstellung genommen. Beifall und Frohsinn begleiten uns noch hundert Schritte. Dann wird es stiller und schließlich hört man nur noch Laufgeräusche. Inzwischen eingelaufen, schwimme ich bereits im eigenen Saft, bin dennoch optimistisch gestimmt. Die unschwierige Laufstrecke unterstützt mich darin. Einigermaßen sanft gewinnen wir an Höhe, nur noch kurz auf einem Sträßchen, fortan auf festem Wirtschaftsweg. Im kühlen Schatten hoher Fichtenwälder schalten meine körpereigenen Wasserpumpen auf kleine Leistung zurück. Zügig voran, ohne spektakuläre Aussichten. Die lässt der Wald nicht zu. Dann und wann in herberer Steigung, die mir jedoch nicht zu schaffen macht. Die erste wirkliche Prüfung gilt es bei Kilometer acht zu bestehen. Nach und nach werden der Weg steiler und meine Schritte kürzer. Ich kämpfe und arbeite mich im Spitzentanz bergwärts. Sekunden dehnen sich, Minuten werden zu halben Ewigkeiten. Ich riskiere einen Blick voraus, nach oben und stöhne gepeinigt: Noch steiler und unabsehbar weit …

Prüfung bestanden, alles gelaufen, wo die meisten anderen gingen. Herzfrequenz normalisiert sich, Fühlen auch. Hirn schaltet stufenweise zurück, von Not, auf Qual, was bleibt ist Anstrengung. Denken geht wieder. Eben noch war ich überzeugt diesen Lauf unmöglich komplett durchlaufen zu können. Nun, in einer flacheren Passage, bekommt der Optimist wieder Oberwasser. Erinnern funktioniert auch wieder: „Hauptsache Sonne! Wenn’s sein muss auch 30°C, das ist mir egal!“ tönte ich heute morgen im Gespräch unter Läufern, bequem im Zug sitzend beim Anblick des strahlend blauen Morgenhimmels. Vor zwei Minuten, als ich in praller Sonne diesen elend steilen Hang hoch kroch, bereute ich mein leichtfertiges Geschwätz von Herzen. Und nun? Kaum haben sich meine Körperfunktionen normalisiert, möchte ich meiner Freundin dort oben bereits wieder eine glühende Liebeserklärung machen …

Immer häufiger gewähren Waldschneisen und Wiesen wunderschöne Ein- und Ausblicke. „Oben“ regiert wilde, von Menschen wenig veränderte Natur. Hohe, teils schroffe Berggestalten zu deren Felsregionen sich höchstens Wanderer und ein paar Schafe verirren. Hier unten im Talgrund und an den Hängen dominiert uralte, von Menschenhand geformte Kulturlandschaft, von Bergbauern bewirtschaftet wie eh und je. Es ist die Region der Almen, Alphütten und Kühe. Eine steht am Wegrand und beguckt sich das seltene Geschehen, viele andere kehren uns wiederkäuend und interesselos den Rücken. Unablässig fängt meine Kamera Bilder ein, für die ich auch stehen bleibe, wenn es mir das Motiv wert ist.

… 12, 14, 16 km … – der Streckenverantwortliche hat es tatsächlich geschafft jeden zweiten Kilometer mit einer Tafel zu markieren. Je zwei Schilder sind an fest verankerten Metallpfosten befestigt, gerade so, als wiesen sie ganzjährig ausdauerstarken Läufern den Marathonweg. Das scheint zumindest für die untere, mit Schellen fix angebrachte Tafel zu gelten. Mir werden die Kilometer nicht lang, obwohl unentwegter Aufstieg und fortwährender Sonnenschein mein forsches Anfangstempo nach und nach abschmelzen. Die Landschaft präsentiert sich von Minute zu Minute reizvoller, ursprünglicher, rauer. Sogar im hellen Vormittagslicht kann man nachvollziehen, weshalb gerade diese Gegend als Drehort für den Kinostreifen „Schlafes Bruder“ gewählt wurde. Hier fand man den geheimnisvollen, gebirgigen Hintergrund, um Tod und Leiden ebenso großartig in Szene zu setzen, wie Liebe und die Nähe zum Himmlischen …

Apropos helles Vormittagslicht: Plötzlich und unerwartet trabe ich im Schatten. Erst jetzt registriere ich die munter quellenden Wolken – nicht ungewöhnlich zu später Vormittagsstunde –, von denen mich ein kapitales Exemplar unter seine Fittiche nimmt. Ich gebe es ungern zu, aber die fette Riesenwolke verschafft mir augenblicklich Linderung – nur für ein paar Minuten, aber immerhin … Der Weg beschreibt eine Linkskurve, hält jetzt auf die Bergflanke zu. Kurz wende ich den Blick in Richtung Talschluss und bleibe wie angewurzelt stehen. Was für ein Bild! Ein paar Meter tiefer, eingerahmt von Bergwald, erstreckt sich ein dunkler, kleiner See, wie eine Lache verschüttetes Öl. Hinter seiner unbewegten, spiegelnden Oberfläche erhebt sich die Gipfelgruppe des Patteriol (3056 m) mit ihren Granitzacken, trutzig, unzugänglich, herrschsüchtig Aufmerksamkeit einfordernd. Eine zauberhafte, einzigartige Stimmung teilt sich in dieser Ansicht mit. Intensiv genug, um den Filter fortgeschrittener Ermüdung mühelos zu durchdringen. Als „Schwarzsee“ steht die dunkle, kleine Gumpe in Wanderkarten verzeichnet. Ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen, stehe ich genau vor jener Naturschönheit in deren Bann einige Sequenzen von „Schlafes Bruder“ eingefangen wurden.

Steiler bergan seit einer Weile. Die Baumgrenze ist überschritten und Schatten gibt es keinen mehr. Weiter leuchtet Grün, von Büschen, Latschen und Gräsern. Der weithin einsehbare Wirtschaftsweg windet sich durch das zur kilometerbreiten Mulde erweiterte Silbertal. Eine lose Kette von Mitläufern kann ich vor mir erkennen und auch, dass sie die Fortbewegungsart Gehen oft dem Schneckentrab vorziehen. Ich bin müde, aber ich kämpfe, wehre den Gedanken an „Gehen-Wollen“ immer wieder ab. Bedrängt mich der häufiger als früher, nachdem der Rennsteiglauf vor ein paar Wochen meine Sturheit zerbrach und mich erstmals zum Gehen zwang? Kann sein. Aber noch ist mein Wille stärker, als die Versuchung. Ströme von Wasser perlen an meinem Körper hinab, können von der triefnassen Montur kaum mehr aufgefangen werden. Alle paar Sekunden schaufele ich mit einer Wischbewegung den Schweiß von der Stirn, bevor er in die Augen rinnt. Hier zu laufen ist so verdammt hart. Doch diesen Preis zahle ich gern, denn dieses Landschaftsparadies ist wirklich jede Mühe wert! Zum Weinen herrliche Bilder vermitteln jedes kurze Umschauen und häufiges Innehalten für Fotos. Ich durfte wahrlich schon einige wunderschöne Landschaften laufend erleben, verwendete häufig Superlative, um deren Reiz zu formulieren. Doch vor diesem Flecken Erde ist jeder Versuch der Beschreibung zum Scheitern verurteilt. Und wenn ich mit diesen Wörtern um mich schmeiße: märchenhaft, atemberaubend, ganz und gar einmalig, das Herrlichste vom Herrlichen, das Erhabenste vom Erhabenen, dann nicht, weil ich dem Großartigen gerecht werden könnte. Ich will dich nötigen. Gehe, laufe, trabe hinauf, gönne dir diesen unvergleichlichen Anblick!

Der Patteriol wächst noch rascher als meine Erschöpfung. Inzwischen beherrscht der mächtige, schwarzgraue Klotz mit seiner zentralen „Bischofsmütze“ aus Granit die Szenerie. Gewaltige Schneefelder verbergen das Geröll der westseitigen Abstürze. Wann sah ich je so viel Schnee in dieser Höhe und Anfang Juli? Es gelingt mir kaum noch einen längeren Abschnitt ohne Fotostopp zu absolvieren. Natürlich bin ich im Wettkampf und möchte mit guter Zeit und Platzierung abschließen. Aber wie könnte ich auf diese oder diese oder diese und nun auch noch jene Perspektive verzichten?

Weiter aufwärts, manchmal anspruchsvoller, alle Kräfte fordernd. Das liegt aber eher an der Wärme und dem nach über zwei Stunden und 1.000 Höhenmetern schon beträchtlichen Ausdauerverschleiß, als an der Steigung selbst. Bisher war jeder Meter ohne weiteres laufend zu bewältigen. Wie lange noch? In einiger Entfernung erkenne ich eine Hütte und vermute dort den letzten Verpflegungspunkt diesseits des Jochs. Nach dem Studium meiner alten Wanderkarte wird der Wirtschaftsweg dort wohl enden … Noch eine kleine, bildhübsch gelegene Lache. Als „Pfannsee“ ist das dunkle, von grünen Feuchtwiesen umgebene Auge in der Wanderkarte verzeichnet. Mir ist es zwei Fotos wert, eins in und eins gegen Laufrichtung.

Verpflegungspunkt „Obere Alpe Fresch“. Wie vor jeder Labe (wir sind schließlich in Österreich und da heißt das so!) presse ich mir auch hier den Inhalt eines Gelbeutels in den Mund und spüle dann an der „Theke“ mit zwei Bechern Wasser nach. Das Büffet ist zwar reichlich gedeckt, auch mit Iso, doch erstens kann und sollte man sich auf vorhandenes Iso nie verlassen. Und zweitens stütze ich mich aufwärts, bei hohem Energiebedarf, lieber auf erprobte Substanzen. Zwei Beutel bleiben mir jetzt noch. „Drüben“, jenseits des Jochs, in der Abwärtsbewegung werde ich dann versuchsweise vom angebotenen Iso naschen …

Meine Vermutung war richtig. Hinter der Hütte setzt sich der Kurs als Wanderweg fort und das – freudige Überraschung! – völlig unschwierig über platt getrampeltes Gras, ohne nennenswerte Unebenheiten. Auch die Passhöhe ist fast schon erreicht, es fehlen nur noch wenige Höhenmeter und dann geht’s doch fast nur noch runter … Mein Optimismus vollführt einen gewaltigen Luftsprung, vertreibt Müdigkeit, ersetzt sie durch noch mehr gute Laune. Warum wohl sonst wären mir drei Kühe mitten auf dem Weg zwei Aufnahmen wert? Schon ungewöhnlich: Schottische Hochlandrinder im Montafon auf fast 2.000 Metern Seehöhe. Ich will ein Bild „Läufer und Kühe“! Also schlage ich einen Haken und bringe mich unterhalb der Rindviecher in Stellung. Läufer kommt und … klick!

Ein paar Minuten später verkrümelt sich mein Optimismus in die Schmollecke und ich kämpfe läuferisch den Kampf meines Lebens. Ich hätte es wissen müssen! Wissen müssen, weil ich als Wanderer schon so oft in diesen Höhen und ähnlichem Gelände unterwegs war. Wissen müssen auch, weil mir ein Wanderer im Zug berichtete, dass sich das „Winterjöchle“ um diese Jahreszeit „erfahrungsgemäß“ noch sehr nass und unwegsam gibt. Steine! Millionen Steine jedweder Größe. Dazwischen, darüber, darum herum zieht sich der Pfad. Wo findet man Tritte? Auf den Steinen, dazwischen, daneben – nicht selten im Morast. Und nicht selten auch nirgends – jedenfalls nicht auf Anhieb, nicht in jener Zehntelsekunde, die dir bleibt um einen sicheren Landeplatz für deine Sohle zu orten. Immer wieder schneiden Rinnsale und breitere Bäche den Weg ab, die ich auf Trittsteinen trockenen Fußes zu überqueren suche. Innerhalb kürzester Zeit sind meine Füße nass, mit Schlamm überkrustet und schmerzen überfordert. Ich komme mir vor wie ein Balletteleve beim Einstudieren einer boshaft arhythmischen Choreografie. Manchmal bleibt mir keine Wahl als kurz stehenzubleiben, um mich aus grotesk verbogener Haltung wieder aufzurichten. Nicht jeder Stein trägt. Dann rutsche ich ab und gerate neuerlich ins Straucheln. Kaum ein Terrain eignet sich weniger zum Laufen als dieses. Und ganz ehrlich: Früher, vorm Ausbruch meines Laufrausches, als passionierter, sportlicher Bergwanderer, hätte ich über jeden den Kopf geschüttelt, der sich auf solche Pfade mit anderen als festen Bergschuhen wagte …

Ich verliere mich in Raum und Zeit, laufe aber noch. Auf eine Weise allerdings, die mir jeder Betrachter – zum Beispiel der Streckenposten auf seinem erhöhten Felsenausguck – als Stolpern auslegen würde. Ungemein viel Kraft kostet das, weil ich die Füße vielfach unwirtschaftlich hoch heben oder unnatürlich weit setzen muss. Wieder bricht der Schweiß aus allen Öffnungen, obwohl kaum Höhenmeter dabei überwunden werden. Mein GPS-Knecht verzeichnet die mit Abstand langsamsten Kilometer dieses Marathons, übrigens die langsamsten, die ich je laufend zurückgelegt habe.

Kilometer 20: 10:41 min (5,6 km/h)
Kilometer 21: 10:15 min (5,8 km/h)
Kilometer 22: 10:36 min (5,7 km/h)

Und der Eiertanz geht weiter. Innerlich (oder hört man’s?) fluchend arbeite ich mich voran. Beten löst Fluchen ab, denn nur der Himmlische kann verhindern, dass ich hier stürze (Zum Glück bin ich dem Himmel hier recht nah!). Und dann – auf einen Schlag, mit einem Blick über eine Kuppe – vertreibt maßloses, ehrfürchtiges Staunen allen Unmut, macht alle Not vergessen. Ich stehe am Ufer des „Langsees“ und habe nichts im Wortschatz um dieses Wunder zu fassen. Grüne Ufer, glänzender, leicht gekräuselter Wasserspiegel, darauf schwimmend Wolken und das Massiv des Patteriol. Der Gigant höchstselbst erhebt sich himmelhoch überm andern Ufer. Das ist zweifelsohne und in jeder Hinsicht der Höhepunkt des Montafon Arlberg Marathons. Gäbe es nichts zu bestaunen als dieses Bild, der weite Weg lohnte sich allein dafür. Wahnsinn!!! Was für ein Glück, das erleben zu dürfen!

Leicht erhöht, entlang des Seeufers: Traben, stolpern, stehen, schauen, wieder traben, stolpern, wieder stehen und schauen … Ich war auf eine sehr attraktive Strecke vorbereitet. Aber dieses Wunder der Schöpfung stellt jede Fantasie in den Schatten. „Wenn ihr oben am Langsee steht, dann schaut auch mal zurück!“ schallte es vor dem Start aus den Lautsprechern. Auch dieser Rückblick will einen nicht mehr loslassen. Schwer vorstellbar, diese Schönheit sei purem Zufall entsprungen. Forschung lehrt es als Folge des Urknalls, jahrmilliardenlanger Ausdehnung des Universums, der unvorhersehbaren Zusammenballung von Materie als Sonnensystem und Erde. Die Formation habe sich dann über viele Erdzeitalter entwickelt und erst vor erdgeschichtlich ultrakurzer Zeit, mit der Auffaltung der Alpen und deren Erosionsgeschehen, seine heutige Gestalt angenommen. Meint die Wissenschaft und liefert für alles Belege oder wenigstens glaubhafte Theorien. Doch wenn man hier steht, geht, läuft, die Luft auf fast zweitausend Metern Höhe atmet und diese Bildgewalt auf einen einstürzt, dann will man anderes glauben …

Der Weg bleibt mühselig, knifflig, steinig, unberechenbar, gefährlich. Fortgesetzt buckliges Auf und Ab, insgesamt jedoch runter. Auf Holzplanken quere ich eine sumpfige, mit Gras bewachsene Senke, die weiter westwärts in den Langsee ausläuft. Wieder beobachtet ein Streckenposten, wie ich mich der Tücken des Pfads erwehre und feuert mich an. Die dichte Streckenüberwachung verdient ein Extralob. Man weiß, was im Eifer des Gefechts alles geschehen kann und baut vor. „Landesgrenze Vorarlberg / Tirol“ steht auf der Tafel. Foto und weiter. Noch ein Stückchen rumpeln, ein paar Meter balancieren, um Gleichgewicht ringen, diverse Male unorthodoxe Schritte setzen, dann ist es geschafft. Ich stehe am Beginn – oder am Ende, das ist eine Frage von Richtung und Nutzungszweck – des Wirtschaftsweges im Verwalltal, bei Laufkilometer 23.

‚Nur noch runter!’ denkt es in mir. Entsprechend kampflustig donnere ich die ersten Gefälleabschnitte hinab. Wie zu erwarten, haben bewältigte Höhendistanz und die drei „steinigen“ Kilometer meine Verfassung merklich angegriffen. Dennoch unterstelle ich mir genügend Reserven, um noch einiges an Zeit gutzumachen. Für Verunsicherung sorgt alsbald eine Streckentafel, die mir einfach so einen bereits erkämpften Kilometer stiehlt. Falsch markiert oder gilt die für die Marschierer oder hat mir die Höhenluft das Gehirn vernebelt? Ich beschließe auf mein GPS zu vertrauen, dessen Anzeige bisher ziemlich genau zu den Schildern passte. Weiter abwärts. Alpenrosen säumen mehrere hundert Meter meinen Weg. Rasch verliere ich Höhe und erreiche bereits eine Viertelstunde später wieder die Baumgrenze.

„Nur noch runter!“ ist selbstverständlich eine grobe Näherung der tatsächlichen Verhältnisse. Da gab’s schon noch einen „Zacken“ im Profil, das ich mir einprägte, und der erweist sich in natura als echter Prüfstein. Knapp einen Kilometer weit trabe ich neuerlich bergauf in wachsender Steigung. Etwa zehn Kontrahenten kann ich hangaufwärts ausmachen und von denen läuft keiner mehr. Ich schon. Wie häufig erläutert, entspricht genau das meinem Selbstverständnis als Läufer: Gehen nur, wenn Erschöpfung mich dazu zwingt! Und so weit ist es noch nicht. Ich tippele aufwärts mit kurzen Schrittchen und wische mir erneut im Halbminutentakt Schweiß aus der Stirn. Wasser perlt überall auf der Haut, fließt zusammen und folgt der Schwerkraft. So wie die Rosanna, die ein paar Meter abseits am Grund des Verwalltals in Richtung St. Anton rauscht. Erstaunt (wieso eigentlich erstaunt?) gestehe ich mir ein nun doch schon auf wachsweichen Beine zu joggen. Ich wende mich kurz um und … auch aus dieser, der nordöstlichen Blickrichtung setzt sich der Patteriol imposant in Szene. Weitere Fotos, von insgesamt 150(!), entstehen.

Oben! Geschafft! ‚Nun kann aber wirklich nicht mehr viel kommen!’ denkt es in mir und ich versuche neuerlich Tempo zu machen. Das gelingt nur mit mäßigem Erfolg. Ich bin einfach müde! Ein längerer, nahezu ebener Wegteil will mir Steigung einreden. Ich vermag in der Tat nicht mehr zu beurteilen, ob es sanft aufwärts oder flach dahin geht. Etwa zu dieser Zeit kippt mein Temperaturempfinden von „angenehm warm“ auf „heiß“. In Höhe eines kleinen Stausees habe ich plötzlich wieder Asphalt unter den Füßen. Labsal für die geschundenen Füße und Knöchel. Kilometer 31, 32, 33. Mein Kräfteverfall wird immer offenkundiger und lässt mich auf Gefälle hoffen. Stattdessen geht es teilweise leicht bergauf, meist aber flach dahin. Trotzdem könnte ich hier Boden gut machen, wäre ich noch frischer. Ich gebe, was ich noch habe. Was für ein Tempo dabei rauskommt, vermag ich nicht einzuschätzen, will es auch gar nicht so genau wissen. Allerdings überhole ich immer wieder andere Läufer, also kann es so übel nicht um mich stehen.

Polizei und Streckenposten sperren die Arlbergpassstraße für uns. Unter den Augen leidlich genervter Autofahrer verschwinden wir jenseits der Straße zwischen den ersten Häusern von St. Anton. Noch sechs Kilometer und ich kämpfe gegen die Erschöpfung, jetzt wieder mit Gefälleunterstützung. Übergangslos und jäh stürzt eine Wiese (im Winter eine Skiabfahrt) hinunter nach St. Anton. Ein Wanderweg schlängelt sich in Serpentinen durch den steilen Hang, unverkennbar als Laufstrecke gekennzeichnet. Daran halte ich mich, auch wenn eine breite, schnurgerade Bahn platt getretenen Grases zu anderem verführen will. Soll ich ihn fragen, was er sich dabei denkt? Ein etwa zeitgleich mit mir angekommener Läufer nimmt den direkten Weg. Es gibt Verhalten, das ich weder verstehen noch akzeptieren kann. Mal abgesehen von der regelwidrigen Verkürzung der Strecke, verstößt er auch gegen den alpinen Grundsatz so genannte „Abschneider“ zu unterlassen, weil sie zusätzlich Natur zerstören. Warum spreche ich ihn nicht darauf an? Vermutlich weil ich schon zu ausgelaugt bin …

Ich schlage Haken durch die Gassen von St. Anton und noch immer fehlen vier Kilometer. Was folgt ist ein übles Hin und Her, nicht selten auch Auf und Ab, inmitten von Infrastruktur. Unter der Straße hindurch, jenseits wieder ein Stück bergauf, ein paar hundert Meter hin, dann wieder her, schließlich versteckt hinter und entlang der Bahntrasse … Was für ein hässlicher Ausklang einer so wunderschönen Strecke. Ein bisschen Ärger kommt da auf, der sich gegen Unbekannt richtet. Denn Unbekannt hat eine Streckenänderung in St. Anton erzwungen, weil er ein Passieren seines Grundes in diesem Jahr nicht erlaubte.

Keine dreihundert Meter jenseits der Bahnstrecke, dort wo sich die Fußgängerzone befinden muss, schallt der Kommentar des Zieleinlaufs aus den Lautsprechern. Und immer noch drei Kilometer Rest. Ich schleppe mich mehr vorwärts als ich trabe. Endlich hinunter zum Flussbett, daran entlang, aber weg vom Zentrum. Endlos weit, endlos lange kommt es mir vor, bis wir endlich zur anderen Uferseite wechseln und wieder in Zielrichtung traben. Über Gras! Eben schon mal über Gras, das kostet zusätzliche Körner von denen ich kaum noch welche besitze. Endlich Asphalt. Glühender Asphalt. Hitze hüllt mich ein. Zunge klebt am Gaumen. Durst. Aber vorwärts, vorwärts! Oh nein! Noch ein Schlenker. Nicht über die Straße Richtung Zentrum, sondern nach links, runter, wieder zurück, zweihundert Meter und unter der Straße hindurch. Komm schon! Reiß dich zusammen! Weit kann es nicht mehr sein! Ein letzter Verpflegungspunkt, den ich ignoriere. Will jetzt ins Ziel, nur noch ins Ziel. Quer durch St. Anton und endlich auf die Dorfstraße. Die letzten fünf-, sechshundert Meter. Keine Kraft mehr für einen Spurt. Wozu auch und für wen? Sie gucken herüber aus den Gastgärten, spähen über ihre Teller, Biergläser und Kaffeetassen, aber wirkliches Interesse haben sie nicht. Egal. Weiter. Kaum ein Mensch auf der sonnendurchglühten Straße. Endlich die Fußgängerzone. Eine leichte Steigung noch, dann sehe ich das Zieltor. Arme hoch und durch!

Ergebnis: 4:38:12 h, Platz 63 von 174 Männern, Platz 3 in M60 von 9 Startern

Fazit zum Montafon Arlberg Marathon

Die Strecke bringt den Läufer zu wunderschönen Orten mit unvergleichlichen Aussichten. Die Aussage ist natürlich subjektiv, aber Reizvolleres habe ich nie laufend erblickt! Mit 1.300 Höhenmetern (im Anmarschweg etwa 1.100) hält sich die dafür nötige Ausdauer noch in Grenzen. Allerdings gilt es etwa 3 Kilometer Bergpfad übelster Beschaffenheit auf dem Joch zu „überleben“. Dieser Abschnitt ist gleichfalls kraftraubend und birgt einige Risiken, wenn man darauf fixiert ist ihn komplett laufend zu bewältigen. Der Schlussteil, die letzten vier Kilometer, waren unschön, was aber wohl an der vorgenommenen Streckenänderung lag, die im nächsten Jahr vielleicht wieder aufgehoben wird.

Organisatorisch fehlt es an nichts. Bestnote „1“. Ein wenig gewagt scheint mir der im Startgeld eingeschlossene Transport mit Zug und Bus (zweimal umsteigen), der sich auf Fahrplanverbindungen verlässt. Möglich waren zwei Abfahrtszeiten, von denen ich die letzte nutzte. Kann klappen, muss aber nicht. Ich empfehle zur Sicherheit die früheste Verbindung zu wählen (Oder im Silbertal zu nächtigen und nach dem Finish mit Öffentlichen zum Start zurückzukehren).

 

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