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Härteübung, erster Teil ...

„Denk an den Morgen danach“     –
                                Lauffieber Bad Waldsee, Marathon 2013

Ich mag diese Veranstaltung, war schon zweimal hier. Unter der Überschrift „Bad Waldseer Lauffieber“ versammeln sich die Klassiker Marathon, Halbmarathon und 10 km, aber auch – und das macht mir die Veranstaltung zusätzlich sympathisch – (altersgerechte) Kinderläufe. 700 Meter warten auf die Allerkleinsten – teilweise noch an der Hand der Eltern. 1.400 Meter absolvieren die Größeren, für die „Schneller-sein-wollen-als“ bereits eine Rolle spielt. Kinderläufe bringen kein Geld, sie kosten Geld. Wo mit Laufveranstaltungen Profite erwirtschaftet werden, fehlen sie daher meist. Mit anzusehen, wie viel Begeisterung die Mädchen und Jungen für den Laufsport entwickeln, tut jeder Läuferseele wohl. Um mir alle „laufenden Meter“ anzugucken, bin ich A zu spät angereist und B zu verfroren. Im Laufjahr 2013 scheint mir kein Wetterglück beschieden: Kaum Wind zwar und trocken ist es auch, aber mit etwa 10°C entschieden zu kalt. Laut gestrigem Newsletter des Veranstalters soll die Temperatur aber noch auf 15°C steigen. Darüber hinaus hieß es: Kein Wind und kein Regen. Ich nehm’s als Versprechen und gehe die Sache mit Zuversicht an …

Die „Sache“ besteht an diesem Wochenende aus zwei (ziemlich) langen Läufen: Heute Marathon in Bad Waldsee, morgen Marathon in Regensburg. Klingt einfach und ist auch nicht neu für mich. Dergleichen mutete ich mir in den Vorjahren häufiger zu. Als Vorbereitung auf Ultrastrecken habe ich Marathon-Doppelpacks als ungemein trainingswirksam in Erinnerung. Weder kann ich mir die Strecke verkürzen, wenn es hart wird, noch leichtfertig auf Tempo verzichten. Immerhin will ich bei jedem Marathon unter meiner persönlichen „Schamgrenze“ von vier Stunden bleiben (das gilt auch für zwei ohne Regenerationstag nacheinander bestrittene Marathons). Leider sind die Voraussetzungen diesmal schlechter als in den Vorjahren. Mehr Bedenken als der offensichtliche Trainingsrückstand macht mir die Unkenntnis seiner Ursachen. Spekulationen habe ich viele angestellt, Indizien gesammelt, aber eine „gerichtsfeste“ Beweisführung gelang bisher nicht. Wie dem auch sei: Die Saisonplanung steht und sie „verdonnert“ mich an diesem Wochenende zum Doppelpack. – Nur um das klarzustellen: Ich schaffe das! Verwechsle also meine Vorbehalte nicht mit Zweifel und das flaue Gefühl in meiner Magengrube nicht mit Furcht.

In der Startaufstellung steht einer neben mir, der mich kennt. Der Zufall will es so. Und der Zufall ist ein mächtiger Geselle, weswegen mich die Frage mittlerweile auf keiner Laufstrecke dieser Welt mehr in Staunen versetzt: „Bist du Udo?“ Er kennt mich also. Aber ich kenne ihn nicht. Wir haben vor zwei Jahren – so seine Auskunft – mehrmals Mails ausgetauscht. Ich bin dankbar, dass er ganz offensichtlich kein erinnerndes Aufblitzen in meinen Augen erwartet. Inzwischen dürfte die Zahl jener, mit denen ich in Sachen „Laufen“ Nachrichten austauschte, mehrere hundert betragen. Meist Menschen, die sich mit Läuferfragen an mich wandten und denen ich hoffentlich weiter helfen konnte, wo es unsere Laufseite nicht oder nur teilweise vermochte. Es bleibt keine Zeit für langes Läuferlatein. Die bunten Lauffieber-Luftballons gehen auf die Reise und dann wir, vom Startschuss entlassen …

Die Strecke besteht aus zweimal Halbmarathon. Eine Halbmarathonrunde in Bald Waldsee hat weder Glanz noch Gloria, belohnt aber mit einigen Reizen: Es beginnt mit dem schönsten Teil, der Runde um den Stadtsee, an die sich ein Kilometer durch eine parkähnliche Zone anschließt. Nach kurzer, eher unattraktiver Passage durch Wohnstraßen (dafür aber mit Zuschauern) wird die Läuferschar ins westliche, von kleinen Waldflecken, winzigen Weilern und Landwirtschaft geprägte Umland entlassen. Für etwa vier Kilometer decken sich Hin- und Rückweg, bevor sich eine weite, etwa 9 km lange Schleife anschließt. Der Kurs ist schneller beschrieben als gelaufen und …

… wider „sicheres“ Erwarten vermisse ich frische, ausgeruhte Beine. Das ist wieder eine der Situationen, in denen mir mein Körper eines seiner mysteriösen Rätsel aufgibt. Zwei Marathons hintereinander – das wird hart und deswegen wollte ich mit zwei komplett lauffreien Tagen Kraft tanken. Aber wo bleibt diese Kraft? Und warum ziept es auf den ersten Kilometern all überall? 84 Kilometer liegen vor mir, heute und morgen, auf unfrischen, beansprucht maulenden Beinen; da möchte einen die Panik katzengleich anspringen. Kann sie aber nicht, weil ich solche unguten Menetekel schlichtweg ignoriere. 104 erfolgreich absolvierte Marathons und kein einziger Abbruch. So etwas gibt Selbstvertrauen in fast jeder Situation. Na gut, aber „blöd“ fühlt sich das heute schon an …

Ich schwimme im ergiebigen Strom der Halbmarathonis rund um den Stadtsee – mit Unterbrechungen in Sachen „Fotoreportage“. Mach die Bilder jetzt, sage ich mir, du bist ausgeruht und noch beleben ausreichend bunte Fotomodelle die Szene. Ein Foto, noch eins, drei, … mehrere. Allzu schnell endet die kleine Seerunde und es geht in rasch wechselndem Auf und Ab durch den kleinen Park. Ein paar Buckel, kaum der Rede wert. Jetzt durchs Wohngebiet. Klatschende Hände hier, eine infernalisch trötende Vuvuzela dort, hochfrequentes Kochtopf-Pleng-Pleng von schräg vorne. Ein Berner Sennenhund sitzt neben seinem Herrchen in einer Hofeinfahrt und guckt beredt: „Was tun diese Menschen da?“ Über ein paar hundert Meter lehmigen Feldweg verlassen wir Bad Waldsee. Ab und an weiche ich Pfützen aus. Sie zeugen von den ergiebigen Regenergüssen der vergangenen Nacht. Zum Glück wird es nun nicht mehr regnen (davon bin ich felsenfest überzeugt!), sonst verwandelte sich diese Lehmschicht binnen Minuten in einen unangenehmen Matschweg.

Zurück auf Asphalt und rein in einen Wald. Das Laufen wird angenehm. Kein Wind, genug Platz und die Mafia meiner Zipperlein hat das erpresserische Jaulen eingestellt. Zudem friere ich nicht. Wie sollte ich auch in Handschuhen und mit Armlingen. Mein erster Marathon mit Armlingen. Du weißt nicht, was Armlinge sind? Sie bedecken als „Überzieher“ die nackte Haut zwischen Handschuhen und Laufshirt, also die Arme. Nachdem ich mehrmals an sonnigen Frühlings- oder Herbstmorgen barbarisch an den Armen fror, kaufte ich mir irgendwann Armlinge. Seitdem gingen zig Marathons ins Land und nie hatte ich Verwendung für die Dinger. Heute schon. Später dann, wenn es – wie vom Newsletter versprochen – wärmer wird und der Schweiß zu rinnen beginnt, schiebe ich die Armlinge einfach runter …

Raus aus dem Wald, freier Blick über Felder und Wiesen. Ständig überholen mich Läufer, Halbmarathonis vermutlich, während ich konstant mit etwa 5:30 min/km unterwegs bin. Dieses Tempo zielt auf eine Endzeit von etwa 3:53 h, die ich jedoch nicht zwingend anpeile. Unter vier Stunden, alles andere ist egal. Ein paar Minuten Polster für die zweite Runde können allerdings nicht schaden. Ein Weiler, am Ortseingang eine Verpflegungsstation. Ich greife nach Iso. Ganz ohne Kalorien möchte ich die Härteübung heute und morgen dann doch nicht bestreiten. Iso? Ja schon, aber leider diese dämliche Sorte mit leichtem Kohlensäureanteil. Welches von Laufwissen gänzlich unbeleckte Hirn kommt auf die Idee ein Sportgetränk mit Kohlensäure zu versetzen? Ungute Erinnerungen an elende Bauchschmerzen während der 100 Kilometer rund um Ulm („Ulmer Laufnacht“) werden lebendig. Hoffentlich ist mein Unterleib heute besser drauf …

Der Weiler wandert Achtern aus, „Untermöllenbronn“ steht auf der Ortstafel. Kaum zu glauben, wo Marathonläufer überall rumkommen … Es gibt keine markanten Höhenunterschiede in diesem Teil der Oberschwäbischen Landschaft. Leicht wellig präsentieren sich die Fluren, attraktiv anzusehen und kaum fordernd beim Laufen. Rein ins Wäldchen, runter vom Asphalt, steiniger Waldweg. Raus aus dem Wald, rauf auf den Asphalt und alsbald haben meine Füße die unruhigen, maximal 300 Meter vergessen. Über mir Wolken ohne klare Konturen und in wechselnder Höhenschichtung, dann und wann ein blaues Loch und sechseinhalb Sonnenstrahlen zum Mutmachen. Der Himmel notiert ein klares Unentschieden. Bleibt es trocken oder wird es regnen? Wie gut, dass mir brauchbares Wetter versprochen wurde!

Es geht auf einen größeren Ort zu, aus dem ein wahres Bollwerk von Gebäude aufragt, unmittelbar neben der Kirche. Sieht aus wie ein … Kloster (ist auch ein Kloster, dasjenige der Franziskanerinnen von Reute, wovon der entsprechende Internetauftritt kündet). Rein in den Ort und dann folgt eine Schleife, deren wie zufällig mit Trassenband markierten Verlauf ich schon letztes Mal nicht verstand. Erst durch ein paar Straßen, dann über einen Vorplatz irgendeines öffentlichen Gebäudes (Schule?), zuletzt Richtung Kirche, zurück auf die Straße und wieder zum „Städtele“ hinaus. Ich erinnere mich an ein „Stimmungsnest“ in Reute, als ich hier vor drei Jahren (nach langer Verletzungspause) den Halbmarathon absolvierte. Heute fällt die „Stimmung“ aus. Warum eigentlich? So schlecht ist das Wetter nun auch wieder nicht und wir haben frühen Nachmittag (Start war um 12 Uhr). Könnte es sein, dass diesmal der Bierausschank fehlt und auch das Braten von Würsten unterbleibt? Ist ein ketzerischer Gedanke, ich weiß. Doch vom menschlichen Bedürfnis „Brot und Spiele“ steht das Brot nicht umsonst an erster Stelle.

Die Sonne kommt raus. Schon eine ganze Weile drückt sie durch die Wolken und mir den Schweiß auf die Stirn. Ein paar Minuten zögere ich noch, dann ist es so weit: Ich schiebe die Armlinge runter und auf Stulpenformat zusammen. Handschuhe auch ausziehen? Nein noch nicht. Ich erwäge sie zu Beginn des zweiten Umlaufs irgendwo zu deponieren. Was für eine Veränderung: Ein bisschen Sonne und schon erstrahlt die Welt in satten Farben. Blühende Obstbäume und saftig hellgrünes Gras. Darin gelbe Butterblumen, sicher in wildem Disput verstrickt, ob den Blütenkelch zu öffnen der Mühe lohnt.

Die lange Schleife endet in Untermöllenbronn und via Herweg geht’s zurück nach Waldsee, noch 4 Kilometer fehlen zur ersten vollen Runde. Am Abzweig eines Feldweges lagern ein paar Schlachtenbummler und bekunden Beifall mit allem, was sie haben: Stimmlicher Einsatz wird unterstützt von diversen, Lärm erzeugenden Geräten. Nun ewig geradeaus durch kühlen Wald und fast bereue ich meinen Entschluss die Armlinge runterzustreifen. Aber nur fast, denn einen Kilometer weiter necken neuerlich ein paar Sonnenstrahlen. Komisch nur, dass zugleich auch feinste Wassertropfen aus dem Himmel spritzen. Ich blinzele himmelwärts und betrachte die zerrissen dahin segelnden, grauen Wolkenfahnen. Erschrecken können sie mich nicht, aber zur optimistischen Witterungsprognose des Newsletters passen sie auch nicht.

Auf den Feldweg, kurz kiesig, um eine enge Kurve, ab da lehmig. Ich nähere mich einem der vielen Motivationsschilder. Ihr wisst schon, die Dinger mit den bemüht witzigen Sprüchen. Sprüche mit einem Bart von hier bis zur Stadthalle in Waldsee. Kostproben gefällig? „Quäl dich du Sau“, dann „Du siehst noch gut aus“ oder „Läufst du noch oder kriechst du schon“. Sogar ein pseudosportwissenschaftliches Exemplar ist im Angebot: „Ab hier beginnt die Fettverbrennung“. Dafür, dass meine Augen die Sprüche nur beiläufig streifen, habe ich sie mir erstaunlich gut eingeprägt. Ist vielleicht doch was dran, an der Mär von Werbung, die in Filmpausen läuft, die sich keiner bewusst anguckt, die aber doch Kaufentscheidungen beeinflusst? Jedenfalls fällt mein Blick ohne Erwartung einer historischen Wahrheit auch auf dieses Schild und dann „haut es mich fast vom Hocker“. Ich lese: „Denk an den Morgen danach“. Ein Ausrufezeichen fehlt, das setze ich in Gedanken hinzu. Ein Lächeln wollte der Schildermaler dem müden Passanten aufs Gesicht zaubern, eine Mahnung hatte er sicher nicht im Sinn. Woher sollte er auch wissen, dass ich morgen einen weiteren Marathon plane? Das Schild bleibt zurück und zwei Ideen wirbeln durch meinen Kopf. Erstens darf ich nachher nicht vergessen die Tafel abzulichten und zweitens – höchst erfreulich – habe ich soeben die Überschrift für meinen Laufbericht gefunden …

Parklandschaft: Über ein Brücklein rein, mehrmals auf und ab, links, dann wieder rechts und auf „Gegenverkehr“ achten. Zunehmend begegnen mir jetzt Marathonis, die ihre zweite Runde längst angetreten haben. Deutlich mehr als der Gegenverkehr irritiert mich etwas anderes: Es tröpfelt aus einem sich zunehmend verdüsternden Himmel. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und ein paar Tropfen stören auch nicht. Ich erreiche die Fußgängerzone in Bad Waldsee und trabe über nicht übermäßig unebenes Pflaster Richtung Ziel. Ein prächtig umrahmtes Ziel übrigens. Wobei sich „prächtig“ nicht auf den Zielbogen bezieht, sondern das wunderschöne, alte Rathaus und einige herrlich restaurierte Bürgerhäuser meint. Und durch. Hinterrücks verfolgen mich Startnummer, Name und Herkunft, vom Moderator den Zuschauern nicht vorenthalten.

Seerunde die zweite. Entweder halluziniere ich oder es regnet jetzt wirklich. Ein Blick auf die von Wind und prasselnden Regenschauern gerkräuselte Oberfläche des Sees straft den Newsletter Lügen. Was stand da noch gleich: „Trocken und kein Wind“. Zunächst hält noch eine lange Allee ihre jungfräulichen Blätterschirme über mich, danach, auf dem letzten Viertel der Seerunde, erwischt mich der Schauer voll. Im Nu bin ich klatschnass, klebt mein Shirt an Brust und Rücken. ‚Toll. Supertoll … Ach komm. Mecker nicht rum, das ist doch nur ein einzelner, kurzer Schauer! Kaum der Rede wert …’

Keine zehn Minuten später lugt wieder die Sonne durch die Wolken und ich verlasse zum zweiten Mal die Waldseer Wohngebiete Richtung grünes Umland. Rasch trocknen die Arme und ersparen mir so das Hochziehen der Armlinge. Gottlob, denn ich habe keine Lust laufend an den engen, feuchten Dingern rumzunesteln. Ich tänzele übers lehmige Geläuf, das jetzt schon mit gehörigem Glitschfaktor aufwartet. Der grasige Mittelstreifen bringt mich dennoch überwiegend rutschfrei vorwärts.

Seit die Halbmarathonis fehlen ist es ruhiger geworden, allerdings nicht so einsam wie befürchtet. Wer das Gefühl von Verlassensein erleben will, dem empfehle ich einen nächtlichen 100 km-Lauf. Wenn dann noch schlechtes Wetter oder ein Formtief die Sache versüßen, kommst du dir völlig verloren vor – verloren in Raum und Zeit. Beim Waldseer Lauffieber bringen auch die in recht kurzen Abständen aufgebauten Verpflegungsstände Leben in die Sache. Während andere Vereine Mühe haben genügend Helfer auf die Beine zu bringen, strecken sich mir hier jeweils zig Arme mit Getränken entgegen – viele kurze von Kindern und genügend mit längerer Reichweite. Überdies sparen die Helfer nicht mit anfeuernden Worten.

Tapp, tapp, tapp auf langer Gerade, durch kalten, jetzt regennassen Wald. Im fortwährend tobenden Gemetzel zwischen Wolken und Sonne gewinnt Dunkelgrau gerade wieder die Oberhand. Als ich den Wald verlasse und auf die „Metropole“ Untermöllenbronn zuhalte, erfasst mein Blick eine düstere Zusammenballung von nassem Unheil. Kindlich naiv beruhige ich mich mit der Formel ‚Das zieht bestimmt in eine andere Richtung!’. Untermöllenbronn rein … kurze Zeit später wieder raus … die ersten Tropfen klatschen auf den Asphalt. ‚Streift uns sicher nur, wird bestimmt nicht heftig regnen!’ Auf das nächste Waldstück zu, die Tropfen fallen dichter. Der Streckenposten am Waldrand macht gerade alle Schotten dicht. Die wurden von den beiden Damen hundert Meter weiter bereits fest verriegelt. 90°-Abzweig nach links, noch etliche Meter behütet von grünen Regimentern beidseits des Weges, schließlich wieder raus ins Freie und gepackt vom … Wind! Mal schräg von der Seite, dann auch wieder von vorn. Ich kann „ihn“ förmlich da oben sitzen sehen und grübeln: „Wie besorg’ ich’s denen jetzt am gründlichsten? Ah, ich weiß! Mit Graupel, das kommt immer gut!“ – Ein Graupelschauer piekt in Arme und Beine, moderat zunächst, dann heftiger, wie mit tausend Nadeln. ‚Graupel ist gut, davon wird man nicht nass!’ trabe ich weiterhin positiv denkend einher … während die Welt ringsum in Düsternis versinkt. Auf Graupel folgt Regen, auf Regen der Wolkenbruch. Es schüttet wie aus Kannen (Newsletter: Trocken und kein Wind!). 50 Meter vor mir platscht einer durch rasch zusammen laufende Pfützen, den Oberkörper gebeugt und zur Seite geneigt, wie unter tonnenschwerer Last. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Blödsinn! Dass „der da“ wie ein begossener Pudel vor mir her schlappt, macht es mir um keinen Deut leichter. Und trockener werde ich davon auch nicht. Ganz im Gegenteil: Das Wasser steht jetzt in den Schuhen und „der da oben“ zieht weiter alle feuchten Register. Ich bin gut zu hören, trotz rauschender Vorhänge: „Platsch, Quatsch, Platsch, Quatsch … quaken meine Schuhe in einem fort!“

Auf Reute und zwei Streckenposten zu. Von dichtem Regenzeug trocken gehalten plaudern sie angeregt und gucken nicht mal mitleidend. Unerhört. Aufs Kloster zu, davor rechts. Endlich lässt der Regen nach. Jetzt schnell die mysteriöse Runde in Reute abarbeiten … platsch, quatsch, platsch, quatsch … und dann zurück. „Hallo! … Halloooo!“ schreit ein Streckenposten. Frau mit Kinderwagen vor mir. Offensichtlich will sie der Offizielle in eine andere Richtung dirigieren. Verwirrt und unentschlossen guckt sie mich an. „Hallooooo! … Hiier lang!“ Ich schaue dem Posten kurz ins Gesicht und begreife sofort: Der meint ja mich! Im letzten Moment passiere ich den Kinderwagen rechts und schlage den richtigen Weg entlang der Absperrung ein …

Reute liegt hinter und viel Licht vor mir. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade, die am wenigsten nasse windet sich allerdings in Schlangenlinien um zahlreiche Pfützen. Gelegentlich hilft nur ein beherzter Sprung, wenn Brühe als breiter Bach über die Straße rinnt. Ob mich das Sauwetter Zeit gekostet hat, weiß ich nicht. Einerlei. Ich will nur noch ins Ziel und unter die Dusche. Mir ist kalt. Die Armlinge habe ich mehr schlecht als recht irgendwann wieder hochgezogen. Die klatschnassen Handschuhe verwende ich zweckentfremdet, um mir die Fluten aus Gesicht und Stirn zu wischen. Spaß macht die Lauferei nun keinen mehr, dennoch passt sich meine Stimmung der launischen Witterung nicht an. Noch vier Kilometer. Ich bringe das mit Anstand zu Ende!

Per Handzeichen bedanke ich mich für den Ansporn in Höhe des abzweigenden Feldweges (auch eine Leistung in dem Mistwetter auszuharren): „Super! Weiter so! Bald geschafft! Und bis zum nächsten Jahr!“ Noch drei Kilometer. Ich blicke mich um und bin sicher bis zum Finish von weiteren Debakeln der nassen Art verschont zu bleiben. Ein letztes Mal über die lange Gerade im Wald und über den Feldweg. Kiesig, grasig, griffig zunächst. Dann um’s Eck und kurz verharren für ein Foto: „Denk an den Morgen danach“! Und weiter. Pfützen umkurven, möglichst auch der sohlentiefen, halb verflüssigten Lehmschicht ausweichen; wo nicht möglich mit breit gestelztem Schritt hindurch. Wasser platscht, Dreck spritzt, dann bin ich auf der Straße und im Wohngebiet.

„Pleng, pleng, pleng …“ unermüdliches Topfschlagen zu meiner Linken. Die meisten Zuschauer haben sich verzogen, wer will es ihnen verdenken. Noch zwei Kilometer und ich mache eine Bestandsaufnahme. Meine Beine tun weh und ich bin müde. Zu weh und zu müde für einen zweiten Marathon morgen? Ich vergleiche meine Verfassung mit der vor zwei Wochen beim Finish des Oberelbe Marathons, als ich mich quasi mit letzter Kraft durch Dresden schleppte. Nein, so erschöpft bin ich heute nicht! Ich werde das morgen packen! Alleine schon, weil ich es packen „muss“!

Im Park: Keine Spaziergänger mehr, die kalte Himmelsdusche hat alle vertrieben. Kurz vor der Fußgängerzone blicke ich noch einmal zurück. Keiner hinter mir. Wer will schon auf den letzten Metern noch überholt werden? Der Blick auf die Uhr setzt endlich in Gang worauf ich schon warte: Zufriedenheit und ein bisschen Glück. Die Freude bleibt allerdings verhalten, denn ich denke schon jetzt „an den Morgen danach“!

Ergebnis: Laufzeit 3:52:19 h. In meiner Alterklasse M60 belege ich den 3. Platz. Kurioserweise rannten die beiden Zeitschnellsten meiner Alterklasse kurz vor mir durchs Ziel, in 3:51:22 h und 3:50:37 h, ohne dass sich ein anderer zwischen uns platziert hätte. Gut, dass ich davon nichts wusste, sonst hätte ich den „Morgen danach“ ganz sicher für einige Zeit hintangestellt …


Fazit zum Bad Waldseer Lauffieber

Wie zweimal zuvor überzeugt die Organisation mit verzögerungs- und reibungsfreier Abwicklung aller Läufe. Als Läufer fühlt man sich gut betreut und sicher. Verpflegung während und nach dem Lauf ist reichlich vorhanden. Einziger Wermutstropfen: Iso mit Kohlensäure. Sicher von einem Sponsor geliefert, so dass dagegen anzuschreiben vergebliche Liebensmüh’ sein dürfte.

Die Strecke weist keine spektakulären Höhepunkte auf, kommt dafür aber ganz ohne triste Abschnitte aus. Wegen der kurzen Seerunde und der ländlichen Reize westlich von Bad Waldsee nimmt man auch die Doppelrunde ohne Murren in Kauf.

Als besondere Attraktion gehören Kinderläufe für alle (bereits sicher laufenden) Altersgruppen zum Programm.

 

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