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Meine Beine geben die Antwort                
                                       –    Dreiburgenland Marathon 2013

Wie entartet, feige und von Hass zerfressen muss jemand sein, der ein friedliches Sportfest mit Nagelbomben sprengt, mehrere Menschen tötet und viele verstümmelt? Wie soll ich als Läufer darauf reagieren? Laufen wo ich will, wann ich will und so lange ich will – Laufen ist Freiheit. Die Bomben von Boston bedrohen jedermanns Recht auf ein Leben in Freiheit. Dieser Akt des Terrors lässt nur eine Antwort zu und die geben meine Beine: Freiheit bewahren, Freiheit leben, Marathon laufen!

Fünf Tage nach dem menschenverachtenden Anschlag laufe ich einen Marathon in Deutschland, im Bayerischen Wald, in Thurmansbang, kaum 30 Kilometer von Passau entfernt. Als sichtbares Zeichen meiner Betroffenheit und Trauer hefte ich mir eine schwarze Schleife ans Laufshirt. Das mag ein wenig hilflos, vielleicht sogar aufgesetzt wirken. Einerlei. Ich muss es tun, mehr noch für mich als für die Opfer …

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Das Jahr 2013 stellt meine läuferische Geduld auf eine harte Probe. Zu viele Widerstände stellen sich mir in den Weg. Anfangs hatte ich das Gefühl auf ungewöhnlich niedrigem Niveau mit meinem Kampf um Ausdauer zu beginnen, fühlte mich ständig müde, fast überfordert. Dazu dieser elend lange Winter, der mich lähmt und auslaugt. Zu schlechter Letzt auch noch zwei Erkältungen, eine heftige vor mehreren Wochen und eine leichte, die ich mir in der Vorwoche einfing. Noch vorgestern reichte eine Stunde Lauftraining, um mich zu erschöpfen. Und dann diese „Sache“ mit dem linken Knie. Vollkommen mysteriös. Ich hatte noch nie Knieprobleme und dann, nach einem Ruhetag, traten plötzlich Beschwerden beim Einlaufen auf, die sich zwar besserten, aber nicht verschwanden.

Alles in allem eine ziemlich „doofe“ Ausgangssituation für einen Marathon mit knapp 900 Höhenmetern. Natürlich keimen Bedenken. Aber auch nicht mehr. Bisher 102 Marathons und Ultras lehrten mich, dass sich ungute Vorzeichen nicht bewahrheiten müssen. Wenn ich es richtig einschätze, dann ist zumindest die Kraft heute wieder da. Wie auch immer: In ein paar Minuten geben meine Beine Antworten auf alle Fragen …

Vor sechs Jahren war ich schon einmal in Thurmansbang beim Dreiburgenland Marathon. Damals rannte ich über sattgrüne Hügel und zwischen blühenden Bäumen. Der Frühling feierte sich selbst unter azurblauem Himmel im Bayerischen Wald. Davon merkt man heute nichts. Ein grauer Himmel, aus dem dann und wann ein paar Tropfen fallen, hängt über den Höhen. 6°C und etwas Wind lassen kaum Raum für Bekleidungsfragen. Eigentlich stellt sich mir nur eine: Jacke oder zwei Lagen Langarm-Shirts? Die Wetterprognose für die Gegend lässt zumindest auf Wetterbesserung hoffen und das gibt den Ausschlag.

In sechs Jahren hat sich hier nichts verändert. Einerseits gut so, denn organisatorisch klappt wieder alles wie am Schnürchen. Leider hat sich aber auch die Teilnehmerzahl kaum verändert. Fünf Minuten vor dem Start verliert sich ein kleines (sicher feines) Häufchen von Läufern hinter dem riesigen Startportal. Ich lasse meine Blicke schweifen, weil ich drei bekannte Gesichter suche. Zum einen Kraxi, den Steiermärker Ultra, der den doppelten Halbmarathon im Dreiburgenland für sein Rennsteig-Training nutzen wollte. Kraxi fehlt am Start. Es scheint schlechterdings ausgeschlossen ihn in der doch recht übersichtlichen Schar von etwa 150 Startern zu übersehen. Zumal einer wie er an der Startlinie stünde. Doch da stehe ich auch. Wo ist Kraxi? – „Hallo Udo!“ Sonja und Michael, das unzertrennliche Laufpaar aus meinem Verein, hatte ich ebenfalls erwartet. Wir tauschen uns kurz aus, dann wünsche ich den beiden einen erfolgreichen Lauf. Klappt alles, wie wir drei uns das erhoffen, dann werden sie bis zu einer Viertelstunde vor mir im Ziel sein.

Noch einmal spähe ich in alle Richtungen, suche Kraxi. Wenn er nicht kommen konnte, warum hat er dann nicht per E-Mail Bescheid gegeben? Es wird doch nix … ? – Mit dem Startschuss bleibt kein Platz mehr für besorgtes Grübeln, denn ausgerechnet auf dem ersten Kilometer erwartet uns die längste Steigung. Etwa hundert Höhenmeter, zunächst sanft aufwärts im Dorf, alsbald steil auf einen asphaltierten Waldweg. Stille kehrt ein. Die Bäume dämpfen Fahrgeräusche von der nahen Straße und die Läufer brauchen ihre Lunge für tiefe Atemzüge. So zeitig wird man in einem Marathon selten mit dem eigenen Innenleben konfrontiert. Bin noch nicht mal eingelaufen aber diese Steilstelle im Wald bringt es ans Licht: Die Kraft ist wieder da! Was für ein Gefühl: Nach Tagen der Hinfälligkeit durchströmt mich endlich Zuversicht! Der Himmel überm Bayerischen Wald ist mindestens so grau wie jener vor zwei Wochen in Zürich, aber meine Stimmung steigt mit jedem kraftvollen Schritt.

Wie gewonnen, so zerronnen: Kaum den Scheitel erreicht, sausen wir wieder steil hinab, zunächst weiter auf Asphalt, durch düsteren, regenfeuchten Wald. Laufen lassen! Nur abwärts kann ich punkten, an Steigungen werde ich Federn lassen, je länger der Wettkampf dauert. In diesem Jahr verzeichnet mein Trainingsbuch kaum Höhenmeter, die mich auf diesen Marathon hätten vorbereiten können. Was ist mit dem Knie? Während der ersten anderthalb Kilometer – also aufwärts – so gut wie keine „Fehlermeldung“ von unten. Und nun, abwärts, da das Gelenk deutlich mehr Gewicht bei jedem Schritt abfangen muss? Wundersamerweise dauert die „Funkstille“ an!? Mit derlei „Spontanheilungen“ kann mein Körper mich nicht mehr überraschen. Zu oft habe ich erlebt, dass vermeintlich Besorgniserregendes urplötzlich verschwand oder sich in Richtung Wahrnehmungsgrenze verkrümelte.

Immer weiter runter. Steigungen bleiben die Ausnahme bis Kilometer 5, bilden jeweils nur sekundenlange Intermezzi. Ich empfinde sie nicht als kräfteverschleißend, eher als „wohltuend“ fordernd. Mein Tempo behalte ich im Auge, überprüfe an jeder Kilometertafel die Pace. ‚Wahrscheinlich zu schnell’ spricht die Erfahrung! Ich sollte langsamer laufen, lasse mich dennoch gewähren. Wissenden Auges ins Verderben? Kann man mir so auslegen, aber ich WILL es jetzt exakt auf diese Weise! Im Wald hinter Thurmansbang renne ich mir alle Mühsal der beiden Vorwochen von der Läuferseele: Halsschmerzen, verschleimte Atemwege … weg damit … erzwungene Trainingspausen, kraft- und saftloses Gestolpere auf heimischen Wegen … raus mit den unguten Erinnerungen … Wetter und Trainingsstunden zum Abgewöhnen … raus, alles raus. Es ist kein Rausch, was ich fühle, eher eine lange überfällige Befreiung.

Ich schieße viele Fotos auf diesem ersten Streckenabschnitt, denn noch habe ich Mitläufer vor der Linse. Später, vor allem auf der zweiten Runde, wird das eine recht einsame Sache werden. Einen langbeinigen Hintermann „missbrauche“ ich mehrmals als Model, worauf sich ein spaßiger Disput mit ihm und ein paar anderen entspinnt, die sich von meiner Kamera „vernachlässigt“ fühlen. Ich spüre, dass sich das Lächeln eine Weile hält in meinem Gesicht, bis Anstrengung es nach und nach verdrängt. Lächeln? Schmunzeln? Vor Zweiwochenfrist in Zürich noch undenkbar. Zurück in mentaler „Normalform“ merke ich erst, wie abgrundtief schlecht meine Laune in Zürich war. Das lag im Wesentlichen an mir, aber auch an Zürich und den Umständen.

Ich erlebe den Lauf wie einen spannenden, schon einmal gesehenen Film. Obwohl mit allen Schauplätzen und Szenen vertraut, hält mich das Geschehen in seinem Bann. Vom sicheren, breiten Waldweg in einen Steilabsturz – heute rutschig und nicht ganz ungefährlich –, alsbald hinaus auf eine lang gezogene Lichtung. Dort am Waldrand später an Hecken entlang in eine schon wunderbar grüne Wiesenmulde. Hier biegen wir in spitzem Winkel ab, streben, einer Baumreihe folgend, wieder dem nahen Waldrand zu, an dem einer der schönsten Streckenteile endet. Zurück im Wald erwartet mich ein Hohlweg samt fieser, gottlob nicht allzu langer Steigung. Hier im dichten Tann, wo Wind und Sonne das Abtrocknen kaum unterstützen, gibt sich der Weg abwechselnd klebrig und rutschig, saugt sich mal an deinen Sohlen fest, um dir nach unbedachtem Schritt arglistig den Halt zu entziehen. Meine Mitstreiter legen den Abschnitt gehend zurück, was ich für mich – wie immer – nicht akzeptieren kann. Mit einiger Mühe, aber immer noch frisch, steppe, schmatze, glitsche ich nach oben. Geschafft!

Hinter dem Weiler Altfaltern, in dem geschätzte 30 bis 50 Seelen wohnen und von denen sich nicht eine zeigt, stoße ich auf einen Friedhof der besonderen Art. Den gab es vor sechs Jahren noch nicht, jedenfalls fehlt er vollständig in meinem biologischen Bilderspeicher. Blendet Erinnerung, die Schönheit im Ganzen bewahren möchte, Hässliches und Abstoßendes aus? Wer erwartet inmitten lieblicher, in diesem Teil des Bayerischen Waldes nicht allzu hoher Hügel und Berge eine Ansammlung von Autowracks? Gehört Zivilisationsmüll nicht eigentlich in den Bannkreis der Städte, also dorthin, wo wuchernder Beton sein ungutes Werk bereits irreparabel verrichtete? Wie kann man (Wer?) in dieser Landschaft eine Autoverwertung genehmigen und einige Hektar Schönheit mit verbeultem Blech zustellen? Arbeitsplätze, Lohn und Brot für eine Handvoll Menschen. War das der Beweggrund oder hat da nur jemand einen Weg gefunden seine finanziellen Interessen durchzusetzen?

Ich lasse die Ansammlung von Blech hinter mir und häufe nun Kilometer entlang einer spärlich befahrenen Verbindungsstraße an. Ausdrücklich werden wir Läufer angewiesen auf der linken Straßenseite zu bleiben und für den Gegenverkehr sind vor jeder Kurve Hinweisschilder aufgepflanzt: „Vorsicht Läufer!“ Nach menschlichem Ermessen kann auf diese Weise nichts geschehen und tatsächlich zuckeln die meisten Autos in Schleichfahrt vorbei. Bis auf einen Deppen. Stark motorisiert und mit Anhänger zischt er dicht an mir vorüber. Anhänger mit Beladung. Ungesichert, wie ich in einem Augenblick leisen Erschreckens feststelle. Das hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht einmal registriert. Nicht bis zu jenem Trainingslauf über einen asphaltierten Feldweg, auf dem mir ein Pkw mit Anhänger entgegen kam. Genau in meiner Höhe fegte der böige Seitenwind eine schwere, ungesicherte Plastikwanne von der Ladefläche. Nur durch einen Reflex und nur weil zufällig in diesem Moment das Körpergewicht auf dem linken Bein lastete, konnte ich den rechten Fuß hochreißen und dem Geschoss entgehen. Eine Viertelsekunde eher oder eine um ein paar Prozent heftigere Bö und die Wanne hätte mich umgesäbelt. Eine halbe Sekunde früher und Roxi, meine Begleiterin auf vier Pfoten, … nicht auszudenken.

Rauf, runter, rauf, runter … noch immer munter. Die Anstiege summieren sich und kosten Kraft. Dennoch begrüße ich den steten Lastwechsel, weil die Kilometer wie im Fluge vergehen. Aufwärts halte ich mich zurück, abwärts und mit weiten Sätzen sammele ich Sekunden ein. Insgesamt bin ich nach wie vor in zu hohem Tempo unterwegs. Ich liege im inneren Widerstreit, einerseits ahnend, dass ich zu schnell laufe, andererseits mit dem Wissen die eingesparten Minuten im Schlussteil des Rundkurses, dann ausschließlich bergauf, wieder zu verlieren.

Von jeder eroberten Höhe genießt man auf diesem Straßenabschnitt den freien, malerischen Blick auf die Englburg. Das auf einer Hügelkuppe thronende Schloss verleiht Gegend und Marathon zu einem Drittel den Namen. Die beiden anderen „Burgen“, Schloss Fürstenstein und die Saldenburg, kann ich von der Strecke aus nicht erspähen. – Ortschaft Kollnberg, ein Verpflegungspunkt. Einstweilen trinke ich nur Wasser. So lange sich keine Erschöpfung abzeichnet, will ich in diesem Trainingslauf auf Kohlenhydrate verzichten. Nach jedem Verpflegungspunkt baut sich ein unangenehmes Magendrücken auf, anscheinend kann mein Bauch die kalte Brühe heute nicht leiden. Reaktion und Abhilfe: Inneres Schulterzucken. Trinken ist unausweichlich notwendig, also muss ich die „Strafaktion“ meines Verdauungstrakts klaglos ertragen …

Idyllische Ansichten: Ein Taleinschnitt umrahmt von Wäldern, Ponys auf einer Koppel, im Talgrund gurgelt ein Bach, am schlüpfrigen Ufer eine rotweiße Katze auf Beutezug. Und wieder aufwärts, kurz fordernd steil, S-Kurve, ein paar einsam gelegene Häuser passierend und wieder hinab, vorbei an einer gepflegten Kapelle.

Sozusagen von hinten, über einen Seitenweg nähere ich mich einer der touristischen Attraktionen der Gegend, dem „Museumsdorf Bayerischer Wald“. Ich tippele aufwärts (Tippeln wegen kurzer heftiger Rampe), vorbei an einem uralten, offensichtlich hierher versetzten Bauernhof, außerhalb des eigentlichen Museumsgeländes. Wenig später passiere ich den Haupteingang, an dem weitere alte Gehöfte die Neugier der Besucher wecken.

Der folgende, vielleicht schönste Streckenteil, entlang des malerischen Dreiburgensees wird mir ein bisschen vergällt. Seit wir den Wald vor etwa 5, 6 Kilometern verließen, stört der Feind des Läufers: Gegenwind. Am südlichen Seeufer bläst er mit einiger Stärke und so bin ich froh nach ein paar hundert Metern und Richtungswechsel in den Schutz der Uferbewaldung flüchten zu können. Am Nordende verlandet das Wasser zusehends und geht in eine attraktive Sumpflandschaft über. „Schwan im Sumpf“ – ein herrliches Vorfrühlingsbild, das ich stehend mit der Kamera einfange. Zum wiederholten Mal, hier aber ganz besonders, durchzieht mich das Gefühl, als stünde die Natur kurz vor einer grünen und blühenden Explosion. Noch ein paar warme Frühlingstage und dann …

Auf einem Feldweg parallel zur Straße strebe ich in Richtung Thurmansbang, noch vier Kilometer. Links donnern Autos vorbei, während ich mich auf schmierigem Geläuf mal in sanfter, mal weniger sanfter Steigung aufwärts kämpfe. Das laute Intermezzo entlang der Straße währt zum Glück nur ein paar Minuten, dann werden wir in ein weiteres der schönen Täler dieser Gegend entlassen und dieses – das letzte des Rundkurses – leitet uns ohne Umwege Richtung Thurmansbang. In leichter Steigung zwar, jedoch nur selten wirklich fordernd.

Den letzten Kilometer arbeite ich in den Straßen des Ortes ab. Aufwärts, abwärts, zick und zack und … Ist das nicht Sonja? Verdammte Sehschwäche. Ist sie’s oder ist sie’s nicht? Und wieso kommt sie aus Richtung Schule, wo sich Umkleideräume und Duschen befinden? Vielleicht ein unabwendbarer Toilettenbesuch? Vorsichtshalber winke ich ihr (oder wem auch immer) zu, um den Streckenverlauf zu signalisieren. Man weiß ja nie. Aber eigentlich kann sie es nicht gewesen sein, sonst wäre Michael an ihrer Seite. Oder nicht?

Halbmarathonziel und durch, Zwischenzeit 1:53 h. In meine Freude über die schnelle erste Runde mischen sich sofort Bedenken. 2 x 1:53 h = 3:46 h ?? … eine Gesamtzeit die heute eigentlich jenseits meiner Möglichkeiten liegt. Und deshalb verpflichte ich mich ab jetzt jeden Anstieg hyperlangsam anzugehen, Korn um Korn sorgsam zu sparen.

Runde zwei: Der Schwur wäre nicht nötig gewesen. Bereits der lange, bisweilen steile Anstieg in und hinter Thurmansbang zeigt mir meine Grenzen auf. Zum ersten Mal empfinde ich so etwas wie Ermüdung. Und abwärts, im angrenzenden, steilen Gefällestück, fährt mir jede Erschütterung tief durch Mark und Bein – im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird hart werden, das steht jetzt schon fest. Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich geht es nicht ums Ankommen. Nicht anzukommen war 102 Mal zuvor keine Option und wird auch heute keine sein.

Wie erwartet, durchstreife ich den Wald jetzt alleine. „Soziale Kontakte“ ergeben sich ausschließlich an Verpflegungspunkten. Läufer sehe ich nur noch selten und wenn, dann weit vor oder hinter mir. Jeder kurze Anstieg enthüllt jetzt die „Begrenztheit meines läuferischen Seins“. Es ist als hätte jemand zu Beginn von Runde zwei den Stecker gezogen, als rollte das Vehikel nun schon auf Reserve. Im klebrig rutschigen Hohlweg klebe und rutsche ich nun schon unkontrollierter als vorhin. Mein Puls steigt sprunghaft an. Steppend und mit ultrakurzem Schritt bezwinge ich das Hindernis letztlich aber doch.

Altfaltern, dann der Schrottplatz – als Läufer kann ich den Schandfleck ausblenden und meinen Blick ans Asphaltband heften. Wieder auf die Straße und augenblicklich Wind von vorn. Der hat merklich an Stärke gewonnen und bremst abschnittsweise gewaltig. Was ich spüre macht mir weniger Sorgen als das, was ich befürchte: Der Gegenwind wird mich zusätzlich ermüden und die Not auf den letzten Kilometern verschärfen.

Den knochenharten Asphalt unter meinen Füßen bedenke ich mit kameradschaftlichen Blicken. Seine glatte, manchmal raue, selten rissige Unnachgiebigkeit hilft mir Kraft zu sparen. Keinen Blick gönne ich hingegen der unaufhaltsam tickenden Uhr, will mich nicht von (zu?) langsam gelaufenen Kilometern unter Druck setzen lassen. Das Vierstundenlimit werde ich auch so nicht überschreiten, dessen bin ich einigermaßen gewiss. Wieder mal rauf, also ganz laaaaangsam. Das hätte ich vor zwei Stunden mit einer Portion Willen durchsetzen können, jetzt gehorche ich einfach den müden Beinen. Inzwischen wirkt die Umgebung weit weniger idyllisch. Die Burg auf dem Hügel, die ersten gelben Blümchen am Bach, die friedlich grasenden Ponys – alles verliert an Bedeutung.

Sch … wind! Schimpfen tut immer gut. Mir zumindest. Andere mag es deprimieren, bei mir setzt es Kräfte frei. Sag’s auch nicht laut, s’ist nur ein impulsiver Gedanke. Am See wirbelt mich eine Bö ziemlich durcheinander. Egal, nur noch sechs Kilometer. Bei der letzten Verpflegungsstation habe ich erstmals zu Cola gegriffen. Objektiv betrachtet werden die paar Gramm Zucker meinen Kräfteverfall nicht aufhalten. Um das zu erreichen, hätte ich von Beginn an kalorienhaltig trinken müssen. Aber das Gefühl „etwas“ tun zu können hilft. Die Sonne drückt durch die inzwischen dünne Wolkenschicht. Ab und an werfe ich einen schwachen Schatten. Es ist deutlich wärmer geworden und mein Wasserverlust ist enorm. Mehr trinken: Einen Becher Cola, hinterher noch ein paar Schlucke Wasser; auch um die Zuckerkonzentration im Magen zu senken, damit die Flüssigkeit schneller aufgenommen wird.

Noch einmal um den See, noch einmal parallel zur Straße. Ich fühle mich schwach und jeder Schritt tut jetzt weh. Wie schon beim ersten Umlauf, wechsle ich mittendrin an den Fahrbahnrand, um einem besonders schmierigen Stück Feldweg auszuweichen. Verschaffe ich mir dadurch einen Vorteil? Höchstens beim späteren Schuhputz, jedoch keinen zeitlichen, denn der Schlenker kostet zusätzliche Meter. Kaum zurück auf dem Feldweg, legt sich von hinten eine Hand auf meine Schulter: „Der feine Herr will sich wohl nicht die Füße dreckig machen!“ scherzt Michael. Ich wähnte ihn mindestens 10 Minuten vor mir und nun holt er mich ein!?? Die Erklärung ist ebenso einfach wie unschön: Am Verpflegungspunkt in Thurmansbang verlor er Sonja und suchte bald eine Viertelstunde alle Straßen nach ihr ab. Also war es tatsächlich Sonja, der ich in Höhe der Schule zuwinkte …

Michael begleitet mich auf den letzten Kilometern. Er besitzt genügend Erfahrung, fragt darum, ob es mir recht ist. „Ja klar“ antworte ich und verzichte auf weitere Erklärungen. Begleitung ist in Ordnung, hätte ich noch hinzufügen können, so lang ich die Klappe halten darf. Mundfaul bin ich immer, doch wenn es hart wird, so wie jetzt, dann ganz besonders. Er weiß, dass ich nahe am Limit laufe und passt sich an, schenkt mir ein Paar Hacken, an die ich mich heften kann. Diesen oder jenen überholen wir sogar noch, auch wenn ich immer schwächer werde. Allerdings rührt dieses Gefühl von der Tatsache, dass mich das nahe Ziel noch einmal beschleunigt. Auch kann es so übel nicht um mich stehen, so lange mir noch solche Ideen kommen: Ich übergebe Michael meine Kamera und bitte ihn im Ziel ein Foto von mir zu machen. Nun stoppt er alle paar Meter und nimmt mich ins Visier. In die Zielstraße und dann ein letzter, höchst überflüssiger aber mit Freuden vollzogener Akt: Auf den letzten Metern gebe ich Fersengeld und überhole noch einen Mitläufer.

3:53:14 h. Erste Runde in 1:53 h, zweite in ziemlich genau zwei Stunden. Ich bin zufrieden und bedanke mich bei Michael fürs Abschleppen auf den letzten Kilometern. Sonja treffen wir im Ziel, sie büßte durch Verlaufen sieben Minuten ein. Dennoch belegt sie im Gesamtklassement den zweiten Platz, belohnt mit einem fetten Pokal. Udo kriegt auch einen, einen kleinen, für den Sieg in der Altersklasse M60 (was aber nicht so schwierig war, bei nur vier platzierten Läufern). Und weil der Veranstalter bei den Teams Frauen und Männer „in einen Topf schmeißt“, erringt die TG Viktoria Augsburg mit Sonja, Michael und mir auch noch den zweiten Platz in der Mannschaftswertung.

Geheimnisumwittert bleibt der Auftritt von Kraxi: Mit 2:59:06 h belegte er den zweiten Platz, konnte allerdings nicht mehr bis zur Siegerehrung warten. Also ist Kraxi gelaufen, doch wo war er am Start?

 

Diesen Marathon widme ich den Opfern des Terroranschlages von Boston

„War nicht eben in diesem Augenblick, im ruhigen Heraufdämmern des Tages, die Erde benommen von Verbrechen und Elend? War ein einziges Element der menschlichen Natur durch den unaufhörlichen Gang der Geschichte geändert, wesentlich, grundlegend geändert worden?“

Aus „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller

 

Fazit zum Dreiburgenland Marathon

Dazu wiederhole ich einfach mein Urteil von 2007, denn es hat sich nichts entscheidend verändert: Sieht man davon ab, dass viel zu wenige Läufer dieses fantastische Angebot nutzten, dann lassen sich nur Lobeshymen auf Organisation, Strecke, Natur und den Erlebniswert des Dreiburgenland Marathon singen. Die Sportkameraden in Thurmansbang verdienen ohne Zweifel ein deutlich größeres Teilnehmerfeld.

 

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