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Wird der Hunderste der Erste sein? – Santa Barbara Marathon 2012

Prolog

Meile 18 auf dem Marathonkurs in Santa Barbara, Kalifornien: Ein bisschen packt mich jetzt die Panik. Ines klagt über Seitenstechen, ein paar Kilometer schon. Natürlich hat sie zunächst geschwiegen, versucht „es sich aus dem Leib zu laufen“. Seit ich es weiß, zermartere ich mir das Hirn darüber, was contra Seitenstechen empfohlen wird. Kenne es allerdings nur vom Hörensagen, hatte selbst nie Probleme damit. „Drück’ mit der Hand auf die schmerzende Stelle!“ Macht sie, fest, bis der Arm erlahmt, mehrmals … hilft aber immer nur für Sekunden. „Versuch’ tief in den Bauch zu atmen!“ Versucht sie gleichfalls, minutenlang; bringt auch nichts. Mehr fällt mir nicht ein. Mist. Mein Kopf ist voll mit Laufwissen und ausgerechnet über Seitenstechen weiß ich herzlich wenig. Ratlos laufe ich neben ihr her und bange ... Wird sie aufgeben müssen?

Von der Eingebung zum Plan ...

Dergleichen drängt immer als plötzlicher Impuls nach außen, von irgendwo tief drinnen, geschaltet von jenen Synapsen, wo meine irrationalen, auf Herausforderungen der selbstquälerischen Art versessenen Emotionen logieren. Die Idee ist mehr als zwei Jahre alt, entstand 2010, als mir nach elenden anderthalb Jahren Verletzungspause mit fünf Marathons in Serie ein erfolgreicher Neustart gelang. Zum Hundersten fehlten damals noch 34 Marathons. Eine einfache Rechnung: Wenn ich im kommenden Jahr 17 Marathons laufe, dann werde ich zum Jahresausklang 2012 nach weiteren 17 meinen Hundersten feiern. Und das könnte, sollte, müsste dann New York sein, was jahreszeitlich passt, weil dieser legendäre Lauf immer am ersten Novemberwochenende stattfindet. Allerdings fehlte meiner Eingebung noch der Glanz, das Tüpfelchen auf dem „i“. Nicht nur mit New York wollte ich mich belohnen, Seite an Seite mit dem wichtigsten Menschen in meinem Leben – mit meiner Frau – wollte ich über die Ziellinie laufen. Die mit ihrer Zusage verbundene Traumreise nach USA ließ Ines nicht lange zögern, auch wenn ein Marathontraining für sie eine gewaltige Herausforderung darstellt. So schlüpfte aus dem Kokon eines gewagten Gedankens die fixe Idee und verpuppte sich bald zum ernsthaft verfolgten Plan ...

Vom Winde verweht

Vieles hätte unser Marathonfest in New York vereiteln können. Sportliche Unwägbarkeiten zum Beispiel – etwa eine neuerliche Verletzung –, für die bei einem ambitioniert trainierenden Läufer immer eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht. Oder irgendein unglücklicher Lebensumstand hätte eintreten können, den mir auszumalen meine Fantasie sich standhaft weigert. Am Ende reißt ein Wirbelsturm namens „Sandy“ zig New Yorker und andere Bewohner der Ostküste der USA in Tod, Chaos und Verwüstung. Und ganz nebenbei, wenngleich nicht mit solcher Dramatik und Tragweite, vernichtet er die Marathonträume von 47.000 Läufern. Die Nachricht über die Absage des Marathons erreicht uns am späten Freitagnachmittag im Hotel in New York. Dem gut gezielten Knockout folgen Stunden der Benommenheit … Das ist nur ein Bild, verdeutlicht aber ganz gut unsere Stimmung*. Doch bereits durch den ersten wilden, von eisigem Entsetzen getriebenen Gedankenwirbel – „Marathon abgesagt, das kann doch nicht sein!!?“ – schießt trotzig eine Idee: Gibt es am nächsten oder übernächsten Wochenende irgendwo im Westen der USA einen alternativen Marathon für uns?

*) Wie es uns vor und in New York erging, welche Eindrücke wir von der Situation in New York gewannen, welche zum Teil bewegenden Szenen wir beobachteten und wie mehrere tausend der angereisten Läufer am Marathonsonntag ihren Frust bekämpften, steht unter dem Titel „Sonntagmorgen im Central Park – Gedanken und Szenen rund um einen ausgefallenen Marathon“ auf unserer Laufseite.

Nach den fünf Tagen in New York planen wir eine Rundreise durch den Westen der USA. Mit dem Auto, wobei nur San Francisco als Start- und Las Vegas als Endpunkt feststehen. Noch am selben Abend finden wir zwei alternative Marathons fürs folgende Wochenende: Santa Barbara oder Malibu, beides in Kalifornien. Und bereits am nächsten Morgen melden wir uns für Santa Barbara an. Es lebe das World Wide Web!

Trotz kommt teuer zu stehen, muss aber sein ...

Ohne mit der Wimper zu zucken opfern wir noch einmal $ 140,- pro Person, um uns das gemeinsame Lauferlebnis zu „erkaufen“**. Dabei geht es mir weniger um meinen Hundersten. Nachdem der „NYM“ von einer vier Meter hohen Flutwelle in Hudson und East River gespült wurde, kann ich das Jubiläum genauso gut in Schlumpfhausen begehen – „Never mind!“. Aber mein Traum besteht aus zwei Blasen und erst eine ist geplatzt. Den Hundersten gemeinsam mit Ines zu finishen ist noch immer möglich! Noch wichtiger und meinem Gerechtigkeistsinn entsprechend: Der Trainingsaufwand für den New York Marathon forderte von Ines große Opfer, die sie mit bewundernswerter Disziplin erbrachte und nicht serienweise aus dem Ärmel schütteln kann. Sie hat exakt JETZT die Ausdauer einen Marathon durchzustehen. Es darf einfach nicht sein, dass dieser gewaltige Aufwand ohne Belohnung verpufft!

**) Ich werte die € (!) 380,- Startgebühr für New York als unverschämteste Abzocke der Laufgeschichte. Diese Auffassung ist mit entsetzlich hoher Wahrscheinlichkeit korrekt. Wichtigstes Indiz: Vom letztem Jahr zu diesem wurde der Betrag „me nothing, you nothing“ und ohne zusätzliche Gegenleistung um € 80,- erhöht! Dennoch sollten potenzielle USA-Läufer wissen, dass das Preisniveau jenseits des Atlantiks in Sachen Laufen generell sehr hoch ist. 140 Dollar kostet der Marathon in Santa Barbara, der hinsichtlich Aufwand und Gegenwert mit einer der mittelgroßen Veranstaltungen hierzulande vergleichbar ist; und die sind allesamt für unter 50 Euro zu haben.

Urlaub machen und in Form bleiben ...

... schließen sich nicht gänzlich aus, laufen jedoch diametral auseinander, wenn man erstens viele Sehenswürdigkeiten wegen knappen Zeitvorrats per Auto „abarbeiten“ möchte. Darüber hinaus sind die USA wohl so ziemlich die ungeeignetste Region, wenn es darum geht sich „laufgerecht“ zu ernähren. „Healthy Food“ ist zwar auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu haben, aber nur für Selbstverpfleger oder in Restaurants der gehobenen Preiskategorie. Beides kommt für uns nicht in Frage, so dass wir uns bis zum Tag X in Santa Barbara ungewohnt fettlastig ernähren.

Hindernis Nummer 2: Marathonausdauer halten. Ein 20-Km-Lauf am „geplatzten“ Marathonsonntag, gemeinsam mit 15.000 anderen Enttäuschten im Central Park, montags ein weiteres Läufchen, nur etwa 45 min, dafür schneller, am Hudson River und ein halbstündiges, donnerstägliches Beinevertreten in Monterey (Kalifornien), entlang der Pazifikküste, ließen sich in unseren Reiseablauf gut einbauen. Mehr und anders wäre besser gewesen. Doch gleichgültig wie man einen nach zwei Wochen Tapering abgeschlossenen Marathontrainingsplan mal eben um eine Woche streckt, die ursprünglich anvisierte Zielzeit ist danach kaum mehr zu realisieren. In unserem Fall ist das nicht weiter schlimm, weil wir ohnehin deutlich unter Ines (noch etwas deutlicher unter meinen) Möglichkeiten bleiben wollten, um N.Y. in vollen Zügen zu genießen. Statt der für N.Y. vorgesehenen 4:15 h plus X schweben mir nun ungefähr 4:30 h vor.

Laufen, was ist das?

In den verbleibenden sechs Tagen stürzt dann eine Unmenge an Erlebnissen auf uns ein (darunter auch ein paar negative). Zusätzlich „gewinnen wir im Fluge“ von der Ost- an die Westküste nach San Francisco drei weitere Stunden Tageszeit, die der Körper erst verkraften muss. Summa summarum habe ich vor dem Marathon in Santa Barbara das Gefühl für gar nichts mehr fit zu sein, am allerwenigsten für einen Marathon. Wird ausgerechnet der Hunderste der Erste sein, der vollkommen in die Hose geht?

Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben

„Free WiFi“ – eine Selbstverständlichkeit in amerikanischen Motels – macht's möglich: Allabendlich halten wir via Internet Verbindung mit der Heimat, reservieren Zimmer, planen Routen oder surfen auf die Seite des SBIM, des Santa Barbara International Marathon. Und siehe da: Allen New-York-Marathon-Geschädigten wird ein Nachlass auf die Startgebühr von 50 Dollar eingeräumt. Also schreibe ich ein Mail und hoffe auf teilweise Rückerstattung. Nein, ich bin nicht grundsätzlich naiv, habe mir aber den Glauben an das Gute im Läufer bewahrt. Das schließt auch Organisationen ein, die Läufe veranstalten. Vielleicht belehrt mich meine Kreditkartenabrechnung noch eines Besseren, doch der Kapitalismus scheint auch den Laufsport voll im Griff zu haben ...

Es ist noch dunkel ...

... als unser Wecker kurz nach fünf Uhr früh (!) die Fanfare zur bevorstehenden Schlacht ertönen lässt. Start ist um 7:30 Uhr und wir müssen den Bus-Shuttle erreichen, der uns vom zentralen Parkplatz auf dem Campus der University of California, Santa Barbara, zum Start bringen wird. Die Strecke ist als Punkt-zu-Punkt-Route ausgelegt, beginnt allerdings mit einer knapp 17 km langen Schleife, weit außerhalb von Santa Barbara. Es liegt in der Natur spontaner Entscheidungen nicht alles genau bedenken oder studieren zu können. Das gilt auch für die Attraktivität der Strecke. Ich habe höchstens den Hauch einer Ahnung, was uns erwarten könnte. Den allerdings nicht vom Streckenstudium, sondern von der Anfahrt nach Santa Barbara. Und wenn zutrifft, was ich mir insgeheim ausmale, dann sollten wir nicht allzu viel fürs Auge erhoffen.

Vieles ist anders, ...

... wenn man Marathon in USA läuft. Wie beim Santa Barbara International Marathon soll es selten bis nie Duschmöglichkeiten nach dem Lauf geben. Das mag in New York eine logistische Herausforderung darstellen, bei fast einem halben Hunderttausend Verschwitzter (andererseits bekam ich in Berlin auch meinen „Shower“ nach dem Lauf und der ist nicht viel kleiner). Doch warum geizen kleinere Läufe damit? Geht es um Schamgefühl und Anstand, die US-Amerikaner beispielsweise dazu „zwingen“ in der Sauna mit Badehose zu sitzen? Solche Prüderie mag einem ein Kopfschütteln entlocken, Ruhe und Disziplin, mit der die „Amis“ ein „Lauf-Event“ begehen, nötigen mir jedoch enormen Respekt ab. Disziplin bei der Anfahrt zum Parkplatz – kein ungeduldiges (Vor-) Drängeln, kein Hupen. Disziplin beim Warten auf den Bus – brav stellen sich alle in eine Schlange, die sich alsbald spiralig aufzurollen beginnt. Dann auch noch Disziplin beim Einsteigen, das sich, Zurückhaltung und Höflichkeit wegen, sogar um Minuten verzögert.

Wir warten etwa eine Viertelstunde, bis endlich ein Bus vorfährt, einer der aus Filmen jedem geläufigen gelb-schwarzen Schulbusse (wobei das „School-“ in „Schoolbus“ abgeklebt wurde, weil alles im „Land der unbegrenzten Reglementierung“ seine Ordnung haben muss. Schulbusse genießen im Straßenverkehr den Status heiliger Kühe und Fehlverhalten im Zusammenhang mit Schulbussen zieht hohe Bußgelder nach sich.). Dann noch einer, endlich drei. LäuferInnen steigen ein, quälend langsam, schleppend verkürzt sich die Schlange. Nein, eigentlich verkürzt sie sich nicht, noch immer strömen Teilnehmer an „Half-“ und „Fullmarathon“ vom Parkplatz herbei. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis die Blechbüchsen endlich abfahren. Ein weiterer Schwarzgelber brummt herbei, dann nichts mehr. Alle stehen und warten, schwatzen, scherzen, üben sich im Gut-Aussehen, spielen mit dem SmartPhon herum, telefonieren (Ja wirklich: Das kann man mit einem SmartPhon auch). Schon jetzt fällt mir die für europäische Verhältnisse extrem ungewöhnliche Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes auf: In etwa so viele Frauen wie Männer warten auf den Transport (und frieren sich bei ca. 5°C den Popo ab). Außerdem überwiegen jüngere LäuferInnen, darin stark vertreten die Altersgruppe U20. Da hebt einer wie ich den Altersdurchschnitt schon gewaltig. Selbst Ines muss sich wie eine Laufoma vorkommen …

Details zu meinem Hormonspiegel

Ich werde unruhig. Über 6:45 Uhr – zu diesem Zeitpunkt sollte der letzte Bus abfahren – bewegte sich der große Zeiger schon vor einigen Minuten. Noch immer stehen sich etwa 500 bis 1.000 Läufer die Beine in den Bauch. Eine Helferin – in USA heißen sie „Volunteer“ – zuckt auf mehrfaches Befragen jeweils bedauernd mit den Schultern: „I'm sorry!“ Mittlerweile ist mir klar, dass die wenigen bisher gesehenen Busse zugleich die einzigen sind, wir demnach warten müssen, bis sie vom Startareal zurückkommen. Es dauert und dauert und dauert. ‚Zu wenig Busse …’ denkt es in mir ‚ … und das bei einem Lauf, für den ich 140 Dollar hinblättern musste!?’ Dann röhrt das gelb-schwarze Ungetüm doch noch herbei und wir steigen ein –, was allerdings viiiiiiiel mehr Zeit in Anspruch nimmt als dieser Satz es ausdrücken kann. Wir fahren – endlich – und kommen an, etwa 20 Minuten vor dem Starttermin. Nach weiteren 7, 8 Minuten Fußmarsch stehen wir vor den Toiletten. Glücklicherweise sind ausreichend „mobile Einzelzellen“ verfügbar, so dass wir nicht lange warten müssen. Die Zeit wird dennoch knapp und mein Adrenalinpegel „toucht“ die Alarmstufe. Unseren Kälteschutz, den Einwegmaleroverall aus dem Baumarkt, haben wir schon vor den Toilettenboxen abgestreift (unvorstellbar wie lächerlich Läufer in sowas aussehen können :–O ). Was folgt ist längeres Erwägen, ob lang oder kurz und wie viele Schichten. Trotz der frühen Tageszeit wärmt die Sonne bereits angenehm, so dass wir letztlich auf alle langen Fetzen verzichten – glücklicherweise verzichten, wie sich später herausstellen wird.

Mitten im Um-/Auskleidestress ereilt uns dann die entspannende Durchsage, dass der Start um eine Viertelstunde verschoben wird. Also bleibt noch Zeit für ein paar Vorstartfotos für den visuellen Vorher-Nachher-Vergleich. Dann will ich den mit „Tags“ (Anhänger mit Startnummer) gekennzeichneten Rucksack in den dafür bereitstehenden Karton stecken. Der war vor fünf Minuten noch leer. Inzwischen quillt das lächerlich kleine Ding über. Mehrere legen ihren Beutel daneben, ich packe den Rucksack obenauf und hoffe auf ein Wiedersehen. Die Organisation weist unübersehbare Schwächen auf, obwohl der Lauf bereits in dritter Auflage über die Bühne geht. Aber: Anscheinend bin ich der Einzige, dem die organisatorischen Halbheiten Bedenken und Aufregung bescheren, was mir ein Blick in die Runde gut gelaunter, wahnsinnig cooler und völlig entspannter LäuferInnen beweist. Sogar Ines scheint unbeeindruckt. Beim Hundertsten immer noch aufgeregt? Ob andere das schaffen, weiß ich nicht, mir gelingt es spielend.

Endlich!

Die Stimme des Sprechers überschlägt sich fast und endlich ist es soweit. Der Schwall ohne Pause ausgestoßener Englischvokabeln bleibt unverständlich – vermutlich dieselben einpeitschenden Floskeln wie überall auf der Welt. Wir stellen uns in die Nähe der 4:25h-Pacer. Plötzlich erklingt eine Dudelsackmelodie. Die Menge verstummt, schweigt mit Andacht, lauscht der Nationalhymne. – Ins alsbald ersterbende Quäken der Dudelsackpfeifen mischen sich aufbrandender Jubel und neuerlich die hitzige Moderation aus allgegenwärtigen Lautsprechern. Und dann geht's los. Einfach so. Kein Startschuss, kein Countdown. Weiß nicht mal wodurch ausgelöst, sehe sie nur weiter vorne antraben. Egal. Endlich laufen nach all den Wirren, nach tagelangem Bangen um unseren gemeinsamen Marathon. Sicherheitshalber drücke ich die Startuhr sofort ab. Erst beim Überlaufen der unter Matten verborgenen Startlinie bin ich sicher, dass es eine Nettozeitmessung gibt. Zum Auftakt nutzen wir eine breite Straße – was sonst, in USA sind alle Straßen breit –, so bleiben die gegenseitigen Behinderungen minimal. Ich „vollführe“ Laufbewegungen, bin auf Marathonkurs, zum hundersten Mal. Nur spüre ich nichts von dem zuvor 99 Mal erlebten (Lauf-) Gefühl. Das spärliche Training der letzten Tage, Sightseeing als Hauptbeschäftigung, Ines an meiner Seite, das Fremdartige rings umher – alles ein bisschen wie im Film und Hollywood war nie näher.

I'm doing my job: Tempofindung und Fotografieren

Wir halten uns im Sog der Meute. Ein paar Meter vor uns schaukelt die kleine Tafel des 4:25h-Pacers. Die junge Frau hält ihre Zielzeit wie einen Wimpel in der Hand. Wird sie das Ding tatsächlich 26,2 Meilen weit tragen und eine Verkrüppelung, zumindest jedoch Krämpfe der Handmuskulatur riskieren? Anscheinend ist noch niemand auf die Idee gekommen, den Schrittmachern das Leben mit Ballons zu erleichtern (oder ist aus unerfindlichen Gründen in Kalifornien nicht erlaubt gasgefüllte Ballons zu benutzen!?). Nach zwei, drei, vier Kilometern „checke“ ich unsere Zwischenzeit und bin zufrieden. Wir pendeln um eine Zielzeit von etwa 4:25 h (Pacemakern traue ich schon lange nicht mehr). Das Feld hat sich bereits entzerrt, weist stellenweise große Lücken auf. Foto um Foto wandert in den Speicher meiner Kamera. Abwechselnd „Studien“ von Ines' Laufstil und der Gegend, durch die wir uns bewegen. Vor dem ersten Rechtsschwenk dominierten Plantagen von Citrusfrüchten, im Hintergrund die Gipfel der kahl wirkenden, küstennahen Bergkette. Inzwischen durchstreifen wir weniger ansehnliche, teils landwirtschaftlich oder von Gewerben (welche?) genutzte Bezirke. Manchmal bleibt mir der Sinn breitest angelegter Boulevards durch scheinbares Ödland verschlossen. Seit wir das enge Manhattan und die um einiges weniger himmelstürmende Downtown San Franciscos verließen, hat sich der Flächenfraß durch Infrastruktur potenziert. Immer wieder merkt man im Westen: Land gehört nicht zu den knappen Ressourcen.

Wär schön nicht müssen zu müssen

Immer wieder stehen Toilettenhäuschen am Straßenrand, doch offensichtlich nicht in ausreichender Zahl. Jeweils drei, vier Notdürftige stehen davor an. Man (-n) pinkelt hier nicht öffentlich – so meine Vorabinfo, die von der Realität bestätigt wird. Allerdings nicht zu hundert Prozent, denn einen sehe ich dann doch hinter einem Busch verschwinden ... Mal müssen würde hier Zeit kosten, also wär's schön nicht müssen zu müssen.

Beobachtungen

Die Umgebung beidseits in Blickrichtung enttäuscht mein Fotografenherz ärger als befürchtet. Bleibt mehr Aufmerksamkeit für mein Model. Ines von vorne, Ines vor naher Bergkette abgelichtet, nachdem ich ein paar Meter Vorsprung erlaufen hab, vielfach Ines von der Seite und immer wieder auch mit der Kamera verfolgt. Wer je versuchte einen Mitläufer fotografisch günstig in Szene zu setzen, wird wissen, dass acht von zehn „Pictures“ das „Subjekt“ in eher unvorteilhafter Haltung „einfrieren“. Meine Massenproduktion lässt dann aber doch einige „Bildkompositionen“ entstehen, auf denen sich Ines' kritisches Auge sogar selbst gefällt.

Klingt, wie frisch verliebt und damit blicklos für den Rest der Menscheit. Ist aber nicht so. Mit immer wieder aufgefrischter Verwunderung nehme ich zur Kenntnis wie niedrig der Altersdurchschnitt des Feldes ist. Weshalb sind ältere Läufer in der Minderheit? Oder positiv gefragt: Wieso lassen sich auffällig viele junge Leute von der anspruchsvollen Marathonstrecke herausfordern? Mehrfach auch die Bestätigung des geschlechtlichen Gleichgewichts: 50 % weibliche Konkurrenz! Ohne statistischen Beleg: Gerade bei den Frauen scheint mir die Altersgruppe „U30“ stark besetzt. Später werde ich als Begründung dafür scherzhaft anmerken: „Knackig und schlank halten, solange man – pardon – frau sich noch auf dem Heiratsmarkt feilbietet. Nach der Eheschließung gehört Ausdauersport zu den verzichtbaren Liebesdiensten ...***

***) Unser „Entsetzen“ wächst an den folgenden Tagen der Reise stetig, wie viele ausgeprägt fettleibige junge Frauen und Männer es in diesem Land gibt – deutlich mehr und voluminöser als bei uns. Staatsverschuldung, fehlende Jobs und weltweite Verzettelung in Scharmützeln sind beileibe nicht die einzigen Probleme dieser Nation.

US-Amerikaner sind Patrioten. Dafür hat unsere Reise bisher viele Belege gezeitigt und der Marathon macht da keine Ausnahme. Rotes Shirt mit rückenbreitem Sternenbanner, darüber der Aufdruck „The first 25.2 miles are for me, the last mile is for our Veterans“. Einige sind in dieser Aufmachung unterwegs, wie ich später noch feststellen werde. Ein Veteran ist in USA nicht einfach ein „Retired Soldier“, also ein Pensionär, sondern ein (nicht selten verwundeter, versehrter) Kriegsteilnehmer. Ich hätte nicht gedacht, dass mich aktuelle und erloschene Kriege ausgerechnet bei einer der friedvollsten Beschäftigungen überhaupt – dem zweckfreien, nicht mal wetteifernden Laufen – einholen könnten. Die USA befanden und befinden sich beinahe ständig mit irgendwem im Kriegszustand. Als Deutscher mit Geschichtsbewusstsein fühle ich mich ein bisschen mitschuldig, dass seit dem 1. Weltkrieg von diesem Kontinent aus immer wieder Truppen in alle Welt entsandt wurden; dass der einst isolationistisch geprägten Außenpolitik der USA ein immer offensivers, weltweites Militärengagement folgte. Und doch: Schmerzhaft wird mir bewusst, dass meine Heimat drauf und dran ist sich in dasselbe Fahrwasser zu navigieren ...

Schon in der Warteschlange vor den Bussen fielen mir zwei farbige Läuferinnen auf. Schwestern anscheinend, die eine über, die andere deutlich unter dreißig. Warum sie mir auffielen? Grund war nicht die Hautfarbe, auch nicht ihre hautenge Aufmachung; vielmehr die Frage, ob zwei so stämmige Damen die weite Strecke durchhalten können. Bestünde die propere Fülle ausschließlich aus Muskeln, müssten sie sich deutlicher abzeichnen. Nun treffen wir sie wieder. Die Ältere wartet ein ums andere Mal auf die Jüngere, bis die schließlich zurückfällt und die Schwester (?) ziehen lässt.

Nach mehr oder weniger langweiligen Abschnitten eine kleine Wiedergutmachung: Geschätzte zwei Kilometer links voraus glitzert der Pazifik, wenn auch nur als schmales, blaues Band. Die Ansicht ist uns nur Minuten vergönnt, dann wenden wir uns wieder landeinwärts. Urplötzlich eine Bildidee: Ines vor einem der charakteristisch lackierten Streifenwagen der „Highway Patrol“ – und weiter.

Ernährungsdetails

Das Angebot an Trink- und Essbarem an den etwa alle 3 Kilometer wiederkehrenden Verpflegungsständen ist „überschaubar“: Wasser und meist Iso, später und selten Energiegels eines örtlichen Sponsors. Nicht, dass wir mehr bräuchten. Für Ines habe ich die nötigen Gels an Bord und mir genügen ein paar Becher Iso. Allerdings bleibt weiterhin ungeklärt, wofür wir die horrende Summe von 140 Dollar bezahlt haben ...

Meilen oder Kilometer?

Die GPS-Knechte am Handgelenk erlauben uns die heimische Kilometer-Zähl-und-Denkweise beizubehalten. Dann und wann versuche ich mich im Umrechnen von Meilen in Kilometer, lasse es aber meistens sein – einfach zu mühsam. Dass nur 26 anstelle der sonst 42 Wegmarkierungen abzuarbeiten sind, empfinde ich mental als härter – ein bisschen natürlich nur, weil mich das eingeschlagene Tempo nicht grenzwertig fordert. Inzwischen habe ich – unbemerkt – die anfänglich vermisste „Selbstverständlichkeit des Laufens“ zurückgewonnen. Seitenblicke zeigen mir eine recht entspannt trabende Ines und Augenkontakte zaubern ein beruhigendes Lächeln in ihr Gesicht ...

Zeitverlust

Ein wenig drückt meine Blase seit geraumer Zeit, doch das Haltesignal zum „Water drop off“ kommt schließlich von Ines. Zwei Häuschen, vor jedem wartet bereits Kundschaft. Wir stellen uns an. Erst verschwindet Ines, Sekunden später ich in der Nachbarzelle. Als ich das typisch zuschnappende Türgeräusch vom Nachbargelass höre, rufe ich Ines zu: „Lauf los, ich hole dich ein!“ Ein gewagtes Manöver, denn kurz darauf stehe ich etwas ratlos vor der Box und frage mich: „Was, wenn ich mich geirrt habe und sie sitzt noch da drin?“ Zum Glück entdecke ich sie dann doch noch stückweit voraus und setze ihr nach.

Der Auftaktrundkurs ist komplett. Rechter Hand zieht der verlassene und beinahe vollständig aufgeräumte Startbereich vorbei. Nur das Starttor ist noch zu sehen, allerdings schon jämmerlich erschlafft, während sich ein Trupp Hilfskräfte müht Restluft aus den Kunststoffwülsten zu pressen. Es folgen etwa zwei Kilometer Wiederholung, im Wesentlichen Plantagen, mal eine Palme und immer wieder der Blick in Richtung Berge.

Wie wohnt man in Santa Barbara?

Die Frage wird zunächst in einem der Vororte – Goleta – beantwortet. Vielfach flache, hübsche Einfamilienhäuschen in Leichtbauweise (Holz?) ducken sich nebeneinander, davor gepflegte Gärten, meist ziemlich „übersichtlich“ mit Pflanzen bestückt, zuweilen aber auch mit Liebe gestaltet. Rasenflächen präsentieren sich saftig grün, im kurzen Borstenhaarschnitt und natürlich nicht von Unkraut belästigt. Bäume säumen Wohnstraßen, die ihrerseits und selbstverständlich überaus großzügig angelegt sind. Das Weekend scheint dem Kalifornier heilig. Der Marathon fand bisher und findet weiterhin unter weitgehendem Ausschluss von Öffentlichkeit statt. Die wenigen Zuschauer könnte man ohne erheblichen Zeitverlust mit Handschlag begrüßen. Dafür klatschen dann und wann Helfer Beifall, hier ein Sanitäter, dort ein weiblicher Streckenposten, sogar einer der in martialischem Schwarz auftretenden „Sheriffs“. Wenn doch Publikum, dann geht es umso engagierter zur Sache. Zum Beispiel der Mann an einer der sich jetzt häufenden Steigungen. Er bedenkt die deutsche Frau an meiner Seite mit viel Aufmerksamkeit und aufbauenden Worten. Die muss man gar nicht verstehen, Anfeuerung ist international und teilt sich im Klang der Stimme mit.

Go Germany go!

Die deutschen Farben auf unseren Trikots tragen uns durchwegs Sympathien ein. Von außen manchmal, häufiger von innen. Das begann schon vor dem Lauf, als eine Mitläuferin auf ihre Verwandtschaft in Deutschland anspielte (auf dem Weg durch den Westen der USA werden wir in den kommenden Tagen mehrmals auf Menschen treffen, deren Wurzeln in Deutschland liegen, die dort noch Verwandte haben, oder gar selbst vor noch überschaubarem Zeitraum auswanderten). Zweimal werde ich aufgefordert meine Kamera auszuhändigen, weil Mitläufer die „German Runners side by side“ ablichten möchten. Einmal von hinten (mit brauchbarer Kontur), einmal von vorne (leider verwackelt). Wiederholt fragt man nach unserer Herkunft und dem Aufdruck auf der Rückenpartie unserer Lauf-Shirts: „Ines from Germany“ steht da und „En route to #2“ (Unterwegs zu Nummer 2). Diese Zeilen haben mir vorab einiges Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe mich sogar von einem als Übersetzer arbeitenden Teilnehmer im Laufforum dabei unterstützen lassen. Mein „En route to #100“ wird dann und wann mit einiger „Ehrfurcht“ zur Kenntnis genommen. Eine Haltung, die mich natürlich freut, die ich jedoch selbst im Augenblick nicht nachempfinden kann. Zu sehr bin ich auf die Frau an meiner Seite fixiert. Eigentlich ist das IHR Marathon, ihr zweiter, nach sechs Jahren Marathonabstinenz. Einer von zweien, das hat Gewicht. Einer von hundert ist doch „nur“ einer von vielen, also nichts Besonderes. Auch die Zahl an sich, die „100“, genießt – genau besehen – eine ungerechtfertigte Sonderstellung. Hätte die Evolution (Gott? Die Vorsehung?) den Menschen zum Beispiel mit acht statt zehn Fingern ausgestattet, dann bliebe die (An-) Zahl 100 ohne jede Magie****.

****) In einem Zahlensystem zur Basis 8 würde man die Anzahl 100 mit „144“ codieren – vorausgesetzt man verwendet für die Zahlen 0 bis 7 dieselben Ziffern. „144“, da werden mir sicher alle beipflichten, klingt sehr alltäglich und überhaupt nicht nach Jubiläum ...

Gräben und Kanäle

Abwärts durch Wohngebiete. Wieder Einfamilienhäuser, Gärten, typisch amerikanische Automobile (also Pick Up oder eher voluminös) in Einfahrten parkend, nichts Besonderes. Von der Straße auf den schmalen Bürgersteig. Für das schon lange in zerrissener Formation trabende Feld ergeben sich durch die nunmehr schmale Spur keine Behinderungen. Plötzlich seitwärts weg und steil hinab, durch ein Wäldchen, an einem Graben entlang. In der Folge passieren wir ein paar Fußgängerbrücken, laufen über kombinierte Rad- und Fußwege, oft in Sichtweite von irgendwelchen Kanälen. Ob sie Wasser führen ist nicht zu sehen, weil häufig dichte Vegetation in Form von Büschen und Bäumen die Sicht verwehrt. Inzwischen bin ich von der Strecke ziemlich enttäuscht. Allein dieser „optisch ereignislose“ Abschnitt zieht sich über etwa 5, 6 Kilometer hin und schon zuvor waren Attraktionen Mangelware.

Die Krise

Ines spürt die Kilometer seit geraumer Zeit als Muskelschmerzen in den Oberschenkeln. Sie jammert dennoch nicht, äußert es nur, wenn ich frage. Die Art wie sie das sagt, lässt jedoch keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie noch ziemlich lange durchhalten wird. Bei Kilometer 15 und 24 hatte ich ihr die zweite und dritte Gelportion gereicht (die erste 10 min vor dem Start). Sie trabt gleichmäßig und hält unbeirrt unser Anfangstempo. Lediglich bei der Notdurftpause und an diversen Verpflegungsstellen verloren wir Zeit. Also alles in Ordnung? Vielleicht. Allein ihr inzwischen etwas verkniffen wirkender Gesichtsausdruck und das konsequente Schweigen passen nicht ins Bild ...

Meile 18: Ein bisschen packt mich jetzt die Panik. Ines klagt über Seitenstechen, ein paar Kilometer schon. Natürlich hat sie zunächst geschwiegen, versucht „es sich aus dem Leib zu laufen“. Seit ich es weiß, zermartere ich mir das Hirn darüber, was contra Seitenstechen empfohlen wird. Kenne es allerdings nur vom Hörensagen, hatte selbst nie Probleme damit. „Drück’ mit der Hand auf die schmerzende Stelle!“ Macht sie, fest, bis der Arm erlahmt, mehrmals … hilft aber immer nur für Sekunden. „Versuch’ tief in den Bauch zu atmen!“ Versucht sie gleichfalls, minutenlang; bringt auch nichts. Mehr fällt mir nicht ein. Mist. Mein Kopf ist voll mit Laufwissen und ausgerechnet über Seitenstechen weiß ich herzlich wenig. Ratlos laufe ich neben ihr her und bange ... Wird sie aufgeben müssen?

Lasst Blumen sprechen

Schweigend traben wir nebeneinander her. Was brächte es, alle paar Minuten ihren wehen Leib abzufragen oder anderes Zeug zu reden? Besser wird es davon nicht und wenn es einem schlecht geht, will man doch am liebsten in Ruhe gelassen werden – so jedenfalls bin ich gestrickt. Also Klappe halten! Allerdings riskiere ich durch ständiges Zu-ihr-rüberschielen ein Augenleiden. Fast ein Wunder, dass sie nicht langsamer wird. Bei Schmerzen im Unterleib ist das eigentlich zu erwarten … … … In Höhe eines von Blumen überquellenden Gartens empfange ich erste positive Signale von meiner Frau. Die Blütenpracht scheint alles Leiden aus ihrem Gesicht zu verjagen und so traue ich mich zu fragen: „Sind die Schmerzen weg?“ Die kompletten Rocky Mountains fallen mir vom Herzen als sie meine Nachfrage bejaht. „Ich sollte jetzt wohl kein Gel mehr nehmen!“ meint Ines noch und: „Ich habe Angst, dass die Schmerzen zurückkommen!“. Aber da kann ich sie beruhigen, denn immerhin so viel weiß ich: Seitenstechen entsteht durch Krämpfe des Zwerchfells als Folge der Erschütterungen beim Laufen*****. Auch wenn die Medizin die exakten Wirkungszusammenhänge noch nicht kennt, eine winzige Gelration, minimaler Mageninhalt also, lässt sich als (Mit-) Ursache sicher ausschließen.

*****) Ein zweiter Erklärungsansatz für Seitenstechen geht von einem durch vermehrte Durchblutung bei Belastung verursachten Anschwellen der Milz aus. Das Organ braucht dann mehr Platz und dehnt das den Bauchraum umschließende Bauchfell (Peritoneum), das darauf mit Schmerzen reagiert.

Nur der Verkehr auf dem Highway ist schneller

Ein toller Geniestreich des Streckenplaners: Etwa 1,5 Kilometer traben wir nun unmittelbar am stark befahrenen Highway vorbei. Das braust, rauscht, röhrt, donnert, brummt massenhaft und sechsspurig an uns vorbei. Nicht so auf unserer Route: Nur selten überholt uns jemand, dafür sammeln wir mehr und mehr Läufer ein, die sich übernommen oder einfach eine schlechte Tagesform erwischt haben. Hoffentlich registriert es Ines und schöpft Kraft daraus. Weitere Motivation: Ich setze das zwischenzeitlich unterbrochene Ines-Shooting fort. Es unterhält sie sichtlich, und so bringt sie jede meiner Aktionen dem Ziel ein paar Schritte näher. Mir gibt ihr „Flirt mit der Kamera“ die beruhigende Gewissheit, dass es ihr gut geht. Ich fürchte nicht nur eine erneute Zwerchfellattacke. Das mittlerweile anspruchsvollere Profil und die um die Mittagszeit am höchsten stehende Sonne werden sie zunehmend fordern.

Etwa 32 Kilometer liegen hinter uns. „Diese Hügel waren aber für meinen Marathon nicht vorgesehen!“ wirft Ines scherzhaft ein, als ich sie auf die vielen Buckel anspreche. Dass sich hinter der spaßigen Verpackung keine ernsthaften Bedenken verstecken, beweist ihre Reaktion am Ende einer langen Steigung: Bei einer Gruppe von Trommlern bedankt sie sich mit viel Beifall für den aufmunternden Rhythmus. Nur noch zehn Kilometer! Es müsste doch mit dem Laufteufel zugehen, wenn wir das nicht packen.

Ein Huhn auf der Straße

Am Ende der Steigung wechseln wir die Orientierung dreidimensional – im spitzen Winkel nach rechts und sachte abwärts. Die Landschaft gibt nun wieder mehr fürs Auge her. Ein markanter Höhenzug schiebt sich in unser Sichtfeld, auf dessen Rücken einsam eine mondäne Villa thront. Palmen säumen die Straße und mir wird wieder bewusst auf welchem Fleckchen Erde des Planeten wir heute laufen (dürfen). – Was ist denn das? Ein Spaßvogel im Hühnerkostüm hat sich auf der Fahrbahn postiert. Ines klatscht das Federvieh ab – vorbei und wieder ein paar Meter gewonnen.

„ROAD WORK ON – EXPECT DELAYS“

Wir haben uns nur am Rande mit der Streckenführung beschäftigt und noch oberflächlicher mit dem Profil. Dass ein paar Buckel zu überwinden sein würden, war klar. Aber eben nicht wie viele und schon gar nicht bei welcher Meile. Vom Ziel auf Meereshöhe trennen uns lediglich noch acht Kilometer. Also sollten die wesentlichen Anstiege nun hinter uns liegen!? Ein Irrtum, wie sich nach dem nächsten Abbiegen herausstellt. Vor uns erstreckt sich der längste, zugleich steilste Anstieg des ganzen Kurses. „ROAD WORK ON – EXPECT DELAYS“ – Der Hinweis von Bauarbeitern auf zwei Tafeln mit Leuchtschrift war sicher nicht auf den Marathon gemünzt, aber er passt haargenau. Auf mehr als einem Kilometer habe ich reichlich Gelegenheit meine Frau bei ihrem „Road Work“ zu bewundern. Alle äußeren Anzeichen – schweißnasse Haut, Röte im Gesicht, tiefe, höherfrequente Atemzüge und verlangsamter Schritt – sprechen eine deutliche Sprache: Ines kämpft hart gegen die Müdigkeit in ihren Beinen, läuft an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Aber sie gibt nicht klein bei, geht nicht, trabt weiter und weiter. Der Muskelprotz mit nacktem Oberkörper – seit ein paar Kilometern mal vor, dann wieder hinter uns – packt's auch nicht flotter. Ich hoffe sie bekommt es mit und schöpft Kraft daraus ... Fünf Minuten, sechs, sieben, schließlich ist es geschafft … keine sieben Kilometer bis zur Erlösung mehr.

The American way of motivation

Zwei junge, winterfest verhüllte Damen nähren Hoffnungen: „Only 2 more miles!!!!“ und „It's all downhill from here!!!!“ steht auf ihren brusthoch gehaltenen Plakaten. Auch ein paar auf einer Steinmauer lümmelnde junge Kerle wissen uns aufzumuntern: „Bad news!“ meint einer „No more hills to go!“ Ein zweiter hat uns in der richtigen Ecke dieser Welt verortet und scheint Germany in erster Linie mit leckerem Gerstensaft gleichzusetzen: „Good news for German Runners! There's beer behind the finish line!“ ruft er uns hinterher. Und eine dritte Stimme zieht deutsche den amerikanischen Biersorten offenbar vor: "But I'm sorry. It's American beer!“

Das Beste kommt zum Schluss

Tatsächlich weist die Straße nun beständig Gefälle auf und bringt uns mit einer Biegung in Sichtweite des nahen Pazifik. Entlang eines von hohen Palmen gesäumten Boulevards streben wir dem Ziel entgegen. Ich schaue in Ines' Gesicht und lese die eindeutige Botschaft: „Nichts kann mich jetzt mehr aufhalten!“. So eintönig die Route auf langen Passagen war, so attraktiv präsentiert sie sich auf den letzten drei Kilometern. Blauer Himmel, tiefblaue See, ein paar malerisch vorgelagerte Inseln, der weite Blick über die Bucht von Santa Barbara – solche Ansichten begeistern selbst noch in der harten Schlussphase eines Marathons. Wild „um mich schießend“ umkreise ich Ines. Bleibe mal zurück, zische wieder an ihr vorbei, nehme sie auch im Profil aufs Korn. Wieder waren Patrioten am Werk: Durch ein Spalier aufgepflanzter Flaggen streben wir dem Ziel entgegen. „Stars and Stripes“ in kurzen Abständen und auf mehreren hundert Metern. Ich habe es ihr vor einiger Zeit schon gesagt und könnte es nun wiederholen. Ines wirkt locker und entspannt, als hätte sie nur vier statt vierzig Kilometer in den Beinen.

Der letzte Kilometer. Es ist lange her, dass ich einen Gedanken an meinen Hundersten verschwendete und auch jetzt bringe ich eigentlich nur Interesse für Ines' Finish auf. Ich bin froh und stolz, dass unsere Ängste unbegründet waren und sie die Distanz trotz aller Widrigkeiten durchgestanden hat. Noch dreihundert Meter, kurz vorm Einlauf ins Stadion. Auch wenn die Zeit (fast) keine Rolle spielt, wird jeder verstehen, dass ich in der Schlussphase die Uhr im Auge behielt. Und nun ist es sicher, wir werden um die 4:30 h finishen und damit das erhoffte Zeitziel realisieren. Die letzten Meter erlaufen wir im Stadion, einmal links rum, dann eine scharfe Rechtskurve und auf die Tartanbahn. Unsere Hände finden sich von selbst und recken sich vor der Ziellinie hoch in den blauen, kalifornischen Himmel ...

Es ist vollbracht und wir fallen uns glücklich um den Hals. Dass wir mit 4:29:51 h sogar noch unter 4:30 h blieben, ist im Grunde bedeutungslos, versöhnt uns dennoch vollends mit der Pleite von New York. Meinem Hundersten fehlte der erträumte Glanz, der prunkvolle Rahmen, die Adelung durch das Finish im begehrtesten Marathontor der Laufwelt. Aber das ist nicht wichtig! Es war mir vergönnt das Marathonjubiläum gemeinsam mit meiner Frau zu feiern. Und noch etwas ist wirklich von Bedeutung: Ines hat, gemessen am Trainingsaufwand und vor allem den Umständen unter der sie zustande kam, eine fantastische Leistung abgeliefert.

Fazit zum Santa Barbara Marathon

Es gibt keinen Grund des Marathons wegen nach Santa Barbara zu reisen. Nicht von innerhalb der USA und schon gar nicht von jenseits der großen Teiche. Die Organisation zeigte unverständliche Schwächen und die Strecke hat nur wenig Attraktives zu bieten. Weiterer Wermutstropfen: Für die hohe Teilnahmegebühr bekommt man kläglich wenig geboten (was nicht unbedingt nur eine lokale Unverschämtheit zu sein scheint).

 

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