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Neunundneunzigmal ...     –     Einstein-Marathon Ulm 2012

Nächstes Jahr brauche ich gar nicht erst bei Wettkämpfen antreten! Es wird regnen, stürmen oder gar schneien. Jedes Mal. Kann gar nicht anders kommen, denn in diesem Jahr hielt Petrus seine Hand bei fünf Ultras, elf Marathons und zwei Halbmarathons ausnahmslos schirmend über mich. Kein Regen, meist Sonne satt – exakt wie ich es liebe. So auch heute: Azurblau der Himmel, ohne jede Trübung, überm baden-württembergischen Ulm und dem bayerischen Neu-Ulm jenseits der Donau. Malten nicht dann und wann Düsenjets ihre rasch ausfasernden Kondensstreifen in den Himmel, man könnte in knapp vier Marathonstunden glatt vergessen wie Wolken aussehen. Und doch frösteln Ines und ich ein wenig, inmitten von mehr als 6.000 Läufern. Spätsommer eben: Morgens gibt er sich eisig bis kalt, um dann binnen weniger Stunden das Zielband 20°C zu reißen.

Ines will den anstehenden Halbmarathon für ihre Verhältnisse schnell laufen und eindeutig unter zwei Stunden bleiben. Ein Testwettkampf im Rahmen ihres Marathontrainings, maßgeschneidert für eine Zielzeit von vier Stunden. Der Trainingsplan bereitet sie auf ihren zweiten Marathon vor, am 4. November in New York. Den werden wir gemeinsam – Seite an Seite – absolvieren. Es soll mein Hundertster werden und für dieses Jubiläum hatte ich zwei Herzenswünsche: Hand in Hand mit Ines finishen und das im Central Park auf der anderen Atlantikseite. Läuferisch lege ich heute den vorletzten, den 99. Stein auf diese ziemlich hohe Pyramide. Neunundneunzigmal Marathon und weiter – mal betrachte ich es nüchtern und distanziert, als zwangsläufige Folge eines immensen Trainingsaufwandes über mittlerweile 10 Jahre. Doch dann, in der Marathonspur, unterwegs zu einem weiteren Finish, etwa im letzten Drittel, spüre ich jedes Mal, wie hart es war und ist; wie viel Kraft es mich kostete und durch welchen Ozean an Leiden ich schwimmen musste. Dann dämmert auch die Erinnerung an Verletzungen und düstere Stunden herauf, an Monate schierer Verzweiflung und das „Immer-wieder-Anfangen“. In diesem Bewusstsein begegne ich meiner Leistung mit einiger Ehrfurcht und noch mehr Demut. Welch ein unverdientes Läuferglück mir vergönnt war! Warum ausgerechnet mir, einem von Millionen Freizeitläufern in diesem Land?

Ines und mich bindet dieselbe Fessel. Nicht die Ehe; das ist keine Fessel, vielmehr ein Band ausgesprochenen Glücks. Uns fesselt der unmittelbar bevorstehende Umzug und die damit einhergehenden Notwendig- und „Holprigkeiten“. Wir haben heute beide den Kopf nicht frei. Immerhin zeigt Ines unerklärliche Ansätze guter Laune, wippt im Rhythmus der eingespielten Musik, lacht mich an. Marathontraining und Wohnungswechsel – letzteres ist wichtiger, so wird der Ulm (Halb-) Marathon wohl zum schlichten „Abhaken“ missraten. Start von Block A pünktlich um 9 Uhr. „Die ambitionierten Läufer“ seien jetzt schon unterwegs kommentiert der Sprecher. Was für ein blödes Geschwätz! Als wenn die restlichen zigtausend Läufer keine „Ambitionen“ hätten, nicht auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach dem Weiter und Schneller strebten. Warum sagt er nicht die „Schnelleren“ sind jetzt auf der Strecke? – so vermiede er die Abwertung der anderen, spräche schlicht eine Tatsache aus.

Wir gehen und fallen fünfzig Meter vor der Startlinie in verhaltenen Trab. Dann gilt’s: Mal sehen, was wir heute drauf haben. Einstweilen begleite ich Ines, nicht zuletzt, weil schnelleres Laufen gar nicht möglich wäre. Die gegebene Straßenbreite kann die Menschenmenge nur mit Mühe kanalisieren. Zuckeln und Konzentration auf die Hacken des Vordermannes sind angesagt. Schlechte Bedingungen für jene, die im hinteren Bereich des Feldes rangieren und heute eine persönliche Bestzeit anstreben. Ein paar Unverbesserliche kämpfen sich im Slalom vorwärts, verschwenden Energie und provozieren Gefahrensituationen. Zu ihnen zählen auch die Pacemaker Marathon 3:44 h und HM 1:54 h. Ich entscheide mich dafür bei Ines zu bleiben, bis sich die Reihen gelichtet haben. Rechts blinkt alle paar Schritte der glatte Spiegel der aufgestauten Donau durch den Uferbewuchs. Erst nach etwa vier Kilometern entzerrt sich das Feld. Ich wünsche Ines einen guten Lauf und nehme die Beine in die Hand …

Mein aktuelles Laufgefühl lässt sich in etwa so zusammenfassen: Trotz Kaiserwetters werde ich heute keine läuferischen Großtaten vollbringen können. Dazu bin ich im Kopf, mehr noch in den Beinen, zu schlecht konditioniert. In die Marathonwoche sollte man nicht unbedingt ein Intervalltraining packen und auch keinen 15 km-Lauf drei Tage vorm Wettkampf. Beides habe ich meinen Knochen zugemutet, um Kilometer zu sammeln und in Form zu bleiben. Bis New York muss ich meine Ausdauer weitere sieben Wochen konservieren. Das Rudel um den Hasen 3:45 h liegt etwa 150 Meter in Front. Nahziel: Aufholen. Danach: Vorbei und sehen, ob ich ein paar Minuten gut machen kann.

Unvermittelt windet sich die Läuferschlange nach rechts und hält auf eine Donaubrücke zu. Drüber weg und nach kurzer Zeit, vorm gewaltig ausgedehnten, grün unauffälligen Hügel einer geschlossenen Mülldeponie, erneut rechts weg. Ab hier schlängelt sich ein Sträßchen durch landwirtschaftlich geprägtes Umland Richtung Neu-Ulm. Auwald vom nahen Fluss und Äcker in unterschiedlichen Kultivierungsphasen wechseln sich ab. Übermannshoch aufgeschossener Mais wartet noch auf den Schnitt, während sich andere Felder, längst abgeerntet und gepflügt, auf neue Saaten freuen. Die darf man in der Krume des einen oder anderen dunkelbraun herüber lugenden Feldes bereits vermuten.

Etwa vier Kilometer und etliche Überholmanöver waren nötig, um mich an die Gruppe um den Hasen 3:45 h heranzupirschen. Und nun will ich dran vorbei, was jedoch im nach wie vor dicht gestaffelten Feld nur außen, zeitweise auf unbefestigtem Randstreifen, möglich ist. Es kostet Kraft und nervt. 2006 war ich schon einmal hier. Damals gab es vom Start weg ausreichend Platz zum Laufen. Wenn ich mich richtig erinnere, starteten die Halbmarathonis damals eine Stunde vor den Marathonläufern. Die Organisation wird simpler, wenn man alle zugleich auf die Reise schickt, dafür die Bedingungen deutlich schlechter. Auch Ines wird Enge und Behinderungen nach dem Lauf reklamieren. Und das nicht nur zu Beginn, sondern gleichermaßen auf ihren finalen Kilometern …

Unter stellenweisem Beifall streifen wir einen Ortsteil von Neu-Ulm und traben auch rasch wieder hinaus, Richtung Donau. Vorbei am Golfplatz, wo gerade ein Golfer am Abschlag einer Bahn regungslos verharrt. Seine Haltung verrät „innere Versammlung“, als kalkulierte er gerade Richtung und Distanz, die der Ball nehmen muss. In seiner Rechten hält er einen Schläger mit einem wahren Monstrum von Kopf: Knubbelig dick, dunkelbraun, vermutlich aus Holz … Wir lassen den Weiler Striebelhof rechts sowie eine Fabrik (?) links liegen und tauchen alsbald im Auwald der Donau unter. Kühle umfängt mich. Für die bin ich dankbar, weil ich während der letzten halben Stunde bereits eifrig mit Schweißwischen befasst war.

Neu-Ulm: Erst ein paar hundert Meter in Donauufernähe mit hübschen Ausblicken auf den träge dahin fließenden Strom. Dann beginnt das mehrmalige Verwirrspiel „von Neu-Ulm nach Ulm und wieder zurück“. Häufig parallele Laufwege, nur durch Pylone oder Trassenband separiert. An einer Stelle, vor einer Donaubrücke, liegen ungelogen drei Laufspuren nebeneinander: Eine über die Brücke nach Ulm, eine von der Brücke kommend Richtung Neu-Ulm und eine, die unmittelbar vor der Brücke zum Ufer hin abknickt. Wie viele Marathons muss ein Mensch laufen, bis ihn Streckenplaner und Organistion nicht mehr überraschen?

Der ersten Brückenpassage folgt auf Ulmer Seite eine nicht ganz zwei Kilometer lange Schleife durch die Innenstadt. Danach bin ich sicher, dass der aktuelle Streckenverlauf gegenüber jenem von 2006 erheblich verändert wurde. Diese erste Schleife gab es damals nicht. Ebenso wenig wie den kurzen Wendeabschnitt, den wir, zurück auf Neu-Ulmer Seite, hinter uns bringen. Also nun wieder Richtung Donau und ein erstes Stück Uferpromenade unter die Füße nehmen. Ein interessantes Stück: Mit riesigen weißen Lettern hat man geografische Ziele auf den Asphalt gepinselt. Ausgedehnt wie sie sich präsentieren und meist von Mitläufern verdeckt, vermag ich sie nicht zu identifizieren. Nur einmal meine ich „Schwarzes Meer“ zu buchstabieren. Kleiner sind die Kilometerangaben, sie bezeichnen scheinbar die Luftlinie zwischen Neu-Ulm und dem jeweiligen Ort (vielleicht aber auch Flusskilometer der Donau). Um ehrlich zu sein: Schon jetzt fehlt mir die Kraft, um die für das Lesen der Wörter nötige Konzentration aufzubringen. Bereits nach etwa 15 Kilometern spüre ich die Anstrengung in allen Fasern. Ich will nicht jammern, darf aber feststellen: Auch Nummer Neunundneunzig wird mir nicht geschenkt!

Nächste Brücke: Rüber nach Ulm und neuerlich aufwärts (der Ulm Marathon weist kein markantes Profil auf, ist aber auch nicht flach). Es folgt eine zweite Innenstadtschleife, nun schon in relativer Nähe des späteren Ziels am Ulmer Münster und vorbei am einzigartigen, historischen Rathaus der Stadt. Mit seinen bemalten Fassaden bildet es einen Blickfang, der Stehen und Fotografieren erzwingt. „Hallo Udo!!“ Frank, unser Vereinstrainer, dessen Frau Petra im Feld der Halbmarathonas den dritten Platz erringen wird, hat hier Position bezogen. Abgeklatschen und weiter, bergab, Richtung Donaubrücke und Ende der zweiten Schleife auf Ulmer Seite. Die Schleife war nicht ausgedehnt und deshalb hege ich die vage Hoffnung auf oder hinter der Brücke Ines zu begegnen. Was für eine Freude, sie dann tatsächlich zu treffen. Und was für eine Beruhigung, dass sie mir über beide Backen lachend und nicht im Mindestens angestrengt wirkend entgegen rennt! Stehen, Foto, Abklatschen, weiter.

Eine Neu-Ulmer Innenstadtschleife schließt sich an, etwas mehr als ein Füllkilometer in mehr oder weniger gesichtslosen Straßenschluchten, die in meiner Erinnerung keine Spur hinterlassen. Dann sind wir zurück an der Uferpromenade und dem nun mit Abstand reizvollsten Abschnitt auf Neu-Ulmer-Seite. Am jenseitigen Ufer erkennt man das Bollwerk der einstigen Ulmer Stadtmauer, dahinter die Giebelfassaden alter Bürgerhäuser, überragt von der Glaspyramide der Stadtbibliothek und dem gewaltigen Sakralbau des Münsters (höchster Kirchturm der Welt mit 161,52 m). Und das alles unter strahlend blauem Himmel, jenseits einer aufmunternd blinkenden Donau. Fantastisch! Mehrmals unterbreche ich meinen Lauf, um herrliche Stadtansichten einzufangen. Ansichten, die heute von vielen Läufern aufgelockert werden, die bereits entlang des jenseitigen Uferwegs auszumachen sind.

Keine fünf Minuten später betrete auch ich via Fußgängerbrücke wieder baden-württembergischen Boden und trabe von nun an und für die nächsten dreieinhalb Kilometer direkt am Ufer der Donau entlang. Was mir auf diesem Weg begegnet:

Ich denke an Ines, die ich jetzt bereits im Ziel wähne und hoffe, dass sie Erfolg und Laufspaß vereinigen konnte. Ich trabe stromaufwärts, nun meinerseits erhöht und etwas weiter von der Donau entfernt. In Höhe der Weiche wenden wir uns überraschend Richtung Innenstadt, passieren ein Tor in der Stadtmauer und kurz danach, bereits mit Steigung, den Durchlass des malerischen Metzgerturms. Dann wird’s steil. Über Kopfsteinpflaster, vorbei an einem Fachwerkhaus, betreten wir zum zweiten Mal – nur aus anderer Richtung kommend – den Platz vorm Ulmer Rathaus. Nutzen ihn allerdings nur wenige Meter, wenden uns wieder Richtung Donau und schauen dann von der Krone der Stadtmauer zum Fluss hinab. Natürlich unterbreche ich meinen Lauf auch an dieser Stelle für Fotos. Ines und ich waren schon mehrmals in Ulm, den Spazierweg über die Stadtmauer haben wir dabei allerdings nie entdeckt.

Praktisch übergangslos endet die Stadt, beginnt die Natur. Links des Radweges fließt die Donau, rechts nimmt mir ein Bahndamm die Sicht. 26 Kilometer sind geschafft. Ich fühle mich auch geschafft. Alle Knochen tun mir weh. Wieso eigentlich? Und vor allem: Warum schon zu diesem frühen Zeitpunkt? Das Tempo strengt mich an und deshalb befürchte ich ein ähnlich beinhartes Finish wie vor zwei Wochen beim Fränkischen Schweiz Marathon. Schritte hinter mir werden lauter, schließlich zieht ein Läufer im weißen Trikot unaufhaltsam vorbei. Warum überholt er mich? Wurde er schneller oder ich auf den letzten Kilometern langsamer? Ich kontrolliere meine Zwischenzeiten nicht. Hab einfach keine Lust dazu. Mein Laufgefühl meint, ich hätte mich auf den letzten Kilometern etwas „hängen lassen“. Also hefte ich mich an die Fersen des Vordermanns und gebe mein Bestes. 500 Meter, ein Kilometer und es geht. Eigenartigerweise fühle ich mich sogar wieder kräftiger. Also weiter dranbleiben. Ein dritter läuft zu uns auf, überholt, wird wieder eingeholt, fällt zurück, kommt wieder heran – unser trautes Pas de deux mutiert zum „Pas de trois“.

Zwischen Kilometer 29 und 30 überqueren wir die Donau und kommen am Wasserkraftwerk Wiblingen vorbei. Noch hält mein Zwischenhoch an und ich konzentriere mich darauf das Tempo zu halten. Das wird mir speziell auf dem nächsten Kilometer nicht leicht gemacht, weil mehrmals kurze, aber heftige Steigungen zu bewältigen sind; beim Erklimmen eines Damms beispielsweise oder nach dem Unterqueren von Straßen. Wo bleibt das Kloster? Ein historischer, wie architektonischer Höhepunkt der Strecke fehlt noch: Das Kloster Wiblingen. Weitere Füllkilometer durch Wiblingen werden verbraten, bis wir schließlich die wirklich beeindruckende Klosteranlage erreichen, umlaufen und durch eines der Seitentore den großen Klosterhof betreten. Ich trabe nun zum dritten Mal über geweihte Erde und jedes Mal bot ein Wettkampf den Anlass. Zweimal tagsüber auf Marathonkurs, dann letztes Jahr als Highlight des Hundert-Kilometer-Kurses rund um Ulm, nachts gegen halb drei. Wieder sind Fotos fällig, um später meine Erinnerung auffrischen zu können.

Durch die Hauptpforte verlassen wir das Kloster und wenden uns wieder der Natur zu. Der Natur und einem ersten minutenlangen Abschnitt ausnahmsweise nicht asphaltierter Strecke. Das kostet zwar mehr Körner, ist aber wegen der Abwechslung unter den Sohlen irgendwie willkommen. Dann wieder Straße, Asphalt, irgendwo im Ulmer Umfeld, freie Strecke. Dennoch kenne ich diesen Abschnitt, hab ihn vor sechs Jahren schon einmal abgemessen, nur in umgekehrter Richtung. Und weil ich ihn kenne, fürchte ich, was uns nun wahrscheinlich droht: Ein Stück groben Kiesweges am Ufer der Iller. Tatsächlich überqueren wir die aus Richtung Allgäu heran strömende Iller wenig später und messen an ihrem Ufer die Kilometer 37 und 38 ab. Musstest du deinen Füßen schon einmal grobe Kiesel unter den Sohlen zumuten, nachdem sie dich bereits drei Stunden pflichtschuldigst über Asphalt trugen? Nein? Dann kannst du dir auch nicht vorstellen wie meine jetzt jaulen …

Die Iller mündet in die Donau. Ungefähr dort, wo sich die beiden Flüsse vereinigen, endet das Leiden der Fußsohlen, erlöst von (fast) glattem Asphalt. Aber nur die Fußsohlenfolter hört auf, die allumfassende, alles durchdringende setzt sich fort. Noch vier Kilometer. Mein Zwischenhoch ist längst in sich zusammengefallen. Seit einiger Zeit kann ich mir die für das Lauftempo erforderliche Leistung nur noch unter Einsatz wachsender Willensanstrengung abpressen. So habe ich nur noch einen Wunsch an meinen Neunundneunzigsten: Bitte sei bald zu Ende! Auch heute verschont mich die Sinnfrage nicht: Weshalb falle ich nun nicht einfach in langsamen Trab? Das kostet mich maximal fünf Minuten bis zum nahen Finish. Und dieser Zeitverlust interessiert letztlich „kein Schwein im unendlichen Universum“! Von Düsternis umflort – dieser Wortschwulst sei mir ausnahmsweise gestattet – holen mich auch die Schatten jener Nacht vor etwas mehr als Jahresfrist wieder ein, als ich ebendiesen Pfad entlang torkelte. In unerklärlicher Schwäche gefesselt, nach nur 45 von geplanten 100 Kilometern und erstmals in meinem Läuferleben ans Aufgeben denkend … Aufgeben – was für ein ekelhaftes Wort. Ich reiße mich zusammen, fixiere meine Mitläufer, hänge mich dran. Noch eine lächerliche Viertelstunde, das packe ich.

Der Rest ist Sehnen: Die Sehnsucht nach dem 39 km-Schild wird abgelöst von jener nach der Tafel mit der 40 drauf. Was ist das? Ich will jetzt über die Donau, Richtung Münster, Richtung Ziel und nicht weg von ihr und schon gar nicht aufwärts. Ach so, das ist eine Fußgängerrampe die zur Brücke führt. Also drüber, jenseits am Bahngelände entlang. Nix für die Augen, wegen schmuckloser Betonplanken links. Und nix für die Füße, weil für ein, zwei Minuten der Asphalt von feinem Schotter verdrängt wird. Rein in die Stadt, das Münster vor Augen. Wieso nach links und: ‚He! Wieso jetzt wieder stadtauswärts? Ach so nur eine Volte, um den Zugang einer Unterführung zu erreichen. Rein, durch, rauf – mit schwindender Kraft. Noch 500 Meter, durch die Fußgängerzone, zugleich eine Zone wachsenden Beifalls. Immer dichter wird das Zuschauerspalier. Dann renne ich auf den Münsterplatz durch eine Gasse von Absperrungen und dicht gedrängt stehenden Zaungästen. Wo ist das Ziel? Wahrscheinlich dort wo die Uhr steht … Nach 3:42:25 h baumelt die Finishermedaille des 99. Marathons um meinen Hals. New York kann kommen!

Ines treffe ich am Ausgang des Versorgungsbereiches. Es trifft sich gut, dass ich ziemlich kaputt bin und nach ihrer Gratulation lieber zuhöre. Sie überschüttet mich mit einem Schwall von Begeisterung und Erlebtem. Nach 1:55:13 h war sie im Ziel und es fiel ihr nicht mal besonders schwer. Letztlich hätte sie die Zeit noch um ein paar Sekunden drücken können, wäre sie nicht immer wieder im dichten Feld gebremst worden. Dennoch ist sie sehr, sehr glücklich und ich bin es auch. Nicht weil ein Mann immer glücklich sein sollte, wenn es seine Frau auch ist, sondern weil der Trainer erkennt, dass sein Plan funktioniert. Eines merken wir bei all dem eifrigen Berichten nicht: Ines hat sich heute eine neue persönliche Halbmarathon-Bestzeit erkämpft!

Fazit zur Veranstaltung

Zu viele Läufer auf zu engen Wegen. Das war am Anfang so und für Halbmarathonläufer auch gegen Ende des Laufes. Wie sich das entzerren lässt, weiß ich nicht. Es sollte jedoch keineswegs zu Lasten der Streckenwahl gehen, denn die Passagen entlang der Donau und durch die Innenstadt machen den Lauf überaus attraktiv. Das gilt ohne Einschränkung auch für die Verlängerung zur Marathondistanz.

An Abläufen, Sicherheit und Versorgung gibt es wenig auszusetzen. Einzig erwähnenswert dies: Iso sollte an jedem Verpflegungspunkt, insbesondere auch an den ersten gereicht werden. Marathonis müssen sich vom ersten Kilometer an auch mit Kohlenhydraten versorgen und eine möglichst hohe Rehydrierungsrate sicherstellen. Beides geht mit schnödem Wasser nicht.

 

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